Freiwillig

In den letzten Jahrzehnten hat Pferdeausbildung sich stark verändert. Als ich als Kind im Reitverein reiten „gelernt“ (haha) habe, da hieß es „setz dich durch!“ und das bedeutete ganz klar: wende Gewalt an bis der Gaul tut was er soll. Meine damalige Reitlehrerin hatte allerdings – bei aller Gefangenheit in dieser traditionellen Art – auch schon ein, zwei andere Ideen. „Wer Arbeit will, soll Arbeit haben“ war zum Beispiel ein beliebter Spruch bei ihr. Ein Pferd, das permanent zu schnell war oder durchgehen wollte, wurde bei ihr nicht ausgebremst, sondern musste galoppieren, so lange bis es keine Lust mehr hatte. Ein erster Denkansatz in eine andere Richtung.

Heute wollen die meisten Reiter die Dinge anders tun. Die meisten haben verstanden, dass Pferde von Natur aus nicht ständig „testen“, widersetzlich, faul oder stur sind. Sondern dass es an uns liegt, Gründe für Verhalten zu erkennen. Schmerzen, Unverständnis oder Unvermögen zum Beispiel. Und dass es an uns liegt, unser Pferd zu motivieren, dass zu tun, was wir möchten.

Die Bandbreite ist riesig. Und allzu gern verwenden Menschen, die nicht so viel Druck machen wollen, das Wort „freiwillig“. Das Pferd soll das freiwillig tun. Und viel zu selten wird hinterfragt, was das denn eigentlich genau bedeutet. Ist es „freiwillig“ wenn ein Pferd eine Verhaltensweise zeigt um einen Keks zu bekommen? Ich finde man kann an diesem Punkt lange diskutieren. Denn Futter ist ein Grundbedürfnis und selbst wenn unser Pferd genug Futter hat ist besseres Futter ein wahnsinnig starker, tief verankerter Anreiz, zu handeln. Wenn mein Pferd umgekehrt etwas tut, um Unannehmlichkeiten aller Art zu vermeiden, ist das natürlich keineswegs freiwillig. Oder doch? Denn es könnte ja auch die Unannehmlichkeiten billigend in Kauf nehmen – was im übrigen öfter passiert als manch einer denkt. Zu beobachten bei den Pferden die stets und ständig unterm Elektrozaun nach Futter angeln, bis sie eine gewischt bekommen, sich dann einmal schütteln und von vorn anfangen. Wenn der Gegenanreiz hoch genug ist (leckeres Gras), geht die Rechnung trotzdem auf. Deswegen kann man so viele verfressene Ponys nur sehr, sehr schwer davon abhalten, unterwegs alles grüne essen zu wollen was sich anbietet – sie sind bereit, harte Strafen in Kauf zu nehmen. Wenn man ihnen nicht zuvor kommt, hat man praktisch keine Chance.

Ich stelle mir und meinen Schülern aber immer eine ganz andere Frage: wieso sollte Freiwilligkeit eigentlich so wichtig sein? Ich selbst bin jemand, der unglaublich gern auf dem Sofa sitzt und dem süßen Nichtstun frönt. Wenn alles freiwillig wäre, wäre ich wohl kein sehr aktiver Mensch. Aber die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, der Zwang, mir etwas zu essen zu besorgen und die Tatsache dass meine Muskeln sich schmerzhaft verspannen wenn ich mich nicht regelmäßig bewege, bringen mich in Gang und halten mich in Schwung. Aber halt nicht mehr als nötig. Während der Yogastunde war ich gern mal diejenige, die scherzhaft gefragt hat, ob nicht längst Zeit für die Schlussmeditation sei. Und mit manchen Schülern, die gern vor Beginn der Reitstunde schon bezahlen, pflege ich den running gag, dass ich mich nach Einnahme des Geldes verabschiede ohne dafür gearbeitet zu haben.

Als Duncan gestern Abend wieder mal andeutete, er könnte den Reitplatz jetzt auch verlassen weil er ja wohl alles toll und richtig gemacht hat (stimmte ja auch) war ich erst mal wieder im Vollfrust. Mein Pony soll doch Spaß haben am gemeinsamen Tun! Als ich aber später auf Merlin saß und der ganz genau das selbe Verhalten zeigte, war meine automatische Reaktion ganz anders: nö wir sind noch nicht fertig, bisschen Sport muss schon noch sein. Thema durch. Motivation kommt manchmal erst bei der Arbeit. Duncan stand derweil die ganze Zeit am Zaun und schaute uns zu. Viel interessanter ist aber, was wenige Minuten zuvor passiert war:

Ich hatte Duncan in den Paddock gebracht, Merlin geholt und vorbereitet. Dann war ich auf den Aufsteigestein geklettert, der direkt am Wall zum Paddock hin steht. Merlin stand einige Meter weg, Duncan auf Merlins Höhe auf der anderen Seite des Walls. Ich rief Merlin – mehrmals denn er war zu der Zeit schon nicht wirklich motiviert. Plötzlich sehe ich im Halbdunkeln eine Bewegung hinter mir: Duncan war gekommen und stand nun bei mir (wenn auch mit Wall und Zaun dazwischen). ER wäre bereit gewesen, nochmal loszulegen. Und das OBWOHL er vorher nicht amüsiert war als ich ihm mitgeteilt hatte, dass wir noch nicht fertig sind. Ja, er wollte eigentlich gehen, ganz klar. Aber anscheinend war es überhaupt nicht schlimm, dass ich ihn gezwungen habe, noch weiter zu machen.

Ich finde man muss solche Dinge sehr ernst nehmen. Niemals würde ich einfach darüber hinweg gehen ohne es zu sehen, wahrzunehmen und darüber nachzudenken. Aber es will beobachtet werden und die gelegentliche Äußerung, man habe das doch nun fein gemacht und könnte doch Feierabend haben bedeutet eben nicht, dass das alles grundsätzlich keinen Spaß macht und das Pony nur gequält wird. Was es aber bedeutet ist: hier ist das Ende der Freiwilligkeit. Sagen wir: spätestens hier. Genaugenommen war es schon viel weiter vorn. Aber spätestens da, wo ich meinem Pferd sage „ich sehe, du hättest Lust aufzuhören, wir machen trotzdem noch weiter“ ist es eben nicht mehr freiwillig. Die Frage ist: ist das schlimm? Und diese Frage dürfen wir uns immer und immer und immer wieder stellen und es liegt an jedem einzelnen, eine Entscheidung zu treffen, welche Antwort er seinem Pony gibt.

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