Hervorgehoben

Wie alles begann

Warum dieser Blog „Schotten-Pony“ heißt

Sir Duncan Dhu of Nakel

Meine Liebe zum schottischen Highlandpony begann vor ungefähr 11 Jahren, als ich eine Highlandpony-Züchterin als Hufpflegekundin bekam. Damals ahnte ich noch nicht, dass das mein Leben verändern würde. Dass ich einmal Fan einer bestimmten Pferderasse werden würde, hielt ich für ausgeschlossen. Schließlich sind alle Pferde toll und alle haben ihre Vorzüge.

Das stimmt auch immer noch. Und ich habe die Rasse gefunden, die am besten zu mir passt: das Schottische Highlandpony. Einige Jahr später wurde bei dieser Züchterin mein erstes „Schotten-Pony“ Finlay geboren und Finlay wird für mich (was den Charakter angeht) vielleicht immer der Innbegriff des Highlandponys sein. Die Schotten sind ein bisschen anders als andere Ponys. Natürlich gibt es – wie auch innerhalb anderer Rassen – eine Bandbreite an verschiedenen Typen: von den sehr lieben, die sich als Therapiepferd eignen bis zu den sehr selbstbewussten, die ihre Besitzer schon mal vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Was ihnen gemeinsam ist, ist die große Menschenbezogenheit, das unbedingte Bedürfnis nach viel Beschäftigung und Abwechslung sowie der Gerechtigkeitssinn. Behandle mich fair, dann ist alles ok. Behandle mich unfair und Du zahlst den Preis. Die Schotten sind sehr ehrlich – geradeheraus, kein Blatt vor dem Mund. Und viele von ihnen sind abenteuerlustig, haben wenig Angst und erleben gern Neues.

In diesem Blog möchte ich Euch teilhaben lassen an den Geschichten, die ich mit meinem Schotten-Pony erlebe. Bald schon geht es los – ich nehme Euch mit auf eine Reise, die so gar nicht hätte stattfinden sollen, und die ich jetzt als neue Chance und neues Abenteuer sehen möchte. Abonniert am besten gleich diesen Blog, damit Ihr keine Schotten-Pony-Abenteuer verpasst! (einfach Ich freue mich jederzeit über Kommentare, Fragen und Themenwünsche.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 107

Den armen Caruso juckt es immer so am Kopf. Der hat sich schon den halben Pelz weggekratzt! Deswegen haben mein Mädchen und der Mann gestern abend eine Wellness-Einheit mit ihm gemacht. Erst hat der Mann Friseur gespielt und mit der Schere an Caruso herumgeschnippelt. Ich wollte ja helfen, aber natürlich hat man mich nicht gelassen! Wäre aber wohl besser gewesen, denn das was dabei herauskam sah wirklich sehr sehr bescheiden aus! Caruso hat aber Kekse zum Trost bekommen. Ich hätte auch gern welche genommen, aber anscheinend muss ich nicht frisiert werden und bekomme daher auch keine Kekse. Jetzt weiß ich nicht so recht, was mir lieber wäre: Kekse bekommen und dafür nachher die Frisur ruiniert oder weiterhin gut aussehen aber keine Kekse…. schwierige Wahl. Aber ich bin ja eh nicht gefragt worden. Dann hat das Mädchen eine kleine Brummmaschine gezückt und nachgearbeitet. Wahrscheinlich hat ihr Carusos Frisur auch nicht so recht gefallen. Nachher war alles ganz glatt abgeschoren. Das sieht vielleicht aus! Da konnte man erst so richtig sehen, dass schon ganz viele Haare weg sind. Also hat Caruso jetzt an manchen Stellen ganz kurze Stoppelhaare und an manchen gar keine Haare. Zum Glück ist es wenigstens nur der Kopf, sonst müsste er jetzt frieren so ganz ohne Winterpelz! Dann haben sie Caruso noch eine Lehmpackung verpasst. Soll gut sein für die Haut. Oder sie wollten damit ihre stümperhaften Frisierversuche vertuschen. Ich bin nicht sicher….

Oje…..

Auch da wollte ich gern helfen. Hat mir aber nichts eingebracht außer dass ich Lehmstippen auf die Nase bekommen habe. Jetzt sehen Caruso und ich aus wie Indianer mit Kriegsbemalung! Wir werden also zusammen eine Friedenspfeife rauchen.

Mein Mädchen meint, ich soll nicht überall meine vorwitzige Nase rein stecken. Warum nicht?

Howgh! Ich habe gesprochen.

Euer Häuptlingssohn Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 106

Neulich meinte mein Mädchen, ich wäre ja so maulig in letzter Zeit. Würde die anderen so viel nerven und sie so oft anmeckern. Jetzt hör mal gut zu, mein Mädchen! Nicht nur, dass ich gerade fleißig wachse – und zwar NUR FÜR DICH weil Du immer meinst ich sei „zu klein“ um bei den richtig coolen Sachen mitmachen zu können (was übrigens keiner von meinen Kumpels hier so sieht! Nur Du!), also nicht nur dass ich fleißig wachse, ich habe noch ein paar andere Baustellen! Da, schau! Alte Verletzung von vor Weihnachten die ich noch fertig ausheilen muss, neue Verletzung – nein ich sage Dir nicht woher ich sie habe! Nur so viel: eine Ausbildung zum Ritter ist nun mal kein Besuch im Streichelzoo! Und da unten, siehst Du das? Da arbeite ich am nächsten Wackelzahn!

Weißt Du wie anstrengend das alles ist? So und jetzt kommst Du und sagst ich sei „maulig“! Lass Du mich bloß in Ruhe mit dem Kram. Ich geht jetzt Diego in den Po kneifen.

Euer mauliger Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 105

Manchmal bin ich meinem großen Bruder doch ähnlich, sagt mein Mädchen. Mein großer Bruder, das ist Finlay. Mein Bruder auf der anderen Seite der Regenbogenbrücke. Der von dem ich den Fahrzaum geerbt habe und von dem ich wahrscheinlich noch mehr gebrauchte Klamotten werde auftragen müssen (Ihr wisst ja, als kleiner Bruder kriegt man nie was eigenes neues!). Jedenfalls war ich abends mit Merlin und Caruso zusammen am Extra-Heu schmausen. Und ganz unten in der Schubkarre, da liegen immer die Grassamen, die aus dem Heu fallen. Die liebe ich! Wenn mein Mädchen die Schubkarre mit raus nehmen will, weise ich sie immer darauf hin, dass das leckerste noch drin ist und dass sie die Karre mal schön da lassen soll bis ich das weggemuffelt habe! Manchmal holt sie mir das dann alles da raus und nimmt die leere Schubkarre mit. Manchmal lässt sie auch die Schubkarre stehen bis ich fertig bin. Und sie hat mir erzählt, dass mein großer Bruder mal in die Schubkarre rein geklettert ist, weil er fand, dass man dann leichter an das leckere Essen kommt. Da hab ich mir gedacht: das probiere ich auch mal aus! Habe einen Vorderhuf in die Karre gestellt. War bisschen rutschig, aber egal. Mein Mädchen meinte, ich sollte das nicht tun. Ich fand es aber gut und hab den zweiten Vorderhuf auch noch rein gestellt. Leider ist mein Mädchen aber nicht mehr ganz so entspannt wie zu der Zeit als mein Bruder das gemacht hat. Den hat sie erst fotografiert bevor sie ihn raus bugsiert hat. Bei mir hatte sie die Nerven nicht, sie wollte mich sofort wieder da raus haben. Hat wieder Angst gehabt, dass ich mir weh tun könnte. Ach Mädchen…. Naja sie hat mir dann da raus geholfen. Meint sie. Ich hätte das ja auch allein gekonnt. Aber weil ich mir so lieb hab helfen lassen gab es nachher einen Keks. Na gut.

Weil es von mir kein Foto gibt zeige ich Euch das von meinem großen Bruder. Der war da auch so im selben Alter wie ich jetzt.

Finlay scheint ein cooler Typ gewesen zu sein. Schade dass ich ihn nicht persönlich kennengelernt habe.

Mein Mädchen sagt, das scheint das Quatschmach-Alter zu sein. Ich weiß nicht, was daran Quatsch sein soll! Auf die Wippe und den Steg und die Wackelkiste soll ich doch auch rauf! Da heißt es, es ist gut für mein Körpergefühl und so. Aber bei der Schubkarre ist es plötzlich Quatsch. Hmmmmmm das ergibt keinen Sinn, mein Mädchen.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Chaos und tanzende Sterne

Von Nietzsche gibt es das Zitat „man muss noch Chaos in sich haben um einen tanzenden Stern gebären zu können“. Was auch immer er damit genau gemeint haben mag, ich kenne Nietzsche weiter nicht. Aber ich kann den Satz ja zum Glück so verwenden wie ich mag – ungeachtet dessen was Nietzsche gedacht hat. Vielleicht wird er sich im Grabe umdrehen, aber es interessiert mich ehrlich gesagt nicht – dann liegt er eben nachher andersrum…. .

Das berühmte Zitat hing lange als Poster im Zimmer meiner Schwester. Und das fand ich immer etwas merkwürdig, denn meine super organisierte, wahnsinnig ordentliche Schwester ist für mich immer der Inbegriff des Nicht-Chaos. Chaos, dafür bin ich zuständig. Schon immer gewesen. Liegt wohl in meiner Natur. Aus dem Chaos tanzende Sterne zu kreieren kommt mir daher viel mehr wie mein Job vor als wie der meiner Schwester. Chaos zu erzeugen gilt in unserer Gesellschaft meist als Schwäche. Aber ich habe eine Stärke darin entdeckt. Denn tatsächlich erlebe ich, dass sich oft „tanzende Sterne“ im Chaos bilden.

Und so mache ich das inzwischen auch in der Pferdeausbildung. Ich traue mich, etwas Chaos zu erzeugen. Ich traue mich, Pferd und Mensch vor unlösbare Probleme zu stellen und dann herumzuspielen mit möglichen Lösungswegen. Oft kommt dabei etwas tolles raus, ein schöner Ansatz, eine gute Idee. Ich brauche keinen Trainingsplan, ich brauche kreative Freiheit. Und Duncan ist zum Glück damit einverstanden. Es gibt ja auch Pferde, die das nicht sind. Ich kenne ein paar, die vertragen das nicht. Die brauchen immer gleiche Abläufe, ganz regelmäßige Übungsschemata und vorhersehbares Verhalten. Wenn ich Menschen mit solchen Pferden unterrichte bin ich insgeheim froh, dass das nicht mein Pferd ist. Es würde mich sehr anstrengen.

Ich hatte also wieder mal Glück mit meinem kleinen Ritter. Denn der kann das, was ich so faszinierend finde: aus dem Chaos etwas tolles entwickeln. Mitten im Chaos, wenn ich denke, wir haben uns gerade total verzettelt, fällt bei ihm plötzlich der Groschen. Oder er fällt am nächsten Tag. Er sucht nach den kleinen Augenblicken in all dem Hin und Her, in denen es passt. Und wenn er sie gefunden hat, markiert er sie auf seinem kleinen Klemmbrett und am nächsten Tag sagt er: „schau, so war das doch, oder?“ Ja, so war das, mein wunderbares, kluges Pony.

Am Steg haben wir geübt, rauf und runter zu treten. Er sollte eigentlich mit den Vorderhufen auf dem Steg bleiben und mit den Hinterhufen rauf und runter gehen und zwar gerade. Aber das wusste er natürlich anfangs nicht. Ich hab ihn einfach machen lassen. Da wurde gedreht und mit den Vorderhufen gehampelt und nach vorn und zurück geschossen ohne Rücksicht auf Verluste. Und als wir fertig waren, dachte ich „oh, das war aber SEHR chaotisch. Das werden wir noch üben müssen“. Nö. Denn beim nächsten Mal konnte er es. Er wusste, welches von den 2893649 Angeboten die er mir gemacht hat, das war, was ich wollte. Trotz völliger Überdrehtheit war ihm klar geworden, was mein Ziel war. Und das beruhigt mich doppelt, denn es bedeutet auch, dass sein Stresslevel noch niedrig genug war, um zu lernen.

Chaos bedeutet für mich eine große Auswahl an Möglichkeiten. Ein offenes Spielfeld, die Freiheit, auszuprobieren. Fast ohne Regeln, einfach mal drauf los und schauen was passiert. Finlay hat das auch gern so gemacht und ich habe von ihm gelernt, da noch mutiger zu sein. Dem Pferd zuzumuten, dass alles durcheinander purzelt. Ein Pferd, das den entsprechenden Charakter und eine gute Lebensgeschichte hat, kann dann in dem Chaos ausprobieren und es kann sich selbst zeigen. Was sind seine Präferenzen, wenn man es mal machen lässt? Was fällt ihm leicht, auf welche Idee kommt es zuerst und auf welche vielleicht nie? Danach kann man dann planen, was man damit anfängt.

Chaos kann natürlich auch bedeuten, dass es mal etwas rauer und ungeschickter zur Sache geht. Dass der Mensch kurzfristig deutlicher wird, um sich zu schützen, wenn das Pferd im Überschwang in einen rein laufen will zum Beispiel. Oder dass der Mensch seine Körpersprache komplett vergisst und total widersprüchliche Kommandos gibt. Dass das Pferd plötzlich ohne Anleitung da steht, weil der Mensch den Überblick verloren hat. Was passiert dann? Das zu wissen ist gut. Im spielerischen Chaos können wir auch üben für einen Moment in dem vielleicht mal wirklich Chaos ist. Das Pferd kann ausprobieren, welche Möglichkeiten es gibt und welche Lösungsansätze es wert sind, sie auszuprobieren.

Und wenn es gut läuft, können Mensch und Pferd aus dem Chaos einen tanzenden Stern erschaffen. Ich habe keine Ahnung was Nietzsche sich darunter vorgestellt hat. Ich stelle mir für meine Zwecke diese wunderbare, liebevolle Beziehung vor, in der beide ihre Persönlichkeit zum Ausdruck bringen und gemeinsam etwas (er)schaffen können. Jene Beziehung zwischen Pferd und Mensch, in der die Augen von beiden leuchten wie Sterne und beide Körper mit Leichtigkeit miteinander tanzen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 104

Heute habe ich mal ausgiebig mit Diego dem Großen gespielt. Alles was ging. Vor allem Popo-Kneifen. Ich bin besser geworden darin und kann Diego jetzt so richtig nerven damit. Dann haut er nach mir aus und quietscht dabei so lustig, weil er mich einfach nicht los wird! Natürlich haut er mich nicht wirklich. Ich beiße ihn ja auch nicht wirklich. Also nicht wirklich doll…. Mein Mädchen hatte zwischendurch Angst dass ich es übertreibe und Diego doch noch richtig sauer wird und mir wirklich auf die Nase haut. Aber ich bin doch nicht blöd, ich weiß genau, wo die Grenze ist. Und Diego mag mich viel zu gern um mir weh zu tun. Also entspann Dich mal, Mädchen, wir haben das im Griff! Sie macht sich immer viel zu viele Sorgen.

Das ist die harmlose Szene. Stellt´s Euch einfach etwas hartnäckiger vor mit mehr Popo-Kneifen meinerseits und mehr Action auf Diegos Seite.

Nach dem Spielen sind wir zusammen „staubsaugen“ gegangen. So nennen wir das, wenn wir die Frühstücksreste zusammenklauben. Da hat mein Mädchen gesehen dass wir immer noch allerbesteste Freunde sind und da gar nichts ernst gemeint war in dem schönen Spiel und sie war beruhigt.

Nach dem Spielen noch bisschen staubsaugen.

Dann erstmal ein Nickerchen und danach habe ich Merlin und Diego zugesehen wie sie auf dem Reitplatz „gearbeitet“ haben. Von wegen. Die machen paar Sekunden Show und dann bekommen sie auch schon einen Keks und eine Pause und die Menschen sagen ihnen wie toll sie sind. Tssssss….

Dann kam mein Mädchen mit einer neuen Idee für mich um die Ecke. Wir sind in den Roundpen gegangen, da wo ich mit Diego vorher so schön gespielt habe, und sie hat mir erklärt dass ich gaaaaaaaaanz außenrum gehen soll. Hm. Ich wollte ja immer gern nah bei ihr bleiben – muss doch die Kekse im Blick behalten! Aber sie meinte ich soll den Kreis mal größer machen das wäre wichtig für später, wenn wir das mal schneller machen wollen. Aber ich kann auch im kleinen Kreis total schnell, hast Du doch gesehen, Mädchen! Nein, sie meint ich soll raus gehen. Dafür gabs draußen dann auch Kekse. Naaaaaaaa gut.

Gerade eben kam sie dann noch mit dem Mann und der Wasserwaage. Weil nämlich der zweite Sonntag im Monat ist und also Messtag. Sie waren sich so sicher, dass ich gewachsen bin! Aber die Wand hat gesagt: alles beim alten. Seit August ist da keine neue Linie gemalt worden. Weil ich nicht gewachsen bin.  Ich hab eben einfach wichtigeres zu tun! Mein Mädchen hat gelacht und gesagt, es käme sowieso nur auf die innere Größe an. Ah, ich sehe, sie macht Fortschritte! Langsam kapiert sie es. Innere Größe kann ich nämlich.

Euer (innerlich) großer Sir Duncan Dhu of Nakel.

Wissen, können, wollen

Ich stehe auf dem Platz und schaue meiner Schülerin und ihrem Pferd beim Üben zu. Plötzlich muss ich grinsen. Wir haben noch nichts geübt, was von außen so aussieht als würde es ihr eigentliches Problem lösen. Sie kam nämlich zu mir um bei der Bodenarbeit mehr auf Distanz gehen zu können. Ihr Pferd möchte immer ganz nah bei ihr sein und tritt ihr dabei lieber fast auf den Fuß als selbständiger und etwas weiter weg zu sein. Nun bin ich ja pragmatisch: Gerte nehmen und das Pferd auf Abstand halten, dann im richtigen Moment belohnen und – zack – Problem gelöst. Aber diese Schülerin möchte das nicht. Sie arbeitet mit positiver Verstärkung, sie möchte möglichst überhaupt keinen Druck machen. Also finden wir andere Wege. Und das, was ich durchaus auch jeder anderen Schülerin erzählt hätte, gewinnt nun mehr Bedeutung. Das ist gut für mich, denn die Prioritäten verschieben sich und ich lerne unglaublich viel wenn ich mir neue Wege ausdenken muss (hoffentlich verlangt sie nicht nächstes Mal Geld von mir!)

Ich habe mir also das Treiben der beiden angeschaut und beobachtet, dass ihr Pferd große Probleme mit dem Gleichgewicht hat. Das klingt ja immer ein bisschen verrückt, schließlich hat so ein Pferd an jeder Ecke ein Bein und das sollte doch völlig ausreichen. Tut es ja auch – bis der Mensch ins Spiel kommt.

Bei Duncan kann ich das nun schön noch einmal von vorne beobachten: im Laufe der ersten Lebensjahre, gerade auch wenn der Körper sich durch Wachstum ständig verändert, müssen die Pferde immer wieder neu ausprobieren, wie es geht. Duncan lotet – wie es sich für einen kleinen Hengst gehört – vor allem auch mal die Grenzen des Machbaren aus: wie hoch kann ich steigen, bevor ich umfalle? Wie schnell kann ich um die Kurve sausen bevor es mir die Füße wegzieht? Wie muss ich mein Verhalten an die Bodenverhältnisse anpassen damit mir nicht vier Füße in vier verschiedene Richtungen wegrutschen? Lernen durch Erfahrung. Mir wird regelmäßig ein bisschen schlecht, wenn ich ihn dabei beobachte, aber obwohl mein Gefühl schreit „du musst das verhindern, der wird sich verletzen!“ weiß mein Kopf: es geht eben nur so. Um es mit den Worten meines Schwagers über seine Kinder zu sagen „wenn die nie irgendwo hochklettern wissen sie nachher nicht wie tief man da runter fällt“. Körpererfahrung ist durch nichts zu ersetzen.

Wenn so ein Pferd dann aber ausgewachsen ist und seine Bewegungsmuster und Erfahrungen hat, dann tut sich da oft nicht mehr so viel. Und dann kommt der Mensch. Und möchte Einfluss nehmen – so oder so. Schneller oder langsamer, rechtsrum oder linksrum, eleganter, über den Sprung und das alles mit so einem „Rucksack“ auf dem Rücken oder einem „Körpersprachlegasteniker“ an der Seite. Denn mal ehrlich: Menschen die ihren Körper so im Griff haben, dass sie dem Pferd wirklich HELFEN können sind rar gesät. Meistens sind wir eher ein Störfaktor.

Nun sind die meisten Pferde bereit, eine Menge für uns zu tun. Sie geben sich wirklich Mühe und deswegen finden sie Wege, das zu tun, was wir möchten. Diese Wege sind aber nicht immer gut fürs Pferd. Viele finden heraus, wie sie uns tragen und ausbalancieren können, wissen aber nicht, dass sie sich selbst damit sehr schaden, wenn sie nicht die richtige Muskulatur einsetzen. Und gerade der „Klassiker“ in der Bodenarbeit, das longieren, endet oft darin, dass das Pferd zwar im Kreis um den Menschen herum läuft, aber dabei eher zentrifugiert als gymnastiziert wird.

Warum ist das so? Jeder, der mal mit einem kleinen Kind oder seiner alten Oma spazieren gegangen ist, erinnert sich vielleicht, wie anstrengend das ist. Da ist jemand, der ein ganz anderes Tempo, einen ganz anderen Rhythmus hat als man selbst. Schon mit jemandem zu gehen, der ein kleines bisschen schneller oder langsamer ist, kann einen raus bringen. Nicht selten sind wir danach total verspannt. Auch geistig kann es einen schnell an den Rand der Verzweiflung bringen.

Wirklich synchron zu sein, sich genau passend zum anderen zu bewegen ist eine große Kunst. Und wunderschön anzusehen, falls Ihr Lust auf ein schönes Video habt.

Und so sehr wir auch denken, dass wir dem Pferd „nur“ sagen müssen was es machen soll: ich glaube das stimmt nicht. Ich glaube, auch wenn wir „nur“ in der Mitte stehen und unser Pferd um uns herum läuft, wird es eine Art Synchronisation suchen mit uns. Das ist seine Natur. Es wird versuchen, sich an uns anzupassen. Das ist verdammt schwer. Und da kommt dann das Gleichgewicht ins Spiel.

Und so stehen meine Schülerin und ihr Pferd auf dem Platz und üben, zunächst direkt nebeneinander, dass das Pferd auf Kommando sein Gewicht von der einen Schulter mehr auf die andere bringt. Dass es sich langsamer und schneller bewegen kann im Gleichklang mit dem Menschen. Dass es seine eigene Körperbalance wieder findet ohne den Kontakt zum Menschen zu verlieren. Und ich stehe daneben und staune, wie schwer das eigentlich ist.

Eine der magischen Fragen in der Pferdeausbildung ist ja immer die: warum macht das Pferd das nicht? Weil es nicht weiß, was es tun soll. Oder weil es das, was es tun soll, nicht kann. Oder weil es nicht will. Und das ist dann eben die Frage. Mit einem jungen Pferd hat man da einen gewissen Vorteil, denn erst mal kann man ja davon ausgehen, dass das Pferd einfach nie weiß, was es tun soll. Aber später wird es komplizierter. Und je länger ich Pferde ausbilde, desto öfter finde ich ein „das Pferd kann das nicht“ wo ich früher auf eine der beiden anderen Optionen getippt hätte.

Ich habe noch eine ganze Menge zu dem Thema zu sagen, aber das wird hier zu lang. Also komme ich später darauf zurück. Bis dahin beschäftige ich mich und meinen kleinen Ritter mit einfachen Körpergefühls-Übungen. Wippen. Stufentraining. Über die Matraze laufen. Mit Stangen spielen. Er wird Euch darüber berichten.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 103

In Urlaub war sie. Ohne mich. Na toll. Und ich hab Langeweile geschoben. Klar, das Mädchen vom Spaziergehkumpel ist jeden Tag gekommen und hat mir die Schnute eingeschmiert. Aber ich bin ja so fürchterlich artig, dass es dazu noch nicht mal ein Halfter braucht. Dauert 5 Minuten und das auch nur weil sie so nett war mit mir vorher und nachher zu „üben“ (ich weiß doch wie das geht aber fürs Üben gibt es noch Kekse). Dann war sie wieder weg. Und ich hatte Langeweile. Habe meine Kumpels geärgert, immer reihum. Mit Gatsby bisschen rennen, mit Caruso bisschen boxen, mit Diego bisschen Popokneifen, mit Merlin bisschen drehen. Dann wieder zu Gatsby. Und es ist so rutschig, es ist mehr Geschlitter als Spielen. Wobei das den Spaßfaktor ja auch erhöht, wenn man Gefahr läuft, auf die Nase zu fallen!

Der Bremsweg ist zur Zeit etwas länger. Zum Glück habe ich Allhuf- Antrieb also vorwärts geht gut! Und wer bremst hat Angst!

Dann war mein Mädchen wieder da! Erst habe ich das gar nicht so richtig glauben können. Merlin auch nicht. Ich hab ein bisschen mit ihr gekuschelt, aber Merlin hat sie gar nicht richtig angeschaut. Der war muksch mit ihr, glaube ich. Aber als sie am nächsten Morgen im Stall aufgetaucht ist und alles wieder so war wie es sich gehört, da haben wir uns beide doll gefreut. Und ich habe ihr dann beim Absammeln erzählt, wie furchtbar langweilig mir ist! Sie hat gelacht und gesagt, ich darf nicht gegen das Knatterpferd treten und ich darf auch nicht an den vielen Hebeln herumspielen aber sie würde nachher mit mir spazierengehen. Dann ist sie weggegangen. Ich weiß aber, wenn sie aus dem Fenster schaut! Also habe ich eine kleine Showeinlage gemacht. Damit sie sieht, WIE langweilig mir ist! Diego fand es nur so halb lustig. Ich hatte erst schön mit ihm gespielt aber als ich ihn einmal zu oft in den Po gekniffen habe, wurde er etwas sauer….. bin dann also lieber noch allein eine Runde gerannt.

Zum Glück hat mein Mädchen die Botschaft verstanden und kam dann zum Spazierengehen. In der ersten halben Stunde meinte sie, ich sei furchtbar nervig, aber das sei ja zu erwarten gewesen. Was denn? Ich wollte nur etwas schneller! Und zwischendurch Gras naschen! Und sie kneifen! Und schneller laufen! Und wieder naschen und dann wieder kneifen! Aber sie….. immer soll ich anständig sein. Seufz. Naja, später ging es mir dann schon etwas besser und dann kann ich auch besser anständig sein. Dann freut mein Mädchen sich immer.

Und später am Abend haben wir dann sogar noch gewippt! Und natürlich hab ich das großartig gemacht. Ehrensache. Jetzt ist sie also wieder da und ich werde auf entsprechende Unterhaltung bestehen. Und nicht dass sie mir nochmal in Urlaub fährt! Ist ja nicht zum aushalten!

Euer energiegeladener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 102

So, liebe Menschen, neues Jahr, neues Glück! Habt Ihr Vorsätze fürs neue Jahr? Mein Mädchen ja leider nicht. Dabei hätte ich da so ein zwei Vorschläge für sie gehabt…

…. aber naja. Ich selbst habe mir einiges vorgenommen für das Jahr 2021!

Mein Mädchen meint, ich soll mal vor allem ganz viel wachsen. Ich finde das aber gar nicht so wichtig. Ich möchte vor allem raus! Abenteuer erleben. Deswegen werden wir auch einen zweiten Hundertmeiler bestreiten. Diesmal sollen ja nur die Kilometer zählen, die wir an der Kutsche schaffen – mein Spaziergehkumpel vorn und ich hinten.

Außerdem möchte ich mein Mädchen dazu bringen, mehr mit mir zu unternehmen. Öfter spazierengehen, länger spazierengehen, ganz viel wippen und sonst auch ein paar lustige Sachen machen. Soll sie sich mal was einfallen lassen!

Dann möchte ich natürlich auf jeden Fall die Keksrate steigern! Da geht doch noch was! Ich habe mir überlegt, dass ich nicht nur einfach artig bin, sondern spektakulär viele neue Dinge lerne und dafür unendlich viele Kekse bekomme bis mein Bauch ganz rund wird! Und dann klappt es vielleicht auch mit dem Wachsen. Wenn ich Lust hab.

Ansonsten werde ich mich als Fitnesstrainer für alle betätigen: Für Diego den Großen, Gatsby, Caruso und Merlin, für meinen Spaziergehkumpel, für mein Mädchen und den Mann. Da habe ich gut zu tun!

Natürlich werde ich auch weiter fleißig für Euch Tagebuch schreiben. Und mein Wallehaar soll auch noch länger werden.

Uff, das wird ein Jahr, so viel zu tun!

Euer schwer beschäftigter Sir Duncan Dhu of Nakel

Puzzleteile

1000 Teile liegen vor uns. Da muss man schon ein bisschen verrückt sein. Und die sixtinische Kapelle hat es in sich: die großen Strukturen kommen alle mehrfach vor, 8 Bögen, 8 blaue Fenster, 8 dreieckige Friese. Es gibt kein oben und kein unten. Jedes Teil sieht anders aus und doch sehen sie sich unheimlich ähnlich.

Natürlich fängt man mit dem Rahmen an. Danach suchen wir Strukturen, an denen wir uns entlanghangeln können. Und ich denke an mein Pony. So ein Rahmen, der ist schnell gebaut. In den vergangenen 15 Monaten haben wir einen Rahmen für unser Zusammensein geschaffen: Dinge, die man niemals tut und Dinge, die immer im Rahmen des Erlaubten liegen. Für uns beide sind Orientierungslinien enstanden was der andere mag oder nicht mag, was akzeptabel ist und was nicht, wo wir Spielraum zum Ausprobieren haben. Jetzt suchen wir nach Strukturen, an denen wir uns entlanghangeln können. Welches Teil gehört wohin? Wie so ein Puzzle stelle ich mir die Ausbildung meines Ponys vor: alles ist schon da, alles ist schon angelegt. Es muss nur an seinen Platz finden, damit ein wunderschönes Bild entsteht.

Der Rahmen ist schnell fertig

Man kann versuchen, jedes Teil in die Hand zu nehmen und anhand des Bildes zu identifizieren wo es hin gehören mag. Man kann Teile nach Form sortieren und probieren. Man kann versuchen, einzelne Teile zuerst zusammenzusetzen und dann später das große Ganze zusammenzufügen. Alle Wege können erfolgreich sein. Bei 1000 Teilen haben sie alle eins gemeinsam: es ist viel Arbeit. Und jedes Teil will angefasst werden, geschenkt gibt es nichts. Dabei muss man immer darauf achten, dass kein Teil herunterfällt und unter dem Tisch liegen bleibt, sonst hat das Bild nachher ein Loch.

Silvester tut immer so, als wäre etwas zu Ende und etwas Neues würde anfangen. Das ist aber gar nicht wahr. Es ändert sich lediglich das Datum, der Rest bleibt wie er ist. Natürlich mag für den ein oder anderen am 1.1. eine Veränderung anstehen, aber wohl nicht mehr als am 1.4. oder 1.8.  Vorsätze für das neue Jahr gibt es bei mir nicht. Man kann jeden Tag etwas ändern oder es lassen. Und ein 1000 Teile Puzzle setzt sich nicht plötzlich von selbst zusammen nur weil 2021 ist. Mein Pony kennt das Datum nicht. Er möchte weiter mit seinen Freunden seinen Alltag verbringen und von mir die Extra-Bespaßung bekommen die das kleine, gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren braucht, um rund zu laufen. Er weiß nichts von den 1000 Teilen, aber auch er nimmt wahr, wie sich ein Bild zusammenfügt und er arbeitet fleißig daran mit. Er probiert aus und findet heraus, was ich wie meine und ich probiere aus und finde heraus was er wie meint und wir beide bauen ein Bild zusammen von dem wir bisher nur eine wage Idee haben. Aber eines wissen wir: ein schönes Bild soll es werden.

2020 oder 2021, das spielt dabei keine Rolle. Jeder Tag, jede gemeinsam verbrachte Minute bringt uns unserem Bild etwas näher. Wir werden ein Leben lang daran herumpuzzeln. Wenn ein Teil fertig ist, bauen wir noch einen neuen Teil an. Denn der Sinn des Puzzelns liegt darin, dass man an jedem Teilchen Freude hat, das seinen Platz findet. Hätte man erst ganz am Ende Freude, wäre das Ganze eine sehr sinnlose Beschäftigung.

Der Rest setzt sich nur langsam Stück für Stück zusammen

Vor uns liegt eine unbestimmte Anzahl an gemeinsamen Tagen. Je schöner wir jeden dieser Tage zusammen verbringen, desto schöner wird unser Bild am Ende sein. Und je schöner wir jeden einzelnen dieser Tage zusammen verbringen, desto schöner wir jeder einzelne gemeinsame Tag sein. Wir gewinnen also auf beiden Ebenen: im Hier und Jetzt und in der unbekannten Zukunft. Und je mehr ich mit Pferden so arbeite, desto weniger interessiert mich der Jahreswechsel. Da ist so ein Fellwechsel interessanter, wenn mein Pony wieder neue Farbschattierungen zeigt.

Ich wünsche Euch einen guten „Rutsch“. Möge 2021 für die Welt als Ganzes viel Gutes bringen, unabhängig vom Datum.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 101

Ich habe mich verletzt! Beim Nahkampftraining mit meinem Spaziergehkumpel habe ich mir irgendwie das Zahnfleisch aufgeschlitzt. Einen Tag bevor mein Mädchen in Urlaub gefahren ist! Sie hat sich ganz doll erschreckt und schon gefragt ob jetzt der Tierarzt kommen muss. Aber das Mädchen vom Spaziergehkumpel und der Mann haben gesagt es ist nicht schlimm. Und das Mädchen vom Spaziergehkumpel hat versprochen, sich ganz hervorragend um mich zu kümmern und mir meine Schnute jeden Tag einzuschmieren. Das tut sie dann jetzt auch. Die Schmiere schmeckt komisch aber fürs einschmieren bekomme ich viele Kekse, das macht alles wieder wett. Wir üben jetzt dass ich meine Zähne zeigen soll, also ich soll es mir nicht mehr nur gefallen lassen dass sie mir die Lippe hochklappt, sondern ich soll mich anstrengen und meine Lippe selbst hochheben damit sie gucken kann. Na, so lange die Bezahlung stimmt….

So habe ich wenigstens etwas Beschäftigung während mein Mädchen in Urlaub ist. Und ich sehe zu dass meine Schnute wieder heile ist bis mein Mädchen wieder kommt, dann freut sie sich.

Euer tapferer Sir Duncan Dhu of Nakel