Freiwillig

In den letzten Jahrzehnten hat Pferdeausbildung sich stark verändert. Als ich als Kind im Reitverein reiten „gelernt“ (haha) habe, da hieß es „setz dich durch!“ und das bedeutete ganz klar: wende Gewalt an bis der Gaul tut was er soll. Meine damalige Reitlehrerin hatte allerdings – bei aller Gefangenheit in dieser traditionellen Art – auch schon ein, zwei andere Ideen. „Wer Arbeit will, soll Arbeit haben“ war zum Beispiel ein beliebter Spruch bei ihr. Ein Pferd, das permanent zu schnell war oder durchgehen wollte, wurde bei ihr nicht ausgebremst, sondern musste galoppieren, so lange bis es keine Lust mehr hatte. Ein erster Denkansatz in eine andere Richtung.

Heute wollen die meisten Reiter die Dinge anders tun. Die meisten haben verstanden, dass Pferde von Natur aus nicht ständig „testen“, widersetzlich, faul oder stur sind. Sondern dass es an uns liegt, Gründe für Verhalten zu erkennen. Schmerzen, Unverständnis oder Unvermögen zum Beispiel. Und dass es an uns liegt, unser Pferd zu motivieren, dass zu tun, was wir möchten.

Die Bandbreite ist riesig. Und allzu gern verwenden Menschen, die nicht so viel Druck machen wollen, das Wort „freiwillig“. Das Pferd soll das freiwillig tun. Und viel zu selten wird hinterfragt, was das denn eigentlich genau bedeutet. Ist es „freiwillig“ wenn ein Pferd eine Verhaltensweise zeigt um einen Keks zu bekommen? Ich finde man kann an diesem Punkt lange diskutieren. Denn Futter ist ein Grundbedürfnis und selbst wenn unser Pferd genug Futter hat ist besseres Futter ein wahnsinnig starker, tief verankerter Anreiz, zu handeln. Wenn mein Pferd umgekehrt etwas tut, um Unannehmlichkeiten aller Art zu vermeiden, ist das natürlich keineswegs freiwillig. Oder doch? Denn es könnte ja auch die Unannehmlichkeiten billigend in Kauf nehmen – was im übrigen öfter passiert als manch einer denkt. Zu beobachten bei den Pferden die stets und ständig unterm Elektrozaun nach Futter angeln, bis sie eine gewischt bekommen, sich dann einmal schütteln und von vorn anfangen. Wenn der Gegenanreiz hoch genug ist (leckeres Gras), geht die Rechnung trotzdem auf. Deswegen kann man so viele verfressene Ponys nur sehr, sehr schwer davon abhalten, unterwegs alles grüne essen zu wollen was sich anbietet – sie sind bereit, harte Strafen in Kauf zu nehmen. Wenn man ihnen nicht zuvor kommt, hat man praktisch keine Chance.

Ich stelle mir und meinen Schülern aber immer eine ganz andere Frage: wieso sollte Freiwilligkeit eigentlich so wichtig sein? Ich selbst bin jemand, der unglaublich gern auf dem Sofa sitzt und dem süßen Nichtstun frönt. Wenn alles freiwillig wäre, wäre ich wohl kein sehr aktiver Mensch. Aber die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, der Zwang, mir etwas zu essen zu besorgen und die Tatsache dass meine Muskeln sich schmerzhaft verspannen wenn ich mich nicht regelmäßig bewege, bringen mich in Gang und halten mich in Schwung. Aber halt nicht mehr als nötig. Während der Yogastunde war ich gern mal diejenige, die scherzhaft gefragt hat, ob nicht längst Zeit für die Schlussmeditation sei. Und mit manchen Schülern, die gern vor Beginn der Reitstunde schon bezahlen, pflege ich den running gag, dass ich mich nach Einnahme des Geldes verabschiede ohne dafür gearbeitet zu haben.

Als Duncan gestern Abend wieder mal andeutete, er könnte den Reitplatz jetzt auch verlassen weil er ja wohl alles toll und richtig gemacht hat (stimmte ja auch) war ich erst mal wieder im Vollfrust. Mein Pony soll doch Spaß haben am gemeinsamen Tun! Als ich aber später auf Merlin saß und der ganz genau das selbe Verhalten zeigte, war meine automatische Reaktion ganz anders: nö wir sind noch nicht fertig, bisschen Sport muss schon noch sein. Thema durch. Motivation kommt manchmal erst bei der Arbeit. Duncan stand derweil die ganze Zeit am Zaun und schaute uns zu. Viel interessanter ist aber, was wenige Minuten zuvor passiert war:

Ich hatte Duncan in den Paddock gebracht, Merlin geholt und vorbereitet. Dann war ich auf den Aufsteigestein geklettert, der direkt am Wall zum Paddock hin steht. Merlin stand einige Meter weg, Duncan auf Merlins Höhe auf der anderen Seite des Walls. Ich rief Merlin – mehrmals denn er war zu der Zeit schon nicht wirklich motiviert. Plötzlich sehe ich im Halbdunkeln eine Bewegung hinter mir: Duncan war gekommen und stand nun bei mir (wenn auch mit Wall und Zaun dazwischen). ER wäre bereit gewesen, nochmal loszulegen. Und das OBWOHL er vorher nicht amüsiert war als ich ihm mitgeteilt hatte, dass wir noch nicht fertig sind. Ja, er wollte eigentlich gehen, ganz klar. Aber anscheinend war es überhaupt nicht schlimm, dass ich ihn gezwungen habe, noch weiter zu machen.

Ich finde man muss solche Dinge sehr ernst nehmen. Niemals würde ich einfach darüber hinweg gehen ohne es zu sehen, wahrzunehmen und darüber nachzudenken. Aber es will beobachtet werden und die gelegentliche Äußerung, man habe das doch nun fein gemacht und könnte doch Feierabend haben bedeutet eben nicht, dass das alles grundsätzlich keinen Spaß macht und das Pony nur gequält wird. Was es aber bedeutet ist: hier ist das Ende der Freiwilligkeit. Sagen wir: spätestens hier. Genaugenommen war es schon viel weiter vorn. Aber spätestens da, wo ich meinem Pferd sage „ich sehe, du hättest Lust aufzuhören, wir machen trotzdem noch weiter“ ist es eben nicht mehr freiwillig. Die Frage ist: ist das schlimm? Und diese Frage dürfen wir uns immer und immer und immer wieder stellen und es liegt an jedem einzelnen, eine Entscheidung zu treffen, welche Antwort er seinem Pony gibt.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 199

Mein Mädchen ist aus dem Urlaub wieder da! Letztes Jahr bin ich fast geplatzt vor Energie und habe sie ordentlich genervt. Dieses Jahr hat sie sich deswegen schon vorgestellt dass es wohl wieder genauso läuft. Aber hey ich bin ja viiiiiiiiiel erwachsener geworden! Deswegen war ich heute ganz artig beim Spaziergang. Ich hab jetzt rausgefunden wie es geht! Ich soll nicht einfach am Strick ziehen oder mein Mädchen kneifen oder zum Gras sausen – aber es gibt eine wunderbare Alternative! Weil mein Mädchen nämlich auch schlauer geworden ist, kann ich ihr jetzt erklären wann mir das zu langweilig ist mit dem nebeneinander her dackeln. Und dann machen wir kleine Übungen. Bisschen antraben, bisschen vorlaufen, mal wenden, mal etwas seitwärts und am Berg mal rückwärts den Hang hoch. Zwischendurch einen Keks wenn ich es gut gemacht habe und manchmal eine wohl verdiente Graspause. Zack – alle glücklich! Mein Mädchen war soooooo stolz auf mich und hat dem Mann die ganze Zeit erzählt wie toll ich das mache und wie erwachsen ich schon geworden bin und wie viel Spaß das macht mit mir. Der Mann guckt dann immer bisschen komisch. Ich glaube ihm wäre es recht es so zu machen wie Diego der Große: einfach geradeaus marschieren und schweigend die Landschaft und das heute sogar sehr schöne Wetter genießen. Aber so was kann mein Mädchen nur selten, sie mag immer gern reden, vor allem wenn sie mich so toll findet.

Als wir dann zu hause waren hat sie allerdings den ersten Teil ihrer Drohung wahr gemacht. Sie meinte nämlich, ich bräuchte eine Generalüberholung! Ach du Schreck! Das heißt

  • Mähne entzauseln
  • Pelz auf Läuse checken (ich hatte da ja letztes Jahr ein klitzekleines Problemchen ….)
  • Hufe raspeln
  • Schweif waschen (weil ich wieder mal Probleme mit meiner Verdauung hatte)
  • Ordnungszöpfchen flechten

Davon hat sie dann gleich mal drei Punkte abgehakt. Und ich musste still stehen und mich befummeln lassen. Und das kann ich nicht leiden. Zum Glück weiß mein Mädchen das und es gibt Trost-Kekse. Und sie war schon wieder ganz stolz weil ich das sehr tapfer und erwachsen ertragen habe. Nur wenn sie mit der Bürste durch die Mähne gegangen ist hab ich den Kopf geschüttelt um ihr zu sagen dass das einfach zu doll ziept. Hat sie dann auch verstanden und es gelassen. Läusecheck habe ich so halb bestanden und wurde sicherheitshalber nochmal eingesprüht. Und dann hat sie mir Ordnungszöpfe gemacht – gleich zwei!

Ordnungszopf! Auf der anderen Seite ist auch noch ein kleiner.

Das ist nämlich immer ein Drama mir ein Halfter oder sowas anzuziehen, weil ich ja so viel Wallehaar habe und das dann immer ganz durcheinander gerät. Und ich kann es ja nun mal nicht leiden wenn man an mir rum fummelt schon gar nicht an der Mähne! Aber ich kann es auch nicht leiden wenn das Haar nicht richtig liegt. Deswegen habe ich jetzt diese Zöpfe bekommen und wir probieren mal ob es dann leichter geht. Bin gespannt!

Euer sehr erwachsener, bezopfter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 198

Ich wünsche Euch ein gutes neues Jahr, liebe Menschen!

Mein Start war prima, wir Ponys haben das neue Jahr um 0.00 Uhr mit je einer Möhre begonnen – toll oder? Bestimmt ein gutes Omen. Nun ist es also da, das neue Jahr.

Habt Ihr Euch was vorgenommen? Mein Mädchen und ich haben keine guten Vorsätze wie „mehr Kekse ans Pony geben“ oder „immer artig sein“. Aber so ein paar Pläne und Ziele haben wir schon. Wir sind uns in einem Punkt furchtbar einig: Es wird Zeit, dass ich mein Mädchen trage. Ich finde sie soll einfach aufsteigen und los. Aber Ihr kennt ja mein Mädchen, sie sieht das ganz anders. Weil ich ja noch sooooo klein bin. Quatsch, Mädchen, dieses Jahr werde ich 4 und das ist fast erwachsen! Aber mein Mädchen sagt, erstens werde ich erst Ende August 4 und das ist noch eine ganze Weile hin und zweitens ist 4 auch nicht erwachsen. Zumindest nicht erwachsen genug um die richtig großen Ausritte zu starten. Also stellt sie sich das mal wieder in Mini-Baby-Schritten vor. Ich hab mich da ja schon fast dran gewöhnt. So ist sie eben! Ich weiß ja: sie macht das weil sie mich lieb hat. Weil sie will dass ich uralt werde und dabei ganz gesund bleibe. Trotzdem ist es halt echt langsam wie sie das macht. Na gut. Besser langsam als gar nicht!

Ansonsten möchten wir überhaupt ganz viel zusammen machen. Ich möchte vor allem Abenteuer erleben. Mein Mädchen möchte vor allem an meiner Bemuskelung arbeiten, damit ich sie dann gut und unbeschadet tragen kann. Von immer nur geradeaus durchs Flachland marschieren wird das nämlich nix, sagt sie. Und Berge sind hier ja nicht so furchtbar viele.

Aber ich glaube, mein Mädchen und ich werden uns schon einig werden und das Jahr gut rum bringen. Wir vertragen uns doch meistens und finden gute Kompromisse zwischen ihren Wünschen und meinen. Und deswegen sage ich:

Start frei für 2022!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 197

Soooo liebe Menschen, jetzt ist das Jahr zu Ende. Zumindest nach Eurem Kalender. Warum das ausgerechnet heute sein soll, erschließt sich uns Ponys nicht, aber das macht nichts: vieles von dem was Ihr tut erschließt sich uns nicht. Nicht schlimm, so lange nur die Keksrate stimmt.

Ich habe dieses Jahr wirklich allerhand erlebt! Ich war im Urlaub, leider war ich aber auch im Krankenhaus. Ich war mit meinem Spaziergehkumpel unterwegs und ganz oft mit Diego dem Großen und unseren Menschen. Ich habe gespielt und bin gewachsen, ich habe mir gelegentlich eine Schramme zugelegt aber nix ernstes. Manchmal musste ich Ekelpaste schlucken, aber zum Glück haben die Kekse deutlich überwogen.

Insgesamt war es ein sehr gutes Jahr, finde ich. Mein Mädchen und ich haben neue Dinge ausprobiert, z.B. Doppellonge, Einparken an der Aufsteigehilfe und Fast-Aufsteigen. Oder zusammen mit Merlin Freiarbeit machen. Oder die Wippe mal anders benutzen. Oder fremde Pferde ignorieren. Ganz oft fand mein Mädchen mich großartig und mutig und wunderbar. Manchmal meinte sie, ich hätte Pubertät.

Ich hab gelernt, im Roundpen zu galoppieren und Blechkisten unter Brücken zu ertragen. Und ich hab gut zugeguckt wenn die großen Ponys was gemacht haben. Muss ja wissen wie das alles geht! Und ich habe eine neue Lieblingsklamotte bekommen! In grün, versteht sich.

Ganz oft habe ich für mein Mädchen ihre Sachen getragen – ihren Winterpelz, ihre Wasserflasche oder ihr Pausenbrot. Noch öfter haben wir darum diskutiert welches Gras ich mir unterwegs schnell nehmen darf und welches nicht und warum nicht. Ich habe ihr auch einiges beigebracht.

Ach ja, es war ganz schön was los dieses Jahr!

Aber im Wesentlichen habe ich mich auf meinen Hauptberuf konzentriert: Herzensreparateur. Und mein Mädchen sagt, ich mache das sehr gut.

Was habt Ihr wohl so erlebt, liebe Menschen? Schaut Ihr heute auch zurück und denkt darüber nach was das Jahr über so los war? Ich hab ja auch schon einiges für nächstes Jahr geplant. Aber darüber schreibe ich nächstes Jahr! Also morgen….

Und jetzt, liebe Menschen, kommt gut rüber ins neue Jahr. Vielleicht mit einem großen Rutsch, vielleicht aber auch lieber ohne. Das müsst Ihr selbst entscheiden. Wir sehen uns dann in 2022!

Guten Rutsch!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Weihnachtsgeschenke

Ich habe hier schon einmal etwas über Geschenke geschrieben, an Weihnachten vor 2 Jahren. Und Duncan hat Euch ja bereits erzählt, dass er und Arnulf mir ein gemeinsames Geschenk gemacht haben (was das war bleibt vorerst noch unser kleines Geheimnis). Und auch, dass Arnulf und ich uns nichts schenken.

Geschenke sind eine merkwürdige Sache. Wenn man – wie ich – eine Theologie-Professorin zur Schwester hat, wird es übrigens noch schwieriger. Denn wenn man die fragt, was eigentlich genau ein „Geschenk“ ist, bekommt man erst mal Experten-Antwort Nummer 1: „Das kommt drauf an“. Auf die Frage, worum es beim schenken geht. Wer wem schenkt. Hat es was mit der Beziehung zueinander zu tun? Hat das Geschenk wirklich praktischen Nutzen? Ist es ein altruistisches Geschenk und gibt es so etwas überhaupt wirklich oder zieht der Schenkende eben doch immer auch einen Nutzen aus dem Schenken? Wir haben locker eine halbe Stunde im Kreise der Familie philosophiert und doch nur an der Oberfläche gekratzt.

Können Pferde überhaupt Geschenke machen und wenn ja was wäre das? Hat Duncan mir etwas „geschenkt“? Und umgekehrt: wenn ich meinem alten Merlin seine größeren Mengen an Pamps serviere, die mich größere Mengen an Geld kosten – ist das dann ein Geschenk? Oder meine Pflicht weil er so lange so viel für mich getan hat? Und wenn ich ihn eines Tages erlösen lasse – obwohl ich selbst ihn vielleicht noch ein paar Tage länger bei mir haben wollen würde: ist das dann ein Geschenk?

Und wie ist es überhaupt in dieser verrückten Welt in der wir leben, in der (in unserem Land) so ziemlich jeder so ziemlich alles hat was er braucht und will – wie und was kann man da noch schenken? Deswegen schenken wir uns in der Familie in der Regel nichts. Gelegentlich gibt es ein Geschen, wenn einer etwas entdeckt was er unbedingt passend findet für den anderen. Dieses Geschenk verpflichtet dann weder zu einem Rückgeschenk noch zur Wiederholung. So ist alles entspannter und ich kann zunehmend weniger nachvollziehen warum so viele Menschen sich so viel Stress mit Geschenken machen. Andererseits erfordert es eine offene und ehrliche Kommunikation zu dem Thema, die vielleicht nicht in jeder Familie möglich oder erwünscht ist.

Bei den Pferden rede ich gern von Geschenken, die sie mir machen. Immer dann, wenn sie Dinge tun, die ich so (noch) nicht erwartet hätte. Wenn unverhofft etwas gut klappt oder wenn in einer haarigen Situation ein Pferd sich so verhält, dass niemandem etwas passiert. Finlays letztes großes Geschenk: er hat dafür gesorgt, dass außer ihm selbst niemand verletzt wird. Dass nichts NOCH schlimmeres passiert ist. Und dass ich noch – wenn auch kurz – Abschied nehmen konnte. Solche Dinge sind in meinen Augen Geschenke, die die Pferde mir machen.

Auch Duncan hat mir schon solche Geschenke gemacht. Z.B. als ich mich bei ihm abstützen durfte, weil ich vom Laufen müde war. Aber auch in einer Situation in der er sich erschreckt hat, während ich in einer Hand den Strick und in der anderen den E-Zaun hatte. Er hat sich sehr zusammengerissen um mich nicht umzurennen in dem Moment – ich glaube er wusste, dass er jetzt nicht losspringen darf. Die Grenzen zwischen konditioniertem Verhalten, Erziehung und Geschenken sind fließend. Und ich werde nie erfahren, ob Pferde wirklich Geschenke machen in dem Sinne wie wir sie empfinden. Andererseits weiß ich bei vielen Menschen auch nicht was sie empfinden wenn sie mir etwas schenken.

So bleiben Geschenke etwas rätselhaftes – selbst nach dem Auspacken. Aber wenn es sich gut anfühlt, wenn ich mich reich beschenkt fühle und das annehmen kann ohne mich schuldig zu fühlen, dann kann mir das ja auch letztlich egal sein. Und wenn ich meinem Pony dankbar bin, wird es ihm wohl auch egal sein, ob das Verhalten als Geschenk gemeint war oder vielleicht nur reiner Zufall. Ein dankbarer Mensch ist ein angenehmer Mensch. Insofern sollten wir vielleicht viel mehr Dinge als Geschenke sehen, einfach weil es unser aller Leben schöner macht.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 196

Gestern haben mein Mädchen und der Mann Bescherung gemacht. Gegenseitig haben sie sich nix geschenkt, weil sie wunschlos glücklich sind. Aber sie haben ja so viele Naschereien von ihren Kunden bekommen und auch ein paar kleine Geschenke und alles war so liebevoll verpackt, dass sie ordentlich was auszupacken hatten. In einigen Geschenken war sogar Geld – das geht direkt in meine Spardose hat mein Mädchen gesagt! Damit ich irgendwann ein schönes, bequemes Fahrgeschirr bekomme.

Ich habe auch von einigen Menschen Kekse bekommen, aber mein Mädchen sagt, wir essen nicht alle Naschereien auf einmal – sie tut es nicht und ich darf das auch nicht. Menno.

Danke, liebe Menschen!

Später haben wir auf dem verschneiten Reitplatz ein bisschen Bodenarbeit gemacht und mein Mädchen sagt ich war wieder großartig! Außerdem haben der Mann und ich dem Mädchen noch ein kleines Weihnachtsgeschenk gemacht aber was das war wird noch nicht verraten! Das erzählen wir Euch später.

Heute lassen wir Weihnachten in Ruhe ausklingen. Ich werde endlich mal wieder gemessen und wir genießen den Sonnenschein. Alles glitzert schön verschneit und wir sind alle gut gelaunt und entspannt.

Lasst es Euch gut gehen liebe Menschen, esst Kekse und seid nett zueinander!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 195

Fröhliche Weihnachten, liebe Menschen!

Wir haben hier tatsächlich weiße Weihnachten und wir haben versucht, schöne Fotos zu machen! Aber weiß ist es eben nur untenrum, obenrum ist es neblig und so war es etwas schwierig, schöne Fotos hin zu bekommen. Ich hatte auch nicht sooooo viel Lust auf still stehen, weil ich dezent Energieüberschuss habe. Hatte gehofft, dass wir spazieren gehen! Aber mein Mädchen sagt, es ist zu rutschig. Sie hat mir aber versprochen, dass wir nachher noch in die Halle gehen und ich was machen darf.

Das Ding rutscht!
Wenigstens hat sie auch eine alberne Mütze auf!

Neulich waren wir auch in der Halle, da hat mein Mädchen gesagt ich hätte Pubertät – nur weil ich mal nachgefragt habe ob die Regeln eigentlich alle noch so sind wie sie mal waren! Das muss doch mal überprüft werden oder? Ergebnis: alles wie gehabt, mein Mädchen ist immer noch stur wie ein Maulesel. Gut, also am nächsten Tag habe ich dann wieder ganz brav mitgemacht und ihr gezeigt, dass ich mir alles genau gemerkt habe. Zack! Mädchen zufrieden. Meine Energie habe ich derweil an meinen Kumpels ausgelassen. Spielen, spielen, spielen! Aber jetzt ist es draußen so rutschig dass sogar ich mal vorsichtig bin und etwas langsamer mache. Also staut sich die Energie schon wieder an – ich hab so viel davon! Nunja wie gesagt, hoffentlich gibt es nachher noch etwas Action. Und zwar ohne Mütze und Gebimmel am Halfter. Aber mit Keksen! Versteht sich.

Feiert schön, was immer Ihr auch vorhabt.

Euer weihnachtlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Wir wünschen euch frohe Weihnachten!

(Hoch)sensibel

Hochsensibel oder hochsensitiv zu sein ist im Moment ein bisschen „in“. Wer noch nichts davon gehört hat: es gibt die Theorie dass 15-20% der Menschen Reize stärker wahrnehmen als der Rest. Ob es dafür eine „Diagnose“ und einen Stempel braucht, weiß ich nicht. Wir wissen doch wohl alle, dass Menschen unterschiedlich auf Reize reagieren. Reizverarbeitung ist individuell und während der eine gar nicht genug Menschen und bunte Lichter um sich herum haben kann, ist der andere lieber allein zu hause und genießt die Stille. Und dann kommt es natürlich auf die Art des Reizes an. Mein Mann stört sich unwahrscheinlich daran, wenn das Bild schief hängt, für mich hingegen ist das kein Problem. Aber wehe etwas ist zu laut oder Arnulf vergisst, die Werbung im Fernsehen stumm zu schalten, das kann ich nicht aushalten.

Und so geht es den Ponys logischerweise nicht anders. „It takes all sorts of people to make a world“ (frei übersetzt: es braucht unterschiedliche Arten von Menschen um eine Welt zu erschaffen). Und das gleiche gilt für die Pferdeherde: das eine Pferd, das besonders ängstlich und vorsichtig ist, hat die Umwelt immer gut im Blick und sieht Gefahren als erstes. Es kann dann die ganze Herde warnen. Das mutige Pferd, das gerne neue Gebiete erforscht, kann für die Herde neue Weidegründe finden. Ein drittes Pferd, das besonders sozial ist, hält die Herde zusammen, schlichtet Streit und erzieht die Jungtiere. Ein weiteres Pferd, das besonders stark und etwas aggressiv ist, wird die Herde nach außen verteidigen. Nur wenn sie alle zusammenarbeiten werden sie ihr bestmögliches Leben führen können. Seit ich es so betrachte, kann ich sowohl Pferde als auch Menschen viel mehr wertschätzen für das, was sie von Natur aus sind. Das eine ist nicht besser als das andere, wenn jedes seinen Platz gut einnimmt. Macht man natürlich das gelassenste, angstfreieste Pferd zum Aufpasser und trägt dem ängstlichen die Erschließung neuer Weidegründe auf, wird das vielleicht nicht so gut ausgehen.

Auch mein kleiner Ritter hat seine ganz eigene Art von Sensibilität. Und nach Finlay – dem absoluten Stoiker, den so gut wie nichts aus der Ruhe bringen konnte – ist es für mich interessant zu sehen, wie Duncan seine Sensibilität zum Ausdruck bringt. Zum Beispiel bei der Wahl des Kopfstücks, wo er ganz klar anzeigt, welches ihm behagt und welches nicht. Ein Großteil davon hat mit seiner Frisur zu tun, glaube ich. Er hasst es, wenn seine Mähne nicht richtig liegt und wenn ein Barthärchen eingeklemmt wird, hat er sehr schlechte Laune. Will ich seinen Hals unter der Mähne bürsten, muss ich sie festhalten. Wenn ich die Mähne nur auf die „falsche“ Halsseite lege, wird sie sofort zurück geschüttelt. Nur an einem Tag hat er nach dem Schlafen seine Mähne zottelig liegen lassen: als er Kolik hatte. Ich weiß also jetzt: wenn die Mähne nicht liegt, ist das Pony krank.

Dass er sich aber beim Spielen das Zahnfleisch – wieder mal – verletzt hat, scheint hingegen völlig egal zu sein. Wobei: vielleicht stimmt das so nicht. Denn solche kleine Ratscher hat er nur, wenn er gerade mitten im Pubertätsschub ist. Oder hat er nur überschüssige Energie? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist er unausgeglichen. Wenn er in sich ruht und seine Welt in Ordnung ist, kommt er auch aus dem wildesten Spiel ohne Ratscher raus.

Pferde (können) lernen, die Sensibilität des anderen einzuschätzen und zu berücksichtigen. Mein eindrucksvollstes Beispiel dafür waren unsere beiden Shettys. Früher hatten wir unsere Stute „Märchen“. Sie war eins der dickhäutigsten Ponys die mir je begegnet sind. Manchmal hatten wir den Eindruck, wenn eine Bremse auf ihr landet und versucht zu beißen, stellt sie schnell fest, dass sie da nicht durch kommt und unverrichteter Dinge wieder weg fliegen muss. Märchen konnte sich an unserer rauesten Steinwand genüsslich kratzen und hatte nachher noch nicht mal ihr Fell abgewetzt – anderen hätte das Fleisch in Fetzen vom Leib gehangen.

Dann zog Caruso bei uns ein. Und Caruso war sofort in Märchen verliebt. Leider hat sie diese Liebe lange nicht erwidert, aber schließlich hatte er doch ihr Herz erobert. Und dann wollten sie Fellkraulen machen. Nun ist Caruso aber ein wahnsinnig empfindliches Shetty. Seine Haut ist unfassbar sensibel. Märchen kam also und kraulte ihn nach Märchen-Art – so wie SIE es gern gehabt hätte dass man sie krault. Caruso ist sofort weg gerannt – viel zu doll! Erst dachte ich das klappt nie, aber nach ein paar Monaten hatten die beiden es raus: Caruso biss herzhaft in Märchen hinein und kraulte sie durch wie sie es mochte während Märchen nur zart mit der Oberlippe an ihm herum schubberte so wie es ihm angenehm war. Ich war sehr beeindruckt, dass die beiden das so hinbekommen hatten und bin seitdem einmal mehr überzeugt, dass Pferde lernen können, was Menschen weh tut und was nicht.

Auch wenn ich Duncan und Merlin spielen sehe, kann ich das beobachten. Mein kleiner Hengst, der normalerweise beim Spielen aufs Ganze geht, spielt mit dem uralten Merlin viel ruhiger und sorgt dafür, dass auch Merlin Spaß an dem Spiel hat. Wenn Merlin dann genug hat, akzeptiert Duncan das klaglos und sucht sich einen anderen Partner, mit dem er dann auch ordentlich Gas geben kann.

Wir müssen über Sensibilität nicht diskutieren. Wir müssen den anderen nicht fragen warum ihn das so stört (er wird es eh nicht erklären können). Wenn wir wissen, WAS den anderen stört und darauf Rücksicht nehmen, reicht das völlig aus. Die Ponys sagen nicht „stell dich nicht so an“ oder „was hast du denn schon wieder“. Sie akzeptieren die Empfindungen des anderen und nehmen Rücksicht darauf. Ich glaube, davon können wir eine Menge lernen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 194

Winterzeit ist Matschzeit. Ich mache mir ja gern mal eine Matschpackung. Das ist gut für die Haut! Gelegentlich rutsche ich aber auch aus und liege dann unfreiwillig im Schlamm, wenn ich Tempo, Kurvenlage und Traktion nicht korrekt berechnet habe.

Verdächtige Rutschspuren. Sogar der Zaum war futsch. Ob ich das war verrate ich nicht aber mein Mädchen meint die Wahrscheinlichkeit wäre hoch.

Damit es nicht überall matschig ist, verteilen die Menschen jetzt dieses Zeug. Das musste ich mir gleich mal anschauen! Der Haufen liegt auf dem Weg zum Reitplatz und als ich mit meinem Mädchen da lang gelaufen bin musste ich doch mal schnell schauen was das ist und ob man da nicht hochklettern kann! Mein Mädchen hat gelacht wie ich da oben stand. Ich fand es toll, aber sie meinte, ich soll mal wieder runter kommen.

Schön war das da oben!

Wir haben dann schön Doppelkeks Doppellonge gemacht. Ich bin soooooo toll rechts herum galoppiert! Mein Mädchen hat mich groß gefeiert. Ich fand, das ist jetzt gut und wir könnten Feierabend machen. Aber mein Mädchen wollte auch noch Linksgalopp! Man, man, man, Ansprüche hat sie! Linksgalopp finde ich viel schwieriger als Rechtsgalopp. Ich habe ein, zwei Mal angemerkt, dass wir auch aufhören und den Reitplatz verlassen könnten aber mein Mädchen hat gesagt, wir machen jetzt noch Linksgalopp und das wird nicht diskutiert. Na, ihr zuliebe hab ich das dann noch gemacht. Dann sind wir tatsächlich vom Reitplatz runter gegangen. Sie hinter mir her wie beim Kutsche fahren. Auf den Hof, dort einmal im Kreis, Richtungswechsel und dann …. wieder rauf auf den Reitplatz! Hä? Was soll das denn? Dann wieder runter vom Platz, das selbe Spiel nochmal. Wieder rauf auf den Platz. Dann hab ich gedacht: ist auch egal. Wenn sie meint. Und dann war plötzlich Feierabend. Ich war dezent verwirrt. Mein Mädchen sagt, darum ging es. Keine Ahnung.

Euer verwirrter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 193

Früher hatten wir Ritter ja Pagen und Knappen, die uns zur Hand gegangen sind. Ritter-Azubis quasi. Heute hat man so was nicht mehr. Heute hat man ein „Team“ sagt mein Mädchen. Und ich finde ich bin da ganz gut aufgestellt.

Also Chefin über das alles ist mein Mädchen (ich stelle das gelegentlich in Frage, aber ehrlich gesagt ist es auch toll wenn sie die Verantwortung übernimmt, da lebt es sich doch sehr bequem). Dann ist da noch der Mann, der ist zuständig dafür mit mir und meinem Mädchen spazieren zu gehen, ihr ab und zu was zu erklären und ihr überhaupt immer mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Außerdem ist er mein Herrenausstatter wenn ich ein neues Kontenhalfter brauche und mein Osteopath.

Dann ist da das Mädchen von meinem Spaziergehkumpel. Sie ist die gestrenge Fahrlehrmeisterin und ansonsten die Abenteuerbegleitung. Und sie kümmert sich wenn mein Mädchen mal nicht da ist und ich was besonderes brauche.

Das Mädchen von Gatsby – meinem Schottenkumpel – ist zuständig für die Freitagsfütterung. Dann ist auch immer Großreinemachen im Stall, die fegt noch den letzten Halm aus der hinterletzten Ecke.

Des weiteren habe ich noch eine Patin, die hauptsächlich dafür zuständig ist, mir aus der Ferne Mut zuzusprechen und mich zu bewundern. Außerdem steckt sie meinem Mädchen manchmal ein paar Taler zu, die dann in die Spardose für besondere Anschaffungen wandern.

Und dann ist da noch meine Privat-Schneiderin! Wenn mein Kopf mal wieder in Richtungen wächst in die Pferdeköpfe normalerweise nicht so extrem wachsen und deswegen nix so richtig passen will, dann gibt mein Mädchen meine Sachen zur Schneiderin und die macht mir das. So wie damals mein Halfter. Diesmal hat sie mir das Sidepull genäht. Das hat früher Finlay gehört und der hatte nicht so kräftige Ganaschen wie ich. Aber bei mir wurde es schon ganz schön knapp! Jetzt hat sie mir einen neuen Backenriemen da dran gemacht. Wunderbar! So ist alles wieder komfortabel (aber nur wenn mein Mädchen beim Anziehen gut aufpasst, dass mein Bart sich nicht vertüddelt und hinterm Ohr alles richtig sitzt – ich kann das nicht leiden wenn die Haare ziepen oder mir der Genickriemen ins Ohr drückt!).

Ganz knapp im letzten Loch hat es noch gepasst.
Jetzt ist der Riemen komfortabel lang und mein Kopf darf auch noch etwas wachsen.

Zum „erweiterten“ Team gehören dann natürlich noch mein Tierarzt und der Dentist, außerdem natürlich die eine oder andere Reitlehrerin, die mein Mädchen und mich mal unterrichtet (momentan noch ohne reiten).

So, also da habe ich doch ein gutes Team, oder? Da lässt es sich sorgenfrei leben.

Euer gut versorgter Sir Duncan Dhu of Nakel