Hervorgehoben

Wie alles begann

Warum dieser Blog „Schotten-Pony“ heißt

Sir Duncan Dhu of Nakel

Meine Liebe zum schottischen Highlandpony begann vor ungefähr 11 Jahren, als ich eine Highlandpony-Züchterin als Hufpflegekundin bekam. Damals ahnte ich noch nicht, dass das mein Leben verändern würde. Dass ich einmal Fan einer bestimmten Pferderasse werden würde, hielt ich für ausgeschlossen. Schließlich sind alle Pferde toll und alle haben ihre Vorzüge.

Das stimmt auch immer noch. Und ich habe die Rasse gefunden, die am besten zu mir passt: das Schottische Highlandpony. Einige Jahr später wurde bei dieser Züchterin mein erstes „Schotten-Pony“ Finlay geboren und Finlay wird für mich (was den Charakter angeht) vielleicht immer der Innbegriff des Highlandponys sein. Die Schotten sind ein bisschen anders als andere Ponys. Natürlich gibt es – wie auch innerhalb anderer Rassen – eine Bandbreite an verschiedenen Typen: von den sehr lieben, die sich als Therapiepferd eignen bis zu den sehr selbstbewussten, die ihre Besitzer schon mal vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Was ihnen gemeinsam ist, ist die große Menschenbezogenheit, das unbedingte Bedürfnis nach viel Beschäftigung und Abwechslung sowie der Gerechtigkeitssinn. Behandle mich fair, dann ist alles ok. Behandle mich unfair und Du zahlst den Preis. Die Schotten sind sehr ehrlich – geradeheraus, kein Blatt vor dem Mund. Und viele von ihnen sind abenteuerlustig, haben wenig Angst und erleben gern Neues.

In diesem Blog möchte ich Euch teilhaben lassen an den Geschichten, die ich mit meinem Schotten-Pony erlebe. Bald schon geht es los – ich nehme Euch mit auf eine Reise, die so gar nicht hätte stattfinden sollen, und die ich jetzt als neue Chance und neues Abenteuer sehen möchte. Abonniert am besten gleich diesen Blog, damit Ihr keine Schotten-Pony-Abenteuer verpasst! (einfach Ich freue mich jederzeit über Kommentare, Fragen und Themenwünsche.

Die Leichtigkeit des Seins

Ich sitze am Fenster und starre gebannt nach draußen, wo Sturmtief „Sabine“ sich noch etwas auslässt. Das schlimmste ist vorbei, aber es ist noch recht windig und gelegentlich prasselt der Regen waagrecht ans Fenster. In den trockenen Zeiten jedoch findet vor meinen Augen ein nie dagewesenes Schauspiel statt und ich bin völlig fasziniert: Diego spielt.

Diego ist nun seit über 7 Jahren bei uns.

Arnulf hatte beschlossen, dass er ein eigenes Pferd haben möchte und auf einem Kurs sahen wir Diego. Es hat sofort gefunkt und tatsächlich stand Diego zum Verkauf!

Arnulf und ich fuhren also hin um ihn anzuschauen und Arnulf hatte sich vorgenommen, etwas mit Diego zu üben was der (wahrscheinlich) noch nicht kennt, weil er wissen wollte, wie Diego auf unbekannte Anforderungen reagiert. Ich unterhielt mich mit der Besitzerin am Rande des Reitplatzes und schaute nur gelegentlich wie Mann und Pferd vor einer Stange standen und Arnulf versuchte, Diego dazu zu bringen, einzelne Füße über die Stange zu nehmen und dann jeweils stehenzubleiben. Plötzlich hörte ich lautes Lachen – in diesem Moment war mir klar, dass Diego bei uns einziehen würde. Ich selbst musste auch herzhaft lachen als ich hochschaute und sah, dass Diego sich meisterlich mit beiden Vorderhufen AUF die Stange gestellt hatte, dort angestrengt balancierte und Arnulf mit einem Blick anschaute der eindeutig sagte „jetzt hab ich es! DAS wolltest Du!“

Diego wurde also Arnulfs Pferd und zog hier ein. Bei der Vorbesitzerin kam er in der Herde überhaupt nicht klar, wurde gemobbt und ließ sich mobben. Mit Merlin verstand er sich aber sofort gut und dann waren hier noch die zwei Shettys die ja eh kaum ernstgenommen werden. Merlin war damals hier der Chef (und was für ein schlechter! Er ist dafür wirklich total ungeeignet. Er möchte viel lieber hinter jemandem herlaufen können und die Verantwortung abgeben.)

Nach einem halben Jahr, in einer Winternacht, hat sich das gedreht. Ich kam in den Stall und plötzlich war Diego der Chef! Und Merlin hatte tüchtig Respekt vor ihm. Ich hatte die beiden vorher nie streiten sehen und weiß bis heute nicht, was da wohl vor sich ging. Seitdem jedenfalls ist Diego hier Herdenchef und er macht das wirklich gut. Er ist souverän, großzügig und freundlich und kann vor allem in gefährlichen Situationen sehr gut Sicherheit vermitteln. (Wenn er es einmal nicht kann, holt er Arnulf zu Hilfe, aber das ist eine andere Geschichte).

Nur eine Sache hat Diego noch nie getan: spielen. Als Finlay mit 2 Jahren hier einzog war ich eigentlich der Meinung, das wäre der perfekte Spielpartner für Diego. Aber Finlay hat mit Merlin und Caruso gespielt, später vor allem mit Gatsby (Schotten unter sich). Bei Diego hat er mal klitzekleine Ansätze gemacht, aber es hat nicht geklappt. Diego hat so einen Gesichtsausdruck mit angelegten Ohren, der jeden in die Flucht schlägt, obwohl Diego es in diesen Situationen wohl gar nicht so meint.

Sagte ich, er schlägt jeden in die Flucht? Nein, nicht jeden. Ein kleiner, mutiger, unbeugsamer Ritter lässt sich davon nicht beeindrucken. Weil Diego vorne zu fies guckt um sich ran zu wagen, kommt Duncan eben erst mal von hinten. Da wird herzhaft gekniffen bis Diego sich umdreht und spielerisch antwortet. Dann saust der Ritter erstmal eine Runde um den Großen herum und kommt wieder von hinten.

Bei den ersten Versuchen wirkt Diego unsicher und angestrengt. Als wenn er gar nicht so recht wüsste wie das geht: Spielen. Aber Duncan gibt nicht auf. Er kommt wieder und wieder, wann immer sich die Gelegenheit ergibt.

Und die beste Gelegenheit ist eben jetzt: wegen des Sturms haben wir den Rundlauf um die Weide gesperrt, falls Äste auf den Zaun fallen. Der Paddock ist also deutlich kleiner als sonst. Und wegen des Regens, den die Ponys dann so ab 60 Grad Seitneigung auch nicht mehr lustig finden, stehen sie viel drin. Aber wenn es dann mal nicht regnet, dann merkt Duncan, dass er viel Energie übrig hat und die muss jetzt irgendwo hin.

Und so sitze ich am Fenster und staune, wie Diegos Bewegungen sich nach und nach verändern. Sein Gesicht wird weicher, seine Bewegungen werden runder, er fängt an, Gefallen an der Sache zu finden. Er probiert aus, was man da so alles machen kann: einfach mal in die Luft springen, mit dem Vorderhuf nach vorne schlagen, hinten hochhüpfen und natürlich hauptsächlich mit weit aufgerissenem Maul nach dem kleinen Zwerg haschen. Der Zwerg läuft immer um Diego herum, zwickt ihn hier und da und steigt ihn schließlich immer wieder an. Zu meinem Erstaunen lässt Diego sich sogar gefallen, dass Duncan die Vorderhufe auf ihm ablegt!

Duncan zeigt Diego die Leichtigkeit des Seins und der spielerischen Kommunikation. Und Diego zeigt mir etwas, womit ich in letzter Zeit sehr zu kämpfen habe: den Mut, eine neue, andere und vielleicht in Teilen sogar bessere Beziehung einzugehen.

Ich tue mich so schwer damit, ich kann es kaum aufschreiben. Aber ich glaube, Duncan ist vielleicht ein besserer Freund für Diego als Finlay es je war. So jetzt ist es raus.

Finlay war Diegos Baby. Wenn Diego sich hingelegt hat, hat Finlay sich auf Tuchfühlung daneben gelegt. Manchmal war Diego sehr genervt, weil Finlay so nah lag, dass er seine Beine nicht ausstrecken konnte. Diego war Finlays Papa, sein Beschützer und sein Held. Finlay konnte auch immer mal ganz gut die anderen ärgern und sich dann hinter Diego verstecken.

Ich konnte mir keine bessere Freundschaft vorstellen und manchmal packte mich das Grauen, bei der Vorstellung dass der 8 Jahre ältere Diego selbstverständlich der erste von beiden ist der stirbt. Und Finlay würde dann fast sein ganzes Leben mit Diego verbracht haben und plötzlich ohne ihn sein müssen.

Im Leben hätte ich natürlich nicht geglaubt, dass Finlay zuerst geht! Aber als er tot war, dachte ich, es zerreißt mich, als ich Diego gesehen habe. Sein Ziehsohn, sein Baby, einfach weg. Diego war lange Zeit still. Nichts auffälliges, weltbewegendes. Aber er war stiller als sonst. Er war nicht ganz gesund und er wirkte sehr einsam auf mich.

Und jetzt ist da Klein-Duncan. Und so klein und jung er auch ist: er begegnet Diego anders. Er hat keine Angst vor ihm. Er bewundert ihn, aber er braucht ihn nicht als Beschützer. Sie begegnen sich – so mein Eindruck – sehr viel mehr auf Augenhöhe. Schon oft habe ich beobachten können, wie Duncan neben Diego steht und aufpasst, während Diego schläft. Und während Duncan fast den ganzen Tag damit beschäftigt ist, Diego zu folgen wie ein kleiner Schatten und ihm alles nachzumachen, wirkt er doch (wie es eben bei ihm immer so ist) nicht wie ein Baby. Im Gegensatz zu Finlay, der auch mit 8 Jahren noch Diegos Baby war – inklusive Fohlenkauen. Duncan sieht in Diego vielleicht eher einen Lehrmeister. Und eben etwas was noch keiner in Diego gesehen hat: einen Spielkameraden.

Und Diego scheint nicht zu vergleichen. Es macht ihm nichts, dass die Beziehung zu Duncan anders ist als die zu Finlay. Vielleicht hat er ja (wie ich) aus der Beziehung zu Finlay auch gelernt, vielleicht hat er die Zeit mit Finlay gebraucht um seine Mobbing-Erfahrungen abzulegen und sich sicher zu sein, dass niemand hier ihm etwas böses will. Vielleicht hätte es vor 7 Jahren mit Duncan auch nicht geklappt. Für Diego spielt das keine Rolle. Er lässt sich hier und jetzt auf Duncan ein. Er vergleicht auch sich selbst nicht mit dem selbst von damals. Er lernt und entwickelt sich und ist heute so, wie er heute ist, egal was früher war.

Nur ich, ich kämpfe damit. Ob Dinge mit Duncan leichter und besser klappen dürfen als mit Finlay. Ob ich mir erlauben kann, zu sagen „er kann das besser als Finlay“. Ob ich lernen kann, dass das meinen geliebten Finlay nicht abwertet, dass der nur einfach andere Qualitäten hatte. Natürlich werden auch noch Momente kommen, wo ich sage „das konnte Finlay besser“ oder „das war mit Finlay einfacher“. Und ob ich mir erlauben kann, dass es mir leichter fällt, Duncan auszubilden als es mir bei Finlay fiel – weil ich mehr Erfahrung habe, weil ich selbst gelernt habe und gewachsen bin. Darf es einfacher sein?

Arnulf schrieb mir einmal „Duncan ist das beste Highlandpony der Welt“. Das war so einer dieser Momente…. Was? Das beste Highlandpony der Welt, das war doch immer Finlay. Aber Finlay ist jetzt wohl das beste Highlandpony im Himmel…..

und natürlich müssen wir Pferdebesitzer wohl immer auch akzeptieren dass die Lebensspanne unserer Pferde kürzer ist als die unsere und dass es wahrscheinlich ist, dass nach dem jetzigen Pferd noch eines kommt. Wenn Merlin eines Tages (hoffentlich in ferner Zukunft) zu Finlay geht, dann wird es sicher noch einmal ein Nachwuchspferd für mich geben. Und sicher wird dieses Pferd „besser“ sein als Merlin, weil ich weniger Fehler machen werde. Aber Finlay hat mich eben so früh verlassen, so ungeplant. Ich war noch gar nicht fertig damit, ihn auszubilden. Eigentlich ist man das nie, aber wenn mein Merlin sich doch irgendwann dem Alter beugen muss, dann ist eben Schluss mit Ausbildung. Dann genießen wir den Rest unserer Zeit mit sinkendem Leistungsanspruch. Und so ist er dann eben doch „fertig“ ausgebildet. Finlay war das nie. Finlay sollte noch 20 Jahre lang mit mir zusammen besser werden. Und das macht es für mich so schwer, zu akzeptieren, dass Duncan „besser“ wird, wahrscheinlich „besser“ als Finlay es je war, je werden konnte.

Viele meiner Schüler haben „gebrauchte“ Pferde. Pferde, die schon einiges erlebt haben. Auch Diego, Merlin und Caruso sind mit „Gepäck“ bei uns eingezogen.

Duncan hingegen ist unverbraucht. Ich bin hier diejenige, die mit „Gepäck“ in die Beziehung startet. Es ist ein bißchen verkehrte Welt, dass mein kleiner Jährling mit all meinen seelischen Problemen umgehen muss. Denn machen wir uns nichts vor: natürlich nimmt er das wahr. Er ist ja auch nicht blöd und wenn ich heulend neben ihm herlaufe weil mich etwas an Finlays letzte Stunde erinnert hat, dann merkt er ja, dass ich nicht „Frau der Lage“ bin.

Das erstaunliche ist: er kommt damit zurecht.

Als ich ihn hier her geholt habe, hatte ich mir das ja alles ganz anders vorgestellt. Ich dachte, er steht hier das erste halbe Jahr nur in der Herde, wir machen Freedom Based Training und ich gehe einfach weg wenn es mir zu schlecht geht um mit ihm zu arbeiten. Aber er will mehr und er ist bereit, dabei hinzunehmen dass es diese Momente bei mir gibt. Diese Augenblicke, in denen ich in der Hölle bin und er mehr auf mich aufpasst und mich auffängt als ich auf ihn.

Und er ist stark genug das auszuhalten. Er ruht gut genug in sich – klein wie er nunmal ist – um mich aufzufangen in diesen Momenten. Ich wollte das nicht, wollte den Zwerg nicht mit meiner Vergangenheit belasten. Aber da er so ist wie er ist, passiert es nun doch. Und vielleicht ist es eine Illusion dass es anders gegangen wäre. Vielleicht hätte er es sowieso mit getragen auch wenn ich nicht so viel mit ihm machen würde. Einfach weil er da ist.

Und weil er nur da ist, weil Finlay nicht mehr da ist. Er hat nunmal einen „gebrauchten“ Menschen erwischt…

Duncan tut das für mich, was wir für unsere Pferde getan haben und wobei wir unzähligen Schülern und ihren Pferden geholfen haben: Er hilft mir, zurückzufinden in die Leichtigkeit des Seins. Und ich hoffe, dass er in ein paar Jahren sagt: „Mein Mädchen hat am Anfang ganz schön Probleme gehabt, aber wir haben es hinbekommen und jetzt ist sie eine tolle Partnerin in allen Lebenslagen“

Und in der Zwischenzeit bringt er ganz nebenbei Diego auch noch das Spielen bei.

Was für ein feiner Kerl!

Umgangskultur

Ein unachtsamer Momente – Zack, liegt das Handy am Boden. „ach“ denke ich „die gute Outdoorhülle wird das abgefangen haben“.

Aber diesmal hat die Outdoorhülle versagt – vielleicht weil es Indoor passiert ist…. Jedenfalls ist das Display hell erleuchtet – zu hell – und das Handy ist nicht mehr ansprechbar.

In diesen Situationen bin ich meinem Mann Arnulf noch ein bißchen dankbarer für die Dinge die er für mich tut. Er greift zum Hörer und ruft den Telefonanbieter an. Es ist nämlich so, dass wir ein sehr ähnliches Szenario vor gut zwei Jahren hatten. Dabei mussten wir folgendes feststellen: unser Telefonanbieter geht stillschweigend von Jahr zu Jahr im Vertrag weiter. Nach 2 Jahren ist das im Vertrag inbegriffene Handy „abbezahlt“, wir könnten also entweder ein neues Handy bekommen oder in einen günstigeren Tarif wechseln. Früher wurde einem das auch mitgeteilt. Heute nicht mehr. Wenn wir unseren Vertrag nicht aktiv 3 Monate vor Ablauf kündigen passiert NICHTS, das heißt wir bekommen weder den günstigeren Vertrag noch ein Handy. Wir zahlen den teuren Vertrag weiter ohne Gegenleistung. Da wir uns in der Kündigungsfrist vertan hatten, sind wir da erneut reingefallen (schade wenn man blöd ist). Aber Arnulf weiß anhand der Erfahrung von vor 2 Jahren, wie es gehen kann: Er lässt sich am Telefon hartnäckig von einem zum anderen durchstellen, immer eine Stelle höher, bis er schließlich da ist wo er hin will. Und siehe da, nachdem man ihn vorher unfreundlich behandelt und ausgelacht hat, ihm gesagt hat, da könne man halt leider nichts machen so wäre der Vertrag nunmal, hat er plötzlich eine unglaublich nette Dame am Telefon, die dafür sorgt, dass ich sofort kostenlos ein neues Handy bekomme. Weil Arnulf in aller Deutlichkeit mitteilt, dass wir sonst sämtliche Verträge bei der Firma kündigen und dass er sehr genervt ist. Es scheint doch ein Interesse daran zu bestehen, Kunden zu behalten, sieh an.

Plötzlich geht das, was man uns in den „unteren Riegen“ des Kundenservice verwehrt mit dem Hinweis auf die Vertragsbedingungen. Nicht nur das: wir werden ausführlich und freundlich bei der Wahl des Handys beraten, die Dame rät uns sogar zu einem günstigeren Modell, weil sie findet, dass das teurere gar nicht besser ist sondern nur teurer und sie gibt uns noch einen kleinen Rabatt „weil das so blöd gelaufen ist“. Der Wandel ist erstaunlich. Hätte Arnulf nicht vor 2 Jahren buchstäblich STUNDEN am Telefon verbracht und gelernt, dass das der Weg der Wahl ist, hätten wir uns ganz schön geärgert.

Ich selbst bin recht schlecht in so etwas. Ich mag nicht streiten und drohen und kann gar nicht gut verhandeln. Arnulf dagegen war die ganze Zeit freundlich oder zumindest höflich, aber absolut deutlich, hat geschickt formuliert und gut verhandelt. (Und er ist wieder mal mein Held)

Als das geschafft ist, sitzen wir noch einen Moment zusammen und reden darüber, wie so etwas kommt und wie ätzend das ist, dass man anscheinend besser behandelt wird, wenn man seine Ellenbogen einsetzt und sich wichtig macht als wenn man freundlich und zurückhaltend ist. Dann stutze ich. Denke an so viele Pferde, von denen die Besitzer sagen „er braucht immer erst eine Ansage, dann geht plötzlich alles“.

Für harmoniesüchtige Menschen wie mich ist es eine Qual. Ich habe zwar auch mit Finlay und vielen anderen Ponys mal herzhaft gestritten und habe damit kein Problem, aber dann geht es um die Sache, um den Streit, das Klären von Kompetenzen. Danach ist man auch nicht plötzlich wieder (entschuldigt die Wortwahl) scheiß-freundlich. Man geht ein bißchen wutschnaubend auseinander und begegnet sich in Zukunft anders. Mal hat Finlay klein beigegeben, aber oft genug habe auch ich mein Verhalten in der Konsequenz geändert. Man findet Lösungen oder im schlechtesten Fall wenigstens einen Kompromiss. Man ist sich einig, dass man lieber freundlich sein möchte und Streit so weit wie möglich vermeidet. Oder man streitet mit dem pubertären Pony auch mal um des Streitens willen, das war bei Finlay gelegentlich Programm. Dann streitet man mit Spaß am Streit und ist sich bewusst, dass es mehr ein Spiel als ein echter Streit ist. So eine Art „Mensch-ärgere-Dich-nicht“.

Streiten, nur weil man vorher einfach nicht freundlich sein kann, das mag ich nicht.

Was den Telefonanbieter angeht, macht mir das Sorge. Das scheint die Geschäftskultur geworden zu sein: man versucht, den Kunden über den Tisch zu ziehen und wartet mal ab ob das gelingt. Wahrscheinlich verdient die Firma sich dumm und dämlich an all den braven Kunden, die gar nicht merken, wie sie ausgenommen werden. Und die, die es merken, anrufen und sich beschweren, werden in erster oder zweiter Instanz abgewimmelt. Wer boxt sich schon durch bis fast ganz oben? Ich persönlich würde das wohl nicht tun.

Aufmerksamkeit und „Leckerlies“ bekommt, wer sie sich holt.

Und leider beobachte ich, wie viele Menschen (ich auch viel zu oft) das selbe Verhalten unbewusst bei ihren Pferden kultivieren. Das funktioniert so:

Das Pferd macht alles toll. Es bekommt ein Lob.

Dann macht es alles nicht mehr ganz so toll. Es gibt eine Diskussion oder eine längere Erklärung, einfach etwas mehr Aufwand. Und nach einigen Minuten klappt es endlich. Und der Mensch ist so erleichtert, dass das Lob plötzlich viel größer ausfällt als davor. Oder es klappt nicht und der Mensch gibt auf. Macht etwas anderes (etwas was dem Pferd leicht fällt, was es gerade anbietet) oder hört auf mit ihm zu arbeiten.

Und manche Pferde erkennen das Muster: wenn ich mich ein bisschen anstelle, ein paar andere Sachen anbiete, mich bitten lasse, dich erst mal ignoriere, habe ich Chance auf ein größeres Lob, schnelleres Arbeitsende, weniger Anspruch. Wenn ich mich von vornherein engagiere, dann willst Du mehr und mehr und mehr.

Wie schnell sind wir an diesem Punkt. Wie oft muss ich selbst mich zusammenreißen im Kundenkontakt, nicht immer dem den Vortritt zu geben, der sich kurz vor knapp meldet, aber dann ganz wichtig und ganz dringend ist, während ich den geduldigen wieder mal verschiebe. So entsteht diese verkehrte Welt. Eine Welt, in der Rücksichtnahme und Freundlichkeit bestraft werden, in der man sich schließlich nur noch unter massivem Ellenbogeneinsatz behaupten kann. Eine Welt, in der man ein neues Handy bekommt, wenn man sich nur weit genug hochtelefoniert, aber wenn man nett ist zahlt man doppelt und dreifach.

Wir erschaffen jeden Tag die Kultur um uns herum. Mit unserem Pferd genau wie mit unseren Mitmenschen. Ich werde keinen direkten Einfluss nehmen können auf das Verhalten eines Telefonanbieters. Dahinter stecken jene Leute, die sich mit ihren Ellenbogen bis ganz oben durchgearbeitet haben. Die werden meinen Blog kaum lesen und sich sicher nicht dafür interessieren eine andere Kultur zu erschaffen, denn für sie funktioniert das ja alles wunderbar (bis einer kommt und sie mit ihren eigenen Waffen schlägt). Aber im Kleinen kann ich verhindern, dass es so wird. Und auch bei meinen Pferden kann ich darauf achten, einen anderen Umgang zu pflegen: je friedlicher und engagierter Du bist, desto mehr komme ich Dir entgegen. Es erfordert viel Aufmerksamkeit, das so wahrzunehmen. Allzu oft sind wir, wenn es gut läuft, mit anderen Sachen beschäftigt. Beim Spaziergang fangen wir an zu schnacken oder zu träumen. Wenn unser Pferd auf dem Reitplatz beim Aufwärmen perfekt arbeitet, denken wir an die nächst-schwerere Lektion. Das artige Pferde, mit dem kann man es ja machen: zu spät zum verladen kommen und dann in Hektik sein, auch mal unaufmerksam sein, sich nebenbei vielleicht um das zweite Pferd kümmern, dass man in der anderen Hand führt, und das nicht so artig ist. Das Pferd kurz warten lassen, Nachbars Kinder eine Runde reiten lassen oder oder. Das artige Pferd werden wir oft automatisch viel mehr ausnutzen als dasjenige, was auf den Putz haut, wenn ihm was nicht passt. Bis das artige Pferd dann vielleicht doch mal die Nase voll hat, denn eigentlich sollte ja dieses artige Pferd viel mehr Aufmerksamkeit und Lob bekommen als die anderen, sollte noch feiner und freundlicher behandelt werden, ein paar Privilegien haben und immer und jederzeit Anerkennung für seine Leistungen erhalten.

Aber damit tun wir uns schwer, denn es erfordert Aufmerksamkeit, zu merken, dass etwas NICHT passiert. Merken wir, wenn unser Pferd NICHT hampelt, NICHT glotzt, NICHT an uns herumzuppelt? Unsere Pferde beobachten uns. Sie sehen all diese kleinen Zusammenhänge, die wir so oft gar nicht bemerken.

Duncan macht das sehr deutlich, wenn er unbedingt grasen will auf dem Spaziergang. Er geht sooo lieb neben mir her. Dann schaut er mich auffordernd an. Wenn ich darauf nicht reagiere, probiert er aus: ein Stückchen antraben, ein kleines bißchen nach vorne traben, dann anhalten, mich anschauen. Er möchte gern etwas tun und dann dafür grasen dürfen und das ist eben sein Angebot (weil wir traben geübt haben). Wenn das nicht klappt: zum Gras ziehen. Ziehen, ziehen, ziehen, dann plötzlich super brav und artig neben mir hergehen, ganz betont und nach ein paar Sekunden kommt wieder dieser Blick. Das Ziehen diente nur dazu, meine Aufmerksamkeit dahin zu lenken, dass er danach artig ist! Ich bin unartig, dann bin ich artig, dann belohnst Du mich. Wenn ich gleich artig bin, klappt das anscheinend ja nicht. Vorsicht, wenn ich das kultiviere, habe ich bald ein Problem! Gleich artig sein muss sich immer MEHR lohnen als erst Blödsinn machen und dann betont rumstrebern. Aber machen wir uns nichts vor: für uns Menschen ist das eine Mammutaufgabe.

Dagegen ist ein neues Handy einrichten fast schon eine Kleinigkeit…

Schach

Wir gehen spazieren. Duncan ist – wie immer – hungrig. Obwohl wir immer dafür sorgen, dass er vor dem Spaziergang ordentlich Heu hatte. Egal.

Duncan zieht also an den Rand zum Gras. Dann versenkt er – im Gehen – den Schnorch in die dicke Laubschicht und findet – im Gehen – dort irgendwelche Kleinigkeiten zu essen. Tja, das war nun nicht mein Benehmensplan. Ich bin am Zug.

Ich fordere ihn auf, die Seite zu wechseln. Macht er auch gut und kann dann logischerweise nicht mehr weiter futtern. Er ist am Zug.

Er wiederholt das Spiel, ich wiederhole das Spiel.

Dann denkt er sich eine neue Taktik aus. Er bleibt stehen und pinkelt. Dafür gibt es ja manchmal einen Keks. Allerdings wenn überhaupt nur beim ersten Mal. Er hat auch schon mal versucht, sich nur so hinzustellen als müsste er, ohne dass wirklich was kommt, und mich auffordernd anzuschauen. Nein, Du Ritter meines Herzens, so wird das nichts.

Also wechselt er wieder die Strategie: er bleibt stehen und schaut gedankenversunken in die Ferne. Er darf das, das weiß er. Ich bleibe mit ihm stehen, wir schauen. Dann meint er, ich wäre so mit schauen beschäftigt, dass ich gar nicht merken würde, wenn er zum Fressen übergeht. Ha! Dafür kenne ich zu viele Ponys, mein Freund!

Nun will ich ihm ja das Gras gar nicht verwehren, im Gegenteil. Da er Spaß haben soll, rauszugehen, suchen wir schon immer wieder schöne Grasplätze auf. Denn das ist ja eine der natürlichsten Verhaltensweisen für Pferde: loslaufen um Futter zu finden.

Also gebe ich ihm die Chance, sich seine Graspause fair zu verdienen. Ich bleibe stehen und sage „hoo“ das kennt er. Er hat aber nicht aufgepasst und geht 2 Schritte zu weit. Tja, Pech. Dann gehen wir eben weiter. Nach ein paar Metern wiederhole ich das Kommando, Duncan rammt die Füßchen in den Boden und darf prompt zur Belohnung grasen.

Das Spiel wiederholen wir ein paar mal in unregelmäßigen Abständen. Und schon ist Duncan wieder am Zug und denkt sich etwas neues aus. „hoo“ – er stoppt und bedient sich dann sofort ungefragt am leckeren Grün. Moment mal! So war das ja nun nicht … „ich hab das richtig gemacht, also darf ich essen“ sagt er mit vollem Mund und grinst mich an.

Ich bin am Zug.

Nix, Kollege, so machen wir das hier nicht. „hoo“ – er stoppt. Er ahnt etwas, liest heimlich schon wieder meine Gedanken, kommt aber nicht gleich drauf. Er versucht gar nicht erst, zu fressen, er weiß, dass ich das nicht zulassen würde. Aber was könnte ich wollen? Dann schaut er mich an. Feiner Bub! Jetzt darf er es sich schmecken lassen.

Er ist am Zug.

Er versucht, vorab schon mal auszusuchen, wo er essen möchte. Da es nicht geklappt hat, mich zum Gras zu ziehen, versucht er es jetzt mit schieben. Er läuft oft weit vorn, ich so auf Höhe seiner Flanke, das nutzt er jetzt aus und will mir den Weg abschneiden. Als ich mein Seil kreisen lasse um meinen Raum einzufordern, interpretiert er das flugs als Stopp-Signal und wechselt dann zügig hinter mir die Seite um dem Gras schon mal näher zu kommen. So ein Raubritter! Aber auch dieses Spiel probiert er nicht mehr als dreimal. Klappt ja doch nicht.

Langsam dämmert ihm jedenfalls, dass es zwei Arten gibt, mit mir spazieren zu gehen. Die eine, bei der er am langen Strick auf der Seite seiner Wahl im Tempo seiner Wahl geht, sich die Welt anschauen und beliebig seine Position zu mir wechseln darf. Und die andere, bei der ich den Strick recht kurz habe und ihm sage, auf welcher Seite in welchem Tempo er zu gehen hat, weil er nicht in der Lage ist, sich am langen Strick auf eine in meinen Augen anständige Art und Weise zu benehmen. Versuche wie drängeln, zum Gras ziehen, ungefragt antraben, nach mir schnappen oder das Begleitpferd ärgern führen zu dieser unangenehmen Art des gemeinsamen Gehens.

Er soll ein Gefühl dafür bekommen, dass das Leben mir mir sehr viel angenehmer ist, wenn er sich an meine Regeln hält (genau wie es auch in der Herde läuft). Im Moment ist er allerdings noch recht erstaunt, dass sein Mädchen tatsächlich auch mal sauer werden kann. Das kennt er ja noch gar nicht – bisher habe ich alles ausgesessen und so wenig gemaßregelt wie es irgend ging. Jetzt stellt er fest: sowohl ein Strick hat ein Ende (und das habe ich in der Hand) als auch mein Geduldsfaden – mag er auch lang sein. Und die beiden Enden stimmen sogar oft recht genau überein…

Inzwischen sind wir zu hause angekommen. Diese Partie geht an mich. Und zum ersten Mal überhaupt habe ich das Gefühl, er hat doch mal so viel nachgedacht, dass er ansatzweise ein ganz kleines bißchen müde ist. Aber nicht lang…..

Ich bin gespannt, wie er nun mit diesen neuen Erkenntnissen umgeht. Ich denke an meinen Finlay, der mit dem größten Vergnügen Regeln bewusst gebrochen und Grenzen mit einem Grinsen überschritten hat um sich dann mit mir streiten zu können – zumindest in der Pubertät. Später hat er sich immer ganz exakt am Rande dieser Grenzen aufgehalten, immer ganz knapp davor, ein Tanz auf Messers Schneide (und er konnte das perfekt!) Noch später hatte er elegantere Wege entdeckt um seinen Willen zu bekommen. Momentan nehme ich an, dass Duncan diese eleganteren Wege früher entdeckt, weil er nicht gern streitet, aber wie immer kann ich mit diesen wilden Vermutungen auch total daneben liegen…

Am nächsten Tag verfeinert Duncan seine Taktik. Da er verstanden hat, dass es für ein zweites Mal pinkeln keinen Keks gibt, stellt er sich hin, pinkelt und nascht gleichzeitig an der Brombeere vor ihm. Das Gesicht hättet ihr sehen sollen! Diese Partie geht an ihn….

Und während Duncan Schach mit mir spielt, spiele ich mit ihm Mastermind. Kennt Ihr dieses schöne Spiel? Der eine steckt mit farbigen Steckern eine Reihenfolge. Der andere kann das gesteckte nicht sehen und muss die Farben erraten, indem er „Vorschläge“ steckt, die der erste dann bewertet.

Ich möchte, dass Duncan z.B. anhand der Futterschüssel versteht, worum es mir WIRKLICH geht. Nämlich nicht darum, dass er irgendwie rückwärts geht um sein Essen zu bekommen, sondern um generell anständiges Benehmen. Und das ist ja weitaus komplexer. Er soll lernen, Menschen nicht zu bedrängen, er soll verstehen, wann Menschen sich bedrängt fühlen (und das ist unterschiedlich, also muss er dazu Körpersprache gut lesen können), er soll ruhig und entspannt bleiben, auch wenn es essen gibt (ok. Den letzten Punkt habe ich noch bei keinem meiner Ponys erreicht…. Aber einmal ist immer das erste Mal! Sagen wir: er soll wenigstens so tun als sei er ruhig und entspannt!) und er soll flexibel auf die jeweilige Situation reagieren. Ganz schön anspruchsvoll! Und weil das alles natürlich nicht mal so eben schnell gelernt ist wie „rückwärts gehen wenn mein Mädchen die Schüssel hinter ihrem Rücken hat“, teile ich mir mein Verhalten jetzt gut ein.

Ich komme also mit den beiden Schüsseln für Merlin und Duncan in den Stall. Wie die Wegelagerer fallen beide über mich her, aber ich verteidige die Schüsseln mit Säbelrasseln. Merlin bekommt seine Schüssel als erster. Duncan versucht, seinen Schnorch in Merlins Schüssel zu stecken, Merlin meckert nur halbherzig und überlegt, ob es nicht einfach wäre, zu mir zu kommen und die zweite Schüssel zu nehmen. Also übernehme ich den Meckerjob und schicke Duncan von der Schüssel weg. Fast gleichzeitig rufe ich ihn „Duncan dhuuuuuu“ und nach dem dritten Mal scheuchen und rufen kommt er zu mir. Jetzt kommt es drauf an: ich will ihn ein paar Meter von Merlin weg führen, er läuft also hinter mir und der Schüssel her. Schafft er es, dabei nicht ganz so doll die Ohren anzulegen? Mich nicht zu schubsen, zu überholen oder wild mit dem Kopf zu schlagen? Schafft er es, anzuhalten, wenn ich stehenbleibe? Dann gibt es die Schüssel sofort.

Schafft er das nicht, dann muss er eben seine Schrittchen rückwärts machen bevor er essen darf.

Und wieder überrascht mein Ritter mich. Denn dass er es schnell VERSTEHT, daran hatte ich keine Zweifel. Dass er sich selbst allerdings so gut im Griff hat in seinem zarten Alter, das hätte ich nicht gedacht. Schon nach wenigen Tagen wird er deutlich ruhiger zur Schüssel-Zeit, fängt an, ganz brav stehenzubleiben und kultiviert etwas, was ich aus Versehen mit belohnt habe: das Wegschauen. All das macht er sehr viel ruhiger als vorher und so kriegt er ganz oft seine Schüssel ohne dass er rückwärts gehen muss.

Und auch an einem anderen Punkt zeigt er große Weisheit: wir sind zum ersten Mal mit Arnulf und Diego gemeinsam in der Halle und machen Bodenarbeit. Diego bekommt dabei Kekse – Duncan nicht. Als Duncan und ich gerade herumstehen und nichts weiter tun, bekommt Diego Kekse, laut raschelnd aus Arnulfs Tasche gezogen. Duncan schaut aufmerksam zu. Da ich gerade im Freedom Based Training bin, könnte er hingehen. Macht er aber nicht. Wir schauen beide. Und dann schaut Duncan mich plötzlich an. Der Blick – zu schade dass Ihr ihn nicht sehen könnt. Ein so absolut eindeutiger Blick kann irgendwie nur von einem Pony kommen. „Schau, mein Mädchen, so macht man das! Jetzt du!“ Ich habe ihm aber trotzdem keinen Keks gegeben.

Später allerdings, als er am Anbinder stand und wir die Hufe gemacht haben, da gab es tatsächlich spontan mal wieder einen, für absolut perfektes Geben und halten vorne rechts. So ist mein Keks-Plan: überraschend und unberechenbar und nur für extrem gute Leistungen.

So spielen wir beide unsere Spielchen. Und währenddessen hat Sir Duncan ja noch 4 andere Spielpartner, die er jetzt so richtig für sich entdeckt. Caruso nimmt er für kleine Boxkämpfe und Merlin fordert er jetzt immer mal auf zum „Ringelreihen“, bei dem sie sich umeinander drehen und in die Hinterbeine beißen, aber am meisten erstaunt mich, dass er sich an Diego ranmacht. Wir haben Diego jetzt fast 7 Jahre bei uns und er hat noch nie wirklich gespielt. Finlay hat es mal versucht, aber Diego hat – obwohl er es glaube ich nicht böse gemeint hat – so die Ohren angelegt, dass Finlay doch Angst bekommen hat. Duncan dagegen hat sich eine andere Taktik überlegt: er kommt nicht von vorne, sondern von hinten. Er kneift Diego ins Hinterbein und nagt ihn ein bißchen an. Und Diego lässt sich tatsächlich dann und wann auf ein kurzes Spiel ein! Ich bin gespannt, was sich da entwickelt. Mir scheint, das was Duncan da spielt, könnte eine Art Poker werden…..

Schöne Bescherung

„KEKSE! Du hast KEKSE in der Tasche! Ich rieche es ganz genau!“

„Duncan, könntest Du bitte… „

„KEKSE! Ich will diese KEKSE! Jetzt gleich sofort!“

„Duncan, ich möchte… „

„KEKSE! KEKSE! KEKSE! Sie sind da in Deiner Tasche! DA!! Gib sie mir! KEKSE!!“

„Es gibt jetzt keine…..“

„Sie sind da! KEKSE! Ich weiß doch dass sie da sind! KEKSE! Geh nicht weg! Ich lauf Dir einfach hinterher, Du musst mir diese KEKSE geben, jetzt sofort unbedingt!“

Er ist nicht ansprechbar. Sein Gehirn ist für nichts anderes zu haben. Kekse!

Es dauert lange, bis ich ihn so weit heruntergedreht habe, dass er mir einigermaßen zuhören kann. Er hat „vergessen“, dass er stehenbleiben soll wenn ich stehen bleibe. Er hat „vergessen“ dass es nichts nützt, in die Tasche zu beißen. Er hat „vergessen“, dass nur zuhören zum Erfolg führen könnte. Er hat auch „vergessen“ dass es in der Bodenarbeit gar keine Kekse zu holen gibt.

Bisher hat Duncan nur recht spärlich Kekse von mir bekommen. Beim Füttern habe ich ihm welche gegeben, als Zwischenlob für kleine gute Ansätze bevor er dann als Jackpot die Schüssel bekam wenn er komplett richtig rückwärts gegangen war.

Auch so hat er mal den einen oder anderen Keks bekommen, manchmal weil die anderen einen bekommen haben und er so nett gefragt hat (das dürfte so 3 mal der Fall gewesen sein), zweimal fürs Pinkeln auf dem Spaziergang, einmal für Hufe geben, ein paar in Folge für stehenbleiben während ich um ihn herum gehe.

Und dann war Weihnachten. Und Pony-Bescherung. Es gab hingeworfene Möhren zum selbst suchen und dann … ja dann gab es Kekse aus der Hand. Vor allem damit wir schöne Fotos bekommen. Und dieses eine Mal, diese eine Gelegenheit zu der es ungeplant und unverdient Kekse gab, die hat aus meinem sonst so entspannten, freundlichen Jährling ein kleines Monster gemacht. Eines von diesen Monstern, die nicht denken können, wenn sie etwas essbares wittern. Eines von diesen Keks-Krümel-Monstern, die nur das eine im Kopf haben und alles andere vergessen.

Diese eine einzige Gelegenheit hängt uns jetzt nach. Und ich habe wieder etwas gelernt.

Nun brauche ich einen neuen Keksplan. Ich möchte nicht mit vielen Keksen arbeiten, aber es gibt schon Stellen, an denen ich es als die einfachste, beste Methode empfinde. Zum Beispiel beim „warte“, mein Kommando für „bleib da stehen und bewege keinen Huf von der Stelle“. Es ist praktisch, wenn dieses Kommando so ins Pferdegehirn zementiert ist, dass das Pony einfach immer und überall so lange wartet, bis der Keks kommt. Und auch sonst bekommen unsere Ponys ja durchaus Kekse, aber eben nur für die besonders guten Leistungen, nicht pauschal bei dieser oder jener Übung und normalerweise auch nicht im Rahmen von positiver Verstärkung zum Formen von Verhalten (außer z.B. beim waschen im Intimbereich oder beim Zähne anschauen).

Aber Duncan weiß natürlich noch nichts von unseren Keksregeln und er stellt mich vor Herausforderungen, wegen seiner Eigenart, Verhalten ins unendliche zu steigern. So geht er zum Beispiel endlos rückwärts, während ich versuche, ihm das Halfter vom Kopf zu fummeln. Weil ich ihn mit dem Halfter zu seiner Schüssel geführt habe und er nun davor steht und rückwärts das einzige ist, was er bisher im Repertoire hat, um Futter zu bekommen. Ich will mir also sehr gut und sehr genau überlegen, wie ich weiter vorgehe. Finlay war da ja das Gegenteil, er hat Verhalten fast nie gesteigert, sondern immer eher überlegt, ob weniger nicht auch noch genug wäre. Auch Merlin neigt nicht dazu, Verhalten so sehr zu steigern und natürlich ist das Verhältnis zwischen Merlin und mir so gefestigt, dass immer irgendeine Kommunikation möglich ist. Außerdem ist Merlin so alt und so zauberhaft dass er sowieso dauernd Kekse bekommt, verdient oder nicht. Da bin ich eine der inkonsequentesten Pferdemamas der Welt. Aber bei Duncan kann ich mir das eben einfach noch (lange) nicht leisten. Das ist so ein Altersprivileg, da darf er mal noch mindestens 20 Jahre drauf warten. Bis dahin heißt es: eine Strategie muss her.

Ich erinnere mich an den ersten Kurs mit Finaly bei Amanda Barton. Amanda sagte zu mir „er hat noch nicht ganz eingesehen, warum Du bestimmen sollst. Fakt ist: wenn ein Pferd zum Reitpferd wird, wird der Mensch fast alles entscheiden. Das Pferd muss sich damit wohlfühlen, das ist ein Lernprozess. Achte darauf, dass es ihm wirklich immer sehr viel besser geht, wenn er das tut, was Du ihm gesagt hast. Dann wird es auf die Dauer gern tun was Du sagst“.

Hier liegt bei Duncan das Thema. Der Ritter – genau wie Finlay – entscheidet selbst, was er gut gemacht hat. Und wenn er findet, dass er das gut gemacht hat, dann bekommt er bitteschön seine Belohnung, aber zügig. Warum soll ICH denn so etwas wichtiges entscheiden dürfen?

Natürlich ist noch gar nicht genug Zeit vergangen als dass er die Erfahrung hätte machen können, dass es ihm besser geht, wenn er tut, was ich ihm sage. Außerdem ist er in diesem Punkt dann eben doch mal ein ganz normaler Jährling: Frustrationstoleranz und Geduld hat er einfach noch nicht entwickelt. Was er jetzt entwickelt hat, sind Ideen, wie er mich da hin manipulieren könnte, das zu bekommen, was er will. Und manche von diesen Ideen sind eben Blödsinn.

Manche sind aber auch ausnehmend schlau.

Zum Beispiel hat er schon genau verinnerlicht, dass es fürs Pinkeln beim Spaziergang einen Keks gibt. Folgerichtig bleibt er jeweils nach den ersten 50 Metern schon mal stehen und erledigt sein Geschäft. In einer Vorahnung beschließe ich, nur jeweils das ERSTE Pinkeln zu belohnen. Mir schwant nämlich übles. Und richtig: als Sir Duncan mächtig Frust schiebt, weil er nicht grasen darf, hält er an und macht noch ein winziges Pfützchen. Der Blick den er mir zuwirft spricht Bände und ich muss ziemlich lachen. Einen Keks gibt es trotzdem nicht.

Jetzt wird es für mich wieder interessant: wie schnell wird er die Taktik jeweils wechseln? An welchem Verhalten wird er stur festhalten, wo überlegt er sich etwas neues? Meine Herausforderung liegt darin, gute neue Strategien zu entwickeln. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie komplex er denkt. Manche Pferde sind da ja recht einfach gestrickt und gehen immer nur schnurgerade Denkwege: auf A folgt B. Also mache ich mehr von A, gibt mehr Keks. Oder ich versuche mal C.

Andere denken deutlich komplizierter. Eine Stute in meinem Kundenkreis, die partout nicht stillstehen mochte, hatte es zum Beispiel raus, ihre Besitzerin so lange zu nerven, bis diese sie „zur Strafe“ rückwärts geschickt hat. Erst als ich sie darauf hinwies, dass das genau das ist, was das Pferd will (sich bewegen, egal wie) hat die Schülerin verstanden, wie schlau ihr Pferd Situationen einfädelt.

Um wie viele Ecken wird Duncan denken? Selbst wenn er jetzt noch recht harmlos daher kommt, weiß ich: das wird sich noch entwickeln in den nächsten Jahren. Und so wie er sich bisher präsentiert vermute ich, dass das gut geölte, PS-starke Maschinchen zwischen seinen Ohren so manche interessante Idee ausspucken wird.

Beim Hufe geben zeigt sich derweil, wie sehr er auch ohne Keksbelohnung alles richtig machen möchte. Er fängt jetzt an, mir die Hinterhufe „anzureichen“. Vorne hat er Schwierigkeiten, was ich darauf zurückführe, dass er so überbaut und vorhandlastig ist im Moment. Aber hinten entlastet er jeweils schon den Huf, den ich haben möchte. Solche Dinge tut er mit absoluter Selbstverständlichkeit und erwartet keine Lobeshymnen. Da ist er nun wieder völlig bei sich und freut sich über freundlichen Kontakt, von dem er sowieso nie genug bekommen kann.

Ein paar gemeinsame Einheiten später hat sich das Keks-Thema wieder beruhigt. Sir Duncan ist wieder so wie er vorher war und ich bin schlauer geworden und überlege stets sehr genau, wofür es wohl einen Keks geben mag. Es wird vorerst die Ausnahme bleiben und ich werde auf jeden Fall versuchen, diesbezüglich etwas unberechenbar zu sein für ihn, so dass er nicht an bestimmten Stellen unbedingt auf seinen Keks besteht, sondern ihn als Bonus versteht, der ihm anzeigt, wann er ganz besonders wunderbar war. Die Übungen, die ich regulär mit Keks mache (warten, Intimbereich reinigen, Zähne gucken etc) schiebe ich noch ein bißchen auf, bis ich sicher bin, dass wir das händeln können. Und bis zur nächsten Weihnachts-Bescherung dauert es ja noch ein paar Tage….

Herausforderung

Sir Duncan in seiner glänzenden Selbstbewusstseins-Rüstung steht vor mir und verlangt nach Beschäftigung. Und heute ist sein Glückstag: Arnulf und ich haben beide Zeit und das Wetter ist gut. Also wagen wir etwas neues: mit Duncan ohne Begleitpferd spazieren gehen.

Ich habe ihn bei ein paar kleineren Dreistigkeiten in der Herde beobachtet und mir überlegt, dass es ihm bestimmt gut tun wird, etwas aufregendes zu erleben. Zunächst ist der Ritter irritiert, dass es alleine losgehen soll. Am Straßenrand bleibt er stehen und schaut.

Alleine vom Hof? Erstmal schauen….
Es erfordert Mut, allein los zu gehen. Auch von mir!

Wir warten, schauen mit ihm, dann geht er los. Er wandert frohgemut mit uns die 300m bis zum Nachbarn, dann stoppt er. Er möchte nicht weiter. Ich hatte mir vorgenommen, mit ihm bis zu der leckeren Grasstelle zu gehen, die ist noch 200m weiter. Ich zweifle an diesem Plan, beschließe aber, zunächst mal weiter zu machen. Duncan steht. Ich warte, stehe mit ihm. Wir schauen uns alles an. Als er umdrehen möchte, halte ich den Strick einfach fest. Er akzeptiert das. Wir stehen. Minutenlang. Dann geht er los, ich gehe mit. Nach wenigen Metern steht er wieder.

Mittlerweile hat der Mensch, der sein Auto so schlau auf der Bankette geparkt hat, gemerkt, dass er sich da festgefahren hat. Arnulf geht um ihm zu helfen. Duncan und ich stehen und schauen, gehen ein Stück, stehen und schauen wieder. Arnulf geht nach hause, mein Auto holen um den anderen raus zu ziehen. Duncan und ich kommen Stück für Stück voran. Er äppelt dreimal, wiehert zweimal, interessanterweise nach vorne, nicht nach hinten zu den anderen. Nach dem Wiehern geht er los. Jedesmal wenn er stehen bleibt, stehe ich auch. Ich bitte ihn nicht vorwärts, ich warte auf ihn. Einmal versucht er noch, umzudrehen, akzeptiert aber dass ich den Strick festhalte und das verhindere. Ansonsten lasse ich ihn machen.Schließlich, nach langer Zeit, kommen wir beim Gras an. Duncan ist sehr angetan und grast genüsslich.

Der Weg hat sich gelohnt!

Ich denke derweil an Finlay, weil ich den schönen Acker sehe, über den wir geritten sind. Und ich denke darüber nach, dass ich mein Pony gerade ganz bewusst ein Stück überfordere. Erst neulich hatte ich ein solches Gespräch im Schülerkreis. Wir sind – und das finde ich absolut richtig – oft sehr vorsichtig mit unseren jungen Pferden. Wir wollen ihnen nicht zu viel zumuten. Sie sollen nichts aushalten müssen. Es soll ihnen gut gehen und sie sollen uns vertrauen. Das ist alles total richtig! Und dann kommt der Tag, an dem sie etwas mal aushalten müssen. Weil der Zahnarzt kommt, weil man sich verritten hat und plötzlich viel länger unterwegs ist als geplant, weil auf einem Spaziergang plötzlich alles zusammenkommt (Wetter, Verkehr, flatternde Planen, bellende Hunde oder was immer Eure Fantasie so hergibt). Und wir stellen fest: die können nicht aushalten. Wir haben ihnen zu wenig zugetraut, sie zu wenig herausgefordert.

Oh welch schmaler Grat auf dem wir da balancieren! Ich glaube wir tun gut daran, uns klar zu machen, dass das Pendel in beide Richtungen ausschlagen wird – ob wir wollen oder nicht. Manchmal werden wir unser Pferd übefordern, manchmal werden wir es langweilen. Es gehört zur Lebenstüchtigkeit dazu, beides überstehen zu können ohne auszuflippen. Wenn wir untefordern, kann unser Pferd sich nicht entwickeln. Wie im Sport, wo wir zum Muskelwachstum die Herausforderung brauchen, so brauchen wir alle auch seelische und geistige Herausforderungen, um zu wachsen. Wohldosiert. Und so sage ich manchen Schülern, sie sollen ihr Pferd mal was aushalten lassen. Sie sollen nicht übervorsichtig sein, nicht um jeden Preis eine Überforderung vermeiden, sondern auch mal was verlangen, was echt viel ist, vielleicht einen Hauch zu viel. Auch um mal zu sehen, was dann passiert. Nicht dauernd, nur ab und zu, so alle paar Wochen vielleicht. Mit genügend Ausgleichserlebnissen dazwischen.

Normalerweise würde ich das natürlich nicht bei einem Jährling empfehlen, den man erst knapp 3 Monate hat. Normalerweise empfehle ich bei 3-5 jährigen, denen mal bewusst mehr zuzumuten, nicht unbedingt körperlich, aber geistig, und ihnen mal zu zeigen, dass sie Grenzen haben, dass sie vielleicht mal nicht mehr können, dass es auch mal zu viel sein kann. Um zu sehen, wie sie reagieren, was man daran noch üben kann und was sie im Nachhinein daraus machen. Niemals habe ich das bei einem Jährling empfohlen. Aber Duncan wirkt eben immer schon so reif. Und so nutze ich meine Chance: ich fordere ihn heraus. Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Ob das stimmt, wird sich zeigen!

Nach ein paar Minuten grasen treten wir den Heimweg an. Erst ist mein Ritter noch ganz lässig, dann nimmt er Fahrt auf. So lange er im Schritt bleibt, bin ich in Harmonie mit ihm, passe mich ihm an. Dann schießt er plötzlich im Trab los. Das schöne bei ihm ist, dass er sich ganz leicht halten lässt. Er bremst, wir sortieren uns und gehen weiter. Noch dreimal trabt er an. Dann entscheide ich mich, schon vorher eine Grenze zu setzen, lasse ihn ab und zu anhalten wenn er mir im Schritt zu schnell wird und schick ihn ein Schrittchen zurück. Er macht ganz gut mit, bleibt gut ansprechbar. Sobald wir den Hof betreten wirkt er tiefenentspannt. Wir machen noch in aller Ruhe seine Hufe sauber, weil ich mit Absicht nicht möchte, dass er sofort in den Stall gehen kann. Er hat kein Problem damit. Ich hole auch noch den Zollstock, weil er mir heute wieder größer vorkommt. Irgendwie sieht er manchmal sehr überbaut aus und manchmal nicht, je nachdem wie er steht. Gewachsen ist er aber anscheinend doch nicht. 126 cm sagt der Zollstock, egal wie oft ich ihn anhalte. Tja, ich werde noch Geduld brauchen und Vertrauen darin dass mein Ritter groß genug wird. Dran ziehen soll ja auch nichts bringen habe ich mir sagen lassen.

Als ich Duncan dann schließlich in den Stall bringe, geht er erst was trinken, obwohl er die anderen gerade nicht sehen kann. Und ich bin froh: die Überforderung war nicht so groß, dass er SOFORT zu den anderen muss.

Jetzt wird das Thema ruhen. Vorerst gehen wir nur in Begleitung raus. Erst in ein paar Wochen werden wir, wenn die Gelegenheit sich ergibt, den Alleingang wiederholen. Ich bin gespannt, was dann passiert.

Genauso gespannt bin ich, wie Duncan mir in den nächsten Tagen begegnen wird. All das sind wichtige Informationen für mich: wie sehr habe ich ihn überfordert? War ihm das alles zu viel oder wird er – was Finlay manches Mal getan hat – im Nachhinein finden, dass das alles doch nur ein großes Abenteuer war und nach einem neuen rufen? Wird er mir vertrauen, dass es jetzt nicht immer so anstrengend wird? Hatte er ernsthaft Angst oder nur ein paar kleinere Sorgen? Hat er gelernt, dass seine Sorgen unberechtigt waren, dass er wieder nach hause gekommen ist?

Ich werde ihn mit Argusaugen beobachten.

Nachmittags, als ich wieder in den Stall komme, ist er jedenfalls ganz normal, gut gelaunt und kommt auf einen Schnack zu mir. Und an Weihnachten geht er ganz gelassen mit Diego und dem Pony meiner Freundin in Begleitung von 3 Hunden spazieren als hätte er sein Lebtag nichts anderes getan. (Dabei hat er das noch nie getan)

2 Wochen später. Wir sind aus dem Weihnachtsurlaub wieder da und Sir Duncan begrüßt mich fröhlich. Im Gegensatz zu Finlay, der mir die ersten Male etwas böse war, weil ich es gewagt hatte, weg zu sein, verhält Duncan sich genau wie immer und hält als erster von allen Ponys einen kleinen Klönschnack mit mir. Ich habe das deutliche Gefühl, ihn dürstet nach einem neuen Abenteuer.

Also schnappen wir uns das kleine Tier und wandern mit ihm und Diego ins Dorf. Eine kleine Runde ist das, ungefähr 3km. Schon auf dem Weg ins Dorf ist Duncan munter unterwegs, marschiert lustig vorneweg und kann sogar bei Diegos Schritttempo mithalten (besser als ich). Er würde auch schneller unterwegs sein wollen, das ist nicht zu übersehen, aber Trab am Strick ist bisher noch nicht drin. Wir kommen im Dorf an und wandern ein gutes Stück an der Dorfstraße entlang. Regelwidrig laufen wir auf dem Bürgersteig, das ist mir doch lieber mit so einem unerfahrenen Zwerg. Er wird schnell, ist aufgeregt. Einmal ist Diego zu langsam, da wird gedrängelt, dann wieder ist Diego zu schnell, plötzlich trabt Duncan mir an und ich muss ihn um mich herum laufen lassen weil ich zu spät bremse.

Insgesamt hat er vor nichts Angst, weder Autos, noch Fahnen oder Gullideckel machen ihm Sorgen. Nur die Gesamtheit der Eindrücke ist viel, sehr viel, das ist ihm anzumerken. Aber er macht es gut und als wir aus dem Dorf raus sind darf er grasen.

Auf dem Rückweg gibt es dann auch nur noch dieses eine Thema: Gras. ER WILL ESSEN! Und so ist doch recht viel Geziehe am Strick und Diskussion. Ich halte ihn immer wieder an, möchte ihn grasen lassen falls er es gut macht, aber er macht es nicht gut und so gehen wir jedesmal weiter. Schließlich fängt er wieder mit Schnappen an und diesmal ist die Lage für mich eindeutig: er hat Frust. Ich drehe die Situation so hin, dass er mal einigermaßen gut anhält, lasse ihn zur Belohnung grasen und mache mir eine mentale Notiz, dass ich hier meine Strategie anpassen und mit ihm mehr üben darf. Aber wieder kommt mir dabei in die Quere, dass Diego mit dabei ist. Anhalten, während Diego weiter geht ist schwer, jedesmal bescheid sagen ist aber auch blöd, weil ich dann nicht weiß ob er nicht nur anhält, weil Diego anhält. Vorne weg gehen ist auch doof, weil er dann beim Anhalten Diego im Rücken hätte, der ihn im Zweifel weiter treibt. Also alles sehr halbseiden.

Als wir nach hause kommen, ist der Ritter zwar gefrustet, aber von müde ist keine Rede. Abends beim Schüsseln füttern ist er sehr ungehalten und wir geraten kurz in Streit darüber wie man sich zu benehmen hat.

Schon am nächsten Tag beschließen wir, noch einmal allein mit ihm los zu gehen. Bis zu der Grasstelle, zu der wir letztes Mal so lang gebraucht haben. Ich bin sehr gespannt: die Stunde der Wahrheit. Habe ich ihn so überfordert, dass er keine Lust darauf hat? Oder hat er verstanden, dass etwas Gutes für ihn dabei herauskommt?

Duncan marschiert munter los. Er zieht immer an die Seite – essen. Ich habe mir diesbezüglich eine Taktik überlegt und lasse ihn jedesmal die Seite wechseln wenn er das tut. Obwohl wir Seitenwechsel noch nicht geübt haben, klappt es auf Anhieb wirklich gut. Wir gehen also ziemlich viele Schlangenlinien.

Bis zur Grasstelle geht er mit mir ohne einmal anzuhalten, zu zögern oder zu wiehern. Ganz im Gegenteil, er zieht mich dort hin. Ich habe mir auch hier eine Strategie überlegt: er soll einmal vernünftig anhalten bevor er grasen darf. Das bedeutet, wir gehen an der Grasstelle vorbei und üben anhalten. Das findet mein Ritter so mäßig amüsant, aber schließlich klappt es und er darf essen.

Beim zweiten Mal sind wir schon ganz entspannt

Arnulf schlägt vor, noch eine Ecke weiter zu gehen (ca 50 m) auch dort ist gutes Gras. Das machen wir und auch dort soll Duncan erst anständig anhalten. Auf dem Rückweg wiederholen wir das Spiel.

Dass er allein draußen ist, macht ihm heute genau gar nichts mehr aus. Mein Herausforderungsplan ist aufgegangen. Erschüttert rechne ich aus, dass Duncan erst gut 3 Monate bei uns ist. Ich würde jeden für irre erklären, der so etwas macht, aber wir haben es gemacht. Und mehr noch: Duncan fand es anscheinend toll, denn als wir ihn nach hause bringen und in den Stall stellen, steht er noch am Tor und schnackt mit mir. Er sieht hoch zufrieden aus mit sich und der Welt. Erst als ich oben in der Wohnung angekommen bin, sehe ich ihn im wilden Galopp zu den anderen sausen, die am weitest entfernten Punkt auf dem Rundlauf stehen.

Er knallt auf Diego zu, springt vor ihm mit allen Vieren in die Luft, dreht sich und tritt in seine Richtung aus. Diego steht ganz ruhig. Dann kommt Duncan auch zur Ruhe und knabbert von den Grasresten am Rand. Diego geht hin und es folgt eine kurze Nasen-Spiel-Einheit. Ich bin überrascht über dieses Verhalten: es gibt wieder Neues für mich zu beobachten.

Zwei Seiten

Mit Finlay hatte ich einen sehr klaren, gradlinigen Plan. Wir gehen von A über B nach C.

In den Jahren, die seit Finlays Jährlingszeit vergangen sind, habe ich beobachtet, dass es viel hilfreicher ist, sich Dingen von zwei Seiten zu nähern. Und dank dem, was ich von Elsa gelernt habe, kann ich das jetzt auf eine ganz neue Art umsetzen.

Elsa sagt, man kann bedenkenlos zwischen den Systemen wechseln – Freedom Based Training und „normales“ Training. Man muss nur als Mensch immer wissen, in welchem System man gerade arbeitet. Für die Pferde ist es kein Problem, da sie untereinander in der Herde auch ständig wechseln zwischen Dominanz (einer bewegt den anderen) und Partnerschaft oder passiver Führung (jeder entscheidet für seinen eigenen Körper).

Folgendes habe ich mir also ausgedacht: Ich arbeite zunächst in unserer kleinen Halle mit Halfter und Strick. Dort brauche ich Duncan nicht festzuhalten. Ich kann also, sobald ich den Strick in der Hand habe, mein normales Bodenarbeitstraining mache (zum Beispiel dass er beim Führen stehenbleibt, wenn ich stehenbleibe). Anstatt nun zu überlegen, wie ich ihn gut belohnen kann (Keks, Kraulen, Pause? Hat ehrlich gesagt alles große Nachteile), lege ich ihm einfach den Strick über den Hals und gehe zum Freedom Based Training über, wo ich vor allem damit beschäftigt bin, das zu tun, was Duncan tut. Aber ich übe dort auch kleine Dinge wie das Anfassen am Schweif und im Intimbereich oder dass ich mich in Positionen aufhalte die er noch nicht so gut findet.

Nach einer Weile nehme ich dann den Strick wieder in die Hand und bin wieder der „Bestimmer“. Ich hoffe, dass ich es so nachher beim Spazierengehen machen kann, so dass wir nahtlos wechseln können zwischen „normal“ und Freedom Based. Denn auch draußen kann ich den Strick über seinen Rücken legen (und das Ende sicherheitshalber in der Hand behalten).

Duncan empfindet den Wechsel in das gemeinsame Sein, bei dem er tun darf, was er will und ich mich anpasse, offensichtlich als große Belohnung und ist absolut bereit, sich im Gegenzug an mich anzupassen wenn ich den Strick dann wieder aufnehme. Mir erlaubt es, ihn zu beobachten nach einer Übung, ohne dass ich ihn direkt beeinflusse. Wie geht es ihm jetzt, was tut er? Ihm erlaubt es eine geistige Pause und die Verarbeitung dessen, was wir getan haben. Training von zwei Seiten. Ich bin sehr gespannt, wie das klappt!

Aber auch an einer anderen Stelle gibt es zwei Seiten.

Hört sich ja immer so toll an, was Pferdeleute so schreiben. Ich bin da keine Ausnahme. Natürlich schreibe ich lieber über gelungene Dinge oder darüber, wie ich (ach so erwachsen und weise) aus meine Fehlern lerne als zu schreiben „heute war alles scheiße, ich habs total verbockt und sitze jetzt heulend in der Ecke, weil ich zu grob und ungerecht zu meinem Pony war/nichts funktioniert hat wie ich wollte“

Nun ist ja vieles eine Frage der Betrachtungsweise. Ich sehe viele verschiedene Pferdemenschen, die unglaublich unterschiedliche Auffassungen haben von „feinen Hilfen“ „gut erzogenen Pferden“ „artgerechter Haltung“ und „gesunder Fütterung“. Es macht mir Spaß, so viele verschiedene Sichtweisen zu erleben und ich möchte gar nicht alle von meiner eigenen überzeugen – auch wenn Verbesserungsvorschläge natürlich Teil meiner Arbeit sind.

Die eine Seite ist also die: ich möchte alles perfekt machen. Jeden Tag. Immer geduldig, immer in Ruhe, nie etwas überstürzen.

Die andere Seite aber ist sehr real: Ich bin nicht perfekt. Und ich werde nicht so tun als ob.

Finlay gegenüber habe ich mir so viele Gedanken gemacht als er noch klein war. Ob das ok ist wenn ich es jetzt mal eilig habe beim Halftern, Hufe auskratzen oder Führen. Ob das ok ist wenn ich was mit ihm mache obwohl ich nicht ganz konzentriert bin. Ob das schlimm war, dass ich mal ausgetickt bin und ihn ungerechtfertigt bzw. zu hart gemaßregelt habe. Ob ich ihn überfordere wenn ich dies oder jenes mache. Ich glaube, ich war oft viel zu vorsichtig. Und ich habe zu viel geübt. Ja, das habt Ihr richtig gelesen: ich habe zu viel geübt.

Es gibt natürlich Dinge, die müssen geübt bzw wiederholt und gefestigt werden. Es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug wiederholen. Es muss dem Pferd aber auch Spaß machen, das ist dann meine Aufgabe, dafür zu sorgen.

Und dann gibt es Dinge, die braucht man nicht so vorzukauen. A, B, C. So habe ich Finlay das erklärt. So hat man Kindern früher das Lesen beigebracht. Heute nicht mehr. Heute lässt man die Kinder gleich ganze Wörter lesen und sie lernen es leichter. Neuerdings lerne ich Gälisch über eine kleine App. Die lässt mich lustig raten, mit multiple choice Antworten. Ich lerne beim Raten und es macht auch noch Spaß.

Und so werfe ich Duncan auch öfter mal einfach ins kalte Wasser.

Finlay-Lektion Nummer 6: einfach mal ausprobieren. Dann sehen wir ja was passiert.

Finlay war da oft viel schneller als ich. Beim ersten Trab unter dem Reiter zum Beispiel. Er hatte eine vage Ahnung was ich vielleicht da vorbereite und schien zu denken „oh man, was macht sie wieder für ein Getue. Komm, wir probieren das jetzt einfach“. Immer wenn ich etwas mit Finlay gemacht habe wovon ich dachte, es sei ein großer Schritt, es könnte sein dass es schiefgeht und mir etwas bang war davor, fand Finlay das ganz genau richtig so. Und dass ich ihn nachher gefeiert habe, meinen grauen Helden, das war ihm natürlich ganz recht! Später glaube ich, wusste er schon, dass ich ihn feiern werde, wenn er so etwas geschafft hat. So ging er mit gutem Gefühl in jedes Abenteuer.

Und so bin ich bei Duncan viel mutiger. Ich weiß, er ist selbstbewusst genug, um Fehlschläge einstecken zu können. Ich weiß, er mag mich und das wird sich auch nicht ändern, weil mal was schief geht. Ich weiß auch – aus leidvoller Erfahrung – dass Dinge da schiefgehen können, wo man so gar nicht damit rechnet. Ohne dass man etwas dagegen tun kann.

Als er abends gerade so schön praktisch an der Heuraufe steht, kratze ich ihm einfach so die Hufe aus und behandle seine Strähle. Ich bin dabei nicht ganz so geduldig wie sonst, weil ich nicht genug Zeit habe, aber er trägt es mit Fassung und gibt mir alle seine Hufe sehr brav, wenn auch nicht perfekt ausbalanciert.

Als ich erkältet bin und trotzdem spazierengehen möchte, setzt Arnulf mich kurzerhand auf Diego und ich nehme Duncan als Handpferd, so dass ich 10 Minuten Laufpause habe. Mittels eines Zweigs, den Arnulf mir organisiert, erkläre ich Duncan, dass er neben Diego laufen soll, nicht hinter ihm. Ansonsten passen wir Diego an das Tempo an, das Duncan gerade anbietet. Alles klappt, völlig ungeübt und wahnsinnig schlecht vorbereitet, einfach so. Duncan ist wieder einmal das, was wir schon oft über ihn gesagt haben: Selbstverständlich.

Bitte entschuldigt diesen ungewöhnlichen Sprachgebrauch. Ein Pony kann natürlich nicht selbstverständlich sein. Ich bin für bessere Vorschläge offen. Bisher scheint es uns immer das Wort zu sein, das am besten passt. Es ist eine Sache, Dinge selbstverständlich zu TUN, aber wir empfinden dieses selbstverständlich SEIN als eine Charaktereigenschaft, die tiefer geht. Eine Selbstverständlichkeit in der Welt. Bitte, schreibt mir bessere Wort-Vorschläge in die Kommentare.

Ich jedenfalls schaue mir das ein bißchen bei ihm ab, möchte ihm so begegnen, wie er der Welt begegnet und versuche, möglichst viele Dinge selbstverständlich zu tun.

Während Finlay es toll fand, wenn ich ihn gefeiert, gelobt und verehrt habe, findet Duncan das anscheinend recht uninteressant. Er weiß, was er gut gemacht hat. Passt schon.

Interessanterweise war Finlay ja nie ernsthaft dazu bereit, etwas für ein Lob zu tun, aber er hat es geliebt, gelobt und gefeiert zu werden. Andersherum ist Duncan total bereit, einiges zu investieren, damit wir gut miteinander auskommen (das zeigt sich auch in der Herde), aber Lob interessiert ihn nicht. Vielleicht noch nicht, aber vielleicht auch nie. Die meisten Ponys die ich kenne, lieben Annerkennung. Duncan braucht sie anscheinend nicht. Er ruht so in sich selbst, es reicht ihm, mit mir zusammen in Frieden zu sein. Auch hier bin ich gespannt, wie er sich entwickelt.

Ich verhalte mich ihm gegenüber anders als mit Finlay – ganz automatisch, dadurch dass er so ist, wie er ist, aber auch durch das was ich inzwischen gelernt habe.

Und jetzt wird es wieder philosophisch: ist er so, weil ich mich ihm gegenüber anders verhalte, durch das was ich gelernt habe? Oder verhalte ich mich anders, weil er anders ist? Oder funktioniert das, was ich gelernt habe, bei ihm eben einfach so gut? Wäre Finlay anders gewesen, wenn ich ihm anders begegnet wäre? Hätte Elsas Idee oder das was ich jetzt daraus mache auch bei Finlay gut funktioniert? Wie viel Einfluss hat mein Umgang auf die charakterliche Entwicklung meines Ponys? Wie viel ist angeboren? In jedem Falle war Finlay auch in der Herde viel weniger auf Harmonie aus als Duncan. Finlay wollte gern mal raufen und streiten und sich reiben. Das habe ich bei Duncan noch nicht gesehen. Und die Herde geht anders mit Duncan um. Sie halten ihn viel mehr unterm Deckel als Finlay, so dass er auch viel mehr darauf angewiesen ist, Harmonie herzustellen. Tun sie das, weil er anders ist oder weil sie gelernt haben? Oder ist er einfach leichter unter dem Deckel zu halten als Finlay, weil Finlay sich für Maßregelungen nie sonderlich interessiert hat?

Und noch ein paar Unterschiede kann ich benennen, die nicht auf mich zurückzuführen sind. Finlay zum Beispiel war immer sehr maulorientiert. Schon bei unserer ersten Begegnung, als er 4 Tage alt war, hat er alles mit dem Maul erkundet. Duncan hingegen ist das überhaupt nicht. Er beißt nicht, kneift nur selten, knabbelt nichts an, kaut auf nichts herum. Sein Maul ist still und entspannt. Als Finlay in dem selben Alter war, hatte er seine Zähne null im Griff. Er konnte sich einfach nicht beherrschen, alles anzunagen.

Andererseits war Finlay schon immer schwerer zu durchschauen in seiner Mimik, auch als er klein war. Oft wusste ich nicht, was in seinem Kopf vor sich geht. Duncan kann man das auch bei schlechter Beleuchtung auf 10 Meter Entfernung ansehen.

Insgesamt finde ich, dass Finlay oft schneller gestresst und müde war. Duncan habe ich bisher weder sehr gestresst gesehen (und er hatte dazu weiß Gott genug Anlass in der Integrationszeit) noch jemals ernsthaft müde. Natürlich liegt er viel, das tun die ja in dem Alter. Aber dieser müde, glasige „das war viel ich kann nicht mehr“ – Blick, den kenne ich von ihm nicht. Was immer wir tun, er ist danach noch ok. Sein Gehirn läuft nicht heiß. Mir schein, die Eindrücke, die auf ihn einprasseln, laufen durch eine gut geölte Maschine, die in der Lage ist, beliebig viel davon zu verarbeiten. Nur wehe, wenn sie leerläuft… langsam zeigt sich, was dann passieren könnte. Aber das erzähle ich Euch ein anderes Mal.

Bis dahin übe ich: zwischen den Systemen wechseln, einfach ausprobieren, mich allem von zwei Seiten annähern. Akzeptieren dass ich nicht perfekt bin, manches in Ruhe üben, manches selbstverständlich machen.

Klingt einfach, sind für mich große Aufgaben.

Denn ich bin leider nicht so fix wie mein Pony, der mich anschaut und sagt „Du brauchst das nicht zu wiederholen, ich hab‘s schon beim ersten Mal verstanden“.

Ein neues Jahr

Nun hat es also angefangen, das neue Jahr. Für mich klingt 2020 nach Zukunft. Ehrlich gesagt klingt für mich sogar 2010 immer noch nach Zukunft. 2020 klingt so nach science fiction dass ich erwartet hatte, dass mein Auto anfängt zu fliegen. Hat es aber nicht. Stattdessen haben wir Klimawandel und Stau.

Wir Menschen sind irgendwie darauf aus, dass sich an bestimmten Tagen bestimmte Dinge verändern. Ein neues Jahr, ein neues Auto, ein neues Haus, ein neuer Job. Urlaub, Wochenende, ein Kind bekommen oder eben: ein Pony kaufen.

Das Jahr 2019 hat mir gezeigt, wie absurd das ist. Erst habe ich meinen geliebten Finlay verloren, der noch mindestens 20 Jahre hätte bei mir sein sollen (bis 2040! Was für eine Zukunftsvision!) und dann habe ich plötzlich Duncan gekauft, in einem Anfall von offensichtlicher Ver-rückt-heit. Alles ist ver-rückt geworden, alles ist verschoben. Der Tag, an dem sich unser Leben dramatisch verändert ist wohl nur selten der Tag, von dem wir das erwarten. Genaugenommen kann jeder Tag sich als einer entpuppen, der unser Leben dramatisch verändert. Das wissen wir alle – wir vergessen es nur gerne mal. Denn normalerweise läuft unser Leben ja sehr geregelt ab und wir bilden uns gern ein, alles unter Kontrolle zu haben.

Und die Pferde? Die planen nicht. Pferde legen ja noch nicht einmal Wintervorräte an. Sie verlassen sich darauf, dass sie Futter finden (in der Wildnis) oder welches bekommen (von uns). Für sie ist vielleicht viel deutlicher, dass jeder Tag den gleichen Wert hat – wenn er beginnt. Am Ende des Tages ist es auch für die Pferde unterschiedlich gut gelaufen.

Wenn ich heute zu meinem Pferd gehe, dann erinnert mein Pferd sich an gestern und an all die Tage davor. Es erinnert sich, was mit uns beiden so passiert ist, welche Verhaltensweisen ihm geholfen haben, seine Ziele zu erreichen. Es erinnert sich (und das ist wissenschaftlich belegt), welche Laune ich gestern hatte. Aber hat es Pläne für heute? Ich höre Euch sagen „nein“. Weil uns immer gesagt wird, Pferde seien im hier und jetzt. Aber ist das so? Wenn das Pferd sich erinnert ist es nicht im hier und jetzt, sondern in der Vergangenheit. Und dass sie sich erinnern, wird wohl keiner leugnen.

Aber hier kommt das, was mich am meisten fasziniert: ich habe schon so manches Mal erlebt, dass ein Pferd eine Lektion zeigt, die man vor Wochen oder Monaten mal erfolglos probiert hat. Finlay war Meister darin. Er kam dann plötzlich und zeigte ein Verhalten, von dem ich oft erst gar nicht wusste, woher das jetzt kommt – bis mir einfiel, dass wir das irgendwann mal versucht haben und es uns nicht gelungen ist! Woher kommt das? Ist es eine Erinnerung, die durch irgendetwas getriggert wird? Oder ist es Zukunftsplanung, der Versuch, die eigene (sehr nahe) Zukunft schöner zu gestalten (weil ein Lob oder Leckerli kommt)? Was hat da in den Tiefen des Gehirns gearbeitet, dass jetzt plötzlich ein Ergebnis kommt? Jedes Mal wenn Finlay das getan hat, war die Lektion perfekt. Er hat dann nicht mehr herumprobiert und nachgefragt. Er schien zu sagen: „das, was Du da wolltest, vor ein paar Wochen, das kann ich jetzt. Schau!“ und ich stand mit offenem Mund daneben.

Wir bilden uns ja gern ein, wir würden Probleme durch Nachdenken lösen. Aber seit ich dieses Verhalten bei Finlay beobachtet habe, bin ich davon nicht mehr überzeugt. Denn „Nachdenken“ wie wir es nennen, kann es beim Pferd wohl kaum geben, dafür fehlen ein paar wichtige Gehirnstrukturen. (sagen wir mal: nach heutigem Stand der Forschung). Aber „nach-denken“ heißt ja eigentlich auch nur, dass wir im Nachhinein denken. Dass etwas nachwirkt, uns vielleicht nachhängt. Wir denken nach, um Schlussfolgerungen ziehen zu können für die Zukunft. Denn so geht lernen: aus der Vergangenheit für die Zukunft. In der Gegenwart ist lernen witzlos.

Und so glaube ich nicht mehr daran, dass Pferde immer im hier und jetzt sind. Wenn ich eine Sprühflasche in die Hand nehme und mein Pony Angst bekommt, ist es in der Vergangenheit (denn jetzt gerade tut die Sprühflasche nichts – sie löst nur erinnerte Gefühle aus). Wenn ich meine Hand in die Tasche stecke, ist Diego sofort in der Zukunft, bei dem Keks der da raus kommen soll. Und ich glaube, er plant ein Stück weit diese Zukunft sogar. Denn er denkt – in diesem Fall nicht nach, sondern voraus.

Einige von Euch möchten mir vielleicht wiedersprechen. Ich werde mich nicht wehren können, ich bin kein Wissenschaftler. Aber dieser kleinste gemeinsame Nenner: das Pferd lernt aus der Vergangenheit für die Zukunft – vielleicht können wir uns darauf einigen. Denn ein Pferd wird ein gelerntes Verhalten nicht nur in diesem Moment anwenden, es wird das Verhalten auch anschließend verändern (Ihr erinnert Euch vielleicht: Duncan sagt „das hat geklappt, jetzt mache ich doppelt so viel“ Finlay hat gesagt „das hat geklappt, jetzt schaue ich ob die Hälfte reicht“) und weiter verfeinern: gut investierte Arbeit FÜR DIE ZUKUNFT.

Lernen macht unser Leben leichter und besser und darum sind wir alle – Menschen und Tiere – von der Evolution darauf ausgerichtet, gern zu lernen.

Lernen macht uns zu besseren Menschen, nicht moralisch gesehen, sondern rein evolutionär funktional besser.

Mein liebstes Zitat an dieser Stelle kommt von John Ruskin über den ich zugegebenermaßen weiter gar nichts weiß:

Der höchste Lohn für unsere Bemühungen ist nicht das, was wir dafür bekommen, sondern das, was wir dadurch werden. (John Ruskin)

Was, wenn wir dieses Jahr einmal mit dieser Idee beginnen? Was, wenn wir nicht darüber nachdenken, was wir 2020 erreichen wollen, sondern darüber was wir werden wollen?

Eine Schülerin, die sich mutig in das Abenteuer „Freedom Based Training“ (Elsa Sinclair) stürzt und sich von mir dabei ein bisschen anleiten lässt, sagte zu mir „ich möchte ein besserer Mensch für meine Pferde werden“. Schöner kann ich es nicht formulieren. Und wie werden wir das? Indem wir aus der Vergangenheit lernen – für die Zukunft. Lernen kann manchmal hakelig und schwierig sein. Aber ich hatte einen guten Lehrmeister, der mir über das Lernen etwas beigebracht hat.

Finlay-Lektion Nummer 5: wenn etwas nicht gelingen will, lass es ruhen, es wird von selbst zu Dir zurückkommen.

Diese war für mich im Jahr 2019 vielleicht die wichtigste aller Lektionen. Nicht im Pferdebereich, sondern für mich selbst. So vieles ist mir nicht gelungen. „Lass los“ haben sie gesagt. „Sei dankbar“ haben sie gesagt. „Nimm es an, wie es ist, Du kannst es nicht ändern“ haben sie gesagt. „schau nach vorn“ haben sie gesagt „denk an die guten Zeiten“ haben sie gesagt.

Nichts davon ist mir gelungen. Und so habe ich schließlich kapituliert. Ich habe akezptiert, dass es mir schlecht ging – schlechter als je zuvor in meinem Leben. Habe akzeptiert, dass mein Körper so heftig mit Krankheit auf meinen seelischen Zustand reagiert hat und ich machtlos war und nichts für ihn und mich tun konnte. Habe akzeptiert, dass mein Leben sich vom Ponyhof zum Friedhof verwandelt hat. Ich habe aufgehört, zu versuchen, es besser zu machen. Ich habe aufgehört, es reparieren zu wollen. Ich habe aufgehört, verstehen zu wollen. Das einzige was ich noch tun konnte, war, mir selbst den Vortritt zu geben. Mich selbst an erste Stelle zu stellen, mir nicht zu erlauben, mir noch Sorgen um andere zu machen, mir nicht zu erlauben, mich zu überfordern. Genau zu beachten was mir gut tut und was nicht. Hinzunehmen, dass die kleinste alltägliche Belastung zu viel sein könnte und nicht von mir zu erwarten, dass ich funktioniere. Damit zu leben, dass ich beim kleinsten Anlass in Tränen ausbreche, dass jede Winzigkeit mich tagelang aus der Bahn wirft. Damit zu leben, dass es dunkel war in mir und festzustellen, dass ich dennoch weitermachen möchte, selbst wenn es für immer so bleiben sollte. Das war das einzige was noch ging. Manchmal hat mir auch geholfen, die Menschen um mich herum zu sehen, die schlimmeres erlebt haben und dennoch Freude im Leben finden. Oder zu sehen, dass auch in meinem Leben noch viel Freude ist: mit Merlin, mit Diego, mit meinen Schülern und Kundenpferden. Zu überleben, dass diese Freude einen großen Schatten wirft, der Finlay heißt. Die allgegenwärtige Angst als Begleiter zu akzeptieren, als Teil von mir, der nun eben dazu gehört.

Und aus diesem Ruhen-lassen sind all die Dinge entstanden, mit denen ich das neue Jahr beginne: Das Loslassen, die Dankbarkeit, der Blick nach vorn, die guten Erinnerungen, vor allem die Hoffnung. Die Hoffnung, so sagt man, stirbt zuletzt. Das bedeutet, sie wird immer da sein, sogar noch dann wenn wir selbst gestorben sind. Bis zum Ende wird sie da sein. Manchmal können wir sie nicht sehen, aber sie ist trotzdem da. Manchmal verkleidet sie sich und versteckt sich an unerwarteten Stellen.

Meine Hoffnung steht ihm Stall. Noch ist sie klein und schwarz, aber schon im Frühling wird sie mit dem Fellwechsel ihre Farbe verändern. Was für eine Symbolik, dass die kleine Hoffnung die da steht, nun jedes Jahr etwas heller werden wird. Noch lange wird Duncan wohl dunkle Stellen haben, viele Jahre, nehme ich an. Dunkle Stellen die den Schatten darstellen den die Freude über ihn wirft. Aber er wird immer heller werden, so wie mein Leben wieder heller werden kann. Und je mehr Sir Duncan und ich zusammenwachsen und zusammen wachsen desto heller werden jene dunklen Stellen: Das Vermissen, das Bereuen, die Wut, die Angst, die Verzweiflung, die Krankheit, das Unverständnis.

Gemeinsam in die Zukunft

Das ist zumindest meine Hoffnung. Auch heute kann wieder ein Tag sein, der mein Leben dramatisch verändert. Zum Schlechten oder zum Guten.

Aber auch heute ist ein Tag, an dem ich mich bemühen kann etwas zu werden.

Ich nehme mir schon seit vielen Jahren an Neujahr nichts mehr vor. Ich glaube, ich habe das nie ernsthaft getan. Es ergibt für mich keinen Sinn, bis Neujahr damit zu warten. Ich kann mir jeden Tag etwas vornehmen – und den Vorsatz jeden Tag brechen. Es steht mir frei. Aber ein besserer Mensch zu werden für meine Pferde ist etwas, was ich jeden Tag tue – ganz ohne Vorsatz. Weil ich meine Ponys liebe und sie es verdient haben. Und weil auch meine Ponys jeden Tag bessere Ponys werden, ganz ohne zu wissen, was ein Neujahrsvorsatz ist. Ich möchte auch noch Elsa zitieren über den Umgang mit Pferden: „Wenn ich es richtig gemacht habe, lernt das Pferd etwas. Wenn ich es falsch gemacht habe, lerne ich etwas.“

Eine sehr tröstliche Sichtweise für alle die sich – wie ich – gern mal übermäßig über ihre eigenen Fehler aufregen. Und sehr nah an John Ruskin:

Der höchste Lohn für unsere Mühen ist das, was wir dadurch werden.

Geschenke

Da stehe ich, mit dem Strick in der Hand und bin noch am überlegen, was ich mache. Auch Sir Duncan setzt seinen nachdenklichen Blick auf. Den kenne ich nun schon und ich weiß: da kommt eigentlich immer was Gutes bei raus. Dann geht er schnurgerade zwei Schrittchen zurück, so dass er in exakt der richtigen Position zu stehen kommt. Und meine Kinnlade strebt – wie so oft – gen Boden.

Ich greife hier einem Artikel vor, den Ihr erst im Januar zu lesen bekommen werden. Diese Geschichte passt gerade so gut.

Ich hatte (hier kommt die Kurzversion, die lange kommt in 2 Wochen), mit Duncan führen geübt. Konkret soll er neben mir hergehen und stehenbleiben wenn ich stehenbleibe. Erst hat er sich – wie es eben meistens so passiert – gedreht, weil er nicht stehengeblieben ist und dann Zug am Strick hatte. Ich habe das nicht weiter korrigiert, sondern es einfach nochmal versucht. Nach dem 2. Versuch wusste er im Großen und Ganzen wie es geht.

Heute möchte ich genauer werden. Er auch. Und so bietet er mir diesen Korrekturversuch an: oh, ich bin zwei kleine Schrittchen zu weit gegangen, schau, ich geh sie einfach zurück, dann stehe ich da wo du mich haben willst.

Bitte? Woher nimmt er diese Information?

Jetzt fällt es mir wieder ein: wir hatten bei unserem letzten Spaziergang diese Situation. Da habe ich ihn mal einen Schritt zurück geschickt. Er war sehr aufgeregt (auch diese Geschichte werdet Ihr bald lesen können) und ich hätte nicht erwartet, dass er in der Lage war, in dieser Situation etwas zu lernen. Aber anscheinend hat er es sich genau gemerkt.

Damit hat er wieder einmal bewiesen, wie schnell er lernt. Auch Finlay hat schnell gelernt, aber Duncan kommt mir noch etwas schneller vor. Oder ich bin besser geworden darin, es rechtzeitig zu merken. Bei Finlay war ich da oft etwas spät dran. Weil mein Plan langsamer war als mein Pony. Bei Duncan rechne ich ja nun schon damit dass er schneller ist als ich – und dann überrascht er mich doch.

Diese Situationen sind für mich wie Geschenke. Große, schön verpackte Geschenke mit schönen bunten Schleifen drum. Geschenke, die davon zeugen, wie sehr unsere Pferde uns gefallen wollen. Wie viel sie uns geben. Wie gut sie aufpassen.

Wer solche Pferde hat, für den ist jeden Tag Weihnachten. Wir müssen nur die Augen auf halten. Und das tolle ist: je mehr wir uns über diese Geschenke freuen, desto mehr werden wir davon bekommen!

Ich wünsche Euch allen wunderschöne Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Das Jahr fängt gut an mit einem Blog-Beitrag am 2. Januar.

Jetzt beenden wir es mit schönen Bildern.

Winzigkeiten

Ich betrete die Arztpraxis, gehe zur Anmeldung, nenne meine Namen. Die Arzhelferin schaut in ihre Unterlagen „Sie sind zum ersten Mal hier?“ ich bejahe. Ich weiß schon, was jetzt kommt: der unvermeidliche Stapel Papier zum ausfüllen. Aber davor…
„Herzlich Willkommen“ sagt sie und lächelt mich freundlich an.
Da bin ich einfach mal sprachlos.

Es sind die kleinen Dinge, die den großen Unterschied machen. Wir Pferdemenschen erleben das doch immer wieder: was wir denken, wie wir atmen, wie unsere Füße stehen, all das ist für das Pferd enorm wichtig. Ich habe einmal gehört, dass Pferde alle Eindrücke gleich wichtig finden. Sie sortieren von Natur aus nicht nach Priorität (wie wir es tun), sie müssen das erst von uns lernen, dass wir als Menschen gern immer die erste Geige spielen würden in ihrer Aufmerksamkeit. Ich weiß nicht ob das stimmt, aber für ein Beutetier macht es Sinn, nichts auszublenden und Kleinigkeiten wichtig zu finden.

Je mehr ich weiß, desto mehr fühle ich mich wie ein Anfänger. Es kommt mir vor wie ein Mosaik: von weitem sieht es ganz einfach aus, wie ein Bild. Je näher ich komme, desto mehr kleine Steine entdecke ich. Dann entdecke ich, dass auch die kleinen Steine aus noch kleineren Steinen zusammengesetzt sind. Die kleineren Steine bestehen aus winzigen Sandkörnern. Und wenn ich dann all diese Sandkörner sehe, dann entdecke ich noch den Kitt zwischen den Steinen, der aus noch feiner gemahlenem Material besteht. Der alles zusammenhält, ohne den es nur ein Haufen Steine wäre.
All diese Winzigkeiten, ohne die das Ganze nicht funktioniert…

So fing alles an: mit Whity auf Amrum (von meinen Eltern als harmlose Freizeitbeschäftigung gedacht. Wenn sie geahnt hätten was daraus wird….)

Am Anfang meiner Reitkarriere – mit 6 Jahren, damals immer nur in den Sommerferien auf Amrum – da war reiten einfach: rechter Zügel wenn es nach rechts gehen soll, linker Zügel wenn es nach links gehen soll und beide Beine zu um oben zu bleiben (wir waren oft ohne Sattel unterwegs).
Später, in der Reithalle mit Unterricht wurde es schon komplizierter. Leichttraben war mein größter Feind, als ich 10 Jahre alt war. Ich konnte den Rhythmus des Pferdes einfach nicht fühlen und bin immer aufgestanden wenn mein Vorreiter aufgestanden ist.
Noch später, als Jugendliche, habe ich mit Erstaunen Müselers Reitlehre gelesen in einem alten, abgegriffenen Buch von 1934 das ich von meinem Großonkel geschenkt bekam, der seinerzeit bei der Kavallerie war. Heute hätte ich viele Fragen an ihn…..
Müseler las sich für mich im Großen und Ganzen so: man hat einen inneren Schenkel, einen inneren Zügel, einen äußeren Schenkel, einen äußeren Zügel und ein Kreuz, das man anspannt.
Und eigentlich benutzt man alle diese Hilfen jedesmal für jede Lektion.
Das ergab für mich keinen Sinn: woran unterscheidet das Pferd die Lektionen, wenn ich IMMER ALLE Hilfen nutze die mir zur Verfügung stehen?

Noch etwas später kam dann mein erstes eigenes Pferd in mein Leben: „Wurzel“, ein hessisches Warmblut von 172cm Stockmaß. Er war Schulpferd im Reitverein – aber nicht sehr lange. Denn nach 2 Jahren war er so sauer, dass er stieg, wenn man seine Box betrat.
Wenn man ihn aus der Halle in die Box führen wollte, wurde man von ihm überholt oder umgerannt und er sauste im Galopp in die Box. Niemand konnte ihn davon abhalten, auch unsere sonst so durchsetzungskräftige Reitlehrerin nicht.
Aber ich liebte dieses Pferd. Und ich dachte viel nach. In meinem Leben war er das erste Pferd, dem man nicht mit mehr oder weniger Gewalt kommen konnte um seinen Willen durchzusetzen. Sagen wir mal: man konnte schon, nur Wurzels Antwort war entsprechend. Er antwortete auf Druck mit Gegendruck – und zwar massiv. Ich begann zu verstehen, wie unglücklich die Schulpferde in diesem Reitverein waren, die nichts weiter sahen außer ihrer Box und der Reithalle, mal den Springplatz, Sonntags das Gelände und mit ganz viel Glück Sonntags Nachmittags für eine Stunde den Paddock – meistens allein, mit viel Glück zu zweit.
Ich suchte Lösungen, kämpfte gemeinsam mit meinen Freunden für Weidegang, der dann ebenfalls mal für eine Stunde am Sonntag auf winzigen Parzellen möglich wurde.
Das Hallenproblem blieb indes ungelöst. Schließlich kam ich auf die Idee, ihn wieder in die Halle zurück zu führen, wenn er an mir vorbeigedonnert war. 5 Mal haben wir den Weg gemacht. Beim 6. Mal tänzelte Wurzel neben mir her, überholte aber nicht und ich entließ ihn in die Box. Das hatte nachhaltig Erfolg: mich überholte er nicht mehr.
„Durchsetzen“ – ein Lieblingswort in der damaligen Reitausbildung – änderte für mich seine Bedeutung. Ich setzte mich immer noch durch, aber ich verwendete zukünftig dafür mehr meinen Kopf als meinen Körper.

Wurzel war noch lange bei uns. Er wurde fast 30 Jahre alt.

Etwas später wurde Wurzel mein Pferd. Die ersten Jahre waren teilweise die Hölle. Aber ich glaube, mein Wurzel hatte irgendwo unter seiner ganzen Wut immer eine Dankbarkeit mir gegenüber. Er wusste, dass ich mich bemühe. Und so oft er auch mit gebleckten Zähnen auf mich losgegangen ist: er hat mich nie verletzt.
Wurzel forderte mich sehr heraus, neue Konzepte zu finden. Keine der damals gängigen Methoden führte irgendwie zum Erfolg. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland noch kein „Horsemanship“, „Bodenarbeit“ oder „Verhaltenstraining“ (zumindest nicht in meiner Umgebung). Was es gab waren Bücher von Linda Tellington Jones. Und so war sie meine erste Bekanntschaft mit Bodenarbeit, Beziehungsarbeit und diesen Dingen.
Wurzel und ich sind viel zusammen spazieren gegangen. Er liebte Spazierengehen. Oft habe ich davon geträumt, einfach immer weiter zu laufen – immer Richtung Norden, wo es mich schon immer hingezogen hat. Aber für so etwas war ich zu realistisch – oder zu feige.
So ging es erst ein paar Jahre später gen Norden – im Pferdetransporter.
Und dann lernte ich Arnulf kennen und mit ihm die „Natural Concepts“ die er von Alfonso Aguilar gelernt hatte.
So fingen wir an mit Bodenarbeit. Verladetraining, Podest, Brücke, all solche Dinge. Parallel schnupperte ich akademische Reitluft. Es war aber wirklich nur geschnuppert. Merlin zog als zweites Pferd bei mir ein – so ganz anders als mein Wurzel. Zwar war Merlin zuvor auch in einem Schulbetrieb gewesen und ebenso wie Wurzel wegen schlechten Benehmens verkauft worden, aber Merlin zeigte sich mir gegenüber nie problematisch. Er war immer freundlich zu mir, selbst wenn er fand, dass ich mich extrem dumm anstelle und mir mitteilte, dass er nun aus diesem Grund nicht mehr mitmachen würde. Ich zwang ihn dann nicht, sondern lernte verstehen, dass ICH das Problem war, nicht ER.

Merlin mit 9 Jahren – ob Duncan einmal so aussehen wird? Im Hintergrund Wurzel.


Arnulf und ich lernten in der Hufpflege viele schwierige Pferde kennen und wurden zu einem eingeschworenen Team, kein Pferd war uns zu kompliziert, alle haben wir zur Mitarbeit bewegen können.
Meine reiterliche Karriere stagnierte derweil. Viele Jahre war ich ohne Reitunterricht. Ich probierte herum, schaute auch mal Reitlehrer an, war aber nie überzeugt.
Dann begegnete ich Honza Blaha und lernte 8 Jahre lang sein System kennen. Ich dachte, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Ich lernte unglaublich viel von Honza und bin dafür sehr dankbar. Als Finlay zu mir kam war klar: so will ich mein Pony ausbilden.
Aber Finlay hatte ganz andere Pläne. Und einen Körperbau, der für dieses Konzept so gar nicht geeignet war. Er ließ mich auflaufen – wie mein Wurzel damals, nur nicht aggressiv, sondern sehr stoisch. Was Finlay nicht tun wollte, tat er nicht. Was er tun wollte, tat er. Mein Job war, ihn dazu zu bringen, zu wollen, was ich wollte. Oder aber selbst das zu wollen, was Finlay wollte. Und so beschritten wir wieder neue Wege, fanden zu Alex Zell und der altcalifornischen Reitweise, nahmen bei Amanda Barton an Kursen teil.und schließlich gingen wir auf Distanzritt. Und weil unser alter Hund nicht mehr neben dem Pferd herlaufen kann fuhren wir Finlay ein. Hundeoma wie eine Königin auf der Kutsche, ich mit meiner gestrengen Fahrlehrmeisterin auf dem Bock (verzweifelt versuchend, mich nicht in den Leinen zu verheddern) und Finlay – wie immer – großartig in seinem Job.

Der Hauptgrund, Finlay einzufahren, war unsere alte Sali – hier seht ihr sie auf dem Bock thronen

Unzählige Schüler, Pferde und Fragen sind im Laufe der Jahre aufgetaucht. Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich im Unterricht gern ausprobiere. Neulich sagte ich zu meiner Schülerin, als ich eine Vorgehensweise vorgeschlagen hatte „ich frage mich immer ob ich sagen soll dass ich das auch noch nie so gemacht habe“. Sie antwortete lakonisch „das wissen wir doch, dass du Dinge ausprobierst und deswegen holen wir Dich ja“. Ach so. Dann ist ja gut.

Auch beim Fahren gibt es so viele Winzigkeiten zu entdecken…

Und in all dem Ausprobieren und Erfahrungen sammeln habe ich so viele Details gefunden. Von Leinenführung (und des Rätsels Lösung warum die so kompliziert sein muss) über Biomechanik (und den Streit um das Vorwärts-Abwärts) zu der Frage nach der Konditionierung (wie, auf was und warum). Und eigentlich wollte ich ja immer nur eine gute Beziehung zu meinem Pferd haben (wie wohl alle, die diesen Blog lesen).
Schließlich, 2018: Elsa Sinclair. Mit dem Ergebnis, dass ich – wieder einmal – so vieles in Frage stelle. Und dass ich weitere Winzigkeiten entdecke, die so wichtig sind. Etwas winzigere Winzigkeiten. Sagen wir: NOCH winzigere Winzigkeiten.

Elsa ist die Meisterin der Details. Und sie hat bewiesen: wenn wir auf genug Kleinigkeiten achten, können wir Pferde vollkommen ohne Equipment ausbilden. Kein Halfter, kein Seil, kein Futterlob.
Nicht, dass ich vorhätte, das zu tun. Selbst Elsa sagt, es ist für Menschen mit normalem Arbeitsalltag wohl nicht zu schaffen, es kostet zu viel Zeit. Dennoch – und das ist das tolle an ihrem System – können wir das, was wir von ihr lernen, überall mit einfließen lassen.

Hätte ich all diese Dinge schon gewusst, als ich meinen alten Wurzel hatte – wer weiß, wo der Weg uns hin geführt hätte. Aber andererseits: ich wäre den Weg nie gegangen, wenn ich Wurzel nicht getroffen hätte. Ich wollte Bereiterin werden, Turniere reiten. Ich hätte vielleicht mein Leben lang nicht gemerkt, dass da so viel mehr zu entdecken ist.
Und so danke ich in diesem Post offiziell den Pferden die mir am meisten Fragen gestellt haben, die mir am meisten Probleme gemacht haben, die mich immer wieder haben auflaufen lassen bis ich neue Wege und Methoden gefunden hatte: Wurzel, Merlin und Finlay.

Und nun steht hier Duncan. Wir erforschen gemeinsam, was von all diesen Dingen, die ich gelernt habe, uns am besten und einfachsten ans Ziel bringt. Welche Vorgehensweise uns am besten gefällt. Wie wir am besten zueinander finden, eine gute Beziehung aufbauen. Wie er am besten lernen kann und will. Und dabei lerne ich wieder mal mindestens genauso viel wie er.
Auf der Suche nach den Winzigkeiten, denn die machen den großen Unterschied.

Lehrmeister

Friedlich ist der Normalzustand geworden in der Herde, Reibereien sind inzwischen die Ausnahme.

Große Lehrmeister habe ich da im Stall stehen.
Diego, Caruso und Merlin ziehen jetzt zum zweiten Mal gemeinsam einen kleinen Rotzlöffel groß. Sie haben schon aus Finlay ein gutes Pony gemacht und wenn ich sie jetzt mit Duncan sehe, dann glaube ich, sie haben aus dieser Erfahrung gelernt. Und Gatsby fügt sich nahtlos in dieses „Erzieherteam“ mit ein.
Vielleicht gehen sie mit Duncan anders um als mit Finlay, weil Duncan nunmal anders ist, aber ich glaube, sie gehen auch deswegen anders mit ihm um, weil sie gelernt haben (genau wie ich ja auch). Wie Mütter (Menschen- genauso wie Pferdemütter) Erziehungs-Wissen bei einem Kind sammeln für das nächste, so glaube ich sind auch unsere Ponys zu besseren „Eltern“ geworden dank der Erkenntnisse die sie durch Finlay gewonnen haben.
Alle vier erwachsenen Ponys sind sich auffallend einig was Duncan angeht. Wenn er von einem einen Rüffel kassiert hat, kann er nicht zu einem der anderen gehen und sich dort ausweinen– wenn einer ihn ermahnt, ziehen alle anderen mit. Wenn einer sagt „weg von meinem Heu, Du hast Dich ungebührlich verhalten“ sagen alle anderen das auch.
Was genau dieses „ungebührliche Verhalten“ ist, habe ich noch nicht herausgefunden, aber die Ponys wissen offensichtlich, was sie tun. Ich hoffe, es bald zu entdecken, denn für mich sind das so wertvolle, wichtige Informationen.
Finlay hatte immer einen „Babybonus“ bei den anderen und den hat er weidlich ausgenutzt – auch mit 8 Jahren noch. Sowohl mit Merlin als auch mit Gatsby hatte Finlay so eine Art Kumpelei, bei der nie eindeutig zu erkennen war, wer letztlich das Sagen hat. Und Diego hat seinem Ziehsohn unendlich viel durchgehen lassen. Finlay hat sich überall durchgeschummelt, viele Rüffel einfach ignoriert und an sich abprallen lassen und sich im Zweifel an Diegos Rockzipfel gehängt.

In der Erziehung des Ritters hingegen übernimmt zu meiner großen Überraschung Merlin die Hauptarbeit. Ausgerechnet Merlin, der sich bisher nie durchsetzungskräftig und konsequent gezeigt hat – ganz im Gegenteil – erweist sich jetzt als hervorragender Onkel. Er ist sehr lieb zu Duncan, so lange der sich an die Regeln hält. Aber wehe wenn nicht – dann setzt es was! Und Duncan nimmt das sehr ernst – etwas, was weder Finlay noch die Shettys je getan haben.
Jeden Tag fordert Merlin Duncan auch nachdrücklich zum Spielen auf. Merlin findet, jetzt wird gespielt und er erinnert mich an Eltern, die mit ihren kleinen Kindern einen ausgiebigen Spaziergang machen in der Hoffnung dass die Kleinen nachher müde sind und schlafen. Im Spiel fällt mir auf, dass Merlin seine Überlegenheit sehr deutlich macht. Während er mit Finlay immer „auf Augenhöhe“ gespielt hat und Finlay die gleichen Chancen gelassen hat, zu gewinnen, so schiebt und schubst er Duncan ordentlich durch die Gegend und lässt ihn wissen, dass er der größere und stärkere von den beiden ist.
Und ich schaue zu und lerne – denn Duncans Selbstbewusstsein leidet kein Stück unter dieser Behandlung. Er hat einfach so viel davon, dass immer noch genug übrig bleibt um erhobenen Hauptes durch die Gegend zu laufen.

Diego kümmert sich augenscheinlich kaum um Sir Duncan. Duncan folgt ihm stundenlang wie ein kleiner Schatten und ahmt alles nach was der große tut. Diego lässt ihn gewähren – meistens.
Während Finlay immer ganz nah bei Diego war und ihn manchmal auch ordentlich genervt hat, trägt Duncan die meiste Zeit seinen „Tarnumhang“. Er ist fast unsichtbar, so leise verhält er sich dann. Als würde er auf Zehenspitzen um Diego herum schleichen und ganz still „mit den Augen klauen“.
Ich erinnere mich daran, wie ich – als Finlay schon ungefähr 2 oder 3 Jahre alt war – plötzlich begriffen habe, worauf ich bei ihm wirklich achten darf. Finlay war etwas pubertär und suchte nach Grenzen, nicht nur bei mir sondern vor allem auch bei Diego. Diego hat immer vieles ausgesessen und ignoriert (klar, mit 640kg Lebendgewicht kann man sich das leisten!). Aber WENN ihm dann mal die Hutschnur geplatzt ist, dann hat es dermaßen gescheppert, dass Finlay bedripst in der Ecke stand und gar nichts mehr gesagt hat. Diego hat ihn nie verletzt, er ist nur mit viel Karacho auf ihn zu und dann hinter ihm her geschossen, das war schon enorm beeindruckend.
Von Diego habe ich gelernt, dass Finlay nicht VIELE Grenzen brauchte, aber unverrückbare, massive Grenzen. So habe ich versucht, Diegos Verhalten nachzuahmen, habe viel ignoriert und an den Stellen, an denen es mir wirklich wichtig war, habe ich dann so massiv reagiert, dass Finlay ernsthaft beeindruckt aussah. Damit bin ich bei Finlay sehr gut gefahren (und auch bei vielen anderen Ponys).
Bei Duncan läuft das anders. Duncan muss sich – so mein Eindruck – in viel engeren Grenzen bewegen als Finlay. Nichts wird ihm verziehen, jedes kleine Vergehen wird abgemahnt. Andererseits reagiert Duncan auch auf jede kleine Abmahnung. Vieles, was Finlay einfach an sich hätte abprallen lassen, macht auf Duncan durchaus Eindruck. Mir scheint, er ist sehr viel mehr auf Frieden und Harmonie aus als Finlay, der gerne auch mal geboxt und gerauft hat. So müssen die anderen nie sehr laut werden – ein paar angelegte Ohren und ein böser Blick reichen meist völlig aus um den Ritter in seine Schranken zu verweisen.
Trotzdem versucht der natürlich, das Beste für sich raus zu holen und lotet genau aus, was geht.
Auch mir gegenüber probiert er sich mehr aus und fordert Dinge mit mehr Nachdruck. Er will doch jetzt mal wirklich, wirklich beim Spaziergang grasen wann er will! Er wird nicht heftig, er versucht es nur dauernd wieder. Wie eine Schallplatte die einen Sprung hat „ich möchte bitte grasen, ich möchte bitte grasen, ich möchte bitte grasen, ich möchte bitte grasen, ich möchte bitte grasen, ich möchte bitte grasen“. Eine Art „mürbe machen“. Und diese Taktik versucht er auch in der Herde. Blöd nur für ihn, dass wir alle – die Ponys und ich – diese Taktik gut kennen und nicht darauf hereinfallen. Ich bin gespannt, was er sich als nächstes ausdenkt. Da er in seiner Nachfrage nicht deutlicher wird, werde ich auch in meiner Antwort zunächst nicht deutlicher. Ich bin aber auf der Hut und überlege, wie ich künftig damit umgehen möchte. Ich sehe, dass er erfolgversprechendes Verhalten stark steigert (sowohl das, was ich möchte, als auch das was ich nicht möchte). „Das hat geklappt, jetzt mache ich doppelt so viel davon“. Finlay hingegen war das komplette Gegenteil. „Das hat geklappt, jetzt schau ich mal ob die Hälfte auch reicht“. So muss ich mich ziemlich umgewöhnen vom einen Schotten auf den anderen.

Und derweil lerne ich weiter. Ich beschließe, Duncan mehr zuzutrauen. Bei unserem 4. Spaziergang schaffen wir schon die ganze „Hausrunde“. Wir brauchen für die 4km eine ganze Stunde, weil wir zwischendurch immer wieder Graspausen machen. Ich gebe mein Bestes, die Graspausen in günstigen Momenten zu geben, wenn Duncan gerade mal NICHT darüber diskutiert, dass er essen will, allerdings ist er dann oft gerade so im Fluss, dass er gar nicht mitkriegt, dass er jetzt essen dürfte.
Am Ende des Spaziergangs ist Duncan sichtlich müde, aber er hat nicht diesen glasigen Blick, den ich von anderen müden Jungpferden kenne (den habe ich bei Duncan überhaupt noch nie gesehen). Er ist zwar etwas langsamer in seinen Reaktionen, aber durchaus noch konzentriert genug um alles mitzukriegen und er bleibt in Kontakt mit mir.

Abends holen wir ihn noch einmal um seine Hufe sauberzumachen und einzuschmieren. Und siehe da, er kann wieder ganz ordentlich und gesittet stillstehen, Hufe geben und absetzen wie ein Großer, wo er vor dem Spaziergang nur ungeduldig und hampelig war. Anscheinend hat unsere große Runde ihm gut getan, er wirkt überhaupt nicht müde und schon gar nicht überfordert.

Ich schlussfolgere: wenn er nervt, braucht er mehr zu tun. Und zwar eine ganze Menge mehr.
Und ich frage mich im Stillen, wie ich diesen Beschäftigungsbedarf jemals stillen können soll, so lange ich ihn noch nicht reiten oder fahren kann. Könnte interessant werden!

So viele meiner Unterrichtsstunden – gerade mit jungen Pferden – verbringe ich damit, den Menschen zu zeigen, dass ihre jungen Pferde geistig überfordert sind, schnell müde. Dass sie kleinere Einheiten brauchen, mehr Pause, kleinere Lernschritte. Ständig beruhige ich meine Schüler, dass das meiste von allein kommt, dass manche Dinge einfach reifen müssen anstatt dauernd geübt zu werden. Immer plädiere ich für Vorsicht und Rücksicht.
Und nun habe ich die Ausnahme im Stall stehen – war ja wieder klar. Da kommt so ein Ritter in glänzender Rüstung und wirft all meine Ideen über den Haufen, all meine Vorstellungen davon, wie lange es dauert, bis so ein Zwerg das alles verkraften kann.

Und ich bin unendlich dankbar für meine 4 Lehrmeister, die zu beobachten mir so sehr hilft dabei, Sir Duncan richtig einzuschätzen.