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Wie alles begann

Warum dieser Blog „Schotten-Pony“ heißt

Sir Duncan Dhu of Nakel

Meine Liebe zum schottischen Highlandpony begann vor ungefähr 11 Jahren, als ich eine Highlandpony-Züchterin als Hufpflegekundin bekam. Damals ahnte ich noch nicht, dass das mein Leben verändern würde. Dass ich einmal Fan einer bestimmten Pferderasse werden würde, hielt ich für ausgeschlossen. Schließlich sind alle Pferde toll und alle haben ihre Vorzüge.

Das stimmt auch immer noch. Und ich habe die Rasse gefunden, die am besten zu mir passt: das Schottische Highlandpony. Einige Jahr später wurde bei dieser Züchterin mein erstes „Schotten-Pony“ Finlay geboren und Finlay wird für mich (was den Charakter angeht) vielleicht immer der Innbegriff des Highlandponys sein. Die Schotten sind ein bisschen anders als andere Ponys. Natürlich gibt es – wie auch innerhalb anderer Rassen – eine Bandbreite an verschiedenen Typen: von den sehr lieben, die sich als Therapiepferd eignen bis zu den sehr selbstbewussten, die ihre Besitzer schon mal vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Was ihnen gemeinsam ist, ist die große Menschenbezogenheit, das unbedingte Bedürfnis nach viel Beschäftigung und Abwechslung sowie der Gerechtigkeitssinn. Behandle mich fair, dann ist alles ok. Behandle mich unfair und Du zahlst den Preis. Die Schotten sind sehr ehrlich – geradeheraus, kein Blatt vor dem Mund. Und viele von ihnen sind abenteuerlustig, haben wenig Angst und erleben gern Neues.

In diesem Blog möchte ich Euch teilhaben lassen an den Geschichten, die ich mit meinem Schotten-Pony erlebe. Bald schon geht es los – ich nehme Euch mit auf eine Reise, die so gar nicht hätte stattfinden sollen, und die ich jetzt als neue Chance und neues Abenteuer sehen möchte. Abonniert am besten gleich diesen Blog, damit Ihr keine Schotten-Pony-Abenteuer verpasst! (einfach Ich freue mich jederzeit über Kommentare, Fragen und Themenwünsche.

Plan B

Mit Duncan ist mein Leben meistens leicht. Ich mache einen Plan, wir folgen diesem Plan und haben Erfolg oder zumindest so weit Erfolg dass wir beide uns gut fühlen und diesem Plan weiter folgen können.

Aber manchmal halt auch nicht. Dann klappt es halt nicht wie geplant, alles ist anders und es herrscht Chaos und schlechte Stimmung. So wie diesen Montag. Nachdem Duncan mich am Sonntag so viel getragen hatte und wir sogar unseren ersten Trab so fein hinbekommen haben, wollte ich endlich mal wieder mit ihm auf die Wippe gehen, denn das erschien mir das perfekte Ausgleichsprogramm. Duncan liebt wippen und seiner Rumpfmuskulatur tut es sehr gut, also los.

Leider gibt es da ein kleines – oder eher größeres – Problem. Denn Duncan lässt (genau wie Merlin und Diego auch) auf der Wippe gern mal den „Rüssel“ hängen. Er schachtet also aus und zeigt alles was er hat. Und während das bei Merlin und Diego kein Problem für mich ist, finde ich es bei Duncan nicht witzig. Oder sagen wir so: ich möchte es nicht auch noch mit Futter belohnen. Denn ich möchte ja nicht, dass er das Gefühl hat, je hengstiger er sich benimmt, desto besser wird sein Leben. Und so ist es nun mal mit der Futterbelohung: man belohnt ALLES. So schön er auch wippt, ich belohne mit dem Keks dann eben auch, dass er seinen Penis in voller Schönheit raus hängen lässt. Und das finde ich keine gute Idee, wenn ich in allen anderen Situationen nicht möchte, dass das Ding draußen hängt.

Bisher habe ich es so gemacht: kurz auf die Wippe, dann kommt irgendwann das Ding raus, dann gehen wir wieder runter, machen was anderes, bis er ihn wieder eingezogen hat, gehen wieder auf die Wippe. Aber leider ist dieser Plan nicht aufgegangen. Am Montag war es dann eigentlich nicht möglich, ihn mehr als zwei mal wippen zu lassen, schon war es wieder passiert.

Zum Glück war mein Mann im Homeoffice und so konnte ich ihn um Rat fragen. Genau wie ich ist er der Meinung, dass eine Futterbelohnung in dieser Situation nicht in Frage kommt. Es geht nicht darum, Duncan dafür zu bestrafen oder ihn nicht zu loben, es geht mir nur ums Futterlob, denn Futterlob ist das größte und beste Lob was ich habe und ich möchte es nur vergeben, wenn wirklich alles toll gelaufen ist. Wenn er z.B. beim Hufe auskratzen nicht ganz still steht, bekommt er ja auch keinen Keks, sondern halt nur ein nettes Wort. So lernt er den Unterschied zwischen „gut gemacht“ und „absolut perfekt“ ganz nebenbei. Da ich aber die Wippe ausschließlich über Futter erarbeitet habe, habe ich derzeit keine Option ihn dann nicht mit Futter zu belohnen, weil er das nicht versteht und dann frustriert ist. Es muss also eine neue Strategie her. So haben wir dann am Montag geschaut, wie die Lage ist und besprochen, was ich nächstes Mal anders machen und ausprobieren könnte. Gewippt haben wir so gut wie nicht, schon gar nicht so, dass Duncans Rumpfmuskulatur etwas getan hätte.

Mein Frust war groß. Ich wollte doch nur ganz entspannt und schön mit Duncan wippen. Statt dessen ist da ein Problem zu lösen, mit dem ich noch null Erfahrung habe und bei dem ich eigentlich bisher nur weiß, wie es NICHT funktioniert. Es ist eine der wenigen Stellen an denen ich merke, dass Duncan Hengst ist und dass ich deswegen mit manchen Dingen anders umgehe (wie gesagt, bei den Wallachen stört mich das ausschachten nicht). Ich bin inzwischen etwas besser darin geworden, solche Frustmomente auszuhalten. Ich weiß: es wird eine Lösung geben, ich muss sie nur finden. Ich überlege, wen ich fragen kann und wie ich das gewünschte Verhalten in anderen Situationen noch besser herstellen kann. Denn ich weiß, dass ich bei der Handarbeit auch nicht immer ganz genau achtsam bin, was Futterlob bei hängendem Rüssel angeht. Ich bin dann oft so konzentriert auf die Übung und er macht es so gut und – zack! – habe ich das magische Wort (Keks!) gesagt ohne zu sehen dass er im „Angebermodus“ ist. Wenn ich aber den Keks versprochen habe, muss ich ihn auch geben, sonst ist das ganze System futsch. Und so hat er den einen oder anderen Keks kassiert, während die ganze Pracht ihm zwischen den Beinen herum baumelte. Woher soll er dann wissen, dass ich das nicht möchte? Das ist nicht seine Schuld. Ich glaube dass er es im Wesentlichen schon ahnt, aber so lange mein Verhalten unbeständig bleibt, wird es in Extremsituationen eben nicht funktionieren. Es wird immer Situationen geben, wo er übermannt wird von seinen Gefühlen, das ist weiter nicht schlimm aber wie gesagt möchte ich das nicht auch noch belohnen.

Und so muss ich nun auch andere Stellen meines Trainings noch einmal gut überprüfen und noch besser nachdenken wann es Kekse gibt. Das nächste Problem erwartet mich dann beim Reiten, wenn ich nicht sehen kann, was er da unten so tut. Dann bin ich auf meine Mitreiter angewiesen, mich darüber zu informieren was stattfindet oder von Anfang an ohne Futterlob arbeiten (was ich durchaus in Erwägung ziehe).

Außerdem habe ich ihm in Fremdpferde-Situationen gelegentlich wissentlich Kekse gegeben obwohl der Rüssel raus hing, einfach weil ich gesehen habe wie sehr er sich um gutes Benehmen bemüht hat. Und da brauche ich vielleicht die hohe Motivation durch das Futter, damit er bereit ist an etwas anderes zu denken als an die fremden Pferde.

Die meisten Menschen, die ich zu dem Thema befrage, sehen da übrigens überhaupt kein Problem. Sie finden es auch beim Hengst nicht schlimm, wenn er ausschachtet. Sie glauben nicht, dass er sich dafür belohnt fühlt und denkt, dass es völlig in Ordnung ist. Manche glauben sogar, dass das Ausschachten in so einer Situation für Entspannung steht und also gar kein Thema ist. Andere denken so wie ich. Es gibt also kein gesichertes Wissen darüber, was es genau für das Pferd bedeutet – es wird situations- und pferdeabhängig sein. Aber wie ich meinen Schülerinnen immer sage: Futterlob birgt Gefahren. Eben weil es so stark motiviert, belohnt man mit dem Futter auch extrem stark und festigt Verhalten viel schneller als wenn man ohne Futter lobt. Und wehe man hat dann aus Versehen etwas belohnt, was man nicht wollte! Folgerichtig bekam ich auf mein Nachfragen in den Hengstgruppen auf Facebook auch prompt wieder zu hören, man solle besser gar nicht mit Futter belohnen. Ich sage immer, die Pferde können mit Futterlob bestens umgehen, nur wir Menschen können das nicht – und das ist das Problem. Es will eben gut überlegt sein und genau das tue ich jetzt.

Aber ich habe bei meinen Nachfragen auch nützliche Hinweise erhalten über die ich so noch nicht nachgedacht habe. Alle meine Pferde waren bisher gemütliche Typen. Mein Job war, sie zur Mitarbeit zu motivieren, sie anzufeuern, ihnen möglichst viel Abwechslung zu bieten. Duncan ist da ganz anders. Duncan ist eher übermotiviert und sieht – wie sich erst gestern wieder gezeigt hat – auch kein Problem darin, noch die 5. Runde um mich herum zu traben (wo meine anderen Pferde alle nach einer Runde sagen „Job erledigt!“). Ich darf also sowieso noch einmal genau hinschauen, ob ich nicht das Futter lieber reduziere und tatsächlich nur für die ruhigeren Dinge wie z.B. stillstehen einsetze. Das geht gegen mein Gefühl, aber ich glaube es liegt eben nur daran, dass mein Gefühl darauf geeicht ist, mein Pony zu motivieren. Duncan steht aber mit seiner ganzen Energie da und weiß manchmal gar nicht wohin mit sich – er zeigt das im Zusammensein mit mir nicht so deutlich, aber in der Herde sehe ich es und ich denke ich tue ihm einen Gefallen, wenn er auch mit mir diese überschüssige Kraft in sinnvolle Bahnen lenken kann – dazu braucht er keine Extra-Motivation. Er verändert sich gerade sehr auf dem Weg vom Kind zum ganzen Kerl und meine Aufgabe ist es, mein Verhalten entsprechend mit zu verändern. Da wartet vielleicht noch mancher Frust-Moment auf mich, wenn Plan A plötzlich nicht mehr funktioniert. Aber den Frust darf ich dann umwandeln in Plan B, denn genau dieses Verhalten erwarte ich ja auch von meinem Pony.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 247

Frühling ist doch einfach toll! Jetzt wo es so fein ausgiebig geregnet hat (endlich!) ist das Gras auf der Wiese ordentlich gewachsen und wächst auch jeden Tag weiter. Und deswegen werden wir Ponys jetzt so richtig angeweidet. Das heißt, wir dürfen jeden Tag zwei mal aufs Gras und jedes Mal ein bisschen länger! Wenn wir dann ordentlich gemampft haben, sind wir immer müde. Dann gehen wir erst mal zum pennen in die Halle.

Verdauungsschläfchen

Mein Mädchen ist um diese Jahreszeit immer ein bisschen genervt, weil das ganze Anweiden den Tagesplan so durcheinander bringt. Aber es dauert halt so 2-3 Wochen bis wir dann die ganze Nacht auf Weide können und alles wieder seinen Gang geht. Und bis dahin muss sie jeden Tag neu überlegen wann sie uns raus lässt und wann sie uns wieder rein holt und wann es dann Heu gibt. Dazwischen meint sie, bleibt dann leider nicht sooooo viel Zeit, was mit uns zu machen, weil wir ja auch sehr beschäftigt sind mit grasen und verdauen. Aber das wird ja dann bald wieder besser.

Ach und übrigens: mein Reitpad ist fertig. Und schon getestet (im Trab!). Dank meiner Schneiderin sitzt jetzt alles perfekt, drückt nix, wackelt nix, nervt nix UND es ist auch noch so schön bunt! Alles farblich abgestimmt hier bei uns, man trägt grün, orange und braun. Schick, oder?

Dank der leuchtend grünen Gurtstrippe, die meine Schneiderin angenäht hat, haben wir jetzt zukünftig die volle Auswahl an Sattelgurten.

Heute ist übrigens Dienstag, da freu ich mich schon gleich wieder auf den nächsten Ausflug – juhuuuu! Genießt den Frühling, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 246

Vor fünf Wochen hat sie es mir versprochen, heute hat sie es endlich wahr gemacht! Wir sind getrabt! Juhuuuu! Also es war so: Mein Mädchen hatte mir das ja versprochen, seit sie im Wald diese schöne Strecke gesehen hat wo es ganz leicht bergauf geht und sonst genau gar nix ist – keine Straße, keine Leute, keine Pferde, keine Kühe oder sonst irgendwelche Ablenkungen. Dann hat es aber noch gedauert, bis es wirklich wahr wurde, weil ja noch so allerhand anderes zu tun war. Und heute war es dann so weit! Mein Mädchen – die ewige Bangbüx – war ganz aufgeregt. Und wenn mein Mädchen aufgeregt ist, bin ich das auch. Außerdem hab ich ne Menge Energie im Moment. Und sie hat ja schon dauernd an Trab gedacht, hab ich doch gemerkt! Also bin ich immer schon mal angetrabt. Nein, war nicht erlaubt. Wir sind laaaaange Schritt geritten, dann ist sie auch noch wieder abgestiegen und ein Stück gelaufen. Aber dann! Dann ist sie wieder aufgestiegen und hat gesagt „Trab!“ Und los ging’s! Kurz war es etwas chaotisch – ich wollte ja nun los, und zwar fix! Mein Mädchen aber ohne Sattel, hat sich beschwert dass es zu schnell ist und zu doll hopst, also musste ich langsam machen. Aber nach ein paar Sekunden hatten wir es raus und sind in einen guten Rhythmus gekommen. Und jetzt muss ich doch mal was gestehen: als es dann ein kurzes Stück steiler bergauf ging, war mein Mädchen doch ein bisschen schwer. Da hab ich vorgeschlagen, dass wir wieder Schritt gehen könnten, aber sie meinte, ich könnte das jetzt echt mal schaffen, wo ich doch immer so viel Extra-Energie habe. Hab ich dann auch geschafft. Und weil ich das alles so toll gemacht habe, ist sie danach wieder abgestiegen und zu Fuß gegangen. Jetzt ist aber noch was neu: weil sie nur noch so kurze Stücke zu Fuß geht, kann sie plötzlich richtig flott gehen! Alter Schwede, was kann sie Gas geben! Da musste ich echt lange Füße machen um mitzukommen. Und nach 10 Minuten ist sie dann auch wieder aufgestiegen und wir sind nochmal getrabt! Diesmal waren wir schon mehr in Übung und besser im Takt. Mein Mädchen war nur bisschen am Meckern, weil ich doch Lust hatte, nebenbei noch nach Diego zu haschen. Sollte ich nicht. Na gut. Wär aber lustig gewesen!

Und dann haben wir das alles wiederholt: Schritt führen, dann wieder aufsteigen und traben. Diesmal war sie total begeistert, weil ich raus gefunden habe, wie ich größere Schritte machen und sie besser abfedern kann.

Ach, das war doch wirklich ein großartiger Ausflug! Als nächstes wollen wir jetzt üben, mit Sattel zu reiten. Dann kann mein Mädchen bequemer traben und ich darf flotter machen. Das ist natürlich sehr in meinem Sinne! Und mein Mädchen sagt, das Grinsen wird sie die ganze Woche nicht aus dem Gesicht kriegen, weil es sooooo schön war und ich das so super toll gemacht habe!

Euer trabender Sir Duncan Dhu of Nakel

Bis die Seele nachkommt

Fast jeder kennt die Geschichte von den indischen Trägern im Himalaya, die nach der Überquerung eines Passes warteten, damit ihre Seele nachkommen konnte.

In unserer Gesellschaft ist warten irgendwie etwas ganz schlimmes. Lebenszeitverschwendung. Immer an die schnellste Kasse und bloß keine Sekunde warten müssen um im Internet einen Film herunterladen zu können. Das schnellste Auto fahren und niemals auf den Zug warten müssen. Warten, das ist furchtbar.

Auch ich kann warten oft nicht leiden – es hängt davon ab worauf ich warte. Aber ich habe erfahren, dass warten auch etwas sehr wertvolles sein kann. Oft warte ich mit Pferden vor dem Anhänger (während meine Schüler im Hintergrund ungeduldig werden), weil ich erlebt habe, dass die Pferde diese Wartezeit gut nutzen und nachher eine gute Entscheidung treffen. Bei Duncan habe ich auch gelernt, die Gerte zu heben und irgendwo an seinen Körper zu zeigen (ohne ihn zu berühren) und dann zu warten. Weil er immer etwas gutes daraus macht.

Warten, damit die Seele nachkommen kann ist noch etwas anderes. Dieses Jahr – in ein paar Wochen – wird Finlays dritter Todestag sein. Und dieses Jahr ist vielleicht das Jahr in dem meine Seele nachkommt. Dieses Jahr ist vielleicht das Jahr, in dem auch meine Seele endlich in der neuen Situation ankommt (die so neu ja eigentlich nicht mehr ist): Finlay ist nicht mehr hier, dafür ist Duncan hier. In der Zeit seit Finlays Tod habe ich zwar nicht nur gewartet – ich habe mein Leben gelebt, mein Pony ausgebildet und eine Therapie gemacht – aber ich habe auch immer wieder innegehalten und gewartet. Während dem Sammeln von Pferdeäppeln, dem Mähen der Wiese oder anderen Tätigkeiten die nicht so viel Konzentration erfordern, habe ich meiner Seele zugehört und gewartet und gehofft, dass sie sich in dieser neuen Situation einfindet. Manchmal dachte ich, sie sei schon angekommen, aber ich wurde eines besseren belehrt. Oft merkte ich bei einer kleinen Besserung erst, wie schlecht es mir vorher ging.

Es ist kein Zufall, dass er jetzt so viel besser wird. Es liegt zu einem großen Teil daran, dass Duncan mich jetzt trägt. Ich muss nicht mehr ständig auf meinen eigenen Füßen unterwegs sein und – noch viel faszinierender – ich muss nicht mehr ständig die gesamte Verantwortung allein tragen. Am Dienstag, als Duncan mich durch den Wald getragen hat und fast unermüdlich wirkte (fast! Dazu komme ich gleich noch), habe ich es deutlich gemerkt. Wenn ich auf seinem Rücken sitze, nimmt er ein Stück der Verantwortung auf sich. Anstatt sich ständig damit zu beschäftigen, ob er nicht Schabernack machen könnte, mich mal kneifen oder nach einem Grashalm haschen oder so, sind da weite Strecken auf denen er mit gespitzten Öhrchen in die Welt lauscht und mich im flotten Schritt voran trägt, was ihm offensichtlich sehr viel besser gefällt als wenn ich immer als Bremsklotz neben ihm hänge. Er kann sich offensichtlich besser konzentrieren, wenn er nicht ständig in Versuchung ist, ein Spiel mit mir anzufangen – dieses Phänomen konnte ich auch schon beim Fahren vom Boden beobachten. Wir können viel besser zusammen die Welt genießen und sind über meinen Sitz viel selbstverständlicher und natürlicher miteinander verbunden als es über jeden Strick möglich wäre – im Gegenteil, der Strick nervt oft, aber ohne geht es nun mal nicht.

Aber auch Duncans Seele braucht Zeit zum hinterher kommen. Etwas, was mir so wichtig ist, beim Anreiten junger Pferde. Zeit, das alles zu verarbeiten. Jetzt, wo er mich mehr, besser und schneller tragen kann, waren wir zum ersten Mal an dem Punkt, wo ich nicht abgestiegen bin, weil er körperlich am Limit war (bzw weil ich verhindern wollte dass es für seinen Rücken zu viel wird), sondern weil der Kopf nicht mehr mitgemacht hat. Nach unserer bisher längsten Reitreprise war da plötzlich eben keine gute Kommunikation mehr. Der Kopf war aus und auch nach dem Absteigen war Duncan leicht überdreht. Abends war er müde. Und ich merke: die Seele muss jetzt Zeit haben, nach zu kommen. Vom Spaziergeh- zum Reitpferd ist es eben doch ein großer Unterschied. Und all die Verantwortung die er übernimmt, kostet Energie. Das alles muss jetzt erst mal sacken können.

Auch Duncan wird nicht warten, während seine Seele nach kommt. Warten ist ja nun so überhaupt nicht sein Ding. Aber bis ich wieder aufsteige, vergehen ja sowieso ein paar Tage. Und ich finde jetzt heraus, woran ich beim reiten merke, wann sein Kopf überfordert ist und ich absteigen muss, obwohl der Körper vielleicht noch könnte. Wie ich meinen Ritter kenne, wird das alles weniger lang dauern, als ich jetzt vielleicht denke, aber es dauert so lange es dauert.

Währenddessen genieße ich das Gefühl, dass meine eigene Seele mich langsam wieder einholt. Und ich denke an die eine oder andere Schülerin, die oft selbst nicht hinterher kommen, wenn ihr Pferd sich entwickelt, die gar nicht mitkriegen, wie sehr ihr Pferd sich verändert hat, weil ihre Seele in früheren Erlebnissen noch fest hängt und Zeit braucht um nach zu kommen. Vielleicht lege ich da beim Unterrichten auch nochmal mehr Augenmerk drauf.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 245

Gestern war meine persönliche Schneiderin zu Besuch. Ihr wisst schon, die nette Dame die schon mein Halfter und mein Sidepull für mich umgebaut hat und fest zu meinem Team gehört.

Ich mag sie, denn sie mag Schimmel und zählt dann immer alle meine weißen Haare. Nein, nicht wirklich, zum zählen sind es ja schon zu viele. Aber sie freut sich sehr über jedes weiße Haar und sagt dann ich wäre „auf dem Weg zur Perfektion“ – ok, das muss noch diskutiert werden. Wieso „auf dem Weg“?

Nun fragt Ihr Euch bestimmt, was es denn schon wieder zu schneidern gibt. Na es ist ja so: ich bin ja sportlich voll durchtrainiert vom vielen spielen und deswegen habe ich einen richtigen Waschbrettbauch. Der ist nicht so rund wie der von den anderen Ponys. Und deswegen passt der Gurt vom Reitpad bei mir nicht so gut wie bei den anderen – der verrutscht so blöde, wenn wir länger unterwegs sind. Also soll das Reitpad umgebaut werden, damit mein Mädchen mir da einen komfortablen Gurt dran machen kann. Und dafür wollte die Schneidermeisterin Maß an mir nehmen.

Der Gurt verrutscht so blöde

Das war vielleicht ein Getüddel sage ich Euch! Was haben sie da zu dritt an mir herum gefummelt, hin und her, vor und zurück und diskutiert wie es am besten geht. Ich bin verschnürt worden wie ein Paket. Aber ich bin ja ein geduldiger Ritter (gegen die entsprechende Bezahlung, versteht sich).

So viel Getüddel!
Verschnürt wie ein Paket.

Mein Lieblingsmoment war übrigens der, als mein Mädchen dann meinte, sie setzt sich kurz auf meinen Rücken damit wir mal gucken können wo sie denn optimaler Weise sitzen würde. Wie immer ist sie mit einem großen Sprung auf mich drauf gehüpft – nur leider hat sie vergessen, dass sie ja gar keine richtigen Schuhe an hat sondern nur ihre ollen Stallschlappen! Der rechte Schlappen flog dann munter durch die Luft und ging hart neben mir zu Boden. Aber der Mann, ganz Gentleman, hat ihn ihr wieder an den Fuß gesteckt. Nachher ist mein Mädchen nochmal rauf gehüpft, aber diesmal hat sie die Schlappen kurzerhand vorher ausgezogen und ist einfach sockfuß aufgesprungen. Was hat sie für ein Glück dass ich so ein netter Kerl bin, mit mir kann man so was machen. So lange die Keksrate stimmt, versteht sich.

Reiterstatue Sockfuß!

Als sie sich wegen dem Pad dann endlich einig waren, durfte ich noch als Modell herhalten für einen Filzsattel den die Schneiderin für ein anderes Pferd angefertigt hat. Auch schön!

Modell stehen.

Aber dann hatte ich wirklich genug von der Fummelei. Das nervt nach einer Weile doch sehr! Zum Glück kann mein Mädchen das gut verstehen, die mag auch nicht wenn man an ihr rum tüddelt (beim Friseur zum Beispiel) und deswegen hat sie mich entlassen und wir durften ein bisschen auf die Weide. Uff.

Jetzt sind wir gespannt wie mein Reitpad aussieht, wenn es fertig umgebaut ist. Auf jeden Fall farbenfroher als vorher! Ich werde selbstverständlich berichten.

Euer bunt gekleideter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 244

Meine Sommerrüstung ist fertig. Na, wie gefällt sie Euch? Letztes Jahr hatte ich ja fast alle weißen Haare abgeworfen. Dieses Jahr habe ich mir auch ins Sommerfell ein paar weiße Haare hier und da eingebaut. Mein Mädchen sagt, wenn das Licht richtig fällt, kann man schon erahnen, dass ich wohl mal Apfelschimmel sein möchte. Apfelschimmel! Da bekomme ich wohl viele Äpfel zu essen? Zum Glück blühen die beiden Apfelbäume im Garten wie verrückt, könnte also klappen! Aber ob ich wirklich Apfelschimmel werde oder auf anderem Wege weiß werden möchte, verrate ich noch nicht. Ich überlege mir noch, wie ich es am schönsten finde und ich lasse mir viel Zeit.

Sommerrüstung. Sehr ihr die weißen Flecken?

Apropos Schimmel, ich möchte da mal was klar stellen. Wir Schimmel haben bei Euch Menschen irgendwie einen schlechten Ruf. Wir würden uns immer besonders dreckig machen, heißt es. Aber das stimmt gar nicht! Ok, neulich hab ich kurz überlegt ob ich mal ein Bad in der Pfütze auf dem Reitplatz nehmen soll. Hab mich dann aber dagegen entschieden.

Ob ich mal ein Bad nehme?

Und Merlin, der ist meistens ganz fürchterlich sauber und reinlich! Es gibt allerdings Tage, da ist der Boden einfach so klebrig. Da können wir aber gar nix dafür! Und dann sind die anderen genauso dreckig wie wir Schimmel. Beweis:

Mein Po
Diegos Po

Ihr Menschen guckt nur nicht richtig hin, das ist alles. Also bitte: keine Vorurteile.

Euer vielleicht-bald-Apfelschimmel Sir Duncan Dhu of Nakel

Getragen

Auf vielen Pferden kann man sitzen. Mit Glück kann man sie lenken und bremsen. Aber wenn ein Pferd einen wirklich trägt, ist das für mein Gefühl etwas ganz anderes.

Ich sage ja immer „ein gutes Pferd bleibt immer unter seinem Reiter“ und während viele meine Schüler den Spruch lustig finden, meine ich ihn absolut ernst. Denn ein wirklich gutes Reitpferd – eines was gut ausgebildet wurde und daher nicht nur die Fähigkeit, sondern auch Lust hat, es richtig zu machen – trägt den Reiter wirklich.

Als Arnulf und ich auf Distanzritt waren – damals mit Finlay – kamen wir im flotten Trab an einem Bauernhof vorbei. Mehrere tote Schweine lagen dort zur Abholung durch die Tierkörperverwertung am Zaun. Nun erschreckt Diego sich ja so gut wie nie, aber in diesem Moment machte er doch mal einen gehörigen Satz zur Seite. Nach allen physikalischen Gesetzen hätte Arnulf zumindest etwas in Schräglage kommen müssen. Aber zu meinem Erstaunen konnte ich von hinten beobachten, wie Arnulf ganz geschmeidig in der Bewegung mit ging und völlig gerade blieb. Sehr beeindruckt von seinen reiterlichen Fähigkeiten sprach ich ihn darauf an, aber Arnulf meinte, das sei allein Diegos Verdienst gewesen „er hat mich mitgenommen“ sagte er. Und ich weiß, was er gemeint hat. Ein gutes Pferd kann das. Es springt nicht unter seinem Reiter heraus, sondern nimmt den Reiter so mit, dass beide unbeschadet bleiben. Das hat etwas magisches. Und dieses Gefühl, dass das Pferd einen trägt, das macht für mich Reiten aus. Dabei ist es egal, ob mein Pferd piaffiert oder im Schritt durchs Gelände bummelt. Es ist ein Gefühl der Sicherheit und eben des getragen-werdens.

Getragen werden ist für uns Menschen wohl von Natur aus ein gutes Gefühl. Nicht umsonst tragen Eltern ihre Babys auf dem Arm, sei es zum einschlafen, zum trösten oder um die Welt gemeinsam zu erkunden. Ich kenne sogar inzwischen einige junge Mütter, die noch nicht einmal im Besitz eines Kinderwagens sind, weil sie überzeugt sind, dass getragen werden so wichtig ist für Kinder.

Wenn ein Pferd mich wirklich trägt ist das für mich immer etwas ganz besonderes. Ich mache gern Bodenarbeit in allen möglichen Varianten, gehe spazieren oder fahre Kutsche, alles toll. Aber reiten – in dem Sinne wie ich es so gern erlebe – ist für mich unersetzlich. Und jetzt wo Duncan mich immer mal ein Stück trägt, merke ich erst so richtig, wie sehr mir das gefehlt hat. Obwohl ich ja auch Merlin noch ein bisschen reite und Diego mich auch immer mal trägt. Aber die Aussicht (auch wenn es immer noch nur eine Aussicht ist) darauf, dass mein eigenes Pony mich wieder mal einfach so durchs Gelände trägt, ich nicht Arnulf fragen muss ob ich mir Diego leihen darf, ich nicht Merlin fragen muss, was er heute wohl so schafft, sondern mir die Kraft meines kleinen Hengstes leihen kann – später über viele Kilometer und Stunden hinweg – diese Aussicht gibt mir Aufwind.

Und am Sonntag habe ich genau gefühlt: Duncan fängt an, mich zu tragen. Zuerst war ich eine Last auf seinem Rücken, die ersten Reitversuche waren für ihn sehr anstrengend (auch wenn er sich das ja immer nicht anmerken lässt). Mich auszubalancieren war eine Herausforderung für ihn, weil ich recht groß und schwer bin im Verhältnis zu ihm und ihn also schnell aus dem Gleichgewicht bringe. Über jeden Schritt musste er knobeln. Dann kam der Tag an dem er es raus hatte. Aber immer noch habe ich mich auf seinem Rücken gefühlt wie eine Last. Etwas was er schleppt wie die vollen Satteltaschen. Aber diesen Sonntag war da dieses Gefühl: er trägt mich. Wie ein Gentleman den Berg runter. Er achtet darauf, dass ich gut sitzen kann, er passt gut auf uns beide auf. Es ist ein wunderbares Gefühl und dass er es mir schon jetzt schenkt liegt sicher auch daran, dass er von Natur aus so ein gutes Körpergefühl und vom Spiel gut trainierte Muskeln und Nerven hat. Es fällt ihm jetzt leicht, mich zu tragen und er genießt es, dass er dann mal das Tempo vorgeben kann. Und ich glaube, auch er fühlt, dass wir damit unsere Welt vergrößern – von meinem Radius, den ich mit meinen Füßen erlaufen kann auf seinen, den er mit seinen Hufen erlaufen kann, während er mich trägt. Und das ist ein so viel größerer Radius! Wenn man bedenkt, dass menschliche Marathonläufer ca 40km an einem Tag laufen, während pferdige Marathonläufer das 4fache an einem Tag schaffen, dann erkennt man schnell die Dimensionen. 10km sind für mich persönlich ein anstrengender Spaziergang und bei all dem Gelaufe der letzten Jahre bin ich da auch nie drüber hinaus gekommen. Ich bin kein guter Zu-Fuß-Gänger. Aber 10km reiten, das ist fix gemacht.

Es gibt Menschen, die ihre Pferd nicht reiten. Es werden immer mehr, die aus verschiedensten Gründen nicht mehr aufsteigen oder nur noch sehr selten. Ich verstehe viele der Argumente. Klar, wenn das Pferd das nicht kann oder will ist es für mich logisch, nicht zu reiten. Wenn der Mensch nicht kann oder will auch. Aber spätestens seit ich Elsa Sinclairs ersten Film gesehen habe („taming wild„) glaube ich, dass viele Pferde ihre Menschen gerne tragen, genau deswegen weil sie merken, dass es dann in ihrem eigenen Tempo voran gehen kann (im Rahmen der „Absprache“ zwischen Mensch und Tier). Letztendlich wird es – wie so vieles – eine individuelle Entscheidung sein und so lange das Pferd dabei ein Mitspracherecht hat und der Mensch die Gesundheit seines Reittieres im Blick behält, ist doch alles gut. Bisher hat Duncan sich erst einmal komisch verhalten – am Sonntag, direkt nach dem Aufsteigen und losreiten. Ich bin also wieder abgestiegen, weil ich nicht wusste, was das Problem ist. Das „Problem“ war allerdings die Anwesenheit von frischem grünem Gras am Wegesrand, das Duncan viel zu verlockend erschien um daran vorbei zu gehen. Also bin ich wieder aufgestiegen und habe deutlich gemacht, dass ich immer noch selbst bestimmen möchte, wann Graspause ist. War dann auch ok. Ich werde weiterhin genau hinsehen, ob Duncan äußert, dass ich nicht aufsteigen soll oder lieber wieder absteigen. So wie wir in der Bodenarbeit auf dem Platz nach und nach Zeichen entwickeln mit denen Duncan mir sagt, dass er Schluss machen möchte oder im Gegenteil eben noch nicht Schluss machen möchte.

Und wann immer er mich bereitwillig auf seinen Rücken lässt, freue ich mich und fühle mich gut getragen. Danke, Du Ritter meines Herzens!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 243

Wie versprochen, haben mein Mädchen, der Mann, Diego und ich dann am Sonntag nachmittag noch einen Ausflug gemacht. Oder kann man das schon Ausritt nennen? Wir haben es so gemacht: mein Mädchen ist zu hause aufgestiegen und vom Hof geritten. Unterwegs ist sie immer noch ganz viel gelaufen und immer ein paar Stücke geritten. Und als wir fast zu hause waren ist sie auch nochmal aufgestiegen und ich habe sie bis vor die Haustür getragen. Merlin, Gatsby und Caruso waren sehr beeindruckt, weil sie dachten, ich hätte mein Mädchen die ganze Zeit getragen! Ich hoffe, Diego petzt nicht, dass es nicht so war.

Der Ausflug war fein! Ich hatte eine Menge Energie übrig und deswegen meinte mein Mädchen, ich könnte sie ruhig häufiger mal tragen. Gerne! Allerdings hatte ich nicht gedacht, dass sie von oben auch so genau lenken will. Soll sie doch zufrieden sein, dass ich sie trage! Warum können wir nicht links abbiegen, wenn ich dazu doch nun mal Lust habe? Ich trage sie doch! Und warum muss ich soooooo einen großen Bogen um die Kurve gehen, wenn ich doch auch ganz nah am Verkehrsschild herum ein bisschen abkürzen könnte? Schau doch mal wie weit vorn Diego schon ist! Nein, sie will lenken. Ich stelle fest: wenn sie auf meinem Rücken sitzt ist sie genauso stur wie wenn sie mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Schade eigentlich. Aber wenigstens bremst sie nicht dauernd wenn ich flotten Schritt gehen möchte. Manchmal feuert sie mich sogar an, flotter zu gehen! Also das ist mal eine Verbesserung.

Diesmal habe ich sie nicht nur den Berg hoch geschleppt, sondern nach einer kleinen Graspause und einem kurzen Stück zu Fuß auch auf der anderen Seite wieder runter getragen. Runter ist es nicht so steil wie rauf und da meinte mein Mädchen dass ich das bestimmt schon kann, obwohl es runter schwieriger ist mit der Balance. Aber das hab ich ja jetzt voll raus, wie das geht. Zügig und gleichmäßig. Mein Mädchen war entzückt! Und so waren wir alle ganz zufrieden mit dem schönen Ausflug. Ganz am Ende, als ich dann nicht mehr so viel überschüssige Energie hatte und wir schon fast beinahe zu hause waren, hörte ich sie plötzlich von oben „und Trab!“ was? Hab ich mich verhört? „Und Trab!“ Echt? Darf ich? Als sie es dann das dritte Mal gesagt hatte dachte ich: sie will es wohl wirklich. Bin dann mal angetrabt. Das war ganz lustig! Aber wie mein Mädchen halt so ist: sobald ich ein paar Meter gemacht hatte, wollte sie schon wieder Schritt. Na gut. Aber nächstes Mal machen wir länger Trab, ja? Sie sagt, vielleicht.

Euer zufriedener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 242

Der Sonntag ist erst halb rum und es sind schon so viele Dinge passiert! Es ging damit los, dass mein Mädchen und der Mann spazieren gegangen sind – ohne uns! Wo wollt Ihr denn hin? Ach es war mal wieder Zeit für einen demokratischen Spaziergang! Aber weil wir in letzter Zeit ein paar unangenehme Dorf-Erlebnisse hatten und die Menschen lieber ganz entspannt wählen wollten, sind sie allein los gegangen. Und ich? Ich hab doch voll Langeweile!

Aber als die beiden wieder da waren, da wurde es richtig spannend! Mysteriöse Dinge haben sie getan – warum hantieren sie mit dem Weidezaun auf dem Hof? Rätselhaft.

Was treiben die da bloß?

Dann haben sie uns Heu gegeben und sind auf die Weide marschiert. Und wir haben das beste aller Geräusche gehört! Nämlich das Einschlagen eines Metallpfostens. Das ist immer das Geräusch das bedeutet, dass unser Weidestück etwas vergrößert wird. Nur im Moment dürfen wir ja noch gar nicht auf die Weide! Heißt das etwa…..

JA! Heute ist der beste Tag des Jahres: wir dürfen zum ersten Mal aufs Gras!! Juhuuuuu! Es lief genau wie immer: wir mussten ganz artig still stehen, der Mann hat auf uns aufgepasst, während mein Mädchen das Weidetor aufgemacht hat (später kann sie das allein aber am Anfang der Weidesaison sind wir immer soooo aufgeregt da hat sie lieber Hilfe). Dann hat der Mann gesagt dass wir los dürfen. Alle haben Gas gegeben, Merlin ist gleich bis zum Ende der Weide durch geschossen. Ich mach das ja anders: Blitzstart und dann am ersten leckeren Grashalm Full-Stopp. So habe ich schon zwei Happen gegessen wenn die anderen noch am Rennen sind. Schlau, oder?

Nun ist es ja so, dass wir am Anfang der Weidesaison nie einfach so essen dürfen. Nein, es wird gleichzeitig das Rufen geübt. Ich bin ja jetzt schon das dritte Frühjahr hier (ist das zu glauben?) und deswegen weiß ich wie das geht. Egal wer wen ruft: ich laufe immer zu meinem Mädchen. Die lacht dann immer fröhlich. Aber heute war es nach ein paar Mal plötzlich falsch! Da war ich ganz verwirrt. Dann hab ich das kapiert: Der Mann hatte mich gerufen und das heißt ich soll zum Mann laufen! Ach sooooo. Der holt uns ja im Sommer – wenn wir die ganze Nacht grasen dürfen – immer morgens rein (während mein Mädchen noch schläft). Deswegen muss ich auch wissen wie er mich ruft und was dann zu tun ist. Zum Glück bin ich ein schlauer Ritter und hab das ganz schnell kapiert.

Der Mann hat gerufen, also muss ich zu ihm, nicht zu meinem Mädchen.

Alsbald (nach 30min) war das Weide-Vergnügen dann leider auch schon wieder rum und wir mussten wieder runter vom Gras. Zum Trost haben wir noch unsere Schüsseln bekommen, das ist ja auch was.

Mein Mädchen hat mir versprochen, dass wir nachher noch einen Ausflug machen. Und weil sie heute schon einmal spazieren war, will sie ganz viel reiten. Juhuuuu! Ich freu mich schon! Vielleicht kann ich sie endlich zu einem kleinen Trab überreden, daran arbeite ich ja jetzt schon länger.

Ach übrigens, liebe Schleswig-Holsteiner: geht wählen, weil Ihr es könnt!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit Gras im Bauch

Zwei Tassen Tee

Ich habe noch ein paar Sachen im Stall zu erledigen, während Arnulf schon hoch geht in die Wohnung. „Machst Du mir einen Tee?“ frage ich ihn. Die Frage löst meist die Gegenfrage aus „was für einen?“ In der Regel trinke ich nur zwei Sorten Tee: Magentee und grünen Tee. Es ist also nicht viel Auswahl.

Neulich fand ich, als ich dann in die Wohnung ging, zwei Tassen Tee auf zwei Stövchen vor. „Ich wusste nicht mehr, was für einen Tee du wolltest“ sagt mein Mann. „Also hab ich Dir beides gemacht“. Ich habe dann also zwei Tassen Tee getrunken, hat mir auch nicht geschadet. Und dabei hab ich an meine beiden Ponys gedacht.

Meine beiden Schimmel – so ähnlich und so unterschiedlich

Zwei Ponys, jedes will meine Aufmerksamkeit, Beschäftigung, auch alles was sonst so dazu gehört an Pflege. Merlin will mit seinen 29 Jahren und den miesen Zähnen vor allem viele, viele Eimer mit „Matsche“ und ist deswegen immer sehr gesprächig am Stalltor. Duncan hingegen äußert Beschäftigungsbedarf durch überschießende Energie, weiß manchmal gar nicht wohin mit sich. Für Merlin liegt das Leben vorwiegend in der Vergangenheit, für Duncan in der Zukunft. Und ich muss mich entscheiden, denn an den wenigsten Tagen habe ich Zeit und Energie für beide. Oft bin ich im Ziespalt: gebe ich dem jungen den Vorrang, weil er dringend Beschäftigung will, weil er Muskeln aufbauen soll und Ausbildung braucht? Vernachlässige ich dann meinen treuen alten Merlin, der alles kann und alles weiß und sein Leben lang alles richtig gemacht hat und es nicht verdient hat, nur herum zu stehen, weil er auch Aufmerksamkeit haben möchte? Er möchte so gern zeigen was er kann, auch wenn er nicht mehr lang durchhält. Er möchte doch auch Kekse kassieren und gelobt werden und er soll natürlich auch „Seniorengymnastik“ machen, damit er fit und geschmeidig bleibt.

Meine zwei Tassen Tee konnte ich so hintereinander weg trinken. Mit meinen zwei unterschiedlichen Ponys geht das nicht gut. Und so lege ich Prioritäten fest, an denen ich mich jeweils für ein paar Wochen orientiere. Derzeit hat Duncan die Vorfahrt, weil ich sehe, dass da so viel Energie ist und weil ich diese Energie nutzen möchte um viele Reitpferdemuskeln aufzubauen, damit er mich Sonntags ein Stück durchs Gelände trägt. In ein paar Wochen verschiebt sich die Priorität vielleicht wieder in Richtung Merlin, weil Duncan sich in der Weidesaison etwas beruhigt und die zusätzliche Bespaßung nicht mehr so dringend braucht. Dass ich im Moment eher Duncan nehme heißt ja auch nicht, dass ich wochenlang nichts mit Merlin mache, nur, dass ich mich öfter für Duncan entscheide.

Ich werde niemals beide Ponys gleich behandeln können – schon deswegen weil sie so unterschiedlich sind. Ich kann nur versuchen, beiden irgendwie gerecht zu werden und dabei nicht zu übersehen, dass es auch für mich Spaß und Entspannung sein soll und keine Pflichtübung. Was meine beiden Ponys übrigens offenbar nicht so gerne mögen ist mein Versuch, mit beiden gleichzeitig zu arbeiten. Sie machen das mal mit, aber eigentlich möchten sie mit mir allein sein. Lieber genießen sie 10min meine volle Aufmerksamkeit als 20min die halbe.

Ich kann das gut verstehen (auch wenn ich gelegentlich trotzdem mit beiden zusammen übe, weil auch das hin und wieder Spaß macht und lehrreich ist). Aber ich habe meine beiden Teetassen ja auch nacheinander geleert und nicht durcheinander getrunken.

Jedes Pony für das wertzuschätzen was es zu bieten hat, ist die Kunst. Nicht zu vergleichen, keine Konkurrenz zu sehen. In unserer Gesellschaft, in der wir ständig alles in „besser“ und „schlechter“ einteilen das „anders“ als gleichwertig anzusehen, ist eine gute Übung für meine eigene Wahrnehmung. Und mir auch manchmal selbst zuzugestehen, dass es mir an manchen Tagen leichter fällt, mit Merlin Zeit zu verbringen, während ich an anderen Tagen lieber etwas mit Duncan unternehmen mag. Wenn ich in den Stall komme und eins meiner Ponys ganz dringlich nach Aufmerksamkeit fragt, ändere ich meine Pläne aber auch manchmal spontan. Denn meistens, wenn einer von meinen beiden Schimmeln sich nachdrücklich anbietet, wird es eine besonders schöne gemeinsame Einheit.

Letztendlich habe ich eben die beiden besten Schimmel der Welt und schätze mich deswegen doppelt glücklich. Darauf eine Tasse Tee – oder zwei.