Hervorgehoben

Wie alles begann

Warum dieser Blog „Schotten-Pony“ heißt

Sir Duncan Dhu of Nakel

Meine Liebe zum schottischen Highlandpony begann vor ungefähr 11 Jahren, als ich eine Highlandpony-Züchterin als Hufpflegekundin bekam. Damals ahnte ich noch nicht, dass das mein Leben verändern würde. Dass ich einmal Fan einer bestimmten Pferderasse werden würde, hielt ich für ausgeschlossen. Schließlich sind alle Pferde toll und alle haben ihre Vorzüge.

Das stimmt auch immer noch. Und ich habe die Rasse gefunden, die am besten zu mir passt: das Schottische Highlandpony. Einige Jahr später wurde bei dieser Züchterin mein erstes „Schotten-Pony“ Finlay geboren und Finlay wird für mich (was den Charakter angeht) vielleicht immer der Innbegriff des Highlandponys sein. Die Schotten sind ein bisschen anders als andere Ponys. Natürlich gibt es – wie auch innerhalb anderer Rassen – eine Bandbreite an verschiedenen Typen: von den sehr lieben, die sich als Therapiepferd eignen bis zu den sehr selbstbewussten, die ihre Besitzer schon mal vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Was ihnen gemeinsam ist, ist die große Menschenbezogenheit, das unbedingte Bedürfnis nach viel Beschäftigung und Abwechslung sowie der Gerechtigkeitssinn. Behandle mich fair, dann ist alles ok. Behandle mich unfair und Du zahlst den Preis. Die Schotten sind sehr ehrlich – geradeheraus, kein Blatt vor dem Mund. Und viele von ihnen sind abenteuerlustig, haben wenig Angst und erleben gern Neues.

In diesem Blog möchte ich Euch teilhaben lassen an den Geschichten, die ich mit meinem Schotten-Pony erlebe. Bald schon geht es los – ich nehme Euch mit auf eine Reise, die so gar nicht hätte stattfinden sollen, und die ich jetzt als neue Chance und neues Abenteuer sehen möchte. Abonniert am besten gleich diesen Blog, damit Ihr keine Schotten-Pony-Abenteuer verpasst! (einfach Ich freue mich jederzeit über Kommentare, Fragen und Themenwünsche.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 43

Neulich war ich wieder auf der Waage.

Letztes Mal ist die Waage ja zu uns gekommen. Diesmal sind wir hingerüttelt worden. Diego und ich sind in die Wackelkiste geklettert und kurz geschüttelt worden. Und dann kamen wir an einem Ort raus wo gaaaaanz viele Pferde waren! Oh da war ich aber aufgeregt! Mein Mädchen auch, weil sie Angst hatte was ich wohl mache. Sie hat dann dem Mann meinen Strick gegeben und lieber Diego den Großen genommen – der war wie immer tiefenentspannt. Wir sind erst ein Stück spazieren gegangen und dabei hat der Mann mir immer wieder gesagt dass ich artig sein soll. Dann haben wir noch ganz lange herumgestanden und gewartet. Der Mann hat mich geschaukelt und da war ich dann auch ganz entspannt. Dann schnell einmal auf die Waage und wieder runter und schon ging es wieder nach hause. Ich weiß wirklich nicht warum so viele Menschen Angst haben vorm Wiegen – tut wirklich nicht weh. Nachher hat mein Mädchen gesagt ich hätte das gut gemacht und es wäre nicht meine Schuld dass sie mich abgegeben hat. Passt schon mein Mädchen, ich mag den Mann auch gern leiden.

Ein bisschen gewundert haben sich die beiden, dass ich gar nicht so viel schwerer geworden bin. Ich wiege jetzt 336kg. Aber ich hab vorher auch dreimal geäppelt, wegen der Aufregung. Also wiege ich in Wirklichkeit bestimmt schon 340kg. Und Mädchen, wenn dir das zu wenig ist, du kennst ja die Lösung….. (Ritter, du sollst nicht fett werden, du sollst wachsen.)

Diego der Große war übrigens auch auf der Waage. Er wiegt 612kg und das ist sehr gut, weil das bedeutet, dass er gut abgenommen hat. Der arme muss ja immer Diät machen. Aber mein Mädchen war ganz zufrieden mit seinem Gewicht. Sie sagt, er muss jetzt noch ein paar Muskeln bekommen und dann passt das. Aber Muskeln bekommen ist nicht so einfach wie es klingt, sagt Diego der Große. Dafür muss man sich nämlich ganz schön anstrengen….

Macht‘s gut!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Die Entdeckung der Langsamkeit

Es ist ungefähr 20 Jahre her, dass ich das Buch mit dem Titel „Die Entdeckung der Langsamkeit“ gelesen habe. Ich erinnere mich nicht mehr an viele Details der Geschichte. Aber ich weiß noch, dass ich damals angefangen habe, meine eigene Langsamkeit bewusst zu leben – zu erleben – und sie als Stärke zu sehen. Damit war ich ziemlich allein. Die Menschen um mich herum habe ich wahnsinnig gemacht mit dieser Langsamkeit und manchmal tue ich das wohl heute noch. Trotzdem erinnere ich mich immer wieder daran, dass meine Langsamkeit eine Stärke ist, die ich hegen und pflegen möchte. Denn im Pferdetraining kommt sie mir zu Gute. Viele meiner Schüler fluchen wohl heimlich mal, wenn ich da stehe – besonders gerne am Anhänger – mit dem Strick in der Hand und warte. Ich glaube fest daran, dass das Pferd die Lösung finden wird, wenn es genug Zeit zum denken bekommt. Meine klitzekleine Anfrage, die ich ihm durch den Strick vermittle, halte ich derweil aufrecht. Ein bisschen wie ein klingelndes Telefon. Es klingelt immer gleich, nicht lauter, nicht leiser. Und wenn wir dem Menschen am anderen Ende genug Zeit geben vielleicht noch die Treppe herunterzusteigen, oder den passenden Knopf am Smartphone zu finden, dann kann er noch rangehen. Wenn wir nach dreimal klingeln auflegen vielleicht nicht – dann sind beide frustriert.

Kann natürlich auch mal nerven, so ein klingelndes Telefon. Nicht nur im Kino, sondern auch wenn wir gerade einfach nicht mit der Person reden wollen die da dran ist. Vielleicht geht es den Pferden auch öfter mal so (besonders am Anhänger). Sie wollen die Anfrage nicht beantworten. Aber ich warte einfach so lange, bis sie mir eine Antwort geben. Und dann sage ich „danke das war es schon.“ Und oft merken die Pferde dann, dass es gar nicht so schwer ist wie gedacht. Wenn sie das immer wieder merken, ist die Angst und die Überforderung schließlich weg und das Pferd wird mutig und neugierig. Es wird sich angewöhnen, auf Anfragen sofort zu antworten und dabei entspannt zu bleiben.

Manchmal ist es aber auch nicht Angst, Überforderung oder Unwille, die das Pferd daran hindern, zu antworten, sondern Reizüberflutung. Weil das Gehirn gerade so überladen ist mit Eindrücken, dass es keine weitere Information mehr verarbeiten kann. Naja, es kann schon, nur halt nicht mehr in normalem Tempo. Man kann dann den Druck erhöhen und eine Reaktion erzwingen. Das Pferd wird gestresst reagieren (nur reagieren, nicht denken) und dieser Stress bleibt hängen und vergiftet – wenn es öfter passiert – ganz leise die Beziehung. Wenn das Pferd merkt, dass wir dann, wenn es nicht mehr denken kann, unwirsch werden, wird es immer früher in Stress kommen und immer weniger denken können. Es hat im Zustand der Reizüberflutung keine Möglichkeit mehr, Informationen sinnvoll zu verarbeiten, es kann also nichts lernen und so wird es nur eine gefühlsmäßige Verknüpfung erstellen zwischen der Situation und dem Stress.

Wenn wir stattdessen warten und dem Pferd Zeit geben, die Informationen zu verarbeiten und unserer freundlichen Anfrage Folge zu leisten wenn es so weit ist, wird es auch in der Reizüberflutung entspannt bleiben können und nach und nach lernen, auch in brenzligen Situationen erst zu denken und dann zu handeln.

Auch Sir Duncan – einige von Euch haben es vielleicht in seinem Tagebuch gelesen – war neulich mal an dem Punkt der Systemüberlastung. Es war das erste Mal dass ich das so deutlich bei ihm gesehen habe. Er ist jetzt seit Ende September hier und noch nie waren wir an dieser Grenze, was bei einem so jungen Pferd eigentlich ganz und gar unglaublich ist, vor allem im Hinblick darauf was wir schon alles gemeinsam unternommen haben. Dauernd habe ich vermutet, dass wir kurz davor sind, aber sein Kopf war immer noch funktionstüchtig. Manchmal wurde er etwas überdreht und fing an, viel zu schnappen, aber denken war trotzdem noch drin. Diesmal nicht. Und es ist gut zu wissen, was dann mit ihm passiert. Denn manche Pferde werden dann unruhig und machen dadurch (ungewollt und unbewusst) viel Blödsinn. Duncan wird einfach nur langsam. Interessant für mich zu wissen ist auch, wie sich diese Überlastung aufbaut und ankündigt. Sein Verhalten schwankte stark zwischen langsam sein, müde wirken und dann wieder etwas überdrehtem Verhalten, immer so im Wechsel von ein paar Minuten. Und als das überforderte Pony dann in den Stall kam, ist er nicht etwa schlafen gegangen, sondern schnurstracks zu Caruso um den erst mal herzhaft zu beißen: Stressabbau durch Kabbelei. Auch gut zu wissen und das deckt sich ja mit dem was er bei mir auch schon gezeigt hat (und bestätigt damit meine Interpretation).

Am nächsten Tag hingegen stand er wieder parat. Ich habe nichts mit ihm gemacht aber es war weder so dass er mich gemieden hätte noch so dass er bei unserem nächsten Ausflug einige Tage später irgendwelche Bedenken gezeigt hätte. Im Gegenteil, er ist am nächsten Wochenende wieder drei Tage hintereinander abenteuerlustig gewesen und war sehr zufrieden mit dem Input. Was bedeutet, er war zwar mal etwas überfordert aber er fand es nicht schlimm. Finlay fand sogar diese Tage immer am besten, er hat es geliebt immer mal so richtig am Limit zu sein und war hochmotiviert, die Erfahrung zu wiederholen. Ich vermute, Duncan sieht das genauso. Viele Menschen sehen das ja ähnlich. Ich hatte hier https://schotten-pony.com/2020/01/16/herausforderung/ schon mal etwas dazu geschrieben.

Andere Pferde sind da anders und deswegen ist es so wichtig, das eigene Pferd zu kennen. In diesem Video seht ihr einen Haflinger mit panischer Angst vor Dualgassen. Wir haben extrem viel Arbeit in das Thema investiert. Inzwischen ist das Problem nachhaltig gelöst und auch seine grundsätzliche Angst vor allem was so am Boden herumliegt ist verschwunden. Aber zu der Zeit als das Video entstanden ist, konnte er nur unter Aufbringung seines ganzen Mutes einen Möhre von dem bösen Ding herunterfressen. Von drübergehen war da noch lange keine Rede!

Spoiler: es passiert nichts spannendes in diesem Video. Augenscheinlich steht der Haflinger da so herum. Spätestens an dem Punkt an dem er die Futterschüssel weitgehend ignoriert dürfte deutlich werden, wie gestresst er in der Situation ist. Das Video ist 4 Minuten lang. Wer Lust hat, schaut es sich an und findet etwas interessantes über sich selbst heraus. Wenn ich es ansehe, bewundere ich meine Schülerin, denn die hat mich schließlich bezahlt für diese Zeit. Aber es war eine gute Investition. Andererseits sind 4 Minuten genau genommen keine lange Zeit. 4 Minuten sind ganz schnell vergangen wenn man mit jemandem redet oder ein paar Whatsapp schreibt. Warum haben wir diese paar Minuten so selten für unsere Pferde übrig? Ach ja, weil wir sie auch sonst irgendwie nie übrig haben, wenn es nicht um uns geht. Perfekt zu beobachten an der Supermarktkasse. Jetzt, da wir dank Corona alle brav Abstand halten, fällt es ja mal nicht so auf, aber normalerweise holen Menschen ja an der Supermarktkasse gefühlt die Viertelstunde Zeit wieder rein, die sie vorher mit der Nachbarin verschnackt haben. Und natürlich kann man Zeit auch super wieder aufholen auf der Landstraße und der Autobahn. Hui da haben es alle eilig. Die zwei Minuten, die es länger dauern würde, wenn man sich einigermaßen an die Verkehrsregeln hält, die hat man nicht. Weil man die braucht um den Facebook-Account zu checken.

Die Entdeckung der Langsamkeit hat für mich immer auch mit Prioritäten zu tun. Ich bin weiß Gott keinen Deut besser was das verplempern von Zeit angeht, die ganze Internet-ständig-erreichbar-whatsapp-facebook-Nummer stiehlt mir viel zu viel Zeit. Nur: ich möchte mir immer klar machen, dass ich sie weder an der Supermarktkasse noch auf der Straße wieder einholen kann, diese Zeit. Und schon gar nicht beim Pferd. Denn beim Pferd ist es ja noch schlimmer: wer heute versucht, Zeit zu sparen, hat morgen die doppelte Arbeit. Wenn ich aber heute ein paar Minuten investiere, löse ich Themen nachhaltig und habe dann für immer meine Ruhe damit. Und ich zeige meinem Pferd, dass es Zeit bekommt zum Denken. Wenn es gut läuft, entwickeln wir eine Kommunikation, die auch in höchst stressigen Situationen noch funktioniert, weil mein Pferd nicht in Panik gerät, sondern sich die Zeit nimmt, zu denken, bevor es handelt. Und ich lerne zu erkennen, wann mein Pferd diese Denkzeit braucht.

Und deswegen werde ich mich mit dem größten Vergnügen auch weiterhin bei meinen Schülern unbeliebt machen indem ich herumstehe und warte, wenn es nötig ist.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 43

Neulich ist mir etwas sehr merkwürdiges passiert.

Das kam so: mein Spaziergehkumpel und ich sind in die Wackelkiste/Zeitmaschine gestiegen und haben uns ein bisschen schütteln lassen. Immer wieder spannend, wo man danach so ist! Diesmal wieder an einem Ort an dem wir beide noch nie waren. Ich bin dann immer ein kleines bisschen aufgeregt aber pssssssst mein Mädchen weiß das nicht, ich lasse mir das nicht anmerken. Wir sind losgegangen und nach einer kleinen Weile kamen von vorne ganz viele Menschen, einige große und ziemlich viele kleine, die ganz kleine Räder hatten und ganz laut geschrien haben. Die kamen auf uns zu und gleichzeitig hab ich gesehen, dass auf der anderen Seite vom Knick auch noch andere Pferde waren, die da rauf und runter getrabt sind und ganz laut geschnaubt haben. Da wollte ich so gerne hin, aber mein Mädchen hat nein gesagt. Sie war etwas gestresst, weil da ja auch die vielen kleinen Menschen waren. Naja, wir sind da also mehr schlecht als recht vorbeigegangen. Dann war wieder eine Weile Ruhe. Und dann kamen wir an einen Weg, den mein Mädchen rausgesucht hatte, weil sie den schon kennt. Allerdings kennt sie ihn nicht zu dieser Jahreszeit und wir mussten feststellen, dass dort hüfthoch Gras steht. Da waren wir Ponys natürlich erst sehr gut gelaunt weil wir dachten es geht auf die Weide – aber unsere Mädchen haben gesagt, dass das nicht unsere Weide ist und dass wir da durch gehen sollen ohne zu essen! Echt jetzt? Boah das war schwer. Zum Glück hatten unsere Mädchen ein Einsehen mit uns und haben uns zwischendurch dann doch mal was naschen lassen.

Eine halbe Ewigkeit ging dieser Weg, der nahm gar kein Ende. Und es war so anstrengend, durch das Gras zu gehen ohne zu essen. Mein Mädchen war aber recht nachsichtig mit mir – wenn ich dann doch mal im Gehen ein maulvoll genommen habe, hat sie immer gesagt, sie versteht das und das ist ok, ich soll nur nicht stehenbleiben oder den Kopf runter nehmen.

Als wir dann endlich da durch waren, kamen wieder normale Wege. Und ich war schon ein bisschen müde. Und dann kamen schon wieder kleine Menschen mit Rädern! Und sausten wieder schreiend an uns vorbei! Zum Glück waren wir dann auch schon wieder an der Wackelkiste. Bevor wir einsteigen können muss ja aber immer noch so viel gemacht werden da habe ich mich hingestellt und gewartet. Plötzlich höre ich mein Mädchen rufen „Duncan dhuuuuuu!“ – hm? Was? Ich bin zu ihr gegangen und sie hat gelacht und gesagt, ich hätte wohl gar nichts mehr mitbekommen. Mitbekommen? Was? Wie? Hatte sie vorher schon was gesagt? Hä? Und während ich noch darüber nachgedacht habe hat sie schon wieder gelacht und gesagt es wäre Zeit einzusteigen. Ach so ja.

Dann sind wir nach hause gewackelt. Zu hause sind wir ausgestiegen. Und dann war ich plötzlich irgendwie in den Strick vertüddelt. Und dann ist es passiert. Alles war gaaaaaaaaaaaaaaaaaanz laaaaaaaaaaaaaaaaangsaaaaaaaaaaaaaaaaaam in meinem Kopf. Mein Mädchen hat gekichert und ich wusste nur dass der Strick irgendwie nicht so ist wie er soll. Und dann ist mir eingefallen dass ich mich dann andersrum drehen muss. Aber irgendwie habe ich es wieder vergessen. Und es war immer noch tüddelig. Aber nach einer Weile habe ich es dann hingekriegt, mich richtig zu drehen. Und mein Mädchen hat mich in den Stall gebracht und gesagt „na dich haben wir heute geschafft, was?“

Was? Was hat sie gesagt? Hm? Wie?

Ich bin dann erst mal zu Caruso gegangen und hab den ein bisschen geärgert. Das hab ich gebraucht. Und mein Mädchen meinte, das wäre das allererste Mal dass meine Denkmaschine ausgefallen ist. Wegen Datenüberlastung. Aber sie hat auch gesagt, ich hätte das gut gemacht. Weil ich trotzdem keinen Blödsinn gemacht habe sondern nur langsamer gedacht habe. Viel langsamer. Sie sagt, wenn meine Füße stillstehen während ich nachdenke, passt das. Ach so.

Euer verwirrter Sir Duncan Dhu of Nakel

Talente

Warnung: dieser Text kann Spuren von Ironie erhalten.

Duncan zieht am Strick. Zum dreimillionsten Mal. Er möchte schneller, zumindest denke ich das. Ich bin genervt, überlege, welche Taktik ich noch nicht ausprobiert habe. Eine dreiviertel Stunde lang geht das so, während wir durch den Wald marschieren. In lichten Momenten geht er artig neben mir und bekommt einen Keks. Dann vergisst er sich wieder und zieht nach vorn. Was immer ich probiert habe, das Verhalten bleibt mehr oder weniger gleich. Dann ist er plötzlich etwas entspannter und ich lasse ihn vorgehen. Ich weiß dass er das mag, und ich hoffe er ist jetzt entspannt genug sich da vorn zu benehmen. Und siehe da: er marschiert vor mir her in gleichmäßigem Tempo dem ich gut folgen kann und ohne Zug am Strick. Und plötzlich macht es „klick“ in meinem Gehirn.

Beim nächsten Spaziergang zieht er wieder los. Aber diesmal bin ich schlauer. Ich lasse ihn vorgehen. Ich gehe auf Höhe seiner Kruppe, manchmal noch weiter hinten. Gelegentlich schere ich direkt hinte ihm ein. Wohl dem, der 5 Meter Strick hat…. Er marschiert schnurgerade (nachdem wir geklärt haben dass das Gras am Wegesrand nur in Pausen verspeist werden darf). Er ist zufrieden, ich bin zufrieden. Wenn er es eilige hat, trabt er manchmal ganz leicht an, reagiert aber zu 90% auf Stimmkommando „Scheeeeeeeritt“ und pariert wieder durch. Dauerhaftes Geziehe am Strick fällt flach.

Ich denke ans Freedom Based Training im Paddock: ja, da mag er mich auch nicht gern neben seiner Schulter haben. Vorne darf ich gerne sein und hinten auch. Aber Schulterhöhe findet er blöd.

Na, dann gehe ich eben nicht neben ihm, sondern hinter ihm. Wenn es denn unserem gemeinsamen Frieden dient. Und er hat ja sowieso so einen schönen Po, da habe ich auch noch was zu gucken. Ich höre schon die Vertreter der „Dominanztheorie“: bestimmt ist das ein sicheres Zeichen dass mein Pony versucht, die Weltherrschaft zu erlangen. Ganz sicher ist es falsch, dass ich mich seinen Wünschen unterordne und da gehe, wo er das möchte. Garantiert wird er mich demnächst anfallen wie ein wildes Tier, weil ich ihn das bestimmen lasse. Oder er glaubt jetzt, er sei der Leithengst und ich seine Stute. Hm.

Ich denke derweil über Talente nach. Jeder von uns hat ja so seine Stärken und Schwächen, seine Vorlieben und Abneigungen. Als Finlay 1,5 Jahre alt war und noch auf der Hengstkoppel stand, haben wir immer viel mit ihm gekuschelt. Einmal hat Arnulf mich am Bein hochgestützt und ich habe meinen Oberkörper über Finlays Rücken gelegt. Auf der anderen Seite habe ich Finlay mit meiner Hand gekratzt. Eine Sekunde lang. Finlay fand es toll. Er stand frei, ohne Halfter, hätte also nicht mitmachen müssen. Mit Duncan würde das auf keinen Fall gehen. Duncan wird noch eine Menge Zeit brauchen bis er einen Menschen in einer „reitnahen“ Position gut findet. Gut, dass wir so viel Zeit haben. Nicht, dass wir keine Fortschritte machen würden. Immer öfter darf ich jetzt mal einfach so zu ihm hingehen und kurz um ihn herumgreifen und er bleibt freundlich.

Wenn ich ihm beim Spaziergang den Arm über den Rücken lege, ist er aber noch etwas unglücklich damit. Meistens wird er dann schneller. Neulich habe ich ihn dann so lange am Halfter ausgebremst, bis er es einigermaßen akzeptiert hat. Dann lange Pause, schließlich habe ich es nochmal probiert. Zu meiner Belustigung hatte er sich eine neue Taktik überlegt: als ich meinen Arm gerade auf seinen Rücken legen wollte, wurde er langsamer und tauchte mit dem Kopf unter meinem Arm heraus. Ich habe das akzeptiert und es nicht nochmal versucht. Ach ja – das hieß ja bestimmt wieder dass er dominant ist! Und jetzt hat er sich durchgesetzt. Und mein Leben wird schwer werden – wegen der Weltherrschaft, Ihr wisst schon.

Oder auch nicht. Das mag ja Ansichtssache sein. Vielleicht hatte er sich auch nur überlegt, ob ich ihn mit einer anderen Taktik schneller in Ruhe lasse. Und ich habe mich gefreut, dass die Taktik diesmal nicht Beschleunigung war. Denn Beschleunigung brauchen wir nicht üben, das kann er nun wirklich von alleine gut genug, hier hat er ein Talent dass Finlay so gar nicht hatte.

Auch beim „Umarmen“ im Paddock hat er verschiedene Taktiken probiert. Und da war ich froh, als er von Beißen auf Weggehen umgestiegen ist. Es war der erste Versuch, etwas anders zu machen. Und inzwischen wurde aus Weggehen nach und nach Stehenbleiben und freundlich gucken. Weil er gemerkt hat, dass man mich mit freundlich gucken viel schneller dazu bringt, das zu tun was er will.

Und ich denke an den Ausbilder, bei dem ich die meisten Kurse gemacht habe und der mich lange Jahre am meisten beeinflusst hat. Den ich sehr geschätzt habe – bis er eines Tages sein Flipchart aufstellte und 1., 2., 3., … drauf schrieb. Plötzlich gab es eine Reihenfolge an Übungen, die man zu absolvieren hatte. Plötzlich war es nicht mehr individuell sondern kam daher wie ein Backrezept. Pferdeausbildung am Fließband. Ich werde den Moment nicht vergessen, als eine Welle der Enttäuschung durch mich rollte und ich wusste: das war wohl der letzte Kurs bei ihm.

Das war vor ca 5 Jahren. Seitdem habe ich noch viele andere Dinge gelernt und entdeckt. Und je mehr ich lerne und entdecke, desto mehr finde ich es erstaunlich, wie viele „Ausbildungssysteme“ es gibt. Und immer kommen sie mir wie Rezepte daher. Ich verstehe schon: wenn man etwas verkaufen will, besonders bei Büchern oder festen Kursmodulen, dann ist es leichter, das so zu machen. Aber ich finde, es wird weder den Menschen noch den Pferden gerecht. Dem Menschen mag es noch als Hilfsmittel dienen, als Richtschnur an der man sich entlanghangeln kann. Wobei ich selbst das eher gefährlich finde. Ich finde, der Mensch soll lernen, hinzuschauen. Zu sehen, was jetzt nötig wäre. Zu fragen, wofür eigentlich diese oder jene Übung gut ist (um dann festzustellen, dass man das vielleicht gar nicht braucht bei diesem Pferd oder in dieser Situation).

Aber für die Pferde finde ich diese Rezepte ziemlich gruselig. Ich bilde jetzt mein zweites eigenes Jungpferd aus. Die gleiche Rasse, das gleiche Geschlecht. Da möchte man Ähnlichkeiten erwarten. Aber ich habe noch nicht sehr viele gefunden. Duncan ist so anders als Finlay und die Art und Weise in der ich Finlay ausgebildet habe (die schon bei Finlay nicht so funktioniert hat, weil es zu sehr nach Rezept war) würde Duncan wahrscheinlich ziemlich schnell ziemlich aggressiv machen. Da wäre Potential für ein gefährliches Pferd…. Auf jeden Fall würde ich eine Menge Druck brauchen um ihn dazu zu bringen es so zu machen.

Aber auch die übliche „Jährlingsbespaßung“ bestehend aus Aufenthalt auf der Hengstkoppel mit nur gelegentlichem Menschenkontakt wäre für Duncans Entwicklung sicher nicht förderlich. Ich kann ihn mir gut als den Typ Pferd vorstellen der von der Hengstkoppel kommt und dem Menschen mitteilt, dass er alles selbst entscheidet. Für eine gute Kommunikation mit dem Menschen wären sporadische gemeinsame Unternehmungen (meist dann schlecht vorbereitet mit viel Stress) nicht förderlich (noch weniger als sie es für andere Jungpferde sind, die sich vieles klaglos gefallen lassen). Und noch ungünstiger wäre es für sein Herdenverhalten, denn er wäre dann wohl derjenige, der den anderen tendenziell überlegen ist an Kraft, Schnelligkeit und Wendigkeit und sein Selbstbewusstsein würde vielleicht in Überheblichkeit umschlagen. Es ist für ihn noch wichtiger als für andere Jungspunde, ein vernünftiges Sozialverhalten zu lernen – meiner Herde sei Dank, die machen das.

Auch da war Finlay anders. Er war immer einfach dabei und hatte seinen Spaß, wem er in der Herde was zu sagen hat und wer ihm was zu sagen hat war ihm egal und blieb auch oft ungeklärt. Das ging so hin und her und hat keinen gestört. Dem Menschen gegenüber war Finlay sowieso immer freundlich gesonnen und hatte weiter keine großen Ansprüche, außer möglichst viel gekratzt und gekrault zu werden.

Nun habe ich es ja bei Finlay trotzdem mit einem System versucht und bin damit mehr oder weniger gescheitert, musste vieles nachher neu erarbeiten. Bei Duncan arbeite ich komplett ohne System. Ich schaue mir an, was passiert und denke meist nicht viel weiter als bis zum nächsten Schritt. Das erfordert natürlich mehr Erfahrung und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Und ich verstehe, dass es für meine Schüler manchmal schwierig ist, wenn ich Taktiken sehr schnell wechsle, weil ich sehe, dass etwas nicht funktioniert was ich ausprobiert habe. Aber ich finde, das Herausgeben von „Ausbildungsrezepten“ sollte mit mehr Vorsicht gehandhabt werden. Mit dem Hinweis, dass das alles individuell angepasst werden muss, dass ein Pferd vielleicht besser bei Aufgabe 5 anfängt und die ersten 4 später nachholt und für ein anderes jede Aufgabe modifiziert werden muss damit es klappt und noch ein anderes vielleicht für die erste Aufgabe schon ein halbes Jahr braucht, dafür aber dann alle anderen auf Anhieb beherrscht.

Immer noch zu oft höre ich, ein Pferd sei „dominant“ (in meinem Kopf übersetzt sich das jetzt immer schon automatisch mit „versucht, die Weltherrschaft zu erlangen“) und man müsse sich „durchsetzen“, weil wenn das Pferd das oder dies oder jenes tut oder nicht tut dann ist quasi die ganze Beziehung im Eimer. Vielleicht sind das die Leute die sich wegen einer offenen Zahnpastatube scheiden lassen – weil ihr Mann zu dominant ist. Ich weiß es nicht.

Wenn ich meinem Pferd den ganzen Tag erzähle, dass ich der Boss bin und dass es nichts zu melden hat, wird es wahrscheinlich ganz gut „funktionieren“. Wer das möchte – bittesehr. Ich möchte das nicht. Ich möchte den Ausdruck meines Pferdes erhalten und fördern und ich möchte, dass es Freude hat an dem was wir tun. Und wenn mein Mann die Zahnpastatube auflässt, dann werte ich das als nervige Marotte, die nicht bedeutet, dass er mich „dominieren“ will. Und ich erkenne an, dass ich auch eine ganze Reihe nerviger Marotten habe, sowohl mein Mann als auch Sir Duncan werden Euch das sofort bestätigen.

Meine nächste Aufgabe wird sein, Duncan da hin zu „trainieren“ dass er mich auch gerne neben sich gehen hat und dabei entspannt sein kann. Ich habe schon eine vage Vorstellung wie ich das vielleicht anstellen kann. In jedem Fall wird Freedom Based Training mir dabei helfen, aber auch das Wissen darüber, wie Pferde lernen, was wann wie miteinander verknüpft wird. Und das ist das Wissen das wir alle brauchen. Statt Rezepte zu befolgen müssen wir Lernstrukturen verstehen und erkennen, denn auch die sind teilweise sehr individuell.

Und während ich mit Duncan übe, dass er gelassen neben mir geht, freue ich mich gleichzeitig tierisch darüber, dass er für das, was er als erstes „arbeiten“ soll, anscheinend prädestiniert ist, denn ich möchte ihn ja sowieso fahren bevor ich ihn reite. Und da er gerne vorneweg geht und super auf Stimmkommandos reagiert, wird er ein traumhaftes Kutschpony. So passt doch alles prima zusammen. Und bis es so weit ist, habe ich noch 1,5 Jahre Zeit um alle anderen Führpositionen mit ihm zu üben. Und er kann derweil die Weltherrschaft an sich reißen, wenn er möchte. Wenn ich ehrlich bin: er hat ja schon mein Herz gestohlen, schlimmer kann es kaum werden.

Duncan geht gerne vorneweg. „Fresst meinen (Sternen) Staub ihr Langweiler!“
Ich gewöhne mich schon mal an diese Position. Schöne Aussicht!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 42

Ich bin jetzt Kutschpony!

Ritter, wenn Du das so sagst denken die Menschen, du hättest die Kutsche gezogen.

Wollte ich auch! Du hast mich ja nicht gelassen!

Nein dafür bist Du noch…

…zu klein. Wie immer. Menno.

Aber der Kompromiss den wir dann gefunden haben war ok oder?

Naja Du hattest mir versprochen dass wir ganz viel traben und das ist nicht passiert.

Nein wir müssen doch erst üben. Damit es kein Durcheinander gibt.

Aber vorne an der Kutsche war die Stute! Da wollte ich doch gerne mal gucken

Du wolltest nicht nur gucken, mein Freund.

Erstmal gucken. Dann anfassen.

Ich hab dir gesagt wie es läuft: Stuten und Hunde werden ignoriert.

Ach komm, die meiste Zeit hab ich das getan.

Stimmt, du warst sehr konzentriert auf Deine Aufgabe. Und hast es wirklich die meiste Zeit gut gemacht. Bis auf den Moment…

… wo ich dich gekniffen hab. Tschuldigung. Ich war doch so aufgeregt und Du hast gesagt ich darf meinen Spaziergehkumpel nicht beißen und sein Mädchen auch nicht. Da bist halt nur noch du übrig geblieben.

Na toll, danke. Nächstes Mal beiß doch einfach in den Strick.

Ich versuche es. War aber nicht doll oder?

Für Deine Verhältnisse nicht, aber für meine schon, ich hab jetzt einen blauen Fleck.

Oje. Schlimm?

Nein ich weiß ja dass du so aufgeregt warst. Ist auch nur ein ganz kleiner blauer Fleck Alles gut. Du warst halt schon ein bisschen drüber.

War ganz schön Denksport! Aber du weißt ja, mein Mädchen, ich mag Denksport. Und allen anderen Sport auch.

Weiß ich, mein Ritter.

Können wir nicht noch viel mehr Sport machen?

Immer langsam mit den jungen Pferden.

Blöder Spruch. Da bin ich so viel gewachsen und trotzdem noch zu klein.

Gewöhn dich dran, mein Ritter, du wirst noch lange für viele Dinge zu klein sein. Aber ich gebe mein Bestes, dich bei Laune zu halten, versprochen.

Versprochen?

Versprochen.

Ok, hab dich lieb

Ich dich auch mein Ritter.

(oh, sie hat es geschafft diesen Moment mal nicht zu versauen durch einen blöden Spruch? Das muss gefeiert werden!)

Wenn ich es richtig mache gibt es einen Keks. Ist aber voll kompliziert den zu nehmen weil ich nicht langsamer werden darf dabei.
Mein Mädchen darf sitzen und ich muss laufen. Aber ich lauf auch lieber…

Der Tod meines Hundes

Diesmal geht es fast gar nicht um Ponys. Aber ich möchte diesen Text für Euch schreiben. Er handelt von unserer alten Hündin Sali. Denn ich habe durch Finlays Tod etwas gelernt: wir reden zu wenig über den Tod.

Über Finlays Tod erzähle ich bewusst nichts. Er hatte einen so absurden Unfall und ich möchte niemandem Angst vor ganz alltäglichen Situationen machen. Salidas Tod hingegen war ganz anders, bis auf das letzte Ende wohl ziemlich natürlich. Und vielleicht hilft meine Geschichte dem einen oder anderen, darüber nachzudenken, eine Entscheidung zu treffen, sich vorzubereiten oder sich mit der Verantwortung auseinanderzusetzen, die die Tierhaltung mit sich bringt. Aber Vorsicht: dieser Text kann Dich sehr traurig machen. Ließ ihn bitte nur wenn Du bereit bist Dich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

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Freitag morgen. Sali stürzt auf ihrem Weg durch die Wohnung. Sie fällt, kommt nicht mehr hoch. Dann krampft ihre Rückenmuskulatur, vielleicht ist sie kurz „weg“, sie verliert Urin. Ich denke „jetzt stirbt sie“.

Über eine Woche schon hat sich ihr Zustand verschlechtert, sie stellt nach und nach das Fressen ein, mag sich immer weniger bewegen, liegt fast nur noch unter meinem Schreibtisch.

Nun liegt sie da und krampft und ich denke, das war‘s. Aber nach wenigen Sekunden ist sie wieder da. Arnulf trägt sie die Treppe runter und sie pinkelt unten ganz normal, läuft herum. Nur die Treppe wieder rauf möchte sie nicht mehr gehen, sie möchte getragen werden.

Ich fahre zu meinen Kunden, Arnulf ist im Homeoffice. Die Sedierungspaste, die schon seit Monaten bereitliegt, stellen wir schon mal auf die korrekte Menge ein, falls es plötzlich schnell gehen muss. Mein Handy ist ausnahmsweise laut gestellt und immer bei mir. Aber es passiert nichts. Als ich mittags nach hause komme geht es ihr sichtlich mies. Sie liegt mehr oder weniger apathisch auf der Matratze unter meinem Tisch. Ich schreibe mit der Tierärztin. Heute oder Montag, am Wochenende ist sie nicht da. Wenn es dann sein muss, müssten wir jemand anders bitten. Ich schwanke. Dann denke ich: heute.

Sali steht auf, möchte runter. Und plötzlich ist sie wieder da. Sie steht auf dem Hof, schaut nach der Katze, wedelt ein kleines bisschen mit dem Schwanz als wollte sie sagen „Katzen jagen war immer sooooo lustig!“. Dann geht sie zum Heuschober. Gefressen hat sie noch kaum etwas heute, aber als sie in den Heuschober geht, kommt mir die zündende Idee. Ich biete ihr Katzenfutter an und sie verspeist es mit Hingabe, würde sogar mehr nehmen als ich ihr geben mag – ich habe Angst dass der Magen keine große Menge mehr verträgt. Ich nehme Futter mit und biete ihr immer wieder kleine Happen an, die sie auch nimmt. Sie ist munter, ich denke: heute nicht. Und schreibe das der Tierärztin.

Über Nacht wird mir aber klar: spätestens Montag muss es dann so weit sein. Sonst ziehen wir das nur unnötig in die Länge – für sie und für uns. In der Nacht lassen wir die Schlafzimmertür auf damit wir sie hören können. Irgendwann höre ich sie rumoren, gehe mit ihr runter zum pinkeln. Mit Tragehilfe am Geschirr geht sie die Treppe runter wie es schon lange so geht. Rauf möchte sie getragen werden. Dabei mag sie eigentlich nicht gern getragen werden.

Samstag vormittag telefoniere ich mit einem Freund, er ist Tierarzt und bestätigt mich sehr in meinem Vorhaben, dem bald ein Ende zu setzen. Er plädiert für „lieber heute als morgen“. Ich habe Sorge dass wir doch noch zu einem fremden Tierarzt müssen, was ich absolut nicht will.

Den Samstag verleben wir in einer Art Schockzustand. Sali möchte immer mal raus zum pinkeln, läuft etwas über den Hof, steht dann aber verloren in der Gegend herum und scheint nicht zu wissen was sie tun soll.

Sonntag vormittag befürchte ich, zu lange gewartet zu haben. Das Fressen hat sie eingestellt. Den Wassernapf bringe ich ihr zu ihrem Platz unter meinem Schreibtisch, sie scheint nicht mehr den Weg ins Wohnzimmer gehen zu wollen. Trinken mag sie noch und zwar recht viel.

Ich rede mit Arnulf ob wir wirklich bis morgen warten. Er sagt, wir können warten. Es erspart uns so viel Stress, die vertraute Tierärztin mit der alles abgesprochen ist. Sali muss nicht mehr aus dem Auto steigen, keine Untersuchung über sich ergehen lassen, es wird schnell und leicht gehen.

Wir warten. Es ist still. Ich räume ein bisschen auf, um mich zu beschäftigen. Die Zeit tickt langsam dahin. Wir heben ihr Grab aus, obwohl sie noch lebt. Das kommt mir falsch vor und gleichzeitig richtig.

Dann, am Sonntag nachmittag, blüht sie plötzlich nochmal auf. Sie möchte runter – ich hatte mir gerade ein Honigbrot geschmiert und nehme meine Stulle mit. Plötzlich schaut sie mein Brot an, wedelt leicht mit dem Schwanz. Ich biete ihr ein Stück an, sie nimmt es. Dann noch ein Stück und noch ein Stück und noch ein Stück. Bald schmiere ich ein zweites Brot, das wir uns auch noch teilen. Sie nimmt mich mit auf einen letzten Spaziergang: runter vom Hof, einmal um die Ecke. Dort schenkt sie mir einen letzten braunen Stinkehaufen. An der Ecke, an der ich abends immer versucht habe, sie dazu zu animieren, das zu tun, als sie anfing, nachts Kot zu verlieren. Als würde sie sich erinnern, was und wie zu tun ist. Seit Tagen haben wir Kot aus der Wohnung gesammelt, aber dieser letzte Haufen geht da hin wo er hin soll. Sie sieht zufrieden aus mit sich.

Als sie wieder unterm Tisch liegt, gehen wir mit den Ponys auf den Reitplatz. Aber von dort aus sehen wir, dass sie ihren Fensterplatz aufgesucht hat und uns von dort zuschaut, wie sie es so oft getan hat in den letzten Monaten. Ihre Ohren stehen charakteristisch zur Seite, sie schaut aufmerksam zu uns runter. Plötzlich ist Friede in meinem Herzen. Alles ist gut.

Abends kommt meine Freundin um sich zu verabschieden. Sie hat Katzenleckerlies mitgebracht, die Sali mit Begeisterung und erhobenen Ohren verspeist.

Ich zweifle. Soll ich sie wirklich morgen töten lassen? Wäre das die Erlösung oder doch eher Mord? Ich fühle mich wie der Henker. Aber wir haben entschieden und ich möchte mich nicht abbringen lassen, kein Hin und Her. Es ist richtig so.

In der Nacht dann wieder ein Sturz, wieder verliert sie Urin. Ich bringe sie runter, sie ist desorientiert und unruhig. Wieder rauf, sie steht in der Wohnung, weiß nicht wohin mit sich. Ich kratze die letzten Leberwurstreste aus der Dose um ihr noch einmal Schmerzmittel zu geben. Etwas später verschwindet sie wieder unterm Tisch und döst weg. Ich weiß: es ist richtig. Es ist Zeit sie gehen zu lassen und es ist gut für sie, wir ersparen ihr die letzten Todesqualen. Es ist ein Geschenk, ihr beim Sterben zu helfen.

Morgens verweigert sie sogar ihren sonst so geliebten Käse. Käseverweigerung war immer das Zeichen, zum Tierarzt zu fahren. So lange sie noch Käse genommen hat, konnte ich Dinge noch beobachten, wenn nicht musste es losgehen.

Wir rufen bei der Tierärztin an. 13 Uhr sollen wir da sein. Wir warten.

Sali nimmt noch ein Tütchen Katzenleckerlies, trinkt ein Schlückchen. Einmal will sie runter, steht dort aber nur herum.

Es ist still. Ich möchte bei ihr sein, mich zu ihr setzen, aber sie mag das nicht. Mein letzter Liebesdienst an sie ist, sie jetzt in Ruhe zu lassen. Da sein, ja, aber nicht zu nah. So war das schon immer seit sie erwachsen ist. Sie war nie ein Kuschelhund.

Ich tue die einzigen Dinge die ich noch tun kann im Moment: Ponys füttern, Äppel sammeln. In meinem Kopf entsteht dieser Text. Schließlich nimmt sie doch noch wieder etwas Käse, aber Honigbrot wie gestern möchte sie nicht mehr und auch keinen Hähnchenhals.

Wir warten.

Viele Menschen wissen schon über Facebook dass es bald so weit ist. Sie wünschen mir Kraft. Ist es Kraft, die ich jetzt brauche? Mut? Entschlossenheit? Sicherheit? Friede? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich dumpf, losgelöst von der Wirklichkeit und doch in Planung. Ich mache Termine, plane den Rest meiner Woche. Der Anfang einer neuen Zeitrechnung. Während ich Termine mache überlege ich immer, ob sie dann zu hause sein kann oder mitkommt. Dann fällt mir wieder ein, dass sie dann schon unterm Holunderbusch liegt und nie wieder mitkommt. Vorstellen kann ich mir das nicht.

Die Zeit tröpfelt dahin. Mir ist schlecht, ich bin übermüdet. Ich wünschte es wäre schon vorbei und gleichzeitig will ich dass es nie passiert. Ich möchte so gern so viele Dinge noch ein letztes Mal mit ihr tun. Aber nach dem letzten Mal hätte ich gern ein allerletztes Mal. Und dann ein allerallerletztes Mal. Ich weiß, dass es keinen Sinn mehr hat. Und die meisten Dinge kann und will sie sowieso nicht mehr tun.

Wir warten.

Sali liegt unterm Tisch. Sie ist in so einer Art Dämmerzustand, scheint nicht in dem Sinne zu leiden aber natürlich geht es ihr trotzdem schlecht. Sie ist des Lebens einfach müde – sehr verständlich nach 16 Jahren. Sicherlich ist sie auch krank, was sie hat, werden wir nie erfahren, denn es ist letztlich egal. Vieles an ihrem Körper funktioniert schon lange nur noch halb.

Ich denke viel an Finlays Tod in diesen Tagen. Aber es ist anders als zuvor. Jetzt erlebe ich in Zeitlupe und unter komplett anderen Bedingungen den Tod erneut. Salis Leben war lang und erfüllt, der Tod kommt überhaupt nicht überraschend. Finlay war nur knapp erwachsen und wurde mir brutal entrissen. Bei Sali schwelge ich in Erinnerungen, denn diese Erinnerungen sind schon lange genau das: Erinnerungen. Aus der Zeit als sie klein war, als sie jung war, als sie (noch lange aber jetzt schon lange nicht mehr) fit war. Klar, sie war immer fit. Aber in den letzten Jahren immer nur mit dem Zusatz „für ihr Alter“. Sie hat mich ganz langsam entwöhnt. Ist immer mal nicht mehr mitgekommen in den Stall. Konnte schon lange nicht mehr mit zum Ausreiten. Wollte schon öfter zu hause bleiben als mit mir zur Arbeit zu fahren. Dass Arnulf dank Corona viel im Homeoffice war, hat sie sehr genossen.

Um 12 Uhr geben wir Sali die Sedierungspaste. Wir fahren ganz gemütlich über Land nach Eckernförde zu unserer weltbesten Tierärztin. Wir warten im Auto auf sie, sie kommt zu uns. Sali muss die Praxis nicht betreten. Ein klitzekleines bisschen Angst hat sie dann doch beim rasieren, desinfizieren und setzen der Braunüle, aber wirklich nur wenig. Schnell schläft sie ein, den Kopf in meine Hand gestützt. Dann ist sie tot.

Als wir zu hause aus dem Auto steigen, ist mein erster Impuls, nach oben zu gehen und Sali raus zu lassen. Mein Kopf will nicht wahrhaben, dass Sali tot im Auto liegt.

Dann kommt für mich der schwerste Part: das Beerdigen. Wir legen sie in ihr Grab, sie bekommt unsere Beigaben mit: etwas Käse, ein Hähnchenhals, Katzenfutter, der Stinkesocken den ich die letzten Tage für sie getragen habe und ein T-Shirt von Arnulf. Sie liegt auf ihrem Auto-Flo(h)kati. Sie sieht aus als würde sie schlafen. Für mich ist das schwer zu verstehen, dass sie sich nun nicht mehr daran stört, wenn wir Erde auf sie werfen. Daher warten wir noch. Wir bedecken das offene Grab mit einer Plane, gehen erstmal in die Wohnung, ich räume ihre Kissen weg, überlege, wer ihre Mäntel bekommt. Später werden wir die Beerdigung vollenden. Ich zünde eine Kerze für sie an und versuche immer wieder, mir klar zu werden, dass sie nicht mehr hier ist. Dass das da unten in dem Grab eine leere Hülle ist.

Und während sie dort unten kalt und steif wird, geschieht ein kleines Wunder: Ich kann mir ein Video ansehen das Facebook mir als Erinnerung zeigt vom letzten Jahr – ein Finlay-Kutsch-Video von kurz vor seinem Tod. Und ich muss nicht weinen, sondern kann mich ein bisschen darüber freuen. Heilung geht manchmal merkwürdige Wege.

Frühjahrsputz

Die Shut-down-Zeit war für viele von uns Aufräumzeit. Auch für mich. Amüsiert habe ich die kleinen Bildchen im Internet gesehen „vor dem shut-down“ und „nach dem shut-down“ wo sich Brennesselfelder in englische Gärten verwandelt haben. Sehr weit von der Realität war das allerdings mancherorts gar nicht weg. Ich selbst habe zwar lange nicht so viel geschafft wie erhofft (Duncans Tagebuch zu füllen hat einfach so viel mehr Spaß gemacht), aber wenigstens ein paar Ecken sind jetzt wieder ordentlich.

Jetzt kehrt in mein Leben wieder Normalität ein und das Chaos bahnt sich wieder seinen Weg. Ich bin einfach zum Ordnung halten nicht geboren. Obwohl ich inzwischen gerne aufräume und putze, mache ich es doch nur, wenn es sich wirklich lohnt. Ich will einen Unterschied sehen zwischen vorher und nachher und zwar einen großen, der den Aufwand rechtfertigt. In keinem der vielen Tipps die ich über Ordnung gelesen habe, wurde dieser Effekt jemals gewürdigt. Ich selbst habe lange gebraucht um ihn zu entdecken und benennen zu können. Der Ordnungsratgeber, der auf diesem Effekt aufbaut, wird wohl der erste sein, der für mich funktioniert (bitte Buchempfehlungen in den Kommentaren falls ihr einen kennt). Aber der klassische „Frühjahrsputz“ ist unter den Ordnungschoaches verpönt. Jeden Tag ein Eckchen, dann ist doch alles gut und man braucht keine Großaktion. Oje, wie sehr geht dieser Tip an meinem persönlichen Motivations-Empfinden vorbei. Und so wird es wohl nichts werden mit der dauerhaften Ordnung.

In der Pferdeausbildung ist das bei mir gar nicht so viel anders. Und ich bin damit nicht allein. „Ich möchte ganz von vorne anfangen“ ist ein sehr beliebter Satz in meinem Kundenkreis. Tja, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, nicht wahr? Der Wunsch, die Pferdeerziehung „auszumisten“ findet sich bei vielen von uns. Denn im Alltag schleicht sich so einiges ein. Das ist natürlich niemals die Schuld der Pferde – den meisten von uns ist das klar. Es ist immer die Schuld des Menschen. Der dann doch mal einfach so ein Leckerlie gibt, nur weil das Pferd existiert. Der Mensch, der dann doch mal nicht auf dem Stillstehen besteht. Der Mensch, der dann doch mal nicht aufmerksam genug war um sein hungriges Pony daran zu hindern den grünen Halm am Wegesrand mitzunehmen. Der Mensch, der verpasst hat, ruhiges, unspektakuläres Verhalten gebührend zu belohnen. Der Mensch, der nicht nur zulässt, dass das Pferd unerwünschte Verhaltensweisen entwickelt, sondern diese Verhaltensweisen aktiv fördert durch unbewusstes und unbemerktes Belohnen. Und dann sind sie da – die Nervigkeiten. Und plötzlich nerven sie. Und man weiß gar nicht so recht, wo sie wohl herkommen. Und dann ist Frühjahrsputz angesagt, von vorne anfangen. Alles nochmal neu aufrollen. Alles auf den Prüfstand stellen.

Ich bin selbst in einer sehr interessanten Situation des Vergleiches. Auf der einen Seite Sir Duncan, mit dem ich hochkonzentriert und sehr beständig arbeite, weil ich genau weiß, dass so ein kleines Hengstchen schnell unbequem werden kann wenn man ihm erst mal Quatsch beigebracht hat. Auf der anderen Seite mein guter alter Merlin, den ich seit 19 Jahren kenne und der natürlich niemals blöde Sachen wie beißen, treten, Menschen umrennen oder ähnliches tun würde. Mein Merlin, der immer so viele Dinge möglich macht, die für ihn eigentlich unmöglich sind (wie Piaffe und fliegende Wechsel im zarten Alter von 27 Jahren). Der Reitschüler (er)trägt und auf sie aufpasst. Der immer da ist, immer mitmacht, selbst wenn es für ihn anstrengend und viel ist. Und der mich gut im Griff hat. Kratz mir den Bauch, gib mir einen Keks, die Pause mit Gras hab ich mir verdient. Und ich sage ja dazu und habe jetzt ein saglos „verwöhntes“ Pony dass sich allerhand Freiheiten herausnimmt. Manchmal nerven seine Marotten mich, aber ich kann ihm das alles nie übel nehmen. Und mir ist bei ihm nicht nach Frühjahrsputz, er ist so wunderbar dass ich es nicht über mich bringe, ihm irgendetwas zu verwehren. Ich gebe mir schon Mühe, ein paar Regeln einzuhalten und öfter mal sinnvolles Verhalten zu belohnen. Aber wenn das alte Pony mit dem gesunden Phlegma dann mal von selbst etwas spektakuläres anbietet und anfängt in die Luft zu hüpfen, mag ich halt nicht sagen „lass das und steh still“. Noch nicht mal wenn er dann für das stillstehen viele viele Kekse bekommt. Ich bringe es nicht über mich, mich nicht zu erfreuen an seiner Kreativität und ihn dafür zu feiern. Was zur Folge hat, dass die in unerwarteten Momenten ausbricht.

Duncan hingegen bringt von haus aus so viel Energie mit und weiß noch so wenig darüber was man als Pferd im Umgang mit Menschen tut oder nicht tut, dass ich sehr viel mehr vor Augen habe, was auf dem Spiel steht. Neulich beim Rufen üben auf der Weide hatte er plötzlich die brilliante Idee mich als Spielpartner ansehen zu wollen und stieg mich an, mit freundlichem, erwartungsvollem Gesicht. Das fand ich nun wenig erheiternd und habe meine Meinung darüber sehr deutlich gemacht. Ich weiß, dass er es nicht böse meint, aber natürlich muss er lernen dass ich KEIN Spielpartner bin – zumindest nicht in dem Sinne wie seine Pferdekumpels es sind. Und also achte ich viel mehr auf die „Grundordnung“ wenn ich mit Duncan zusammen bin. Er bekommt endlos Kekse fürs Stillstehen, fürs artig neben mir her dackeln (im Schneckentempo würde er jetzt sagen), fürs Abstandhalten, fürs Wegschauen.

Das Problem bleibt: ich möchte einen Effekt sehen. Noch sind diese Dinge mit Duncan alle recht neu und für mein Gehirn spektakulär genug. Aber wenn sich gefühlt nichts verändert (weil ich nur noch Verhalten erhalte anstatt neues zu erschaffen) wofür mache ich mir dann die Arbeit? Und das beobachte ich auch bei meinen Schülern: mit viel Enthusiasmus wird etwas neues ausprobiert, ein neuer Trick, eine neue Übung, ein neues Trainingsziel. Aber das alte erhalten – das ist ja anstrengend. Und so wartet man, bis das alte verstaubt und nicht mehr schön ist, und dann kommt man zum Frühjahrsputz. Dann holt man sich den Trainer und sagt „ich möchte von vorne anfangen“. Das ist natürlich besser, als alles vergammeln zu lassen. Noch besser wäre, immer dranzubleiben, an all den alltäglichen Dingen. Das gute ist: wenn man lange genug dran bleibt, wird es immer leichter. Wie in der Wohnung auch. Die Grundordnung erhalten ist eigentlich einfach. (Theoretisch)

In der Pferdewelt haben wir unter anderem dafür unsere Ausbilder. Die – in den meisten Fällen – mit endloser Geduld wiederholen, was sie schon 100mal gesagt haben. Uns neue, gute Gewohnheiten einbläuen, bis sie uns so sehr zur zweiten Natur geworden sind, dass wir gar nicht mehr merken, was wir da tun.

Neulich sagte eine Schülerin „wenn du da bist macht er das“. Auf Nachfrage, was denn anders sei wenn ich da bin sagt sie „ich bin dann fokussierter“. Ja, das kenne ich. Man ist eben doch mehr bei der Sache wenn ein Lehrer daneben steht.

Meine Lehrer stehen oft imaginär auf dem Reitplatz. Da ich meine beiden Lieblingsreitlehrer nur selten sehe, muss ich eben kreativ werden. Ich stelle mir vor, dass einer von beiden dort steht und mich unterrichtet. Und ich hatte genug Unterricht bei beiden um viele Dinge einfach wieder abzurufen und festzustellen: da habe ich was schleifen lassen. Da war ich nicht konzentriert, habe Kleinigkeiten einfach übersehen, bin so drüber weg gegangen. Das hilft mir.

Und was mir sonst noch hilft: ein kleiner Hengst, der all meine Konzentration und Aufmerksamkeit fordert, weil er sonst so viele eigene kreative Vorschläge hat, wie wir unsere gemeinsame Zeit verbringen könnten.

Meine Wohnung wird davon nicht ordentlicher, aber mein Umgang mit den Pferden ein Stück besser. Und das ist mir ehrlich gesagt sowieso viel wichtiger.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 41

Dieses Rumstehtraining ist wirklich gut für mein Mädchen. Sie wird schon viel besser darin mich zu verstehen!
Neulich stehe ich so im Paddock und denke mir, wie schön es doch wäre, mal wieder rauszugehen. Plötzlich höre ich sie rufen (Duncan Dhuuuuuuuu). Gesehen habe ich sie nicht aber meistens ist sie ja dann vorne am Stalltor und es hörte sich auch so an als käme ihre Stimme von da. Bin ich mal losgegangen. Und als ich ankam, war sie schon ganz glückselig. Weil ich gekommen bin ohne sie zu sehen. Ich weiß doch was das heißt wenn sie ruft: Kekse! Und meistens auch Abenteuer! Oder Extra-Essen. Ich bin ja nicht blöd.
Jedenfalls hat sie gesagt, sie hätte plötzlich so Lust mit mir raus zu gehen und der Mann will auch mit – aber ohne Pony. Fein! Also schnell in das grüne Halfter schlüpfen, das mag ich, weil ich weiß, dass dann lustige Sachen passieren. (wenn ich das schwarze Halfter anziehen soll wird es meistens langweilig). Und schon ging es los. Ich bin gleich zügig gestartet und mein Mädchen war am Staunen. Sonst war ich manchmal nicht ganz sicher ob ich ohne Pferdekumpel vom Hof gehen kann. Aber jetzt bin ich mir sicher. Und ich wollte los. Und zwar nicht zu langsam! Mein Mädchen hat gemerkt (Rumstehtraining macht’s möglich) dass ich schneller will. Und hat „Teeeerab“ gesagt. Oh, super, das weiß ich was das heißt! Ich bin dann auch gleich angetrabt und sie ist neben mir her gekeucht. Bis sie nicht mehr konnte, dann hat sie „Scheeeeeritt“ gehechelt und ich habe mich kurz gefragt ob ich das wohl ernst nehmen soll. Na gut, bevor sie mir zusammenbricht… Als sie wieder reden konnte hat sie den Mann gefragt ob er das gesehen hat. Dass ich auf Stimmkommando angetrabt bin ohne weitere Hilfe. Hatte er nicht gesehen. Also haben wir es nochmal gemacht. Und nochmal. Und nochmal. Und ich habe es jedes Mal richtig gemacht. Und mein Mädchen war baff. Was hat sie immer? Sie fragt sich dann, woher ich sowas weiß. Hallo? Du hast doch schon mal „Teeerab“ gesagt. Neulich erst, als ich als Handpferd neben Diego dem Großen unterwegs war. Schon vergessen? Sie denkt ja immer, sie müsste das so oft wiederholen bis ich mir das gemerkt habe. Äh – nee. Ich weiß das. Manchmal mache ich nicht alles was ich weiß, weil ich keine Lust habe. Beim Stillstehen kommt das schon mal vor. Heißt aber nicht dass ich es nicht weiß. Nur dass es mir keinen Spaß macht. Wissen tu ich alles was Du mir gezeigt hast, mein Mädchen. Man man man, wann lernt sie das? Also SIE ist diejenige die hundert Wiederholungen braucht. Gut dass ich so geduldig bin. Und wenn ich ungeduldig werde, beiße ich sie einfach. Fertig.
Übrigens hat sie mir ein neues Wort beigebracht. „Laaaaangsam“. Das heißt: Ritter, ich kann einfach nicht so schnell traben wie Du, nimm bitte Rücksicht auf Dein Mädchen und trabe im Schneckentempo! Naja, mal sehen ob ich das mache. Vielleicht wird sie ja noch schneller, wenn sie mehr trainiert hat.
Machts gut, Ihr Menschen!

Euer schlauer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 40

Liebe Freunde und Bewunderer,

heute schreibe ich meinen 40. Tagebucheintrag!

Nur schreibe ich ihn leider nicht selbst, denn das kann ich immer noch nicht. Mein Mädchen muss immer alles tippen was ich ihr diktiere. Meistens schreibt sie es auch so wie ich es sage – manchmal lässt sie aber Sachen weg, die sie unanständig findet.

Jetzt darf mein Mädchen schon fast wieder normal arbeiten und viele von Euch dürfen auch wieder einigermaßen normal leben hat sie gesagt. Ihre Zeit wird etwas knapper sein und sie kann nicht mehr jeden Tag was tippen. Das tippen geht schnell, aber alles online stellen, sagt sie, ist manchmal eine Qual. Ihr Computer und die Leitungen zu Euren Computern sind nämlich sehr langsam. Wie ein Kaltblut. Nicht so schnell wie ich! Deswegen wird sie jetzt nicht mehr so oft für mich tippen können. Ich bitte um Entschuldigung! Trotzdem werde ich Euch gelegentlich schreiben, was ich so erlebe. Und weiterhin wird sie natürlich Donnerstags irgendwelche großen Erkenntnisse zum Besten geben, die für uns Ponys selbstverständliche Alltäglichkeiten sind. Naja, Ihr Menschen braucht das wohl so.

Heute ist übrigens was für ein Tag? Richtig: der zweite Sonntag im Monat! Messtag! Also musste ich wieder ab an die Wand. Danach hat mein Mädchen mir noch die Hufe schön geraspelt. Danach! Das finde ich sehr auffällig. Ich glaube es war Absicht. Weil ich doch nach dem Hufe raspeln kleiner bin. Mein Mädchen sagt aber das stimmt nicht, sie hätte in der Höhe gar nichts weggenommen, nur die Form verbessert (als ob es an mir etwas zu verbessern gäbe…) Aber ich glaube es war trotzdem Absicht, dass sie mich vorher gemessen haben.

Na jedenfalls habe ich vorne jetzt 133,5cm geschafft und hinten schon 137cm. Gut oder? Mein Mädchen hat mir den Zollstock gezeigt und wie groß 144cm sind. Bis da hin soll ich vorne noch kommen. Und hinten nicht höher als 144cm. So sagt sie. Kein Problem, mein Mädchen. Ich brauche nur etwas Zeit. Und – du weißt schon – gutes Futter.

Außerdem haben sie wieder meine Beine fotografiert. Weil ich ein x-Bein habe. Sagt mein Mädchen. Tssss als ob das meiner Schönheit irgendeinen Abbruch täte. Aber sie ist ganz zufrieden und sagt, es ist schon sehr viel besser geworden. So wie es jetzt ist kann ich damit 35 Jahre alt werden sagt sie. Mindestens. Und so viel und schnell laufen wie ich will. Wirklich? Ach so, nur in meiner Freizeit. Wenn wir zusammen unterwegs ist will sie trotzdem das Tempo bestimmen… Menno.

Ok sie waren wirklich bisschen geknickt, meine Beine (Dezember)
So schön sind meine Beine jetzt

Euer wachsender Sir Duncan Dhu of Nakel mit den schönen Beinen

Irgendwann

Irgendwann – das ist ein unbestimmter Zeitpunkt. Oder?

Irgendwann werde ich Ordnung haben auf meinem Schreibtisch. Irgendwann habe ich vielleicht mal Zeit, den Garten auf Vordermann zu bringen. Irgendwann möchte ich mal …

Irgendwann kann heißen „nie“. Irgendwann kann heißen „wenn ich nichts Besseres vorhabe“. Irgendwann kann heißen „ich habe keine Lust“.

Aber ich habe noch eine andere Bedeutung gefunden, die das kleine Wörtchen „irgendwann“ erstaunlich oft hat: jetzt gleich sofort!

Da wundert Ihr Euch? Ich mich auch. Aber es ist wirklich so. Achtet mal darauf. Ich begegne diesem Wort (natürlich) vor allem in der Pferdeausbildung. Zum Beispiel beim Verladetraining. Wenn das Pferd gerade halb auf dem Anhänger ist und ich dem Besitzer sage, er soll es wieder zurück schicken. „Aber irgendwann muss er da doch rauf“. Stimmt. Irgendwann. Aber nicht jetzt.

In diesem Fall drückt die Verwendung des Wörtchens „irgendwann“ aus, dass es nicht schnell genug geht. Man sieht das Ziel zum Greifen nah vor seinen Augen. Jetzt! Nein, nicht jetzt. Irgendwann. Und zwar irgendwann später.

„Aber irgendwann muss er das doch können/aushalten/machen“. Genau. Irgendwann.

Das interessante ist: wenn ich Menschen dann davon überzeugen konnte dass „irgendwann“ nicht heute ist, dann passieren all die Dinge, die sie so gern mit viel Druck jetzt gleich sofort erzeugen wollten, im Lauf der Zeit mehr oder weniger von allein. Bei fast jedem Verladetraining kann ich zum Beispiel beobachten, wie die Pferde weiter und weiter in den Anhänger einsteigen ohne dass man sie darum bittet oder Druck macht. Ich habe bis heute nur eine wage Ahnung warum das passiert. Aber es passiert. Immer wieder, bei sehr vielen Pferden.

Wenn ich heute wieder im Freedom Based Training neben Duncan stehe und denke „irgendwann muss er das doch mal ok finden wenn ich von der Seite komme und meinen Arm über seinen Rücken lege“ dann werde ich mich daran erinnern. Irgendwann wird es so weit sein. Aber wahrscheinlich nicht heute. Denn irgendwann ist ein unbestimmter Zeitpunkt.

Mein Mann sagt seit 2 Jahren, dass er das alte Gewächshaus abbauen will. Irgendwann. Ich habe mich nicht weiter darum gekümmert, es war mir nicht so wichtig. Eines Tages war das Gewächshaus abgebaut. „Irgendwann“ war an diesem Tag. Warum? Keiner weiß das so genau, auch mein Mann nicht. Es gab schon viele Tage mit der richtigen Kombination aus Wetter und Zeit. Aber das waren eben nicht die Tage. Woher plötzlich so ein Entschluss kommt, kann ich ja noch nicht einmal bei mir selbst sagen. Plötzlich packe ich es an. Dinge, die ich wochenlang vor mir her geschoben habe. Und inzwischen habe ich mir angewöhnt, zu akzeptieren, dass ich so funktioniere. Ich zwinge mich nur noch, es JETZT zu tun, wenn äußere Umstände es nötig machen. Ansonsten tue ich das nicht mehr. Weil es mir nicht gut tut. Wenn ich stattdessen akzeptiere, dass manches erst reifen möchte, bevor ich es anpacke, dann ist da Spaß und Freude drin. In der Zwischenzeit kann ich ja andere Sachen machen, die auch sinnvoll sind. Nie ist die Wohnung so ordentlich wie zu der Zeit zu der die Steuerklärung fällig ist. Kommt Euch bekannt vor?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Aufschieben verpönt ist, aber jeder es macht.

Nur beim Pferd nicht, da haben wir keine Zeit, etwas aufzuschieben. Das Pferd muss heute können, machen und aushalten. Nachdem der Mensch sich monatelang vorm Verladetraining gedrückt hat, hat er sich ja jetzt endlich aufgerafft. Und jetzt soll es dann bitte auch klappen. „Irgendwann muss ich das Problem ja mal lösen“ heißt dann fürs Pferd „heute lösen wir ein Problem, das seit Jahren besteht. In einem Rutsch in 45 Minuten“.

Und wenn ich heute neben Duncan stehe, darf ich mich daran erinnern. Klar, manchmal denke ich, ich nehme Halfter, Strick und Kekse und bringe ihm das kurz bei. Dauert nicht lang. Ey, ich bin Pferdetrainerin ich löse das Thema kurz. Ja? Wirklich? Ich kann ihm wohl beibringen, das auszuhalten. Aber dann hält er es eben nur aus. Und man kann sich nicht sicher sein, ob das Thema dann nicht plötzlich „zurückkommt“ und einem um die Ohren fliegt, wenn es ans Anreiten geht. Denn ein Pony dass den Arm über seinem Rücken nur „aushält“ wird den Reiter vielleicht nicht aushalten wollen. Bringe ich ihm heute bei, den Arm auszuhalten, und vergesse dann, dass es nur ein Aushalten ist, lande ich in 2-3 Jahren vielleicht plötzlich im Sand und frage mich, wieso das jetzt passiert ist.

Bringe ich dem Kundenpferd heute bei, das Hängerfahren „auszuhalten“ steigt es unter Streß auf dem Turnierplatz vielleicht nicht mehr ein.

Nein, für mich ist Schluss mit Aushalten. Ich möchte die Themen so angehen, dass es wirklich gut wird. Irgendwann. Wann auch immer das ist – nicht heute. Aber es wird wirklich gut, nicht nur ausgehalten.

Vielleicht habe ich das noch einmal eindrücklich gelernt durch den Verlust meines Ponys. Fast ein Jahr ist das nun her. Und damals habe ich sehr oft gesagt „irgendwann“.

Irgendwann werde ich wieder einen Schotten haben (in diesem Fall war „irgendwann“ schon sehr bald)

Irgendwann werde ich mir die Kilos wieder drauffuttern, die ich verloren habe (in diesem Fall ist „irgendwann“ erst jetzt, 11 Monate später)

Irgendwann werde ich an Finlay denke können ohne zu weinen (Ja, denken geht schon)

Irgendwann werde ich mir Erinnerungen anschauen können (noch nicht).

Nach Finlays Tod waren all diese „irgendwanns“ da. Und sie haben mir Hoffnung gegeben und tun es noch. „Irgendwann“ ist ein allgemein eher unbeliebtes Wort, so scheint mir. Aber für mich bedeutet es Hoffnung. Und ein Ziel, dass ich erreichen möchte – irgendwann.

Ich habe gelernt, dass man Ziele konkret setzen soll. Da gibt es ja so tolle Merksätze, wann ein Ziel gut formuliert ist – messbar, selbst erreichbar und was nicht noch alles. Das Wort „irgendwann“ kommt in diesen Merksätzen nicht vor, ganz im Gegenteil. Aber gerade nach Finlays Tod ist es für mich ein machtvolles Wort geworden. Denn so konnte ich ohne Druck sein. Ich konnte zu mir selbst sagen „irgendwann geht es mir wieder gut. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann“. Und dadurch konnte ich weitermachen.

Und genau so könnten wir doch das Wort „irgendwann“ im Pferdetraining benutzen. Irgendwann wird Duncan es großartig finden, wenn mein Arm über seinem Rücken liegt. Irgendwann, wenn das, was ich da tue, gereift und gewachsen ist. Und ja, dafür muss ich etwas tun. Aber nicht unter Druck und mit einem Zeitplan. Plan ja – Zeitplan nein.

Und wenn das nächste Mal ein Schüler zu mir sagt „aber irgendwann muss er doch“ werde ich wieder meine übliche Antwort geben: „stimmt. Irgendwann. Aber nicht heute“. Und mein Schüler wird mich vielleicht wieder böse anschauen, weil ich so viel Geduld verlange. Aber das Pferd wird atmen und mir leise ein „Danke“ zuflüstern. Und vielleicht wird es hinterher schieben „irgendwann schaffe ich das bestimmt“ und es wird ein „irgendwann“ voller Hoffnung sein, so wie bei mir nach Finlays Tod.