Herausforderung

Sir Duncan in seiner glänzenden Selbstbewusstseins-Rüstung steht vor mir und verlangt nach Beschäftigung. Und heute ist sein Glückstag: Arnulf und ich haben beide Zeit und das Wetter ist gut. Also wagen wir etwas neues: mit Duncan ohne Begleitpferd spazieren gehen.

Ich habe ihn bei ein paar kleineren Dreistigkeiten in der Herde beobachtet und mir überlegt, dass es ihm bestimmt gut tun wird, etwas aufregendes zu erleben. Zunächst ist der Ritter irritiert, dass es alleine losgehen soll. Am Straßenrand bleibt er stehen und schaut.

Alleine vom Hof? Erstmal schauen….
Es erfordert Mut, allein los zu gehen. Auch von mir!

Wir warten, schauen mit ihm, dann geht er los. Er wandert frohgemut mit uns die 300m bis zum Nachbarn, dann stoppt er. Er möchte nicht weiter. Ich hatte mir vorgenommen, mit ihm bis zu der leckeren Grasstelle zu gehen, die ist noch 200m weiter. Ich zweifle an diesem Plan, beschließe aber, zunächst mal weiter zu machen. Duncan steht. Ich warte, stehe mit ihm. Wir schauen uns alles an. Als er umdrehen möchte, halte ich den Strick einfach fest. Er akzeptiert das. Wir stehen. Minutenlang. Dann geht er los, ich gehe mit. Nach wenigen Metern steht er wieder.

Mittlerweile hat der Mensch, der sein Auto so schlau auf der Bankette geparkt hat, gemerkt, dass er sich da festgefahren hat. Arnulf geht um ihm zu helfen. Duncan und ich stehen und schauen, gehen ein Stück, stehen und schauen wieder. Arnulf geht nach hause, mein Auto holen um den anderen raus zu ziehen. Duncan und ich kommen Stück für Stück voran. Er äppelt dreimal, wiehert zweimal, interessanterweise nach vorne, nicht nach hinten zu den anderen. Nach dem Wiehern geht er los. Jedesmal wenn er stehen bleibt, stehe ich auch. Ich bitte ihn nicht vorwärts, ich warte auf ihn. Einmal versucht er noch, umzudrehen, akzeptiert aber dass ich den Strick festhalte und das verhindere. Ansonsten lasse ich ihn machen.Schließlich, nach langer Zeit, kommen wir beim Gras an. Duncan ist sehr angetan und grast genüsslich.

Der Weg hat sich gelohnt!

Ich denke derweil an Finlay, weil ich den schönen Acker sehe, über den wir geritten sind. Und ich denke darüber nach, dass ich mein Pony gerade ganz bewusst ein Stück überfordere. Erst neulich hatte ich ein solches Gespräch im Schülerkreis. Wir sind – und das finde ich absolut richtig – oft sehr vorsichtig mit unseren jungen Pferden. Wir wollen ihnen nicht zu viel zumuten. Sie sollen nichts aushalten müssen. Es soll ihnen gut gehen und sie sollen uns vertrauen. Das ist alles total richtig! Und dann kommt der Tag, an dem sie etwas mal aushalten müssen. Weil der Zahnarzt kommt, weil man sich verritten hat und plötzlich viel länger unterwegs ist als geplant, weil auf einem Spaziergang plötzlich alles zusammenkommt (Wetter, Verkehr, flatternde Planen, bellende Hunde oder was immer Eure Fantasie so hergibt). Und wir stellen fest: die können nicht aushalten. Wir haben ihnen zu wenig zugetraut, sie zu wenig herausgefordert.

Oh welch schmaler Grat auf dem wir da balancieren! Ich glaube wir tun gut daran, uns klar zu machen, dass das Pendel in beide Richtungen ausschlagen wird – ob wir wollen oder nicht. Manchmal werden wir unser Pferd übefordern, manchmal werden wir es langweilen. Es gehört zur Lebenstüchtigkeit dazu, beides überstehen zu können ohne auszuflippen. Wenn wir untefordern, kann unser Pferd sich nicht entwickeln. Wie im Sport, wo wir zum Muskelwachstum die Herausforderung brauchen, so brauchen wir alle auch seelische und geistige Herausforderungen, um zu wachsen. Wohldosiert. Und so sage ich manchen Schülern, sie sollen ihr Pferd mal was aushalten lassen. Sie sollen nicht übervorsichtig sein, nicht um jeden Preis eine Überforderung vermeiden, sondern auch mal was verlangen, was echt viel ist, vielleicht einen Hauch zu viel. Auch um mal zu sehen, was dann passiert. Nicht dauernd, nur ab und zu, so alle paar Wochen vielleicht. Mit genügend Ausgleichserlebnissen dazwischen.

Normalerweise würde ich das natürlich nicht bei einem Jährling empfehlen, den man erst knapp 3 Monate hat. Normalerweise empfehle ich bei 3-5 jährigen, denen mal bewusst mehr zuzumuten, nicht unbedingt körperlich, aber geistig, und ihnen mal zu zeigen, dass sie Grenzen haben, dass sie vielleicht mal nicht mehr können, dass es auch mal zu viel sein kann. Um zu sehen, wie sie reagieren, was man daran noch üben kann und was sie im Nachhinein daraus machen. Niemals habe ich das bei einem Jährling empfohlen. Aber Duncan wirkt eben immer schon so reif. Und so nutze ich meine Chance: ich fordere ihn heraus. Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Ob das stimmt, wird sich zeigen!

Nach ein paar Minuten grasen treten wir den Heimweg an. Erst ist mein Ritter noch ganz lässig, dann nimmt er Fahrt auf. So lange er im Schritt bleibt, bin ich in Harmonie mit ihm, passe mich ihm an. Dann schießt er plötzlich im Trab los. Das schöne bei ihm ist, dass er sich ganz leicht halten lässt. Er bremst, wir sortieren uns und gehen weiter. Noch dreimal trabt er an. Dann entscheide ich mich, schon vorher eine Grenze zu setzen, lasse ihn ab und zu anhalten wenn er mir im Schritt zu schnell wird und schick ihn ein Schrittchen zurück. Er macht ganz gut mit, bleibt gut ansprechbar. Sobald wir den Hof betreten wirkt er tiefenentspannt. Wir machen noch in aller Ruhe seine Hufe sauber, weil ich mit Absicht nicht möchte, dass er sofort in den Stall gehen kann. Er hat kein Problem damit. Ich hole auch noch den Zollstock, weil er mir heute wieder größer vorkommt. Irgendwie sieht er manchmal sehr überbaut aus und manchmal nicht, je nachdem wie er steht. Gewachsen ist er aber anscheinend doch nicht. 126 cm sagt der Zollstock, egal wie oft ich ihn anhalte. Tja, ich werde noch Geduld brauchen und Vertrauen darin dass mein Ritter groß genug wird. Dran ziehen soll ja auch nichts bringen habe ich mir sagen lassen.

Als ich Duncan dann schließlich in den Stall bringe, geht er erst was trinken, obwohl er die anderen gerade nicht sehen kann. Und ich bin froh: die Überforderung war nicht so groß, dass er SOFORT zu den anderen muss.

Jetzt wird das Thema ruhen. Vorerst gehen wir nur in Begleitung raus. Erst in ein paar Wochen werden wir, wenn die Gelegenheit sich ergibt, den Alleingang wiederholen. Ich bin gespannt, was dann passiert.

Genauso gespannt bin ich, wie Duncan mir in den nächsten Tagen begegnen wird. All das sind wichtige Informationen für mich: wie sehr habe ich ihn überfordert? War ihm das alles zu viel oder wird er – was Finlay manches Mal getan hat – im Nachhinein finden, dass das alles doch nur ein großes Abenteuer war und nach einem neuen rufen? Wird er mir vertrauen, dass es jetzt nicht immer so anstrengend wird? Hatte er ernsthaft Angst oder nur ein paar kleinere Sorgen? Hat er gelernt, dass seine Sorgen unberechtigt waren, dass er wieder nach hause gekommen ist?

Ich werde ihn mit Argusaugen beobachten.

Nachmittags, als ich wieder in den Stall komme, ist er jedenfalls ganz normal, gut gelaunt und kommt auf einen Schnack zu mir. Und an Weihnachten geht er ganz gelassen mit Diego und dem Pony meiner Freundin in Begleitung von 3 Hunden spazieren als hätte er sein Lebtag nichts anderes getan. (Dabei hat er das noch nie getan)

2 Wochen später. Wir sind aus dem Weihnachtsurlaub wieder da und Sir Duncan begrüßt mich fröhlich. Im Gegensatz zu Finlay, der mir die ersten Male etwas böse war, weil ich es gewagt hatte, weg zu sein, verhält Duncan sich genau wie immer und hält als erster von allen Ponys einen kleinen Klönschnack mit mir. Ich habe das deutliche Gefühl, ihn dürstet nach einem neuen Abenteuer.

Also schnappen wir uns das kleine Tier und wandern mit ihm und Diego ins Dorf. Eine kleine Runde ist das, ungefähr 3km. Schon auf dem Weg ins Dorf ist Duncan munter unterwegs, marschiert lustig vorneweg und kann sogar bei Diegos Schritttempo mithalten (besser als ich). Er würde auch schneller unterwegs sein wollen, das ist nicht zu übersehen, aber Trab am Strick ist bisher noch nicht drin. Wir kommen im Dorf an und wandern ein gutes Stück an der Dorfstraße entlang. Regelwidrig laufen wir auf dem Bürgersteig, das ist mir doch lieber mit so einem unerfahrenen Zwerg. Er wird schnell, ist aufgeregt. Einmal ist Diego zu langsam, da wird gedrängelt, dann wieder ist Diego zu schnell, plötzlich trabt Duncan mir an und ich muss ihn um mich herum laufen lassen weil ich zu spät bremse.

Insgesamt hat er vor nichts Angst, weder Autos, noch Fahnen oder Gullideckel machen ihm Sorgen. Nur die Gesamtheit der Eindrücke ist viel, sehr viel, das ist ihm anzumerken. Aber er macht es gut und als wir aus dem Dorf raus sind darf er grasen.

Auf dem Rückweg gibt es dann auch nur noch dieses eine Thema: Gras. ER WILL ESSEN! Und so ist doch recht viel Geziehe am Strick und Diskussion. Ich halte ihn immer wieder an, möchte ihn grasen lassen falls er es gut macht, aber er macht es nicht gut und so gehen wir jedesmal weiter. Schließlich fängt er wieder mit Schnappen an und diesmal ist die Lage für mich eindeutig: er hat Frust. Ich drehe die Situation so hin, dass er mal einigermaßen gut anhält, lasse ihn zur Belohnung grasen und mache mir eine mentale Notiz, dass ich hier meine Strategie anpassen und mit ihm mehr üben darf. Aber wieder kommt mir dabei in die Quere, dass Diego mit dabei ist. Anhalten, während Diego weiter geht ist schwer, jedesmal bescheid sagen ist aber auch blöd, weil ich dann nicht weiß ob er nicht nur anhält, weil Diego anhält. Vorne weg gehen ist auch doof, weil er dann beim Anhalten Diego im Rücken hätte, der ihn im Zweifel weiter treibt. Also alles sehr halbseiden.

Als wir nach hause kommen, ist der Ritter zwar gefrustet, aber von müde ist keine Rede. Abends beim Schüsseln füttern ist er sehr ungehalten und wir geraten kurz in Streit darüber wie man sich zu benehmen hat.

Schon am nächsten Tag beschließen wir, noch einmal allein mit ihm los zu gehen. Bis zu der Grasstelle, zu der wir letztes Mal so lang gebraucht haben. Ich bin sehr gespannt: die Stunde der Wahrheit. Habe ich ihn so überfordert, dass er keine Lust darauf hat? Oder hat er verstanden, dass etwas Gutes für ihn dabei herauskommt?

Duncan marschiert munter los. Er zieht immer an die Seite – essen. Ich habe mir diesbezüglich eine Taktik überlegt und lasse ihn jedesmal die Seite wechseln wenn er das tut. Obwohl wir Seitenwechsel noch nicht geübt haben, klappt es auf Anhieb wirklich gut. Wir gehen also ziemlich viele Schlangenlinien.

Bis zur Grasstelle geht er mit mir ohne einmal anzuhalten, zu zögern oder zu wiehern. Ganz im Gegenteil, er zieht mich dort hin. Ich habe mir auch hier eine Strategie überlegt: er soll einmal vernünftig anhalten bevor er grasen darf. Das bedeutet, wir gehen an der Grasstelle vorbei und üben anhalten. Das findet mein Ritter so mäßig amüsant, aber schließlich klappt es und er darf essen.

Beim zweiten Mal sind wir schon ganz entspannt

Arnulf schlägt vor, noch eine Ecke weiter zu gehen (ca 50 m) auch dort ist gutes Gras. Das machen wir und auch dort soll Duncan erst anständig anhalten. Auf dem Rückweg wiederholen wir das Spiel.

Dass er allein draußen ist, macht ihm heute genau gar nichts mehr aus. Mein Herausforderungsplan ist aufgegangen. Erschüttert rechne ich aus, dass Duncan erst gut 3 Monate bei uns ist. Ich würde jeden für irre erklären, der so etwas macht, aber wir haben es gemacht. Und mehr noch: Duncan fand es anscheinend toll, denn als wir ihn nach hause bringen und in den Stall stellen, steht er noch am Tor und schnackt mit mir. Er sieht hoch zufrieden aus mit sich und der Welt. Erst als ich oben in der Wohnung angekommen bin, sehe ich ihn im wilden Galopp zu den anderen sausen, die am weitest entfernten Punkt auf dem Rundlauf stehen.

Er knallt auf Diego zu, springt vor ihm mit allen Vieren in die Luft, dreht sich und tritt in seine Richtung aus. Diego steht ganz ruhig. Dann kommt Duncan auch zur Ruhe und knabbert von den Grasresten am Rand. Diego geht hin und es folgt eine kurze Nasen-Spiel-Einheit. Ich bin überrascht über dieses Verhalten: es gibt wieder Neues für mich zu beobachten.

Zwei Seiten

Mit Finlay hatte ich einen sehr klaren, gradlinigen Plan. Wir gehen von A über B nach C.

In den Jahren, die seit Finlays Jährlingszeit vergangen sind, habe ich beobachtet, dass es viel hilfreicher ist, sich Dingen von zwei Seiten zu nähern. Und dank dem, was ich von Elsa gelernt habe, kann ich das jetzt auf eine ganz neue Art umsetzen.

Elsa sagt, man kann bedenkenlos zwischen den Systemen wechseln – Freedom Based Training und „normales“ Training. Man muss nur als Mensch immer wissen, in welchem System man gerade arbeitet. Für die Pferde ist es kein Problem, da sie untereinander in der Herde auch ständig wechseln zwischen Dominanz (einer bewegt den anderen) und Partnerschaft oder passiver Führung (jeder entscheidet für seinen eigenen Körper).

Folgendes habe ich mir also ausgedacht: Ich arbeite zunächst in unserer kleinen Halle mit Halfter und Strick. Dort brauche ich Duncan nicht festzuhalten. Ich kann also, sobald ich den Strick in der Hand habe, mein normales Bodenarbeitstraining mache (zum Beispiel dass er beim Führen stehenbleibt, wenn ich stehenbleibe). Anstatt nun zu überlegen, wie ich ihn gut belohnen kann (Keks, Kraulen, Pause? Hat ehrlich gesagt alles große Nachteile), lege ich ihm einfach den Strick über den Hals und gehe zum Freedom Based Training über, wo ich vor allem damit beschäftigt bin, das zu tun, was Duncan tut. Aber ich übe dort auch kleine Dinge wie das Anfassen am Schweif und im Intimbereich oder dass ich mich in Positionen aufhalte die er noch nicht so gut findet.

Nach einer Weile nehme ich dann den Strick wieder in die Hand und bin wieder der „Bestimmer“. Ich hoffe, dass ich es so nachher beim Spazierengehen machen kann, so dass wir nahtlos wechseln können zwischen „normal“ und Freedom Based. Denn auch draußen kann ich den Strick über seinen Rücken legen (und das Ende sicherheitshalber in der Hand behalten).

Duncan empfindet den Wechsel in das gemeinsame Sein, bei dem er tun darf, was er will und ich mich anpasse, offensichtlich als große Belohnung und ist absolut bereit, sich im Gegenzug an mich anzupassen wenn ich den Strick dann wieder aufnehme. Mir erlaubt es, ihn zu beobachten nach einer Übung, ohne dass ich ihn direkt beeinflusse. Wie geht es ihm jetzt, was tut er? Ihm erlaubt es eine geistige Pause und die Verarbeitung dessen, was wir getan haben. Training von zwei Seiten. Ich bin sehr gespannt, wie das klappt!

Aber auch an einer anderen Stelle gibt es zwei Seiten.

Hört sich ja immer so toll an, was Pferdeleute so schreiben. Ich bin da keine Ausnahme. Natürlich schreibe ich lieber über gelungene Dinge oder darüber, wie ich (ach so erwachsen und weise) aus meine Fehlern lerne als zu schreiben „heute war alles scheiße, ich habs total verbockt und sitze jetzt heulend in der Ecke, weil ich zu grob und ungerecht zu meinem Pony war/nichts funktioniert hat wie ich wollte“

Nun ist ja vieles eine Frage der Betrachtungsweise. Ich sehe viele verschiedene Pferdemenschen, die unglaublich unterschiedliche Auffassungen haben von „feinen Hilfen“ „gut erzogenen Pferden“ „artgerechter Haltung“ und „gesunder Fütterung“. Es macht mir Spaß, so viele verschiedene Sichtweisen zu erleben und ich möchte gar nicht alle von meiner eigenen überzeugen – auch wenn Verbesserungsvorschläge natürlich Teil meiner Arbeit sind.

Die eine Seite ist also die: ich möchte alles perfekt machen. Jeden Tag. Immer geduldig, immer in Ruhe, nie etwas überstürzen.

Die andere Seite aber ist sehr real: Ich bin nicht perfekt. Und ich werde nicht so tun als ob.

Finlay gegenüber habe ich mir so viele Gedanken gemacht als er noch klein war. Ob das ok ist wenn ich es jetzt mal eilig habe beim Halftern, Hufe auskratzen oder Führen. Ob das ok ist wenn ich was mit ihm mache obwohl ich nicht ganz konzentriert bin. Ob das schlimm war, dass ich mal ausgetickt bin und ihn ungerechtfertigt bzw. zu hart gemaßregelt habe. Ob ich ihn überfordere wenn ich dies oder jenes mache. Ich glaube, ich war oft viel zu vorsichtig. Und ich habe zu viel geübt. Ja, das habt Ihr richtig gelesen: ich habe zu viel geübt.

Es gibt natürlich Dinge, die müssen geübt bzw wiederholt und gefestigt werden. Es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug wiederholen. Es muss dem Pferd aber auch Spaß machen, das ist dann meine Aufgabe, dafür zu sorgen.

Und dann gibt es Dinge, die braucht man nicht so vorzukauen. A, B, C. So habe ich Finlay das erklärt. So hat man Kindern früher das Lesen beigebracht. Heute nicht mehr. Heute lässt man die Kinder gleich ganze Wörter lesen und sie lernen es leichter. Neuerdings lerne ich Gälisch über eine kleine App. Die lässt mich lustig raten, mit multiple choice Antworten. Ich lerne beim Raten und es macht auch noch Spaß.

Und so werfe ich Duncan auch öfter mal einfach ins kalte Wasser.

Finlay-Lektion Nummer 6: einfach mal ausprobieren. Dann sehen wir ja was passiert.

Finlay war da oft viel schneller als ich. Beim ersten Trab unter dem Reiter zum Beispiel. Er hatte eine vage Ahnung was ich vielleicht da vorbereite und schien zu denken „oh man, was macht sie wieder für ein Getue. Komm, wir probieren das jetzt einfach“. Immer wenn ich etwas mit Finlay gemacht habe wovon ich dachte, es sei ein großer Schritt, es könnte sein dass es schiefgeht und mir etwas bang war davor, fand Finlay das ganz genau richtig so. Und dass ich ihn nachher gefeiert habe, meinen grauen Helden, das war ihm natürlich ganz recht! Später glaube ich, wusste er schon, dass ich ihn feiern werde, wenn er so etwas geschafft hat. So ging er mit gutem Gefühl in jedes Abenteuer.

Und so bin ich bei Duncan viel mutiger. Ich weiß, er ist selbstbewusst genug, um Fehlschläge einstecken zu können. Ich weiß, er mag mich und das wird sich auch nicht ändern, weil mal was schief geht. Ich weiß auch – aus leidvoller Erfahrung – dass Dinge da schiefgehen können, wo man so gar nicht damit rechnet. Ohne dass man etwas dagegen tun kann.

Als er abends gerade so schön praktisch an der Heuraufe steht, kratze ich ihm einfach so die Hufe aus und behandle seine Strähle. Ich bin dabei nicht ganz so geduldig wie sonst, weil ich nicht genug Zeit habe, aber er trägt es mit Fassung und gibt mir alle seine Hufe sehr brav, wenn auch nicht perfekt ausbalanciert.

Als ich erkältet bin und trotzdem spazierengehen möchte, setzt Arnulf mich kurzerhand auf Diego und ich nehme Duncan als Handpferd, so dass ich 10 Minuten Laufpause habe. Mittels eines Zweigs, den Arnulf mir organisiert, erkläre ich Duncan, dass er neben Diego laufen soll, nicht hinter ihm. Ansonsten passen wir Diego an das Tempo an, das Duncan gerade anbietet. Alles klappt, völlig ungeübt und wahnsinnig schlecht vorbereitet, einfach so. Duncan ist wieder einmal das, was wir schon oft über ihn gesagt haben: Selbstverständlich.

Bitte entschuldigt diesen ungewöhnlichen Sprachgebrauch. Ein Pony kann natürlich nicht selbstverständlich sein. Ich bin für bessere Vorschläge offen. Bisher scheint es uns immer das Wort zu sein, das am besten passt. Es ist eine Sache, Dinge selbstverständlich zu TUN, aber wir empfinden dieses selbstverständlich SEIN als eine Charaktereigenschaft, die tiefer geht. Eine Selbstverständlichkeit in der Welt. Bitte, schreibt mir bessere Wort-Vorschläge in die Kommentare.

Ich jedenfalls schaue mir das ein bißchen bei ihm ab, möchte ihm so begegnen, wie er der Welt begegnet und versuche, möglichst viele Dinge selbstverständlich zu tun.

Während Finlay es toll fand, wenn ich ihn gefeiert, gelobt und verehrt habe, findet Duncan das anscheinend recht uninteressant. Er weiß, was er gut gemacht hat. Passt schon.

Interessanterweise war Finlay ja nie ernsthaft dazu bereit, etwas für ein Lob zu tun, aber er hat es geliebt, gelobt und gefeiert zu werden. Andersherum ist Duncan total bereit, einiges zu investieren, damit wir gut miteinander auskommen (das zeigt sich auch in der Herde), aber Lob interessiert ihn nicht. Vielleicht noch nicht, aber vielleicht auch nie. Die meisten Ponys die ich kenne, lieben Annerkennung. Duncan braucht sie anscheinend nicht. Er ruht so in sich selbst, es reicht ihm, mit mir zusammen in Frieden zu sein. Auch hier bin ich gespannt, wie er sich entwickelt.

Ich verhalte mich ihm gegenüber anders als mit Finlay – ganz automatisch, dadurch dass er so ist, wie er ist, aber auch durch das was ich inzwischen gelernt habe.

Und jetzt wird es wieder philosophisch: ist er so, weil ich mich ihm gegenüber anders verhalte, durch das was ich gelernt habe? Oder verhalte ich mich anders, weil er anders ist? Oder funktioniert das, was ich gelernt habe, bei ihm eben einfach so gut? Wäre Finlay anders gewesen, wenn ich ihm anders begegnet wäre? Hätte Elsas Idee oder das was ich jetzt daraus mache auch bei Finlay gut funktioniert? Wie viel Einfluss hat mein Umgang auf die charakterliche Entwicklung meines Ponys? Wie viel ist angeboren? In jedem Falle war Finlay auch in der Herde viel weniger auf Harmonie aus als Duncan. Finlay wollte gern mal raufen und streiten und sich reiben. Das habe ich bei Duncan noch nicht gesehen. Und die Herde geht anders mit Duncan um. Sie halten ihn viel mehr unterm Deckel als Finlay, so dass er auch viel mehr darauf angewiesen ist, Harmonie herzustellen. Tun sie das, weil er anders ist oder weil sie gelernt haben? Oder ist er einfach leichter unter dem Deckel zu halten als Finlay, weil Finlay sich für Maßregelungen nie sonderlich interessiert hat?

Und noch ein paar Unterschiede kann ich benennen, die nicht auf mich zurückzuführen sind. Finlay zum Beispiel war immer sehr maulorientiert. Schon bei unserer ersten Begegnung, als er 4 Tage alt war, hat er alles mit dem Maul erkundet. Duncan hingegen ist das überhaupt nicht. Er beißt nicht, kneift nur selten, knabbelt nichts an, kaut auf nichts herum. Sein Maul ist still und entspannt. Als Finlay in dem selben Alter war, hatte er seine Zähne null im Griff. Er konnte sich einfach nicht beherrschen, alles anzunagen.

Andererseits war Finlay schon immer schwerer zu durchschauen in seiner Mimik, auch als er klein war. Oft wusste ich nicht, was in seinem Kopf vor sich geht. Duncan kann man das auch bei schlechter Beleuchtung auf 10 Meter Entfernung ansehen.

Insgesamt finde ich, dass Finlay oft schneller gestresst und müde war. Duncan habe ich bisher weder sehr gestresst gesehen (und er hatte dazu weiß Gott genug Anlass in der Integrationszeit) noch jemals ernsthaft müde. Natürlich liegt er viel, das tun die ja in dem Alter. Aber dieser müde, glasige „das war viel ich kann nicht mehr“ – Blick, den kenne ich von ihm nicht. Was immer wir tun, er ist danach noch ok. Sein Gehirn läuft nicht heiß. Mir schein, die Eindrücke, die auf ihn einprasseln, laufen durch eine gut geölte Maschine, die in der Lage ist, beliebig viel davon zu verarbeiten. Nur wehe, wenn sie leerläuft… langsam zeigt sich, was dann passieren könnte. Aber das erzähle ich Euch ein anderes Mal.

Bis dahin übe ich: zwischen den Systemen wechseln, einfach ausprobieren, mich allem von zwei Seiten annähern. Akzeptieren dass ich nicht perfekt bin, manches in Ruhe üben, manches selbstverständlich machen.

Klingt einfach, sind für mich große Aufgaben.

Denn ich bin leider nicht so fix wie mein Pony, der mich anschaut und sagt „Du brauchst das nicht zu wiederholen, ich hab‘s schon beim ersten Mal verstanden“.

Ein neues Jahr

Nun hat es also angefangen, das neue Jahr. Für mich klingt 2020 nach Zukunft. Ehrlich gesagt klingt für mich sogar 2010 immer noch nach Zukunft. 2020 klingt so nach science fiction dass ich erwartet hatte, dass mein Auto anfängt zu fliegen. Hat es aber nicht. Stattdessen haben wir Klimawandel und Stau.

Wir Menschen sind irgendwie darauf aus, dass sich an bestimmten Tagen bestimmte Dinge verändern. Ein neues Jahr, ein neues Auto, ein neues Haus, ein neuer Job. Urlaub, Wochenende, ein Kind bekommen oder eben: ein Pony kaufen.

Das Jahr 2019 hat mir gezeigt, wie absurd das ist. Erst habe ich meinen geliebten Finlay verloren, der noch mindestens 20 Jahre hätte bei mir sein sollen (bis 2040! Was für eine Zukunftsvision!) und dann habe ich plötzlich Duncan gekauft, in einem Anfall von offensichtlicher Ver-rückt-heit. Alles ist ver-rückt geworden, alles ist verschoben. Der Tag, an dem sich unser Leben dramatisch verändert ist wohl nur selten der Tag, von dem wir das erwarten. Genaugenommen kann jeder Tag sich als einer entpuppen, der unser Leben dramatisch verändert. Das wissen wir alle – wir vergessen es nur gerne mal. Denn normalerweise läuft unser Leben ja sehr geregelt ab und wir bilden uns gern ein, alles unter Kontrolle zu haben.

Und die Pferde? Die planen nicht. Pferde legen ja noch nicht einmal Wintervorräte an. Sie verlassen sich darauf, dass sie Futter finden (in der Wildnis) oder welches bekommen (von uns). Für sie ist vielleicht viel deutlicher, dass jeder Tag den gleichen Wert hat – wenn er beginnt. Am Ende des Tages ist es auch für die Pferde unterschiedlich gut gelaufen.

Wenn ich heute zu meinem Pferd gehe, dann erinnert mein Pferd sich an gestern und an all die Tage davor. Es erinnert sich, was mit uns beiden so passiert ist, welche Verhaltensweisen ihm geholfen haben, seine Ziele zu erreichen. Es erinnert sich (und das ist wissenschaftlich belegt), welche Laune ich gestern hatte. Aber hat es Pläne für heute? Ich höre Euch sagen „nein“. Weil uns immer gesagt wird, Pferde seien im hier und jetzt. Aber ist das so? Wenn das Pferd sich erinnert ist es nicht im hier und jetzt, sondern in der Vergangenheit. Und dass sie sich erinnern, wird wohl keiner leugnen.

Aber hier kommt das, was mich am meisten fasziniert: ich habe schon so manches Mal erlebt, dass ein Pferd eine Lektion zeigt, die man vor Wochen oder Monaten mal erfolglos probiert hat. Finlay war Meister darin. Er kam dann plötzlich und zeigte ein Verhalten, von dem ich oft erst gar nicht wusste, woher das jetzt kommt – bis mir einfiel, dass wir das irgendwann mal versucht haben und es uns nicht gelungen ist! Woher kommt das? Ist es eine Erinnerung, die durch irgendetwas getriggert wird? Oder ist es Zukunftsplanung, der Versuch, die eigene (sehr nahe) Zukunft schöner zu gestalten (weil ein Lob oder Leckerli kommt)? Was hat da in den Tiefen des Gehirns gearbeitet, dass jetzt plötzlich ein Ergebnis kommt? Jedes Mal wenn Finlay das getan hat, war die Lektion perfekt. Er hat dann nicht mehr herumprobiert und nachgefragt. Er schien zu sagen: „das, was Du da wolltest, vor ein paar Wochen, das kann ich jetzt. Schau!“ und ich stand mit offenem Mund daneben.

Wir bilden uns ja gern ein, wir würden Probleme durch Nachdenken lösen. Aber seit ich dieses Verhalten bei Finlay beobachtet habe, bin ich davon nicht mehr überzeugt. Denn „Nachdenken“ wie wir es nennen, kann es beim Pferd wohl kaum geben, dafür fehlen ein paar wichtige Gehirnstrukturen. (sagen wir mal: nach heutigem Stand der Forschung). Aber „nach-denken“ heißt ja eigentlich auch nur, dass wir im Nachhinein denken. Dass etwas nachwirkt, uns vielleicht nachhängt. Wir denken nach, um Schlussfolgerungen ziehen zu können für die Zukunft. Denn so geht lernen: aus der Vergangenheit für die Zukunft. In der Gegenwart ist lernen witzlos.

Und so glaube ich nicht mehr daran, dass Pferde immer im hier und jetzt sind. Wenn ich eine Sprühflasche in die Hand nehme und mein Pony Angst bekommt, ist es in der Vergangenheit (denn jetzt gerade tut die Sprühflasche nichts – sie löst nur erinnerte Gefühle aus). Wenn ich meine Hand in die Tasche stecke, ist Diego sofort in der Zukunft, bei dem Keks der da raus kommen soll. Und ich glaube, er plant ein Stück weit diese Zukunft sogar. Denn er denkt – in diesem Fall nicht nach, sondern voraus.

Einige von Euch möchten mir vielleicht wiedersprechen. Ich werde mich nicht wehren können, ich bin kein Wissenschaftler. Aber dieser kleinste gemeinsame Nenner: das Pferd lernt aus der Vergangenheit für die Zukunft – vielleicht können wir uns darauf einigen. Denn ein Pferd wird ein gelerntes Verhalten nicht nur in diesem Moment anwenden, es wird das Verhalten auch anschließend verändern (Ihr erinnert Euch vielleicht: Duncan sagt „das hat geklappt, jetzt mache ich doppelt so viel“ Finlay hat gesagt „das hat geklappt, jetzt schaue ich ob die Hälfte reicht“) und weiter verfeinern: gut investierte Arbeit FÜR DIE ZUKUNFT.

Lernen macht unser Leben leichter und besser und darum sind wir alle – Menschen und Tiere – von der Evolution darauf ausgerichtet, gern zu lernen.

Lernen macht uns zu besseren Menschen, nicht moralisch gesehen, sondern rein evolutionär funktional besser.

Mein liebstes Zitat an dieser Stelle kommt von John Ruskin über den ich zugegebenermaßen weiter gar nichts weiß:

Der höchste Lohn für unsere Bemühungen ist nicht das, was wir dafür bekommen, sondern das, was wir dadurch werden. (John Ruskin)

Was, wenn wir dieses Jahr einmal mit dieser Idee beginnen? Was, wenn wir nicht darüber nachdenken, was wir 2020 erreichen wollen, sondern darüber was wir werden wollen?

Eine Schülerin, die sich mutig in das Abenteuer „Freedom Based Training“ (Elsa Sinclair) stürzt und sich von mir dabei ein bisschen anleiten lässt, sagte zu mir „ich möchte ein besserer Mensch für meine Pferde werden“. Schöner kann ich es nicht formulieren. Und wie werden wir das? Indem wir aus der Vergangenheit lernen – für die Zukunft. Lernen kann manchmal hakelig und schwierig sein. Aber ich hatte einen guten Lehrmeister, der mir über das Lernen etwas beigebracht hat.

Finlay-Lektion Nummer 5: wenn etwas nicht gelingen will, lass es ruhen, es wird von selbst zu Dir zurückkommen.

Diese war für mich im Jahr 2019 vielleicht die wichtigste aller Lektionen. Nicht im Pferdebereich, sondern für mich selbst. So vieles ist mir nicht gelungen. „Lass los“ haben sie gesagt. „Sei dankbar“ haben sie gesagt. „Nimm es an, wie es ist, Du kannst es nicht ändern“ haben sie gesagt. „schau nach vorn“ haben sie gesagt „denk an die guten Zeiten“ haben sie gesagt.

Nichts davon ist mir gelungen. Und so habe ich schließlich kapituliert. Ich habe akezptiert, dass es mir schlecht ging – schlechter als je zuvor in meinem Leben. Habe akzeptiert, dass mein Körper so heftig mit Krankheit auf meinen seelischen Zustand reagiert hat und ich machtlos war und nichts für ihn und mich tun konnte. Habe akzeptiert, dass mein Leben sich vom Ponyhof zum Friedhof verwandelt hat. Ich habe aufgehört, zu versuchen, es besser zu machen. Ich habe aufgehört, es reparieren zu wollen. Ich habe aufgehört, verstehen zu wollen. Das einzige was ich noch tun konnte, war, mir selbst den Vortritt zu geben. Mich selbst an erste Stelle zu stellen, mir nicht zu erlauben, mir noch Sorgen um andere zu machen, mir nicht zu erlauben, mich zu überfordern. Genau zu beachten was mir gut tut und was nicht. Hinzunehmen, dass die kleinste alltägliche Belastung zu viel sein könnte und nicht von mir zu erwarten, dass ich funktioniere. Damit zu leben, dass ich beim kleinsten Anlass in Tränen ausbreche, dass jede Winzigkeit mich tagelang aus der Bahn wirft. Damit zu leben, dass es dunkel war in mir und festzustellen, dass ich dennoch weitermachen möchte, selbst wenn es für immer so bleiben sollte. Das war das einzige was noch ging. Manchmal hat mir auch geholfen, die Menschen um mich herum zu sehen, die schlimmeres erlebt haben und dennoch Freude im Leben finden. Oder zu sehen, dass auch in meinem Leben noch viel Freude ist: mit Merlin, mit Diego, mit meinen Schülern und Kundenpferden. Zu überleben, dass diese Freude einen großen Schatten wirft, der Finlay heißt. Die allgegenwärtige Angst als Begleiter zu akzeptieren, als Teil von mir, der nun eben dazu gehört.

Und aus diesem Ruhen-lassen sind all die Dinge entstanden, mit denen ich das neue Jahr beginne: Das Loslassen, die Dankbarkeit, der Blick nach vorn, die guten Erinnerungen, vor allem die Hoffnung. Die Hoffnung, so sagt man, stirbt zuletzt. Das bedeutet, sie wird immer da sein, sogar noch dann wenn wir selbst gestorben sind. Bis zum Ende wird sie da sein. Manchmal können wir sie nicht sehen, aber sie ist trotzdem da. Manchmal verkleidet sie sich und versteckt sich an unerwarteten Stellen.

Meine Hoffnung steht ihm Stall. Noch ist sie klein und schwarz, aber schon im Frühling wird sie mit dem Fellwechsel ihre Farbe verändern. Was für eine Symbolik, dass die kleine Hoffnung die da steht, nun jedes Jahr etwas heller werden wird. Noch lange wird Duncan wohl dunkle Stellen haben, viele Jahre, nehme ich an. Dunkle Stellen die den Schatten darstellen den die Freude über ihn wirft. Aber er wird immer heller werden, so wie mein Leben wieder heller werden kann. Und je mehr Sir Duncan und ich zusammenwachsen und zusammen wachsen desto heller werden jene dunklen Stellen: Das Vermissen, das Bereuen, die Wut, die Angst, die Verzweiflung, die Krankheit, das Unverständnis.

Gemeinsam in die Zukunft

Das ist zumindest meine Hoffnung. Auch heute kann wieder ein Tag sein, der mein Leben dramatisch verändert. Zum Schlechten oder zum Guten.

Aber auch heute ist ein Tag, an dem ich mich bemühen kann etwas zu werden.

Ich nehme mir schon seit vielen Jahren an Neujahr nichts mehr vor. Ich glaube, ich habe das nie ernsthaft getan. Es ergibt für mich keinen Sinn, bis Neujahr damit zu warten. Ich kann mir jeden Tag etwas vornehmen – und den Vorsatz jeden Tag brechen. Es steht mir frei. Aber ein besserer Mensch zu werden für meine Pferde ist etwas, was ich jeden Tag tue – ganz ohne Vorsatz. Weil ich meine Ponys liebe und sie es verdient haben. Und weil auch meine Ponys jeden Tag bessere Ponys werden, ganz ohne zu wissen, was ein Neujahrsvorsatz ist. Ich möchte auch noch Elsa zitieren über den Umgang mit Pferden: „Wenn ich es richtig gemacht habe, lernt das Pferd etwas. Wenn ich es falsch gemacht habe, lerne ich etwas.“

Eine sehr tröstliche Sichtweise für alle die sich – wie ich – gern mal übermäßig über ihre eigenen Fehler aufregen. Und sehr nah an John Ruskin:

Der höchste Lohn für unsere Mühen ist das, was wir dadurch werden.

Geschenke

Da stehe ich, mit dem Strick in der Hand und bin noch am überlegen, was ich mache. Auch Sir Duncan setzt seinen nachdenklichen Blick auf. Den kenne ich nun schon und ich weiß: da kommt eigentlich immer was Gutes bei raus. Dann geht er schnurgerade zwei Schrittchen zurück, so dass er in exakt der richtigen Position zu stehen kommt. Und meine Kinnlade strebt – wie so oft – gen Boden.

Ich greife hier einem Artikel vor, den Ihr erst im Januar zu lesen bekommen werden. Diese Geschichte passt gerade so gut.

Ich hatte (hier kommt die Kurzversion, die lange kommt in 2 Wochen), mit Duncan führen geübt. Konkret soll er neben mir hergehen und stehenbleiben wenn ich stehenbleibe. Erst hat er sich – wie es eben meistens so passiert – gedreht, weil er nicht stehengeblieben ist und dann Zug am Strick hatte. Ich habe das nicht weiter korrigiert, sondern es einfach nochmal versucht. Nach dem 2. Versuch wusste er im Großen und Ganzen wie es geht.

Heute möchte ich genauer werden. Er auch. Und so bietet er mir diesen Korrekturversuch an: oh, ich bin zwei kleine Schrittchen zu weit gegangen, schau, ich geh sie einfach zurück, dann stehe ich da wo du mich haben willst.

Bitte? Woher nimmt er diese Information?

Jetzt fällt es mir wieder ein: wir hatten bei unserem letzten Spaziergang diese Situation. Da habe ich ihn mal einen Schritt zurück geschickt. Er war sehr aufgeregt (auch diese Geschichte werdet Ihr bald lesen können) und ich hätte nicht erwartet, dass er in der Lage war, in dieser Situation etwas zu lernen. Aber anscheinend hat er es sich genau gemerkt.

Damit hat er wieder einmal bewiesen, wie schnell er lernt. Auch Finlay hat schnell gelernt, aber Duncan kommt mir noch etwas schneller vor. Oder ich bin besser geworden darin, es rechtzeitig zu merken. Bei Finlay war ich da oft etwas spät dran. Weil mein Plan langsamer war als mein Pony. Bei Duncan rechne ich ja nun schon damit dass er schneller ist als ich – und dann überrascht er mich doch.

Diese Situationen sind für mich wie Geschenke. Große, schön verpackte Geschenke mit schönen bunten Schleifen drum. Geschenke, die davon zeugen, wie sehr unsere Pferde uns gefallen wollen. Wie viel sie uns geben. Wie gut sie aufpassen.

Wer solche Pferde hat, für den ist jeden Tag Weihnachten. Wir müssen nur die Augen auf halten. Und das tolle ist: je mehr wir uns über diese Geschenke freuen, desto mehr werden wir davon bekommen!

Ich wünsche Euch allen wunderschöne Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Das Jahr fängt gut an mit einem Blog-Beitrag am 2. Januar.

Jetzt beenden wir es mit schönen Bildern.

Winzigkeiten

Ich betrete die Arztpraxis, gehe zur Anmeldung, nenne meine Namen. Die Arzhelferin schaut in ihre Unterlagen „Sie sind zum ersten Mal hier?“ ich bejahe. Ich weiß schon, was jetzt kommt: der unvermeidliche Stapel Papier zum ausfüllen. Aber davor…
„Herzlich Willkommen“ sagt sie und lächelt mich freundlich an.
Da bin ich einfach mal sprachlos.

Es sind die kleinen Dinge, die den großen Unterschied machen. Wir Pferdemenschen erleben das doch immer wieder: was wir denken, wie wir atmen, wie unsere Füße stehen, all das ist für das Pferd enorm wichtig. Ich habe einmal gehört, dass Pferde alle Eindrücke gleich wichtig finden. Sie sortieren von Natur aus nicht nach Priorität (wie wir es tun), sie müssen das erst von uns lernen, dass wir als Menschen gern immer die erste Geige spielen würden in ihrer Aufmerksamkeit. Ich weiß nicht ob das stimmt, aber für ein Beutetier macht es Sinn, nichts auszublenden und Kleinigkeiten wichtig zu finden.

Je mehr ich weiß, desto mehr fühle ich mich wie ein Anfänger. Es kommt mir vor wie ein Mosaik: von weitem sieht es ganz einfach aus, wie ein Bild. Je näher ich komme, desto mehr kleine Steine entdecke ich. Dann entdecke ich, dass auch die kleinen Steine aus noch kleineren Steinen zusammengesetzt sind. Die kleineren Steine bestehen aus winzigen Sandkörnern. Und wenn ich dann all diese Sandkörner sehe, dann entdecke ich noch den Kitt zwischen den Steinen, der aus noch feiner gemahlenem Material besteht. Der alles zusammenhält, ohne den es nur ein Haufen Steine wäre.
All diese Winzigkeiten, ohne die das Ganze nicht funktioniert…

So fing alles an: mit Whity auf Amrum (von meinen Eltern als harmlose Freizeitbeschäftigung gedacht. Wenn sie geahnt hätten was daraus wird….)

Am Anfang meiner Reitkarriere – mit 6 Jahren, damals immer nur in den Sommerferien auf Amrum – da war reiten einfach: rechter Zügel wenn es nach rechts gehen soll, linker Zügel wenn es nach links gehen soll und beide Beine zu um oben zu bleiben (wir waren oft ohne Sattel unterwegs).
Später, in der Reithalle mit Unterricht wurde es schon komplizierter. Leichttraben war mein größter Feind, als ich 10 Jahre alt war. Ich konnte den Rhythmus des Pferdes einfach nicht fühlen und bin immer aufgestanden wenn mein Vorreiter aufgestanden ist.
Noch später, als Jugendliche, habe ich mit Erstaunen Müselers Reitlehre gelesen in einem alten, abgegriffenen Buch von 1934 das ich von meinem Großonkel geschenkt bekam, der seinerzeit bei der Kavallerie war. Heute hätte ich viele Fragen an ihn…..
Müseler las sich für mich im Großen und Ganzen so: man hat einen inneren Schenkel, einen inneren Zügel, einen äußeren Schenkel, einen äußeren Zügel und ein Kreuz, das man anspannt.
Und eigentlich benutzt man alle diese Hilfen jedesmal für jede Lektion.
Das ergab für mich keinen Sinn: woran unterscheidet das Pferd die Lektionen, wenn ich IMMER ALLE Hilfen nutze die mir zur Verfügung stehen?

Noch etwas später kam dann mein erstes eigenes Pferd in mein Leben: „Wurzel“, ein hessisches Warmblut von 172cm Stockmaß. Er war Schulpferd im Reitverein – aber nicht sehr lange. Denn nach 2 Jahren war er so sauer, dass er stieg, wenn man seine Box betrat.
Wenn man ihn aus der Halle in die Box führen wollte, wurde man von ihm überholt oder umgerannt und er sauste im Galopp in die Box. Niemand konnte ihn davon abhalten, auch unsere sonst so durchsetzungskräftige Reitlehrerin nicht.
Aber ich liebte dieses Pferd. Und ich dachte viel nach. In meinem Leben war er das erste Pferd, dem man nicht mit mehr oder weniger Gewalt kommen konnte um seinen Willen durchzusetzen. Sagen wir mal: man konnte schon, nur Wurzels Antwort war entsprechend. Er antwortete auf Druck mit Gegendruck – und zwar massiv. Ich begann zu verstehen, wie unglücklich die Schulpferde in diesem Reitverein waren, die nichts weiter sahen außer ihrer Box und der Reithalle, mal den Springplatz, Sonntags das Gelände und mit ganz viel Glück Sonntags Nachmittags für eine Stunde den Paddock – meistens allein, mit viel Glück zu zweit.
Ich suchte Lösungen, kämpfte gemeinsam mit meinen Freunden für Weidegang, der dann ebenfalls mal für eine Stunde am Sonntag auf winzigen Parzellen möglich wurde.
Das Hallenproblem blieb indes ungelöst. Schließlich kam ich auf die Idee, ihn wieder in die Halle zurück zu führen, wenn er an mir vorbeigedonnert war. 5 Mal haben wir den Weg gemacht. Beim 6. Mal tänzelte Wurzel neben mir her, überholte aber nicht und ich entließ ihn in die Box. Das hatte nachhaltig Erfolg: mich überholte er nicht mehr.
„Durchsetzen“ – ein Lieblingswort in der damaligen Reitausbildung – änderte für mich seine Bedeutung. Ich setzte mich immer noch durch, aber ich verwendete zukünftig dafür mehr meinen Kopf als meinen Körper.

Wurzel war noch lange bei uns. Er wurde fast 30 Jahre alt.

Etwas später wurde Wurzel mein Pferd. Die ersten Jahre waren teilweise die Hölle. Aber ich glaube, mein Wurzel hatte irgendwo unter seiner ganzen Wut immer eine Dankbarkeit mir gegenüber. Er wusste, dass ich mich bemühe. Und so oft er auch mit gebleckten Zähnen auf mich losgegangen ist: er hat mich nie verletzt.
Wurzel forderte mich sehr heraus, neue Konzepte zu finden. Keine der damals gängigen Methoden führte irgendwie zum Erfolg. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland noch kein „Horsemanship“, „Bodenarbeit“ oder „Verhaltenstraining“ (zumindest nicht in meiner Umgebung). Was es gab waren Bücher von Linda Tellington Jones. Und so war sie meine erste Bekanntschaft mit Bodenarbeit, Beziehungsarbeit und diesen Dingen.
Wurzel und ich sind viel zusammen spazieren gegangen. Er liebte Spazierengehen. Oft habe ich davon geträumt, einfach immer weiter zu laufen – immer Richtung Norden, wo es mich schon immer hingezogen hat. Aber für so etwas war ich zu realistisch – oder zu feige.
So ging es erst ein paar Jahre später gen Norden – im Pferdetransporter.
Und dann lernte ich Arnulf kennen und mit ihm die „Natural Concepts“ die er von Alfonso Aguilar gelernt hatte.
So fingen wir an mit Bodenarbeit. Verladetraining, Podest, Brücke, all solche Dinge. Parallel schnupperte ich akademische Reitluft. Es war aber wirklich nur geschnuppert. Merlin zog als zweites Pferd bei mir ein – so ganz anders als mein Wurzel. Zwar war Merlin zuvor auch in einem Schulbetrieb gewesen und ebenso wie Wurzel wegen schlechten Benehmens verkauft worden, aber Merlin zeigte sich mir gegenüber nie problematisch. Er war immer freundlich zu mir, selbst wenn er fand, dass ich mich extrem dumm anstelle und mir mitteilte, dass er nun aus diesem Grund nicht mehr mitmachen würde. Ich zwang ihn dann nicht, sondern lernte verstehen, dass ICH das Problem war, nicht ER.

Merlin mit 9 Jahren – ob Duncan einmal so aussehen wird? Im Hintergrund Wurzel.


Arnulf und ich lernten in der Hufpflege viele schwierige Pferde kennen und wurden zu einem eingeschworenen Team, kein Pferd war uns zu kompliziert, alle haben wir zur Mitarbeit bewegen können.
Meine reiterliche Karriere stagnierte derweil. Viele Jahre war ich ohne Reitunterricht. Ich probierte herum, schaute auch mal Reitlehrer an, war aber nie überzeugt.
Dann begegnete ich Honza Blaha und lernte 8 Jahre lang sein System kennen. Ich dachte, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Ich lernte unglaublich viel von Honza und bin dafür sehr dankbar. Als Finlay zu mir kam war klar: so will ich mein Pony ausbilden.
Aber Finlay hatte ganz andere Pläne. Und einen Körperbau, der für dieses Konzept so gar nicht geeignet war. Er ließ mich auflaufen – wie mein Wurzel damals, nur nicht aggressiv, sondern sehr stoisch. Was Finlay nicht tun wollte, tat er nicht. Was er tun wollte, tat er. Mein Job war, ihn dazu zu bringen, zu wollen, was ich wollte. Oder aber selbst das zu wollen, was Finlay wollte. Und so beschritten wir wieder neue Wege, fanden zu Alex Zell und der altcalifornischen Reitweise, nahmen bei Amanda Barton an Kursen teil.und schließlich gingen wir auf Distanzritt. Und weil unser alter Hund nicht mehr neben dem Pferd herlaufen kann fuhren wir Finlay ein. Hundeoma wie eine Königin auf der Kutsche, ich mit meiner gestrengen Fahrlehrmeisterin auf dem Bock (verzweifelt versuchend, mich nicht in den Leinen zu verheddern) und Finlay – wie immer – großartig in seinem Job.

Der Hauptgrund, Finlay einzufahren, war unsere alte Sali – hier seht ihr sie auf dem Bock thronen

Unzählige Schüler, Pferde und Fragen sind im Laufe der Jahre aufgetaucht. Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich im Unterricht gern ausprobiere. Neulich sagte ich zu meiner Schülerin, als ich eine Vorgehensweise vorgeschlagen hatte „ich frage mich immer ob ich sagen soll dass ich das auch noch nie so gemacht habe“. Sie antwortete lakonisch „das wissen wir doch, dass du Dinge ausprobierst und deswegen holen wir Dich ja“. Ach so. Dann ist ja gut.

Auch beim Fahren gibt es so viele Winzigkeiten zu entdecken…

Und in all dem Ausprobieren und Erfahrungen sammeln habe ich so viele Details gefunden. Von Leinenführung (und des Rätsels Lösung warum die so kompliziert sein muss) über Biomechanik (und den Streit um das Vorwärts-Abwärts) zu der Frage nach der Konditionierung (wie, auf was und warum). Und eigentlich wollte ich ja immer nur eine gute Beziehung zu meinem Pferd haben (wie wohl alle, die diesen Blog lesen).
Schließlich, 2018: Elsa Sinclair. Mit dem Ergebnis, dass ich – wieder einmal – so vieles in Frage stelle. Und dass ich weitere Winzigkeiten entdecke, die so wichtig sind. Etwas winzigere Winzigkeiten. Sagen wir: NOCH winzigere Winzigkeiten.

Elsa ist die Meisterin der Details. Und sie hat bewiesen: wenn wir auf genug Kleinigkeiten achten, können wir Pferde vollkommen ohne Equipment ausbilden. Kein Halfter, kein Seil, kein Futterlob.
Nicht, dass ich vorhätte, das zu tun. Selbst Elsa sagt, es ist für Menschen mit normalem Arbeitsalltag wohl nicht zu schaffen, es kostet zu viel Zeit. Dennoch – und das ist das tolle an ihrem System – können wir das, was wir von ihr lernen, überall mit einfließen lassen.

Hätte ich all diese Dinge schon gewusst, als ich meinen alten Wurzel hatte – wer weiß, wo der Weg uns hin geführt hätte. Aber andererseits: ich wäre den Weg nie gegangen, wenn ich Wurzel nicht getroffen hätte. Ich wollte Bereiterin werden, Turniere reiten. Ich hätte vielleicht mein Leben lang nicht gemerkt, dass da so viel mehr zu entdecken ist.
Und so danke ich in diesem Post offiziell den Pferden die mir am meisten Fragen gestellt haben, die mir am meisten Probleme gemacht haben, die mich immer wieder haben auflaufen lassen bis ich neue Wege und Methoden gefunden hatte: Wurzel, Merlin und Finlay.

Und nun steht hier Duncan. Wir erforschen gemeinsam, was von all diesen Dingen, die ich gelernt habe, uns am besten und einfachsten ans Ziel bringt. Welche Vorgehensweise uns am besten gefällt. Wie wir am besten zueinander finden, eine gute Beziehung aufbauen. Wie er am besten lernen kann und will. Und dabei lerne ich wieder mal mindestens genauso viel wie er.
Auf der Suche nach den Winzigkeiten, denn die machen den großen Unterschied.

Lehrmeister

Friedlich ist der Normalzustand geworden in der Herde, Reibereien sind inzwischen die Ausnahme.

Große Lehrmeister habe ich da im Stall stehen.
Diego, Caruso und Merlin ziehen jetzt zum zweiten Mal gemeinsam einen kleinen Rotzlöffel groß. Sie haben schon aus Finlay ein gutes Pony gemacht und wenn ich sie jetzt mit Duncan sehe, dann glaube ich, sie haben aus dieser Erfahrung gelernt. Und Gatsby fügt sich nahtlos in dieses „Erzieherteam“ mit ein.
Vielleicht gehen sie mit Duncan anders um als mit Finlay, weil Duncan nunmal anders ist, aber ich glaube, sie gehen auch deswegen anders mit ihm um, weil sie gelernt haben (genau wie ich ja auch). Wie Mütter (Menschen- genauso wie Pferdemütter) Erziehungs-Wissen bei einem Kind sammeln für das nächste, so glaube ich sind auch unsere Ponys zu besseren „Eltern“ geworden dank der Erkenntnisse die sie durch Finlay gewonnen haben.
Alle vier erwachsenen Ponys sind sich auffallend einig was Duncan angeht. Wenn er von einem einen Rüffel kassiert hat, kann er nicht zu einem der anderen gehen und sich dort ausweinen– wenn einer ihn ermahnt, ziehen alle anderen mit. Wenn einer sagt „weg von meinem Heu, Du hast Dich ungebührlich verhalten“ sagen alle anderen das auch.
Was genau dieses „ungebührliche Verhalten“ ist, habe ich noch nicht herausgefunden, aber die Ponys wissen offensichtlich, was sie tun. Ich hoffe, es bald zu entdecken, denn für mich sind das so wertvolle, wichtige Informationen.
Finlay hatte immer einen „Babybonus“ bei den anderen und den hat er weidlich ausgenutzt – auch mit 8 Jahren noch. Sowohl mit Merlin als auch mit Gatsby hatte Finlay so eine Art Kumpelei, bei der nie eindeutig zu erkennen war, wer letztlich das Sagen hat. Und Diego hat seinem Ziehsohn unendlich viel durchgehen lassen. Finlay hat sich überall durchgeschummelt, viele Rüffel einfach ignoriert und an sich abprallen lassen und sich im Zweifel an Diegos Rockzipfel gehängt.

In der Erziehung des Ritters hingegen übernimmt zu meiner großen Überraschung Merlin die Hauptarbeit. Ausgerechnet Merlin, der sich bisher nie durchsetzungskräftig und konsequent gezeigt hat – ganz im Gegenteil – erweist sich jetzt als hervorragender Onkel. Er ist sehr lieb zu Duncan, so lange der sich an die Regeln hält. Aber wehe wenn nicht – dann setzt es was! Und Duncan nimmt das sehr ernst – etwas, was weder Finlay noch die Shettys je getan haben.
Jeden Tag fordert Merlin Duncan auch nachdrücklich zum Spielen auf. Merlin findet, jetzt wird gespielt und er erinnert mich an Eltern, die mit ihren kleinen Kindern einen ausgiebigen Spaziergang machen in der Hoffnung dass die Kleinen nachher müde sind und schlafen. Im Spiel fällt mir auf, dass Merlin seine Überlegenheit sehr deutlich macht. Während er mit Finlay immer „auf Augenhöhe“ gespielt hat und Finlay die gleichen Chancen gelassen hat, zu gewinnen, so schiebt und schubst er Duncan ordentlich durch die Gegend und lässt ihn wissen, dass er der größere und stärkere von den beiden ist.
Und ich schaue zu und lerne – denn Duncans Selbstbewusstsein leidet kein Stück unter dieser Behandlung. Er hat einfach so viel davon, dass immer noch genug übrig bleibt um erhobenen Hauptes durch die Gegend zu laufen.

Diego kümmert sich augenscheinlich kaum um Sir Duncan. Duncan folgt ihm stundenlang wie ein kleiner Schatten und ahmt alles nach was der große tut. Diego lässt ihn gewähren – meistens.
Während Finlay immer ganz nah bei Diego war und ihn manchmal auch ordentlich genervt hat, trägt Duncan die meiste Zeit seinen „Tarnumhang“. Er ist fast unsichtbar, so leise verhält er sich dann. Als würde er auf Zehenspitzen um Diego herum schleichen und ganz still „mit den Augen klauen“.
Ich erinnere mich daran, wie ich – als Finlay schon ungefähr 2 oder 3 Jahre alt war – plötzlich begriffen habe, worauf ich bei ihm wirklich achten darf. Finlay war etwas pubertär und suchte nach Grenzen, nicht nur bei mir sondern vor allem auch bei Diego. Diego hat immer vieles ausgesessen und ignoriert (klar, mit 640kg Lebendgewicht kann man sich das leisten!). Aber WENN ihm dann mal die Hutschnur geplatzt ist, dann hat es dermaßen gescheppert, dass Finlay bedripst in der Ecke stand und gar nichts mehr gesagt hat. Diego hat ihn nie verletzt, er ist nur mit viel Karacho auf ihn zu und dann hinter ihm her geschossen, das war schon enorm beeindruckend.
Von Diego habe ich gelernt, dass Finlay nicht VIELE Grenzen brauchte, aber unverrückbare, massive Grenzen. So habe ich versucht, Diegos Verhalten nachzuahmen, habe viel ignoriert und an den Stellen, an denen es mir wirklich wichtig war, habe ich dann so massiv reagiert, dass Finlay ernsthaft beeindruckt aussah. Damit bin ich bei Finlay sehr gut gefahren (und auch bei vielen anderen Ponys).
Bei Duncan läuft das anders. Duncan muss sich – so mein Eindruck – in viel engeren Grenzen bewegen als Finlay. Nichts wird ihm verziehen, jedes kleine Vergehen wird abgemahnt. Andererseits reagiert Duncan auch auf jede kleine Abmahnung. Vieles, was Finlay einfach an sich hätte abprallen lassen, macht auf Duncan durchaus Eindruck. Mir scheint, er ist sehr viel mehr auf Frieden und Harmonie aus als Finlay, der gerne auch mal geboxt und gerauft hat. So müssen die anderen nie sehr laut werden – ein paar angelegte Ohren und ein böser Blick reichen meist völlig aus um den Ritter in seine Schranken zu verweisen.
Trotzdem versucht der natürlich, das Beste für sich raus zu holen und lotet genau aus, was geht.
Auch mir gegenüber probiert er sich mehr aus und fordert Dinge mit mehr Nachdruck. Er will doch jetzt mal wirklich, wirklich beim Spaziergang grasen wann er will! Er wird nicht heftig, er versucht es nur dauernd wieder. Wie eine Schallplatte die einen Sprung hat „ich möchte bitte grasen, ich möchte bitte grasen, ich möchte bitte grasen, ich möchte bitte grasen, ich möchte bitte grasen, ich möchte bitte grasen“. Eine Art „mürbe machen“. Und diese Taktik versucht er auch in der Herde. Blöd nur für ihn, dass wir alle – die Ponys und ich – diese Taktik gut kennen und nicht darauf hereinfallen. Ich bin gespannt, was er sich als nächstes ausdenkt. Da er in seiner Nachfrage nicht deutlicher wird, werde ich auch in meiner Antwort zunächst nicht deutlicher. Ich bin aber auf der Hut und überlege, wie ich künftig damit umgehen möchte. Ich sehe, dass er erfolgversprechendes Verhalten stark steigert (sowohl das, was ich möchte, als auch das was ich nicht möchte). „Das hat geklappt, jetzt mache ich doppelt so viel davon“. Finlay hingegen war das komplette Gegenteil. „Das hat geklappt, jetzt schau ich mal ob die Hälfte auch reicht“. So muss ich mich ziemlich umgewöhnen vom einen Schotten auf den anderen.

Und derweil lerne ich weiter. Ich beschließe, Duncan mehr zuzutrauen. Bei unserem 4. Spaziergang schaffen wir schon die ganze „Hausrunde“. Wir brauchen für die 4km eine ganze Stunde, weil wir zwischendurch immer wieder Graspausen machen. Ich gebe mein Bestes, die Graspausen in günstigen Momenten zu geben, wenn Duncan gerade mal NICHT darüber diskutiert, dass er essen will, allerdings ist er dann oft gerade so im Fluss, dass er gar nicht mitkriegt, dass er jetzt essen dürfte.
Am Ende des Spaziergangs ist Duncan sichtlich müde, aber er hat nicht diesen glasigen Blick, den ich von anderen müden Jungpferden kenne (den habe ich bei Duncan überhaupt noch nie gesehen). Er ist zwar etwas langsamer in seinen Reaktionen, aber durchaus noch konzentriert genug um alles mitzukriegen und er bleibt in Kontakt mit mir.

Abends holen wir ihn noch einmal um seine Hufe sauberzumachen und einzuschmieren. Und siehe da, er kann wieder ganz ordentlich und gesittet stillstehen, Hufe geben und absetzen wie ein Großer, wo er vor dem Spaziergang nur ungeduldig und hampelig war. Anscheinend hat unsere große Runde ihm gut getan, er wirkt überhaupt nicht müde und schon gar nicht überfordert.

Ich schlussfolgere: wenn er nervt, braucht er mehr zu tun. Und zwar eine ganze Menge mehr.
Und ich frage mich im Stillen, wie ich diesen Beschäftigungsbedarf jemals stillen können soll, so lange ich ihn noch nicht reiten oder fahren kann. Könnte interessant werden!

So viele meiner Unterrichtsstunden – gerade mit jungen Pferden – verbringe ich damit, den Menschen zu zeigen, dass ihre jungen Pferde geistig überfordert sind, schnell müde. Dass sie kleinere Einheiten brauchen, mehr Pause, kleinere Lernschritte. Ständig beruhige ich meine Schüler, dass das meiste von allein kommt, dass manche Dinge einfach reifen müssen anstatt dauernd geübt zu werden. Immer plädiere ich für Vorsicht und Rücksicht.
Und nun habe ich die Ausnahme im Stall stehen – war ja wieder klar. Da kommt so ein Ritter in glänzender Rüstung und wirft all meine Ideen über den Haufen, all meine Vorstellungen davon, wie lange es dauert, bis so ein Zwerg das alles verkraften kann.

Und ich bin unendlich dankbar für meine 4 Lehrmeister, die zu beobachten mir so sehr hilft dabei, Sir Duncan richtig einzuschätzen.

Eine gemeinsame Sprache

In meinem noch unveröffentlichten Buch (ich hoffe ich habe bald die Kraft, daran weiter zu machen so dass Ihr es eines Tages wirklich in den Händen halten könnt) gibt es ein Kapitel mit der selben Überschrift.

In diesem Kapitel geht es um die Sprache, die sich zwischen Finlay und mir im Laufe der Jahre entwickelt hat. Von den ersten Anfängen bis zu den Finlay-spezifischen Äußerungen die zu entschlüsseln mich manchmal Monate oder Jahre gekostet hat. Finlay war ein sehr hartnäckiger Lehrmeister. Er hat niemals aufgegeben. Wenn er mir etwas zu sagen hatte, hat er es so oft wiederholt, bis ich verstanden hatte. Zwischendurch konnte er dann schon mal sehr wütend werden und einfach ausflippen – das waren die Gelegenheiten bei denen er mir gezielt mit den Hinterhufen eine Ladung Sand in die Augen geschmissen hat und buckelnd und furzend von dannen zog, manchmal sogar mit wütendem Gequietsche (wir haben auf dem Platz ja immer frei gearbeitet).

Nun steht da Sir Duncan Dhu und spricht wieder eine andere Sprache. In unserer Herde kann ich sehen, dass seine Sprache so anders ist, dass es länger dauert, bis jeder weiß was der andere meint.

Beim Spielen herrscht noch etwas Uneinigkeit: Duncan möchte am liebsten „Vorderbeine beißen“ spielen…..
….. währende Merlins Lieblingsspiel das „Unterlippe-haschen“ ist.

Ich erinnere mich daran, wie ich aus Hessen nach Schleswig-Holstein zog. Ich wollte etwas Süßes vom Bäcker und bat um einen „Kräppel“. Die Verkäuferin hat gestaunt – was das denn sein sollte?

„Kräppel“ sagt der Hesse zum „Berliner“. Noch lange hatte ich Probleme damit, mich umzugewöhnen. Aber es half ja nicht: niemand gab mir, was ich wollte, wenn ich „Kräppel“ sagte, so musst ich lernen, „Berliner“ zu sagen!

Es hat lang gedauert, bis Duncan herausgefunden hat, wie es mit Gatsby klappt. Aber jetzt habe ich sie schon oft kraulen und sogar ansatzweise spielen sehen!

Und so bekommt Duncan eben nur das, was er will, wenn er so darum bittet, dass die anderen ihn verstehen. Da Duncan jung ist und hier nichts zu sagen hat, liegt es im Wesentlichen bei ihm, die Sprache der anderen zu lernen. Aber die anderen werden schon auch von ihm ein bißchen lernen, wie es nun mal so ist. Und er begegnet unseren Ponys anders als Finlay, so dass auch die Reaktion unserer Ponys anders ausfällt. Das zeigt sich mir besonders beim Füttern: weil Diego leider oft etwas gestresst ist wenn es Heu gibt, schickt er die anderen schnell mal durch die Gegend wenn es eng wird. Duncan aber schafft es irgendwie, dieses Verhalten viel weniger auszulösen und dadurch viel näher am Heu sein zu können und selbst weniger Stress zu haben. Er darf nicht – wie Finlay es durfte – bei Diego mit fressen (das versucht er aber auch gar nicht). Es wirkt eher so, als hätte er eine Art Tarnumhang, der ihn im entscheidenden Moment unsichtbar macht, so dass Diego sich so verhält, als sei Duncan gar nicht da. Ich möchte das unbedingt weiter beobachten und herausfinden, wie er das macht!

Duncan muss nun nicht nur die Sprache der anderen Ponys lernen, sondern auch meine. Und ich gebe mir die größte Mühe, möglichst viel von seiner Sprache zu verstehen.

Das ist erst mal wildes Interpretieren. Zum Beispiel die neulich erwähnte Frage: wann wird es Zeit für ein neues Abenteuer?

Das begann so:

Wir waren also am Sonntag auf unserem ersten Spaziergang. Am Ende wollte Duncan recht flink nach hause und am Montag habe ich ihn dann komplett in Ruhe gelassen – und er mich auch. Das Gehirn war satt.

Am Dienstag abend dann fing er wieder an, aus dem Stalltor raus drängeln zu wollen wie er es vor dem ersten Spaziergang auch getan hatte. Das nehme ich als Zeichen dass er etwas erleben möchte. Selbst beim abendlichen Heu füttern kam er an und wollte lieber mit mir durch die Tür marschieren (sehr hungrig war er nicht mehr, er hatte schon seine riesige Extra-Portion verdrückt).

Nun blieb aber unter der Woche keine Zeit für ihn, nur für ein bisschen FBT (Freedom Based Training – Elsas Methode) im Paddock zwischendurch.

Erst am Sonntag hatten wir wieder Zeit, mit Duncan raus zu gehen und ich war sehr gespannt. Er schien sich zu freuen und marschierte munter los. Schon nach 300 Metern hielt er an um ein wichtiges Geschäft zu verrichten – er musste pinkeln! Das war für mich ein Highlight und es gab einen Keks dafür, denn Finlay war immer sehr eigen mit dem unterwegs pinkeln, was uns manches mal ein verspanntes Pony bescherte weil er musste aber nicht wollte… Auf der Liste noch zu übender Dinge stand das daher ganz weit oben…

Da Duncan so gut drauf war, wanderten wir an unserer Grasstelle vom letzten Mal vorbei noch etwas weiter den Weg entlang. Ich bat Arnulf, mit Diego hinter uns zu bleiben um zu sehen ob Duncan wohl auch bereit wäre, vorne weg zu marschieren. Zuerst wollte Duncan dann wenigstens MICH gern vor sich haben aber nach einer Weile zog er plötzlich an, lief frohgemut an mir vorbei und fand es völlig in Ordnung, dass ich auf Höhe seiner Flanke laufe. So schritt er zur Eroberung der Welt!

Nach einer Weile ließen wir die Pferde an einem anderen Platz grasen und gingen danach noch ein Stück weiter.

Sir Duncan erobert die Welt

Als wir zur nächsten Kurve kamen, entschieden wir, umzudrehen. Duncan wäre gern noch weiter gegangen aber wie bei kleinen Kindern kalkulierte ich den Rückweg als (in seinem Fall geistige) Anstrengung mit ein. Duncan blieb stehen und fragte, was das soll. Er hatte doch gerade so viel Spaß! Aber schließlich kam er dann doch mit. Ein Auto von hinten meisterte er völlig unaufgeregt – wir standen etwas auf Abstand in einem Knickloch.

Zwischendurch allerdings versuchte er mich ein paarmal spielerisch zu kneifen und ich bin noch nicht sicher was das nun bedeuten soll. Doch geistig etwas müde und daher grantig? Er hatte auch ein etwas eingezogenes Mäulchen zwischendurch. Aber vielleicht war er auch nur sauer, dass er nicht grasen durfte? Oder war es reiner Schabernack? Hier ist noch eine leere Seite in meinem „Duncan-Wörterbuch“.

Jedenfalls hatte er wenig Bedürfnis, nach hause zu gehen. Keinerlei Beschleunigung diesmal, im Gegenteil, bevor Duncan den heimischen Hof wieder betritt, muss er erst noch den Weg gegenüber anschauen.

So denke ich also, meine Interpretation seines Aus-der-Tür-drängelns als Abenteuerlust ist korrekt, ich bin auch ziemlich sicher, dass er noch Lust gehabt hätte, weiter zu gehen. Nur dieses kleine Kneifen will beobachtet werden, da sind noch alle Möglichkeiten offen.

Eine Woche später machen wir zum ersten Mal seine Hufe. Er kennt das schon von der Züchterin, aber bei uns haben wir noch gar nichts mit Hufen gemacht, außer dass ich im Freedom Based Training das Beine anfassen geübt habe.

Er arbeitet gut mit, schafft 10 Minuten Konzentration und nach einer halben Stunde Pause schafft er noch einmal 20 Minuten, so dass wir alles fertig machen können. Wir haben einfach die Chance genutzt dass er es noch schafft, aber anstrengend war es wohl doch, denn danach passiert etwas noch nie dagewesenes: im Stall, als ich das Halfter abgenommen habe, kommt Duncan zu mir, legt seinen Kopf an meine Brust und ist für einen Moment ganz still. „ich bin müde“ scheint er zu murmeln und sucht bei mir etwas Ruhe.

Das finde ich äußerst interessant, denn normalerweise kenne ich es so, dass junge Pferde, die geistig müde sind, genau das Gegenteil tun, nämlich das Weite suchen oder aber spielerisch aggressiv werden um Stress abzubauen. Ich bin völlig überrascht von diesem Verhalten und mache mir eine geistige Notiz, darauf zu achten, ob und wenn ja wann er das noch einmal zeigt – dann kann ich auch besser darauf reagieren weil ich nicht mehr so überrascht bin.

Manchmal kommen „Blitzattacken“. Schon zweimal ist es im Freedom Based Training passiert dass er nach mir beißen wollte – beide Male im Zusammenhang damit dass ich links an seiner Flanke war. Normalerweise akzeptiert er mich aber in jeder Position um ihn herum, auch dort. Woher nun dieses – für mich unvorhersehbare – Verhalten kommt möchte ich auch noch erforschen.

An einer Stelle verhält Duncan sich ganz anders als ich es gelernt habe.

Wenn er auf mich zu kommt, kommt er immer ganz schnurgerade. Er macht keine kleinen Schlenker, kein Zögern, keine Kopfbewegung. Und er möchte, dass ich ganz genauso schnurgerade auf ihn zu gehe. Wenn ich – wie ich es im Horsemanship gelernt habe – ihm Platz mache, etwas rückwärts gehe, ihn einlade oder stehen bleibe, legt er die Ohren an. Es löst anscheinend diesen kleinen „Jagdinstinkt“ in ihm aus, der sich unter Pferden in einem kleinen spielerischen Kampf entladen würde (den ich als Mensch nicht möchte). Gehe ich aber – völlig gegen meinen Instinkt – schnurgerade auf ihn zu, so begegnen wir uns freundlich in der Mitte und er begrüßt mich in kuscheliger Stimmung. Auch beim Halftern kann ich am besten direkt von vorn kommen, was erfahrungsgemäß für viele Pferde problematisch ist. Er schlüpft dann fast selbst ins Halfter. Er hat viel mehr ein Problem damit, mich an der Seite zu haben (etwas, woran ich im Freedom Based Training mit ihm arbeite).

Da ich bei Finlay nie ausprobiert habe, mich so zu verhalten, habe ich keinen Vergleich wie er darauf reagiert hätte. Bei Finlay hatte ich so meine Vorstellung davon, wie „man das macht“, aber jetzt bin ich klüger (oder dümmer, weil ich so vieles nicht mehr weiß was ich vorher „wusste“?) Aber auch Finlay war so ein „direkter“ Typ und ich glaube es ist ein Stück weit rassebedingt.

Nun probiere ich also so herum und erforsche, wie Duncan es gern mag, was wir üben dürfen und wo ich mich einfach an seine persönlichen Vorlieben anpassen kann.

Duncan lernt natürlich auch meine Sprache. Und damit meine ich nicht nur die Körpersprache, sondern auch die Worte und Laute die ich von mir gebe. Er lernt, was ich für Töne mache, wenn ich rufe, was für Töne ich mache, wenn ich etwas gut finde und was ich vielleicht mal für Geräusche mache wenn ich etwas nicht mag. Während wir üben, dass er rückwärts von mir weggeht um die Schüssel zu bekommen, wird er nebenbei lernen, wie er aus meiner Stimme ablesen kann, wann er auf dem richtigen Weg ist. All diese Dinge wird er alsbald gut raus haben.

Einer von uns beiden wird die Sprache des anderen schneller lernen als der andere – und ich weiß ganz genau, wer dieses Rennen gewinnt…. Nicht mehr lange und Sir Duncan wird mich so gut lesen können, dass er mich mit meinen eigenen Waffen schlagen wird, wie Ponys es eben gerne tun. Und dann wird sich über die kommenden Jahre eine eigene, individuelle Verständigung entwickeln zwischen ihm und mir, wie sie überall da entsteht wo Mensch und Tier sich aufeinander einlassen. Und in ein paar Jahren werde ich diesen Text vielleicht lesen und schmunzeln, weil ich dann so viel mehr weiß als heute – und diese Vorstellung finde ich zugleich beruhigend und irgendwie sehr merkwürdig.

Pläne

Ich mag Pläne. Als ich Finlay vor 8 Jahren gekauft habe, da hatte ich eine genau Vorstellung von seiner Ausbildung. Jeden Schritt habe ich exakt angepasst an das Endziel, das ich vor Augen hatte. Ich hielt mich für schlau – da musste erst Finlay kommen um mir zu sagen, dass das ganz schön dumm war. Ich dachte, wenn ich nur das Ziel kenne, weiß ich immer wo es langgeht. Aber Finlay hatte ganz andere Ziele als ich und bis ich seine Ziele erkannt habe, sind ein paar Jahre ins Land gegangen.

Finlay im Alter von 15 Monaten – so alt ist Duncan jetzt

Letztlich haben Finlay und Merlin meinen großen Plan dann auch noch endgültig über den Haufen geworfen. Merlin sollte ja nun mit seinen 26 Jahren ein bißchen kürzer treten, ein bißchen mehr frei haben und Finlay sollte mehr und mehr von meiner Zeit bekommen. Aber Merlin möchte noch gar nicht kürzer treten – und Finlay ist nicht mehr da. Stattdessen habe ich jetzt Duncan, der noch lange braucht, bis er zum Reitpferd wird. Hoffentlich bleibt Merlin noch ein paar Jahre so schön fit! Ich habe schon auch Pläne für Duncan. Aber ich merke, dass diese Pläne anders sind als die, die ich für Finlay gemacht habe. Sie sind viel vager, sehr viel offener, ungenauer. Ich bin besser geworden im Umgang mit Pferden und ich habe nun diesen ganzen Jungpferde-Weg nun schon einmal komplett gemeistert (abgesehen von den vielen Jungpferden in meinem Kundenkreis die ich in den letzten Jahren ein Stück begleiten durfte). Ich habe mehr Zutrauen in meine eigenen Fähigkeiten – und ich habe auch mehr Fähigkeiten erworben – und kann Duncan dadurch viel mehr Spielraum und Freiheit lassen als ich es bei Finlay getan habe. Ich bin sicher, dass der Tag kommt, an dem Duncan all die lustigen Ideen hat, die auch Finlay plötzlich hatte in der Pubertät – Steigen beim Spazierengehen oder der ein oder andere gepflegte Wutanfall vielleicht.…, abhauen, buckeln, rempeln, treten, ignorieren, alles ist möglich. Bestimmt kommt der Tag, an dem ich mit Duncan ein Problem habe. Aber im Gegensatz zu meiner Finlay-Planung versuche ich nicht mehr, die Probleme im Vorfeld zu vermeiden. Denn ganz ehrlich: meiner Erfahrung nach kommen die so oder so. Und meistens an anderer Stelle als gedacht.

So ein bißchen „sich ausprobieren“ und „sich reiben“ gehört eben einfach zum erwachsenwerden dazu. Vielleicht kann ich das jetzt auch gelassener sehen, weil ich es bei Finlay schon einmal überlebt habe. Ich muss es auch gelassener sehen – wo ich doch meinen Schülern immer predige dass das das einzige ist was funktioniert… Lächeln und winken…

Als ich Finlay damals gekauft habe, wollte ich durch die Ausbildung das Pferd aus ihm machen was ich mir erträumt hatte als ich ihn zum ersten Mal sah. Aber jetzt sehe ich Duncan und ich fühle: die Priorität liegt für mich woanders. Die Priorität liegt darin, das, was da ist, nicht kaputt zu machen. Denn es ist schon alles da. Er braucht keine „Ausbildung“, er ist wunderbar so wie er ist. Ja, klar, er darf viele Dinge lernen, wir wollen eine gemeinsame Sprache entwickeln und Abenteuer erleben. Aber sein ganzer Charakter, seine Persönlichkeit ist ja schon da. Sie zum Strahlen zu bringen und nichts kaputt zu machen ist mein größtes Ziel.

Seine wunderbare Art, mit der er immer zu mir kommt um ein bißchen zu schnacken, seine Art die Welt zu erkunden und wahrzunehmen, seine Neugierde, sein Interesse an allem, sein Mut, seine Unbekümmertheit … mehr braucht es doch gar nicht für ein fabelhaftes Pony! Na gut, ein paar Zentimeter Körpergröße (vor allem vorne!) fehlen noch, aber das schafft er allein, wenn ich nur genug Heu serviere.

Natürlich habe ich trotzdem Wünsche und Ziele. Ich wünsche mir, dass mein Duncan eines Tages so wunderschön sein wird wie sein Papa Ghillie Dhu.

Duncans Papa „Trailtrow Ghillie Dhu“

Ich wünsche mir, dass er mit seiner Ausstrahlung Menschen in seinen Bann zieht, wie Diego es tut. Dass er eines Tages bereit sein wird, so viel für mich zu tun wie mein Merlin.

Und dass er Abenteuer genauso liebt wie Finlay.

Wahrscheinlich überrascht er mich mit ganz anderen Qualitäten!

um nicht zu sagen: er hat mich bereits mit anderen Qualitäten überrascht…

Träume habe ich schon ein paar…

Ich stelle mir vor, wie wir in 4 Jahren auf den ersten kleinen Distanzritt gehen, wie wir vielleicht schon in 3 Jahren Sulky fahren, so dass er mich nicht tragen muss aber wir schonmal bißchen Strecke machen können. Ob er sich das auch so vorstellt, werden wir wissen, wenn es so weit ist.

Davor werde ich wohl endlose Kilometer mit ihm zu Fuß gehen. Denn ich vermute, dass er schon sehr bald viel Spaß daran haben wird, mit Diego zusammen fremdes Gelände zu erkunden. Wir werden sehen, ob ich damit richtig liege. Und ob ich passendes Schuhwerk finde. Ausgerechnet mir – ich geh ja so gar nicht gern zu Fuß. Aber da muss ich jetzt wohl durch…

Der einzige wirklich große, unverrückbare Plan den ich habe ist eigentlich keiner. Ich möchte, dass eine Beziehung zwischen uns entsteht – eine genauso große, schöne, tiefe, wundervolle Beziehung wie ich sie zu Merlin und Finlay habe.

Es wird nicht die gleiche Beziehung sein wie mit Finlay oder Merlin, denn Duncan ist anders als die beiden und ich verändere mich ja auch ständig (so hoffe ich!). Aber sie soll genauso wundervoll werden. Und ich weiß, Wunder brauchen ein bißchen Zeit und Geduld. Beziehung entsteht nicht aus dem Nichts, nur weil man sich mag. Ich finde ja immer, Beziehung lebt vom Alltag. Vielleicht habe ich das von meiner Mutter gelernt. Sie wollte niemals Aufmerksamkeit zum Muttertag. Sie fand, wenn eine Mutter im Alltag keine Annerkennung bekommt für das, was sie als Mutter leistet, dann ist so ein Blumenstrauß und eine Pralinenschachtel nichts weiter als üble Heuchelei und der spärliche Versuch einer Art Entschuldigung. Wenn man aber im Alltag gut miteinander umgeht und die Leistungen des anderen anerkennt, werden Blumenstrauß und Pralinenschachtel plötzlich ganz unwichtig. Und obwohl Duncan vermutlich beides – die Blumen und die Pralinen – lecker finden würde, scheint es mir auch keine geeignete Art, eine Beziehung zu ihm aufzubauen.

Der Umgang im Alltag ist es, der eine Beziehung ausmacht – sei sie nun gut oder schlecht.

Die Frage ist also: wie soll unser Alltag sein? Wie soll er jetzt sein und wie wird er später wohl sein?

Ein paar kleine Dinge regele ich zwischendurch und nebenbei, das ist ja immer die einfachste Methode. Wenn ich Duncans Schüssel oder das Extra-Heu „freigebe“ nachdem er brav sein Schrittchen zurück gemacht hat, sage ich „grasen“ was bei uns das Signal ist für „du darfst essen“. Wenn er jetzt schon dieses Wort so verknüpft, erleichtert mir das später die Diskussion ums Fressen oder nicht fressen wenn wir draußen unterwegs sind. Fressen ja – nach Freigabe.

Wenn Duncan auf mich zukommt, rufe ich ihn. Die nicht so konditionierungserfahrenen unter Euch bemerken hier das wichtige Timing: ich rufe ihn (noch) nicht DAMIT er kommt. Ich rufe ihn nur dann, wenn er schon auf dem Weg zu mir ist. Es ist eine reine Assioziationsübung: Das Wort „Duncan“ wird verknüpft mit der Bewegung auf mich zu. Später irgendwann werde ich es als Kommando benutzen können, aber das dauert noch. Aber durch die Vorarbeit die ich jetzt leiste wird er dann schon wissen, worum es geht. Wenn ich alle Ponys rufe („Pooooooniiiiiiiies“) kommt er ja eh schon mit, das kennt er schon. Noch später soll er lernen, dass er nicht Merlin, Diego oder Caruso heißt, sondern eben Duncan. Aber das wird gezieltes Training erfordern und ist noch etwas hin. Und ich schätze er wird sowieso immer kommen, egal wen man ruft….

Wenn ich ihn jetzt zu seinem Extra-Heu führe, haben wir erschwerte Bedingungen. Da er im Alltag kein Halfter mehr trägt, muss ich es ihm nun anziehen, ihn in sein Separe führen und vor dem Heu wieder ausziehen. Hui da war nochmal kurz Diskussion. Ob man wohl den Kopf stillhalten muss wenn das Halfter ausgezogen wird? Ja, man muss. Denn sonst ziehe ich es ihm eben wieder an und wir fangen von vorne an – das Heu wartet ja zum Glück geduldig und läuft in aller Regel nicht weg. Nach der ersten solchen Diskussion hatte Duncan das sofort verstanden. Getreu dem Duncanschen Motto „viel hilft viel“ bleibt er seitdem sogar – ohne dass ich ihn darum gebeten hätte – neben mir stehen wenn das Halfter schon runter ist und wartet darauf, dass ich ihm explizit erlaube, zum Heu zu gehen! Oha, was für ein ritterliches Benehmen! Naja, aber wenn der Hunger zu groß ist – so musste ich erst kürzlich lernen – dann vergisst der Ritter seine Tugenden. Dann kann das auch mal wieder länger dauern mit dem Halfter ausziehen. Das ist halt der Spaß mit jungen Pferden: sie können sich selbst noch nicht gut regulieren, die Gefühle gehen schnell mal mit ihnen durch und sie verhalten sich unter Umständen heute ganz anders als gestern oder morgen. Sie probieren sich viel mehr aus als die Erwachsenen, stellen viel mehr in Frage, suchen Grenzen ganz bewusst – weil das eben zum erwachsen-werden dazu gehört. Nicht, dass sie vergessen würden, was man ihnen beibringt – sie suchen nur öfter mal nach neuen Lösungen und teilweise sind sie da auch recht kreativ…

Wenn ich irgendeinen konkreten Plan habe, dann den: im Alltag genau diese kleinen Dinge zu beachten. Mir die Zeit zu nehmen, Kleinigkeiten zu korrigieren oder zu loben. Zu bemerken, welche Verhaltensweisen sich gerade einschleichen, die ich haben oder nicht haben möchte. Strategien zu entwickeln mit den Verhaltensweisen umzugehen, die ich nicht möchte. Eine Strategie haben heißt nämlich nicht, Verhalten zu bestrafen. Sondern umzulenken, zu verhindern dass es überhaupt auftritt, sinnvollere Alternativen anzubieten und zu etablieren. Wenn ich strafen „muss“ (meist nur aus Selbstschutz) bin ich zu spät dran. Kommt vor, ganz bestimmt. Hoffentlich nicht allzu oft.

Im Wesentlichen geht es immer mal um ein paar Sekunden – oder mal Minuten – die ich investieren darf.

Anfangs ist Duncan zum Beispiel beim Führen öfter mal stehengeblieben. Einfach so, meist ohne konkreten Anlass, manchmal mit konkretem Anlass. Früher hätte ich ihn dann in der einen oder anderen Form angetrieben, weil ich Sorge gehabt hätte, dass er sich das Stehenbleiben sonst angewöhnt. Heute bin ich da gelassener. Ich bin mit ihm stehengeblieben, habe einen Hauch von Zug am Strick gehalten, gerade so dass ich sicher war, dass er merkt, dass ich gern weitergehen möchte. Wer mich kennt weiß: das ist wirklich wenig. Nur so eben dass der Strick nicht durchhängt. Und dann habe ich gewartet. Und irgendwann ging es dann weiter. Inzwischen passiert es fast gar nicht mehr, dass er stehenbleibt. Eigentlich nur noch wenn er etwas anschauen möchte. Dann schauen wir gemeinsam und gehen danach weiter.

Wenn ich die paar Sekunden nicht habe, auf mein Pferd zu warten, dann wird mein Pferd auch keine paar Sekunden für mich haben, wenn es darauf ankommt.

Wenn ich die Freundlichkeit und Höflichkeit nicht habe, mein Pferd nett zu fragen und auf eine nette Antwort zu warten, werde ich auch keine nette Antwort bekommen.

Wenn ich mir nicht die Zeit nehme, etwas richtig zu erklären oder zu zeigen, lasse ich mein Pferd unsicher zurück und erschaffe mir das nächste Problem.

Ich bin das Vorbild, die „Große“ in dieser Beziehung. Es liegt an mir, eine gute Beziehung aufzubauen, es ist nicht die Verantwortung meines Pferdes. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, liegt es an mir, Lösungen zu finden.

So ist also der Plan – nicht zu viel zu planen, aber doch ein bißchen vorauszudenken. Nicht zu eng zu sein im Konzept aber doch sehr präsent, sehr aufmerksam wahrzunehmen was vor sich geht.

Ein Kinderspiel quasi….. ach ja und natürlich: Duncan das Ganze möglichst als (Kinder)spiel verkaufen!

Seine Sicht der Dinge

Guten Tag, mein Name ist Sir Duncan Dhu of Nakel.

Meine Menschen neigen dazu, meinen Namen abzukürzen, womit ich einverstanden bin. „Duncan“ – der dunkelhaarige Krieger – ist ein guter Name für mich (naja, abgesehen davon dass mein Haar wohl nicht mehr sehr lange dunkel sein wird).

Was ich nicht in Ordnung finde ist, wenn sie mich „Dunci-wanki“ „wampi Dhu“ oder „Daddeldidu“ nennen. Das werde ich ihnen noch abgewöhnen müssen! Zugegeben, mein Körper ist noch klein – deutlich zu klein für meinen Geschmack – aber deswegen muss man mich wirklich nicht behandeln wie ein Baby!

Ich versuche, meine Körpergröße möglichst schnell an meine charakterliche Größe anzupassen. Das gelingt mir, indem ich reichlich wertvolle Speisen zu mir nehme. Mir fällt auf, dass ich deutlich mehr Speisen gereicht bekomme als die meisten anderen Ponys hier – vermutlich wissen auch meine Menschen, dass so ein großer Charakter wie meiner nicht in so einem kleinen Körper wohnen kann. Ich bekomme durchaus erlesene Dinge serviert und darf auch selbst wählen, welche mir schmecken und welche ich zurückgehen lasse. Was mir allerdings nicht einleuchtet ist die Sache mit den Tischmanieren. Man zeigt mir leckeres Essen, dann sagt man, ich müsste von dem Essen weg rückwärts gehen um es zu bekommen. Menschen scheinen mir doch sehr sehr unlogische Wesen zu sein! Welcher Ritter geht schon rückwärts? Das könnte ja nur ein Feigling sein! Immer vorwärts hinein in den Kampf! Aber unter uns: Mein Mädchen ist ein ganz schön stursinniger Mensch. Sie nutzt es schamlos aus, dass ich ein Gentleman bin und mich niemals mit einer Frau im Kampfe messen würde. Ich habe schon mal angedeutet, dass ich durchaus stärker bin als sie…. Aber sie hat gelacht und gesagt, das würde ihr gar nichts ausmachen, denn sie sei dafür deutlich stursinniger als ich! Unglaublich! Aber leider sehr wahr. Mir scheint, sie verfügt über einen schier unbeugsamen Willen! Ich werde noch üben müssen, mich in dieser Kunst mit ihr zu messen.

Allerdings habe ich doch eine kleine Schwachstelle gefunden – ihr Lindenblatt quasi. Sie liebt mich nämlich. Ich meine ehrlich: das ist kein Wunder! Wer würde mich nicht lieben! Aber sie liebt mich nicht nur ein bißchen – sie ist mir total verfallen. Wartet nur einige Wochen, bis ich genauer ausgelotet habe, worauf sie steht, dann wird sie mir zu Füßen liegen! Ein echter Ritter braucht nicht immer ein Schwert um zu seinem Recht zu kommen, hat Papa gesagt.

Meine Ausbildung schreitet gut voran. Mein Adoptivvater Diego der Große ist ein mächtiger Ritter, der alles weiß und kann was man in der Menschenwelt wissen und können muss. Er weist mich ein in die Kunst der Menschenzähmung. Besonders beeindruckend finde ich seinen Augenaufschlag mit anschließendem Wimpern-Klappern, das funktioniert einfach immer. Ich arbeite noch an dieser Technik. Aber Diego der Große hat mir gesagt, es dauert Jahre, solche Dinge zu perfektionieren. Er sagt auch, jeder Ritter findet letztendlich seine eigene beste Taktik. Der individuelle Stil ist wichtig, er betont die eigenen Stärken und gleicht eventuelle Schwächen aus. (Moment mal: Schwächen? Was soll das sein?)

Auch Merlin, der große Zauberer, reich an Jahren und Erfahrung, lehrt mich viele Dinge. All diese Dinge sind streng geheim, sie dürfen niemals den Kreis der Ponys verlassen, die Menschen dürfen nichts davon erfahren. Denn die Magie ist unsere stärkste Waffe um in der Menschenwelt ein angenehmes Leben führen zu können.

Mein Schotten-Kollege Gatsby und ich haben unseren Clan-Krieg nun beigelegt. Anfangs dachte ich, dieses Stück Land sei wahrlich zu klein für uns beide. Aber natürlich sind wir Ehrenmänner und wollen die anderen nicht belasten mit Fehden die sie nicht betreffen. Schotten unter sich machen so etwas beim Baumstammweitwurf und Tauziehen aus und dann wird der Streit beigelegt. Und wenn ich ehrlich bin: er ist echt auch ganz nett. Ab und zu gehen wir jetzt gemeinsam einen Whiskey trinken. Darf aber keiner wissen also psssssst …

Und dann ist da noch Caruso. Er ist das erstaunlichste Pony hier. An Körpergröße und Gewicht mir weit unterlegen und ohne jeden Rang und Namen, keinerlei Macht und Einfluss bekommt er doch stets seinen Willen! Was ihm an Kraft, Masse und Herkunft fehlt, gleicht er durch Geschwindigkeit, Mut und Gewitztheit wieder aus. Von ihm habe ich noch eine Menge zu lernen und ich halte mich vorerst ganz besonders an ihn, denn solange mein Körper noch so klein ist, brauche ich seine Fähigkeiten am allermeisten! Später, wenn ich erst einmal so groß und stark bin wie mein Papa werde ich sicher bessere, meiner Herkunft angemessenere Wege gehen können.

Wobei ich noch einmal betonen möchte, dass auch Papa nie mit dem Schwerte gegen Menschen kämpft, genau wie Diego der Große. Es ist verpönt unter Ponys, die Menschenwelt mit gezogenem Schwert zu betreten. Nur Feiglinge und Dummköpfe tun das! Wir ehrenwerten Ritter siegen ohne zu kämpfen – das ist die wahre Kunst! Dennoch ist eine gewisse Stattlichkeit für die Menschen sehr beeindruckend – und für Schönheit sind sie obendrein sehr empfänglich, gut aussehen ist schon die halbe Miete. Halte Dein Langhaar in Ordnung sagt Diego der Große immer, es ist eine Deiner wirkungsvollsten Waffen. Und sollte es einmal in Unordnung sein, zeig Deinem Menschen das Problem, er wird sich darum kümmern. Menschen lieben Pferdemähnen und üppige Schweife und sind gerne lang und ausgiebig mit bürsten beschäftigt. Nun ist da ein Haken an der Sache: ausgerechnet mein Mädchen scheint da die große Ausnahme zu sein! Da werde ich sie noch unterrichten müssen fürchte ich! Diego der Große sagt, ein paar Kletten hie und da können Wunder wirken – leider habe ich bisher keine Kletten entdecken können. Caruso hat allerdings gelegentlich mit der kunstvollen Einflechtung von Weißdornzweigen Erfolg, das könnte ich mal probieren wenn mein Mädchen nicht bald loslegt mit dem bürsten und pflegen.

Zauberer Merlin hingegen kommt komplett ohne schönes Langhaar aus. Unter uns: er sieht aus wie ein gerupftes Huhn. Aber er besitzt eine einzigartige Fähigkeit, die ich unbedingt erlernen möchte: er kann das Stalltor öffnen! Ich muss wirklich dahinterkommen wie er das macht.

Denn die wirklich spannenden Dinge passieren immer hinter diesem Tor, vor allem die Erkundung unserer Ländereien!

Außerdem ist er der einizige, der genauso viele Speisen gereicht bekommt wie ich – manchmal sogar mehr und bessere! Ich muss unbedingt herausfinden wie er das macht! Und ich werde nicht – wie mein Mädchen es immer sagt – damit warten bis ich so alt bin wie Merlin. Das dauert ja noch ewig! Er ist ja sogar älter als meine Mama!

Mein Mädchen ist wirklich ok. Wusste ich gleich als wir uns zum zweiten Mal gesehen haben. Beim ersten Mal hatte ich keine Zeit, da habe ich um eine Stute geworben (Papa hat mir gezeigt wie das geht).

Ein Bild aus meiner Menschen-Such-Anzeige. Mein Mädchen war gleich entzückt von dieser Pose! Im Hintergrund seht Ihr Mama (schwarz) und Papa (weiß)

Aber beim zweiten Mal habe ich sie mir näher angeschaut. Und da meine Menschenmama gesagt hat, es sei Zeit für mich, meine Heimat zu verlassen und die weite Welt zu erkunden und ich sollte mir dazu einen passenden Menschen suchen, habe ich mein Mädchen gewählt. Unter uns: die zwei anderen Menschen die vorher da waren und mich mitnehmen wollten, waren einfach nichts für mich. Ich geh doch nicht mit irgendwem mit! Nein nein das hab ich meiner Menschenmama gleich gesagt. Wer mich nicht zu schätzen weiß, mit dem will ich nichts zu tun haben! Und auch Langweiler und Tüddeltanten sind einfach nichts für mich.

Bei unserer zweiten Begegnung hat mein Mädchen mir ein neues Dings gezeigt. Das war so spannend!
und dann hat sie gesagt, wenn ich bei ihr einziehe, erleben wir jede Menge Abenteuer zusammen. Da konnte ich einfach nicht nein sagen!

Ich hatte wirklich Glück dass dann plötzlich mein Mädchen aufgetaucht ist. Es wurde nämlich langsam etwas langweilig zu hause. Jetzt muss ich meinem Mädchen nur noch erklären, dass ich wirklich -wirklich! – kein Baby mehr bin! Man, was die immer denkt: das ist zu viel für ihn, er ist doch noch so klein! Boah! Da könnte ich schon mal wütend werden. Da geht man endlich mal raus und erkundet die Welt und nach 10 Minuten will sie schon wieder umdrehen! Sagt, ich wäre bestimmt müde und sie will mich nicht überfordern. Hör mal, Mädchen, Überforderung ist ein Wort das ein echter Ritter gar nicht kennt! Na, ich werde es ihr schon noch erklären können.

Ich finde auch, sie schenkt mir noch etwas zu wenig Aufmerksamkeit. Daran werde ich auch noch arbeiten. Diese kurze Begrüßung zwischendurch wenn ich eindeutig anmelde dass es Zeit wäre, etwas zu erleben und dann muss sie stattdessen Äppel einsammeln (ok das verstehe ich, ist sonst echt eklig), Zäune bauen (das verstehe ich nun so gar nicht – warum werde ich so eingeschränkt in der Eroberung der Welt?) oder sie beschäftigt sich mit den anderen Ponys (wenn ich die nicht so gern mögen würde… echte Konkurrenz ist das!)

Oft bringt sie auch nur Heu und ist schon wieder weg. Ich meine: ist ja nett, dass sie so regelmäßig und zuverlässig Heu serviert, aber ich möchte doch gern mal ein gepflegtes Tischgespräch mit ihr führen! Sie isst auch nie mit uns, das finde ich doch etwas unhöflich. Hält sie sich für etwas besseres?

Nun, ich werde an all diesen Dingen noch zu arbeiten haben aber das macht mir nichts, niemand ist perfekt geboren (sogar ich nicht! Obwohl ich sicher näher dran bin als die meisten… ) und so werde ich sie schon noch ausbilden. Merlin der Zauberer sagt immer, ich würde mir keine Vorstellung machen, wie sie vor 18 Jahren so war und was er schon alles an Arbeit investiert hat! Ich bin ihm sehr dankbar für diese Vorarbeit. Er ist wohl sehr geduldig, wenn er akzeptiert dass sie nach 18 Jahren immer noch so gravierende Fehler macht. Er sagt, sie hat schon so gute Fortschritte gemacht und dass man Menschen für jeden noch so kleinen richtigen Versuch ausgiebig loben muss, dann lernen sie am schnellsten.

An sich denke ich ja, so ein herzhafter Kniff kann da vielleicht auch mal Wunder wirken aber tatsächlich scheint mir, dass mein Mädchen da irgendwie so gar nicht drauf reagiert. Sie spricht dann einfach nicht mehr mit mir und wenn sie wieder spricht, macht sie genau den gleichen Quatsch wie vorher. Zauberer Merlin sagt, ich werde noch ein paar Unterrichtseinheiten bei ihm brauchen und dann viele viele eigene Erfahrungen sammeln bis ich sie wirklich in jeder Situation im Griff habe. Gut, dass ich jung bin, sagt er immer, ich könnte dann sein Lebenswerk weiterführen wenn er in den Ruhestand geht. Und ich denke mir: gut, dass ich ein furchtloser Ritter bin, denn sonst würde ich allein bei dem Gedanken an dieses Langzeit-Projekt vielleicht schon verzweifeln.

Kneifen hab ich probiert – klappt nicht so wie ich will. Aber ich gebe noch nicht auf!

Nun, ich höre von meinen Freunden hier, dass es viel schlimmere Menschen gibt als die unseren, also will ich mich nicht beklagen. Und ich habe sie mir ja auch selbst ausgesucht, nun muss ich damit leben und sie mir selbst ausbilden. Bei Gelegenheit werde ich Euch von meinen Fortschritten diesbezüglich berichten.

Aber nun, liebe Menschen, habe ich wichtigeres zu tun als mit Euch zu plaudern. Es wird Zeit, an die Heutafel zurückzukehren und mit Merlin dem Zauberer über das Leben, die Menschen und das Große Ganze zu philosophieren.

Lebet denn wohl und auf bald!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Label A

Warnung: Dieser Artikel handelt von Waschmaschinenlabeln und enthält groben Unfug!

A wie Abenteurer

Duncan hat also letzte Woche seine Furchtlosigkeit unter Beweis gestellt. Weder Plane noch Matratze konnten ihn irgendwie beeindrucken. Mehr noch: er selbst hatte sofort wieder die Idee sich das alles anzusehen. Hilfe oder Aufmunterung braucht er für so etwas nicht. Meine Freundin steht daneben, lacht genauso schallend wie ich und sagt dann „Label A++“.

Sie meint damit das Abenteurer-Label. Finlay hatte A wie Abenteurer und Duncan sieht nach A++ aus. Wie bei Waschmaschinen, die das noch bessere Energielabel haben. Solche, die quasi fast schon Strom erzeugen, während sie waschen. Heimlich stelle ich mir einen solchen Aufkleber auf Sir Duncans Hintern vor und muss schon wieder kichern.

Dann denke ich an das Ellie-Abzeichen aus dem Film „Oben“ und habe Tränen in den Augen. Vielleicht würde Finlay, wenn er noch da wäre, Duncan das Abzeichen verleihen. Der Film wird für mich auf magische Art immer mit Finlay und Duncan verbunden sein – auch wenn viele von Euch meine Vorliebe für Kinderfilme vielleicht schräg finden.

Label A++, mal sehen ob sich das bewahrheitet. Es ergeht der Beschluss, bald einen ersten Spaziergang zu wagen. Aber vorher passiert noch etwas ganz wunderbares:

A wie Adoption

Als wir Duncan gekauft haben, war meine größte Sorge, was Diego davon halten würde. Finlay war Diegos „Adoptivsohn“, sein wichtigster und bester Freund, vielleicht der beste Freund den er je hatte. Als Finlay uns verlassen hat, war das für Diego mit Sicherheit ein noch viel härterer Schlag als für mich. Aber Diego, stark wie er ist, hat sich nicht viel anmerken lassen. Er hat weitergemacht, still getrauert, die Herde weiter geführt. Nur, was würde er sagen, wenn jetzt so ein Zwerg hier einzieht? Wäre er bereit, noch einmal „Papa“ zu sein? Könnte er sich noch einmal darauf einlassen, einen kleinen Rotzlöffel großzuziehen und bei der Ausbildung so wunderbar und großartig zu helfen wie er es bei Finlay getan hat? So viel Sicherheit zu geben, so ein großes Vorbild zu sein?

In den letzten Wochen hat Diego sich von allen Ponys hier am wenigsten um Duncan geschert. Er hat ihn fast ignoriert, ihm nur gelegentlich gesagt, dass er weggehen soll, ihn aber auch viel eher mal nah bei sich akzeptiert als Gatsby das getan hat.

In seiner ruhigen, nachdenklichen Art kam er mir immer vor als würde er sich das erstmal anschauen. Als bräuchte er Zeit, sich zu überlegen, wie er damit umgeht. Oder vielleicht als bräuchte er einfach nur etwas Zeit – wie wir alle – um zu akzeptieren, dass Finlay nicht mehr da ist, dass Duncan dafür jetzt hier bei uns ist und dass das ja etwas Gutes sein könnte. Duncan hat sich Diego nicht aufgedrängt. Im Gegensatz zu Finlay, der damals unbedingt sofort mit Diego befreundet sein wollte (vielleicht auch weil er anfangs nur Merlin und Diego als Gesellschaft hatte), hat Duncan sich eher unsichtbar gemacht. Er ist Diego zwar gefolgt und immer wieder in seiner Nähe gewesen, aber ganz unauffällig, ganz anspruchslos. Nur so da sein, das wollte er.

Und dann, letzten Donnerstag, nahm die Magie ihren Lauf.

Und hier kommt der versprochene grobe Unfug ins Spiel, denn jetzt erzähle ich Euch die vermenschlichte Version der Geschichte:

Unter Zeugen (nämlich in Anwesenheit von Caruso und in Sichtweite von mir) wurde am 7.11.2019 der offizielle Adoptionsvertrag unterschrieben. Der Vertrag wurde verlesen und von den Parteien gehört. Jede Partei hat ihre Rechte und Pflichten verstanden und eingewilligt. Sir Duncan Dhu of Nakel ist jetzt der rechtmäßige Sohn von Diego dem Großen. Sir Duncan Dhu verpflichtet sich, auf seinen Vater zu hören und zu tun was er ihm sagt. Diego der Große verpflichtet sich, auf seinen Sohn aufzupassen und ihm die Welt zu zeigen und zu erklären.

Mit ein paar liebevollen Nasen- bzw. Oberlippenstübern wurde das ganze dann besiegelt.

Über viele Minuten lief dieses Gespräch, ganz ruhig, ganz unspektakulär und doch für mich vielleicht der bisher wichtigste Moment seit Duncan hier ist.

Ich weiß nicht, ob es das bei Pferden gibt: diesen Moment in dem sie entscheiden, welche Beziehung sie zueinander führen wollen. Ob alles wächst, ganz still und leise, oder ob da dieser Augenblick ist, wie vielleicht bei uns eine Hochzeit, eine Adoption oder ein erster Kuss.

Es sah für mich jedenfalls so aus wie ein Augenblick der Besiegelung. Ein Moment, in dem sich etwas geändert hat, in dem etwas festgeschrieben wurde, was sich vorher nur leise angebahnt hat. Ein Gespräch darüber, wie man die Zukunft gemeinsam gestalten möchte, wie man zusammenleben möchte, in welchem Verhältnis man zueinander steht.

In meinem Herzen ist mehr Frieden eingekehrt seit ich die beiden so gesehen habe. Vielleicht können wir alle jetzt heilen – Diego, ich und natürlich auch die anderen, die alle mehr oder weniger unter Finlays Tod und seiner Abwesenheit leiden. Wenn ich weiß, dass die anderen Ponys einverstanden sind mit meiner Entscheidung, Duncan hier her zu holen, dann können wir wieder gemeinsam unser Paradies neu aufbauen.

Nicht dass jetzt plötzlich alles nur noch Friede-Freude-Eierkuchen wäre. Die Herde muss sich trotz allem noch finden – neulich haben Diego und Gatsby gemeinsam Duncan nochmal so in die Ecke gedrängt dass der durch den Zaun marschiert ist. Blöder Fehler meinerseits, ich hatte eine doofe Situation geschaffen.

Aber seit ich Duncan und Diego bei der „Adoption“ gesehen habe, bin ich endgültig sicher: das wird. In einigen Monaten wird alles seine Ordnung gefunden haben.

A wie Ausflug

Nachdem also nun die Adoption abgeschlossen ist, wird es Zeit für ein echtes Abenteuer. Bei schönstem Herbstwetter wagen wir einen ersten kleinen Spaziergang.

Als ich Duncan gekauft (aber noch nicht hierher geholt hatte) habe ich zu einem Freund gesagt: naja, der wird hier erstmal nur sein, der sagt mir dann schon bescheid, wenn er was tun möchte.

Ich war sicher: Duncan wird mich wissen lassen wann er beschäftigt werden möchte. Und er hat es mich wissen lassen. War halt ETWAS früher als ich gedacht hätte…. Jedem hätte ich abgeraten, nur 6 Wochen nach Einzug mit einem Jährling spazieren zu gehen. Was für eine Schnapsidee! Jedem Pferdebesitzer hätte ich gesagt „lass den mal in Ruhe der hat genug zu tun“. Aber Duncan steht da und hat Lust, ganz eindeutig. Es soll bitte losgehen.

So marschieren wir also los. Bis zur ersten Abzweigung, das sind so 500 Meter. Dort etwas Gras naschen, dann wieder nach hause. Das Ganze in Begleitung von Adoptiv-Papa Diego und Arnulf.

Duncans Öhrchen arbeiten die ersten Minuten auf Hochtouren. Er möchte überall hinschauen, geht dabei aber ganz gut weiter. Ich lasse ihn gehen wie er mag und schaue immer da hin wo er hin schaut. Ich versuche, diese aufregende Welt durch seine Augen zu sehen und als er eine Stelle entdeckt, an der anscheinend Wildschweine den Weg gekreuzt haben, bin ich mal wieder beschämt über meine mangelhafte Wahrnehmung solcher Dinge. Dort möchte er stehen bleiben und schauen, das machen wir dann auch.

Später schaltet er zeitweise ab, klappt die Ohren ein und dackelt neben mir her. Informations-Überladung denke ich mal.

Als wir an der Grasstelle anhalten, ist er zunächst überrascht, dass er grasen darf. Arnulf geht ein Stück weg um zu fotografieren und plötzlich findet Duncan es bedeutend wichtiger, zu Arnulf (nicht Diego!) zu gehen, als zu essen. Schnurstracks hinmarschiert und dann dort weiter gegrast. Noch selten habe ich ein Pony gesehen, dem der Kontak zu Menschen so viel bedeutet.

Nach einer kleinen Diskussion, warum wir nach wenigen Minuten schon wieder aufhören mit Grasen, geht’s dann wieder nach hause. Duncan schnuft mit der Nase am Boden und versucht, mich auszutricksen indem er vom Schnufen direkt zum Essen übergehen möchte. Klappt aber nicht, ich kenne diesen Trick zu gut. An der Wildschwein-Stelle bleiben wir wieder stehen und schauen.

Ich habe keinen Bedarf, ihn irgenwie zu beeinflussen (außer dass jetzt nicht gegrast wird). Er geht, ich gehe mit. Mal bin ich rechts, mal links, mal vorne, mal weiter hinten. Ich fühle mich absolut sicher, sehe keinen Grund, etwas zu ändern. Als ein Auto von hinten kommt, drehe ich Duncan um und lasse ihn schauen. So findet er das Auto uninteressant, demnächst werden wir dann probieren was passiert wenn Autos von hinten kommen – das war für Finlay sehr lange ein Thema.

Auf den letzten Metern wird Duncan flott. Vielleicht habe ich es heute mal geschafft, dass er genug Input hatte und müde ist?

Ich beschließe, ihn mindestens so lange in Ruhe zu lassen, bis er wieder nach Abenteuer fragt. Diese Anfrage kommt Dienstag abend beim „ins-Bett-bringen“. So lange hat er anscheinend gebraucht um das Erlebte zu verdauen. Ob ich ihn da richtig verstanden habe, werden wir sehen… eine gemeinsame Sprache müssen wir ja erst noch finden. Dazu schreibe ich bald nochmal was für Euch.

A wie Acht Jahre

Der Spaziergang macht mich nachdenklich. Ich bin mit Duncan ungefähr da, wo ich vor 8 Jahren mit Finlay war. So ganz stimmt das nicht, denn vor 8 Jahren war Finlay erst 7 Monate alt und noch bei Mama, aber ich kannte ihn schon länger als ich Duncan jetzt kenne.

Vor 8 Jahren habe ich das alles ganz anders gemacht. Ich hatte ein System, eine feste Idee, was Finlay lernen sollte, welche Verhaltensweisen ich etablieren und fördern wollte. Ich hatte einen Plan, welcher Schritt zuerst kommt und welcher danach. Mein erstes eigenes Jungpferd, da hatte ich genaue Vorstellungen wie alles laufen soll. Ich war auch ganz sicher, was mein Ziel ist. Finlay hat sein Leben damit verbracht, mein System zu sprengen und meine Pläne zu vernichten. Das war seine Hauptbeschäftigung. Und jetzt wo ich von vorne anfange, sehe ich, wie viel ich gelernt habe, wie viel sich für mich verändert hat in den vergangenen acht Jahren. Danke mein Finlay, für die großen Lektionen, die Du mich gelehrt hast. Duncan profitiert jetzt davon. Duncan wird es leichter haben mit mir, denn ich habe keinen Plan. Wünsche und Ziele ja, aber keinen Plan. Ich bin sehr viel mehr im Vertrauen, dass das alles schon wird. Dass wir zusammen wachsen und zusammenwachsen werden. Dass Duncan Lust haben wird, etwas mit mir zu unternehmen und dass ich Lust haben werde, das mit ihm zu machen worauf er Lust hat. Ich bin ambitionsloser und gleichzeitig ambitionierter als damals. Finlay habe ich oft gesagt, was er tun soll. Oder ich hatte zumindest eine Vorstellung davon, was er tun soll. Bei Duncan warte ich viel mehr, was er denn so tut. Ich bin viel mehr Beobachter als Ausbilder. Damals wollte ich mein Ding machen. Heute möchte ich einfach nur möglichst viel Zeit mit Duncan verbringen. Ja, wenn ein Distanzritt dabei raus kommt, freu ich mich. Wenn nicht, wird Duncan andere, wunderbare Sachen für mich bereithalten. Finlay hat mir all diese Dinge geschenkt, von denen ich nicht mal geahnt hätte, dass sie mir Spaß machen würden. Sie haben mir Spaß gemacht, weil ich sie mit Finlay machen konnte. Weil mit Finlay zusammensein das Größte war für mich, weil wir so verbunden waren. So wird es auch mit Duncan sein, denn ich liebe ihn schon jetzt sehr und das ist alles was zählt. Jeden Tag erobert er mein Herz im Sturm und ehrlich gesagt glaube ich, er kann mich auch schon ganz gut leiden.

A wie Anfang

So fangen wir also an. Ganz vorne. Ganz neu. Völlig ungeplant, aber so ist es jetzt und ich bin froh dass Duncan hier ist. Unserem ersten gemeinsamen Ausflug werden weitere folgen auf die ich mich schon freue.