Hervorgehoben

Wie alles begann

Warum dieser Blog „Schotten-Pony“ heißt

Sir Duncan Dhu of Nakel

Meine Liebe zum schottischen Highlandpony begann vor ungefähr 11 Jahren, als ich eine Highlandpony-Züchterin als Hufpflegekundin bekam. Damals ahnte ich noch nicht, dass das mein Leben verändern würde. Dass ich einmal Fan einer bestimmten Pferderasse werden würde, hielt ich für ausgeschlossen. Schließlich sind alle Pferde toll und alle haben ihre Vorzüge.

Das stimmt auch immer noch. Und ich habe die Rasse gefunden, die am besten zu mir passt: das Schottische Highlandpony. Einige Jahr später wurde bei dieser Züchterin mein erstes „Schotten-Pony“ Finlay geboren und Finlay wird für mich (was den Charakter angeht) vielleicht immer der Innbegriff des Highlandponys sein. Die Schotten sind ein bisschen anders als andere Ponys. Natürlich gibt es – wie auch innerhalb anderer Rassen – eine Bandbreite an verschiedenen Typen: von den sehr lieben, die sich als Therapiepferd eignen bis zu den sehr selbstbewussten, die ihre Besitzer schon mal vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Was ihnen gemeinsam ist, ist die große Menschenbezogenheit, das unbedingte Bedürfnis nach viel Beschäftigung und Abwechslung sowie der Gerechtigkeitssinn. Behandle mich fair, dann ist alles ok. Behandle mich unfair und Du zahlst den Preis. Die Schotten sind sehr ehrlich – geradeheraus, kein Blatt vor dem Mund. Und viele von ihnen sind abenteuerlustig, haben wenig Angst und erleben gern Neues.

In diesem Blog möchte ich Euch teilhaben lassen an den Geschichten, die ich mit meinem Schotten-Pony erlebe. Bald schon geht es los – ich nehme Euch mit auf eine Reise, die so gar nicht hätte stattfinden sollen, und die ich jetzt als neue Chance und neues Abenteuer sehen möchte. Abonniert am besten gleich diesen Blog, damit Ihr keine Schotten-Pony-Abenteuer verpasst! (einfach Ich freue mich jederzeit über Kommentare, Fragen und Themenwünsche.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 78

Also eins muss ich meinem Mädchen lassen: sie wird besser. Mit der Lieferung von Abenteuern meine ich. Neulich hatte sie ja den Abenteuerurlaub mit uns gemacht. Dann hat sie beschlossen dass sie jetzt auch im Dunkeln mit mir spazieren geht mit all dem reflektierenden und leuchtenden Kram von dem sie dachte ich könnte mich gruseln (also wirklich!) und gestern kam sie mit etwas neuem um die Ecke. Ihr erinnert Euch an diesen Eintrag? https://schotten-pony.com/2020/08/31/aus-dem-tagebuch-des-sir-duncan-dhu-69/    

Gestern war es wieder so weit. Dreitausend Lederriemen haben sie an mir festgetüddelt. Ich war natürlich seeeeeeeehr geduldig. Dann haben sie festgestellt, dass ich eben DOCH gewachsen bin, obwohl mein Mädchen mir das ja immer nicht glaubt. Ich bin halt nicht in die Höhe gewachsen, sondern in die Länge! Also mussten sie noch den Schweifriemen verstellen. Dann gab es noch allerhand reflektierenden Kram für mich und mein Mädchen und den Mann. Mein Spaziergehkumpel war auch mit und das Mädchen vom Spaziergehkumpel und … äh…. die anderen beiden Mädchen vom Spaziergehkumpel (der Typ hat einen Harem! Das wäre mir ja zu kompliziert. Ich liebe nur mein Mädchen und das aus ganzem Herzen. Aber kann ja jeder machen wie er meint!)

Der Mann ist neben mir her gelaufen mit dem Strick in der Hand. Und mein Mädchen hat so getan als würde es auf einer Kutsche sitzen. Leider hat sie nicht auf einer Kutsche gesessen, was bedeutet, dass sie immer zu langsam war. Mädchen, gib Gas! Was ist sie hinter mir her gestolpert und gehechelt. Das Mädchen vom Spaziergehkumpel kann das, die ist schneller zu Fuß. Siehst Du, mein Mädchen, das geht, Du musst Dich nur mehr anstrengen!!

Es liegt nicht an mir, dass wir so weit hinten sind! Los, Mädchen, mach mal lange Füße!

Zwischendurch hat das Mädchen vom Spaziergehkumpel die Leinen übernommen um mal zu sehen wie es mit mir so geht. Sie ist nämlich plötzlich nicht mehr „das Mädchen vom Spaziergehkumpel“ wenn wir so tun als würden wir Kutsche fahren sondern „die gestrenge Fahrlehrmeisterin“.

Hier bin ich mit der gestrengen Fahrlehrmeisterin unterwegs.

Meine und die von meinem Mädchen. Weil wir beide Anfänger sind. Mein Mädchen ist mit meinem großen Bruder schon ein kleines bisschen gefahren aber nur ein paar Mal. Und sie sagt, von ein paar Mal kann man das nicht richtig. Aber ich lerne ja zum Glück schneller als sie. Ich hatte nach einer halben Stunde raus wie das geht. Und hab einfach alles richtig gemacht. Naja, manchmal wollte ich nicht nach rechts rüber gehen. Aber die meiste Zeit war ich toll und mein Mädchen hat mir ständig gesagt wie großartig ich das mache. Und manchmal hat sie „Keks“ gesagt und dann musste der Mann mir einen Keks geben. Der hat da so seine eigenen Vorstellungen, der schiebt den Keks so seitlich ins Maul. Komische Marotte. Ich finde das kompliziert, dass muss ich noch üben. Oder ihn umerziehen.

Einmal hab ich mich auch echt erschreckt. Weil so viele Mädchen mit waren waren nämlich auch mehr Wölfe mit als sonst. Und die haben dann ganz wild gespielt. Das hat mich ein bisschen aufgeregt! Und als sie dann von hinten immer so angeschossen kamen, habe ich doch mal Gas gegeben. Mein Mädchen und der Mann haben mich fest gehalten und ich bin gleich wieder stehen geblieben. Da haben sie mir beide einen Keks gegeben (jeder einen!) weil sie es toll fanden dass ich wieder angehalten hab. Die Wölfe mussten dann an die Leine – tja, Pech. Ich muss ja auch immer an der Leine laufen! Dabei würde ich auch gern mal mit Vollgas durch die Gegend preschen!

Das Mädchen vom Spaziergehkumpel hat mir versprochen, dass wir ganz lang traben können wenn ich erst mal die Kutsche ziehen kann. Dass mein Mädchen sich das dann auch traut und dass sie ein gutes Wort für mich einlegt, dass es nicht zu langweilig wird. Ich mag die, die sorgt immer gut für Abenteuer.

Jedenfalls langer Rede kurzer Sinn: ich kann´s. Und ich bin gespannt, was für ein Abenteuer mein Mädchen sich als nächstes ausdenkt. Bis dahin trainiere ich sie, dass sie fleißigeren Schritt geht! Bummeltante.

Euer groß(artig)er Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. ich bereite große Taten vor, aber dazu demnächst mehr!

Stürme und Stille

Ich liebe den Herbst. Er ist meine absolute Lieblings-Jahreszeit. Während um mich herum viele Leute traurig sind, dass die warmen Sommertage vergangen sind, atme ich auf und fühle mich wohler. Ja, es ist kalt, ja ich friere auch oft. Aber ich mag lieber frieren als schwitzen und ich mag vor allem die Stille des Herbstes. Wenn die Vögel leiser werden, wenn die Sonne nicht mehr so direkt von oben kommt, wenn Nebel über den Wiesen liegt ist alles irgendwie gedämpfter und ruhiger und ich selbst komme besser zur Ruhe. Dann kommen die Stürme, die den Kontrast zwischen dem gemütlichen Leben in der Wohnung mit heißem Tee und Sofa und dem draußen sein so groß machen, auch das liebe ich sehr.

Der Herbst ist für mich auch eine Zeit, in der ich viel meinen Gedanken nachhänge. Während ich draußen Weidezäune abbaue, den Paddockzaun repariere und freischneide, Eicheln aufharke und oft auch den einen oder anderen „Aufräumanfall“ bekomme, geht mir alles durch den Kopf was so passiert ist im vergangenen Jahr. Letztes Jahr war diese Zeit von Trauer und Schmerz geprägt und von wahnsinnig viel extra Arbeit und Aufwand, von körperlicher Krankheit und seelischer Ver-rücktheit. Dieses Jahr fühlt es sich wieder so an wie es soll. Und während „da draußen“ Corona sein Unwesen treibt, ist hier alles wie immer.

Nachdem es gestern sehr windig war, sind die Ponys heute extra-still. Duncan hat einen sehr ausgiebigen Mittagsschlaf gehalten, bewacht von den anderen Ponys, die dösend daneben standen. Man wächst im Schlaf, habe ich gelernt. Also vielleicht ist mein Pony etwas gewachsen in der letzten Stunde. Ich hoffe es, denn er muss schon noch ein Stückchen schaffen um groß und kräftig genug zu werden, mich irgendwann tragen zu können. Aber ich finde, etwas Breite hat er schon gewonnen in den letzten Wochen.

Wachsen, das ist ja so eine Sache. Spätestens seit Finlays Tod stehe ich auf Kriegsfuß mit dem allerseits propagierten „persönlichen Wachstum“. Ein Selbstoptimierungs-Wahn – so scheint mir – hat von der kapitalistischen Gesellschaft Besitz ergriffen. Er zieht sich nicht mehr nur durchs geschäftliche, sondern hat längst Einzug gehalten in unser Privatleben. Wir sollen unsere Ernährung optimieren, unsere sportlichen Betätigungen, sogar unseren Schlaf. Unsere Wohnung soll entrümpelt sein, unser Alltag strukturiert. Weil – ja warum eigentlich? Was genau versprechen wir uns davon?

Auch in der Pferdewelt geht es nicht anders zu. Und sei es nur der neue Striegel, der den Fellwechsel noch leichter machen soll, oder das neue Mineralfutter, das dem Pferd noch mehr Gesundheit, mehr Leistungsfähigkeit oder bessere Hufe bescheren soll. Nicht wenige Pferdebesitzer rennen wie besessen von einem Stall zum nächsten und suchen das Optimum für ihr Pferd, ohne jemals wirklich anzukommen. Andere besuchen einen Kurs nach dem anderen, um noch besser zu werden, ihrem Pferd noch mehr Abwechslung zu bieten oder manchmal auch nur um dabei gewesen zu sein. Schon lange empfinde ich unsere Gesellschaft als eine Ansammlung getriebener Menschen und seit Finlays Tod hat sich das noch verstärkt. In der Trauer empfinden viele Menschen, dass die Zeit still steht und so war es auch bei mir. Lange hatte ich das Gefühl, die Zeit hat ihren natürlichen Gang verloren. Von außen zu beobachten, wie schnell die Zeit für andere Menschen läuft, war eine sehr skurrile Erfahrung.

Gegen die Getriebenheit und das Gehetze der Menschen hat sich wiederum eine ganze Industrie gestellt, die uns Achtsamkeit verkauft, Yoga und Meditation. Und doch bewegen sich auch diese Angebote in demselben Uhrwerk. Dass ich mich abhetze, um rechtzeitig zu meiner Yogastunde zu kommen, scheint mir doch irgendwie der Gipfel der Farce.

Als mein kleiner Duncan heute gemütlich im Paddock lag und schlief – einfach so, weil er nun gerade JETZT müde war – habe ich mich in seine Nähe gehockt und Zeit mit ihm verbracht. Um uns herum standen die anderen Ponys und ich habe mich so gut es ging eingefügt in das, was sie getan haben – mal schauen, mal dösen, mal die Position wechseln. Duncan blieb seelenruhig liegen. Ich konnte mir nicht verkneifen, das Handy zu zücken und Fotos zu machen. Und natürlich auf die Uhr zu schauen: wann muss ich los zu meinem nächsten Termin? Aber ich hatte Glück und konnte eine ganze Weile bei meinem schlummernden Pony bleiben. Und wieder überkam mich die Sehnsucht nach einem einfacheren, überschaubareren Leben (obwohl mein Leben im Vergleich zu dem anderer Menschen schon sehr einfach gestrickt ist) und wieder wurde mir bewusst, dass es für mich in nächster Zeit nur darum gehen wird, zu vereinfachen. Alle Stellen zu finden, an denen ich mein Leben einfacher, vielleicht auch ein Stück ursprünglicher gestalten kann, damit mehr Zeit und Raum bleibt für das, was sich wirklich tun und leben möchte.

Ich möchte meine Zeit so leben wie es mir gefällt und mir den Luxus leisten, weniger an meinen Stundenlohn zu denken als an das was mir wirklich etwas gibt.

Zu diesem Luxus gehörte unser kleines Abenteuer über das Sir Duncan Euch berichtet hat. Ich habe in diesen drei Tagen nichts weiter getan, als Zeit mit meinem Mann und unseren beiden Ponys zu verbringen. Wir waren nicht auswärts essen, wir haben noch nicht mal mehr geschlafen als sonst. Wir haben abgeäppelt und die Ponys versorgt und waren stundenlang mit ihnen zusammen – weiter nichts. Abends haben wir schnöde ferngesehen. Kein „Achtsamkeitsprogramm“, keine „Auszeit“ von irgendwas. Mein Handy war an und ich habe auch Nachrichten von Kunden beantwortet. Und doch waren es drei wunder-volle Tage die wir sehr genossen haben. Die Einfachheit des Lebens – obwohl es körperlich recht anstrengend war – hat mir gut getan. Die Einfachheit, die meine Ponys leben: schlafen, wenn man müde ist, spielen, wenn man Langeweile hat und ab und zu ein Abenteuer erleben zur Abwechslung.

Der Alltag, den viele Menschen als so „grau“ empfinden, ist mein höchstes Gut geworden. Ich bin froh, ihn wieder gefunden zu haben, meinen Alltag. Und ja, ich werde ihn verbessern an Stellen an denen ich Lust dazu habe. Aber ich möchte mich lossagen davon, getrieben und angespornt von außen etwas an mir und meinem Leben zu verändern, nur weil es in unserer Gesellschaft „in“ ist, total gestresst zu sein, keine Zeit zu haben und sich selbst viel zu viel aufzuhalsen. So wie ich mein Pony auf eine Art und Weise ausbilden möchte, die alles an ihm so lässt wie er nun mal ist, so möchte ich endlich anfangen, mich selbst so zu nehmen wie ich bin und mir nicht mehr einreden lassen, dass es da etwas zu verbessern gäbe. Auch das hundertste Seminar macht keinen besseren Pferdemenschen aus mir. Was einen besseren Pferdemenschen aus mir macht ist die Zeit, die ich mit meinem Pony verbringe und in der ich ungehetzt und ohne Anspruch erforschen und ausprobieren kann. Und die Zeit danach, in der ich meinen Gedanken freien Lauf lasse und überlege, was da heute passiert ist und warum. Natürlich möchte ich lernen und Duncan möchte auch noch ganz viel lernen. Es ist das Gefühl dahinter um das es mir geht. Lernen, weil etwas noch nicht gut genug ist, weil ich etwas kritisiere oder lernen um des Lernens willen, das sind zwei ganz unterschiedliche Paar Schuhe.

Duncan hat keine Uhr und keinen Terminkalender. Er hat keinen Ausbildungsplan und kein Ziel. Er lebt in den Tag hinein und schaut einfach was passiert und worauf er gerade Lust hat. Und auch wenn ich diese Leichtigkeit des Seins nicht erreichen kann, weil ich keinen Besitzer habe, der für alles sorgt, sondern ganz erwachsen für mich selbst sorgen darf, möchte ich doch möglichst viel von ihm darüber lernen, wie das geht, so unbeschwert und ungeplant, ungestresst und ohne Anspruch an sich selbst zu sein. Denn er – im Gegensatz zu all jenen Angeboten, die es so gibt an Achtsamkeit, Auszeiten oder wasweißich – lebt wirklich außerhalb des Systems in dem wir alle so gefangen sind. Und gerade jetzt im Herbst gibt es eine wichtige Lektion von ihm zu lernen: wenn Sturm ist, ist Sturm. Dann ist man wach und aufgekratzt, aufmerksam und auch mal unentspannt. Danach, wenn der Sturm sich gelegt hat, kehrt die Stille zurück und will genossen werden. Zum Beispiel mit einem schönen Schläfchen. Wann nur haben wir Menschen das eigentlich verlernt….

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 77

Abenteueeeeeeeeer!

Mein Mädchen hatte mir einen Abenteuerurlaub versprochen. Ich hab ungeduldig darauf gewartet und am Donnerstag ging es dann endlich los (ich weiß ja inzwischen: was sie verspricht, das hält sie auch!)

Zusammen mit Diego dem Großen bin ich voller Erwartung in die Wackelkiste gestiegen.  Wir sind lange, lange geschüttelt worden. Ich habe den dumpfen Verdacht, es ging dreimal im Kreis…. aber egal. Draußen hat es eh soooooo doll geregnet, da war es in der Wackelkiste viel gemütlicher, zumal die Menschen uns genug Heu hingelegt hatten, damit uns nicht langweilig wird. Schließlich sind wir doch noch angekommen. Ich bin als erster aus der Wackelkiste geklettert. Aber kaum war ich draußen, habe ich ein furchterregendes Geräusch gehört! Und gerochen hat es auch ganz komisch! Da habe ich es tatsächlich mit der Angst bekommen. Habe meinem Mädchen gesagt, dass ich sofort wieder in die Wackelkiste einsteigen möchte! Aber sie hat gemeint, ich sei doch ein mutiger Ritter und ich würde das schon schaffen, das wäre gar nichts schlimmes! Also habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und bin mit ihr mit gegangen. Diego der Große war sich auch nicht ganz sicher, und das will was heißen! Der fürchtet sich nämlich wirklich NIE! Sie haben uns in einen Paddock gebracht, weil sie meinten, wir wollten uns bei dem Regen vielleicht unterstellen. Wollten wir aber nicht, denn da wo der Unterstand war, waren auch die fiesen Gespenster, die die merkwürdigen Geräusche gemacht haben! Man das war vielleicht gruselig!

Mein Mädchen und der Mann sind dann für eine Weile weg gegangen. Als sie wieder kamen haben sie gesehen dass wir Ponys immer noch draußen im Regen standen. Mein Mädchen hat uns etwas Heu an den Rand vom Unterstand gelegt, damit wir uns näher ran trauen, das hat uns überzeugt. Nach einer Weile hatten wir uns an die komischen Geräusche und Gerüche gewöhnt.

Abends sind wir alle zusammen noch ein bisschen spazieren gegangen – war ganz schön nass, von oben und von unten! Danach haben sie uns auf eine Weide gestellt. Da konnten wir  die Gespenster besser sehen. Wir haben sie uns genau angeschaut und festgestellt: die sind eigentlich harmlos, die Gespenster. Kleiner als Caruso, ähnlich gefleckt wie er. Nur die Nasen sind anders.

Eigentlich ganz ok, die Gespenster.

Wir haben dann dort auf der Weide übernachtet. Am nächsten Morgen war zum Glück auch wieder ganz feines Wetter. Mein Mädchen und der Mann haben uns angezogen und dann sind wir gemeinsam losmarschiert.

Startklar!

Das war mal eine Ausflug nach meinem Geschmack! Fast 3 Stunden waren wir unterwegs (knapp 12km sagt mein Mädchen).  Es gab eine Menge zu sehen und ich hab natürlich alles richtig gemacht. (Meistens. Bis auf die paar mal wo ich ein bisschen genervt habe, sagt mein Mädchen. Dabei hat sie genervt! Weil sie zu langsam war oder zu nah an mir dran oder überhaupt).

Schneller, mein müdes Mädchen, schneller!

Als wir wieder in unserem Quartier angekommen sind, gab es gleich das nächste Abenteuer! Stuten! Zwei Stück die nebenan im Paddock standen. Oh, da hat mein Mädchen aber Angst bekommen dass ich durch den Zaun gehe… Hätte ich natürlich nicht gemacht, aber sie geht ja gern auf Nummer sicher. Hat mich ans Halfter genommen und mir gesagt was ich machen soll. Ich hab gut aufgepasst, dafür gabs Kekse. Auch ok.  Nach ein paar Minuten hat sie mich wieder losgemacht, ich bin zu den Stuten gelaufen und wollte mal so über den Zaun…. Autsch! Der Zaun hat ganz schön gebissen! Na gut, also muss ich wohl doch etwas Abstand von den Damen halten. Ein paar Stunden standen die da – war ganz schön aufregend für mich! Aber mein Mädchen hat derweil Rumstehtraining gemacht, mir geholfen, mit der Aufregung klarzukommen und zu verstehen was sie ok findet und was nicht so. Ich hab immer geschaut, was sie von meinem Benehmen hält und sie war am Ende sehr stolz auf mich. Leider sind die Stuten gegen Abend wieder weggegangen. Ich habe ihnen noch ein paar mal hinterher gewiehert aber dann bin ich wieder zu meiner Lieblingsbeschäftigung übergegangen (essen).

Noch eine Nacht auf der Koppel mit den lustigen Gespenstern nebenan, so nach und nach haben wir auch ihre Sprache gelernt, am nächsten Morgen noch ein Ausflug (diesmal so gute 2 Stunden) – mein Mädchen war schon ganz schön müde. Sagt, sie hat jetzt so Muskelkater im Po, dass sie bestimmt  einen schönen knackigen Po bekommt und ich auch (hä? Meiner ist doch schon so toll!)

Einmal ist mein Mädchen auch ein Stück auf Diego geritten. Aber die meiste Zeit ist sie mit mir gelaufen – sie mag nämlich gern mit mir zusammen sein!

Danach sind wir wieder nach hause gefahren.

Das war ein super Urlaub, sag ich Euch! So ein Abenteuer das schweißt zusammen. Ich hoffe wir machen öfter mal so was! Endlich war mal was los! Und ich konnte zeigen, was in mir steckt.

Euer abenteuerlustiger Sir Duncan dhu of Nakel

Vertrauen

Der Herbst ist da. Das merke ich nicht nur an den Temperaturen, sondern auch sehr deutlich am Verhalten der Ponys. Die letzten Sonnentage haben sie genutzt um noch mal so richtig aufzutanken. Jetzt, wo es viel kühler und windiger ist, wird wieder mehr gespielt und es gibt auch wieder mehr zum erschrecken. Neulich war „Gruselabend“. Wenn Damwild im benachbarten Maisfeld unterwegs ist, dann sind die Ponys in Hab-acht-Stellung. Man kann dann fast nichts vom Damwild sehen, und wenn der Wind durch die Bäume rauscht, kann man sie auch nicht hören, aber wir wissen alle, dass da Tiere sind und manchmal tauchen sie wie aus dem Nichts auf unserer Weide auf…..

Als ich abends in der Dämmerung noch einmal Richtung Weide gehe um den Zaun umzubauen, sind die Ponys alle im Stall und schön weit weg von den Gespenstern. Duncan steht auf dem Paddock. Ich glaube, er würde gern noch Eicheln sammeln gehen, traut sich aber alleine nicht los. Als er sieht, dass ich in diese Richtung gehe, kommt er vorsichtig mit. Einmal erschreckt er sich und springt mir fast auf den Schoß. Als ich durch den Weidezaun krabble, bleibt er angespannt stehen. Dann wandert er auf dem Rundlauf immer auf meiner Höhe mit, während ich ein paar mal hin und her über die Weide gehe. Nach und nach fühlt er sich sicherer und geht schließlich tatsächlich Eicheln sammeln. Als ich dann wieder zurück Richtung Stall gehe, rufe ich ihm das zu (ich rufe nicht seinen Namen, denn das wäre eine Aufforderung zu kommen. Ich teile ihm nur mit, dass ich diesmal nicht zurückkomme). Er bleibt bei den Eicheln. Aber als ich im Paddock ankomme, höre ich hinter mir das „padadam“ galoppierender Hufe. Alleine wollte er dann doch nicht in der Gespensterecke bleiben!

Ich fühle mich sehr geehrt. Anscheinend findet er mich vertrauenswürdig genug, dass er unaufgefordert und freiwillig mit mir in die Gruselecke geht und dort auch recht entspannt herumwandert, obwohl ich immer ca 20m von ihm entfernt auf der Weide zugange war.

Vertrauen ist eine merkwürdige Sache. Die Definitionen die ich im Internet dazu gefunden habe, finde ich alle recht sperrig. Was heißt „Vertrauen“ für die Beziehung zwischen Pferd und Mensch?

Manche glauben, es sei Duncans großes Vertrauen in mich, dass ihm den Mut gibt, durch Poolnudeln zu laufen, alleine Anhänger zu fahren oder über eine Plane zu marschieren. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Es ist sein Selbstvertrauen oder vielleicht Urvertrauen in die Welt, was das möglich macht. Mich braucht er dazu gar nicht. Aber dass er mit mir in die Gruselecke gegangen ist, das war eindeutig sein Zutrauen in meine Kompetenz.

Ich hingegen merke, dass ich Duncan noch nicht so vertraue wie ich es gern möchte. Klar, er macht im Grunde alles richtig. Aber ich bin doch oft noch vorsichtig. Manche Sachen wie Hufe geben, den Schweif anfassen etc sind für mich schon Routine geworden. Aber manches, wie zum Beispiel ihm den Arm über den Rücken zu legen und mich etwas an ihn heranzudrücken, mache ich noch sehr vorsichtig, weil dort mal Gegenwehr kam. Und ich mache es eben nicht nur vorsichtig, um ihm nicht zu viel abzuverlangen, sondern auch weil ich etwas Sorge habe, dass seine Gegenwehr unangenehm werden könnte (obwohl selbst seine heftigsten Abwehrbewegungen gegen mich zwar schnell und beeindruckend aber nicht schmerzhaft waren).

Je mehr gute Erlebnisse wir zusammen haben, desto mehr wächst mein Vertrauen. Je besser ich ihn kenne, desto sicherer bin ich mir, dass er gut aufpasst, dass mir nichts passiert. Aber wie gut passt er auf sich selbst auf? Wenn er sich dann doch mal erschreckt, springt er mir dann vor ein Auto oder in einen Graben? Ich habe mir immer schon viele Sorgen um die Gesundheit meiner Ponys gemacht, und mit Finlays Tod hat sich das noch gesteigert. Und natürlich ist ein junges Pferd auch grundsätzlich noch impulsiver und unerfahrener. Neulich im Spiel mit Gatsby ist Duncan so hoch gestiegen, dass er schließlich umgefallen ist. Mir ist fast das Herz stehen geblieben, aber so ein kleiner Hengst, der steht einfach wieder auf, atmet zweimal tief durch und spielt dann weiter. Blaue Flecken, gezerrte Muskeln oder einfach nur der Schreck – alles egal. Und ich muss das aushalten, ich kann es nicht ändern. Er muss selbst erfahren, wo seine Grenzen sind und wir alle wissen, dass es für diese Selbsterfahrung keinen Ersatz gibt.

Aber wenn Duncan und ich zusammen sind, fühle ich mich verantwortlich dafür, dass ihm nichts passiert. Das Losreißen von vor ein paar Wochen hängt mir noch sehr nach. Weil ich auch im Nachhinein wirklich keine Voranzeichen entdecken kann und also nicht weiß, ob es mir nicht doch wieder passieren kann. Und Losreißen ist einfach nicht witzig – für mich ist es nicht gefährlich, aber für Duncan und mit Pech auch für andere.

Und dann ist da natürlich die Tatsache, dass Duncan erst 2 Jahre alt ist. Und natürlich ist er – obwohl er schon oft so erwachsen wirkt – bestenfalls ein Teenager. Und auch bei Menschen wird Teenagern kein unbegrenztes Vertrauen entgegengebracht. Sie dürfen zum Beispiel noch nicht Auto fahren, obwohl sie es technisch gesehen könnten. Komplexe Situationen zu überblicken ist vielleicht in jüngeren Jahren noch nicht so möglich und die Konsequenzen eigenen Handelns abzuschätzen will ja eben auch erst gelernt werden, genau wie die Regulierung der eigenen Gefühle. Und so ist es wohl normal, dass ich Duncan noch nicht 100% vertraue.

Da ich Duncan – auch nach einem ganzen Jahr – noch gar nicht so gut kenne, ziehe ich (bewusst oder unbewusst) ständig Vergleiche zu anderen Pferden. Ich suche Referenzpunkte und ich glaube ich suche sie oft an der falschen Stelle. Als ich neulich meine ersten Blog-Beiträge wieder gelesen habe, habe ich mich wieder erinnert, dass Duncan Merlins Nachfolger ist, nicht Finlays. Ich hatte das vergessen und habe Duncan immer mit Finlay verglichen. Weil Finlay eben auch noch so jung war als er zu mir kam (Merlin war schon 8 Jahre alt als ich ihn kennengelernt habe). Und weil Finlay ja auch ein Highlandpony war. Aber es ist ganz verkehrt, die beiden miteinander zu vergleichen. Je länger ich Duncan habe, desto klarer wird mir das.

Duncan ist Merlin sehr viel ähnlicher als Finlay. Duncan bringt diesen Wunsch nach Harmonie mit und dieses freundliche Wesen, wo Finlay raubeinig und direkt, sehr viel kreativer und eigenständiger im Lösen von Problemen war. Duncan will kooperieren und ist bereit zurückzustecken, Finlay wollte selbst entscheiden und sich frei fühlen. Finlay mochte gern ausprobieren und hatte zu allem eine Meinung, Duncan will lieber eine Anleitung. Finlay hat Regeln sehr gern in Frage gestellt, ein Verhalten dass ich bei Duncan bisher nur in winzigen Momenten beobachtet habe und auch dann nur sehr dezent. Und in all diesen Punkten ist Duncan meinem Merlin sehr ähnlich.

Vertrauen entsteht für mich aus einer großen Portion Vorhersagbarkeit. Wenn ich ahnen kann, wie mein Pony sich verhält, wenn ich (soweit das zwischen Pferd und Mensch eben möglich ist) verstehen kann, warum er sich so verhält und wenn ich wieder und wieder und wieder die Erfahrung mache, dass Duncan keine gefährlichen Dinge tut, dann kann ich anfangen zu vertrauen.

Und derweil bewundere ich die Pferde, die so viel Vertrauen in ihren Menschen setzen nach so kurzer Zeit und ich möchte all jenen Pferdebesitzern Mut machen, die auch nach 2 oder 3 Jahren noch wenig Vertrauen von ihrem Pferd bekommen. Ich kann Euch aus eigener Erfahrung sagen: das kann länger dauern. Vor allem, wenn davor das eine oder andere traumatische Erlebnis stand. Wenn die Seele erschüttert ist, wächst Vertrauen nicht mehr so schnell wie vorher. Ich glaube dennoch, dass wir alle vertrauen wollen, Pferde wie Menschen, denn es ist ein schönes Gefühl. Und so werde ich weiter danach suchen und ganz langsam wird mein Vertrauen in mein wunderbares Pony wachsen.

Heute ziehen wir los auf ein großes, gemeinsames Abenteuer (Sir Duncan wird bestimmt berichten) und mit jedem dieser Abenteuer wird das kleine Pflänzchen des Vertrauens etwas größer und stärker werden.

Bis ich eines Tages merke, dass ich Dinge selbstverständlich tue, die ich jetzt noch nicht machen möchte. Bis ich nicht mehr darüber nachdenke, ob er jetzt blöd reagieren wird. Auf diesen Tag freue ich mich.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 75

Ihr lieben, lieben Menschen! Neulich hatte ich ja den Notstand ausgerufen, Ihr erinnert Euch? https://schotten-pony.com/2020/09/21/aus-dem-tagebuch-des-sir-duncan-dhu-72/

Und was soll ich sagen: Ihr habt mich gerettet! Berühmt sein ist doch wirklich toll! Mein Mädchen sagt, wenn ich ihr irgendwann die Haare vom Kopf gefressen habe , dann könnte ich anscheinend auch für mein eigenes Futter sorgen.

Notfallhilfe von meinen Fans! Danke!

Aber ich habe ihr die Haare nicht vom Kopf gefressen. Warum auch? Die schmecken doch gar nicht. Und deswegen gibt sie mir auch weiter Futter. Besser ist das, ich soll ja schließlich wachsen! Allerdings muss ich sagen, das Heu was sie uns gibt ist nur so halb lecker gerade. Sie meint das wäre voll gesund. Weniger Zucker und das würde uns schön fit halten. Mädchen, fit halten tu ich mich ganz anders! Ich habe nämlich meinen Lieblingssport wieder aufgenommen: mit meinem Schottenkollegen Gatsby rangeln! Jetzt wo es nicht mehr so warm ist macht das wieder viel mehr Spaß! Und außerdem können wir ja auch mehr rausgehen, mein Mädchen, für die Fitness, dann haben wir Deine auch gleich mit aufpoliert (und du hast es nötiger als ich…..). Und dann könntest Du uns auch wieder von dem leckeren Heu servieren und müsstest uns nicht so einen Ökofraß da hinlegen. Bäh.

Kennt Ihr den Spruch „der Hunger treibt’s rein“? Genau so ist das. Mein Mädchen ist sehr zufrieden damit. Wir Ponys aber nicht! Hallo?! Was soll denn das? Und das Gras auf der Wiese ist auch nicht mehr was es mal war. Ist das im Herbst immer so geschmacklos? Na wenigstens hat sie gesagt wir dürfen nochmal auf ein anderes Weidestück wo was frisches nachgewachsen ist. Vielleicht ist das ja leckerer. Wie soll ich denn wachsen wenn es nur so ein Zeug gibt? Da werde ich noch das eine oder andere ernste Wörtchen mit ihr reden müssen!

Aber bis dahin lasse ich mir Eure Kekse schmecken, denn die sind lecker! Die mit Banane habe ich noch nicht probiert, bin schon ganz gespannt!

Danke liebe Menschen!!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Bilanz

Am 29.9.2019 ist Sir Duncan hier eingezogen. Was für ein Tag! Den werde ich wohl nie vergessen. Wie Duncan 4 Stunden auf dem Anhänger stand von Dänemark zu uns und er in diesen 4 Stunden nicht einmal mit dem Kopf geschlagen, mit dem Huf gestampft oder andere Zeichen von Stress gezeigt hat. Er stand neben Diego, hat entweder Heu gegessen oder gedöst und stieg hier zu hause aus, frisch wie der junge Frühling, ohne ein nasses Haar, bereit, sich einzulassen auf was auch immer da kommen mag. Was für ein Start.

Und obwohl die Integration in die Herde dann doch schwierig und langwierig war, haben wir es schließlich geschafft und alle sind beste Freunde geworden. Unsere Herde ist eine großartige Familie für den kleinen Zwerg, sie erziehen ihn mit liebevoller Strenge und jeder trägt durch seinen individuellen Charakter dazu bei, dass Duncan sich bestens entwickelt. Diego ist einfach der beste Pony-Papa den ich mir vorstellen kann und dadurch dass wir ihn haben, konnten Duncan und ich schon ganz schön viel erleben in diesem ersten gemeinsamen Jahr. Denn Diego ist immer dabei wenn es etwas aufregendes neues zu erleben gibt und zeigt Duncan genau wie es geht. Wir sind fast 250km zusammen durchs Gelände gelaufen in diesem ersten Jahr und davon hat Duncan sich geschätzte 235km einfach absolut einwandfrei benommen. Kleinere Diskussionen gehören dazu.

Größere Pannen hatten wir nur eine – als er mir auf dem Reitplatz abgehauen ist. Meine Schuld, ohne Ausrede.

Wir sind unzählige Male Anhänger gefahren, inzwischen auch schon allein ohne Begleitpferd. Wir waren im Trailpark und hatten dort super viel Spaß. Wir haben ein erstes kleines Fahren vom Boden mit vollem Geschirr gemacht. Wir haben gewippt und Fußball gespielt, Plane, Regenschirm, Matratze, Luftballons und den Gartenschlauch sowie den Rasensprenger in Augenschein genommen. Er hat gelernt dass unser kleiner Aufsitzmäher doch ungefährlich ist. Er hat entdeckt, dass ich gern angewiehert werde und tut das ab und zu. Er hat gelernt, unangebunden auf dem Hof zu stehen und zu warten bis ich die Bürste geholt habe ihm einen Keks bringe. Er lässt sich die Hufe besser machen als der Durchschnitt meiner Kundenpferde, er kann sein kleines Reitpad mit Packtaschen tragen und eine Fliegendecke. Er kommt im Straßenverkehr gut zurecht und erträgt alles, was ein Dorf so mit sich bringt von Gartenzäunen über Hunde, Rasenmäher, flatternde Fahnen, Mülltonnen und Hydranten, Gullideckel und alles was eben sonst noch so auftaucht. Kürzlich hat er gezeigt, dass auch Dunkelheit mit beleuchteten Autos, reflektierenden Spaziergängern und der Stirnlampe auf meinem Kopf kein Thema für ihn sind.

Beim Fotoshooting hat er sich benommen wie ein Großer, und genauso benimmt er sich auch wenn sein Spaziergehkumpel mal wieder akute Pubertät hat. Er geht durch fremdes Gelände genauso sicher und entspannt wie durch heimisches und sollte er sich doch mal erschrecken, beschränkt er sich auf einen Satz nach vorn und kommt dann schnell wieder zur Ruhe.

Kurz und gut: er weiß und kann deutlich mehr als er in seinem Alter wissen und können müsste. Und ich bin sicher, dass er es genießt, so viel zu erleben. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er es wunderbar findet, draußen unterwegs zu sein – je länger, je besser. Unser neuer Rekord sind 9,7 km in gut zwei Stunden. Nach den zwei Stunden war Duncan zwar müde, aber sehr zufrieden mit sich und der Welt.

Glasige Augen, wie ich sie von anderen jungen Pferden als eindeutiges Zeichen von Müdigkeit kenne, habe ich bisher nur einmal gesehen und da war dann auch das gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren einfach mal komplett aus. An allen anderen Tagen war er zwar mal müde, aber immer gut gelaunt und noch ansprechbar.

Die Panne von neulich hat uns irgendwie nochmal mehr zusammengeschweißt – wie das mit Pannen manchmal so ist. Vielleicht weil ich ihn seitdem mit anderen Augen sehe. Ich habe so lang nach einer Grenze gesucht und nun habe ich eine gefunden. Das gibt mir eine Orientierung, wonach ich Ausschau halten darf bei der Arbeit mit meinem Super-Pony und an welchem Punkt ich wirklich aufpassen muss.

Als ich vor ein paar Tagen Abends mit der Stirnlampe in den dunklen Stall kam um die Ponys auf die Weide zu lassen, lag Duncan und schlief. Ich durfte mich dazu setzen und so haben wir eine ganze Weile miteinander verbracht, bis die anderen Ponys der Meinung waren, es sei doch jetzt wirklich Zeit, mal raus zu gehen.

Das Jahr, was nun vor uns liegt, das zwischen dem 2. und dem 3. Geburtstag, wird vielleicht das anstrengendste Jahr für mich. Zumindest wenn es so läuft wie bei Finlay. Denn das war das unstete Jahr, geprägt von Stimmungsschwankungen und Wachstumsschmerzen, Zahnwechsel und ständigem in-Frage-stellen von altbekannten Regeln. Aber vielleicht wird es bei Duncan ja auch anders. Und wenn ich es genau nehme bin ich bei Finlay damals glimpflich davon gekommen. Insgesamt war er auch in der Pubertät sehr harmlos.

Auf einem Spaziergang neulich hatte Duncan anfangs mal solche pubertären Ideen: er ist wieder Rennsemmel und zieht am Strick. Ich sage ihm er soll es lassen und statt des üblichen „ok ok“ kommt ein klares „nö“. Tja, tut mir leid, mein kleiner Ritter aber da werde ich dann schon mal etwas deutlicher. Du hast ja viele Freiheiten aber am Strick ziehen nur so wegen nix das dulde ich nicht. Danach hat er dann herumgestrebert und sich alle möglichen – sehr guten und manchmal lustigen – Taktiken überlegt, wie er an Kekse und Gras kommt.

Danach hatte ich geschlagene 8 Tage keine Zeit, etwas mit ihm zu unternehmen und er hat Euch ja schon gesagt, dass das nicht geht und er mich abgemahnt hat durch erneutes Strick-Gezerre. Allerdings diesmal in etwas anderer Qualität, sehr viel dezenter und er hat auch auf Korrektur deutlich besser reagiert. Grundsätzlich zieht er am Strick, wenn er an Energieüberschuss leidet. Ich hoffe, dass die langen Spaziergänge ihn lernen lassen, dass man Stress auch schön im gleichmäßigen Schritt abbauen kann und dafür gar nicht immer rennen muss. Nach einer Weile hatte er es sich dann abgelaufen und konnte ganz entspannt neben mir her bummeln. Er hat ja schon immer zwischen rennen und bummeln gewechselt, allerdings sind die Phasen jetzt länger geworden.

Ich möchte im kommenden Jahr vor allem weiter viele draußen-Kilometer sammeln. Öfter mal unseren „Hausberg“ rauf und runter klettern mit ihm. Noch mal in den Trailpark. Viel wippen, für die Rumpfmuskulatur (eine gute Beschäftigung für regnerische und stürmische Tage). Auch Stangentraining soll dazu kommen, natürlich vorwiegend im Schritt um die Knochen zu schonen. Im Freedom Based Training möchte ich das Pause machen üben und ich möchte anfangen, neben ihm herumzuhüpfen als erster Anklang für späteres Aufsteigen. Vor allem soll das Fahren vom Boden in unseren Alltag Einzug halten, sobald wir die Basis geklärt haben, und dann möchte ich das im Gelände üben. Ein bisschen Freiarbeit möchte ich auch anfangen. Und natürlich viel gutes Futter ins Pony, damit er schön wächst. Mit dem wachsen hat er es ja so gar nicht eilig. Aber gut, man sagt ja, langsam wachsen sei gesünder als schnell. Ich hoffe, dass es stimmt. Und irgendwann wird er schon groß werden.

Dieses erste Jahr mit ihm war für mich schwierig. Finlay loszulassen und mich auf Duncan einzulassen ist ein langer Prozess gewesen. Vielleicht ist er jetzt abgeschlossen, vielleicht kommt noch ein Rückfall. Ich bin meinem Pony unendlich dankbar, dass er meine seelische Zerissenheit so tapfer ertragen hat. Natürlich fühlt er das alles, was ich an „Gepäck“ mit mir herum schleppe. Die Tatsache, dass Pferde so etwas fühlen und darauf reagieren macht sie ja zu so guten Partnern, Coaches und Lehrmeistern. Dass mein kleiner Jährling all das für mich ausgehalten hat, immer wieder zu mir gekommen ist und mich getröstet hat, sich nicht hat verwirren lassen, wenn ich auf Spaziergängen plötzlich in Tränen ausgebrochen bin oder eine Panikattacke hatte, das ist das größte Geschenk was er mir machen konnte. Und wenn er jetzt pubertär werden sollte, werde ich mir das vor Augen halten: er hat mich ausgehalten in meinem Schmerz, jetzt will ich ihn aushalten in seinem erwachsenwerden, wie auch immer das aussieht.

Und wir werden uns weiter kennenlernen. Es gibt noch so viel zu entdecken und Duncan wird sich noch so stark verändern während er erwachsen wird. Sicherlich gibt es für mich auch wieder viel auszuprobieren an Übungen und Methoden.

Für nächste Woche haben wir ein neues großes Abenteuer geplant, von dem ich Euch dann berichten werde. Ich bin schon sehr gespannt, wie Duncan das finden wird!

Was auch immer unser zweites gemeinsames Jahr uns bringen mag, eins steht fest: wir sind schon jetzt ein gutes Team geworden. In den nächsten Wochen werde ich immer meine alten Blog-Beiträge lesen, zum Beispiel diesen hier https://wordpress.com/block-editor/post/schotten-pony.com/48?retry=1 und ich werde rekapitulieren ob meine Einschätzungen sich bewahrheitet haben oder nicht. Natürlich besteht immer viel Interpretationsspielraum und leider kann man ja nicht die selbe Situation noch einmal haben und eine andere Lösung ausprobieren. Wenn ich mich an die Integration erinnere muss ich sagen: das war verdammt anstrengend für uns alle und ich bin heilfroh, dass sie schließlich doch noch beste Freunde geworden sind. Es hätte ja auch sein können, dass Duncan nur „geduldet“ wird und dann hätte ich ernsthaft überlegen müssen, ob ich das will…. Aber es hat geklappt und unsere „Ponyfamilie“ ist ganz wunderbar harmonisch geworden.

Und das macht mir Mut für die Zukunft: alles, was wir schon erreicht und geschafft haben, steht auf der Haben-Seite. Und da steht schon so viel mehr als ich vor einem Jahr erwartet hätte. Und also schaffen wir auch das, was uns noch bevorsteht.

Mit ritterlichem Mut ins nächste Jahr, mein schöner Sir Duncan!

Ich hoffe, dass Ihr, liebe Leser, auch weiterhin Spaß habt, unsere Berichte zu lesen. Ich freue mich über jeden Like, jeden Kommentar, jeden Abonennten, jeden geteilten Beitrag. Ich wünsche mir von Euch, dass Ihr mich wissen lasst, was Euch interessiert, welche Beiträge Euch besonders gut gefallen und ob vielleicht Fragen auftauchen. Und ich hoffe, ein kleines bisschen von meinem Pony-Glück mit Euch teilen zu können über die Geschichten hier. Danke an Euch alle, Ihr treuen Leser!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 74

Liebe Menschen,

gestern hatte ich Einzugs-Jahrestag! Mein Mädchen hat damals diese beiden Artikel geschrieben:

https://schotten-pony.com/2019/09/30/danke-fur-das-abenteuer-los-such-dir-ein-neues/

https://schotten-pony.com/2019/10/01/mein-neues-abenteuer/

Ich hab nix geschrieben. Stattdessen hab ich lieber die Sprache meiner neuen Kumpels studiert. Am Anfang war das richtig, richtig schwer. Dauernd haben sie gesagt ich hätte alles falsch gemacht und ich müsste weggehen. Aber so nach und nach habe ich herausgefunden wie es geht. Erst habe ich Merlin erweichen können, dass er mir hilft. Echt nett der alte Zauberer! Dann habe ich mich mit den anderen angefreundet. War ein hartes Stück Arbeit sage ich Euch! Aber das härteste Stück Arbeit ist die Ausbildung meines Mädchens. Nun, ich will ehrlich sein: sie hat gute Fortschritte gemacht in diesem ersten Jahr. Sie kann jetzt meistens erkennen ob ich etwas mag oder nicht. Sie weiß, wann sie mir einen Keks geben soll – macht es aber dann trotzdem nicht immer, da besteht Nachbesserungsbedarf. Sie hat kapiert, dass ich was erleben möchte und nicht zufrieden bin mit kleinen Mini-Spaziergängen. Sie hat gemerkt, dass ich manche Dinge nur ihr zu liebe tue und dann auch irgendwann damit aufhöre wenn ich keine Lust mehr habe. Sie weiß, dass ich es gern mag, wenn ich mal so viel erlebt habe, dass ich wirklich müde bin danach und dass ich nicht überfordert bin davon. Sie weiß, wie ich schaue, wenn mir langweilig ist und ich unbedingt ein Abenteuer brauche. Sie weiß, wie und wo sie mich bürsten soll und wie nicht.

Jetzt werde ich an den Feinheiten arbeiten. Das Kekssystem ist ausbaufähig. Aber auch die Beschäftigungsrate. Neulich sind 8 Tage vergangen in denen sie NICHTS mit mir unternommen hat! Das geht nicht. Ich habe sie dafür ordentlich abgemahnt, habe eine gute halbe Stunde lang auf dem Spaziergang am Strick gezogen. Die überschüssige Energie musste halt raus, ist ja ihre Schuld nicht meine. Da braucht sie gar nicht maulen! Auf dem Reitplatz werde ich noch viel mit ihr arbeiten müssen. Ich muss ihr mal erklären, welche Dinge sinnvoll sind und welche nicht. Das wird kompliziert, weil sie ja manchmal soooooo schwer von Begriff ist. Aber ich schaffe das schon noch!

Ich habe auch einiges gelernt: wie sie aussieht, wenn sie zufrieden ist, und wie sie aussieht wenn sie mich mal wieder absolut grandios erstaunlich wundervoll findet. Wie sie aussieht, wenn sie müde, traurig, unkonzentriert oder gestresst ist und was ich dann tun muss um das zu ändern. Wann sie mich besonders toll findet und womit ich sie zur Verzweiflung treiben kann (was ich natürlich nicht möchte!). Aber das wichtigste was ich gelernt habe ist, dass wir beide uns richtig doll lieb haben. Und das ist schließlich die Hauptsache, oder?

Sie hat sich sogar extra neue Schuhe gekauft, damit wir jetzt längere Spaziergänge machen können. Und sie hat darauf geachtet, dass die Schuhe farblich zu meinem Halfter passen, so dass wir jetzt im Partnerlook gehen. Ach, da wird mir ganz romantisch!

Grün steht uns beiden gut

Unseren Jahrestag haben wir so gefeiert wie ich es am liebsten mag: mit einem feinen Abenteuer! Wir waren meinen Spaziergehkumpel besuchen und sind laaaaaaaange zusammen unterwegs gewesen. Nachher war es schon ganz dunkel. Mein Mädchen meinte mal wieder, ich könnte mich fürchten. Nicht vor der Dunkelheit sondern davor dass alles dann so komisch leuchtet und reflektiert. Ja neeee mein Mädchen. Ich bin doch Ritter. Da fand sie mich schon wieder erstaunlich. Ich hingegen war endlich mal wieder so richtig entspannt, nach 9,7 km die wir gelaufen waren. Herrlich!

So kann ich mich mit Mut und Zuversicht in das zweite Ausbildungsjahr wagen. Ich werde Euch berichten!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aufmerksamkeit

Wir wollen sie doch alle: Aufmerksamkeit. Deswegen teilen wir Videos von Katzen, die wir selbst gar nicht kennen, auf Facebook. Oder wir erzählen dort Hinz und Kunz, was wir getan und erlebt haben. Deswegen schreibe ich diesen Blog. Als soziale Wesen sind wir darauf gepolt, Aufmerksamkeit zu wollen. Wir wollen gesehen und gehört werden, das macht uns gute Gefühle. Und wenn ein bestimmtes Verhalten unsererseits dazu führt, dass die anderen uns wahrnehmen, dann werden wir dieses Verhalten öfter zeigen.

Wenn es gut läuft, lernen wir in unserer Kindheit, dass freundliches Verhalten viel freundliche Aufmerksamkeit einbringt. Wir lernen, uns auf eine Art und Weise zu verhalten, die gute Gefühle beim anderen auslöst und im Austausch dafür die freundliche Aufmerksamkeit des anderen zu bekommen. Ganz am Anfang, bevor Menschen irgendetwas nennenswertes tun können, fangen sie schon an, andere Menschen anzulächeln. Das ist die einfachste Art, positive Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn die Erwachsenen dann zurücklächeln.

Da wir aber (zum Glück!) auch Aufmerksamkeit bekommen, wenn es uns schlecht geht, wenn uns etwas wehtut, machen wir auch die Erfahrung, dass wir durch negatives Verhalten Aufmerksamkeit bekommen können. Und schließlich lernen wir alle an irgendeinem Punkt auch, dass ein Wutanfall Aufmerksamkeit auslösen kann, mag es auch negative Aufmerksamkeit sein, weil der andere auch wütend wird.

Sinnvoll ist das nicht, aber wenn es anders keine Aufmerksamkeit gibt, dann eben so. Selbst bei berühmten Menschen können wir das beobachten, die manchmal einen Skandal erzeugen, nur um mal wieder in der Presse aufzutauchen.

Und genau so ist es bei unseren Pferden. Sie wollen beachtet und wahrgenommen werden und sie sind bereit, (fast) alles dafür zu tun. Und ich danke unserer Herde dafür, dass sie Duncan so großartig erziehen. Denn im Gegensatz zu vielen zusammengewürfelten Herden in Reitställen, bei denen ständiger Wechsel herrscht, weil Leute dauernd einen neuen Stall besser finden, ist unsere Herde seit vielen Jahren im Kern stabil. Diego ist 2012 hier eingezogen und hat Anfang 2013 das Zepter übernommen. Seitdem herrscht hier eine bestimmte „Hausordnung“. Diego legt Wert auf Höflichkeit untereinander. Ich sehe viele Beschwichtigungsgesten (vor allem Wegschauen oder am Boden schnüffeln) die unsere Pferde einsetzen, wenn die den anderen z.B. bitten, etwas Platz zu machen oder an ihm vorbeigehen zu dürfen. Auch Anfragen zum gegenseitigen Fellkraulen sind von viel „Konversation“ begleitet, freundliches annähern, nachfragen, langsames herantasten an die Situation. Schnelle Bewegungen sind selten und finden fast nur in der Diskussion um Heu statt.

Wenn gerangelt und getobt wird, passiert dass immer so freundlich, dass niemand eine Macke davonträgt. Etwas, was mich im Spiel zwischen Gatsby und Finlay immer sehr beeindruckt hat: es ging wild zur Sache und das Fell flog. Aber die Haut hatte niemals auch nur einen Ratscher. Beide Ponys wussten ganz genau, wie sie ihre Zähne einsetzen, so dass zwar der Pelz nachher nach Mottenfraß aussieht, aber keine Abschürfung der Haut zu sehen ist.

Kleine freundschaftliche Zankereien enden eigentlich immer darin, dass beide nachher noch einen Moment in Harmonie zusammenstehen, wie eine Bestätigung, dass es nichts ernstes war sondern nur eine Rangelei unter Jungs.

Duncan ist nun fast ein Jahr hier. Anfangs hat er sich schwer getan, die Regeln zu durchschauen. Ich glaube, dass er zu hause in einem relativ regelfreien Raum unterwegs war, in dem man über alles hinweggesehen hat, weil er ja „der Kleine“ war. In unserer Herde hat er dann plötzlich lernen müssen, wie man „Bitte“ und „Danke“ sagt, wann man wo stehen darf und wann eben nicht. Er war nicht „der Kleine“, sondern es wurde von ihm erwartet, sich genauso an die Regeln zu halten wie die anderen. Und es hat ihm sehr gut getan, finde ich.

Auch Gatsby hat das erst lernen müssen. Als er vor 5 Jahren hier eingezogen ist, kam er aus einer großen Herde in der wenig Zusammenhalt herrschte. Ich erlebe oft, dass in den großen Herden an den großen Ställen kein Familiengefühl entsteht. Es gibt schon kleine Freundesgruppen, aber das sind dann eben Pferde die sich einfach von Natur aus gut vertragen. Sie brauchen kein Regelwerk, denn wenn dem einen das Verhalten des anderen nicht passt, sucht man sich eben einen neuen Freund. Hier in unserer kleinen Gruppe gibt es Verhaltensregeln wie in einer Familie und alle sind eng befreundet – jeder mit jedem.

Gatsby hatte auch einige Wochen zu tun bis Diego ihm verklickert hatte, wie er das haben will. Das tolle an Diego ist, dass er eben nicht „das ranghohe Pferd“ ist, das einfach nur sagt „komm mir nicht zu nah“ und „das Heu gehört mir“ und sich ansonsten nicht darum kümmert was die anderen denken. Wenn er klar gestellt hat, wie man sich zu benehmen hat, ist er wirklich wie ein Familienvater, der auf seine Truppe aufpasst. Etwas wirkt gefährlich und die Ponys haben Angst? Diego geht hin und schaut es sich an. Bei den Nachbarn ist ein neues Pferd auf der Weide? Diego hält Konversation über den Zaun während die anderen im Hintergrund stehen und zuhören. Am Weidezaun sollen alle warten bis sie raus dürfen? Diego steht als Rammbock vorne und zeigt den anderen wie man sich mit den Menschen benimmt. Wenn dann das Ok kommt und alle raus stürmen dürfen sie aber durchaus an ihm vorbei, die ungestümen „Kinder“.

Was für ein toller Pferdepapa!

Duncan verbringt die meiste Zeit des Tages damit, Diego auf Schritt und Tritt zu folgen. Er ahmt alles nach was sein großer schwarzer Held tut. Und Diego schenkt ihm dafür positive Aufmerksamkeit.

Aber auch der Rest der Herde tut das. Hier habe ich ein kleines Video von einer Szene die ich neulich beobachten durfte (nicht die erste dieser Art). Duncan hat eine Idee – er möchte zu der Eiche, um dort Eicheln aufzusammeln. Und er läuft los, aber nicht einfach so für sich, sondern er fragt die anderen, ob sie mitkommen. Und sie kommen mit. All die erwachsenen Pferde folgen dem kleinen zweijährigen und schauen sich an, was er für eine Idee hat. Und sie stellen fest: war eine gute Idee, es sind ein paar Eicheln zu finden.

Und ich denke an Familien, in denen kleine Kinder genau diese Art von Aufmerksamkeit bekommen: „schau mal Mama, ein Marienkäfer!“ und dann wird gemeinsam der Käfer bestaunt. Es ist dieses Gefühl, beachtet zu werden, das uns glücklich macht.

Und hier liegt für uns Menschen, die wir Pferde (oder andere Tiere oder andere Menschen) ausbilden das größte Potential. Wenn wir Aufmerksamkeit geben in eben jenen Momenten, in denen die Dinge gut laufen, werden wir eine wunderbare Stimmung erzeugen. Wir werden Freude und gute Laune kultivieren genauso wie höfliche Umgangsformen. Unser Pferd wird uns lieben für die Beachtung die wir ihm schenken.

Wenn wir unser Pferd aber zu wenig beachten, dann wird es dafür sorgen, dass sich das ändert. Und je nach Typ kann das auch heißen, dass es uns auf den Fuß tritt, uns beißt oder die Kekstasche an sich reißt. Manche sind da gnadenlos.

Besonders gut kennen wir dieses Verhalten von pubertären Tieren und Menschen. Mancher Mensch färbt sich die Haare grün – um anders zu sein und aufzufallen. Manches Pferd muss in der Pubertät ständig etwas ausdiskutieren, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ich vermute, dass mir mit Duncan jetzt so eine Zeit bevor steht – es gibt Anzeichen dafür. Eine Zeit in der er „nein“ sagt, um mich zu einer Reaktion zu provozieren. Und natürlich weiß er genau, dass ich nicht alles ignorieren kann, so sehr ich mich auch bemühe, blödem Verhalten möglichst wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Meine Aufgabe wird sein, ihm MEHR Aufmerksamkeit zu geben wenn alles gut ist. Dafür zu sorgen, dass die positive Aufmerksamkeit die negative stets überwiegt. Das ist manchmal im Alltag gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Denn wenn Duncan gerade herzhaft am Strick gezogen hat, dann ist mein Gehirn auf Hab-acht und flüstert „pass auf dass er es nicht wieder tut“. Damit bin ich aber in Gedanken darauf fixiert dass Duncan am Strick zieht und bemerke gar nicht, dass er im Moment super artig neben mir her marschiert. Er hingegen bemerkt, dass ich das nicht bemerke und ihm keine Aufmerksamkeit gebe – und sorgt schnell dafür, dass ich mich wieder ganz dem Hier und Jetzt widme und genau merke, was er tut. Vielleicht indem er wirklich wieder am Strick zieht. Oder mit seinen Zähnen nach mir hascht. Oder die Nase ins Gras versenkt. Und schon ist es für mich wieder etwas schwieriger geworden zu bemerken wann er es gut macht, weil mein Gehirn jetzt flüstert „siehst du, du musst aufpassen! Vielleicht will er gleich wieder fressen oder beißen oder am Strick ziehen“ und während es da so vor sich hin plappert bemerke ich wieder nicht, wie nett er jetzt gerade neben mir her läuft. „Aufpassen“ ist nämlich leider oft das Gegenteil von dem wonach es sich anhört.

Ich darf also mein Gehirn trainieren: pass doch mal auf, wann er das alles toll macht! Und das ist ja die allermeisten Zeit der Fall. Bemerke, dass er es richtig macht, bemerke, wie sehr er sich bemüht und schenke ihm Aufmerksamkeit für dieses feine Verhalten.

Ich wünsche mir sehr, dass mein kleiner Duncan das großartige „Papa“-Verhalten von Diego lernt. Dass Duncan vielleicht eines Tages in Diegos Hufstapfen tritt und für Höflichkeit, Zusammenhalt und Freundlichkeit in der Herde sorgt. Und vielleicht kann ich ein winziges bisschen dazu beitragen indem ich darauf achte, es so zu machen wie Diego: den guten Verhaltensweisen viel positive Aufmerksamkeit schenken. Danke, Du großartiger Diego, für diese wunderbare Art die Du in unsere Herde bringst!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 73

Mein Spaziergehkumpel ist umgezogen. Der wohnt jetzt an einem anderen Stall. Und damit wir weiter zusammen spazieren gehen können, muss ich in die Wackelkiste steigen. Weil es meinem Mädchen zu weit ist, da mit mir hinzulaufen. Tsssssss…..

Jedenfalls war mein Mädchen ziemlich nervös. Ich glaub sie fährt nicht so gern allein mit der Wackelkiste. Mir hat das nix gemacht, ich weiß doch wie das geht: einsteigen, Nase ins Heu und dann futtern, futtern, futtern, bis sie mir sagt, dass es Zeit ist, wieder auszusteigen.

Ganz stolz war sie auf mich. Aber warum? Mache ich doch immer so.

Der neue Stall vom Spaziergehkumpel liegt in einer Wohnsiedlung. Da wollten wir dann mal ganz gemütlich durch marschieren. Ich schau mir die ganzen Gartenzäune und Dekorationen und Büsche und Zwerge und

WAS IST DAS!?? Gott sei Dank, nur ein bellender Hund. Nur ein Hund? Oder doch eher der Höllenhund Cerberus? Ist dieser Zaun eigentlich hoch genug für dieses Riesenmonster? Wird der gleich da rüber hüpfen und uns verspeisen mit seinen riesigen Zähnen?

Man, da haben wir uns aber alle erschreckt! Mein Spaziergehkumpel und ich sind ungefähr 2 Meter hoch in die Luft gesprungen. Das Mädchen von meinem Spaziergehkumpel hatte auch echt Angst – das war das erste Mal dass ich gesehen hab, dass die Angst hat! Die ist sonst wirklich furchtlos. Fast wie eine Ritterin. Aber ich verstehe das, denn sie hatte ihre drei Hunde mit und die waren zu dritt nicht annähernd so groß wie dieses Wahnsinns-Monster! Der hätte alle drei mit einem Haps gefressen. Und uns Ponys zum Nachtisch. Zum Glück war der Zaun aber doch hoch genug. Das Frauchen von Cerberus kam dann auch noch und hat rumgebrüllt und Cerberus hat rumgebrüllt, das war wirklich furchteinflößend.

Erstmal durchatmen und wieder beruhigen ACHTUNG DA IST NOCH SO EINER ach nein der ist ja viel kleiner und der Zaun ist höher ABER DER DA DRÜBEN SIEHT BÖSE AUS

So ging das die ganze Zeit. Mein Mädchen und ich haben aber fest zusammengehalten und uns Mut zugesprochen. Als wir dann endlich weg waren von den ganzen Monstern haben wir alle erst mal eine beruhigende Graspause gebraucht. Was für ein Höllentrip! Aber unsere Mädchen waren sehr stolz auf uns. Weil wir Ponys nur kurz in die Luft gesprungen und danach ganz tapfer weiter gegangen sind.

Wir sind dann lieber nicht durch die Siedlung zurückgegangen sondern an der großen Landstraße. Ich wusste gar nicht, dass Straßenverkehr so entspannend sein kann. Da kann man vorher hören was kommt und niemand will einen fressen.

Nach dem Spaziergang hatte mein Mädchen Sorge ob ich wohl noch so entspannt allein in der Wackelkiste stehen kann. Aber hey, nach so einem Schreck gibt es nichts besseres als Heu zu kauen! Nase rein und drin lassen bis sie sagt es sei Zeit auszusteigen. Als wir zuhause angekommen waren musste ich mich ganz schön konzentrieren um richtig auszusteigen und mein Mädchen hat gesagt ich sei wohl doch ein bisschen kaputt. Stimmt sogar. Und das obwohl wir nur 2,4 Kilometer gelaufen waren. Aber das waren die aufregendsten Meter meines Lebens, das sage ich Euch.

Euer tapferer Sir Duncan Dhu of Nakel (der dem Höllenhund lieber nie wieder begegnen möchte, tapfer hin, tapfer her….)

P.S. von Cerberus habe ich kein Bild aber es gibt gute Nachrichten: die Kekse sind geliefert worden!!