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Wie alles begann

Warum dieser Blog „Schotten-Pony“ heißt

Sir Duncan Dhu of Nakel

Meine Liebe zum schottischen Highlandpony begann vor ungefähr 11 Jahren, als ich eine Highlandpony-Züchterin als Hufpflegekundin bekam. Damals ahnte ich noch nicht, dass das mein Leben verändern würde. Dass ich einmal Fan einer bestimmten Pferderasse werden würde, hielt ich für ausgeschlossen. Schließlich sind alle Pferde toll und alle haben ihre Vorzüge.

Das stimmt auch immer noch. Und ich habe die Rasse gefunden, die am besten zu mir passt: das Schottische Highlandpony. Einige Jahr später wurde bei dieser Züchterin mein erstes „Schotten-Pony“ Finlay geboren und Finlay wird für mich (was den Charakter angeht) vielleicht immer der Innbegriff des Highlandponys sein. Die Schotten sind ein bisschen anders als andere Ponys. Natürlich gibt es – wie auch innerhalb anderer Rassen – eine Bandbreite an verschiedenen Typen: von den sehr lieben, die sich als Therapiepferd eignen bis zu den sehr selbstbewussten, die ihre Besitzer schon mal vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Was ihnen gemeinsam ist, ist die große Menschenbezogenheit, das unbedingte Bedürfnis nach viel Beschäftigung und Abwechslung sowie der Gerechtigkeitssinn. Behandle mich fair, dann ist alles ok. Behandle mich unfair und Du zahlst den Preis. Die Schotten sind sehr ehrlich – geradeheraus, kein Blatt vor dem Mund. Und viele von ihnen sind abenteuerlustig, haben wenig Angst und erleben gern Neues.

In diesem Blog möchte ich Euch teilhaben lassen an den Geschichten, die ich mit meinem Schotten-Pony erlebe. Bald schon geht es los – ich nehme Euch mit auf eine Reise, die so gar nicht hätte stattfinden sollen, und die ich jetzt als neue Chance und neues Abenteuer sehen möchte. Abonniert am besten gleich diesen Blog, damit Ihr keine Schotten-Pony-Abenteuer verpasst! (einfach Ich freue mich jederzeit über Kommentare, Fragen und Themenwünsche.

Guthaben

Viele Pferdetrainer verwenden den Begriff des „Beziehungskontos“. Ein einfaches Bild, um zu erklären, warum unsere Pferde manchmal viel für uns machen und aushalten und manchmal nicht. Die Idee ist, dass wir ein Beziehungskonto haben, auf das wir einzahlen, wann immer das Pferd sich mit uns wohl fühlt und wir ihm gut tun. So bildet sich nach und nach ein Guthaben. Wenn wir etwas tun, was dem Pferd nicht gefällt, verbrauchen wir etwa Guthaben, wir heben etwas von unserem Konto ab.

Manchmal lässt sich das nicht vermeiden und ich habe wahrscheinlich in der Nacht von Sonntag auf Montag mein gesamtes Guthaben aufgebraucht. Wenn ich Pech habe bin ich jetzt in den roten Zahlen – da bin ich mir sogar ziemlich sicher. Andererseits habe ich gesehen, wie hoch mein Kontostand vorher war……

Es ist Sonntag. Duncan schläft lang und sieht danach sehr zerzaust aus. Die komplette Mähne liegt auf der falschen Seite – ein Zustand den er normalerweise unhaltbar findet und sofort durch energisches Schütteln behebt. Aber diesmal nicht. Ich finde es lustig und mache Fotos, denke über einen Tagebucheintrag nach. Aber ich wundere mich auch. Naja, nach einer Nacht auf der Weide und bei dem warmen Wetter ist das ja auch irgendwie normal dass die Ponys schlapp sind.

Später legt Duncan sich wieder hin. Aber nur kurz. Noch etwas später liegt er schon wieder. Ich frage mich ob er einen Infekt hat und messe Fieber, aber da ist nix los. Er hat Appetit und wirkt gut gelaunt. Na dann.

Um 17 Uhr legt er sich wieder hin. Steht wieder auf, legt sich wieder hin. Wälzt sich. Mein ungutes Bauchgefühl, das sich über den Tag immer mehr aufgebaut hat, wird bestätigt: er hat Kolik.

Wir geben ihm Colosan und fangen an mit ihm zu laufen. Er wirkt nicht sonderlich schmerzhaft, ich vermute eine Verstopfung. Er zahnt so doll im Moment, wahrscheinlich hat er das harte Gras nicht gut genug gekaut und bewegt haben sich die Ponys die letzten Tage so gut wie gar nicht, wegen des Wetters. Sie haben sich im Stall verkrochen auf der Flucht vor den Insekten.

Nach einer Stunde – für mich immer das Maß der Dinge bei milden Koliken – halftern wir ihn ab. Er legt sich prompt wieder hin. Also rufe ich den Tierarzt. Koliken sind gefährlich und schwer einzuschätzen – Panik steigt in mir auf. Während wir auf die Tierärztin warten, äppelt Duncan. Pferdeäppel sind ja sowas nerviges. Überall liegen sie herum, machen wahnsinnig viel Arbeit und Dreck. Aber wenn sie nicht kommen wollen, ist plötzlich Holland in Not. Und wenn sie dann doch kommen, kann man sich wie ein Irrer darüber freuen.

Die Tierärztin kennen wir nicht – Notdienst. Aber sie ist wunderbar sympathisch und ruhig, fragt genau nach, hört genau zu. Sie hört Duncan ab, dann möchte sie rektal untersuchen. Auf der langen Liste an Dingen, die Duncan noch nie erlebt hat, stehen (zum Glück) auch unangenehme Tierarztbesuche. Das schlimmste was bisher passiert ist, waren ein paar Impfungen, die er mit Fassung getragen hat. Wird er die Tierärztin ran lassen? Ich frage ob ich mit etwas Futter belohnen darf und sie stimmt zu. Duncan lässt sich die Untersuchung gut gefallen und ich bin schon mal sehr stolz. Das Ergebnis ist eindeutig: Verstopfung. Keine Darmverdrehung oder Verlagerung. Das sind erst mal gute Nachrichten. Duncan bekommt Schmerzmittel und entkrampfendes Buscopan gespritzt. Beim spritzen wird klar, dass das Wort „warte“ ihn wirklich gut dazu bringt, still zu halten. Ich darf noch einmal mit Futter belohnen. Die schlechte Nachricht folgt auf dem Fuße: der Kot ist schon angeschoppt, Duncan muss Paraffinöl über eine Nasenschlundsonde bekommen. Das ist natürlich noch deutlich schlimmer als rektale Untersuchung und ich kann es nicht mit Futter belohnen…. Die Tierärztin sagt, wir versuchen es ohne Sedierung. Sie erklärt uns genau was zu tun ist. Wir stellen Duncan in die Ecke, Arnulf und ich halten ihn rechts und links am Halfter. Die Tierärztin rückt mit dem Schlauch an. Duncan ist natürlich nicht begeistert, aber ich sage „warte“ und er reißt sich sehr zusammen, hält so gut still wie er kann so dass die Sonde gut eingeführt werden kann. Danach ist er ruhig und lässt sich das Öl eingeben. Er steht stockstill, den Hintern schräg in die Stallecke gepresst und rührt sich nicht vom Fleck. Ich rede mit ihm, kraule ihn am Widerrist und frage mich – wie immer in solchen Mometen, ob das meinem Pony eigentlich wirklich hilft.

Schließlich ist es geschafft und die Sonde muss wieder gezogen werden, ein kurzer unangenehmer Moment, wieder hält Duncan so gut still, wie er kann. Die Tierärztin ist begeistert und ich bin unglaublich stolz auf meinen tapferen Ritter. Sie fährt vom Hof mit einem Haufen Informationen, was wir tun sollen und ich verabschiede sie mit meinem „Tierarzt-Gruß“: „Ich hoffe wir sehen uns nicht wieder.“ Tierärzte verstehen das. Ich bin erst mal unglaublich erleichtert und unfassbar stolz. Dann beginnt die lange Nacht.

Der beste Freund ist jetzt mein Timer im Smartphone. Alle 2-3 Stunden soll Duncan „Heucobs-Suppe“ bekommen, ganz wenige Cobs, ganz viel Wasser. Außerdem muss er bewegt werden. Ich versuche, das Maß der Dinge zu treffen. Bewegen kann ich ihn jetzt nur in unserer kleinen Halle, immer im Kreis. Schritt, Trab, Schritt. Auch hier kommt der Timer zum Einsatz, damit ich nicht zu kurze Trab-Reprisen mache. Dazwischen Belohnungs-Pausen in denen ich ihn kraule, Futter darf er ja nicht haben. Er wird zunehmend missmutig und genervt, macht aber mit. Die Schmerzen kommen nicht wieder, alles scheint überstanden.

Am nächsten Tag füttern wir weiter vorsichtig Heucobs. Mittags legt Duncan sich schlafen. So ganz ruhig wie ich ihn gern hätte liegt er dabei nicht. Wir gehen mit ihm spazieren. Dann hole ich nochmal eine Tierärztin zur Kontrolle. Sie sagt, es ist alles gut. Ob das wirklich stimmt? Wir besprechen, dass er zwei Stunden auf die Weide darf – ein fataler Fehler…..

Abends nimmt das Unheil seinen Lauf. Duncan mag nur noch liegen. Wir fahren in die Klinik. Im Dunkeln kommen wir dort an. Ich muss mein Pferd abgeben – Corona-Verordnung. Ich sehe, wie die Tierärztin meinen geliebten Ritter durch die Tür führt, durch die mein Finlay als letztes gegangen ist. In dem Raum, der dahinter liegt, ist mein Finlay gestorben. Dort musste ich ihn liegen lassen und mit leerem Anhänger nach hause fahren.

Aber manchmal hat man eben auch Glück.Seit gestern ist Duncan wieder zu hause – putzmunter und gesund. Er hatte sich nur an dem Gras überfressen. Normalerweise ist er ein besonnener Fresser und kaut sein Futter gut. Aber nach der Kolik war er wohl so ausgehungert, dass er sich ganz anders verhalten hat. Ich habe wieder etwas gelernt. Ich lerne aber auch, wieder noch mehr auf mein Bauchgefühl zu hören: wenn ich denke, der hat was, dann hat der was. Völlig egal, ob das diagnostizierbar ist oder nicht. Und wenn ich denke er hat Bauchweh, dann wird er kontrolliert gefüttert, auch wenn ein Tierarzt mir das ok für mehr gibt.

Jetzt werden wir sehen, welche seelischen Spuren das alles hinterlässt. Bisher wirkt Duncan genauso wie immer. Auf meine bange Nachfrage in der Klinik, wie er sich benommen hat, bekam ich von allen Beteiligten zu hören, für einen 3jährigen Hengst wäre das total super. Das beruhigt mich, denn man kann so viel üben wie man will – wenn man das Pony aus der Hand geben muss, kann man eben keinen Einfluss mehr nehmen.

Jetzt werde ich ihn natürlich noch eine Weile mit Argusaugen beobachten. Aber gestern Abend, als ich ihn zu hause gesehen habe, war mein Bauch wieder ruhig und ich konnte fühlen, dass Duncan ok ist. Möge es wahr sein…. Wenn dann wieder alles seinen Gang geht, werde ich den „Kontostand“ checken, dann wird sich ja herausstellen, wie es um unsere Beziehung bestellt ist und was ich tun kann um mein Guthaben wieder aufzubauen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 157

Liebe Menschen,

ich habe ganz schön viel erlebt seit Sonntag. Leider nicht so viel angenehmes! Ich musste sogar ins Pferde-Krankehaus, wegen Bauchweh. Schön geht anders, wirklich. Aber natürlich bin ich ein tapferer Ritter und schaffe auch so was. Und jetzt bin ich wieder zu hause! Diego hat mich abgeholt. Und ich bin hoch erhobenen Hauptes da raus marschiert. Nur nicht unterkriegen lassen!

Mein Mädchen ist übrigens nicht ganz so tapfer wie ich, sie ist ziemlich fertig mit den Nerven. Aber auch sehr stolz auf mich, weil die Tierärzte gesagt haben, dass ich sehr sehr artig und sehr nett bin! Klar doch, bin ja ein Gentleman. Ritter und nicht Räuber. Trotzdem bin ich echt froh, wieder zu hause zu sein. Vor allem weil ich da nicht im Käfig wohnen muss!

Hallo? Ich will hier raus!
Oh da ist ja Diego der Große!

Euer tapferer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 156

Seht Ihr das? Seht Ihr das? Wisst Ihr was das heißt? Nein? Dann erkläre ich es Euch mal.

Sie redet immer lustig wenn ich es gut mache. Man gewöhnt sich dran…. Hauptsache die Keksrate stimmt!

So ein Metalldings im Maul das braucht man zum Kutsche fahren. Das hab ich genau beobachtet. Mein Spaziergehkumpel hat das immer drin wenn es auf Kutschfahrt geht. Er sagt, das ist ganz angenehm. Man kann da drauf rum lutschen und damit spielen wenn man möchte und die Menschen geben einem Signale damit. Und die Signale sind ganz leise und ganz eindeutig. Bisher hab ich ja immer einen Riemen auf der Nase für die Signale. Aber der Riemen rutscht hin und her und ist manchmal ganz undeutlich. Und er muss so eng sein, dass er nicht so doll rutscht und also kann ich mein Maul nicht so weit aufmachen wie ich möchte, wenn ich mal gähnen muss. Das nervt. Jetzt üben wir also mit dem Metallding. Seht Ihr? Mein Mädchen hält es mir hin und ich schnappe es mir. Aber das ist gar nicht mal so leicht wie es klingt, denn ich muss die Mitte treffen. Und da direkt vor meiner Nase, da seh ich ja nix. Also muss ich mich ran tasten. Wenn ich es richtig mache sagt sie „Keks“ und ich kriege was feines. Wenn ich zu doll an ihrer Hand rum lutsche nimmt sie das Ding weg und ich muss erst zur Besinnung kommen bevor es weiter geht. Manchmal bin ich halt so aufgeregt wegen der Kekse, dann vergesse ich mich! Geht Euch das auch manchmal so? (Wenn nicht, sind Eure Kekse echt nicht lecker genug! Bei guten Keksen muss man einfach völlig ausflippen!)

Mein Mädchen sagt, nächste Woche kommt der Tierarzt und macht mir meinen Wolfszahn raus. Ein Wolfszahn? Ich bin doch ein Pony!? Jedenfalls können wir dann wenn der Wolfszahn raus ist, wirklich richtig anfangen mit dem Metallding zu üben. Und das kann ja nur eins bedeuten: ich bin schon ganz bald ein echtes Kutschpony!!! Juhuuuuuuuu!

Euer Kutschpony Sir Duncan Dhu of Nakel

Die Methode der Wahl

Neulich war es wieder so weit. Passiert ja selten, aber da war diese neue Reitschülerin und ich frage sie was ich für sie tun kann und sie fragt zurück was ich denn so unterrichte. Ähhhh…. also…. und dann stammel ich mir was zurecht und weiß nicht was ich sagen soll. Nach der Reitstunde wusste ich, was ich ihr beigebracht habe: wir haben ein gigantisches Missverständnis zwischen ihr und ihrem Pferd entdeckt und aufgelöst. Und das war tatsächlich völlig Methoden-unabhängig. Ach nein, vielleicht auch doch nicht, denn auch da hätte es natürlich wieder viele Wege nach „Rom“ gegeben. Aber immerhin möchte ich behaupten dass in diesem Fall wohl alle Reiter nach Rom gewollt hätten. Denn allzu oft ist man sich ja noch nicht mal einig ob das Ziel, das der andere verfolgt, wohl überhaupt erstrebenswert ist.

Ich bin ein paar mal in meinem Leben in die Falle getappt. Es ist so wunderbar, wenn man glaubt, jemanden gefunden zu haben, der weiß, wie es geht. Der einem das alles erklären kann. Wo man einfach nur hingehen und nachahmen kann. Schön. Bis dann ein Pferd oder eine Situation oder ein Mensch kommt, der einen bummsbatz auf den Boden der Tatsachen zurück holt.

Soooooo viele tolle Methoden. Das gilt für die Hufpflege genauso wie fürs Reiten und die Bodenarbeit. Alle werben damit, wie viele „unheilbare“, „unreitbare“ und sonst wie verdorbene Pferde sie wieder hinbekommen haben. Und flugs folgt die logische, biomechanische, verhaltenstherapeutische oder sonst wie wissenschaftlich total fundierte Erklärung, wieso, weshalb und warum es so – und nicht anders – funktioniert. Und wenn man sich nur diese eine Erklärung anhört, ist die in sich so wunderbar schlüssig, dass man sie nur glauben kann. Ist doch alles logisch!

Und dann trifft man einen anderen Experten, der genauso viele Erfolge mit verkorksten Pferden vorzuweisen hat und eine genauso logische Begründung für seine unfehlbare Methode liefert – allerdings alles genau andersherum macht wie der andere. Oder man trifft einen Experten, der Erfolg ganz anders definiert (und auch das natürlich wieder trefflich begründen kann).

Was habe ich nun gelernt? Eine „logische“ Begründung ist etwas, was ich getrost in der Pfeife rauchen könnte wenn mir meine Lunge nicht zu schade wäre. Zum Glück geben die Pferde uns meist direkte Rückmeldung. Zum Beispiel eben jenes Pferd, das so ein gigantisches Missverständnis mit seiner Reiterin hatte. Nach 10 Minuten fing die Stute an, nicht mehr gegen das Gebiss zu gehen, sondern sich zu entspannen und sich selbst zu tragen. Sie wurde sichtlich zufriedener und die Muskulatur fing an besser zu arbeiten. Das war unübersehbar besser als vorher.

Natürlich ist es nicht immer so eindeutig. Verschiedene Menschen interpretieren Pferdeverhalten auch ganz gern mal gegenteilig und die tatsächliche wissenschaftliche Basis scheint mir an den meisten Stellen dünn – hauchdünn. Wir können uns da ganz bös vertun bei der Frage ob das Pferd gerade entspannt oder unterwürfig, aufmüpfig oder schmerzgeplagt, unverständig oder körperlich verhindert ist. Und das macht alles noch komplizierter. Aber wenn ich mich dann frage, ob ich gerade etwas total falsch mache, dann schaue ich auf meinen alten Merlin. 28 Jahren hat er jetzt auf dem Buckel. Auf unserem letzten Kurs vor 2 Jahren piaffierte er halbwegs anständig und sprang fliegende Wechsel. Und das nicht nur in seinem fortgeschrittenen Alter sondern auch mit einem absolut ungeeigneten Körperbau. Seit 20 Jahren ist er nun bei mir und die Liste an Fehlern die ich gemacht habe, ist lang. Unendlich lang. Merlin hat sie mir anscheinend alle verziehen. Und auch jetzt, wo er wirklich alt wird, nicht mehr gut galoppieren kann und deutlich Muskulatur verliert, arbeitet er dennoch gerne mit und möchte keineswegs aufs Abstellgleis oder Altenteil. Im Gegenteil: Seine Piaffe wird durchaus noch besser. Merlin zu sehen macht mir Mut, dass wir auch Fehlerspielraum haben. Wenn es den nicht gäbe, könnten wir ja auch niemals Kinder erziehen oder Hunde ausbilden. Fehler machen wir immer und sicherlich wählen wir manchmal die „falsche“ Methode für unser Pferd. Aber so lange wir liebevoll bleiben und hinschauen, ob unser Pferd Freude hat am gemeinsamen Tun, können wir wohl ganz entspannt ausprobieren, was zu uns und unserem Pferd passt. Und lernen, lernen, lernen.

Die Auswahl ist groß. Viele Wege führen nach Rom und wer da nicht hin will kann auch Wege finden, die woanders hin führen. Nur die „biomechanische“ und streng logische Begründung, die darf meines Erachtens mit Skepsis betrachtet werden. Denn wie auch immer sie lautet: ihr werdet jemanden finden, der gegenteilig argumentiert und auch tolle Erfolge vorweisen kann. Ich bin sicher, dass es für jeden Menschen und jedes Pferd da draußen irgendwo die richtige Herangehensweise gibt. Und ich bin auch sicher, dass es Sinn macht, sich erst mal an einer Methode zu orientieren und nicht ständig hin und her zu springen. Aber die Akzeptanz der Tatsache, dass es nicht nur den einen Weg zum Erfolg gibt und dass es noch nicht mal nur die eine Definition von der Erfolg gibt – diese Akzeptanz gilt es jeden Tag zu üben. Und wenn wir dann Lust haben, mal einen anderen Weg zu probieren, dann mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Pferde damit weniger Probleme haben als die Menschen. Und oft bedeutet ein Wechsel der Methode ja auch, dass man vorher nicht ganz zufrieden war (sonst wäre man ja dabei geblieben) und dass die neue Methode besser passt als die alte, also verbessert sich meistens was fürs Pferd.

Die Menschen, die ich unterrichten und begleiten darf, wollen in der Regel einfach Freude haben mit ihrem Pferd. Dass dabei die Gesunderhaltung des Partners Pferd wichtig ist, stellt in meinem Kundenkreis niemand in Frage. Und so habe ich den Luxus, mit jedem ein bisschen anders arbeiten zu können. Dabei breche ich ganz sicher immer mal mit der bisher gelernten Methode, aber man muss nicht alles gleich auf den Kopf stellen. Das habe ich selbst oft genug getan um zu wissen, dass es unnötig Kraft kostet. Man kann sich auch Schritt für Schritt heranarbeiten an eine Methode die für dieses Pferd-Mensch-Paar gut passt.

Richtig reiten lernen ist übrigens in keiner Reitweise leicht – geschenkt gibt es da nix. Und es scheitert sehr viel öfter an körperlicher Fitness und Beweglichkeit der Reiter als am Unverständnis oder der „falschen“ Methode.

Mein Merlin kann ein Lied singen davon wie es ist, 20 Jahre mit einem Menschen zu verbringen, der gern mal alles in Frage stellt und immer neue Ideen mitbringt. Aber ich glaube ich kann auch mit Fug und Recht behaupten, dass ich mich in diesen 20 Jahren verbessert habe und damit Merlins Leben erleichtert und bereichert habe. Und ich glaube, dass ist der Grund, warum er immer noch so gern mitmacht und immer bereit ist, etwas neues zu probieren, auch noch im fortgeschrittenen Alter. Ich bin sicher, dass Merlin weiß, dass ich mich immer bemühe, die Dinge zu verbessern und ich glaube, darauf kommt es an – Methode hin oder her.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 155

Anleitung zur Nutzung der Wackelkiste

Ich bin ja nun schon ziemlich Wackelkisten-erprobt. Und heute teile ich meine Erfahrung mit Euch. Ist ja auch wichtig zu wissen, wie es richtig geht.

1. Es gilt herauszufinden, ob überhaupt Wackelkistentag ist. Ist Dienstag und das Mädchen vom Spaziergehkumpel ist da? Dann stehen die Chancen gut. Sonntags auch. Abchecken ob die Wackelkiste offen ist (gute Chancen) oder zu (nicht so gute Chancen). Auch das Halfter kann Aufschluss geben. Kappzaum oder Knotenhalfter: keine Chance. Wenn das schwarze Halfter raus kommt könnte es klappen. Profis erkennen aber die Wackelkistentage schon an der Stimmung ihres Menschen. Mein Mädchen freut sich nämlich auch immer doll, wenn Wackelkistentag ist und das höre ich dann schon daran wie sie mich ruft.

2. Mit dem Einsteigen unbedingt warten bis man aufgefordert wird. Man mag es ja eilig haben, aber wenn man unaufgefordert einsteigt, wird man wieder raus geschickt. Einsteigezeit ist erst wenn das Wallehaar gebürstet und die Hufe beschuht sind. So viel Geduld muss man dann schon haben.

3. Unbedingt die korrekte Seite zum Einsteigen wählen. Auf einer Seite hat die Wackelkiste nämlich eine Vordertür und durch die kann man noch Kekse abstauben. Wehe man steht dann auf der falschen Seite! Beim Einstieg überprüfen ob genug Heu im Netz ist, sonst einen Fuß draußen lassen, damit die Wackelkiste nicht zu gemacht werden kann und durch hungrig gucken darauf hinweisen, dass erst nachgeladen werden muss!

Die richtige Seite ist die mit der Kekstür!
Korrekte Positionierung in der Wackelkiste

4. So lange die Wackelkiste sich nicht bewegt, einfach die Nase ins Heu donnern und mampfen. Erst wenn das Gewackel losgeht, tritt man selbst auch in Aktion. Das ist nämlich der Moment wo einem auffällt, dass einen schon so lang der Po juckt und dass die Stange hinten perfekt in Position ist zum Kratzen! Also schwenken, schubbern und kratzen was das Zeug hält. Das macht Spaß, das wackelt besonders lustig! Das Gefluche von vorne im Auto hören wir hinten ja nicht…..

5. Wenn fertig gekratzt: Nase wieder ins Heu. Essen was das Zeug hält, man weiß nie wie lang gewackelt wird! Es gilt, möglichst viele Heuhalme in möglichst kurzer Zeit aus dem Netz in den eigenen Bauch zu befördern, schließlich findet nach dem Wackeln ein tolles Abenteuer statt, dass man am besten gut gestärkt bestehen kann.

6. Beim Ausstieg auf die Füße aufpassen. Wenn man sich nicht sicher ist, anhalten und das Mädchen fragen wo die Kante ist. Die ist nämlich heimtückisch.

7. Sobald man unten ist nach dem nächsten fressbaren Grashalm suchen.

8. Abenteuer genießen

9. Punkte 3-6 wiederholen. Zu hause darauf bestehen, dass es beim Ausziehen der Hufschuhe noch ein paar Kekse gibt bevor es wieder in den Stall geht und vorsorglich darauf hinweisen, dass längere Wartezeiten bis zum nächsten Abenteuer auf keinen Fall toleriert werden.

Wenn Ihr Euch an diese Anleitung haltet, kann nix schiefgehen!

Euer erfahrener Sir Duncan Dhu of Nakel

Interpretation

Neulich haben wir den Film „Robot& Frank“ gesehen. Arnulf und ich zum dritten Mal, meine Eltern und meine Schwester zum ersten Mal. Und wenn 5 Personen den selben Film sehen, dann kann man danach erleben, was für unterschiedliche Versionen dieses Films das waren, die wir da gesehen haben. Allein die Handlung ist bei diesem Film im ersten Anlauf nicht ganz leicht in allen Details zu erfassen. Und dann die Frage der Perspektive, der Präferenzen wonach man am meisten schaut. Der Film lässt etwas Spielraum bei der Frage was eigentlich „wahr“ ist. Da es sich bei der Hauptperson um einen älteren Mann mit Demenz handelt, der je nach Situation mehr oder weniger gut in der Welt orientiert ist, finde ich es sehr geschickt von den Filmemachern, dass auch der Zuschauer gelegentlich die Orientierung verlieren kann und dass an manchen Stellen nicht so ganz klar ist, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion verläuft. Allerdings war mir diese Möglichkeit gar nicht aufgefallen, bis meine Mutter diese Frage aufwarf. Für mich war das alles „wahr“ gewesen, aber das muss nicht so gemeint gewesen sein. Meine Schwester hingegen hatte ganz andere Fragen an den Film und meinem Vater sind wiederum Zusammenhänge aufgefallen, die ich nicht so gesehen hatte.

So viele Möglichkeiten. Und ungefähr so viele Möglichkeiten haben wir auch immer, wenn wir „Äußerungen“ unseres Pferdes interpretieren wollen. Hat es gerade den Kopf geschüttelt, weil es unwillig ist, oder war da wohl nur eine Fliege? Dass es uns eben auf den Fuß gelatscht ist, war das Absicht oder Tollpatschigkeit? Und dieser Nasenstüber, war der freundlich gemeint? Und warum möchte es heute nicht so schnell laufen wie sonst? Ist es das warme Wetter, die angefressene Graswampe oder ist eben doch etwas ernsteres der Grund?

Neulich als wir spazieren waren, passierte etwas sehr interessantes. Arnulf hatte keine Lust mehr zu laufen und suchte sich eine Bank, um seinen großen Diego zu erklimmen. Duncan und ich überholten die beiden, während Arnulf Diego bat, an der Bank einzuparken. Einige Meter weiter stand eine identische Bank. Und plötzlich ging Duncan zu der Bank und fing an, sie mit der Nase zu berühren. Nicht das Gras am Boden war interessant, nur die Bank. Ich stutzte. Dann dachte ich „das könnte eine Aufforderung an mich sein, oder?“ ich kletterte auf die Bank und sofort stellte Duncan sich genau so hin, dass ich aufsteigen könnte. Und da war er: der Moment auf den ich warte. Der allererste Moment in dem mein Gefühl sagt: ich könnte jetzt aufsteigen. Hab ich natürlich nicht getan. Ich habe meinen Arm von oben um Duncan gelegt und ihm gesagt wie lieb das Angebot ist. Dann bin ich von der Bank runter geklettert und wir sind weiter gegangen. Ich habe meinen Arm über Duncans Rücken gelegt und wir sind eine lange Strecke so gegangen. Ich habe auch zum ersten Mal den Strick über seinen Rücken gelegt und nur das Ende in der Hand gehalten als letzte Sicherheit. Es war ein Gefühl großer Vertrautheit und auch im Nachhinein bin ich mir sicher: ich hätte an der Bank aufsteigen können.

Seit das passiert ist, frage ich mich, ob es wohl wirklich so gemeint war. Habe ich etwas gesehen, was ich unbedingt sehen wollte? Oder ist das wirklich so passiert? Hat Duncan einfach nachgemacht, was er nun schon so oft bei Arnulf und Diego gesehen hat (und auch bei Merlin und mir)? Hat er beschlossen, dass er jetzt groß genug ist und das auch kann? Hat er eine Ahnung von den Konsequenzen dieses Angebots? Einiges an Vorübungen haben wir ja schon gemacht. Kekse gab es dafür nur bei einer einzigen Gelegenheit. Aber Diego und Merlin bekommen meistens Kekse fürs Aufsteigen auf dem Reitplatz und Duncan hat das schon oft gesehen.

Hat er wirklich, so wie ich es „gehört“ habe, zu mir gesagt „na los, steig auf, was die zwei können, können wir doch auch!“ oder steckte am Ende etwas ganz anderes dahinter?

Weil die Gefahr eines Missverständnisses besteht, bin ich froh, dass ich nicht das erste Angebot annehmen „muss“. Ich kann warten. Wird er es wieder anbieten? Wenn eine günstigere Situation kommt in der er mich wieder „einlädt“, lege ich ihm mal das Bein auf den Rücken. Und noch etwas später, einige Einladungen weiter, werde ich aufsteigen und direkt wieder absteigen. Und so nähern wir uns der Wahrheit – seiner Wahrheit. Ich kann ihn nochmal und nochmal und nochmal fragen: „war das eine Einladung zum Aufsteigen?“ und wenn es eine war: Wozu genau wurde ich eingeladen? Aufsteigen, Keks geben? Oder Aufsteigen, wieder absteigen, Keks geben? Oder Aufsteigen, bisschen kraulen? Oder möchte er gleich los laufen, mit mir die Welt erkunden ohne die Limitierung durch meiner langsamen Beine?

Es besteht viel Interpretationspielraum in der einen Situation die wir nun erlebt haben. Aber je öfter wir solche Situationen haben, desto sicherer kann ich mir werden, was wie gemeint ist. Und das tolle ist: so wird das erste Aufsteigen ein schönes Erlebnis für uns beide, weil wir vorher darüber gesprochen haben, wer was wie meint. Wir können uns orientieren in der Welt des anderen.

Anders als bei einem Film, der manche Fragen auch beim 100. Ansehen offen lässt, kann ich mit meinem Pferd in Dialog treten. Und nach und nach erfahren, was wie gemeint ist. Und wann und manchmal auch, warum. Voraussetzung ist allerdings, dass ich bereit bin, meine Interpretation dessen was zuvor passiert ist, zu korrigieren, wenn sich herausstellen sollte, dass sie falsch war. Die Voraussetzung dafür ist wiederum, dass mir völlig klar sein muss dass es erst mal nur eine Interpretation ist, keine Wahrheit.

Und trotzdem freue ich mich wie Bolle über dieses Erlebnis, denn was immer es war: es war etwas gutes und wir sind wieder ein Stück näher zusammen gerückt. Und vielleicht war es ja wirklich die Einladung zum Aufsteigen und somit ein riesengroßes, ritterliches Geschenk. Übrigens passend genau an meinem Geburtstag…..

Lebenserfahrung

Duncan und ich kommen aus der Stalltür. Duncan stutzt: auf dem Hof steht ein Wäscheständer über den ich Diegos frisch gewaschene Zebra-Fliegendecke gehängt habe. Alles glitzert etwas im Sonnenlicht. Duncan findet das gruselig. Wir gehen gemeinsam zur Decke, er hält die Nase dran und versteht, was das ist. Und dass es natürlich nicht gruselig ist.

Je mehr solche Situationen wir erleben, desto mehr kuriose Dinge hat Duncan gesehen, desto gelassener geht er mit Dingen um, die er noch nie gesehen hat. Gerade im Moment kann ich das stark wahrnehmen. Wenn wir so durch die Gegend wandern, kommen wir an allerhand Dingen vorbei, die in mir den Gedanken auslösen, dass er das gruselig finden könnte. Ein Umspannwerk war es neulich. Aber mehr und mehr sehe ich, wie er nur noch interessiert hinschaut, aber keine Sorgen mehr hat. Und so haben auch die seltsamen Gebilde dort ihn nicht beeindruckt.

Ich habe gelernt, wie ich ihm Dinge so zeigen kann, dass er sie nicht mehr gruselig findet und er hat gelernt, wie der Ablauf ist und dass er sich auf mich verlassen kann. Jeder hat ja so seine eigene Herangehensweise an Gespenster. Als wir auf dem Trailplatz den Duschvorhang bezwingen wollten, hatten wir ein gut eingespieltes Programm um ihn zu entgruseln. Ich glaube jetzt den Unterschied zwischen Neugierde und echter Angst klar zu sehen (wir werden sehen ob ich da jetzt immer richtig liege).

Natürlich macht Duncan es mir leicht, er hat ja so wenig Angst und so viel Neugierde. Manchmal sind das allerdings auch die Pferde, bei denen man dann plötzlich Probleme hat, wenn sie doch mal Angst haben, weil man das ja gar nicht kennt.

Für mich ist es einfach nur spannend zu beobachten, wie Duncans „Landkarte“ größer wird. Ich stelle mir vor, wie in seinem Gehirn ein immer größer werdender Bereich mit Informationen zu „Gespenstern“ entsteht. Und dann wird abgeglichen: das Dings da was ich noch nie sah, wem sieht das ähnlich? Dieser riesige Trecker mit dem großen Anhänger ist ja doch nur eine großer Version von dem harmlosen Trecker für den es vorhin einen Keks gab. Der Duschvorhang, den man in Streifen geschnitten hat ist so ähnlich wie die Plane über die ich mal rüber gelaufen bin. Als ich auf den Gullideckel getreten bin, machte es „klong“, ganz ähnlich wie beim Laufen über den Holzsteg. Die Dualgasse auf meinem Rücken ist so ähnlich wie die am Pad befestigte Jacke.

Vor langer Zeit habe ich mal im Radio ein Gespräch gehört in dem eine Dame gefragt wurde „was ist schön daran, 40 zu sein“ und die Antwort war „man regt sich nicht mehr über alles so auf“. Ich hatte damals noch ein paar Jahre hin zur 40 und dachte „ach ja das wäre gut“. Früher, wenn mein Auto mal kaputt war, da ging für mich schon fast die Welt unter. Heute kenne ich den Ablauf und weiß: irgendwas geht ja immer. Und ich weiß auch von vornherein: das wird teuer, wird es bei Autos nämlich immer. Da braucht man gar nicht auf was anderes hoffen. Früher, wenn Kunden komische Sachen gemacht oder gesagt haben, fand ich das unendlich schrecklich und es hat mich oft tagelang beschäftigt. Heute erzähle ich Arnulf davon und dann kann ich es abhaken. Früher, wenn ich mit meinem Pony auf ein Problem gestoßen bin, das ich nicht gleich lösen konnte, habe ich mir den Kopf zerbrochen was zu tun ist. Heute bin ich da entspannter, es gibt so viele Möglichkeiten und Dinge die man probieren kann. Und so viele Trainer, die tolle Sachen dazu zu sagen haben wenn man es allein nicht schafft. Irgendwas geht eben immer.

Und obwohl Duncan von der 40 noch ein paar Jahre entfernt ist (selbst wenn man es auf Pferdejahre umrechnen würde), ist er doch klar auf dem Weg zu dieser Gelassenheit durch Lebenserfahrung. Meistens ist es nicht so schlimm wie es am Anfang aussieht. Wenn eine Übung beim ersten Mal nicht klappt, dann vielleicht beim zweiten Mal. Nicht schlimm. Wenn es beim zweiten Mal nicht klappt, dann eben beim dritten Mal. Oder beim vierten Mal. Man muss sich darüber nicht aufregen und verzweifeln, man kann sich da so durch-probieren. Und auch wenn man jetzt gerade keinen Keks bekommt, muss man dem nicht endlos nachweinen. Einfach in ein paar Minuten nochmal fragen. Inzwischen ist es aber auch so, dass ich ihm den Keks geben kann für „es ist toll dass Du es so tapfer weiter probierst“ und er versteht, dass das eine reiner Motivationskeks war und er bisher gar nichts „richtig“ gemacht hat.

Ach, was für ein wunderbar gelassenes, erwachsenes Pony. Fragt mich wieder, wenn der nächste Pubertätsschub kommt…..

Lebenserfahrung wächst nicht durch die Wiederholung des ewig gleichen. Sie wächst durch Varianten, durch Ähnliches, Vergleichbares. Duncan ist da im Vorteil, denn wir fahren fast jede Woche mit dem Anhänger los in fremdes Gelände, sind mal hier und mal dort, mal im Wald oder durch die Felder unterwegs. Alles ist ähnlich aber nie gleich. Und genau so versuche ich auch unser anderes Programm zu gestalten. Wir wippen mal längs und mal quer. Manchmal üben wir das Füße sortieren am Steg, manchmal mit Dualgassen. Roundpen, Halle, Reitplatz und neuerdings unser Sommerreitplatz, auf dem wieder alles erstaunlich anders ist. Ich gebe mir Mühe, einen stabilen Rahmen zu erschaffen, innerhalb dessen wir dann erkunden, wie viele Varianten dessen, was wir da tun, es eigentlich geben könnte. Und so weiß ich auch schon, wie wir das Zusammensein mit fremden Pferden in Varianten üben werden, sobald meine Zeit und Energie es zulässt. Mir sind schon so viele Möglichkeiten dazu eingefallen und alle zusammen werden der Schlüssel zum Erfolg sein.

Ich glaube, dass wir darüber viel zu wenig sprechen im Pferdetraining. Da ist immerzu die Rede von kleinen Schritten und von klaren Regeln und von Verlässlichkeit – und das ist alles total richtig und wichtig. Aber wenn wir keine Varianten finden und üben, wird nichts davon echte Lebenserfahrung werden. Es werden immer nur Übungen und Lektionen bleiben, losgelöst in Raum und Zeit und ohne Bezug zum echten Leben. Mit Finlay war ich mir so sicher, hatte so feste Pläne und Ziele. Mit Duncan erkunde ich die Möglichkeiten und ich sehe, wie seine Persönlichkeit sich viel leichter und schneller entwickelt. Kann am Pony liegen. Oder halt am Konzept. Wahrscheinlich an beidem. Fest steht: Lebenserfahrung gibt es nicht zu kaufen, man kann sie niemandem überstülpen oder aufzwingen. Lebenserfahrung muss gesammelt werden – und zwar von jedem selbst, auch von kleinen Ponys.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 154

Mein Mädchen ist schlau – sagt sie. Ich nenne das faul. Aber sie sagt dann immer, Faulheit würde das Schlau-sein fördern. Work smarter not harder und so. Na jedenfalls hat sie so allerhand Helfer um sich die Arbeit zu erleichtern. Zum Beispiel das Knatterpferd. Aber sie hat auch eine Maschine, die die Hufe für sie raspelt. Ich hab das schon beobachtet, bei Merlin und Diego. Die machen sich da nix draus. Sie haben mir gesagt, es sei sehr angenehm. Ist zwar laut, aber es ruckelt nicht so wie die Handraspel, sondern vibriert ganz entspannend, die Menschen stehen ruhiger bei der Arbeit und es geht schneller. Da hab ich mir gedacht, ich probiere das auch mal aus.

Laut. Aber sonst eigentlich angenehmer als die Handraspel.

Mein Mädchen war wieder total begeistert von mir. Weil ich nicht mit der Wimper gezuckt hab. Beim ersten Mal habe ich eine Keksnarkose bekommen vom Mann. Aber jetzt kann ich das ohne Keksnarkose. Ist alles wie immer: Huf hoch, still halten bis mein Mädchen sagt, dass sie fertig ist, Huf runter, dann den Keks kassieren. Keine große Sache. Und mein faules Mädchen ist glücklich – weil ich so schlau bin.

Euer schlauer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 153

Wir haben jetzt einen Sommerreitplatz. So nennt mein Mädchen das. Sie hat einfach ein Stück Wiese eingezäunt und zum Reitplatz deklariert. Ein großes Stück Wiese. Gestern haben wir da zum zweiten Mal was drauf gemacht. Irgendwie ist es cool, weil man zwischendurch Gras naschen kann. Aber es ist auch ganz schön anstrengend, weil man nämlich die meiste Zeit nicht naschen DARF und sich gaaaaaaaaanz doll zusammenreißen muss. Mein Mädchen sagt das ist eine gute Übung fürs Spazierengehen, damit ich nicht immer jedem Grashalm hinterher-hasche. Naja. Ich versteh das ja immer nicht so ganz, aber sie sagt wir kommen sonst nicht voran und da hat sie natürlich auch wieder recht.

Viel mehr Platz als auf dem Sandplatz!

Jedenfalls ist der neue Reitplatz ansonsten ganz schön lustig. Weil er so schön groß ist und weil es da ein bisschen hügelig ist. Und weil mein Mädchen ganz viel neben mir her rennt und dann keucht und pustet und schwitzt. Das ist witzig! Sie hat echt null Kondition. Ich hab ihr dann mal gezeigt wie man richtig galoppiert, aber sie hat es nicht wirklich hinbekommen, das muss ich noch mit ihr üben. Trab kann sie schon ganz gut, wenn auch nur sehr kurz. Sie war jedenfalls restlos begeistert weil ich das alles so toll kann. Aus unerfindlichen Gründen hatte sie gedacht dass Galopp an der Leine noch zu schwer für mich ist – wegen der Kurvenlage. Hat sie mich nie beim Spielen beobachtet? Kurven kann ich, Mädchen. Und alles andere auch.

Los, Mädchen, galoppieren! Lauf, lauf!

Danach war uns beiden warm und wir sind duschen gegangen. Ich zuerst, unterm Gartenschlauch. Ich bin da ja jetzt nie so der Fan von gewesen aber gestern fand ich es gar nicht schlecht. Schön die Beine abkühlen und den sexy Po. Davor und danach hat mein Mädchen Tierarzt gespielt und einen Lauschangriff gestartet um meinen Herzschlag zu hören. Sie wollte mal wissen was ich so für einen Puls hab. Vor der Dusche waren es 60 Schläge pro Minute und nach der Dusche 40 Schläge pro Minute. Was das heißt kapiere ich nicht, aber sie sagt es ist wichtig dass sie so etwas weiß fürs spätere Training. Sie will das wohl jetzt öfter mal machen. Wenn du meinst, Mädchen, mir egal.

Sie will auch öfter mit mir auf den Sommerreitplatz damit ich mal richtig laufe. Sie meint nämlich, ich hätte zu viel Energie übrig (was man von ihr nicht behaupten kann!). Gut für mich, dann kann ich sie ein bisschen trainieren. Aber nicht auf Kosten der Spaziergänge mein Mädchen, das weißt Du ja! Denn einen ordentlichen Spaziergang wo es mal was zu gucken gibt kann der Sommerreitplatz nicht ersetzen, das ist doch wohl logisch.

Euer sommerlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 152

Der Zahnarzt war mal wieder da – hat mein Mädchen Euch ja schon erzählt. Aber das wichtigste hat sie Euch verschwiegen. Der Zahnarzt war nämlich von vorn bis hinten begeistert von mir. Ich kam da hin und hab ihm hallo gesagt und ihm ohne Umschweife gezeigt wie groß und erwachsen ich jetzt schon bin. Und er hat mich angeschaut und war ganz beeindruckt. Ich wäre ja ein ganz anderes Pferd von damals als er mich zum ersten Mal gesehen hätte.

Da mein Mädchen mir ja nix zutraut und meint ich könnte nix alleine schaffen – noch nicht mal den Zahnwechsel – hat er dann meine Beißerchen kontrolliert. Da hing noch eine olle Milchzahnkappe überm Backenzahn, die hat er mir weg gemacht, das war ganz angenehm. Klar, hätte ich alleine auch noch gekonnt, hätte halt länger gedauert. Bei uns Ponys löst sich die Wurzel vom Milchzahn auf, wenn es Zeit ist, den neuen Zahn raus zu schubsen und die Kappe bleibt übrig. Die auf der anderen Seite hatte ich schon weg gemacht. Na er hat also diese schöne Kappe abgezogen und meinem Mädchen geschenkt. Die hat sich doll gefreut! Na kannst Du behalten mein Mädchen, brauche ich nicht mehr. Ich hab ja jetzt den neuen Zahn. Da wusste mein Mädchen dann auch ganz sicher, dass meine „Bissigkeit“ in letzter Zeit vom Zahnen kam, das hatte sie sich schon gedacht. Sie kennt mich ja und weiß dass ich nicht einfach so in den Strick beiße und so. Das stört halt wenn da so was halb locker im Maul rum hängt! Da muss ich jede Gelegenheit nutzen um das loszuwerden.

Kannst du behalten, mein Mädchen. (Ja das gehört so dunkel das ist kein Karies.)

Der Zahnarzt war mega zufrieden mit mir. Weil ich das so toll mache und meine Zähne alle gut sind und gut wechseln und dann hat mein Mädchen ihm noch ein Video gezeigt wie wir im Gelände so tun als würden wir Kutsche fahren und er fand das total gut. Voll der nette Typ ist das. Dann hat er meinem Mädchen erklärt, wie erwachsen ich schon bin. Aber sie hat ihm nicht geglaubt. Naja. Was soll ich dazu sagen….. das übliche halt. Ich arbeite mit Hochdruck daran dass sie es kapiert!

Ich hab dann noch da rum gestanden und Gatsby Gesellschaft geleistet. Gatsby ist ja so ein Angsthase, der braucht immer viel Zuspruch. Der kannte aber unseren Zahnarzt noch nicht und war nachher ganz verwundert, dass Zahnärzte so nett sein können! Das war für ihn ganz neu. Jetzt will er auch immer zu diesem netten Zahnarzt. Da braucht er auch keine Angsthasenspritze, da kann er sich die Zähne einfach so machen lassen.

So genug geplaudert jetzt muss ich los, viel zu tun im Moment! (Zäune freifressen, mit den Nachbarn schnacken, die anderen ein bisschen ärgern, am Holunderbusch kratzen, zwischendurch Heu knabbern, die Reinigungsarbeiten beaufsichtigen und heute Abend mit meinem Mädchen spielen, nebenbei neue Zähne machen und noch bisschen wachsen)

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel