Hervorgehoben

Wie alles begann

Warum dieser Blog „Schotten-Pony“ heißt

Sir Duncan Dhu of Nakel

Meine Liebe zum schottischen Highlandpony begann vor ungefähr 11 Jahren, als ich eine Highlandpony-Züchterin als Hufpflegekundin bekam. Damals ahnte ich noch nicht, dass das mein Leben verändern würde. Dass ich einmal Fan einer bestimmten Pferderasse werden würde, hielt ich für ausgeschlossen. Schließlich sind alle Pferde toll und alle haben ihre Vorzüge.

Das stimmt auch immer noch. Und ich habe die Rasse gefunden, die am besten zu mir passt: das Schottische Highlandpony. Einige Jahr später wurde bei dieser Züchterin mein erstes „Schotten-Pony“ Finlay geboren und Finlay wird für mich (was den Charakter angeht) vielleicht immer der Innbegriff des Highlandponys sein. Die Schotten sind ein bisschen anders als andere Ponys. Natürlich gibt es – wie auch innerhalb anderer Rassen – eine Bandbreite an verschiedenen Typen: von den sehr lieben, die sich als Therapiepferd eignen bis zu den sehr selbstbewussten, die ihre Besitzer schon mal vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Was ihnen gemeinsam ist, ist die große Menschenbezogenheit, das unbedingte Bedürfnis nach viel Beschäftigung und Abwechslung sowie der Gerechtigkeitssinn. Behandle mich fair, dann ist alles ok. Behandle mich unfair und Du zahlst den Preis. Die Schotten sind sehr ehrlich – geradeheraus, kein Blatt vor dem Mund. Und viele von ihnen sind abenteuerlustig, haben wenig Angst und erleben gern Neues.

In diesem Blog möchte ich Euch teilhaben lassen an den Geschichten, die ich mit meinem Schotten-Pony erlebe. Bald schon geht es los – ich nehme Euch mit auf eine Reise, die so gar nicht hätte stattfinden sollen, und die ich jetzt als neue Chance und neues Abenteuer sehen möchte. Abonniert am besten gleich diesen Blog, damit Ihr keine Schotten-Pony-Abenteuer verpasst! (einfach Ich freue mich jederzeit über Kommentare, Fragen und Themenwünsche.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 326

Sonntaaaaaaaag! Und das heißt: Ausflugstag! Die letzten Male sind wir ja immer von hier zu hause aus aufgebrochen. Jetzt war es aber mal wieder Zeit, mit der Wackelkiste los zu ziehen. Ab ging es ins wilde Moor, da sind wir soooo gern! Aber andere Leute sind da auch gern, deswegen fahren wir da Sonntags eher nicht hin. Heute war aber ungemütliches Wetter und wir haben gehofft, dass sich dem nicht so viele Leute aussetzen wollen. Der Plan ging auch auf, es war nicht viel los. Direkt am Anfang, noch bevor es los ging, war ein bisschen Aufregung. Da, wo wir immer parken, ist nämlich direkt eine Weide mit Rindern. Nicht irgendwelche Rinder, sondern Schotten, so wie ich, nur als Kuh. Bzw in diesem Fall auch als Bulle. Die haben seeeeeehr beeindruckende Hörner. Und sie haben gerade Futter bekommen. Da kam ein Trecker mit einem Heulageballen auf der Gabel, das fanden wir schon spannend. Dann wurde das Tor auf gemacht – einfach so! Mein Mädchen hatte Sorge, dass so ein Rind sich überlegt, dass wir interessanter sein könnten als das Futter, aber zum Glück haben die Rinder gewartet, bis der Trecker durchs Tor war, der Mensch vom Trecker wieder runter geklettert und das Tor zu gemacht. Dann haben wir alle aufgeatmet und konnten endlich in Ruhe los reiten. Also: was ich halt so Ruhe nenne. Ich hatte Lust! Auf geht´s!

Die Runde im Moor kenne ich ja schon gut auswendig. Aber heute haben wir einen extra Schlenker mit eingebaut, den ich noch nicht kannte. Wir waren im fernen Kamerun! Erstaunlich, nicht wahr? Dieses Kamerun liegt aber nicht ganz so weit weg wie das in Afrika und es ist auch lange nicht so groß. Eigentlich besteht es nur aus 5 oder 6 Höfen und – zack – ist man schon wieder durch.

Kamerun!

Dann wurde es wieder ganz toll: wir sind galoppiert! Mein Mädchen und ich, während Diego und der Mann im Trab geblieben sind. Diesmal hab ich es wirklich raus gehabt und mich gut im Galopp eingefunden. Ich wollte auch gern etwas schneller, durfte ich auch. Und dann noch etwas schneller. Und dann… hat mein Mädchen gebremst. Schade.

Danach wollte ich eigentlich nur noch galoppieren. Ich meine: wer will traben, wenn er galoppieren kann? Ui, da gab es aber Mecker von oben. Dieser Weg wäre doch zu rutschig und ich sollte bitte traben! Aber ich könnte doch auch langsam galoppieren, mein Mädchen. Nein, war nicht erlaubt. Schade. Wo ich es doch gerade so schön geschnallt habe wie das geht.

Wir finden das Moor wunderschön, auch wenn das Wetter grau und verregnet ist

Nach 10 km in genau 100 Minuten waren wir dann wieder zurück an der Wackelkiste. Nass vom schwitzen und vom Regnen, schön durch gepustet und ganz zufrieden. Mein Mädchen sagt, die Rechnung ist heute einfach, wir sind „Tempo 10“ geritten, haben also 10 Minuten pro Kilometer gebraucht. Das ist ganz gut, für einen Distanzritt – selbst einen langsamen Anfängerritt – aber noch zu langsam. Siehst Du, sag ich doch: mehr Galopp! Aber mein Mädchen meint, für einen normalen Ausritt war das fein und wir können später noch mehr und auch schneller traben, wenn wir einen Sattel haben. Aber wir könnten eben auch mehr galoppieren! Finde ich.

Schön war das wieder, danke mein Mädchen!

Euer galoppierender Sir Duncan Dhu of Nakel

Unbeschwert

Duncan hat Euch ja in seinem Tagebuch (unter der noch gar nicht fälligen Nummer 333) das Video von unserem Hallenspiel gezeigt. Was für ein Riesenspaß! Und gleichzeitig für mich ein großes Erlebnis, weil alles sich so vertraut angefühlt hat. Da war keine Skepsis mehr bei mir, ob ich mir Erziehungserfolge kaputt mache, ob ich Duncan überdrehe oder überfordere ohne es zu merken, ob wir eine gemeinsame Idee haben, was wir da so tun könnten: wir beide kennen uns jetzt wirklich gut genug, um einfach völlig ungehemmt Spaß zu haben. Ein fröhliches Spiel, in dem manchmal er eine Idee hat, manchmal ich. Und ich konnte ihn so gut lesen, das ich wusste, wann es zu viel wurde, wusste, wann ich ihn etwas runterdrehen muss. Immer noch einen Hauch zu spät mit meinen Erkenntnissen, aber nur noch einen Hauch. Und er konnte deutlich kommunzieren, was er jetzt gut finden würde und wie er sich das vorstellt. Wenn alles zu viel war, ist er von mir weg gehopst, nicht auf mich zu oder gar in mich rein. Kurz und gut: einfach nur gemeinsamer Spaß.

„Unbeschwert“ nenne ich diesen Artikel, denn als ich darüber nachdachte, fiel mir zum ersten Mal auf, dass „unbeschwert“ so etwas wie eine doppelte Verneinung ist. Man könnte ja auch sagen „leicht“ und würde technisch gesehen das selbe meinen, dennoch tut man das im Sprachgebrauch nicht: da bedeutet „leicht“ etwas anderes als „unbeschwert“ oder? Ich war unbeschwert im Gegensatz zu den 3,5 Jahren die vergangen sind und die immer durch etwas „beschwert“ waren. Ich erinnere mich noch an diesen Tagebucheintrag in dem Duncan so schön schreibt, dass mein schweres Herz ganz leicht wird, sobald er mich trägt. Der Inbegriff von „unbeschwert“, oder? Vorher schwer, nachher leicht.

Unser Hallenspiel war unbeschwert – kein Gedanke an Erziehung oder Ausbildung, kein Ziel, kein Thema, kein zu lösendes Problem, keine Angst. Schockierend für mich selbst zu sehen, wie lange ich so etwas nicht erlebt habe. Das ist natürlich nicht Duncans Schuld! Er macht ja sowieso eigentlich immer alles richtig, jemand mit gelassenerem Gemüt und ohne traumatischen Verlust im Hinterkopf hätte von Anfang an fast jeden Tag unbeschwert sein können mit ihm. Ich nicht. Und wenn ich mich so umsehe in meinem Schülerinnenkreis, dann sehe ich dort ebenfalls wenig Unbeschwertheit. Sorgen um die Gesundheit des Pferdes, Ansprüche an die eigenen Künste, Ängste, auch all die Dinge, die aus dem Alltag mit zum Pferd kommen liegen vielen von uns als Ballast auf der Seele rum. Wenn ich dann zum Unterricht komme, ist natürlich auch der Anspruch da, dass es voran gehen soll. Meine „Beschwerung“ der letzten 3,5 Jahre war oft der Gedanke an Duncans Hengst-sein. Der Gedanke, dass ich viel genauer aufpassen muss, was ich ihm beibringe als ich das bei einem Wallach tun würde. Der Gedanke, dass ich keine Erfahrung mit diesen Dingen habe. Dass ich nicht weiß, wohin die Entwicklung geht. Grundätzlich aber auch das Wissen darum, dass das, was er jetzt lernt, so viel Einfluss auf unsere Zukunft hat, weil es eben die ersten Dinge sind, die Grundlage für alles. Viel mehr als alles was später kommt, wird ihn das prägen, was in den ersten Jahren passiert. Jetzt ist der 4,5 Jahre alt, ich habe bereits 3,5 Jahre investiert und ich sehe an allen Ecken und Enden wie mein Plan schön aufgeht. Und je öfter ich sehe, wie Duncan sich benimmt, desto unbeschwerter werde ich. Desto mehr fällt eine Last von meinen Schultern und es fällt auch Altlast von meinem Herzen. Je öfter er mich trägt und je mehr ich ihm dabei vertraue, desto leichter wird die Trauer um meinen Finlay. Jetzt, nachdem er über 3 Jahre tot ist, kann ich mir Erinnerungen anschauen und lächeln. Dann vergleiche ich manchmal: schau mal, da war Finlay so alt wie Duncan jetzt ist. Und der Vergleich tut nicht mehr weh. Das ist neu – und unbeschwert.

Duncan ist – genau wie mein Finlay es war – selbst ein unbeschwertes Pferd. Er hat in seinem Leben nichts schlimmes erfahren, hat eine solide Vertrauensbasis. Er hat ein gutes Seelenfundament, das stabil genug ist um auszuhalten, was das Leben uns vielleicht noch so zumutet. Im Gegensatz zu mir macht Duncan sich keine Gedanken um die ferne Zukunft, sondern nur um die nähere (wer weiß schon, wie und wie weit Pferde voraus denken – einen Tag, eine Woche? Ich behaupte: nicht länger als das, denn das würde ihnen wohl nichts nützen.). Ich hingegen denke an Jahre, die noch kommen und manchmal „beschwert“ mich das, weil ich weiß, dass da noch Pubertät und Entwicklung zu durchleben ist und und weil ich nicht weiß, was uns diese Zeit noch bringt. Umso wichtiger ist es, dass ich mir die unbeschwerten Momente hole und sie bewusst wahrnehme und das mache ich mir jetzt zur Aufgabe. Ich allein bin dafür verantwortlich, mir solche Momente zu suchen, zu finden und sie auszukosten. Duncan steht parat und ist sicher jederzeit dafür zu haben.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 325

Mein Mädchen hat geschimpft, ich würde zu doll spielen. Weil ich eine Macke unterm Auge habe und neue Macken im Zahnfleisch und Gatsby hat Macken am Hintern an denen – wie mein Mädchen sagt – mein Name dran steht. Aber schau mal, mein Mädchen, Gatsby und ich sind doch beste Freunde! Direkt nach der Balgerei haben wir Fellkraulen gemacht. Das hat mein Mädchen aber nur so mittelmäßig besänftigt.

Guck, Mädchen, wir sind beste Freunde. Auch mit Macken!

Sie meinte, ich würde ja bald platzen vor Energie und es wäre Zeit, dass wir einen Ausflug machen. Ja na da bin ich natürlich ganz ihrer Meinung! Wir also los. Ich war gut drauf! Leider sind wir kurz nach dem Start schon wieder umgedreht. Warum das denn? Der Mann hatte sein Handy vergessen. Und mein Mädchen kann das nicht leiden wenn er kein Handy mit hat. Also zurück marsch marsch. Dann wieder los. Jetzt war ich aber mal so richtig auf Zack! Ich wollte los! Komm, wir können doch schon mal bisschen traben! Nein, wollte mein Mädchen nicht. Hat wieder geschimpft und ich musste seitwärts üben, damit ich bisschen zur Ruhe komme. Habe mich dann voll konzentriert, im Schritt zu bleiben. War das schwer! Mein Mädchen meinte, sie ist froh, dass wir jetzt im Gelände mit Gebiss unterwegs sind, denn ohne hätte ich sie vielleicht einfach so ignoriert und mein Ding gemacht – Nase gegen das Zaumzeug drücken und los! Aber mit Gebiss geht das ja nicht. Naja. Schließlich durfte ich dann los traben. Juhuuuuuuuu! Jetzt aber flott! Mein Mädchen ohne Sattel war schon wieder am schimpfen. Sie hat sich auf ihren Oberschenkeln abgestützt, anders war das nicht auszuhalten, sagt sie. Zeit, dass wir endlich einen Sattel bekommen!

Dann ging es durchs Dorf. Nachher hat mein Mädchen erst gemerkt, dass das wieder mal ein erstes Mal war. Duch Groß Vollstedt sind wir ja schon geritten, aber noch nicht durch Kleinvollstedt. Ich bin ja aber so ein Profi, dass sie gar nicht mehr merkt, wenn wir so was einfach machen ohne darüber nachzudenken. Hat sie nachher auch gesagt bei der wehenden, klimpernden Fahne und der großen Abdeckplane an denen ich so fein vorbei marschiert bin.

Nach einer Weile ging es mir besser. Diego war nur so mittel motiviert, mein Mädchen meint, dem fehlt Training. Weil der Mann sein Pony mag, ist er ein Stück zu Fuß gegangen. Mein Mädchen hat das auch gemacht, weil sie kalte Füße hatte. (Sie mag mich auch, aber sie war sich nicht sicher ob ich eine Pause wirklich nötig habe, bei dem Energieüberschuss).

Eine Graspause darf nicht fehlen! Unter dem Kleiderberg ist irgendwo mein Mädchen versteckt.

Ein bisschen weiter sind wir dann nochmal getrabt und ich wollte gern galoppieren. Mein Mädchen war nicht so ganz überzeugt, aber ich hab ein bisschen gebettelt und schließlich durfte ich. Diego ist doch so schnell im Trab, da muss ich mich mit meinen kurzen Beinen so anstrengen! Galopp ist einfacher. War auch nur bis wir Diego wieder eingeholt hatten, also ein paar Meter.

Gegen Ende, als wir wieder in vertrauten Gefilden waren, wollte mein Mädchen noch „allein ausreiten“ üben. Ihr wisst ja, wie sie ist: sie tut nix einfach so. Alles wird vorbereitet und geübt. Und jetzt üben wir allein ausreiten ohne allein auszureiten. Das geht so: Der Mann ist schon abgestiegen und zu Fuß gegangen, während mein Mädchen und ich nochmal munter angetrabt sind. Wir sind so einen knappen Kilometer getrabt, um zwei Kurven rum, Diego außer Sichtweite. War mir egal, denn wir waren auf der Strecke wo wir schon mal ein paar Galoppsprünge gewagt haben und das wollte ich doch jetzt auch gern! Aber mein Mädchen sagt, alleine galoppieren wir noch nicht. Ich musste den Berg also im Trab hoch kraxeln und dann auch wieder runter. Dafür durfte ich dann am Ende so lange Gras fressen, bis Diego uns eingeholt hatte (was leider nicht so lang gedauert hat. Er hat ja sooooo einen schnellen Schritt!). Den Rest nach hause ist mein Mädchen dann zu Fuß gegangen. Sie meinte, ich hätte mal wieder alles gut gemacht, aber ich sollte doch jetzt auch bitte mal zufrieden sein und nicht mehr ganz so viel und wild spielen. Schließlich waren wir 13 km und 2,5 Stunden unterwegs und da könnte ich mich ruhig mal entspannen und ein Nickerchen einlegen. Naja, ne große Heuportion und bisschen rumstehen haben mir gereicht. Mein Mädchen hat statt Heu lieber Apfelkuchen genommen, den mag sie lieber.

Belohnung für mein Mädchen. Muss auch mal sein.

Das war ein feiner Sonntagsausflug! Jetzt muss ich bestimmt wieder auf dem Platz arbeiten bis nächsten Sonntag, aber nach der schönen Tour halte ich das auch aus (glaube ich).

Euer energiegeladener Sir Duncan Dhu of Nakel

Schubladen

Neben uns fliegt ein Fasan hoch – mit dem typischen Schrei. Duncan zuckt zusammen, ich rechne mit einem Sprung zur Seite, aber der bleibt aus. Schon vor ein paar Minuten, als hinter dem Zaun ein unsichtbarer Hund bellte, lief die Szene genauso ab. Und ich sage zu Arnulf „der hat neue Schubladen“.

Normalerweise finden wir „Schubladendenken“ schlecht, tun es aber alle (oft ohne es zu merken). Weil Schubladen uns helfen. Wenn ich zu einer neuen Schülerin komme und die einen Norweger hat, kramt mein Gehirn alle Norweger hervor, die ich je gesehen habe und spuckt Informationen aus. Das sind zunächst „Vorurteile“, die ich dann überprüfen darf. Aber diese „Vorurteile“ können mir helfen, das Pferd schneller einzuschätzen. Sie dürfen nur nicht negativ behaftet sein, sonst geht das nach hinten los. Ich habe aber auch schon erlebt, dass es der Ponybesitzerin hilft, wenn ich sage „fast alle Norweger, die ich kenne, sind so.“ Das nimmt erst mal den Druck, dass der Mensch etwas falsch gemacht hat, dass man da ein riesiges, ungewöhnliches Problem (selbst erzeugt) hat. Erst mal akzeptieren, dass es so ist – auch wenn man vielleicht später etwas daran ändern möchte – kann ja entlasten. So kann Schubladendenken auch helfen.

Auch beim Einschätzen von Gefahren sind solche Schubladen sehr nützlich, besonders wenn man Beutetier ist. Denn wenn Pferde bei jedem knackenden Zweig, jedem Rascheln im Laub, jedem plötzlichen Geräusch die Flucht antreten würden, wären sie alsbald tot. Sie brauchen Zeit zum Essen, Zeit zum Ruhen, Zeit zum wandern. Und natürlich ist die Umgebung voller Geräusche und Gerüche die potentielle Gefahren darstellen. Also muss schnell und effektiv gefiltert werden: Flucht antreten oder nicht?

Bisher war Duncans Entscheidungszeit bei vielen Dingen noch recht lang: erst mal los springen, dann merken dass das nicht gefährlich ist und die Flucht abbrechen. Wenn er Energieüberschuss hat und grundsätzlich angespannter ist, reagiert er natürlich auch intensiver. Jetzt, auf dem Rückweg von unserem Ausritt, ist er entspannt. Und er erprobt seine Schubladen: da schreit ein Vogel, das ist ungefährlich. Da bellt ein unsichtbarer Hund hinterm Zaun: ungefährlich. Und ich beobachte, wie er das lernt. Noch etwas später wird er lernen, vorher zu wissen, dass der Vogel gleich schreit. Ich erschrecke mich nämlich meistens nicht, wenn der Fasan schreit, weil ich ihn unterbewusst vorher schon wahrgenommen habe. Ich wusste nicht, dass es ein Fasan ist, aber ich wusste, dass da was ist, und so kam der auffliegende Vogel nicht überraschend. Diego, der sich eigentlich nie erschreckt, macht es bestimmt genauso. Er zuckt nie zusammen, er kennt die Welt in der wir leben. Erschreckt hat er sich nur, als plötzlich tote Schweine an der Straße vor einem Bauernhof lagen: etwas, womit er nicht gerechnet hat. Da hat auch Diego mal einen ordentlichen Hüpfer zur Seite gemacht.

Duncan hat schon lange Schubladen für Fahrzeuge aller Art, da schreckt ihn gar nichts. Inzwischen hat er auch eine für Wasser unter Brücken: alle Varianten die es hierzulande davon gibt von ganz still und spiegelnd über leise fließend bis zu dumpfem Gurgeln und Glucksen hat er jetzt drauf. Im Moment scheint „auffliegende Vögel“- Saison zu sein, diese Schublade erweitert er jetzt vom Eichelhäher über Rebhuhn bis Fasan. Und Kinderwagen, die hat er anscheinend noch nicht oft genug gesehen, die werden skeptisch beäugt. Neulich, als uns eine Dame mit Kinderwagen entgegen kam, ist Duncan einfach stehen geblieben. Ich hab ihn gelassen. Er hat gewartet, bis das komische Gefährt an uns vorbei war, dann hat er sich einen Keks geben lassen. Erfolg der Aktion: der Kinderwagen 2 Wochen später war deutlich ungruseliger, an dem ist er mit leisem Unbehagen aber ohne weiteren Kommentar vorbei gegangen. Mal sehen was passiert, wenn eines Tages Geräusche aus so einem Wagen kommen…..

Für mich gilt es jetzt, Erfahrungen zu sammeln in wie weit die Schreckhaftigkeit von seiner Stimmung abhängt. Hat er wieder großen Energieüberschuss, dann ist er vielleicht schneller im Fluchtmodus – so wie sein Ausreitkumpel, der Bewegungsmangel mit Hüpferei quittiert. Auch die Fütterung kann den Stresspegel erhöhen – zu viel Zucker in Gras oder Heu, das werde ich nicht immer komplett verhindern können, führt vielleicht zu vermehrter Schreckhaftigkeit (könnte sein, weiß ich noch nicht). Wohingegen beim Ausreitkumpel die Fütterung kleiner Mengen Hafer zu weniger Schreckhaftigkeit führt, also könnte ggf auch das einen Versuch wert sein wenn es mir zu viel vorkommt.

Im Moment denke ich aber, es geht nach wie vor um Lebenserfahrung. Ich vermute auch, dass die Bewertung von Gefahren sich bei Duncan verändert, weil er erwachsener wird. Vielleicht – das ist meine Vermutung – erwartet eine Pferdeherde von einem 2jährigen nicht, dass er Gefahren einschätzt. Die Kleinen verlassen sich dabei ganz auf die Großen und wenn die sagen, das ist ok, dann ist das ok. Wenn die Großen sagen „lauf um dein Leben“ dann läuft man um sein Leben. Aber jetzt ist Duncan 4,5 Jahre alt und ich denke, seine Aufgaben in der Herde verändern sich nach und nach. Von ihm wird jetzt wohl auch erwartet, dass er dazu beiträgt, Situationen einzuschätzen und mit aufzupassen. Und dieser neue Job ist noch ungewohnt.

Als wir vor ein paar Jahren mal mit Finlay und Diego ausreiten waren, hatten wir unseren damals schon alten Hund dabei. Sali lief neben uns her, da kam uns eine Frau mit 4 Hunden entgegen. Ich wollte Sali aufgrund ihres Alters keine Fremdhunde mehr treffen lassen, also stieg ich ab und leinte sie an. Rechts das Pony, links den Hund beobachtete ich, wie die Dame ebenfalls ihre Hunde anleinte (dachte ich). Wenige Sekunden später wurde aber klar, dass nur 2 der 4 Hunde an der Leine waren. Die anderen 2 kamen mit großem Gebell in vollem Tempo auf uns zu gerast. Ich war in Schockstarre, wusste nicht, was ich tun soll. Da marschierte mein wunderbarer Finlay ein Stück an mir vorbei, stellte sich vor mir und Sali quer und schaute die fremden Hunde mit unmissverständlichem Blick an „kommt nur her“. Die Hunde stockten – und drehten ab.

Ich werde diesen Tag nie vergessen. Mein Pony (damals 5 oder 6 Jahre alt) hatte bewiesen, wie hervorragend er eine Situation einschätzen kann. Er wusste, dass ich keine Idee hatte und er war bereit, mich und Sali (die zu seiner Herde gehörte) zu beschützen. Er wusste, wie er es anstellt und er war komplett unaufgeregt dabei. Und das eben nur mit Lebenserfahrung möglich.

Für Hunde hat Duncan übrigens auch Schubladen, aber andere als Finlay. Finlay hat Hunde in „freundlich“ und „unfreundlich“ eingeteilt. Duncan teilt Hunde in „bekannt“ und „unbekannt“ ein. Interessant, das zu sehen – und wichtig zu wissen. Denn zu Duncan kann ich fremde Hunde nicht bedenkenlos hin laufen lassen, das könnte für den Hund durchaus böse enden. Bei Finlay war ich da recht entspannt, so lange der Hund sich nicht in Finlays Augen ungebührlich verhalten hat.

Auch in meinem Kopf entstehen neue Schubladen – für Duncan-Verhaltensweisen. Dieser Blick bedeutet „du nervst“, dieses kleine, schelmische Haschen ist kein Problem, jenes überdrehte Getüdel führt ins Verderben und erfordert Handlung. Langsam, ganz langsam, kenne ich mich besser aus. Jetzt, wo er anscheinend voll im nächsten Pubertätsschub steckt (seufz), kann ich einige dieser Schubladen „testen“ und vielleicht brauche ich noch ein paar neue, wir werden sehen.

Und so stelle ich mir vor, dass in Duncans wie auch in meinem Kopf eines Tages ein paar wunderschöne Kommoden mit vielen Schubladen stehen – jede Schublade in einer anderen Farbe und mit anderem Knopf, damit man sie gut unterscheiden kann. Und plötzlich finde ich Schubladendenken eigentlich echt hilfreich. (Natürlich nur, so lange niemand darunter leidet).

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 324

Der Sonntagsausflug ist dieses Wochenende flach gefallen wegen Wetter. Sturm ist ja erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben, aber ich glaube am Sonntag war es so weit. Und dazu Regen – waagerecht versteht sich. Also haben wir noch ein bisschen in der Halle gespielt, so wie neulich. Diesmal habe ich auch den Duschvorhang bezwungen!

Gestern wurde das Wetter dann wieder besser und also konnten wir wieder auf den Reitplatz. Mein Mädchen hat mir ein neues Gebiss gekauft, das haben wir ausprobiert. Ich glaub, ich mag das! Es ist leichter als das andere, das gefällt mir.

Das mit dem Reitpferd sein hatte ich mir etwas leichter vorgestellt. Ich hab zwar ordentlich Energie im Moment, aber ich gestehe, da gibt es soooooo viel zu üben und zu trainieren! All diese Kurven, die man auf dem Reitplatz so zu laufen hat, das ist viel schwieriger als im Gelände geradeaus. Mein Mädchen meint, da hilft nur üben, üben üben! Na gut, so lange die Keksrate stimmt, bin ich bereit, mit zu machen. Angeblich macht das ja auch stark und schön (als ob ich das nicht schon längst wäre!).

Heute haben wir dann gleich nochmal geübt. Mein Mädchen hatte ein paar Stangen hingelegt, nicht zum drüber laufen sondern zum durchgehen. Und für die Orientierung. Dann haben wir geübt, da ruhig und gleichmäßig im Schritt herum zu gehen ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Auch schon wieder nicht so leicht, wie es klingt! Mein Mädchen hat sich mal wieder selbst unterrichtet, so wie damals. „Schwerpunkt tief, Hände zusammen, Linie klar vor Augen haben“ hat sie immer gemurmelt. Ich hab derweil meine Hufe sortiert und gut hingehört, wo es lang geht. Hinhören kann ich nämlich jetzt schon ganz prima und da ist mein Mädchen immer schwer begeistert, weil ich so aufmerksam bin und mir so viel Mühe gebe.

Kurven, Kurven, Kurven!

Aber ganz ehrlich, ich hoffe wir können bald mal wieder einen Ausflug machen, so zum Ausgleich. Bis dahin bin ich auch mit dem Reitplatz zufrieden, Hauptsache mein Mädchen und ich machen was zusammen.

Euer Sir Duncan dhu of Nakel (im Reitponytraining)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 323

Na sowas, da war mein Mädchen wohl etwas zu überschwänglich! Hat sie doch gestern Nummer 333 geschrieben obwohl es erst Nummer 323 gewesen wäre! Das liegt einfach daran, dass wir sooooooo viel Spaß hatten bei unseren Hallenspielen. Ist ja auch verständlich, wo ich doch so ein feiner Spielpartner bin! Ich weiß ja jetzt auch, wie ich mit meinem Mädchen schön spielen kann. Früher, als ich noch viel kleiner war, hab ich ja mal versucht, mit ihr so zu spielen wie mit meinen Kumpels, mit Ansteigen und so. Aber jetzt weiß ich: das ist nix für mein zart besaitetes Mädchen. Nein nein, da muss eine andere Taktik her und das findet sie total gut.

Jetzt kommt also Nummer 323, damit ein bisschen Ordnung herrscht. Ob sie dann in ein paar Tagen vergessen hat, dass es 333 schon gibt und noch eine Nummer 333 macht? Lassen wir uns überraschen. Kommt ja nicht drauf an, oder? Hauptsache ihr habt was zu lesen und zu gucken.

Mal in der Halle rum spielen ist schön und gut, aber ich soll ja auch Muskeln bekommen und meine Balance verbessern und so. Deswegen wollen wir jetzt auch öfter das Reiten auf dem Platz üben. Und das kann ich jetzt auch schon viel besser! Anfangs war das mit dem Lenken ja doch ganz schön kompliziert, aber jetzt hab ich das verstanden, wann ich meinen Schulter, meinen Hintern, meinen Kopf oder das ganze Pony wohin bewegen soll. Nur: verstehen allein reicht nicht, stelle ich fest, denn manchmal möchte mein Körper der Schwerkraft folgend eine andere Richtung einschlagen als meine Gedanken! Das kenne ich noch von früher: als ich noch winzig klein war (und Diego und Gatsby irgendwie viel größer) ist mir das beim Spielen auch öfter mal passiert. Plötzlich war ich irgendwo, wo ich gar nicht hin wollte, manchmal auch auf dem Boden! Inzwischen hab ich das im Griff. Und deswegen bin ich optimistisch, dass ich das auch mit meinem Mädchen auf meinem Rücken noch in den Griff kriege. Mein Mädchen ist da auch überzeugt von und sagt, sie gibt mir genug Zeit zum üben, ich soll es nur weiter probieren. Ok! So lange die Keksrate stimmt!

Hier ein kleiner Ausschnitt von unseren spektakulären Seitwärts-Künsten.

Seitwärts in Dur und Moll. Manchmal schwanken wir noch ganz schön, aber es wird besser!

Gestern haben wir sogar das Reiten in unserer kleinen Halle geübt. Mein Mädchen war ganz fröhlich, dass ich so klein bin, weil die Decke so niedrig ist und überhaupt ist nicht so irre viel Platz. Siehst du, mein Mädchen, für ein handlich-quadratisches Pony wie mich ist Platz in der kleinsten Hütte! Da kann der Regen draußen waagerecht fliegen, das ist uns egal. Manchmal, wenn ich dann so seitwärts gehe, bricht mein Mädchen plötzlich in Begeisterungsstürme aus. Dann meint sie, ich hätte sie hoch gehoben und das wäre toll! Also ich finde das ja ganz schön anstrengend. Aber ich gebe zu: das mit dem Gleichgewicht ist dann leichter. Also, für die 2 Sekunden die ich das schaffe. Mein Mädchen sagt, wenn wir fleißig üben, kann ich sie die ganze Zeit so tragen. Oh, das könnte aber noch etwas dauern, glaube ich! Aber sie meint, das ist gar kein Problem, wir haben ja viiiiiiiiiieel Zeit. Und dass sie ja selbst auch noch so viel zu üben und zu verbessern hat. Ja, das hatte ich schon von Merlin gehört, dass es gut ist, wenn mein Mädchen Unterricht nimmt und übt, weil es dann für uns Ponys immer etwas einfacher wird. Sie soll sich ruhig auch anstrengen! Wenn ich sie jetzt schon trage und sie gar nicht mehr selbst läuft.

Macht es wie wir, liebe Menschen: macht das beste aus dem Wetter und freut euch über den dringend benötigten Regen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 333

333. Tagebucheintrag! Das muss doch gefeiert werden, oder? Deswegen gibt es hier mal für euch ein laaaaaanges Video. Es ist stürmisch und mein Mädchen hat einen Spielplatz in der Halle aufgebaut. Und Musik angemacht, aber davon hört man gar nicht so viel, wegen dem Wind.

Was hatten wir für einen Spaß zusammen! Aber seht selbst.

Haltet den Schwerpunkt tief, liebe Menschen, fliegt nicht davon! (Viel essen hilft. Haben viele von euch ja schon vorsorglich getan, hab ich gehört….)

Euer stürmisch spielender Sir Duncan Dhu of Nakel

Energieüberschuss

Unsere Ponys leben im Offenstall: sie können jederzeit frei entscheiden, ob sie rein oder raus gehen. Und nicht nur das: sie können auch wandern, immerhin 500 Meter um die Koppel herum. Das ist nicht viel, aber mehr Anreiz zur Bewegung als im Durchschnittsstall mit viereckigem Paddock. Und sie wandern – um die Nachbarn zu besuchen, nach Zweigen im Knick zu haschen oder aus mir unbekannten Gründen (um ihre kleine Welt zu sehen oder so). Duncan fordert regelmäßig einen der anderen zum Spielen auf und mit Gatsby spielt er jetzt im Winter oft so intensiv, dass beide nassgeschwitzt sind. Und dennoch: er hat Energieüberschuss. Und wenn ich dann mein Highlandpony so ansehe, denke ich an die hochblütigeren Modelle, die Araber, die Spanier, die Vollblüter. Wie viel Bewegung steckt da drin und darf nie raus? Ich denke an einen Tierarzt, der mal gesagt hat, er beobachtet Cushing-Erkrankungen besonders bei Pferden die „nichts auszustehen“ haben. Wie viel Stress sammelt sich in Pferden über Jahre an, weil sie sich nicht genug bewegen (können)? Duncan, der hier alle Möglichkeiten hat, bewegt sich von allein nicht so viel, dass er nachher wirklich entspannt wäre. Ich denke an Elsas halb scherzhaften Tipp: kauf dir ein jüngeres Pferd dazu, das will dann NOCH MEHR spielen, dann wird Duncan erwachsen. Weil er dann mal mehr Bewegung bekommt als er möchte. Aber mein Stall ist voll und ich kann Duncan die Bewegung anders verschaffen: per Ausritt. Wie gut, dass er mich jetzt tragen kann! Und wie gut für seinen Körper, der sich jetzt, wo er sich noch entwickelt, anpassen kann an die Belastung, der er später stand halten soll (wer jetzt kurz eine Krise kriegt, weil ich mein noch nicht ausgewachsenes Pferd reite und anfange zu trainieren, kann sich mal diesen Podcast anhören). Schritt für Schritt kann ich steigern und ich beobachte, wie es mehr wird. Als wir am Sonntag so schön getrabt sind, über Stock und Stein und durch den Matsch war ich sehr beeindruckt, wie gut Duncan das jetzt schon kann. Hätte ich den Boden nicht gesehen, hätte ich wohl nicht gemerkt, wie uneben das alles war. Aber auch andere Zeichen für erhöhte Belastbarkeit sehe ich: er gähnt nicht mehr so oft. Am Sonntag hat er gar nicht gegähnt, bei 9,5km Strecke. Er ist auch nicht müde hinter mir her gebummelt. Er war fit und munter genug, ganz am Ende noch einen Galopp zu zünden. Er war danach nicht so irre durstig wie sonst und er brauchte auch kein ausgiebiges Nickerchen. Zeit, die Streckenlänge zu erhöhen.

Normalerweise hatte Duncan Montags dann frei, das habe ich jetzt geändert. Wir haben Montag Handarbeit gemacht, Dienstag reiten auf dem Platz geübt und er hatte erst am Mittwoch frei. Früher reichte ein Tag austoben für 4 Tage Ruhe, jetzt ist es eher umgekehrt…

Wenn Duncan dann genug Energie los geworden ist, dann geht es auch mit den Kumpels wieder besser. Das Spiel wird harmonischer, er nervt die anderen nicht so extrem. Er nervt dann auch mich nicht so viel, obwohl ich sagen muss, dass er mit mir lange nicht mehr so pubertär und nervig ist wie die letzten Jahre. Er lässt es nur noch an den Ponys aus und ich habe einen Verdacht, warum das so ist: er weiß, dass er mit mir Energie loswerden kann. Wie gut, dass dieser Plan so schön aufgegangen ist. Jetzt muss ich mich nur noch anpassen an seine wachsende Leistungsfähigkeit.

Ich hatte immer eher gemütliche Pferde. Mein Merlin bringt zwar gern mal Höchstleistung, um sich dann entsprechend feiern zu lassen, aber lang währt das nie. Eine halben Stunde konzentriert auf dem Platz bei entsprechender Keksrate – das ist völlig ok. Und er wollte immer gern so 4 Tage in der Woche was machen, nie 3 Tage hintereinander. Ihm ist es nicht wichtig, beim Arbeiten Energie zu verbrauchen, er möchte Aufmerksamkeit. Er möchte hören, dass er das beste Pony der Welt ist, möchte bewundert werden. Und mein Finlay, der wollte die Welt sehen. Dass man dafür etwas Energie investieren muss, hat er in Kauf genommen, aber wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Bummelschritt wohl auch total ausgereicht. Hauptsache gucken und was erleben, aber nicht schnell.

So bin ich jetzt in einer ungewohnten Position, denn mein Duncan möchte eigentlich alles gleichzeitig: Energie loswerden, also vor allem Meter machen, etwas sehen und erleben und bitte die entsprechende Menge an Keksen dazu kassieren. Wobei wir im Gelände inzwischen weitgehend keksfreie Zone sind, weil es nicht mehr so viele Stellen gibt an denen ein Lob gefragt wird. Er kann ja die normalen Dinge und er läuft gern einfach weiter. Nur beim Aufsteigen, wenn was gruselig ist oder wenn wir irgendwo warten müssen, dann gibt es mal einen Keks. Auch auf dem Platz wird der Keksbedarf von allein weniger. Er findet mehr und mehr Spaß daran, sich mit mir zu bewegen, sich ein bisschen zu präsentieren. Und er merkt: für einen Keks muss es schon RICHTIG gut gewesen sein. Auch hier haben wir halt nicht mehr so viel ganz neues. Und selbst wenn: er hält es jetzt aus, etwas länger zu knobeln. Seine Frustrationstoleranz ist gestiegen, er hat mehr Lösungsvorschläge, mehr Handlungsoptionen.

Wenn aber der Energieüberschuss zu groß ist, dann wird es manchmal knifflig für ihn. Mit den anderen Ponys, besonders mit Diego, gerät er dann mal in Streit. Sie fangen an, zu spielen und dann – wenn Duncan allzu penetrant Popo-kneifen will – findet Diego es zu doll und tritt aus. Erst ein bisschen, wie sie es eben im Spiel so tun, aber wenn Duncan dann nicht nachlässt und Diego wieder und wieder von hinten kneifen will, dann kann es schon mal knallen. Nicht schlimm, aber immerhin so, dass Duncan nachher eine kleine Stelle ohne Fell hat. Mit Argusaugen beobachten wir das, denn es ist Bedingung für Duncans Hengst-sein, dass niemand verletzt wird. Bisher sieht alles harmloser aus, als ich es von manchen spielenden Wallachen kenne, aber ich sehe mich in der Pflicht, meinen Teil beizutragen zur Entspannung der Lage und das heißt: den kleinen Tunichtgut zusätzlich beschäftigen und wirklich ein bisschen auslasten. Ja, das trainiert ihn natürlich wiederum, so dass er noch mehr leisten kann, das ist schon klar. Andererseits SOLL er ja auch leisten. Ich will ja Strecke machen mit ihm, ich will viel tun. Ich muss mich nur noch etwas einstellen auf diese neue Situation und sehen, in welcher Form das am besten geht. Und ich vermute, dass es ein Pensum geben wird, bei dem er zufrieden ist. Denn letztendlich ist er ja doch kein Araber, der für irrsinnige Distanzen und Geschwindigkeiten gezüchtet wurde, sondern Schotte.

So wie vor 3,5 Jahren als Duncan hier einzog und so vieles unklar war, übe ich mich jetzt wieder darin, darauf zu vertrauen dass wir den Weg schon finden werden. Vielleicht nicht gleich und vielleicht führt dieser Weg nicht einfach geradeaus, aber wir werden das schon hinkriegen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 322

Mein Mädchen will ja immer, dass ich es bequem habe bei der Arbeit. Deswegen sorgt sie dafür, dass ich gute, passende Klamotten hab. Das ging schon früh los, da hat sie mein Halfter umnähen lassen, damit es mich nicht kneift. Später habe ich dann meine grüne Universalklamotte für alle Gelegenheiten bekommen. Noch später fiel meinem Mädchen auf, dass der Gurt vom Reitpad blöde sitzt, auch da musste mal wieder meine persönliche Haus- und Hofschneiderin ran. Dann stellte sich heraus, dass Gurte bei mir grundsätzlich gar nicht so gut sitzen: wenn die vordere Strupfe straff ist, hängt die hintere durch und umgekehrt. Das ist ja nun nicht Sinn der Sache! Also was tut mein besorgtes Mädchen? Richtig: sie aktiviert die Haus- und Hofschneiderin. Und die hat wieder mal gezaubert. Dann kam sie höchstpersönlich zur Anprobe vorbei. Hatte ihre groooooße Schneiderschere mit und hat alles passend gemacht.

Mit der großen Schere ist sie angerückt!

Dann ging es in die Erprobungsphase. Die hat sich diesmal etwas hingezogen, aber vor Weihnachten stand dann endlich fest, welche kleinen Verbesserungen noch vonnöten sind und jetzt ist er fertig, mein toller Sattelgurt! Der ist so schlau genäht, der gleicht den Druck zwischen der vorderen und der hinteren Strupfe schön aus, so dass es jetzt immer passt. Außerdem ist er super gepolstert und ein bisschen elastisch, so dass ich auf jeden Fall genug Bewegungsspielraum habe. Voll bequem ist der, ich sage es euch!

Der Gurt sitzt!

Außerdem hat sie gleich noch mehr für mich genäht, weil sie doch gerade so in Schwung war! Mein Mädchen hatte nämlich Sorge, dass es mich stört, wenn das Bosal mit dem schmalen Riemen so direkt hinterm Ohr sitzt. Also wollte sie gern so ähnliche Polster wie sie an meiner Universalzäumung dran sind. Das hat auch den Vorteil, dass zwischen den beiden Polstern genug Platz für mein Wallehaar ist. Und auch diese schnieken Dinger sind jetzt fertig und sitzen einfach fantastisch! Zu unserer beider Überraschung ist sogar das Anziehen des Bosals einfacher geworden damit. So habe ich es jetzt auf jeden Fall ganz gemütlich beim Arbeiten und so soll das ja auch sein – besonders wo mein Arbeitspensum ja jetzt beträchtlich steigt.

Jetzt drückt nix mehr.
Zwischen den Polstern ist Platz für mein Wallehaar

Jetzt fehlt wohl nur noch der passende Sattel zu unserem Glück – und vielleicht probieren wir auch nochmal das eine oder andere Gebiss, sagt mein Mädchen, weil ich das immer noch nicht so gern ins Maul nehme und das macht sie stutzig. Schauen wir mal!

Euer bequem gekleideter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 321

Man, das war nötig!

Mein Mädchen war ja mal wieder in Urlaub – ohne mich! Und ich hab hier Langeweile geschoben. Naja, nicht ganz, ich hab natürlich mit den anderen gespielt und mit den Nachbarn geschnackt, aber so ganz ohne Ausflug ist das einfach nix für mich! Als mein Mädchen dann wieder da war, haben wir erst mal wieder Handarbeit gemacht. Alles schön und gut, aber du weißt ja, mein Mädchen, die echten Abenteuer finden jenseits der Grundstücksgrenze statt! Zum Glück ist heute Sonntag und also ging es endlich mal wieder los!

Hier könnt ihr sehen, wo wir lang geritten sind und wie schnell wir waren: das grüne ist Schritt, das orangene ist Trab.

Schaut mal ganz genau hin!

Ich war gut drauf und hab ordentlich los gelegt. Beim ersten Trab hat mein Mädchen ein bisschen gemeckert, weil ich so los geflitzt bin – mit Sattel wäre das ja kein Problem gewesen aber so sagt sie, ich hätte die „Wurfmaschine“ angeschmissen und das wäre gar nicht schön. Ich wollte aber doch so gern in Diegos Po beißen! Der lief so provokativ vor mir her! (Der Mann hat dafür ein neues Wort erfunden: „popokativ“).

Naja, nach einer Weile ist die schlimmste Energie ja weg und dann kann ich mich besser benehmen. Im Wald war mein Mädchen ganz stolz auf mich, ich kann nämlich jetzt auch auf Matsch und unebenem Boden ganz fantastisch gleichmäßig traben ohne zu stolpern oder aus dem Takt zu kommen. Als wir aus dem Wald raus waren und wieder auf dem Weg nach hause ist etwas überraschendes passiert: wir sind nochmal abgebogen! Moment mal, wollt ihr etwa die ganze Waldrunde nochmal…..?? Nein, wir sind nur ein paar Meter in den Weg rein und haben dort eine ausgiebige Graspause gemacht. Schööööööön!

Lecker Graspause

Dann sind wir umgedreht und haben uns auf den Heimweg gemacht. Im Dorf mussten wir nochmal anhalten, denn auf dem Hinweg hatte ich da eine Hinterlassenschaft platziert, die wollten die Menschen noch einsammeln. Ab damit in die Tüte und wer musste es wieder schleppen? Naja, nur durchs Dorf bis zur Aufsteigebank, dort hat mein Mädchen die Tüte am Feldrand entleert.

Der Mann sammelt meine Hinterlassenschaften ein

Aber vorher musste sie noch dieses Foto machen. Früher stand hier eine Ruine, das sah irgendwie immer ein bisschen romantisch aus. Jetzt haben sie da diese Dinger hingebaut! Mein Mädchen schwört, das ganze würde unter dem Motto „unser Dorf soll hässlicher werden“ laufen. Naja, im Grunde kann es uns egal sein. Nur schade um die Romantik.

Unser Dorf soll hässlicher werden!

Als wir dann auf dem Heimweg waren, ist etwas ganz tolles passiert. Diego ist vor uns flink den Berg hoch getrabt und wir waren recht weit hinten. Mein Mädchen sagt zu mir „wenn du willst: die Tür ist auf“. Und ich wusste was sie meint: ich darf galoppieren! Ja, das will ich! Kurz im Trab beschleunigt, nochmal nachgefragt und dann ging es los! Erst langsam, dann etwas schneller – war meinem Mädchen zu schnell. Also hat sie „laaaaaaangsam“ gesagt und bisschen gebremst und ich hab langsamer gemacht. Dann waren wir auch schon oben am Berg, ich hab artig durchpariert und mir einen Keks geben lassen. Jetzt schaut euch nochmal das Bild oben an: Grün = Schritt, orange = Trab und wenn ihr genau hin schaut seht ihr ein kleines bisschen rot – das ist Galopp! Juhuuuuu!

Auf dem Heimweg haben wir dann noch ein bisschen Seitwärts geübt – kann ich. Und so sind wir glücklich und zufrieden zu hause angekommen. Schön war das!

Ich hoffe, euer Sonntag war genauso schön!

Euer galoppierender Sir Duncan Dhu of Nakel