Ideen

Viele Reitschülerinnen beklagen sich, sie wüssten nie, was sie mal so machen könnten mit ihrem Pferd. Was könnte man denn mal üben? Inzwischen gibt es eine große Auswahl an Büchern und Internetseiten, wo man sich Anregungen für Übungen holen kann, allerlei mit Stangen und Hütchen, aber auch alles andere was das Herz begehren könnte. Aber während die einen keine Ideen haben, ist mein Kopf ständig voller Ideen was ich alles üben könnte. Überall sind noch Dinge, die ich gerne verbessern oder überhaupt mal anfangen und ausprobieren möchte. Die Welt ist voller kleinerer und größerer Herausforderungen für unsere Pferde und uns. Und selbst wenn es bis zur nächsten Chance auf einen Distanzritt noch viele Monate dauert, kann ich allein dafür schon eine Übungsliste schreiben, die sich gewaschen hat. Und da habe ich noch gar nicht angefangen mit den Dingen, die hier ungenutzt herumstehen, wie z.B meine schöne Garrocha, die ich seit Monaten nicht in der Hand hatte.

Ich glaube, es hapert oft an zwei Fähigkeiten, wenn Menschen sich mit ihren Pferden langweilen. Die eine ist, Aufgaben schwieriger zu machen. Ok, Du kannst Dein Pferd longieren. Kannst Du das auch, während Du selbst in der Mitte nicht stehst, sondern sitzt?

Die andere Fähigkeit ist das Gegenteil: die, Aufgaben leichter zu machen. Vorstufen zu finden, Dinge herunterzubrechen. Die Meister in dieser Disziplin sind immer dort zu finden, wo Menschen am wenigsten Druck auf ihre Pferde ausüben. Bei denen, die ausschließlich positiv verstärken (also clickern) und Elsa Sinclair (und vielleicht ähnlich trainierenden Menschen, die ich persönlich nicht kenne). Denn je weniger Druck man aufs Pferd ausübt, desto kleinschrittiger muss man arbeiten. Ich kenne niemanden, der Aufgaben so sehr ins Detail zerlegen kann wie Elsa. Dazu gehört dann aber auch zwangsläufig, dass man als Mensch lernen muss, winzige Details zu sehen. Am Anfang sieht man da nix. Weil das Gehirn das nicht kann. Ich erinnere mich an unseren ersten Distanzritt. Meine Freundin – immer vorneweg mit ihrem schnellen Pony, ich damals auf meinem sehr gemütlichen Finlay immer mit Abstand hinterher – war dafür zuständig, die Markierungen auf der Strecke zu finden. Anfangs war das ein Desaster. Wo sind die Marker bloß? Aber nach einer Weile sagte sie „ich fange an, sie zu sehen“. Ihr Gehirn hatte geübt und gelernt, die Markierungen schneller zu finden.

Mein Gehirn hingegen findet ein Jakobs-Kreuzkraut auf der Wiese wo Arnulf 3 mal vorbeimarschiert ist, so dass er inzwischen schon schwört, ich würde die da „reingucken“.

Und so stellt sich mir die bange Frage, ob Bücher und Internetseiten mit vorgegebenen Übungen nicht am Ziel vorbeigehen. Denn eigentlich müssten PferdebesitzerInnen ihr Gehirn dahin trainieren, Übungen selbst verändern zu können. Ja, am Anfang ist das mühsam aber ich habe gute Nachrichten: man kann über solche Fragen nicht nur beim Pferd nachdenken. Dafür eignen sich auch all die Leerlaufzeiten beim Autofahren, Putzen, Absammeln oder was sonst so ansteht. Und wenn man länger darüber nachdenkt, fällt einem dann bestimmt was ein, wie man eine bereits bestehende Übung wahlweise komplizierter oder einfacher machen kann. Und wenn man das öfter macht, wird man sein Gehirn alsbald dahin trainiert haben, immer mehr und immer lustigere Ideen auszuspucken. Ich lade alle dazu ein, das mal auszuprobieren.

Tipp an meine persönlichen Reitschülerinnen: wenn Du eine eigene Idee mitbringst, brauchst Du Dich nicht immer mit meinen bekloppten Aufgabenstellungen rumschlagen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 23. September 2025

Mein Mädchen war eine Woche in Urlaub – ohne mich! Frech finde ich das. Mir blieb hier zu Hause nur das Anlegen von Winterspeck. Muss ja auch gemacht werden! (Findet mein Mädchen ja nicht, aber die Diskussion hatten wir ja schon…)

Sonntag kam sie wieder und roch ganz fremd, da musste ich erstmal nachschnüffeln. Aber insgesamt scheint sie doch unverändert ganz die Alte zu sein. Und so ging es dann gestern auch gleich wieder mit einem Montagsausflug los. Schön, ich steh parat! Hufschuhe an, rein in die Wackelkiste, auf zum Ausreitkumpel. Diesmal Start von seinem Hof aus. Das heißt: Satteln auf dem Hofplatz. Ooooooh hier liegen ja leckere Eicheln! Das ist ja … verboten. Ach so ein Mist. Mein Mädchen hat gesagt, sie bietet mir Kekse an, wenn ich den Schnorch oben halte und die Eicheln eisern ignoriere. Hab ich dann auch fast die ganze Zeit geschafft und dadurch schonmal eine schöne Handvoll Kekse ergattert. Ok.

Sommersaison ist vorbei, also brauchen wir keine Fliegenmaske und keine Zebradecke mehr. Man könnte also meinen, das Satteln sei dann jetzt weniger kompliziert. Aber ach, kaum ist die Fliegensaison zu Ende, kommt ja schon die Saison wo es abends so schnell dunkel wird. Und das Mädchen vom Ausreitkumpel hat ja nun mal nur abends Zeit. Also muss beleuchtet und reflektiert werden, was das Zeug hält. Lampe und Reflektor an meinen Schweif, Reflektor an meine Brust, leuchtender Halsriemen, Lampe auf Mädchens Kopf. Haben wir es dann bald mal? Endlich ging es los. Aber jetzt merkte ich es doch, dass mein Dieselmotor eine Woche nicht so richtig warmgelaufen war, der stotterte zu Anfang etwas. Aber dann ging es und wir sind fröhlich getrabt bis wir zu der großen Rinderkoppel kamen. Da sind wir lieber Schritt gegangen, denn da stehen Kälber, die vielleicht auf komische Ideen kommen, wenn man an ihnen vorbeitrabt. Sie standen am Zaun und haben uns genau beobachtet und ich hab genau zurück-beobachtet, während mein Mädchen immerzu gesagt hat, dass wir groß sind und das können.

Direkt nach der Rinderkoppel kommen die Schweine. Das Mädchen vom Ausreitkumpel meinte „ja, das sind tatsächlich Allesfresser, die würden auch so ein Pony verspeisen“. Mein Mädchen hat sie ausgeschimpft, dass man solche Schauermärchen nicht erzählt und mir stattdessen gezeigt, dass die Schweine doppelt eingezäunt sind und uns deswegen auf keinen Fall verspeisen werden. Also sind wir mutig weitergegangen. Dann hat das Mädchen vom Ausreitkumpel festgestellt, dass ihr Schnürsenkel offen ist. Also linken Fuß aus dem Steigbügel und hoch, Schnürsenkel zu, fertig. Mein Mädchen war muksch, das ging alles viel zu schnell und sie hätte diese kleine Akrobatik doch so gerne gefilmt! Also hat das Mädchen vom Ausreitkumpel es eben einfach nochmal gemacht. Aber wie sie da so sitzt, mit dem linken Fuß vor sich, dreht mein Ausreitkumpel seinen Kopf nach links, sein Mädchen bekommt leicht Schlagseite nach rechts und weil mein Ausreitkumpel zu viel frei bei zu viel Futter hatte, ist sein Bauch so rund, dass der Sattel sich auf den Weg machte. So rutschten Sattel und sein Mädchen einfach so nach rechts von ihm ab! Sein Mädchen lag lachend am Boden, während mein Ausreitkumpel die Möglichkeit beim Schopfe packte um noch ein paar mehr grüne Halme in sein sowieso schon zu rundes Bäuchlein zu pressen.

Beide Mädchen brauchten eine Weile, um sich von dieser Erheiterung zu erholen, aber schließlich ging es frisch gesattelt weiter Richtung Heimat. Galopp! Mein Mädchen fand, ich sei ganz schön flott unterwegs, aber die App fand das nicht (22km/h). Linksgalopp, Trab, Rechtsgalopp, Trab, Linksgalopp. Da vorne ist ein anderes Pferd! Schritt! Dann eine Weile hinter dem fremden Pferd im Schritt her. Derweil hat mein Mädchen sich überlegt, wie sie unser Equipment weiter verbessern kann. Ob sie jemals zufrieden sein wird? Im Moment ist sie es jedenfalls noch nicht. Sie kann nämlich im Dunkeln von oben nicht sehen, ob meine schwarzen Hufschuhe noch da sind und auch nicht verdreht. Also heckt sie einen neuen Plan aus und will klitzekleine Lämpchen an meine Schuhe vorne dran machen. Ideen hat sie immer….

Als das andere Pferd dann anders abgebogen war als wir, sind wir noch ein schönes Stück getrabt. Ach, das hat gut getan, jetzt bin ich warm, wir können los! Naja, in Wirklichkeit war die Runde schon fast zu Ende und es ging den Rest im Schritt zurück. 8,3 km in einer Stunde ist ordentlich flott, da kann man nicht meckern. Aber halt zu kurz, wo wir doch jetzt öfter so schöne lange Touren hatten (letztes Mal war es schließlich doppelt so weit!). Aber naja, der Winter naht und mein Mädchen fragt sich jetzt schon wieder, wie sie es wohl schaffen soll, mich vernünftig auszulasten. Ja, da lass dir mal was einfallen, mein Mädchen, denn jetzt kommt die Zeit, in der ich richtig Power habe! Endlich nicht mehr so warm.

Euer gut gelaunter Sir Duncan Dhu of Nakel

Lupe

Mein Pony ist schief. Klar, jedes Lebewesen ist schief. Aber Duncan ist gelegentlich so schrecklich schief, dass wir auf dem Reitplatz quasi nicht mehr geradeaus reiten können. Aber nicht immer, nur manchmal.

Ach, ich hör sie schon, die vielen guten Tipps, die gleich angeflogen kommen. Geraderichtendes Training nach Methode xy. Oder dieser, jene oder selle Therapeut. Und bestimmt muss ich selbst auch behandelt werden, denn ja, ich bin auch schief.  Stimmt ja sogar.

Arnulf hat mein Pony schon unzählige Male behandelt und mir Übungen gezeigt. Ich selbst habe einige Therapeuten verschlissen, die sich völlig erfolglos an mir ausgetobt haben. Jeder hatte eine andere Diagnose und Herangehensweise parat. Gemeinsam hatten sie eigentlich nur eins: sie haben mich Zeit und Geld gekostet.

Und da muss ich an etwas denken das ich selbst immer antworte, wenn ich nach „dem besten Mittel gegen Strahlfäule“ gefragt werde. Der Markt ist voll von solchen Mitteln und das sagt uns vor allem eins: es gibt kein Mittel, das in allen Fällen hilft. Sonst gäbe es ja längst nur noch dieses eine und alle anderen würden sich nicht mehr verkaufen.

Generationen von Reitmeistern aller Art und Sorte haben sich bereits an der Schiefe der Pferde abgearbeitet. Dann folgten Generationen an Therapeuten aller Couleur. Dass sich nicht längst eine Methode durchgesetzt hat, lässt mich stark vermuten, dass es eben individuell ist. So ein Pferd ist ein komplexes System, da kommen viele Faktoren zusammen und die auseinanderzudröseln ist wohl eigentlich unmöglich.

Ich wähle jetzt einen anderen Weg und kehre zurück zur Beobachtung. Ich schaue nochmal ganz genau hin: wann ist mein Pony schief? Gibt es zeitliche Zusammenhänge mit Wetter, Fütterung oder dem Training am Vortag? Wo und wann kann ich als allererstes die Schiefe wahrnehmen? Beim Ausritt am Sonntag hatte ich den Eindruck, er würde beim geradeaus laufen den Kopf stets ganz leicht nach links stellen. Eine neue Beobachtung, darauf hatte ich bisher nich geachtet. Als nächstes nehme ich mir vor, auch im Freedom Based Training darauf zu achten, ob er öfter nach links schaut als nach rechts. Aber vorsicht: seine gesamte Mähne hängt auf der linken Seite, da kann man sich auch schnell mal vertun. Oder nimmt er den Kopf nach links um mit dem linken Auge weiter nach hinten sehen zu können, an der Mähne vorbei?

Ebenfalls fiel mir beim Ausritt auf, dass ich auch hier nochmal mit den Rotationen spielen könnte. Wie bewegt sich sein Brustkorb unter mir ganz genau? Und was kann ich tun, damit es sich anders anfühlt? Ob dieses anders besser ist, muss sich  dann aber auch erst noch zeigen.

Jedenfalls fällt mir noch eine Sache auf: wenn ich ihn im Gelände mit der Hand am Hals streichle, um ihm zu sagen, dass er das gut macht und alles fein ist, dann mache ich das immer mit der rechten Hand. Somit gebe ich den rechten Zügel öfter vor als den linken. Das Problem dabei ist: ich kann ihn links nicht am Hals streicheln ohne mit Massen an Wallehaar in Kollision zu geraten. Ich werde also wohl wieder öfter einen Zopf flechten und mich dann darin üben, ihn mit der linken Hand zu streicheln. Außerdem kann ich dann vielleicht besser sehen, wie es mit seinem Genick und der Stellung wirklich ist.

Im Schritt trage ich die Zügel oft einhändig und zwar – ihr ahnt es vielleicht schon – in der linken Hand. Dadurch drehe ich mich im Sitz.

Das alles sind Dinge, die auf dem Reitplatz viel weniger problematisch sind, viel leichter zu korrigieren, aber vor allem sind die Zeiten viel kürzer. Aber im Gelände sind wir 1-3 Stunden unterwegs, da kommt was zusammen. Und hier kann ich nun ansetzen und sehen, was sich verändert.

Von Elsa Sinclair habe ich gelernt, WIE klein die Dinge sein können, die wir beobachten. Und wo sich Muster ergeben können, die wir vorher nicht mal geahnt haben. Es ist wie der Blick durch eine Lupe, ein Detail zur Zeit. Und dann das nächste kleine Detail und das nächste, bis das Gesamtbild sich verändert. Und ich hoffe auf das was Elsa sagt: wenn Du es dann gesehen hast, wirst Du es nicht mehr nicht sehen können.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 15. September 2025

Sonntagsausflug! Ich hatte richtig Lust. Rein in die Hufschuhe – mein Mädchen hatte die neuen Hufschuhe vorne wieder zusammengeschraubt und noch etwas verbessert – den rechten anders als den linken, um zu testen welche Version besser funktioniert. Dann rein in die Wackelkiste und ab in den Wald! Wir waren in dem Wald, den man im Sommer kaum betreten mag, weil da sooooo viele Mücken lauern. Die sind jetzt aber weg und wir konnten ohne Vollverkleidung los, sehr angenehm. Es wehte eine kühle Brise und das gefällt uns Ponys ja doch gleich viel besser als das schwül-warme Wetter der letzten Wochen. Diego hat einen munteren Stiefel vorgelegt, so dass mein Mädchen und ich alsbald nachtraben mussten, um hinterher zu kommen. Nach einer Weile sind wir dann statt des ewigen nachtrabens mal ein Stück vorgetrabt, aber kaum war ich richtig im Fluss, stand sie schon wieder auf der Bremse, weil sie sich mit dem Weg immer noch nicht ganz sicher ist. Es gibt in dem Wald so viele Reitwege, dass sie an manchen Stellen tatsächlich durcheinander kommt, welcher denn nun für heute geplant war! Als sie sich informiert hatte, war Diego dann auch schon da. Wir sind dann gemeinsam ein gutes Stück getrabt und jetzt sag ich euch mal was: dieses Kutschtraining hat ungeahnte Folgen für Diegos Fitness! Ich schwöre, der kann jetzt doppelt so schnell und doppelt so lang traben wie vorher! Mädchen, wollen wir nicht… nein, ich sollte im Trab bleiben. Puh, da muss ich mich aber ranhalten! Der Weg kam mir aber gelegen, denn es geht da immer einmal rechts um die Kurve und einmal links um die Kurve. Und da nehme ich dann einfach fix die Ideallinie! Immer schön knapp auf Kante, dann Seitenwechsel für die nächste Kurve und wieder knapp auf Kante. Juhuuu! Das hat Spaß gemacht!

Kurz bremsen, anhalten weil mein Mädchen mal was erledigen musste und dann ging es weiter. Diesen Weg kenne ich, der hat ein paar fiese Matschlöcher, aber das macht mir ja nix. Wobei, wenn ich es recht bedenke…. warum laufe ich da eigentlich immer durch? Spritzt ja doch ganz schön. Weißt du was, mein Mädchen, ich probiere mal was neues. Ein beherzter Sprung, schon sind wir am anderen Ufer! Beim ersten Mal war mein Mädchen so überrascht, dass sie etwas Mühe hatte, mitzukommen, aber beim zweiten Mal wusste sie dann schon bescheid und hat gelacht. Da freu ich mich immer, wenn sie meine Ideen lustig findet. Danach wurde sie aber streng: obwohl Diego vorneweg sooooo schnell war, durfte ich nicht galoppieren, weil der Boden ihr zu rutschig war. Menno. Aber ich bin ja ein artiger Ritter und habe mich zusammengerissen. Du weißt aber schon, mein Mädchen, dass ein Ausritt ohne Galopp halt kein echter Ausritt ist, oder? Sie hat mir dann versprochen, dass ich gleich noch galoppieren darf. Na gut.

Dann kamen wir auf die lange Gerade, dort ist der Boden gut.  Diego war so schnell, dass mein Mädchen mir nun doch Galopp erlaubt hat und ich konnte lässig galoppieren, während er getrabt ist! Der kann fliegen! Gerade als mein Mädchen das filmen wollte, ist Diego aber auch angaloppiert und dann wollte sie doch lieber beide Hände an den Zügeln haben. Dieses Misstrauen immer….

Alle 10 Minuten hat das Handy gepiept: Hufschuh-Check! Saß alles immer tippitoppi, nix gedreht und nix verloren. Also hat mein Mädchen noch beschlossen, einen letzten Test zu machen: Rechtsgalopp! Den finde ich im Gelände manchmal nicht so leicht und wenn doch erhöht er die Chancen auf Schuhverlust. Also durfte ich diesmal vorneweg, damit ich mich konzentrieren und den Rechtsgalopp finden kann. Hab ich dann auch. Und was soll ich euch sagen: die Schuhe saßen! Mein Mädchen war seeeeeeehr zufrieden.

Ich war inzwischen auch schon ganz zufrieden und konnte auch gut Schritt vertragen. Diego hatte schon erste Mattigkeit angemeldet und etwas früher durchpariert. Es war aber auch schon gar nicht mehr weit zur Wackelkiste, so sind wir dann gemütlich nach hause geschlendert. 11,3km in 1,5 Stunden hat der Tacho angezeigt.

Ach, das war toll! Mein Mädchen hat schon Pläne geschmiedet, dass das auch eine gute Strecke sein wird, die der Mann mit dem Rennesel mitfahren kann, damit wir alleine ausreiten ohne alleine auszureiten üben können.

Die Hufschuhe werden natürlich noch weiter verbessert, ihr kennt ja mein Mädchen! Immer gibt es was zu tun. Aber Schuhe, die Sprünge im Matsch aushalten und meinen Galopp in allen Varianten sind schon mal viel wert.

Zu Hause gab es für mich dann noch eine Unterbodenwäsche. Trotz meiner beherzten Sprünge hingen noch mehrere Pfund Matsch an meinem Bauch und meinen Beinen. Anschließend eine leichte Panade und dann hab ich mir ein Nickerchen gegönnt. So stell ich mir einen vernünftigen Sonntag vor!

Euer zufrieden ausgetobter Sir Duncan Dhu of Nakel

Fehlinterpretation

Ich werde so oft gefragt „warum macht mein Pferd das?“. Regelmäßig schieben einige hinterher „bestimmt, weil ich was falsch mache“.

Selbst zwischen Menschen, die sich gut kennen, kommt es oft zu Missverständnissen. Und wenn dann unterschiedliche Kulturen im Spiel sind, passiert das noch schneller. Ich erinnere mich daran, wie wir meine Schwester vor vielen Jahren in Palästina besucht haben. Ihre Nachbarn luden uns alle zum Essen ein und meine Schwester erklärte: wenn der Teller leer gegessen ist, müssen wir SOFORT aufstehen und gehen! Das kam uns Deutschen sehr unhöflich vor, aber unsere Gastgeber wären aus Höflichkeit verpflichtet gewesen, so lange weiter Essen auf den Tisch zu bringen, bis wir gehen (was gerade bei ärmeren Menschen natürlich auch ein großes Problem werden kann). Wir verhielten uns also aus unserer Sicht unhöflich, damit unsere Gastgeber nicht ihrerseits unhöflich sein mussten.

Oft ist es bei Pferden ähnlich, nur dass dort meistens wir diejenigen sind, die von unseren Pferden verlangen, sich unhöflich zu verhalten. Zum Beispiel weil wir an fremden Pferden vorbeigehen, ohne dass eine Begrüßung stattfindet. Das ist aus Pferdesicht natürlich eigentlich gar nicht möglich! Aber unsere Pferde lernen trotzdem, dass es nun mal so ist. Sie lernen auch beim Ausreiten, eine Position zu akzeptieren, die sie zu dem anderen Pferd normalerweise vielleicht nie oder nicht so lange einnehmen würden. Neulich stand ich mit Duncan auf dem Hof, als eine Schülerin zum Unterricht kam. Da wir Duncan nicht brauchten, wollte ich ihn in den Stall zurückbringen. Halfter runter, Pony rufen. Duncan ging aber erst in Ruhe zu der Dame hin und sagte freundlich hallo, bevor er meinem Ruf folgte. Wie beschämend: mein Pony ist höflicher als ich! (Ok das ist gar nicht so schwer, aber trotzdem).

Auf der anderen Seite ist Duncan immer noch irritiert, dass er seine winzige Freundin nicht wirklich begrüßen darf, weil die seinen Kopf immer noch so furchterregend findet.

Kurz und gut: es lauern viele Möglichkeiten zur Fehlinterpretation auf unserem Weg, die Pferde zu verstehen. Und viele von unseren Interpretationen sind von vorneherein durch vergangene Erfahrungen geprägt. Duncan zum Beispiel bleibt oft einmal stehen bevor er in den Anhänger einsteigt. Der Grund: er äppelt nochmal. Wenn ich dann mal wieder denke, er müsste doch jetzt einsteigen, steigt er zwar artig ein, muss ja aber trotzdem äppeln, so dass ich dann gleich mal was aus dem Anhänger räumen darf. Mein Gehirn trägt immer noch alte Prägungen mit sich rum: der muss sofort einsteigen, sonst stimmt da doch was nicht. Ich arbeite daran, das loszuwerden und es ist erstaunlich schwer. An anderer Stelle habe ich schon Fortschritte gemacht: Halfter anziehen, Keks geben, losgehen. Aber auch dieses Losgehen passiert nicht immer sofort. Wenn Duncan vorher gedöst hat und noch einen Moment braucht, um sich auf Bewegung einzustellen, dann dauert es oft ein paar Sekunden, bevor die Hufe sich in Bewegung setzen. Ich habe mir also angewöhnt, nicht gleich loszugehen und am Strick zu ziehen, sondern nur ein paar Schritte zu machen, den Strick dabei durch die Hände gleiten zu lassen und erstmal zu schauen, was heute passiert. Es sind diese kleinen Momente, in denen ich Duncan zeigen kann, dass mir seine Stimmung und Meinung wichtig ist und ich nicht einfach nur will, dass er „funktioniert“, obwohl in letzter Konsequenz mein Plan über seinem steht. In den sozialen Medien sehen wir viele Videos, in denen Pferde ganz schnell das tun was gefragt wird – je schneller das Pferd reagiert, desto besser finden wir das. In meiner Herde sehe ich solches Verhalten seltener. Da wird oft ein bisschen gewartet, Kommunikation läuft in der Regel langsam und die Momente in denen sie schnell läuft sind eher die, die negativ aufgeladen sind, wenn es Streit gibt oder sich jemand erschreckt. Ist doch bei uns Menschen gar nicht anders: eine normale Alltagskommunikation ist nicht schnell und oft noch nicht mal besonders effektiv, sondern geprägt von sozialen Komponenten – Smalltalk, Ablenkungen, Momente der Stille. Kann auch mal alles nerven, wenn man eine Arbeit einfach erledigt kriegen will, ist aber normal.

Jetzt bin ich ganz vom Thema abgekommen und das ist ja auch normal. Was ich nur sagen wollte: schaut doch nochmal hin, bevor ihr Verhalten interpretiert. Und damit meine ich nicht so sehr, dass ihr das Pferd anschauen sollt. Schaut doch mal auf euch: warum denkt ihr denn, dass das Verhalten dieses oder jenes meinen würde? Da kann man Interessantes im eigenen Hirn entdecken….

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 9. September 2025

Ich muss sagen, der Montagsausflug hat die Panne von Sonntag wieder wett gemacht! Aber von vorn: Wackelkiste, Ausreitkumpel. Ein winziges Stück wackeln – wo sind wir hier? Hier war ich ja noch nie! Aber ich hatte so schön Heu gegessen (die diesjährige Ernte verkosten, die lässt auf einen leckeren Winter hoffen!), ich war ein bisschen im Verdauungsmodus und musste erstmal aufwachen. Ein Stück zu Fuß, dann los im Trab. Ah, jetzt bin ich wach! Aber kaum waren wir warmgetrabt, ist mein Mädchen auch schon wieder abgestiegen, denn es ging über eine Brücke über die Straße. Keine Autobahn, das trauen wir uns noch nicht, aber über die Landstraße, das können wir ja schon. Dann wieder aufsteigen und weiter. Ach, der Weg ist ja schön! Mein Mädchen war ganz überrascht, wie schön der Weg ist.

 Und schau an, jetzt sind wir ja in bekannten Gefilden gelandet! Das ist doch einer unserer Lieblingswege. Hoppi Galoppi! Nur dass der so etwas heimtückische Kurven hat, der Weg. Man weiß nie, wer oder was dahinter ist. Also Teeeeeerab. Dann wieder Galopp. Nächste Kurve. Teeeeerab. HUCH! Standen doch da plötzlich drei Reiter! Da haben wir alle ganz schön gestaunt, das war knapp vor Zusammenstoß! Aber wir haben es alle gut gemeistert und ich bin gaaaaaanz artig an den drei fremden Pferden vorbeimarschiert. Weiter geht’s! Dort steht normalerweise unsere Wackelkiste, aber heute biegen wir da mal in den Wald ab. Und dann ging es in ein Dorf, dort sind die Mädchen wieder etwas zu Fuß gegangen. Das war Nienkattbek, da sind alle nett. Nicht nur die Autofahrer, sondern auch die Kühe. Und, wie wir festgestellt haben, auch die Radfahrer, die Treckerfahrer und sogar die Rasenmähroboter! Gibt´s ja gar nicht! Mein Ausreitkumpel fand den unheimlichen Schleicher trotzdem sehr spannend. Diese Dinger kriechen ganz geduckt übers Grün und man weiß einfach nie, ob sie nicht doch mal hochspringen und ein Pony verspeisen! Aber dieser nette Geselle ist von uns weggeschlichen und hat meinen Ausreitkumpel nicht verspeist.

Als wir das alles erledigt hatten, ging es auf einen schönen Plattenweg. Also den können wir wirklich nicht ungenutzt liegen lassen! Galopp! Ich bin vorneweg und habe einen schönen Reisegalopp angeschlagen. Mein Mädchen hustet nämlich und wir wissen alle, was Schleim löst, oder? Ein schöner Galopp mit tiefer Atmung! Bis der Boden es leider nicht mehr so hergab. Wieder ein Stück Straße, aber wir durften auf dem Radweg lang, ganz offiziell so ausgeschildert! Links in einen Grasweg – noch ein Galopp! Und dann waren wir plötzlich wieder auf einem bekannten Weg und sind schon zum zweiten Mal an einer Stelle vorbeigekommen, wo sonst die Wackelkiste parkt. Alles setzt sich so zusammen! Bei mir war die erste Luft raus, wir hatten 10 flotte km auf der Uhr und ich war kurz in Versuchung, einfach den Bus nach hause zu nehmen.

Wann kommt denn der Bus?

Aber stattdessen haben wir eine kleine Graspause gemacht, dann ging es wieder. Den schönen Weg zurück bis zur Grillhütte, aber dort sind wir geradeaus gegangen anstatt links. Warte mal, Mädchen, ich hatte doch den Blinker schon gesetzt! Links geht der Weg doch zurück! Aber mein Mädchen meinte, die andere Strecke schauen wir uns jetzt auch noch an und sie ist nicht länger. Pah! Gelogen! 400 Meter mehr als auf dem Hinweg hat sie uns da noch abgeluchst. Wie wir so den Plattenweg lang tingeln hören wir plötzlich ein Auto. Aber hier doch nicht? Doch! Und zwar nicht in Plattenweg- sondern eher in Autobahngeschwindigkeit kam der da um die Ecke gedonnert! Er hat zwar gebremst, aber nicht viel. Und wie er so an uns vorbeiraste, war uns klar: wir sind hier eben nicht mehr in Nienkattbek….

 Wieder über die Brücke, beim Stein-Museum vorbei und dann ab zurück zur Wackelkiste. 16,5km in 2,5 Stunden stand auf dem Tacho. Wir Ponys waren fröhlich und durften noch schön was schmausen bevor wir nach hause gewackelt wurden. Ach, das war toll!

Die ganze Aktion war Teil eines größeren Plans, denn mein Mädchen hat eine Rundtour zusammengebaut aus unseren Lieblingswegen und das war das letzte Teil des Puzzels. Da dieser Sommer nicht ganz so lief wie geplant, werden wir die große Tour wohl erst nächstes Jahr reiten können, aber wir freuen uns da schon dolle drauf und die Mädchen haben schon ausgeheckt, dass wir da eine große Sause machen könnten mit Kutsche und Ausreitkumpel und schnellstem Pony der Welt! Das klingt lustig!

Euer abenteuerlustiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 8. September 2025

Manchmal läuft es einfach nicht so wie geplant. Geplant war, dass wir nochmal so eine schöne große Tour machen und derweil noch ganz neue Wege ausprobieren.

Dann kam es anders. Weil wir einen Neuzugang zu uns bekommen haben: einen Renn-Esel! Den Renn-Esel soll der Mann reiten, wenn mein Mädchen und ich alleine ausreiten ohne alleine auszureiten üben. Der Renn-Esel wohnt aber nicht bei uns im Stall und frisst kein Heu. Stattdessen steht er stumm in der Garage herum und sagt keinen Piep. Na, wenigstens futtert er mir nichts weg, das macht ihn schonmal grundsätzlich sympathisch.

Jedenfalls hat der Mann also den Renn-Esel abgeholt, während mein Mädchen hier schon mal den Stall schick gemacht hat. Und beschlossen hat, dass wir nicht die neuen Wege erkunden werden, weil es viel zu warm wird, um durch die Sonne zu reiten. Sie hatte also gerade darüber nachgedacht, welche andere schöne Runde wir wohl mal im Schatten drehen könnten, als der Mann sie anrief. Das Auto hat einen Hufschuh verloren platten Reifen. Nix mit Wackelkiste und Ausritt, stattdessen warten auf den Auto-Doktor. Und so ging der Sonntag ins Land. Mein Mädchen ist schließlich mit mir in die Halle gegangen und wir haben andere schöne Sachen gemacht. „Gemischtes Programm“ nennt sie das: etwas Stufentraining zum warm werden, etwas wippen – erst längs, dann quer – ein bisschen „Panther Walk“ und schließlich eine neue Übung, die wohl mal so was wie eine Verbeugung werden soll, wo mein Mädchen aber noch ein bisschen rätselt, wie sie mir das wohl am besten beibringen kann.

Nach einer guten halben Stunde war unser beider Konzentration am Ende und wir haben hoch zufrieden Feierabend gemacht.

Abends kam mein Mädchen dann nochmal an die Stalltür. Ja? Was kann ich für dich tun? Nichts, hat sie gesagt und Diego raus geholt. Der sollte noch die Kutsche ziehen. Ich könnte das auch, mein Mädchen! Ehrlich! Mein Mädchen meinte, ich wäre wohl ein kleiner „Hilfsmotor“. Also bitte! Ich bin ein ausgewachsenes Highlandpony! Ich könnte sie und den Mann ganz locker ziehen. Aber man traut mir ja immer noch nichts zu, obwohl ich schon 7 Jahre alt bin! Mein Mädchen hat sich bei mir entschuldigt und gesagt, dass sie das sehr wohl weiß. Dass ich das perfekt machen würde und es nicht an mir liegt, sondern an ihrem Mut. Weil sie sich immer soooooo viele Sorgen um mich macht. Dabei braucht sie das doch gar nicht, ich passe doch immer gut auf mich auf. Na, sie wird es schon noch lernen.

Bis dahin freue ich mich auf den heutigen Montagsausflug!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (der das alles schon könnte. Ehrlich!)

Algorithmus

Instagram zu nutzen kann lustig sein, oder sehr nervig. Je nachdem….

Was immer gleich bleibt sind die Nutzer, die nicht verstanden haben, wie das Prinzip dahinter funktioniert. Das sind die, die unter Videos kommentieren, wie sch… sie das alles finden und warum ihnen dieser Mist ständig angezeigt wird, sie wollen das doch gar nicht sehen. Und immer darunter die unermüdlichen, die erklären wie das kommt: der Algorithmus funktioniert nun mal genau so. Er merkt sich, womit man interagiert hat und zeigt einem mehr davon. Wenn man das Video bis zum Ende anschaut, wenn man dann auch noch kommentiert – und das mit möglichst vielen Worten – dann schließt der Algorithmus daraus, dass er mit ähnlichen Beiträgen dafür sorgen kann, dass man noch mehr Zeit auf Instagram verbringt. So einfach ist das.

Und neulich fiel mir zum ersten Mal auf, dass Pferde auch so einen Algorithmus haben. Es geht nicht unbedingt darum, ob mir als Mensch ein Verhalten gefällt. Es geht oft nur darum, ob ich mit diesem Verhalten irgendwie interagiere. Und es wird noch verrückter: es geht noch nicht mal unbedingt darum, dass das Pferd sich mit meiner Reaktion wohler fühlt als vorher. Hauptsache es passiert was. Negative Aufmerksamkeit ist auch Aufmerksamkeit, sagt man. Und selbst wenn das Pferd sich nach der negativen Aufmerksamkeit schlechter fühlt als zuvor, gibt es doch irgendeinen Grund, das Verhalten zu wiederholen. Das geht nicht nur Pferden so, sondern auch uns Menschen. Das Problem dabei ist, dass es sich unserer Logik so sehr entzieht. Wir denken auf der logischen Ebene, wir könnten ein Verhalten abstellen, wenn wir es bestrafen. Kann man auch, aber dafür muss die Strafe oft sehr viel härter ausfallen, als wir Pferdefrauen uns das überhaupt vorstellen mögen. Mein E-Zaun braucht mindestens 2000Volt, besser 4000, um Duncan davon abzuhalten, hindurch zu marschieren und da ist mein Duncan noch absolut harmlos gegen andere Ponys. Und diese 2000 Volt halten ihn keineswegs davon ab, wieder und wieder das Risiko einzugehen, mit dem Zaun in Kontakt zu kommen. Das heißt ein Verhalten, dass mich nervt, könnte ich damit nicht wirklich abstellen. Und ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich fasse keinen Zaun an, von dem ich weiß, dass da 2000 Volt drauf sind…. Also bestrafen, wirklich effektiv bestrafen, ist für die meisten von uns (zum Glück) keine Option (außer natürlich in absoluten Ausnahmefällen in denen Leben oder Gesundheit von Pferd und Mensch akut auf dem Spiel stehen).

Was tun wir nun also, wenn wir ein Verhalten nicht mehr wollen? Immer mal wieder werde ich gefragt, ob es helfen würde, dieses oder jenes Verhalten einfach zu ignorieren. Ja würde es bestimmt, das Problem ist nur, dass wir das in aller Regel gar nicht können. Es hat mich etwas Zeit gekostet, das zu verstehen, aber wirkliches, echtes ignorieren ist uns fast gar nicht möglich. Und da Pferde so fein unsere Körpersprache lesen, sehen sie unsere Reaktion eben doch. Und die meisten wissen auch, wie sie Verhalten dann so steigern können, dass wir es nicht mehr ignorieren. Im Freedom Based Training, im Clickertraining und auch wenn wir anderweitig im Paddock mit den Pferden beisammen sind, können wir sozusagen aktiv ignorieren indem wir einfach weggehen – und zwar komplett, also hinter den Zaun, unantastbar sein. Es kostet etwas Umdenken, kommentarlos wegzugehen, wenn man ein Verhalten nicht mag, aber es ist sehr wirksam. In jedem anderen Training wird das so nicht gut funktionieren – wenn ich mit Duncan auf dem Reitplatz bin und einfach weggehe, wird er sich dem Gras am Rand widmen und hat eine gute Zeit.

Es braucht also stattdessen mehr positive Aufmerksamkeit. Verhalten, das mir nicht gefällt, versuche ich möglichst nicht zu „korrigieren“, sondern mit einem Verhalten, das mir gefällt, zu überspielen und zu ersetzen. Wie bei Instagram, wo ich nicht sage „ich möchte das nicht sehen“, sondern einfach jene Beiträge mehr like, mehr anschaue und mehr kommentiere, von denen ich mehr sehen möchte. Zur Not nehme ich da auch harmloses Zeug, was mich gar nicht so brennend interessiert, Hauptsache ich seh nicht mehr den Mist, den ich gar nicht will. Salopp gesagt lieber das 238561094. Katzenvideo als frauenfeindlicher Müll. Zumal Instagram vom Katzenvideo vielleicht eher zu etwas findet, was mich wirklich interessiert. Aber ich wollte ja über Pferde schreiben.

Eine Übung, die nicht gelungen ist, kann man einfach wiederholen, in den meisten Fällen muss man da gar nicht viel kommentieren. Bei Wiederholung kommt irgendwann eine bessere Version der Übung und der kann man dann die volle Aufmerksamkeit geben.

Aber am wichtigsten finde ich, sich das „nein“, „lass das doch mal“ und ähnliches abzugewöhnen. Denn das nützt überhaupt nichts. Jedes Verhalten, das ein Pferd zeigt, ist eine Botschaft an uns. Die gilt es zu hören und zu verstehen. Wenn ich mich selbst höre, wie ich schimpfe, weiß ich, dass ich einen besseren Plan brauche. Denn das Problem ist: mein Pferd kennt wahrscheinlich keinen besseren Plan. Sonst würde es sich nämlich so verhalten, dass es positive Aufmerksamkeit bekommt anstatt negativer. So einfach ist das – und so schwer. Weil die meisten von uns anders aufgewachsen sind und anders erzogen wurden. Den meisten von uns wurde immer wieder weisgemacht, man würde durch Kritik am meisten lernen. Ich bin keine Hirnforscherin und keine Expertin auf dem Gebiet, aber aus Erfahrung mit Pferden und mit meinen besten Lehrerinnen kann ich sagen: stimmt halt nicht. Man lernt am besten durch Lob und es ist meine Aufgabe, das Pferd in Situationen zu bringen, in denen ich positive Aufmerksamkeit geben kann. Für den Algorithmus.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu vom 1. September 2025

Na das war mal ein Sonntagsausflug, der sich gewaschen hatte! Während Diego noch ein Nickerchen gemacht hat, hab ich schonmal den Heutank befüllt. Und dann ging es los mit der Wackelkiste.

Hm, war ich hier schon mal? Kommt mir wage bekannt vor irgendwie. Mein Mädchen meinte, wir wären an diesem Platz letztes Jahr einmal vorbeigeritten, aber geparkt hatten wir da noch nie. Naja, alsbald ging es auf Wege, die ich schon mal gesehen hatte, ist aber lange her. Und es war eine Menge los, viele Spaziergänger waren da. Zum Glück sind wir fix abgebogen auf einen Weg wo weniger los war. Der Mann hat vor uns eine Gruppe Spaziergänger gesehen, die Fotos gemacht haben. „Ihr müsst da doch alle zusammen drauf!“ hat er gesagt und sich das Handy geben lassen. Schön von Diegos hohem Rücken herab fotografiert. Zum Dank haben die Spaziergänger dann uns fotografiert. Und nach unseren Namen gefragt. „Sir Duncan“ sagt mein Mädchen und der Mann ergänzt „schottischer Hochadel“. Aber bevor ich mich noch im Lichte dieser Beschreibung sonnen kann, schaut mein Mädchen so auf den großen Diego neben mir uns sagt „naja, ob 1,40m Hochadel ist? Vielleicht eher Kleinadel…“ So mein Mädchen und jetzt kannst du mal wirklich froh sein, dass ich so ein verdammt netter Kerl bin! Für den Spruch hättest du es wirklich verdient, mal im Dreck zu landen, damit du mal schnallst, wie hoch 1,40m ist! Aber ihr kennt mich: ich habe diese Beleidigung ritterlich weggesteckt. Pah! Warum bin ich bloß so duldsam?

Nachdem das erledigt war, ging es dann richtig los. Auf dem Sandweg durch die Heidelandschaft, dann ein Stück Plattenweg, ein erster kleiner Trab. Und dann auf den schönen Grasweg. Keine Spaziergänger in Sicht, also im Trab voran, Diego vorneweg. Und da zahlt sich das mit dem Kutsche fahren jetzt aus: er kann jetzt ganz fein gleichmäßig durchtraben! Das passte mir und meinem Mädchen sehr gut in den Kram.

Später kamen wir dann an die fiese Schotterstrecke. Mein Mädchen hatte vergessen wie fies der Schotter ist, und mir keine Schuhe angezogen. Aber sie hatte die Schuhe vorsichtshalber mitgenommen und also konnte sie mir die schnell anziehen. Sehr gut, sonst wäre das doch arg unbequem geworden muss ich sagen. Ein Stück weiter haben die Menschen leckere Brombeeren entdeckt, die sie von unseren Rücken aus pflücken konnten. Mein Mädchen hat mir auch eine gegeben, aber ich hab eher Blätter genascht.

Und so ging es immer weiter, viel Schritt, gelegentlich etwas Trab, noch ein kleiner Galopp. Weiter und weiter und weiter. Mir wurde schon ganz hungrig zumute als der Mann endlich meinte, es sei Zeit für eine schöne Graspause. Oh ja bitte! Da hatten wir schon 12km auf der Uhr. Die Graspause war natürlich zu kurz. Diego war fit wie ein Turnschuh – dieses verdammte Kutschentraining fällt mir doch noch auf die Füße! – und wollte weiter. Noch 5km bis zur Wackelkiste. Mein Mädchen wollte noch Achterbahn fahren. Da ist nämlich so eine Wellenstrecke, die wollte sie gerne galoppieren. Das geht immer zwei Galoppsprünge rauf, zwei Galoppsprünge runter. Rauf, runter, rauf, runter.

Sie wollte mitten durch diese Lunken, ich hab aber lieber den rechten Rand genommen wo es nicht so viel rauf und runter geht. Und sie hat mir freundlicherweise die Wahl gelassen und sich Mühe gegeben, mich nicht zu stören. Ich war schon etwas ermattet, diesen Sommer ging es mit unserem Training nicht so recht voran und das zeigt sich jetzt! Trotzdem bin ich natürlich durchgaloppiert und am Ende haben wir auf Diego gewartet. Gegen Ende war ich ziemlich kopfmüde, muss ich gestehen. Wollte einfach nur noch hinter Diego her laufen und nicht mehr denken, bitte. Als mein Mädchen für die letzten Meter abgestiegen ist, durfte ich mich hinter ihr einparken und die Verantwortung komplett an sie abgeben. Schließlich hatte ich sie kilometerweit getragen, da hat sie eingesehen, dass ich mir Ruhe verdient hatte.

Nach 17km in 3 Stunden waren wir wieder an der Wackelkiste. Uff. Aber schön war das trotzdem! Mein Mädchen möchte diese Runde nochmal anders anlegen, so dass wir hoffentlich weniger Schotter haben. Eventuell machen wir da alsbald nochmal einen Testritt, sagt sie, mit Weg-Erkundung.

Zu hause haben wir uns noch eine Dusche gegönnt und eine anschließende Panade für den Wohlfühlfaktor, dann natürlich eine schöne große Portion Futter für alle.

Meine neuen Schuhe haben schon wieder den Galopp gut ausgehalten, das lässt doch hoffen. Natürlich gibt es da auch wie immer noch Verbesserungswünsche, aber erstmal sieht es doch ganz vielversprechend aus.

Heute habe ich frei, Montagsausflug fällt aus. Also verbummel ich den Tag und suche nach ersten Eicheln, da fallen doch wirklich schon welche runter (was mein Mädchen schon wieder leicht nervös macht).

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Energieniveau

Vieles an dem, was Pferde tun, fasziniert mich. Eins erstaunt mich in letzter Zeit immer wieder ganz besonders:

Wir erwarten ständig, dass die Pferde ein von uns gewünschtes Energieniveau haben. Sie sollen ruhig und entspannt sein, während wir sie putzen und satteln, aber schon 20 Minuten später sollen sie munter vorwärts galoppieren. Sie sollen fröhlich voran marschieren während wir bequem im Sattel sitzen, aber wenn ein Kind oder Anfänger reitet, sollen sie langsam machen und lieber stehenbleiben anstatt zu viel vorwärts anzubieten. Im Anhänger sollen sie ruhig sein, egal was draußen passiert, aber kurz danach sollen sie einen Sprung anziehen und ohne zögern überwinden. Und das alles völlig unabhängig davon, wie sie ihren eigenen Tag hätten gestalten wollen, ob sie gut geschlafen haben, gerade lieber fressen oder verdauen würden oder ob es Streit in der Herde gab.  

Es ist in meinen Augen höchst erstaunlich, dass das überhaupt klappt. Ein wichtiger Faktor dabei sind sogenannte Anker. Das Gehirn verknüpft Situationen mit bestimmten Stimmungen. Viele Menschen kennen zum Beispiel das Gefühl, dass sie müde werden, sobald sie sich aufs Sofa gesetzt haben. Egal wie viel Energie vorher noch da war, das Gehirn hat gelernt: Sofa= Entspannung. Umgekehrt kann man sich noch so müde zum Sport schleppen, an irgendeinem Punkt merkt das Gehirn: geht los! Und stellt doch nochmal etwas Energie zur Verfügung.

Mit einem meiner Kundenpferde, der teilweise so gestresst war, dass man ihn kaum noch zum Reitplatz führen konnte, habe ich einzige und allein daran gearbeitet, den Reitplatz als Ort der Entspannung wahrzunehmen. Als dann durch eine Eingliederung in der Herde viel Stress war, konnten wir mit ihm auf den Reitplatz gehen, wo er sofort entspannte und zur Ruhe kam.

Und langsam merke ich, dass auch Duncan das inzwischen so kann: Am Putzplatz angebunden stehen heißt dösen, es gibt nichts zu tun. Im Gelände Schritt reiten heißt ruhig unterwegs zu sein. Aber sobald es in den Trab geht, ist alle Energie da. Das ist manchmal irritierend für mich, denn er kann im Schritt fast schläfrig und desinteressiert wirken, besonders dann, wenn ich absteige und zu Fuß gehe. Also stelle ich mich auf eine ruhige Tour ein, aber sobald wir traben und der „Dieselmotor“ warmgelaufen ist, steht fast unbegrenzt Energie zur Verfügung – bis zur nächsten Schrittpause. Nur bei reinen Schrittausritten steigert er die Energie irgendwann – ich vermute, weil er es unverschämt findet, wenn wir nur Schritt reiten. Das macht in seinen Augen nämlich keinen Sinn.

Und wehe wir verankern Dinge aus Versehen falsch: Stoppelfeld = wilder Galopp. Oder Schritt = alle Körperspannung loslassen. Longe = ausbuckeln. Alles keine klugen Assoziationen.

Es gilt also, gut zu beobachten, was womit verknüpft wird.

Aber auch im Verlauf der Jahreszeiten erwarten wir oft, dass unser Pferd sich bitte an das anpassen soll, was WIR möchten. So wollen wir häufig die Sommersaison nutzen für größere Events, ob es nun Kurse, Distanz- oder Wanderritte, Turniere oder gemeinsame Urlaube sind.

Viele Pferde – ganz besonders die Nordtypen wie wir sie haben – halten aber eher sowas wie „Sommerschlaf“. Sie finden es oft zu warm und wollen eigentlich zwischen fressen und verdauen gar nicht sooo viel unternehmen. Wenn es aber wieder kalt und windig wird, dann haben sie endlos Energie. Mein Merlin war immer ab 5° abwärts am besten zu reiten, da wurde er richtig wach und hatte Lust. Und darüber, was Duncan sich so als Winterprogramm vorstellt, möchte ich lieber gar nicht nachdenken…

Wir können das oft nicht ändern. Aber wir können es mal wahrnehmen und anerkennen. Und dann so weit wie möglich verbessern. Vorhersehbar zu werden, kann schon viel helfen. Wenn unsere Pferde schon an der Ausrüstung oder unserer Stimmung ablesen können, wie viel Energie gleich gefragt ist, können sie sich leichter anpassen. Und wenn sie es nicht können, brauchen wir vielleicht mal Plan B und müssen uns an sie anpassen – so herum oder anders herum.