Hervorgehoben

Wie alles begann

Warum dieser Blog „Schotten-Pony“ heißt

Sir Duncan Dhu of Nakel

Meine Liebe zum schottischen Highlandpony begann vor ungefähr 11 Jahren, als ich eine Highlandpony-Züchterin als Hufpflegekundin bekam. Damals ahnte ich noch nicht, dass das mein Leben verändern würde. Dass ich einmal Fan einer bestimmten Pferderasse werden würde, hielt ich für ausgeschlossen. Schließlich sind alle Pferde toll und alle haben ihre Vorzüge.

Das stimmt auch immer noch. Und ich habe die Rasse gefunden, die am besten zu mir passt: das Schottische Highlandpony. Einige Jahr später wurde bei dieser Züchterin mein erstes „Schotten-Pony“ Finlay geboren und Finlay wird für mich (was den Charakter angeht) vielleicht immer der Innbegriff des Highlandponys sein. Die Schotten sind ein bisschen anders als andere Ponys. Natürlich gibt es – wie auch innerhalb anderer Rassen – eine Bandbreite an verschiedenen Typen: von den sehr lieben, die sich als Therapiepferd eignen bis zu den sehr selbstbewussten, die ihre Besitzer schon mal vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Was ihnen gemeinsam ist, ist die große Menschenbezogenheit, das unbedingte Bedürfnis nach viel Beschäftigung und Abwechslung sowie der Gerechtigkeitssinn. Behandle mich fair, dann ist alles ok. Behandle mich unfair und Du zahlst den Preis. Die Schotten sind sehr ehrlich – geradeheraus, kein Blatt vor dem Mund. Und viele von ihnen sind abenteuerlustig, haben wenig Angst und erleben gern Neues.

In diesem Blog möchte ich Euch teilhaben lassen an den Geschichten, die ich mit meinem Schotten-Pony erlebe. Bald schon geht es los – ich nehme Euch mit auf eine Reise, die so gar nicht hätte stattfinden sollen, und die ich jetzt als neue Chance und neues Abenteuer sehen möchte. Abonniert am besten gleich diesen Blog, damit Ihr keine Schotten-Pony-Abenteuer verpasst! (einfach Ich freue mich jederzeit über Kommentare, Fragen und Themenwünsche.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 143

Mein Mädchen sagt, ich bin frech. Ich finde ja eher ich bin schlau, kreativ und mutig. Und hungrig.

Wir werden jetzt nämlich „richtig“ angeweidet. Also Diego und Gatsby, die vorher nicht mit raus durften, weil das nicht in ihren Diätplan gepasst hat, dürfen jetzt auch Gras essen. Aber noch nicht so viel, weil, Ihr wisst ja, so ein Pferdebauch sich erst ans Gras gewöhnen muss. Und das heißt, obwohl Merlin, Caruso und ich schon über eine Stunde raus durften, fangen wir jetzt bei einer halben Stunde wieder an. Und mein Mädchen sagt, wir machen alle nur eine halbe Stunde, sonst ist ihr das zu kompliziert. Ich war aber noch hungrig! Als sie uns dann alle rein gerufen hatte, hat sie ganz lang mit dem Weidetor gefummelt. Da sind so lange Litzen und die hatten sich verknotet. Den oberen Teil hatte sie schon eingehängt aber sie war so mit dem Knoten beschäftigt, da hab ich einfach meine Chance genutzt. Bisschen ducken und – zack! – war ich wieder auf der Weide! Oooooooh sie hat geschimpft wie ein Rohrspatz! Aber das beste war, dass die Litze sich so vertüddelt hatte. Die musste sie nämlich erst auseinander friemeln, sonst hätte es gefährlich werden können für uns Ponys. In der Zeit in der sie mit der Litze beschäftigt war, konnte ich schön noch etwas Gras essen. Aber dann kam sie angeflitzt und wollte mich wutschnaubend von der Weide scheuchen. Tja mein Mädchen schau nur wie schön ich um dich herum galoppieren kann! So fit bist Du nicht, Du bist ja immer nur im Schneckentempo unterwegs….. Hat vier Anläufe gebraucht, bis sie mich durchs Tor raus bugsiert hatte. Hui, das war lustig! Danach war sie böse mit mir. Ich wollte mir noch einen Keks holen aber sie hat mich weg geschickt. Naja, das war es wert! Jetzt behauptet sie wieder, ich hätte Pubertät. Hunger, mein Mädchen, ich hab Hunger!

Euer trickreicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 142

Ich habe einen weiteren Beruf ergriffen. Ich bin ja schon Influencer, Förster, Bergsteiger und Herzensreparierer. Jetzt bin ich auch noch Pfützen-Feinabschmecker! Ich finde es schön, wenn es so ausgiebig geregnet hat. Wenn wir dann spazieren gehen kann ich überall mal das Wasser verkosten. Jede Pfütze schmeckt ein bisschen anders – Ihr Menschen habt ja von sowas keine Ahnung.

Hmmm die war lecker. Da hat Diego auch einen Schluck genommen

Wer viel aus den Pfützen trinkt, muss dann auch öfter mal eine Pfütze machen. Mein Mädchen sagt, ich hätte eine „Sextanerblase“. Ihr Papa hat früher immer zu ihr gesagt, sie sei ein „Durchlauferhitzer“. Weil sie auch sooooooo oft Pfützen machen musste als sie klein war. Allerdings muss sie das heute auch noch. Dann sagt sie immer der Tee ist schuld. Und jetzt frage ich mich, ob in den Pfützen aus denen ich trinke, wohl Tee ist. Naja, ich schweife ab! Jedenfalls verkoste ich jede Pfütze. Die meisten sind aber nicht so lecker, dann trinke ich nur einen Schluck. Und halte ein paar Meter weiter bei der nächsten Pfütze wieder an um die zu probieren. Vielleicht ist die leckerer? Mein Mädchen ist dann irgendwann genervt und sagt, sie macht das nicht mehr mit. Und dass die Verhaltensweisen über die sie sich am Anfang so gefreut hat, weil sie für ein Distanzpferd wichtig sind – nämlich unterwegs Pfützen leeren und neue Pfützen machen – ein bisschen überhand genommen hätten bei mir und dass wir jetzt einfach mal weiter gehen. Na gut. Aber dann zügig Mädchen, hopp hopp!

Euer geschmackvoller Sir Duncan Dhu of Nakel

Dosierungsanleitung

Manchmal treffe ich auf Schülerinnen, die selbst sehr sensibel sind, aber ein weniger sensibles Pferd erwischt haben. Weniger sensible Pferde haben in manchen Kreisen einen schlechten Ruf. Man nennt sie „stumpf“ oder auch „stur“, dabei haben sie so viele Vorzüge. Mein Finlay war so ein Modell. Ich durfte endlos das Aufspringen üben, weil es ihn einfach nicht gestört hat, wenn ich an seiner Seite hing, mich in seiner Mähne fest krallte und ihm unsanft die Knie in den Bauch boxte bei dem Versuch, mich an ihm hoch zu robben. Solch ein Pferd kann ein Geschenk sein. Mit Duncan werde ich so etwas vielleicht nie machen dürfen. Mein kleines Sensibelchen wird das sicher nicht lustig finden.

Wenn ich also auf eine Schülerin mit einem weniger sensiblen Pferd treffe, die ungern eine klare Ansage machen will, erzähle ich folgende Geschichte: Ich war bei meiner Freundin zu Besuch, mitten im Winter. Es lag Schnee und wir haben einen wunderschönen Ausritt gemacht, an dessen Ende ich allerdings komplett durchgefroren war. Als wir wieder auf dem Hof meiner Freundin ankamen, fing sie an zu werkeln. Füttern, Hufe pflegen usw usf. Ich konnte nicht genug helfen um warm zu werden, weil ich mich nicht gut genug auskannte in ihrem System. Also schlotterte ich still vor mich hin. Meine Freundin merkte davon anscheinend nichts. Am nächsten Tag waren wir wieder zusammen unterwegs und wieder war ich durchgefroren. Als wir auf dem Hof ankamen, kündigte meine Freundin fröhlich an, was sie jetzt tun wird. Ich sagte „ich helfe Dir nachher gern, aber erst gehe ich rein und trinke einen heißen Tee.“ Ich kam mir unglaublich unhöflich vor, aber es war mir einfach zu kalt. Meine Freundin hingegen strahlte mich an und sagte „Tee ist auch toll!“. Wir gingen rein, tranken einen Tee und ich wurde wieder warm. Danach konnten wir entspannt und gut gelaunt die übrigen Arbeiten erledigen. Das, was mir unglaublich unhöflich vorgekommen war, war für meine Freundin völlig in Ordnung gewesen. Sie hatte einfach nicht gemerkt, wie kalt mir war und es lag an mir, mich verständlich auszudrücken.

Diese Geschichte hat schon vielen meiner Schülerinnen auf die Sprünge geholfen wenn die Diskrepanz in der Wahrnehmung zwischen Mensch und Pferd zu groß wurde.

„Die Dosis macht das Gift“ sagt man. Aber die Dosis macht auch den Erfolg. Viele Pferde, zu denen wir gerufen werden, sind sehr viel sensibler als angenommen. Manche sind auch zu „nein-sagern“ erzogen worden und reagieren auf jede noch so kleine Anfrage mit Gegenwehr. Das ist dann keine echte Sensibilität sondern eine anerzogene Reaktion. Manche sind aber auch einfach nicht so empfindsam. So wie mein Finlay. Herauszufinden, was ein Pferd als Anfrage, was als Aufforderung und was als unzumutbare Art der Ansprache empfindet, ist das erste, was man tun muss wenn man erfolgreich kommunizieren möchte.

Heute waren wir mit Duncan und Diego an einer Brücke über die Landesstraße und haben geübt. Und auch hier geht es um die Dosierung. Wo ist genau der Punkt, an dem Duncan sich ein klitzekleines bisschen gruselt und ich dann mittels Keks das Gruseln in ein gutes Gefühl umwandeln kann? Fürchtet er sich zu viel, wird der Keks keinen Erfolg bringen. Fürchtet er sich aber zu wenig, komme ich der Lösung nicht näher.

Da sind so unendlich viele Abstufungen drin: was für ein Gefährt kommt gerade unter der Brücke durch – wie sieht es aus, was für ein Geräusch macht es? Ist es nur eins oder kommen da mehrere? Kommen sie alle aus der gleichen Richtung oder kommen sie von beiden Seiten? Sind sie vor Duncan, hinter Duncan oder kommen sie direkt von der Seite? Wo hält Diego sich zu diesem Zeitpunkt auf?

Und genauso, wie das zur Wissenschaft werden kann, kann auch schon ein einfaches, kleines Kommando zur Wissenschaft werden. Ein leichter Zug am Strick, mit dem wir dem Pferd sagen wollen „geh bitte einen Schritt nach vorn“. Die Antwort wird nicht nur davon abhängen, was „vorn“ ist – der Anhänger, die Pfütze oder nur ein weiteres Stück Weg? Die Antwort wird auch davon abhängen, wie wir als Mensch den Strick halten, wie wir den leichten Zug einleiten, wie und wo wir stehen, wohin wir schauen, wie wir atmen und wo unser Schwerpunkt ist. Das alles gilt es auszuprobieren.

Zu allem Überfluss kommt die Antwort dann auch noch meistens zeitverzögert. Es sind all diese Faktoren, die dazu führen, dass Bücher, Lehrvideos und Systeme uns nur begrenzt helfen können. Niemand kann uns abnehmen, unser eigenes Pferd anzuschauen und herauszufinden, wie es tickt. In möglichst vielen unterschiedlichen Situationen.

Ich persönlich stelle ja dann immer „Arbeitshypothesen“ auf, die ich überprüfe. Und heute kann ich stolz verkünden: zwei meiner Arbeitshypothesen zum Thema Brücke haben sich bestätigt. Ich habe wieder etwas gelernt über die richtige Dosierung für Duncan. Und mein Repertoire an „Beobachtungspunkten“ für andere Pferde ist größer geworden. Damit ich demnächst noch schneller und besser Dosierungsanleitungen für Pferdebesitzer entwerfen kann – ganz individuell angepasst.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 141

Wusstet Ihr es schon? Ich bin berühmt! Also: noch berühmter als ich ohnehin schon war! Ich steh nämlich in der Zeitung! Zusammen mit meinem Spaziergehkumpel und unseren Mädchen. Schaut mal hier, mit Foto sogar!

Der Artikel steht im Bauernblatt

Wegen dem Hundertmeiler, Ihr wisst schon. Den wir letztes Jahr gemacht haben. Dieses Jahr wollen wir den wieder machen, aber unter anderen Bedingungen und deswegen sind wir IMMER NOCH NICHT gestartet! Aber wir kommen der Sache näher. Mein Spaziergehkumpel wird nämlich gerade zum echten Kutschpony! Also nicht eins was hinter der Kutsche her läuft sondern eins was wirklich die Kutsche zieht.  Drei mal hat er das jetzt gemacht und sein Mädchen ist fast geplatzt vor Stolz, weil er das so toll hinbekommt!

Das war seine zweite Fahrt.

Ich darf leider noch nicht mit, weil alle sich noch total doll konzentrieren müssen und angeblich würde ich da stören. So ein Blödsinn! Ich kann mich doch auch voll gut konzentrieren.

Diego der Große darf mit. Der muss vorne weg laufen und meinem Spaziergehkumpel den Weg zeigen. Das hätte ich ja nun wirklich auch gekonnt! Aber na gut. Ich muss also noch warten. Langsam finde ich mich damit ab, dass ich für alles was richtig Spaß macht angeblich noch zu klein bin……

Wenn mein Spaziergehkumpel das dann so richtig drauf hat, darf ich hinter der Kutsche her laufen. Das wird ein Spaß! Juhuuuuuu! Und dann wollen wir so die 160km schaffen. Da müssen wir uns aber ran halten! Mein armer Spaziergehkumpel wird bestimmt den einen oder anderen Muskelkater haben. Er hat sich schon mal leise beschwert bei mir. Das ist so anstrengend sagt er. Hinterher laufen ist viel entspannter. Aber ich glaube er stellt sich nur wieder an.

Euer berühmter Sir Duncan Dhu of Nakel

Spektakulär

Neulich habe eine Einladung ausgeschlagen. Man hatte mich eingeladen, kostenlos an einem Seminar teilzunehmen, das normalerweise viel Geld kostet. Und dann war man ziemlich schockiert, dass ich diese Einladung ausgeschlagen habe. „Jomo“ nennt sich das, habe ich gelernt. „Jomo“ ist das Gegenteil von „Fomo“. Wobei ich glaube ich beide Begriffe hier etwas neben dem eigentlichen Gebrauch verwende. „Fomo“ ist „Fear of missing out“, die Angst, etwas zu verpassen. Wenn das Handy aus ist zum Beispiel. „Jomo“ ist das Gegenteil „Joy of missing out“. Und dieser Begriff gefällt mir so gut, dass ich ihn für mich selbst als Entscheidungshilfe verwende in genau solchen Momenten. Ich verpasse – ganz bewusst – eine Gelegenheit und freue mich daran. Eine Gelegenheit, die mir als „Chance“ verkauft wird, die man auf keinen Fall verpassen darf. Doch doch, ich darf. Denn das Seminar ist natürlich nicht ganz kostenlos – es kostet mich Lebenszeit. Worum ging es? Ein Seminar über Führungskräftetraining mit Pferden. Wovon ich sowieso nicht sehr viel halte. Da könnte ich eine lange Abhandlung drüber schreiben aber ich erspare uns das. Das Video, mit dem diese Veranstaltung beworben wurde, war in den kurzen Szenen, in denen Pferde gezeigt wurden, voller „cheap tricks“. Diese „billigen Tricks“ sind die Dinge, die jeder, der einigermaßen über Lernverhalten Bescheid weiß und ein halbwegs gutes Timing hat, seinem Pferd problemlos in kürzester Zeit beibringen kann. Komischerweise sind das immer noch die Tricks, mit denen man anscheinend unendlich viele Leute beeindrucken kann. Wenn das Pferd rückwärts auf einen zu kommt. Oder ohne Seil um einen herum läuft. Spanischen Schritt zeigt oder steigt. Oder oder oder.

Das Video veranlasste mich, darüber nachzudenken, was die schwierigsten Dinge sind, die Duncan kann. Die, die mich am meisten Gehirnschmalz, Aufmerksamkeit und Fehlversuche kosten. Und da fiel mir ein: Fressen aus der Schüssel. Jawohl. Fressen aus der Schüssel ohne mit dem Fuß darin herum zu dengeln. DAS ist unsere Meisterübung im Moment. Daran arbeiten wir am längsten, am intensivsten und ich denke darüber am meisten nach, probiere am meisten aus. Spektakulär, oder?

Noch etwas anderes spektakuläres hat Duncan neulich geschafft: Wir waren auf dem Reitplatz und mit uns war dort auch sein Spaziergehkumpel, der an der Longe herum galoppierte und Arnulf mit Diego, die mit der großen Fahne spielten. Trotzdem konnte Duncan sich total auf mich konzentrieren und wir konnten etwas neues üben. DAS war spektakulär in meinen Augen. Wie er immer mal zu den anderen kurz rüber geschaut hat und sich dann ganz selbstverständlich wieder mir zugewendet hat um weiter zu machen.

Und natürlich auch: Wir verladen Duncan und seinen Spaziergehkumpel, fahren in fremdes Gelände, gehen dort spazieren und fahren wieder nach hause. Auch das finde ich jedes Mal wieder spektakulär. Weil es so unspektakulär ruhig und entspannt abläuft. So selbstverständlich und weil die Ponys sich wirklich immer freuen wenn es los geht.

Anstatt mir ein Seminar anzutun mit einem Herrn der – so ist aus dem Video ersichtlich – unglaublich von sich überzeugt ist und vermutlich seine Pferde hauptsächlich nutzt um sein Ego zu polieren, habe ich dann lieber Zeit mit meinen Ponys verbracht. Und unspektakuläre Dinge gemacht, die für mich so wertvoll sind. Jomo!

Jeder kann ja mit seinem Pferd machen was er will. Die billigen Tricks schaden den Pferden meistens nicht. Was ich ärgerlich finde ist, dass so viele Menschen – auch Pferdemenschen – sich davon blenden lassen. Sie glauben, weil sie so etwas sehen, DAS sei ein richtig guter Pferdetrainer. Aber billige Tricks sind kein Beweis dafür dass jemand ein guter Pferdetrainer ist. Und die billigen Tricks zu lernen macht auch keine besseren Pferdemenschen aus uns. Und deswegen finde ich nichts spektakulär daran.

Spektakulär war für mich zum Beispiel der Besuch bei der Pferdewaage. Dass mein kleines Hengstchen sich in Anwesenheit so vieler fremder Pferde so gut benehmen konnte, war für mich ein Hit. Und dass er auch dann, als ich nachher ziemlich groggy war, zwar etwas nervig, aber nicht doof wurde, das rechne ich ihm hoch an.

Noch ein Stück spektakulärer fand ich zum Beispiel die Begegnung mit dem Trecker an diesem Tag. Es kam von hinten ein gigantischer Trecker mit monströsem Anhänger. Duncan hat sich diesmal dann doch erschreckt, wahrscheinlich einfach weil die Grundspannung so hoch war. Springt neben mir in die Luft, will nach vorne, fühlt das Halfter und stoppt, obwohl der Trecker noch neben uns ist. DAS sind für mich spektakuläre Momente. Sich NICHT erschrecken ist nämlich das eine, aber im Moment des Erschreckens MICH noch wahr- und ernst nehmen, auf mich achten und sich dann in letzter Konsequenz darauf einlassen, dass ich sage es ist ok und nicht gefährlich, DAS ist spektakulär.

Und es wird noch spektakulärer. Als ich auf der Tonne stand am Dienstag und mein Pony mir das Einparken fast schon geschenkt hat. Was daran spektakulär war, war nicht das Einparken. Es war die Tatsache, dass er so lang nicht begeistert war von der Idee, dass ich meinen Arm auf seinen Rücken legen könnte. Und dass er jetzt das Zutrauen hat, einzuparken, in der Gewissheit, dass ich nichts tue, was er doof findet. Für mich ein großer Vertrauensbeweis, der von außen völlig unsichtbar ist. Viele Menschen finden es erstaunlich, wenn ein Pferd an der Aufsteigehilfe einparkt. Für mich ist das eine Basis-Übung und ich würde auf mein Pferd gar nicht aufsteigen, so lange es diese Übung nicht beherrscht. Aber die Tatsache, dass er es nicht nur getan hat sondern unglaublich bemüht war, selbst herauszufinden, wie es richtig geht – offensichtlich eben bei den anderen abgeschaut – diese Tatsache lässt mir das Herz in der Brust hüpfen. Er WOLLTE da einparken obwohl er weiß, dass ich dann theoretisch aufsteigen könnte (was er schrecklich finden würde, da bin ich überzeugt).

Gleichzeitig ist das für mich auch noch auf anderer Ebene spektakulär. Denn offensichtlich hat der das Verhalten bei den anderen gesehen und dann für nachahmenswert empfunden. Was heißt das? Dass die anderen Ponys ausstrahlen, dass es gut ist, wenn der Mensch aufsteigt. Es ist nicht „oje, jetzt muss ich arbeiten“. Denn wenn sie das ausstrahlen würden und er das beobachtet, würde er es nicht freiwillig versuchen. Behaupte ich mal so.

Ach, mein Ritter hat mir schon so viele erstaunliche, wundervolle, spektakuläre Momente geschenkt. Die meisten davon hätte ein Außenstehender nicht als solche erkennen können. Aber wir haben sie erlebt, Duncan und ich, und darum geht’s.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 140

So Ihr fleißigen Rater, hier kommt die ganze Wahrheit! Ich wiege 358kg (sagen wir mal, das habe ich jedenfalls am Sonntag um 13.16Uhr gewogen).

Das ist deutlich weniger als mein Mädchen geschätzt hat. Wo ich doch vor 1,5 Jahren schon 316kg hatte! Da ist gar nicht so viel dazu gekommen, obwohl ich jetzt wirklich schon viel größer bin (11cm habe ich seit dem ersten Waagenbesuch geschafft!)

Gestern brauchte mein Mädchen dann mal einen Tag Pause, weil sie unser Abenteuer so anstrengend fand. Dann sagt sie immer, ICH könnte gut einen Tag Pause vertragen, weil ich so viel erlebt hätte. Hör mal, Mädchen, ich brauch keine Pause, ich bin fit, im Gegensatz zu Dir!

Heute sind wir dann in die Halle gegangen. Weil es regnet und mein Mädchen bekanntermaßen nicht wetterfest ist. Wir haben die langweiligste Übung der Welt gemacht: Mein Spaziergehkumpel war auch mit dabei und wir beide mussten auf unseren Plätzen stehen bleiben während unsere Mädchen herumgelaufen sind und komische Sachen gemacht haben. Oh Mann war das öde!

Nur blöd rumstehen? Was soll das denn?

Aber es gab Kekse. Und dann als ich schon dachte heute passiert gar nichts spannendes mehr, hat mein Mädchen mit mir so ein paar kleine Übungen wiederholt. Auch, dass ich meinen schönen Po in ihre Richtung schwenke, wenn sie mir die Gerte über den Rücken hält. Das haben wir noch nicht so oft gemacht, aber ich hab mich schnell erinnert wie das geht. Und dann…. dann hat sie sich auf eine Tonne rauf gestellt und mir wieder die Gerte über den Rücken gehalten! Ich war ganz aufgeregt, ich weiß doch was das heißt! Das machen Menschen wenn sie aufsteigen wollen, das hab ich schon so oft beobachtet! Und ich weiß auch was man als Pony dann tun soll. Ungefähr jedenfalls. Und nach ein paar Anläufen hatte ich es auch raus. Mein Mädchen hat sich sooooo doll gefreut! Und dann hab ich zum krönenden Abschluss auch noch kapiert, wie das mit dem Keks geht. Wenn die Menschen oben stehen und man als Pony seitlich eingeparkt hat, gibt es den Keks nämlich auf der anderen Seite, der wird einem dann über den Rücken gereicht. Aha! Da hab ich doch wieder was ganz wesentliches gelernt! Mein Mädchen ist fast ausgeflippt, so stolz war sie auf mich. Und dann hat sie gesagt dass es besser ja gar nicht werden kann und wir deshalb jetzt Feierabend machen. Und sie hat mich mit stolzgeschwellter Brust zu Merlin und Caruso gebracht für unser abendliches Extra-Heu. Ich muss sagen: ich bin sehr zufrieden mit mir.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 139

Was für ein Abenteuer! Heute sind wir zu viert vom Hof marschiert – Diego der Große, meine Spaziergehkumpel, der Freund vom Spaziergehkumpel und ich. Und dann natürlich der Mann, mein Mädchen, die drei Mädchen vom Spaziergehkumpel und seinem Freund und 5 Wölfe! Na da war was los! Den Freund vom Spaziergehkumpel kenne ich ja bisher nur so aus der Ferne. Der ist immer vor mir her gelaufen und ich wollte doch so gern mal gucken!

(Ritter, Du wolltest nicht nur gucken). Ach Du weißt schon, Mädchen, so richtig gucken. Mit schnüffeln und so.

Aber mein Mädchen hat gesagt ich darf nur mit den Augen gucken. Von weitem. Na gut, aber dann muss ich jemanden beißen! Aber auch das durfte ich nicht. Menno. Dabei war ich doch so aufgeregt!

Als wir dann eine Weile unterwegs gewesen waren, sind wir auf einem Hof angekommen. Da waren noch mehr Pferde! Und dann kamen noch nach uns zwei und das eine war eine Stute! Da hab ich mal ein bisschen einen Kragen gemacht und sie freundlich angebrummelt. Mein Mädchen staunt dann immer wie tief meine Stimme ist. Aber sie war auch sehr zufrieden weil ich mich auf brummeln beschränkt hab und nicht rumgetanzt habe oder so was. Neee, weiß ich doch. Und wenn ich mich dann wieder auf mein Mädchen konzentriert hab, hab ich auch Kekse bekommen.

Dann hab ich kapiert was da los war: da war eine Waage! Und deswegen waren da auch so viele Pferde. Aha! Vorm wiegen hab ich ja keine Angst. Das kann ich. Und Ihr dürft jetzt raten wie schwer ich bin!

Waage ist einfach. Was sie wohl anzeigt?

Anschließend wurde ich noch vermessen. Die nette Frau hat gesagt, ich wäre 139cm groß. Mein Mädchen hat nachher gesagt das wäre ein bisschen gemogelt, weil ich ja Schuhe an hatte. Also bin ich wohl doch nur 138cm groß. Aber innerlich war ich heute schon ganz, ganz groß! Weil ich mich so gut benommen hab obwohl ich wirklich, wirklich aufgeregt war.

Innerlich schon ganz groß! Kann man mit dem Stockmaß nicht sehen. Aber mein Mädchen hat’s gesehen!

Mein Spaziergehkumpel, sein Freund und Diego der Große waren auch auf der Waage. Diego hat alle überrascht, weil er jetzt so rank und schlank ist wie noch nie! Er wiegt nur noch 598kg! Ich vermute er wird eine Erhöhung seiner Futterration beantragen. Ich vermute aber auch, dass mein Mädchen das ablehnen wird, weil er immer noch so kleine Pölsterchen hat und sie davon träumt, die auch noch weg zu bekommen. Armer Diego! Sie ist unerbittlich. Ich darf noch so viel essen wie ich will. Weil ich noch wachse. Glück gehabt!

So und jetzt ratet, wie viel ich wiege! Wer am nächsten dran ist darf bestimmen, worüber ich in meinem Tagebuch mal berichten soll. Oder worüber mein Mädchen mal was schreiben soll. Uuuuuuuuuund los!

Euer gewichtiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Ausprobiert

Einer meiner am häufigsten gesagten Sätze im Unterricht ist „probier’s aus!“ Ich frage ja gern mal meine Schüler, wie man denn ein Problem beheben oder eine Sache verbessern könnte. Dann denken sie nach und kommen mit einer möglichen Lösung. Und ich sage dann „probier’s aus!“

Ich in schließlich auch nicht allwissend. Und ich möchte bei meinen Schülern das fördern, was ich auch bei meinen Ponys fördern möchte: Ausprobieren. Der Mut, einfach mal zu machen, der fehlt bei manchen Pferden und Besitzern. Aber es ist so wichtig, einfach mal zu machen. Und sich darüber klar zu werden, was eigentlich schlimmstenfalls passieren kann. Meistens ist die Antwort auf diese Frage: mein Pferd könnte mich nicht verstehen. Das ist ja nun gar kein Weltuntergang (es sei denn das Pferd hat gelernt, dass es für nicht-verstehen bestraft wird. Aber selbst dann kann es ja hier und heute lernen, dass das ab sofort nicht mehr passiert.)

Häufig sind wir total blockiert angesichts einer Katastrophe die keine ist. Mein Pferd biegt sich nicht korrekt! (Oh Gott! Weltuntergang!) Was mache ich denn, wenn er da vorne dann nicht um die Kurve geht (weil ich nicht, wie gewohnt, am inneren Zügel ziehe) – tja, der Reitplatz ist eingezäunt, was wird da wohl passieren? Aber man stelle sich bloß mal vor, das Pferd würde auf der Vorhand latschen – dann hat es ja morgen einen Sehnenschaden! (Nicht. Die meisten Pferde latschen ihr Leben lang „auf der Vorhand“ und die wenigsten haben einen Sehnenschaden.)

Pferdeausbildung braucht analytische Fähigkeiten: hinschauen, was passiert, überlegen was ich tun könnte, ausprobieren wie das was ich tue, sich auswirkt. Wieder und wieder und wieder. Und zwar auch und gerade bei den Dingen, die schon gut klappen. Ja ich kann Diego in allen Seitengängen reiten. Kann ich das auch einhändig? Ohne gleich mit der inneren Hand in den Zügel zu greifen wenn Biegung oder Abstellung nicht gleich stimmen? Welche Alternativen könnte ich finden um die gewünschte Biegung und Abstellung zu bekommen?

Ja ich kann eine Trabhilfe geben, auf die hin mein Merlin sofort antrabt. Was passiert, wenn ich weniger oder eine etwas andere Hilfe gebe? (Mein Unterbewusstsein schreit: siehst Du, der trabt nicht an! WEltuntergang!)

Oder die, die meinen, Ihr Pferd könnte das noch nicht. Nein ich habe mein Pferd noch nie seitwärts über die Stange geschickt, was muss ich denn da machen? „Probier’s aus!“

Ich weiß nicht, was meine Schüler denken, wenn sie das das erste Mal erleben. Ich baue eine Übung auf, erkläre, was das Pferd tun soll und lasse mein armen, ratlosen Schüler dann einfach mal machen. Fakt ist: all die hundert kleinen Details, Wenns und Abers kann ich sowieso vorher nicht erklären. Also lasse ich meine Schüler machen und drehe dann an kleinen Stellschräubchen. Vielleicht stelle ich fest, dass das Pferd wirklich noch nicht seitwärts über die Stange gehen kann, weil noch ein Verständnisdetail fehlt oder ein körperliches Problem vorliegt. Aber ich suche ja Übungen aus, die mit hoher Wahrscheinlichkeit im ersten Anlauf so halbwegs klappen. Und dann können wir ja alle gemeinsam an der Verbesserung arbeiten. Und so lernen meine Schüler und ihre Pferde, dass Ausprobieren etwas tolles sein kann. Dass es nicht schlimm ist, erst mal nicht zu wissen, was man da tut. Da kann man sich auch mal komplett verheddern, das macht nichts. Das Pferd lernt, damit umzugehen, dass der Mensch mal Mist verzapft. Der Mensch lernt, dass sein Pferd überlebt, wenn der Mensch Mist verzapft und das gar nichts schlimmes passiert – oh Wunder, mein Pferd hasst mich gar nicht nur weil ich mal kurz unklar war. Es hat auch kein Trauma davon getragen weil ich falsch reagiert habe. Nur die Übung hat halt nicht geklappt. Na und?

Die Türen im Kopf mal aufmachen und ein kleines Wagnis eingehen, dazu möchte ich meine Schüler immer ermuntern. Natürlich kann das auch mal schiefgehen. Mit Duncan gleich über die Autobahnbrücke zu marschieren, war keine brillante Idee. Ich vermute, sein Brücken-Problem ist durch dieses Erlebnis nur größer geworden. Kleiner jedenfalls nicht. Kann passieren. Jetzt habe ich ja aber die Möglichkeit, diesen Fehler wieder gut zu machen. Ihm zu zeigen, dass ich verstehe. Dass ich die Schritte jetzt so klein wähle, dass sie machbar sind. Dass ich mit ihm gemeinsam mutig bin. Und während des ganzen Prozesses wird nicht gestraft oder gemeckert. Er hat es ja auch probiert mit der Autobahnbrücke. Er hätte ja auch stehenbleiben können, sich weigern, weiter zu gehen. Dann hätte ich Plan B geschmiedet. Aber auch er war bereit, es zu probieren und hat erst im Nachhinein gemerkt, was für eine dämliche Idee sein Mädchen da hatte. Nun denn, so etwas kommt in den besten Familien vor.

Elsa Sinclair (taming wild) sagt „wenn ich es richtig mache, lernt das Pferd etwas, wenn ich es falsch mache, lerne ich etwas“. Da möchte ich ihr ausnahmsweise widersprechen. Ich glaube: wenn ich es richtig mache, lernen wir beide etwas und wenn ich es falsch mache, lernen wir beide etwas.

Die Frage ist nur: was. Lernt mein Pferd „sie hat jetzt von 10 Versuchen 10 vermasselt, sie hat keine Ahnung“ dann ist das kein gutes Ergebnis. Lernt mein Pferd „ok der erste Versuch war schrecklich. Aber dann hat sie anscheinend kapiert, dass sie was anders machen muss und wir haben diese Nuss gemeinsam geknackt. Und sie war die ganze Zeit nett und hat mich fürs Probieren gelobt“ dann wird mein Pferd beim nächsten Fehlversuch sagen „na gut, probieren wir es nochmal“. Und genauso gilt das auch für den Menschen. Und da sehe ich meinen Job beim Unterrichten. Mein Job ist nicht, vorher alles haarklein zu erklären. Sondern machbare Herausforderungen zu finden und dann dafür zu sorgen, dass die Stunde mit einem Erfolgserlebnis für Mensch und Pferd endet. Denn jedes Erfolgserlebnis – vor allem wenn man selbst das Problem gelöst hat – stärkt das Selbstbewusstsein. Das gilt natürlich für Pferd UND Mensch. Und mit besserem Selbstbewusstsein wird das Leben insgesamt besser – und darum geht’s mir.

Ich hab auch mal was neues ausprobiert. Normalerweise wenn ich mit Duncan wippen gehe, gehen wir einfach ohne Halfter in den abgezäunten „Wippbereich“ und dann geht es auch schon los mit den Übungen. In diesem abgezäunten Bereich ist unser Spielplatz – vor allem meiner für das Thema positive Verstärkung. Die Gerte bleibt an der Wand hängen und ich schaue einfach was geht, wenn ich nur meine Kekse und mein Timing zur Verfügung habe.

Nun würde ich ihm gern die Hufe auskratzen bevor gewippt wird. Problem: Sir Duncan möchte nicht stillstehen. Er ist aufgeregt und will los legen. Aber ich möchte das Thema jetzt angehen. Die Vorderhufe lässt er sich fein auskratzen. Dann sage ich „warte“ und gehe Richtung Hinterhand. Duncan läuft los. Ich versuche, ihn mit „hooo“ zu stoppen, aber er reagiert nicht. Und ich denke: was mache ich jetzt? Nix. Ich setze mich hin und beobachte ihn. Er dümpelt durch die Halle, findet heruntergefallene Keksreste, schnobert hier und da. Nach ein paar Minuten kommt er zu mir und fragt nach einem Keks. Aber den soll er sich verdienen! Ich sage „warte“ und gehe Richtung Hinterhand. Duncan läuft los. Na dann eben nicht. Ich setze mich hin. Das Spiel wiederholt sich. Als ich keine Lust mehr habe, da dumm rum zu sitzen, fange ich an, mich zu bewegen, ein paar kleine Dehnübungen zu machen. Duncan kommt zu mir und fragt nach einem Keks, der Ablauf wiederholt sich. Schließlich, nach einer Viertelstunde, gelingt es. Duncan bleibt stehen, ich kann zur Hinterhand gehen, dafür gibt es einen Keks und der Bann ist gebrochen: ich kann den Huf auskratzen. Auch dafür wieder Keks und dann will ich zur anderen Seite – und Duncan geht.

Da kommt mir schon mal der Gedanke, was ich da nun eigentlich mache. Aber es ist eben ein Experiment. Was ist das schlimmste was passieren kann? Dass Duncan lernt, dass er „warte“ nicht einhalten muss? Macht nix, das ist schnell repariert. Das Beste was passieren kann ist, dass er (obwohl er staubige Futterreste im Sand findet) herausfindet, dass Zusammenarbeit sich wirklich lohnt. Wirklich wirklich. Und dass die Ignoranz, mit der er mich straft, nicht zum Erfolg führt.

Nach einer Weile ist er bereit, sich auch den anderen Hinterhuf auskratzen zu lassen und wir können uns dem Wippen widmen. Er ist sehr viel ruhiger als sonst, nicht so aufgekratzt. Vielleicht liegt das an diesem merkwürdigen Start, vielleicht an was anderem. Wer weiß das schon…. Ich bin jedenfalls gespannt auf die nächsten Male. Und ich nehme mir vor, ihn schon eine Viertelstunde vorher in den abgezäunten Bereich zu lassen und dann weg zu gehen, so dass er alle Futterreste abstauben kann und sie nicht als Belohnung für Missachtung meiner Person ansieht. Wir werden sehen, was dabei heraus kommt.

Also: Probiert doch mal was aus – und habt Spaß dabei!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 138

Gestern waren wir wieder zusammen los: mein Mädchen, mein Spaziergehkumpel, das Mädchen vom Spaziergehkumpel und ich. Und natürlich die 4 Wölfe vom Mädchen vom Spaziergehkumpel.

Wir sind mit der Wackelkiste in unbekanntes Terrain gefahren und mein Mädchen hat so getan als würde sie Kutsche fahren – Ihr wisst schon, wirklich Kutsche fahren können wir ja noch nicht, weil ich angeblich noch zu klein bin. Aber sie läuft hinter mir her und lenkt mich von hinten. Und jetzt haben wir auch wirklich den Bogen raus, mein Mädchen und ich.

So gut können wir das jetzt schon!

Wir können jetzt schon tolle Sachen: sie konnte mich gestern an Pferden vorbei lenken die da auf der Wiese waren – ich finde das immer soooooo aufregend und dann ist es ganz schwer mich zu konzentrieren auf das was sie sagt. Aber ich hab das geschafft und sie war mega stolz auf mich! Gab auch prompt einen Keks. Außerdem haben wir zwei Autos geschafft die uns von hinten überholt haben und eins von vorn. Bisher war sie immer noch zu mir nach vorn gekommen wenn da Autos waren, aber jetzt meinte sie wir schaffen das. Ich fand das nicht schwer. Was WIRKLICH schwer war, war dass ich dann auf dem Grasstreifen laufen musste. Und das heißt ich muss über das leckere, frische grüne Frühlingsgras rüber laufen und darf NICHT NASCHEN! DAS sind die echten Herausforderungen im Leben, ich sage es Euch! Aber auch das schaffe ich schon ganz gut. Und es gibt auch dafür Kekse. Und wir haben dann auch ein paar mal angehalten zum grasen.

Sie war auch super stolz, dass ich das mit den Wölfen jetzt so gut wegignorieren kann. Das fand ich vor 2 Wochen noch ziemlich schwierig, aber jetzt schaffe ich das besser. Manchmal stehen die im Weg rum, da weiß ich noch nicht so was ich machen soll. Aber ansonsten tue ich die meiste Zeit einfach so als wären sie nicht da. Dafür gibt es auch gelegentlich Kekse!

Außerdem war gestern Treckertag. 7 Trecker-Begegnungen und davon 5 mal der selbe! Der ist anscheinend immer im Kreis gefahren. Ein Riesen Ding war das! Zum Glück ist er schön langsam an uns vorbei gefahren, so dass wir Ponys keine Angst hatten. Beim 5. Mal wollten wir ihm das „Du“ anbieten aber er sah etwas genervt aus, also haben wir ihn lieber nicht angesprochen. Wenn der große Trecker kam ist mein Mädchen immer zu mir nach vorn gekommen um mich zu unterstützen. Ich weiß ja: je größer und lauter das Gefährt, desto höher die Kekswahrscheinlichkeit. Und das war nun der größte Trecker der Welt mit riesigem Anhänger. Und das 5 mal! Also 5 Kekse aufs Konto gebucht für mich! Plus die zwei kleineren Trecker macht 7 Kekse nur für Trecker!

Am Ende kamen wir wieder bei der Wackelkiste an. Mein Mädchen dachte, ich würde meinen Schritt beschleunigen weil ich nach hause wollen würde. Aber ich bin einfach weiter marschiert, an der Wackelkiste vorbei. Da hat mein Mädchen gelacht und sich gefreut und gemeint, ich würde wohl noch bis nach hause laufen wollen! Hätte ich gemacht. Aber ihr ist das wohl zu weit. Na gut, also Wackelkiste, ist mir auch recht, da gibt es nämlich Heu. Auf der Rückfahrt habe ich mich mit meinem Spaziergehkumpel unterhalten. Wir waren beide sehr zufrieden mit uns, weil wir so tolle, erwachsene Ponys sind. Keiner hatte Pubertät und unsere Mädchen waren mal wieder restlos begeistert von unserer Performance. Sie sagen, wir können Sachen, die andere Pferde nie lernen. Zum Beispiel völlig problemlos in die Wackelkiste steigen und dann durch fremdes Gelände laufen. Wir finden das einfach. Aber ist ja schön, wenn man mit einfachen Sachen so viel Begeisterung auslösen kann! Uns soll es recht sein. Also ein rundum gelungener Dienstag! Wir freuen uns schon auf nächste Woche, dann geht es wieder los!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Erinnerungen

„Neue Erinnerungen schaffen“ das ist für meine Freundin und mich so eine Art Motto geworden. Auch sie hat – ein halbes Jahr vor mir – ihr junges Pony verloren. Auch sie hat Nachwuchs – Duncans Spaziergehkumpel. Und wenn wir so durch die Gegend wandern, dann hängen da manchmal viele Erinnerungen dran.

Aber jetzt ändert sich etwas. Denn jetzt sind da plötzlich neben den Erinnerungen an „die besten Ponys 1.0“ auch neue Erinnerungen an „die besten Ponys 2.0“. Als wir neulich spazieren waren, sind wir auf jenem Weg unterwegs gewesen, der unser erster Anhängerausflugs-Weg mit Duncan und seinem Spaziergehkumpel Freddy war. Damals – das ist jetzt etwas über ein Jahr her – haben wir uns darüber unterhalten, dass die Pferdemesse wegen Corona abgesagt wurde. Aber von Lockdown, Kontaktbeschränkungen, Wellen, Schnelltests und Impfungen hatten wir noch keine Ahnung. Wir waren mit den beiden Jungspunden im Anhänger eine ganz kurze Strecke gefahren und dann vom Wanderparkplatz aus nach hause gelaufen. Und es hat geregnet. Ach, was sage ich, es hat geschüttet! Das Wasser lief die Straße und die Baumstämme herunter. Und mein kleiner Ritter, zu diesem Zeitpunkt noch keine 1,5 Jahre alt und erst ein knappes halbes Jahr bei mir, war dann doch gegen Ende ein bisschen durch mit dem Lack. Das sind die Dinge, an die man sich erinnert. Viel mehr als an die schönen, ruhigen und entspannten Spaziergänge, die mir viel Kraft geben, aber weniger im Gedächtnis bleiben.

Er war noch sehr klein und es war sehr, sehr nass.

Dieser Spaziergang war der Auftakt für unsere allwöchentlichen Dienstags-Ausflüge. Im Sommer waren wir dann fast jede Woche mit dem Anhänger los in schöneres Gelände und unsere Ponys sind inzwischen die absoluten Profis was das angeht. Einsteigen, Heu fressen, aussteigen, Wege gehen die man kennt oder nicht kennt, völlig egal. Dann wieder einsteigen, Heu fressen, aussteigen. So wie wir auch ins Auto steigen um irgendwo hin zu fahren.

Diesen Sommer wollen wir vermehrt zu den Wegen fahren, wo all die Erinnerungen an die besten Ponys 1.0 hängen. Wege, die fast schon Hufabdrücke haben von den beiden wunderbaren Ponys, die uns angestiftet haben, auf Distanzritt zu gehen.

Die besten Ponys 1.0 wir hatten so viel Spaß….

Damals war das alles anders. Meine Freundin war immer vorn, ich war immer hinten. Mit Finlay war man einfach immer hinten. Finlay hatte es nie eilig – wofür auch? Er war mein Träumer und mein Bummelant. Eigentlich gar kein Distanz-Pferd. Aber er hatte so viel Lust am Abenteuer und am draußen sein, dass wir es eben doch gemacht haben. Er brauchte endlos viel Training für die Einsteiger-Strecke, die Pferde normalerweise ohne extra Training schaffen können sollten (was für Diego im Übrigen auch wahr war). Aber er hatte Spaß und er hat mir gezeigt, wie sehr ich meine Ponys oft unterschätzt habe, was die körperliche Leistungsfähigkeit angeht.

Mit Duncan bin ich fast nie hinten. Duncan will immer voran, bis zum Horizont und darüber hinaus. Wenn wir in fremdes Gelände kommen, gehen die Ohren vor und er läuft schnurstracks vorneweg. Er läuft auch dann noch vorneweg, wenn er unsicher wird – das wurde uns auf der Autobahnbrücke zum Verhängnis. Er bleibt dann nicht stehen und sagt „oh ich hab Angst“. Er sagt „oh ich hab Angst“ und geht weiter. Bis er mehr Angst hat und noch mehr und dann gerne losrennen möchte. Es liegt an mir, ihn davor zu beschützen, dass er sich nicht selbst überfordert. Und so wird das Training für die Distanzritte wohl auch für mich ganz anders ablaufen als bei Finlay, den ich immer gepusht habe, dem ich immer gesagt habe „das schaffst du bestimmt noch“ und der dann fest gestellt hat: ah, da ist ja noch Kraftreserve.

Wenn Duncan sich auf das körperliche Training bezogen genauso verhält wie auf die seelischen Herausforderungen, dann wird es mein Job sein, ihn zu bremsen und zu sagen „mach mal Pause. Schnauf mal durch“. Ich werde vermutlich viel lernen über Pulswerte und Krafteinteilung. Und ich werde neue Erinnerungen schaffen.

Aber auch mit den besten Ponys 2.0 hatten wir nun schon eine Menge Spaß!

Da Duncans Spaziergehkumpel jetzt eingefahren wird – zwei Mal war er jetzt vor der Kutsche und hat das erwartungsgemäß großartig gemeistert – sind viele Erinnerungen daran hoch gekommen, wie wir Finlay gemeinsam eingefahren haben. Auch ihn haben wir gut vorbereitet. Auch er hat das selbstverständlich gemacht. Er hatte seine Schwäche beim Straßenverkehr und wir erinnern uns lachend an eine Situation mit einem Bus, als ich ängstlich auf dem Kutschbock neben meiner Freundin fragte ob ich nicht lieber absteigen und zu Finlay nach vorne gehen sollte um ihn zu unterstützen und meine Freundin schaute nur streng und sagte „Du bleibst sitzen“ und dann, an Finlay gerichtet „und Du läufst weiter“ und wir haben beide getan wie uns geheißen. Finlay hat seinen Mut zusammen genommen und ist anständig weiter gelaufen, während uns auf der kleinen Dorfstraße der Linienbus beängstigend groß entgegen kam. Im Nachhinein eine großartige Erinnerung!

Auch Pannen haben wir gehabt und wir haben daraus gelernt. Verletzte oder traumatisierte Ponys hatten wir dabei nie. Wir haben immer alles gut vorbereitet, sauber erarbeitet und es den Ponys so leicht wie möglich gemacht. Dadurch konnten unsere Ponys die „Fehlerrestquote“ gut kompensieren.

Wir beide haben unsere Ponys trotzdem verloren – ohne dass jemand einen Fehler gemacht hätte. Manchmal ist das Leben nicht fair. Andererseits bin ich manchmal froh darum. Wäre eins der Ponys durch einen Fehler unsererseits zu Tode gekommen wäre mein Vertrauen in meine Ausbildungsfähigkeiten wohl kaputt. So habe ich nur gelernt: ich kann nicht alles kontrollieren.

Die neuen Erinnerungen helfen dabei, dass die schrecklichen Erinnerungen in den Hintergrund rücken. Sie wirken weniger real, nicht mehr so nah. Mehr wie ein schlimmer Film. Was bleibt, sind die vielen, vielen guten Erinnerungen, die jetzt immer wieder geweckt werden – an die besten Ponys 1.0 UND an die besten Ponys 2.0

Diesen Sommer werden wir noch viel mehr neue Erinnerungen erschaffen, darauf freue ich mich. Mit den besten Ponys 2.0 am Band und den besten Ponys 1.0 im Herzen.