Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Duncan scheint mir eins der furchtlosesten Geschöpfe zu sein die ich kenne. Und ich hatte immerhin 8 Jahre Finlay bei mir! Aber selbst der war – zumindest in jungen Jahren – doch eine Spur skeptischer als Duncan. Der ultimative Finlay-Test – reinbeißen und schauen ob es zurückbeißt – war zwar eine mutige Art, die Ungefährlichkeit von Pylonen, Planen, Anhängern oder anderen Dingen festzustellen, aber er musste eben doch immer erst feststellen, dass sie ungefährlich sind. Duncan hingegen findet alles spannend und scheint gar nicht zu wissen, was Gefahr überhaupt ist. Und wenn es ein bißchen gruselig aussieht oder sich anders bewegt als erwartet dann nichts wie hin da und genau schauen! Allerdings nur ungefähr 2 Sekunden. Dann war es das auch schon wieder. Reinbeißen oder nachdenken muss Sir Duncan nicht.

4 Wochen nach seinem Einzug gehe ich mit Duncan (in Begleitung von Diego und Arnulf) zum ersten Mal auf den Reitplatz. Duncan schaut sich schon auf dem Weg dorthin alles genau an, ich passe mich an sein Tempo an und schaue mit ihm dort hin wo er hin schaut. Er weiß aber durchaus, dass ich weiter möchte und findet in meinen Augen die perfekte Balance zwischen seinen Wünschen und meine. Die Ohren sind spitz, aber er wirkt dabei entspannt, schaut in der Gegend umher, fixiert sich nicht auf eine Sache. Als Arnulf direkt hinter ihm auf die hohe Aufstiegshilfe klettert, denke ich, das könnte eine Erschreck-Situation sein, aber Duncan dreht nur interessiert die Ohren hin.

Auf dem Reitplatz finden wir Hütchen und Dualgassen, auch das schaut Duncan sich kurz an. Ich stelle ihm ein Hütchen auf die Kruppe, was er völlig ok findet. Auch als das Hütchen herunterfällt, hat er keine Einwände. Er wirkt nicht „stumpf“, er nimmt das schon alles wahr und findet es interessant.

Wir schauen uns die Dualgassen näher an – unsere handgenähten, mit Matrazenstreifen gefüllten Gassen sind etwas kürzer und steifer als die offiziellen, aber ebenso leuchtend gelb und blau und als ich eine Gasse hinter mir her ziehe macht sie ein wunderbar „gruseliges“ Geräusch. Duncans Reaktion: den Kopf schief halten, kurz überlegen und dann nichts wie hin! Wie der Mann in Grimms Märchen sucht er geradezu nach dem Gruselfaktor. Ist doch spannend wenn etwas so komische Geräusche macht!

Eine Dualgasse hochheben scheint mir etwas grenzwertig. Ich stelle eine Gasse dreieckig auf und wir luschern gemeinsam drunter her. Dann lege ich mir das Ding selbst um die Schultern, was Duncan mal so gar nicht interessiert. Ich lege ich die Gasse vorsichtig über seinen Hals und schiebe sie etwas nach hinten. Seine Reaktion veranlasst mich, die Gasse wieder herunterzunehmen, obwohl ich nicht sagen kann, was es genau war. Er hat keine offensichtlichen Anzeichen von Beunruhigung gezeigt, nur „gesteigerte Neugier“ weil das gelbe Ding auf beiden Seiten zu sehen war.

Insgesamt ist der Gruselfaktor ziemlich genau Null. Als ich ein paar Tage später wieder mit ihm auf dem Platz bin (diesmal ohne Begleitpferd) kann ich die Gasse über seinen Rücken legen. Der Blick den er mir schenkt scheint zu sagen „Du hast mir das Ding neulich schon gezeigt, warum jetzt nochmal? Ich bin doch nicht blöd“ (an dieser Stelle verzweifle ich kurz. Wie um Himmels willen soll ich nun mehrere Jahre rumbringen in denen Duncan noch nicht wirklich körperlich arbeiten darf, ohne dass er jeden Tag Langeweile-Beschwerden einreicht? Zeit, dass die Herde mir bei der Beschäftigung dieses Superhirns hilft!)

Während Finlay bis ins Alter von 2,5 Jahren nie wirklich mehr als 15 oder 20 Minuten Konzentrationsspanne hatte, wirkt Duncan noch nicht im Ansatz müde nach all diesen Eindrücken.

Die Worte meines Lieblingsreitlehrers kommen mir in den Sinn. Wie er so einen Zwerg beschäftigen würde hatte ich gefragt. Er meinte „Schrecktraining“ würde ja zum Programm gehören. Schrecktraining? Mit Sir Duncan Dhu?? Ach so – jetzt verstehe ich! Duncan soll das Erschrecken trainieren! Ja, das könnte sich als Herausforderung gestalten. Da werde ich mir Mühe geben müssen!

Arnulf hat sich da auch schon sehr angestrengt. Als er Merlin abends die Abschwitzdecke runter und die Regendecke drauf machen will, benutzt er Duncan kurzerhand als Deckenhalter. Einfach die gefaltete Decke mit Schwung auf den Ritterhintern gedonnert und dann Merlin ausziehen gegangen. Sir Duncan speist nach einem kurzen Blick was das wohl sei völlig ungestört weiter. Na wenigstens macht er sich nützlich!

Nicht, dass ich mir keine Mühe geben würde: Eines Abends lege ich mir die Plane und die alte Matraze in die Halle und hole den furchlosen Ritter. Kaum das wir an Halfter und Strick die Halle betreten, zeigt Sir Duncan Tendenzen, auf die „gruseligen“ Sachen zu zu laufen. Ich habe aber andere Pläne, denn ich will heute mal nichts wollen und nehme daher das Halfter ab (Duncan sehr ungeduldig – er muss doch gucken gehen was da lustiges liegt!). Ich habe weder Gerte noch Kekse dabei, sondern will nur im Elsa-Stil mit ihm zusammensein und sehen was er so tut. Naja. Was er dann tut geht so schnell dass ich noch knapp das Handy zücken und dieses Video machen kann. Bitte entschulidigt mein unqualifiziertes unterdrücktes Kichern im Hintergrund – aber ehrlich, da hättet Ihr auch nicht ernst bleiben können!

Das was Ihr da seht ist (soweit ich das zum heutigen Zeitpunkt schon beurteilen kann) das absolut typische Duncan-Verhalten: sieht spannend aus, muss angeschaut werden, ist aber nach 2 Sekunden auch schon wieder erledigt.

Wir haben dann nachher schon noch ein bißchen damit herumgespielt. Die Auseinandersetzung mit Plane und Matraze braucht keinerlei Lob von meiner Seite, sie ist für Duncan selbstbelohnend, so lange das Objekt spannend bleibt. Die Plane wurde wieder interessant als ich anfing sie zu bewegen, die Matraze blieb ziemlich unspannend. Er ist schon mit mir nochmal drauf gegangen, aber es macht keine Geräusche und bewegt sich nicht also ist es kein großer Spaß… Ganz zum Schluss, als ich ihn wieder aufgehalftert hatte und die Plane halb zerknüllt auf der Matraze lag, habe ich ihn gefragt, ob wir da rüber gehen wollen. Er hat mich wieder ein bißchen mitleidig angeschaut und es dann gemacht. Als würde er wahrnehmen, dass ich erwarte, dass er es zumindest komisch findet – aber verstehen tut er das nicht. Warum sollte er das komisch finden? Ist doch ganz normal. Highlandponys laufen in ihrem natürlichen Lebensraum bereits seit Jahrhunderten über Matrazen und Planen. (Nicht ganz, aber durchaus über natürliche Pendants zu beidem, so ein schottischer Sumpf ist ja auch nicht ohne). Und wie in Grimms Märchen höre ich Duncan murmeln „ach, wenn es mir doch nur gruselte!“

Nein, mein furchloser Ritte, mir ist es natürlich lieber wenn es Dich nicht gruselt. So werde ich stets unter deinem Limit bleiben. Nur – wo dieses Limit ist, das weiß ich noch nicht.

Das einzige, wovor Duncan sich wahrhaftig fürchtet, ist, dass es zu wenig zu essen geben könnte. Klar – alle unsere Ponys sehen ja auch so verhungert aus. (nicht).

Und nun geht es los, das Leben als Ponybesitzerin. Oder vielleicht sollte ich sagen: Pony-Dompteurin. Da wird getrickst und getäuscht dass es eine wahre Pracht ist. Aber Sir Duncan macht gerade die erschütternde Erfahrung dass er nicht das erste Pony ist das mir begegnet und dass ich viele Tricks bereits kenne und nicht darauf hereinfalle. Nicht, dass er nicht kreativ wäre. Bisheriges Highlight:

Ich stehe mit der Schüssel an der Stalltür, er muss rückwärts gehen damit ich rein kommen kann. Dann laufen wir ein paar Schritte gemeinsam in den Stall hinein aber ich finde, er darf ruhig noch einen Schritt rückwärts gehen bevor er dann auch wirklich die Schüssel haben darf. Also habe ich die Schüssel wie immer hinter meinem Rücken und warte. Duncan fummelt ein bißchen mit seinen Hufen rum, überlegt, ob er mich nicht heimlich umrunden kann (kann er nicht, ich dreh mich einfach mit) und hebt dann einen Vorderhuf und bewegt ihn etwas nach hinten. Ich lobe ihn und will schon die Schüssel abstellen, da schaut er mich schelmisch an und bringt den Huf – der noch in der Luft hängt – wieder nach vorn, etwas zur Seite und stellt ihn dort ab. Er ist also insgesamt gar nicht rückwärts gegangen! Nein, Du Ritter meines Herzens, so wird das nichts, das lasse ich nicht gelten. Das merkt Duncan dann auch schnell und geht sein Schrittchen zurück. Nun fand ich es ja bisher immer ausreichtend, dass er nur einen Vorderhuf nach hinten setzt. Ich möchte aber eigentlich beide Vorderhufe ein Schrittchen zurück haben und der kleine Trick den er eben versucht hat, ist für mich jetzt Anlass, auch diesen zweiten Rückwärtsschritt erstmalig einzufordern. Ich helfe ihm dabei ein bißchen indem ich einen Hauch auf ihn zu gehe. Mal sehen, wie lange es dauert, bis er diese neue Regel verstanden und akzeptiert hat. (Spoiler: beim nächsten Mal hat es einwandfrei geklappt)

Nach und nach zeigt Duncan seinen ganzen Charakter. Wo genau wir uns auf der nach oben offenen Duncan-Skala bewegen wissen wir nicht. Wie viel ist noch begraben unter Umzug und Herdeneingewöhnung? Knapp 5 Wochen nach Einzug ändert sich sein Ton mir gegenüber.

Wenn Duncan mich jetzt im Paddock sieht sagt er nicht mehr „hej, schön dass Du da bist, wie geht es Dir was machst Du gerade?“

Nein, Sir Duncan fängt jetzt schon so an wie ich es von Finlay – und anderen Schotten – kenne: „hej, das ist ja nett dass Du auch endlich mal wieder auftauchst, ich sterbe nämlich fast vor Langeweile und es ist Deine heilige Pflicht, mich zu bespaßen! Du hast Dich seit mindestens 1 Stunde nicht um mich gekümmert und überhaupt was machst Du den ganzen Tag ohne mich? Wie Du willst nur absammeln? Was soll das heißen Du hast keine Zeit?!“

Finlay fand ja, die schlimmsten Worte die ich ihm sagen konnte wären „Du hast heute frei“. Da stieß ich immer auf komplettes Unverständnis. Wir waren gestern zwar auf Distanzritt und ich war ziemlich überfordert und total müde danach aber es war doch mal ein Abenteuer! Also bitte, ich brauche heute wieder eins!

Diese Einstellung teilen viele Schotten, wenn auch nicht alle. In einer Rassebeschreibung für Highlanponys habe ich mal sinnegemäß gelesen: „das Highlandpony fordert die Aufmerksamkeit seines Besitzers mit Nachdruck ein“ Und ja, ich wollte so ein Modell und ich bin sehr froh, dass ich Duncan gefunden habe! Und auch, dass ich dank Finlay diesmal vorher wusste, worauf ich mich einlasse…

Neulich sagte jemand zu mir „Duncan tritt in große Fußstapfen und das weiß er. Er beschäftigt Dich und lenkt Dich von Finlay ab“. Vielleicht ist da ja was Wahres dran..

Seine Hufabdrücke sind noch klein, aber sein Herz ist groß, das steht fest.

Silbertablett

Das was ich am meisten an meinem Beruf liebe ist, dass ich Geld verdiene während ich etwas Neues lerne. Von jedem Pferd mit dem ich arbeite, jedem Schüler den ich unterrichte, jedem Huf den ich bearbeite, lerne ich etwas.

Häufig kommen zu mir Leute mit Ponys und manche davon sind echte Sonderausgaben. Spezialisten im Dinge-nicht-machen-wollen, im Ablenken, Ausweichen, Kämpfen oder Ignorieren.

Manche sagen „das ist nur weil der Mensch sie dazu gemacht hat“ und ich glaube daran nicht. Jedes Pferd kommt mit einem eigenen Charakter auf die Welt und die Frage ist nur, ob dieser Charakter zu seinem besten gefördert wird oder ob bestimmte Charaktereigenschaften schließlich Probleme verursachen weil man gegen sie arbeitet anstatt sie als Stärke zu sehen.

Da ist dieser eine kleine Norweger in meinem Schülerkreis, der mich immer ein bißchen an den berühmten Uli-Stein-Pinguin erinnert – der, der auf manchen Autos klebt und ein Schild hochhält auf dem steht „DAGEGEN!“

Meistens haben Pferde es ja ganz gern gemütlich. Sie wollen ihre Ruhe und eine harmoinsche Gemeinschaft mit Mensch und Tier. Aber der Norweger sah das anders: Er wollte gar keinen Frieden und keine Harmonie. Er wollte lieber kämpfen, wild sein, selbst entscheiden und sich irgendwo die sprichwörtlichen Hörner abstoßen. Er konnte ein richtiger kleiner Teufel sein und in der nächsten Minute war plötzlich alles wieder gut.

Ich habe all mein Horsemanship ausgepackt um mit ihm zu arbeiten und vieles wurde besser, aber ein echter Durchbruch fand nicht statt.

Erst als ich selbst anfing, ihn zu reiten, konnte ich die Lösung erspüren: es braucht ein Silbertablett.

Es ist ja so: manche Kunden bieten mir Tee an. Wenn ich ablehne, bieten sie mir beim nächsten Termin vielleicht trotzdem wieder einen Tee an. Wenn ich dann erneut ablehne, sinkt die Wahrscheinlichkeit des Tee-Angebots schon dramatisch und nach dem 4. oder 5. „nein danke“ bietet mir fast niemand mehr einen Tee an. Das ist total logisch und in diesem Zusammenhang auch völlig in Ordnung. Wenn wir aber mit einem Pferd arbeiten, das lieber kämpfen als Harmonie finden möchte, dürfen wir niemals aufhören, anzubieten. Auf unserem Silbertablett steht das Angebot für Harmonie und wir müssen es dem Pferd stets wieder hinhalten, auch wenn es uns das Tablett vielleicht aus der Hand schlägt und einen Wutanfall bekommt. Wie ein höflicher englischer Butler, der durch nichts zu erschüttern ist, sammeln wir dann das Tablett wieder ein und bieten es wieder an. Und irgendwann kommen die Momente in denen das Pferd kurz „ja“ sagt. Vielleicht zuerst nur eine Sekunde. Später werden es zwei.

Der kleine Norweger kann jetzt schon oft von 45 Minuten ungefähr 40 Minuten Harmonie finden. So wie ein Butler seinem Herrn das Tablett nicht um die Ohren hauen wird, so habe ich dem Norweger nichts mehr um die Ohren gehauen. Ich habe nicht mehr mitgekämpft, habe mich nicht darauf eingelassen, sondern freundlich das Tablet hingehalten. Und er hat verstanden, hat sich innerhalb weniger Wochen komplett verändert – und ich habe gelernt.

Wenn ich jetzt mit Duncan etwas tue, denke ich viel an diesen Norweger, denn auch Duncan möchte – allein schon altersbedingt – lieber mal etwas rangeln oder boxen. Ihm immer wieder Harmonie anzubieten wird meine erste und größte Aufgabe sein, vielleicht das wichtigste was er in seinem Leben lernen soll. Und ich verstehe mich dabei – wie der Butler – als Dienstleister meinem Pferd gegenüber, nicht als Boss. Ich biete an und er kann ja sagen oder nein. Weil mein Tee … ich meine: mein Angebot so gut ist, wird er ja sagen, wenn ich es nur immer wieder auf dem Silbertablett serviere. Früher oder später wird er die Harmonie wollen und bei mir finden, vielleicht erst nur kurz, später immer länger. Und wie der englische Lord, der sich auf seinen treuen Butler verlässt, wird er sich auf mich verlassen, dass der Tee immer pünktlich serviert wird – auf dem Silbertablett. Ich erinnere mich, dass Finlay mindestens 2,5 Jahre alt war – vielleicht auch schon 3 – als der Tag kam in dem ich das Gefühl hatte, er sucht immer wieder nach der Harmonie. Vielleicht gelingt es mir bei Duncan ja etwas früher…

Das klingt nun ein bißchen antiautoritär – so ist es nicht gemeint, aber es ist eine sehr viel weiter gefasste Ausbildungsidee als ich sie bei Finlay hatte. Ich verlasse mich sehr viel mehr darauf, dass Duncan sowieso mit mir zusammen sein will und sowieso alles richtig machen will. Ich baue weniger auf Konditionierung im klassischen Sinne und mehr auf das Bedürfnis nach Gemeinschaft.

Gleichzeitig braucht mein Sir Duncan ja trotzdem ein paar grundsätzliche Manieren und die sind natürlich durch einfache Konditinierung am schnellsten zu etablieren. Wenn ich ihm also seine Futterschüssel (die mit der Matsche und dem Mineralfutter – Ihr erinnert Euch) serviere, möchte ich nicht, dass er sich auf mich und die Schüssel stürzt, sondern ich hätte es gern ritterlich gesittet. Ich habe mir also überlegt, dass Duncan einen Schritt zurückgehen soll, bevor ich ihm die Schüssel überlasse. Duncan findet das allerdings sehr unsinnig und ist wenig angetan von der Idee. Da stehe ich nun mit meinem Silbertablett (in diesem Fall die Schüssel hinter meinem Rücken) und muss aufpassen dass ich nicht einfach umgerannt werden. Manchen kleinen Boxkampf hatten wir schon, wenn ich dann ins Halfter greife und versuche, Duncan mit möglichst wenig Druck meinerseits zu erklären, dass er jetzt noch nicht an die Schüssel darf, während Duncan mit viel Druck seinerseits darauf besteht, dass JETZT der beste Zeitpunkt dafür wäre.

Es liegt an mir, mir zu überlegen, was die beste Strategie ist, ihm das erwünschte beizubringen. Bald, wenn er wirklich eingewöhnt ist, wird er kein Halfter mehr tragen. Dann muss ich sehen, wie ich ihn davon abhalten kann, sich auf die Schüssel zu stürzen. Mit einem Zaun zwischen uns, unter dem ich die Schüssel dann durchschiebe, sobald er sein Schrittchen rückwärts gemacht hat oder mit einem Stick, mit dem ich mir Raum verschaffe – ich weiß es noch nicht. Im Moment interessiert mich vor allem, wie lange Duncan brauchen wird, bis er die Regel verstanden hat. Ich hatte manchmal den Eindruck, er weiß es schon, er bringt es nur einfach nicht fertig, weil er zu aufgeregt ist. Dann muss er einen Teil seiner Aufregung an mir auslassen, bevor er es schafft, sich selbst zu beherrschen. Das ist etwas, worüber Elsa Sinclair sehr viel spricht: Stressabbau durch Dominanz (was in diesem Fall heißt: durch meine „Dominanz“ – was bedeutet ich entscheide für Duncan was er tun soll)

Sobald er dann endlich an seine Schüssel darf, steht Sir Duncan der nächste Kampf bevor. Die Schüssel wehrt sich nämlich nach Kräften, läuft vor ihm weg oder meistens immer auf ihn zu und zwingt ihn, rückwärts zu gehen! Ob sie sich das von mir abgeschaut hat?

Manches Mal landet dann in wütender Verzweiflung statt der Nase der Vorderhuf in der Schüssel, wovon man aber ja leider nicht satt wird. Insgesamt ist es wirklich schwierig für den kleinen Ritter, manierlich vom Teller zu essen.

Auch wenn ich ihn einzeln stelle damit er in Ruhe seine riesige Heu-Portion fressen kann, möchte ich es gesittet haben. In einer Hand das Pony am Strick, in der anderen den Heusack, habe ich doppelt Probleme, weil ich – bevor getafelt werden darf – auch noch den Strick vom Halfter lösen muss. Duncan soll also sein Schrittchen zurück machen UND mich in Ruhe den Strick aufmachen lassen. Das ist dann doch noch zu viel. Duncan versteht und geht rückwärts – einen Schritt, noch einen Schritt, noch einen Schritt. Ich versuche derweil den Strick vom Halfter zu fummeln, was nicht so einfach ist, weil mein Pony zusehends ungeduldig wird: er macht doch, was ich will, wieso hat er sein Heu noch nicht bekommen?

Und so erkenne ich erste Tendenzen: versteht schnell, übertreibt dann vielleicht gern mal ein bisschen. „Viel hilft viel“ könnte eins seiner Lernmottos sein. Mal sehen, ob sich das bestätigt. Ich grinse heimlich in mich hinein. Wenn wir in 4 oder 5 Jahren auf unseren ersten kleinen Distanzritt gehen, könnte mir diese Einstellung zu Gute kommen. Wenn 30 km gut sind, sind 40km vielleicht noch besser….

Und immer habe ich diese kleinen Fragezeichen im Kopf. Duncan ist jetzt 4 Wochen hier bei uns. Welches Verhalten, das er bisher gezeigt hat ist „Duncan-Normal“ und welches ist eben doch vielleicht ein bisschen aus Stress oder Unsicherheit entstanden (auch wenn es für mich noch nicht als solches zu erkennen ist)? Welche Verhaltensweisen sind Charakter, welche sind nur wachstumsbedingt und durch vor-pubertäre Entwicklungen ausgelöst? Da wird es noch viel zu beobachten und zu lernen geben.

Auch die Herde ist noch in der Findungsphase und vermutlich wird das alles noch ein paar Monate dauern, bis sich Rituale gebildet haben, wer mit wem wie umgeht.

Insgesamt ist aber jetzt alles ganz entspannt. Die Herde ist ruhig, größere Streitigkeiten bleiben aus. Man frisst gemeinsam und schläft gemeinsam, das reicht ja für den Anfang völlig aus. Duncan ist als Mitglied der Gruppe akzeptiert worden und fügt sich problemlos in die Tagesabläufe mit ein.

Eben jene Tagesabläufe sortieren sich auch für mich nun wieder in taugliche Routinen: Duncan zweimal am Tag extra stellen mit Heu, Merlin wieder in seinen gewohnten „5 Schüsseln Extra am Tag“ Modus einpendeln (ja das habt Ihr richtig gelesen: 5 Schüsseln. Morgens und abends jeweils Heucobs und Hafer und dann einmal noch Mash obendrauf. Von nix kommt ja nix. Fragt nicht was alte Pferde kosten…)

Während Ihr diesen Artikel lest sind wir gerade dabei das neue E-Zaun-Gerät anzuschließen so dass wir dann auch endlich den Rundlauf wieder aufmachen können. Unsere armen, geschundenen Ponys sind ja nun seit über 4 Wochen auf ihrem „winzigen“ Paddock eingesperrt (so die Darstellung der Ponys. Ich finde den Paddock immer noch recht luxuriös so im Vergleich). Dann kann Sir Duncan noch mehr Welt erkunden und auch mal ein bisschen „Strecke“ machen.

Und vielleicht – ganz vielleicht – kehrt dann wieder ein Alltag und etwas Routine in mein Leben ein. Vielleicht finden mein Herz und meine Seele etwas Ruhe . Vielleicht kann ich mich in die neue Situation einfinden und anfangen, wirklich zu genießen, dass Sir Duncan jetzt hier ist. Denn eins steht fest: er ist ein tolles Pony – mein tolles Pony! Und genau mein Typ.

Ein erstes kleines Abenteuer haben wir diesen Montag schon gemeinsam erlebt – darüber dann nächste Woche mehr.

Ritter-Azubi

So sehr ich auch wie eines riechen mag, ich bin kein Pony. Ich bin ein Mensch mit den ensprechenden Empfindlichkeiten. Ich mag es nicht, wenn man mich mit den Zähnen krault und meine Spiele sind doch etwas zarter als die der Ponys untereinander.

Duncan weiß: Menschen können super kraulen

Von all dem weiß Sir Duncan Dhu noch nicht so viel. Er mag Menschen und er hat gelernt, dass sie gut kraulen können. Er ist sehr wohl vorsichtig, seine Züchterin hat da einen guten Job gemacht. Aber – wie sie mir selbst schrieb – er ist ein kleiner Hengst. Er möchte es lieber etwas wilder haben, es darf ruhig etwas rauer zur Sache gehen. Und manchmal vergisst er sich dann einfach und meint, ich sei wohl doch ein Pony (wahrscheinlich wegen des Geruchs).

Und so fangen wir in unserem Freedom Based Training (Elsa Sinclair) damit an, dass ich ihm erkläre, was mir gefällt und was nicht. Im Moment bedeutet das vor allem, dass ich weggehe, wenn Duncan anfängt zu kneifen oder mich mit den Zähnen kraulen zu wollen. Ich mahne sein Verhalten nicht in irgendeiner Form ab (obwohl ich mich schon einmal aus der Not heraus gewehrt habe). Ich bin dann eben einfach als Spielpartner nicht mehr da. Gespielt und gekrault wird nur, wenn Duncan dabei meine Grenzen akzeptiert und da er es doof findet, wenn er keine Aufmerksamkeit bekommt, ist es leicht, ihm das auf diese Art zu erklären. Ich lerne dabei eine Menge über ihn: wenn ich ihn vom Kopfende her verlasse, also in seine Blickrichtung weggehe, legt er die Ohren an und will mich jagen. Es triggert wohl noch mehr Spiel in ihm, so empfinde ich es. Da ich das nicht möchte, gehe ich lieber vom Schweifende in die entgegengesetzte Richtung von ihm weg.

Früher hätte ich es nicht schlimm gefunden, sondern sogar wünschenswert, dass er mir folgt und ich hätte die angelegten Ohren billigend in Kauf genommen. An Finlay habe ich aber gesehen, dass das nicht dorthin führt, wo ich hin will (besser: wo ich heute hin will). Ich möchte es bei Sir Duncan lieber etwas „ritterlicher“ haben, Jungs zum toben, kämpfen, rennen und kraulen hat er ja genug. Im Moment ist Merlin der einzige, mit dem er mal Spielansätze zeigt, aber ich glaube es wird nicht mehr lange dauern, bis auch Caruso anfängt mit ihm zu spielen und später ganz sicher auch Gatsby. Ich vermute, dass die Attacken, die ab und zu noch stattfinden, sich nach und nach in spielerische Versionen wandeln werden und je mehr Duncan lernt, nicht mehr kopflos wegzurennen, desto schneller wird das wohl passieren. Häufig galoppiert er nun schon nicht mehr, sondern trabt kurz weg, manchmal noch wild schmatzend, aber insgesamt hat er schon gut verstanden, was die anderen wirklich dazu bringt, ihn in Ruhe zu lassen. Ich konnte neulich beobachten, wie er an Gatsby vorbei wollte und präzise das richtige Verhalten zeigte: erstmal ganz viel Ruhe reinbringen, bißchen dösen, dann hinschauen, wieder wegschauen, beschwichtigendes Schnüffeln am Boden, wieder hinschauen, Schrittchen nach vorne, wieder wegschauen, kauen, nochmal Schnüffeln… und dann konnte er unbehelligt vorbei.

Einmal habe ich sogar gesehen wie alle Pferde im Roundpen standen und Duncan sich trotzdem sicher genug fühlte, um sich zu wälzen – strategisch klug geplant genau am Ausgang, so dass er schnell hätte wegsausen können, aber keiner der anderen hat sich drum geschert und er konnte genüsslich ein „Bad“ nehmen, mit kleinen Seitenblicken Richtung Gatsby, ob der Anzeichen macht, ihn scheuchen zu wollen.

Duncan, Diego und Gatsby. Immer öfter steht Duncan jetzt bei den „Großen“ …
…zumindest, so lange die das dulden…

Er löst sich mehr und mehr von Onkel Merlin, den er aber immer schnell aufsucht, wenn die Situation brenzlig wird. Aber auch Diego hat er schon mal als Schutzschild benutzt. Diego ist zwar einschüchternd, setzt aber niemals nach – er legt mal die Ohren an, schnappt vielleicht auch mal oder macht ein, zwei Schritte auf Duncan zu, rennt aber nie hinterher, so dass Duncan sein Verhalten viel besser einschätzen kann als das von Gatsby. Naja, bis auf das eine Mal, als ich mit Merlin Bodenarbeit in der Halle gemacht habe und es plötzlich so laut im Stall gescheppert hat, dass ich schnell nachgeschaut habe. Da hatte Diego sich kurz vergessen und Duncan in die Ecke gestellt. Zum Glück tritt er nicht wirklich zu, sondern ist so nah dran, dass er immer nur die Kruppe hochwirft und die Hufe kaum zum Einsatz kommen – mehr sowas wie boxen mit den Hinterbeinen als echtes treten. Was da los war, werde ich wohl nicht erfahren.

Ritter werden nicht geboren, sie müssen erst viel lernen – die Kunst des Kämpfens aber eben auch die Höflichkeiten, die Regeln und Tugenden, die dazugehören. Sir Duncan arbeitet quasi noch an seinem Ritterschlag, der ihm vielleicht eines Tages von Diego erteilt wird im Zuge der Aufnahme in die Herde. Aber einige Dinge hat er schon im Repertoire:

Heu zum Beispiel wird nicht einfach gegessen, nein, Sir Duncan tafelt regelrecht, und zwar nicht immer im Stehen, sondern sehr gerne auch im Liegen. Mehrfach haben wir ihn schon gesehen, gemütlich auf dem Bauch ins Heu gekuschelt vor sich hin mampfend und einmal habe ich ihn sogar erwischt, wie er auf der Seite liegend anscheinend im Halbschlaf ganz gemach auf ein paar Halmen kaute. Mir scheint, da wird einfach gegessen bis zum Umfallen, so dass Sir Duncan schließlich ganz ohne Alkohol „heuselig“ einschlummert, so ein richtiges Gelage eben. Ich finde, es verschwinden unglaubliche Mengen an Heu in dem doch noch recht handlichen Bauch, aber Duncan wächst ja auch ganz fleißig – manchmal habe ich den Eindruck, ich kann ihm dabei zuschauen. Zum Heu gibt es nun auch Mineralfutter – in lecker Matsche versteckt. Das findet der unerfahrene Fresser noch etwas schwierig zu managen und stellt sich gelegentlich dumm an, aber Übung macht den Meister. Schmecken tuts jedenfalls, das ist ja das was zählt. Danach könnte er dann eine Serviette vertragen, aber so weit geht‘s dann eben doch nicht mit den Manieren. Die Schnute wird an Merlin abgewischt, das passt schon.

Wenn er dann satt und ausgeschlafen ist, widmet Duncan sich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung: die Erforschung der Welt. Was genau muss man eigentlich tun, damit so eine Schubkarre umfällt und was passiert danach? Warum macht es so ein lustiges Geräusch, wenn man mit dem Huf auf dem Holzbrett herumdengelt? Wie genau reagiert ein leeres Heunetz, wenn man hineinbeißt und daran zieht? Und wo kann man sich hier am besten kratzen? Wozu sind die Stangen in der Halle da, wo passt der Kopf durch und wo nicht? Was treiben die verliebten Nachbarponys da? Schmeckt Sauerampfer eigentlich genauso wie Gras?

Bei all diesen Beschäftigungen ist er allerdings sehr darauf bedacht, seinen großen Freund Merlin nie aus den Augen zu verlieren. Er geht zwar durchaus allein auf Tour, weiß aber immer wo Merlin ist und kriegt mit, wenn der seinen Standort verlegt. Als ich mit Merlin auf dem Reitplatz bin, ist Duncan wieder ganz ruhig in seinem Paddock auf Erkundungstour, steht aber parat, wenn wir in seiner Sichtweite Pause machen und schaut neugierig zu wie Merlin Gras zupft.

Wenn beide in ihrem Nachtquartier sind und ich Merlin für eine Schüssel Hafer raushole außer Sichtweite, ruft Duncan ein bißchen nach seinem weißen Helden, steht aber ansonsten einfach geduldig an der Tür und wartet oder geht zwischendurch gucken ob er über den Zaun andere Ponys sehen kann.

Abends, wenn ich mit der (sehr hellen) Stirnlampe komme, die die Ponys etwas störend finden, kommt Duncan – der die Lampe am Anfang kurz gruselig fand – genau auf das Licht zumarschiert. Sogar beim Reinholen von der Weide kommt er angedackelt, ganz unaufgefordert, und sagt hallo. Je nachdem wie beschäftigt er ist, bleibt er für einen kurzen Klönschnack oder geht dann recht bald weiter seiner Wege. Er schaut sich die Abläufe bei den anderen Ponys ab und versteht ganz ohne mein Zutun, was es bedeutet, wenn ich rufe.

Als ich die Ponys eines Abends alle von der Weide rufe, habe ich noch Leckerlis auf Tasche und jeder, der im Paddock ankommt, bekommt etwas. Duncan traut sich nicht gleich von der Weide herunter, weil Diego zu nah am Ausgang steht. Ich rufe Diego etwas weiter in den Paddock, bitte die Ponys, mich jetzt nicht zu behelligen, damit Duncan gut reinkommen und ich die Weide zu machen kann. Duncan kommt auch rein und fragt dann – sehr ritterlich höflich! – ob da nicht auch noch ein Keks für ihn sei, wo doch alle einen bekommen haben. Es hat eine Selbstverständlichkeit mit der er das fragt, er hat genau beobachtet was passiert ist und macht einfach mit. Da er so freundlich fragt, bekommt er einen Keks und akzeptiert klaglos, dass es keinen zweiten gibt. So aufdringlich und wild er manchmal sein mag, es gibt Momente, in denen er wirklich schon ein Gentleman ist.

Samstag war der große Tag: die Ponys sind nun auch nachts alle zusammen. Ein bisschen geschwitzt habe ich ja schon, ob Duncan wieder durch irgendeinen Zaun marschiert, aber es hat alles wunderbar geklappt und nun können wir jeden Tag Fortschritte sehen.

mit Caruso klappt es mittlerweile schon sehr gut.

Zur Erkundung der Welt gehört für Duncan auch, Gatsby zu erkunden. Der, der Duncan am meisten Ärger macht, den findet Duncan gerade unglaublich spannend. Immer wieder pirscht er sich an und lotet genau aus, wie er sich wohl benehmen muss, damit es keinen Ärger gibt. Und Ärger gibt es immer seltener und wenn dann nur noch sehr milde. Ich glaube also mit Fug und Recht behaupten zu können: Integration geglückt. Den Rest erledigt die Zeit.

Inwieweit unsere Arbeit mit dem Freedom Based Training in der Gruppe dazu beigetragen hat, vermag ich nicht zu sagen, aber es wurde schon alles deutlich besser, nachdem ich etwas Zeit mit den Ponys verbracht habe und dabei geholfen hatte, Stress abzubauen.

Im Nachhinein wird mir erst so richtig bewusst, wie sehr Finlay ein Puffer für die ganze Herde war. Wer immer gerade genervt war und Frust hatte, ging zu Finlay und hat ihn geärgert und Finlay hat das alles entweder ausgesessen oder in ein lustiges Spiel verwandelt. Ich glaube, er war durch sein sonniges Gemüt und seine stoische Gelassenheit dazu in der Lage, die Stimmungen der anderen aufzufangen – so wie er auch meine Stimmungen immer aufgefangen hat. Das hat ihn ja alles nie erschüttert.

Ob Sir Duncan Dhu das können wird, wird sich noch zeigen, aber ich habe Hoffnung dass das klappt. Denn wie Finlay hat er in seinem Leben nichts schlechtes erlebt, kennt keine Sorgen und Nöte und wenn er doch mal welche hat, hält er sich nie lang damit auf. Er ruht schon jetzt – mit nur einem Jahr Lebenserfahrung – unglaublich in sich selbst und ich glaube er wird der sprichwörtliche Fels in der Brandung werden. Lassen wir uns überraschen!

Bis es so weit ist, habe ich eine große Aufgabe vor mir: eine gute, stabile Basis schaffen. Doch dazu nächste Woche mehr!

Geduld

Hier sitze ich nun auf der unbequemen Tribüne der Reithalle, den 3. Tag in Folge. Ich bin verspannt und müde, aber es ist wahnsinnig interessant und gerade fallen in meinem Kopf so viele Dinge an ihren Platz, die seit Mai 2018 da so herumwabern. Denn im Mai 2018 war ich auf dem ersten Kurs mit Elsa Sinclair (www.tamingwild.com) und Elsa hat dort Dinge gezeigt und erklärt, die lange, lange nachgewirkt haben und die so viele neue Fragen aufgeworfen haben.

Nun bin ich wieder auf dem Kurs bei Elsa und ich beobachte, wie sie ihren Lehrstil weiter verbessert hat und wie sie die Inhalte ihres Kurses noch mehr auf das Wesentliche reduziert hat. Sie hat alles quasi eingedampft auf die Essenz bzw die Basis. Sie erklärt zwar am 4. Tag dann auch, wie es weitergehen könnte, aber sie sagt „ich mache hier mit Euch nur die ersten Schritte, weil ich Euch zwingen will, geduldig zu sein, weil das sonst niemand tut“. Elsa stellt – wie ich es noch selten oder vielleicht in diesem Ausmaß nie gesehen habe – das, was sie vermitteln möchte und was ihr wichtig ist über alles andere. Sie akzeptiert, dass Leute vielleicht finden, sie bekämen zu wenig für ihr Geld oder dass ihr Konzept viel zu langsam ist. Sie nimmt in Kauf, das Zuschauer nicht wiederkommen oder dass Teilnehmer frustriert sind. Sie brennt für ihre Sache und ist absolut bereit, sich bei den Menschen unbeliebt zu machen um zu zeigen, worum es geht.

In endloser Geduld erklärt sie wieder und wieder und wieder die gleichen Dinge in verschiedenen Worten, geht auf die einzelnen Nuancen ein, die winzigen Details, ist immer freundlich, immer ansprechbar, beantwortet in den Pausen noch 23875 individuelle Fragen und was mich am meisten erstaunt ist, wie gut sie sich an Menschen erinnert. Obwohl sie mich nur einmal auf dem Kurs letztes Jahr gesehen hat (als einer von ca 70 Zuschauern), weiß sie über Facebook ein paar Dinge von mir und hat sie absolut präsent – dass ich Hufe bearbeite, dass ich meinem Shetty nach dem letzten Kurs mit ihrer Methode die Angst vor dem Einsprühen nehmen konnte, dass ich jetzt einen Jährling habe, all das weiß sie.

„Ich unterrichte die Menschen so wie ich die Pferde ausbilde“ hat sie letztes Jahr zu mir gesagt. Und ich beobachte sie dabei. Sie betont alles, was gut läuft, sie zeigt Möglichkeiten auf – endlose Vielfalt an Möglichkeiten – sie ermutigt alle zum Experimentieren und zum Fehler machen. Immer wieder betont sie, dass alles individuell ist, jedes Pferd ist anders, jeder Mensch ist anders, jede Beziehung ist anders. Immer wieder weist sie darauf hin, dass jeder seinen Weg finden kann in ihrem System, aber etwas Geduld ist eben doch nötig. Taming wild, da geht es darum, das wilde in uns zu zähmen, das immer viel zu schnell viel zu viel will.

Ich fahre nach hause mit Herz und Kopf voller Inspiration und habe eine Million Ideen was ich nun mit diesem neu zusammengesetzten Puzzle tun möchte.

Aber kaum bin ich zu hause, schnappt die Zeitfalle zu. Denn im Moment ist es so, dass die Zeit und Energie, die eigentlich für die Pferde übrig wäre, in kleinen gemeinen Löchern verschwindet, weil ich mich um meine eigene Gesundheit kümmern muss, weil Zäune (wieder) aufzubauen sind, weil das Pony-Management generell im Moment so viel Zeit verschlingt, weil ich total übermüdet bin, nachdem mein Gehirn 4 Tage auf Hochtouren gelaufen ist.

Dennoch nehmen wir uns etwas Zeit für das Freedom Based Training und entdecken ein paar Dinge. Wir hoffen, die Situation zwischen Gatsby (das Highlandpony unserer Mieterin) und Duncan entschärfen zu können. Zwischen den anderen Ponys und Duncan läuft es so weit ganz gut. Nachts sind sie weiterhin getrennt, damit alle ruhig schlafen können. Tagsüber auf der Weide sind alle zusammen, auf dem Paddock lasse ich sie nur zusammen wenn einer von uns da ist um aufzupassen.

Duncan hat mittlerweile ordentlich Angst vor Gatsby und da uns immer noch nicht ganz klar ist, was Gatsbys Attacken auslöst, kann ich diese Angst gut verstehen. Mit Hilfe von Elsas Ideen wollen wir nun zum einen versuchen, herauszufinden, wie Duncan sich so verhalten könnte, dass Gatsby ihn nicht mehr attackiert, zum anderen Gatsby helfen, sich freundlicher verhalten zu können, er handelt nicht aus Bösartigkeit so, sondern weil er selbst offensichtlich gestresst ist in der neuen Situation. Wir möchten also beiden helfen, besser klarzukommen. Ob uns das gelingen wird?

Nun kann ich auch endlich einmal wieder entspannte Zeit mit Merlin verbringen, denn während Merlin auf dem Platz arbeitet, kann Duncan nun friedlich auf dem (umgebauten) Paddock stehen, von dort kann er Onkel Merlin sehen und sorgt sich dann auch gar nicht, dass er im Grunde allein ist. Er steht nicht dauernd am Zaun und guckt, sondern macht in Ruhe sein Ding, wahrscheinlich reicht es ihm, Merlin noch zu hören wie er über den Reitplatz marschiert.

Und während ich mich – trotz all der Extra-Arbeit die wir nun haben, trotz des Eingewöhnungsstresses – mehr und mehr in Duncan verliebe, ist doch auch immer wieder der Schmerz präsent. Diejenigen unter Euch, die einen ähnlichen Verlust erlebt haben, werden das wissen, für die anderen ist es vielleicht hilfreich es zu wissen. Es ist etwas ganz anderes, ob wir ein altes Tier verlieren, von dem klar war, dass es nicht mehr lange bei uns sein wird, ein Tier, bei dem sich vielleicht schon seit Jahren ankündigt, dass der Tag des Abschieds näher rückt, oder ob wir ein junges Tier verlieren, mit dem wir eine Zukunft geplant hatten und dessen Zeit noch so lange nicht gekommen war. Der Unterschied ist um so vieles größer als ich gedacht hätte, ich möchte fast behaupten, die Situationen haben nicht viel gemeinsam. Zum Schmerz des Verlusts kommt der Schock und die ewige Frage nach dem Warum, die Wut über diese Ungerechtigkeit, die Verzweiflung darüber, so machtlos zu sein. Der Schmerz kommt in Wellen, und auch wenn diese Wellen allmählich kleiner werden, gehe ich doch in vielen dieser Wellen noch unter und schlucke eine Menge Wasser. Viele, die schon ähnliches erlebt haben, sagen mir, dass es ein Jahr dauert, bis das Schlimmste vorbei ist. Ich wünsche mir, dass es wahr ist, dass es immer etwas leichter werden wird. Und ja, mein Leben geht weiter und ich schreite voran, trotz der Momente in denen ich einfach nur alles wieder so haben will wie es einmal war.

Eines der letzten Fotos von Finlay – Mai 2019

Ich bin nie ein Mensch gewesen der sich in die Vergangenheit zurück wünscht. Mein Leben ist immer nur besser und besser geworden, auch mit den Verlusten und Schwierigkeiten die es gab. Aber jetzt wünsche ich mich manchmal einfach zurück in die Zeit, in der Finlay noch da war. In die Zeit, in der das Leben seinen geregelten Gang ging und ich noch nicht wusste, wie ein solcher Verlust sich anfühlt. In die Zeit, als das alles nur in einer angstvollen Phantasie manchmal passierte, aber niemals in der Realität.

Das schlimmste sind die Kurse. Etwas Neues zu lernen und dabei zu wissen, dass ich es niemals mit Finlay ausprobieren kann, ist eine grauenhafte Vorstellung, die mich jedes Mal wieder zu Boden zwingt. Und immer wenn ich etwas Neues lerne, verstehe ich auch, was ich vorher falsch gemacht habe – und ich werde es niemals gutmachen können bei meinem Finlay. Ich habe keine Chance mehr, ihm zu zeigen, dass ich ihn jetzt besser verstehe, dass ich etwas besser kann und wir noch mehr Spaß zusammen haben können.

Aber auch andere Situationen fördern immer wieder zu Tage was unter Alltag und Duncan verborgen liegt. Manchmal beiße ich nur die Zähne zusammen und mache weiter, erlaube mir nicht, alles zu fühlen. Aber wenn es gerade möglich ist, tauche ich immer wieder auch ein in das ganze Grauen, denn ich merke, dass das nötig ist, dass ich nicht immer alles nur wegschieben darf. Ich habe gelernt, dass die Welle über mich herüber schwappt, ich denke, dass ich gleich ertrinke und im letzten Moment ist die Welle doch zu Ende und ich bekomme wieder Luft.

Wer das nicht erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie viel Kraft das alles kostet. Wieder und wieder und wieder aufstehen und weitermachen, auch wenn es leichter wird, summiert es sich auf zu einer fast übermenschlichen Anstrengung. Niemand kann es für mich tun, ich muss es selbst tun, auch wenn ich von vielen Seiten großartige Hilfe und Unterstützung bekomme.

Ich möchte mich bei all denen entschuldigen, denen ich vielleicht einmal blöde Sachen gesagt habe ohne es zu wollen und zu merken, denen ich zu wenig Verständnis entgegen gebracht habe, bei denen ich vielleicht nicht gewusst habe, was los ist, weil ich das alles selbst noch nicht kannte. Denen, die so etwas noch nicht erlebt haben, kann ich nur raten, sich vermeintlich tröstliche Sprüche lieber zu verkneifen und zu akzeptieren, dass der andere etwas fühlt, was man sich vielleicht noch nicht mal ansatzweise vorstellen kann.

Vielleicht stört es einige von Euch, dass ich das hier so schreibe. Soll ja ein schöner, lustiger Blog sein mit Pony-Geschichten. Wird es auch, versprochen. Es macht in meinen Augen keinen Sinn, endlos über den Schmerz und den Verlust zu sprechen. Aber ich habe zu oft erlebt, dass ich gedacht habe, das Leben der Menschen wäre nach ihrem Verlust schon wieder in Ordnung und im Nachhinein vermute ich, es war eben nicht in Ordnung. Die meisten machen nur einfach weiter und machen alles mit sich selbst aus, was völlig ok ist. Nur ich, wenn ich Euch hier schon so teilhaben lasse, finde es wichtig, dass auch klar wird, dass es nicht in Ordnung ist. Finlay ist jetzt fast 4 Monate nicht mehr bei mir – eine lange Zeit und doch eine sehr kurze Zeit. Und auch wenn Duncan jetzt hier ist, heißt das nicht, dass alles plötzlich wieder gut ist, dass etwas repariert ist. Die Wahrheit ist: Meine Welt ist zerbrochen und sie wird nie wieder sein wie zuvor. Sie wird wieder gut und schön und bunt sein, aber nicht mehr wie zuvor, denn Finlay wird nicht wieder lebendig und das was ich erlebt habe wird nicht wieder rückgängig zu machen sein, es hat mich für immer verändert. Ich habe neulich gelesen:

„trauerst Du etwa immer noch? – ja, er ist ja auch immer noch tot.“

Damit ist wohl alles erklärt.

Ich bin unendlich dankbar, dass Duncan hier ist, der gute Gefühle in mir erzeugen kann genau wie mein Finlay es immer getan hat und der doch ganz anders ist dabei. Wenn ich bei Duncan bin, denke ich nicht an Finlay, denn Duncan ist so präsent, dass er mich sofort in seinen Bann zieht. Ich weiß, dass es richtig ist, ihn hier zu haben und dass er mir helfen wird, mich besser zu fühlen, Stück für Stück. Ich danke all jenen, die es möglich gemacht haben, dass er hier ist.

Duncan wird nun derjenige sein, mit dem ich neu gelerntes ausprobieren kann und ich bin froh, dass nun gerade der Kurs mit Elsa war, denn ihre Arbeit bedeutet zunächst, dass nur ich arbeite, während er tut, was er möchte, also kann er auch als Jährling beliebig viel davon vertragen.

Und auch mit mir selbst darf ich geduldig bleiben, so wie Elsa es vorlebt, darf üben, mich selbst besser zu fühlen, die positiven Dinge zu betonen und viel Zeit investieren in die stille Beobachtung und Wahrnehmung dessen, was ist.

Elsa sagt, durch ihr Freedom Based Training können wir den Pferden helfen, zu besseren Pferden zu werden – und ich bin überzeugt, es hilft auch uns, zu besseren Menschen zu werden.

Nächste Woche werde ich Euch dann wieder Lustiges erzählen über Ritter-Gelage und Schubkarren und hoffentlich Spannendes und Gutes über die Integration des Sir Duncan in die Herde.

Übrigens bin ich überzeugt, dass er ordentlich gewachsen ist in den 4 Tagen die ich ihn nicht gesehen habe!

Der Boden der Tatsachen

„Auf dem Boden der Tatsachen liegt viel zu wenig Glitzer“ habe ich auf Facebook gelesen.

Aber dieser Spruch scheint nicht für Sir Duncan Dhu of Nakel zu gelten. Denn der schlägt nicht hart auf dem Boden der Tatsachen auf, sondern landet dort weich gefedert auf einem Polster aus Selbstbewusstsein, schüttelt sich kurz, stellt fest, dass da zu wenig Glitzer liegt und fängt frohgemut an, welchen zu verstreuen.

Duncan findet alles nicht so schlimm. Ja, die anderen sind doof zu ihm aber was solls? Er überzeugt Merlin von sich und ein Kumpel reicht ja um sich dahinter zu verstecken.

Meine beiden Schimmel – im Moment noch sehr gut auf einen Blick zu unterscheiden 😉

Kaum dass Merlin und Duncan einigermaßen Freunde sind, die ersten Male Fellkraulen machen und Duncan erfolgreich hinter seinem großen „Onkel“ Schutz vor dem Rest der Bagage findet, ist sein Selbstbewusstsein schon wieder so glänzend aufpoliert wie Omas Silberbesteck. Er fängt wieder an, mit mir zu diskutieren – auf der Weide überlegt er kurz ob ich ihn wirklich an den Strick nehmen darf oder ob er nicht einfach weggehen kann.. ich gehe aber einfach hinterher und denke mir im Stillen „wenn Du Dich nicht anstricken lässt, gehen wir mit Merlin weg, dann kommst Du eh hinterher“ und er liest mal wieder meine Gedanken. Na gut, ich darf ihn an den Strick nehmen. Aber beim Führen vergisst er seine Manieren, versucht 4 mal spielerisch nach mir zu schnappen und trabt zweimal einfach los, in der klaren Absicht, mich stehen zu lassen (und wundert sich wieder, dass die nette Tante dann doch mal am Strick zieht).

Er hat so eine selige Art mit Problemen umzugehen. Was ich an Finlay so geliebt habe, wenn es um unsere Abenteuer ging, dieses „oh, hat nicht geklappt, na versuchen wir es halt nochmal“ das scheint bei Duncan die gesamte Lebensphilosophie zu umschreiben. Scheucht ihn einer weg, so ist er kaum betrübt, geht einfach zu einem der anderen (nur um wieder weggescheucht zu werden) oder steht kurz in der Ecke und tut sehr bedrippelt (wobei sich seine schauspielerischen Fähigkeiten in Grenzen halten) und kommt halt ein paar Minuten später wieder. Kann doch gar nicht sein, dass die ihn nicht mögen! Das ist doch völlig unmöglich! Ihn mögen doch sonst immer alle!

Ich würde ihn wirklich gerne einfach mit den anderen zusammenstellen und sehen wie er langsam versteht, dass das nicht angesagt ist, sich so zu benehmen wenn man fremd ist. Aber nach wie vor traue ich mich das nur auf der Weide, denn unser toller, spannender Paddock mit Ecken, Verstecken, Rundlauf und Winkeln ist leider für solche Aktionen nicht wirklich geeignet.

Allerdings ist mir jetzt völlig klar: sobald ich nicht mehr den ganzen Tag mit Zaunbau und Ponys sortieren beschäftigt bin wird dieses kleine Wesen Arbeit bekommen und sobald das Führtraining mir genug Mut gibt wird es raus gehen in die große weite Welt. Denn Sir Duncan scheint unbegrenzte Kapazitäten zu haben, unbegrenzte Konzentration und Aufnahmefähigkeit und endlose Abenteuerlust. Gut – ich wollte ja einen Abenteurer, das kann er haben.

Ich erinnere mich an Finlays Energielevel im selben Alter, an sein Schlafbedürfnis, Wachsen war ein Fulltime-Job für ihn. Ok, Finlay war in dem Alter auf der Hengstkoppel, sicher habe ich vieles nicht mitbekommen. Aber so wie Duncan, so war mein Finlay nicht. Finlay war jener geschockte, verschreckte Jährling, der plötzlich aus seiner Familie gerissen worden war und alles verlassen musste was er kannte. Sir Duncan ist weder verschreckt noch geschockt. Das maximale negative Gefühl, das ich bisher bei ihm gesehen habe, ist Unverständnis, dass die anderen so zu ihm sind. Ich glaube, er hat noch keine Idee, dass sein Verhalten vielleicht der Auslöser dafür sein könnte…. Aber ich vertraue darauf, dass unsere Herde ihm das schon noch beipulen wird.

Am Montag kamen dann mal diese fünf Sekunden Fassungsverlust meinerseits – da wollte ich ihn doch einfach auf den Anhänger stellen und zurück nach Dänemark bringen. Alle Ponys waren zusammen auf der Weide. Wir hatten die Weide verkleinert, weil sie sich ja daran gewöhnen müssen, auf engerem Raum zusammenzusein. Alles war super harmonisch. Ich habe nur einmal gesehen, dass Gatsby Duncan weggejagt hat und das recht unspektakulär. Mir schien, Duncan hat schlauere Taktiken entwickelt – schneller weg sein und nicht zum Zaun rennen – die das Problem entschärfen. Dann kam meine Reitschülerin und ich brauchte Merlin. Ich rief Merlin von der Koppel runter und wollte einfach sehen, was passiert. Caruso wollte unbedingt mit rein, Duncan reagierte erst nicht und ich witterte meine Chance, Duncan kurz mit Diego und Gatsby allein zu lassen. Leider witterte Gatsby diese Chance auch und fing an Duncan zu jagen, aber nur kurz, dann ließ er von ihm ab. Und Sir Duncan Dhu schaut sich unglücklich um, peilt die kürzeste Strecke zu Merlin, nimmt einfach Anlauf und springt durch den Zaun. Da wir ja an den meisten Stellen Glattdraht als Einzäunung haben, macht es „ping“ und der Draht springt auf. Soviel zu den 8000Volt auf dem Zaun (klar, wenn man schnell genug durch ist, kriegt man höchstens EINEN Schlag).

Ja, ich weiß, Ihr habt ja recht. Ich war selbst schuld. War halt blöd von mir. Aber im ersten Moment war da schon der Gedanke, dass ich ein Pferd, das durch Zäune springt, hier nicht haben will.

Aber ich denke nicht, dass er das noch tun wird, wenn er erst wirklich angekommen ist. Wir hatten schon ähnliche Situationen mit anderen Pferden – mein alter Warmblüter hat auch gerne mal Zäune auf diese Art abgebaut, wenn ihm danach war – aber wir konnten das immer klären. Und zwar nicht durch Aufrüsten, sondern indem wir dafür gesorgt haben, dass die Pferde sich in ihrem Bereich wohl gefühlt haben. Sicher wird das langfristig auch bei Duncan gelingen.

Bis dahin schmieden wir Pläne, bauen weiter fleißig Zäune um, damit wir allen einigermaßen gerecht werden können, fluchen dabei leise oder auch mal lauter vor uns hin und freuen uns trotzdem an den Fortschritten die wir machen.

Arnulf -mein ewiger Held und Retter in der Not….

Duncan stand dann übrigens während der Reitstunde mit Caruso in der Halle und kam ganz gut zurecht. Er hat zwar manchmal gewiehert, ist aber nicht panisch rumgerannt und Caruso hat keine schlimmen Attacken mehr gestartet. Die Halle ist ein ziemlich ausbruchsicherer Ort, da müsste man als Pony schon einigermaßen lebensmüde sein um das zu versuchen und es zeigt sich: da kann Sir Duncan sich dann gut mit abfinden. Es gibt ja auch Pferde, die sich dann endlos reingesteigert hätten, die Halle umgepflügt und geschrieen wie am Spieß, aber dafür ist Duncan dann doch wieder zu sehr das, was er eben immer ist: selbstbewusst.

Mittlerweile darf er bei Merlin mit am Heu fressen – das macht er ganz genau so, wie Finlay es immer bei Diego gemacht hat. Merlin wacht über Duncans Schlaf, die beiden machen viel Fellkraulen und obwohl Merlin manchmal etwas genervt wirkt (auch das kenne ich von der Beziehung zwischen Diego und Finlay), ist er insgesamt glaube ich dem kleinen Zwerg doch zugetan.

Mein guter alter Merlin kümmert sich gut um seinen neuen kleinen Freund

Am Dienstag verbringen Merlin, Duncan und Caruso einige Stunden zusammen im Paddock. Wir bekommen nicht so viel mit von dem was passiert, ein paar kleinere Attacken, aber Duncan hat abends keine neuen Schrammen. Caruso aber steht wie ein Dompteur und hält Duncan durch Anstarren dort wo er ihn haben will. Die Öhrchen spitz nach vorn, die Augen weit auf, die Vorderbeine weit auseinander in den Boden gestemmt steht Caruso und starrt Duncan einfach nur an. Duncan sieht ausnahmsweise mal ehrlich beeindruckt aus und Caruso – der mindestens die letzten 10 Jahre, vermutlich auch davor, noch nie irgendwas zu melden hatte in der Herde – feiert sich selbst. Er sieht unglaublich zufrieden aus mit dieser neuen Situation. Duncan hat gelernt, sich anders zu verhalten, er ist viel besser in der Lage Carusos Körpersprache einzuschätzen als am ersten Tag und wenn er sich ruhig verhält, tut Caruso ihm natürlich auch nichts.

Als ich Duncan und Merlin in ihr Nachtquartier bringen möchte, entscheide ich mich, Duncan zuerst zu holen. Caruso steht am Tor, Duncan möchte nicht zu nah an ihn ran und bleibt lieber stehen. So besteht nun meine Aufgabe darin, Duncan zu erklären, dass ich ihn beschütze, so lange ich ihn am Strick habe. Das klappt gut und mein selbstbewusstes Pony marschiert schön allein in die Halle und wartet dort ganz ruhig auf Merlin.

So ist Sir Duncan Dhu nun eben doch auf dem Boden der Tatsachen angekommen – und von mir aus kann er dort gern Glitzer verstreuen so viel er will.

Wünsche werden wahr

Wir kommen also in Dänemark an, nach fast 4 Stunden Fahrt ist Diego sichtlich genervt (aber zum Glück entspannt dabei).

Diego und Duncan bekommen ein Stück Weide und Paddock zusammen zum kennenlernen. Diego sagt erst mal mit Gequietsche und Auskeilen Bescheid, dass er Abstand wünscht. Duncan geht weg, kommt aber alsbald wieder. Er ist selbstbewusst, lässt sich nicht so leicht auf Abstand halten.

Wir überlassen die beiden sich selbst und werden im Haus zum Frühstück eingeladen. Durchs Fenster schauen wir immer mal, aber es passiert nicht mehr als dass Duncan immer mal wieder einen Anlauf unternimmt, zu Diego zu gehen, Diego aber jedes mal meint, das wäre doch wohl zu nah. Am Ende – aber das bekomme ich nicht mit – ist Duncan plötzlich auf der falschen Seite des Zauns… Die beiden Männer sammeln ihn wieder ein und stellen ihn zurück zu Diego.

Schließlich, nach ca 1,5 Stunden, beschließen wir, die Heimreise anzutreten. Duncan soll hier zu hause noch Zeit haben, im Hellen den Paddock, die Weide und die Zäune zu erkunden.

Diego steigt auf den Anhänger (ich bewundere ihn so sehr dafür! Gerade hatte er diese elendig lange Fahrt hinter sich…)

Duncan, in aller Ruhe und genau wie bei unserer Übungseinheit, marschiert Huf für Huf mit auf den Anhänger. Auch das Schließen der Rampe stört ihn nicht. Von diesem Moment an steht er 4 Stunden lang neben Diego auf dem Anhänger. In all der Zeit tut er nur zwei Dinge: fressen und dösen. Er regt sich nicht auf, er wiehert nicht, er klopft nicht, er schlägt nicht mit dem Kopf. Über die Kamera haben wir die beiden die ganze Zeit im Blick. Duncan fährt Anhänger, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Wir hören derweil Clanadonia, schottische Straßenmusik, und feiern unsere tollen Ponys. Nach der Fahrt, so denke ich, werden beide froh sein, auf die Weide zu können, werden schon ganz gut aneinander gewöhnt sein und Merlin und Caruso, die im Moment als einzige zu Hause übrig sind, weil Gatsby (das Pferd unserer Mieterin) auf Kurs ist, sind sowieso immer gleich gut Freund mit jedem. Also sollte es kein Problem geben.

Aber ich hatte ja schon geschrieben: der Schotte an sich schreddert gern mal Pläne.

Nach einem harmlosen Start – bißchen Quietschen und Rennen, das Übliche halt, beschließt Diego, dass Duncan doch bitte mal von der Weide runter in den Paddock gehen soll und auf Abstand bleiben. Duncan – anders als alle anderen Pferde die wir bisher integriert haben – findet das weiter nicht schlimm, denn im Paddock stehen wir Menschen zum Kraulen und zu sehen gibt es auch allerhand. Er marschiert durch den Paddock, schaut jeden Stein, jeden Ampfer, jeden Baumstumpf genau an, kommt immer zwischendurch zu uns und wirkt, als wäre alles in bester Ordnung. Ich finde es großartig, freue mich über sein Selbstbewusstsein und bin sicher, dass alles ganz einfach sein wird.

Aber die anderen Ponys finden das gar nicht lustig. Duncan ist ihnen wohl zu dreist!

Als es dann anfängt, ernsthaft zu regnen, verschmähen unsere Ponys die Weide und gehen in die Halle. Duncan läuft frohgemut hinterher und erst läuft alles normal: die Herde steht in der Halle, Duncan darf aber nicht mit rein und steht also draußen. Wir gehen in die Wohnung und denken uns weiter nichts. Dann kommt unsere Freundin: Diego hat Duncan durch den Zaun getrieben. Vor der Halle ist ein blöder Engpass mit Kurve, da hatte Duncan wohl den Zaun als geringstes Übel eingestuft.

Wir beschließen, da es schon dunkel wird, auf Nummer sicher zu gehen. Duncan nächtigt mit Caruso in der Halle, die anderen auf der Weide. Caruso, immer das letzte Licht in der Herde und mit jedem gut Freund, wird mit Duncan keinen Streß haben. Wir beobachten beide noch eine Weile, legen viel Heu aus und alles ist ruhig. Auch am nächsten Morgen ist alles ganz entspannt. Duncan hat Sand am Rücken, hat also wahrscheinlich sogar gelegen oder sich zumindest gewälzt. Wir tauschen die Gruppen: Duncan und Caruso raus, die anderen rein, damit die sich mal trocken hinlegen können. Und dann geht es plötzlich los: Caruso, der kleine, harmlose, freundliche 85cm-Caruso geht auf Duncan los. Beißt ihn in den Hals und lässt nicht mehr los! Wir haben so etwas noch nie bei ihm gesehen. Caruso! Duncan macht Fohlenkauen ohne Ende aber es hilft nicht. Wir gehen runter und arbeiten mit der Walking Meditation von Elsa Sinclair (Taming wild). Beide Ponys entspannen sich und es passiert für die nächsten Stunden nichts dramatisches mehr. Caruso wirkt von all dem deutlich gestresster als Duncan, der das Geschehen mit stoischer Miene hinnimmt.

Arnulf und unsere Mieterin Kerstin holen Gatsby ab, dann kommen alle zusammen auf die Weide. Wieder läuft es so ab wie am Vortag: erst sieht alles ganz normal aus, aber dann drückt die gesamte Herde Duncan plötzlich wieder durch den Zaun! Wir beschließen, dass das keinen Sinn macht und trennen Duncan vorerst komplett von den anderen, nur noch Sichtkontakt. Wir telefonieren mit einer erfahrenen Pferdefrau, die uns das bestätigt, was wir auch schon vermutet haben: Das Fohlenkauen sah uns gleich ein bißchen verdächtig aus. Als ob es mehr so ein Verhalten wäre, was immer zum Erfolg geführt hat, keine ernsthafte Unterwürfigkeit. Wir rekapitulieren, mit welchen Pferden Duncan in Dänemark aufgewachsen ist: seine Mama, offensichtlich eine sehr liebe, duldsame ältere Dame, nach dem Absetzen dann sein älterer Bruder und ein Warmblut-Wallach, den wir auch nicht als guten Kandidaten für strenge Erziehung einschätzen. Duncans älteren Bruder haben wir gesehen, und hatten eindeutig den Eindruck dass Duncan ihn nicht wirklich ernst nimmt, sondern sich einfach nur gern hinter ihm versteckt.

Vermutlich hat Sir Duncan Dhu noch nie erlebt, dass ihm jemand ganz ernsthaft eine Grenze setzt und dass er sein Verhalten wirklich an bestehende Regeln anpassen muss.

In unserer Herde herrscht aber, seit Diego Chef ist, ein bestimmter Umgangston. Diego erzieht alle zur Höflichkeit. Eigentlich darf jeder alles (außer von Diegos Heu essen, das war Finlays Privileg), aber es muss freundlich gefragt werden. Wenn Diego zum Beispiel den Eingang zum Stall versperrt und Merlin durch möchte, muss er einen Moment warten, den Kopf wegdrehen, ruhig sein, dann gibt Diego den Weg frei. Dreistes Drängeln oder Nerven führt hingegen nicht dazu, dass Diego den Weg frei gibt, sondern hat mit Pech noch eine kurze „Ansage“ zur Folge. Duncan hat aber nicht diese Höflichkeit. Er nimmt sich, was er will, geht hin, wo er will und entscheidet fein für sich selbst. Ich wollte ja ein selbstbewusstes Pony…. Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen!

Als wir Duncan vom fetten Gras holen wollen, mag er sich nicht einfangen lassen. Kein wildes Gerenne, nur immer schön knapp außer Reichweite. Ich gehe immer etwas zurück, wenn er mich anschaut, lade ihn ein, zu mir zu kommen. Aber ich habe ein komisches Gefühl dabei… Duncan lässt mich näher kommen, berührt mit seiner Nase auch meine Hand. Aber dann schießt er plötzlich in einer Attacke auf mich zu! Daher kam also mein komisches Gefühl: er hat meinen Rückzug falsch verstanden, dachte, ich mache ihm Platz, dem großen Sir Duncan Dhu! Ich brülle ihn herzhaft an, schwinge mein Seil nach ihm und Arnulf tut das selbe. Anstatt ihn einzufangen, jagen wir ihn vom Gras runter.

Als wir später einen Tee trinken, reden wir darüber, was wir tun können. Wir beide haben die Idee, dass es Duncan gut tun könnte, direkt etwas Bodenarbeit zu machen. Ich wollte ihm Ruhe geben, ihm Zeit lassen, den Schock zu verarbeiten, erst etwas mit ihm machen, wenn er eindeutig Lust darauf hat. Aber er steht nicht unter Schock, wirkt nicht, als ob er Ruhe bräuchte und ich hege die Hoffnung, dass die Integration leichter wird, wenn er von mir ein paar Regeln lernt: so machen wir das hier bei uns.

Wir üben ein paar Kleinigkeiten in der Halle: etwas führen, etwas rückwärts, ein bißchen Schulter weichen. Duncan fühlt sich nicht an wie ein Jährling, sondern wie ein Dreijähriger. Er kann sich gut konzentrieren (nur 48 Stunden nach Einzug!) und wir arbeiten zweimal 10 Minuten mit einigen Minuten Pause dazwischen. Wir haben ein kleines Kämpfchen darüber, ob er mich mit der Schulter wegrempeln darf, ich versuche, so freundlich zu bleiben wie es mir möglich ist und schließlich klappt es. Dabei wirkt es überhaupt nicht so als würde Duncan „nachgeben“, „aufgeben“ oder sich unterordnen. Es wirkt auf mich so, als würde er selbst durchaus gern friedlich sein und als würde er merken, dass das auch alles ist was ich will. Ich finde das Gefühl von „Softness“ (Mark Rashid) in diesem kleinen Tunichtgut, mitten in unserer Rangelei und bin ganz fasziniert.

Erste Bodenarbeit

Duncan bleibt vorerst von den anderen komplett getrennt. Merlin nächtigt neben ihm in der Halle, tagsüber gehen alle auf die Weide – Duncan rechts, die anderen links. Einmal stelle ich Merlin zu Duncan, weil ich das Gefühl habe, dass diese beiden jetzt zurecht kommen und es klappt sehr gut. Merlin treibt Duncan gelegentlich kurz weg, aber nur kurz, so dass Duncan einfach wieder etwas mehr Abstand hält.

Den nächsten Zusammenführungsversuch mit dem Rest der Herde wollen wir dann bei komplett geöffneter Weide wagen auf ungefähr 1ha Fläche in der Hoffnung, dass dann genug Platz ist, damit Duncan nicht wieder durch den Zaun flüchtet.

Bis dahin verändere ich vor allem mein eigenes Verhalten Duncan gegenüber: ich habe hier ein komplett anderes Pony stehen als erwartet. Ich hatte gedacht, hier einen verschreckten Jährling zu haben, der total durch den Wind ist und von mir nun nicht auch noch Input braucht. Ich habe damit gerechnet, viele Monate quasi gar nicht mit ihm zu arbeiten, nur das nötige – Hufe machen und mal von A nach B führen. Ich wollte mit ihm kuscheln und nett zu ihm sein, weiter nichts.

Stattdessen habe ich schon jetzt aufgehört, mich zurückzuziehen wenn er kommt, ich gehe einfach direkt auf ihn zu und er kommt mir meistens entgegen oder bleibt stehen und schaut mich neugierig an, lässt sich recht problemlos führen mit kurzen Erinnerungen, wie er sich zu benehmen hat, die er sofort akzeptiert. Kuscheln tun wir derzeit gar nicht und in meinem Kopf entstehen Pläne, ihn bald zu beschäftigen. Er hat vor nichts ernsthaft Angst gezeigt: Heutüten, Stirnlampen, Trecker… alles schaut er neugierig an. Noch selten habe ich ein so unaufgeregtes Pony gesehen, zumindest nicht einen Jährling.

Schrecktraining zum Beispiel stelle ich mir so vor:

Duncan und ein Regenschirm… einer von beiden weint und schreit „nein nein ich will nicht gefressen werden!“ Ich sage „keine Angst, kleiner Regenschirm, das ist ein ganz liebes, harmloses Pony, der wird Dir nichts…. oh. Arnulf, hast Du mal einen neuen Regenschirm für mich bitte?“

Alle, bei denen ich mich beschwere, dass die Integration so schwierig ist, haben nur eine Antwort für mich: Du wolltest ein selbstbewusstes Pony.

Ja, ich weiß. Und ich liebe ihn jetzt schon, weil er so ein besonderes Pony ist. Und dass er so anders ist als Finlay macht es mir so leicht, ihn so zu sehen wie ER ist. Ich wünsche mir nur, dass er bald in der Herde zurechtkommt…. Damit alle wieder in den vollen Genuss unseres schönen Stalls kommen.

Mal sehen, was ich nächste Woche dazu zu berichten habe!

Mein neues Abenteuer

Sir Duncan Dhu of Nakel wurde am 24.8.2018 in Dänemark geboren.

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht im Traum daran, dass ich bald ein neues Pony „brauchen“ würde und habe mich also überhaupt nicht mit der Situation der Highlandponys in Deutschland oder gar Dänemark beschäftigt.

Als mein Finlay dann tot war, spielte mein Gehirn total verrückt. Heute weiß ich: jeder trauert anders. Jeder muss seinen eigenen Weg finden und die anderen dürfen sich raushalten. Ich hätte jedem Trauernden ganz andere Verhaltensweisen empfohlen als ich sie letztlich für mich selbst als richtig empfunden habe. Niemals – wirklich niemals! – hätte ich gedacht, dass ich einen Tag nach Finlays Tod anfange, Anzeigen anzuschauen. Einen Tag danach!! Ich denke im Nachhinein, dass ich noch total im Schock war. Aber das war das, was mein Gehirn tun wollte: Highlandponys anschauen. Da ich ja Finlay von einer Züchterin gekauft hatte, die auch Hufpflegekundin bei mir war (die jetzt aber leider nicht mehr züchtet), hatte ich irgendwie unbewusst den Eindruck: Highlandponys gibt es genug.

Aber ich wurde schnell eines besseren belehrt! Da ich keine Stute möchte – absolutes Ausschlusskriterium – blieben letztendlich in Deutschland 3 Ponys übrig, die in Frage gekommen wären. 3! Einer davon – ein Halbbruder von Finlay – ist erst dieses Jahr geboren worden, die anderen beiden sind Jährlinge. Von den beiden Jährlingen ist einer bereits kastriert, was ich nicht so toll finde. Ich habe die Züchter angeschrieben und beide Jährlinge wurden mir als eher etwas schüchtern und zurückhaltend beschrieben. Allein diese Charakterbeschreibung war für mich Grund, noch weiter zu suchen. Ich bin nun mal nicht der Typ für die zurückhaltenden. Ich liebe aufdringliche, selbstbewusste, nervtötende Ponys, die alles ankauen, eine Menge eigene Meinung haben und damit auch niemals hinterm Berg halten. Ich mag Ponys, mit denen ich auch mal streiten kann, wenn es nötig sein sollte. Solche, die kein Blatt vor den Mund nehmen, die nicht unnötig höflich oder duldsam sind. Die, bei denen ich immer weiß, woran ich bin. Die mir auch mal sagen „so machen wir das nicht“. Finlay hat das dauernd gemacht und ich habe so viel gelernt und wir hatten so viel Spaß zusammen. Ich finde, artige Ponys sollen zu den Leuten gehen, die ein artiges Pony wollen oder brauchen. Dort können sie einen tollen Job machen und sind so wertvoll.

Ich möchte lieber ein einzigartiges Pony. Eines, das mir Werkzeuge klaut, die Schubkarre umschmeißt, mich gelegentlich zur Weißglut und möglichst oft zum Lachen bringt.

Keiner der beiden Jährlinge schien diese Kriterien zu erfüllen. Und das Fohlen – tja da war ich mir nicht sicher. Ich schob einen Besuch bei ihm auf, weil er sehr weit weg von uns wohnt.

Dann kam mir die Idee, nach Highlandponys in Dänemark zu suchen. Da ich kein Wort Dänisch spreche, war es etwas lustig – sag doch mal der Suchmaschine was du suchst und dass du es in einer Sprache suchst die Du gar nicht sprichst…. Aber es gelang mir und ich fand auch genau ein Pony zum Verkauf: Duncan Dhu.

Die Züchterin hatte Fotos eingestellt von Duncan, wie er auf einem Baumstumpf steht und eines wo er auf einem Brunnendeckel steht …. und dann das Gesicht dazu. Und meine Freundin sagte sofort: das sieht ganz nach einem Abenteurer aus.

Ich schrieb die Züchterin an – natürlich ging unsere ganze Konversation auf Englisch, aber ich übersetze es der Einfachheit halber für Euch.

Ihre allererste Frage war übrigens, ob ich denn schon mal ein Highlandpony gehabt hätte. Da kann man schonmal sehen: so ganz gewöhnlich sind die Schotten eben nicht. Wer sie noch nicht kennt, tut gut daran, sie kennenzulernen. Ich bat sie, neben den üblichen Fragen, mir seinen Charakter zu beschreiben und sie antwortete mir

„er ist sehr neugierig, er kuschelt gern. Aber er ist auch ein kleiner Hengst und kann ein bißchen frech sein manchmal. Wir versuchen, ihm beizubringen, nicht überall reinzubeißen“.

Ich las Arnulf die Nachricht vor und zum ersten Mal seit Finlays Tod lachten wir beide herzhaft. Duncan hatte uns also zum Lachen gebracht, bevor wir ihn zum ersten Mal gesehen hatten.

Und dann fuhren wir also – nur 2 Wochen nach Finlays Tod – knapp 300km nach Dänemark um Duncan zu besuchen. Was für ein Desaster! Just an diesem Morgen war eine Stute zum Decken gebracht worden und Duncan hatte seinen Papa beim Decken beobachtet. Die Stute stand nun auf einer Extraweide und alle Pferde (bis auf die Stute) waren einigermaßen durch den Wind. Duncan ignorierte uns total, von Kontakt keine Spur. Er wirkte eher ängstlich mir gegenüber aber insgesamt einfach nur total durcheinander.

Es war nur schrecklich. Ich kämpfte die ganze Zeit mit den Tränen und relativ schnell fuhren wir wieder nach hause – unhöflicher weise die Einladung zum Kaffee ablehnend, ich wollte nur weg. Vielleicht war das der allerschlimmste Tag nach Finlays Tod (naja, es gab viele „allerschlimmste Tage“ in den ersten Wochen). Es traf mich wie ein Schlag: Finlay ist weg und kommt niemals wieder. Das was ich mit Finlay hatte – unsere ganze gemeinsame Geschichte – wird sich nicht wiederholen. Auch das beste Pony kann nicht Finlay sein. Niemals wieder wird Finlay in meinem Leben sein. Niemals.

Ende.

Trotz alledem war da irgendetwas. Ich hatte mich sehr gut mit Heidi – der Züchterin – unterhalten und sie hatte viele Dinge gesagt, die mir genau wie ihr wichtig sind, wenn es um Highlandponys geht. Bestimmte Charakteristika, die einfach dazugehören. Auch ihre Art, mit den Pferden umzugehen, gefiel mir unheimlich gut. Und Duncan – so schlimm das alles war – gefiel mir auch. Und so sagte ich ihr, dass ich ihn wiedersehen möchte.

3 lange Wochen musste ich warten auf dieses Wiedersehen. 3 Wochen in denen alles in mir durcheinander ging: Duncan ja oder nein, Finlay ist tot, lieber ein älteres Pony das ich gleich reiten kann aber dann ist es kein Schotte weil es keine älteren Schotten zu verkaufen gibt – mehr Zeit vergehen lassen, länger suchen (vielleicht gibt es ja doch noch Schotten zum Verkauf die ich noch nicht gefunden habe) …. aus Schottland importieren kam für mich nicht in Frage. Aber Duncan ließ mich nicht los. Keine Ahnung warum. Er hatte sich einen Dreck um mich geschert aber der Gedanke an ihn ließ mich einfach nicht los.

5 Wochen nach Finlays Tod fuhren wir also wieder zu Duncan. 3 Wochen hatte ich darauf gewartet, nur um dann am Abend davor fast noch den Termin abzusagen. Aber ich habe ihn nicht abgesagt, wir sind hingefahren. Und alles war klar. In wenigen Minuten war einfach alles klar. Ich bat Heidi, Duncan den Anhänger zeigen zu dürfen. Und der kleine Jährling, der nur knapp halfterführig war, der mich nicht kannte und noch nie in seinem Leben einen Anhänger gesehen hatte, war absolut bereit, mit mir ein Abenteuer zu erleben. Er zog vorm Anhänger ein, zwei mal am Strick und versuchte sich zu drehen, dann merkte er dass das jetzt gerade nicht geht und – zack! – wandte er sich mir zu und blieb die ganzen 15 Minuten, die wir miteinander verbrachten, in Kontakt. Er marschierte unaufgefordert hinter mir her auf den Anhänger, wunderte sich kurz, ging wieder zurück, marschierte wieder rauf, aß einen Keks und das war‘s. Da war kein „Horsemanship“ meinerseits im Spiel, ich hatte nur den Strick in der Hand. Kommandos gab ich keine, ich ging nur Schritt für Schritt vorneweg und wartete, dass Duncan hinterher kam. Duncan war ganz bei mir, die Züchterin war erstaunt wie das alles so ging und total begeistert, dass es mit Duncan und mir so schön passt. Mein Herz traf eine Entscheidung und auch Duncan schien „ja“ zu sagen.

Natürlich habe ich mich selbst nachher noch hundertmal für verrückt erklärt. Zum Glück haben alle Personen in meinem Umfeld, denen ich davon erzählt habe, das nicht getan. Ein Pony zu kaufen, dass ich 15 Minuten gesehen habe, so kurz nach Finlays Tod, das geht doch nicht. So ein Quatsch. Aber Finlay hat mich gelehrt, dass allzu langes Nachdenken nichts an dem ändert, was das Herz will. Die Situation ändert sich dadurch nicht. Wenn die Zeit reif ist, ist sie reif, mag ich auch Angst haben, mag es auch zu früh erscheinen oder völlig absurd.

Duncan erobert mein Herz

Finlay-Lektion Nummer 1: folge Deinem Herzen

Finlay-Lektion Nummer 2: Schiebe nichts unnötig weit auf, warte nicht zu lange. Einfach machen war seine Devise, dann sieht man ja was passiert. Mutig ins nächste Abenteuer!

Duncans Umzug zu uns war für den 1.9. geplant aber wer sich ein so besonderes Pony kauft muss wohl damit rechnen, dass nicht alles nach Plan läuft: erst hatte die Highlandpony-Society in Schottland mal Ferien. Der Pass, den die Züchterin beantragt hatte, wurde also zwar erstellt, ging dann aber anscheinend nicht in die Post. Wir verschoben den Termin – mit allem was da dran hing, also auch zwei Amtstierarzt-Termine, einer für Duncan, der ein Gesundheitszeugnis für die Einreise nach Deutschland braucht und einen für Diego, der als Reise-Begleit-Pferd ein Gesundheitszeugnis für die Einreise nach Dänemark braucht. Dann war der Pass in der Post und wir planten wieder mal. Leider zu früh, denn jetzt hing der Pass in der Post fest. Die Luftpost, die normalerweise 2-3 Tage von Schottland nach Dänemark braucht, brauchte geschlagene 2 Wochen. So mussten wir uns noch gedulden, erneut den Amtstierarzt absagen (ich glaube er hat mich mittlerweile für verrückt gehalten) und versuchen, ruhig zu bleiben. Und obwohl das nicht ganz einfach war, sagte ich mir doch, dass ich noch endlos viel Geduld brauchen würde, bis aus diesem kleinen Zwerg ein Reitpferd wird, da kann es auf ein paar Wochen nun auch gar nicht ankommen. Ich erinnerte mich – manchmal mit leisem Schrecken – wie weit der Weg war, den ich mit Finlay gegangen bin: durch Wachstumsbeschwerden und Pubertät, die Grundausbildung und das gegenseitige Kennen- und Verstehen-Lernen… erst im Nachhinein ist mir so recht klar geworden, wie viel Zeit es uns beide gekostet hat, die Ausdrucksweise des anderen wirklich in der Tiefe zu verstehen. Es ist ja recht leicht, einem Pferd zu sagen „tu dies, tu das“. Und für Pferde ist es häufig leicht, dazu erstmal „ja“ zu sagen. Aber was sie wirklich denken und fühlen, das ist nicht immer so leicht zu erkennen. Oder warum sie dann manchmal doch nicht „ja“ sagen, sondern „nein“ oder um es mit Finlays Worten auszudrücken „DAS KOMMT ÜBERHAUPT NICHT IN FRAGE SO MACHEN WIR DAS NICHT!! (füge hier nach Belieben einige Kraftausdrücke ein)“

Sicher stehen mir mit Duncan auch wieder Zeiten bevor, die …. sagen wir mal… interessant sind. Turbulent. Schwierig, herausfordernd, lernintensiv, aufregend, abenteuerlich oder nervenzerfetzend. Je nachdem wie ich es schaffe, damit umzugehen.

Schließlich war alles fertig – der Pass war da, zwei Gesundheitszeugnisse waren erstellt, alles war gut durchgeplant. Und dann, am Freitag abend (Sonntags wollten wir los) leuchtet die Motorlampe am Auto auf. Ich habe auf diese Lampe gestarrt und dachte nur „das ist nicht wahr“. Aber es war wahr. Das Auto musste in die Werkstatt und wir hatten noch eine aufregende Woche, mit der Versprechung der Werkstatt, das Auto rechtzeitig fertig zu haben, zwei neuen Gesundheitszeugnissen (auf die Gefahr hin dass das Auto vielleicht doch nicht fertig wird) und neuer Planung zum Einzug. Aber schließlich und endlich, 4 Wochen nach dem geplanten Termin, ging es los. Wir luden Diego morgens um 6 Uhr auf und fuhren knapp 4 Stunden nach Dänemark.

Die Angst kam mit. Die Angst, dass auch Duncan etwas passieren könnte. Der verrückte Gedanke, dass alle meine Ponys sterben. Vielleicht denkt man solche Dinge nach so einem Erlebnis. Immer wenn ich so etwas dachte, habe ich Merlin angeschaut, der seit 18 Jahren an meiner Seite ist, genauso lang wie Arnulf und damit länger als alle anderen. Merlin, der Solide, immer da, nie krank, nie unzuverlässig. Merlin hat mir Mut gemacht.

Aber auch Finlay macht mir Mut. Denn ich habe es geschafft, Finlay so großzuziehen und auszubilden dass er das tolle Pony war (sollte ich sagen: blieb?) das er war, also habe ich auch bei Duncan eine Chance, das zu schaffen.

Ich dachte: wenn wir Duncan erst zu hause ausgeladen haben, ist das Schlimmste geschafft.

Finlay-Lektion Nummer 3: Der Schotte an sich liebt Pläne – denn man kann sie so schön schreddern. Finlay hat immer alle meine Pläne geschreddert und es sollte sich herausstellen, dass Duncan in dieser Fähigkeit trotz seines zarten Alters schon recht weit fortgeschritten ist…. Oder vielleicht sollte ich sagen: es stellte sich heraus, dass ich – trotz aller Erfahrung – viele Dinge einfach noch nicht verstehe, falsch einschätze und daher nicht vorhersehen kann. Aber dazu später mehr. Jetzt muss ich nämlich erst mal runter in den Stall, dort wartet einiges an ungeplanter Extra-Arbeit auf mich….

P.S. Geplant ist jeweils ein neuer Beitrag jeden Donnerstag. Für Euch zum drauf freuen 😉

Danke für das Abenteuer – los, such Dir ein neues!

Finlay
Duncan

Vielleicht habt Ihr das auch schon einmal erlebt: es gibt Momente, in denen wir meinen, zu hören, was unsere Pferde uns sagen. Tierkommunikatoren haben daraus einen ganzen Berufszweig gemacht. Ich bin nicht immer sicher, ob ich glaube, dass das so funktioniert. Aber gelegentlich „höre“ ich Pferde etwas sagen.

Vielleicht ist es nur mein Gehirn, das mir etwas vorgaukelt. Vielleicht auch nicht.

Aber in dem Moment als mein geliebter Finlay in meinen Armen für immer eingeschlafen ist, hörte ich ihn flüstern „Danke für das Abenteuer – los, such Dir ein neues!“ (aus dem Film „Oben“)

Und egal ob das nun wirklich von ihm kam oder ob mein Gehirn sich das ausgedacht hat, es hat sich festgesetzt. Der Satz geistert mir seitdem im Kopf herum. Und vielleicht war es dieser Satz, der bewirkt hat, dass ich mich nun doch recht kurz nach seinem Tod tatsächlich in ein neues Abenteuer stürze. Beziehungsweise in zwei neue Abenteuer. Das eine Abenteuer ist, dass ich diesen Blog starte. Das eigentliche Abenteuer daran ist der Grund, aus dem ich diesen Blog starte. Und dieser Grund heißt

Duncan Dhu

Duncan ist ebenfalls ein Highlandpony – ein kleiner Hengst, der nun gerade ein Jahr alt geworden ist.

Viele von Euch haben mir nach Finlays Tod gesagt, wie gern sie unsere Abenteuer-Geschichten gelesen haben. Bisher war das nur auf Facebook möglich. Jetzt möchte ich das alles einem größeren Publikum zur Verfügung stellen und etwas professioneller aufziehen. Daher gibt es diesen Blog, in dem Ihr jetzt die Ausbildung von Duncan Dhu (und mir!) verfolgen könnt. Stellt mir auch gern immer Fragen in den Kommentaren oder äußert Wünsche zu Themen. Sicher wird auch nicht ausbleiben, dass mal die eine oder andere bekannte (oder noch unbekannte) Finlay-Geschichte hier auftaucht. Das, was ich von Finlay gelernt habe, werde ich natürlich bei Duncan anwenden und verfeinern. Und ganz sicher hält Duncan seine ganz eigenen Lektionen für mich bereit!

Vielleicht kommt Euch das alles so vor wie mir: Total falsch. Oder es kommt Euch so vor, wie es mir auch vorkommt: Total richtig.

In den letzten Wochen habe ich viele Gefühle gleichzeitig erlebt, die im normalen Leben nur fein säuberlich getrennt auftreten. Falsch und richtig, Trauer und Dankbarkeit, Lachen und Weinen. Ich glaube, das waren die längsten Stunden, Tage und Wochen meines Lebens. Die Zeit hat stillgestanden, die Erde hat sich ohne mich weitergedreht. Ein großer, sehr wichtiger Teil meiner Zukunft war weg. Das Herz wurde mir aus der Brust gerissen. Warum ich so schnell angefangen habe, nach einem neuen Pony zu suchen, weiß ich selbst nicht. Vielleicht bin ich einfach verrückt geworden und ich kann es mir selbst noch nicht mal verübeln. Finlay hat mir keine Zeit gelassen. Er hat mir nie viel Zeit gelassen. Als ob er wüsste, dass sein Leben nur kurz ist, hat er immer alles JETZT gewollt. Aufschub hat er nie geduldet. Und auch am Ende war er schnell. Innerhalb von einer Stunde ist er aus meinem Leben verschwunden. Das war zu schnell für meine Seele, das konnte ich nicht begreifen. Und tatsächlich, als ich – nur 2 Wochen nach Finlays Tod – Duncan zum ersten Mal begegnet bin, war das erst der Moment in dem mir wirklich ganz und gar klar wurde, was passiert ist. So war die erste Begegnung mit Duncan ein furchtbarer Augenblick der Realisation. Es war nicht der romantische Moment des neu Verliebens. Es war der totale Zusammenbruch.

Letztendlich wurde mir klar, dass Duncan keineswegs – auch wenn es so aussehen mag – Finlays Nachfolger ist. Duncan ist der Nachfolger für meinen alten Merlin. Wäre mein alter Merlin gestorben und nicht Finlay, dann hätte ich mir ein zweites Highlandpony gekauft. Das stand für mich immer fest. Ich wollte zwei Schotten haben, habe sogar heimlich von zweispännig Kutsche fahren geträumt. Nun stehe ich da, mein Merlin, das Zauberpony, ist 26 Jahre alt. Und er ist gesund und munter und wird immer besser. Nur, wenn wir ehrlich sind, ist seine Zeit als Reitpferd trotzdem begrenzt. Ausreiten mag er sowieso nicht, und wenn Duncan in 4 Jahren seine Reitpferdekarriere so richtig startet, ist mein Merlin 30 Jahre alt. Ich kann nicht erwarten, dass er dann immer noch besser wird und alles leisten kann. Ich kann froh sein, wenn er dann noch fit ist und Freude am Leben hat. Wenn wir dann noch zusammen Bodenarbeit machen können, etwas „Seniorengymnastik“, dann bin ich schon ganz zufrieden. In Anbetracht seines Rückens und seiner Zahnprobleme ist es sowieso ein Wunder dass er so unglaublich fit ist.

Und da ich nunmal leidenschaftlich gern reite – und seit Finlay auch leidenschaftlich gern ausreite und auch wieder irgendwann auf Distanzritt gehen möchte – soll mein Merlin einen würdigen Nachfolger bekommen. Jemanden, der ihm Arbeit abnimmt, so dass ich ihm, wenn er altersbedingt nicht mehr so kann wie er gerne würde, Unterstützung geben kann ohne ihn zu überfordern aus reinem Egoismus. Wenn ausnahmsweise alles nach Plan läuft, wird es ein schöner sanfter Übergang in dem der eine immer mehr tun kann und der andere sich nach und nach etwas zurückzieht. Was das Leben wirklich für uns bereithält, müssen wir wohl abwarten. Duncan wird Merlin sogar eines Tages ähnlich sehen, denn auch er ist ein Schimmel (auch wenn er das im Moment noch nicht so zugibt).

Die Trauer um Finlay ist – vielleicht noch für lange Zeit – nicht vorbei. Duncan ist noch klein, er hat zunächst mal keine Ansprüche zu erfüllen und kann mich also auch nicht in die Situation bringen, dass ich etwas von ihm erwarte, was mein Finlay getan oder gekonnt hat.

Denn das war einer der schlimmsten Momente für mich: als ich plötzlich nach Finlays Tod sauer war auf meinen Merlin, weil der bestimmte Dinge eben anders macht als Finlay. Finlays spezifische Verhaltensweisen fehlen mir so sehr, dass es mich plötzlich gestört hat, dass Merlin anders ist (etwas, was mich vorher nie gestört, sondern mir eher Freude gemacht hat).

Duncan aber ist noch so klein, dass diese Gefahr nicht gegeben ist. Wir beide fangen ganz neu von vorne an. Ich habe viel Zeit, ihn einfach nur kennenzulernen. Er ist gerade 1 Jahr alt geworden und weiß noch sehr wenig von der Welt. Es gibt für ihn so viel zu entdecken jetzt – ganz ohne mein Zutun – neuer Stall, neue Herde, neue Menschen. Und einfach groß werden, das ist ja auch oft ein Fulltime-Job für die Kleinen. So habe ich noch viel Zeit, über Finlays Tod hinwegzukommen und mein neues Abenteuer kann in Ruhe wachsen (im wahrsten Sinne des Wortes).

Ich weiß nicht, warum Finlay sterben musste. Jeder, dem ich von seinem Unfall erzählt habe – meist Ärzte, Tierärzte oder Tierarzthelfer, niemals ganz „normale“ Pferdebesitzer, weil ich keinem von Euch die Bilder und die daraus vielleicht entstehende Angst antun möchte – jeder, dem ich es erzählt habe und auch die Ärztin in der Klinik in der er gestorben ist, alle haben mir gesagt, dass es so einen Unfall gar nicht gibt. Und wenn, dann endet er niemals tödlich.

Mein Pony ist gestorben, obwohl niemand etwas falsch gemacht hat. Er hat sich in einer völlig ungefährlichen Situation tödlich verletzt. Niemand hätte so etwas ahnen oder verhindern können. Und das gibt mir das Gefühl, dass es einfach so sein sollte. Als ob eine höhere Macht im Spiel war. Oder als ob Finlays Seele das so für sich entschieden hat. Ich weiß es nicht. Eines Tages, wenn ich selbst die letzte Reise antrete, werde ich es vielleicht wissen. Aber eines weiß ich sicher: Alle, die ihn kannten, haben mir bestätigt, was ich wusste, seit ich hin zum ersten Mal gesehen habe. Damals war er 4 Tage alt und ich wusste sofort: das ist ein ganz besonderes Pony.

Auch Duncan ist ein besonderes Pony – weil jedes Pony besonders ist. Auf seine Art. Auf andere Art als mein Finlay.

Ich möchte Euch kurz erzählen, wie das passiert ist, dass Duncan jetzt hier bei mir ist. Aber da „kurz“ sehr relativ ist, werde ich das im nächsten Beitrag tun.

Zunächst möchte ich Euch sagen: Herzlich Willkommen!

Wie alles begann

Warum dieser Blog „Schotten-Pony“ heißt

Sir Duncan Dhu of Nakel

Meine Liebe zum schottischen Highlandpony begann vor ungefähr 11 Jahren, als ich eine Highlandpony-Züchterin als Hufpflegekundin bekam. Damals ahnte ich noch nicht, dass das mein Leben verändern würde. Dass ich einmal Fan einer bestimmten Pferderasse werden würde, hielt ich für ausgeschlossen. Schließlich sind alle Pferde toll und alle haben ihre Vorzüge.

Das stimmt auch immer noch. Und ich habe die Rasse gefunden, die am besten zu mir passt: das Schottische Highlandpony. Einige Jahr später wurde bei dieser Züchterin mein erstes „Schotten-Pony“ Finlay geboren und Finlay wird für mich (was den Charakter angeht) vielleicht immer der Innbegriff des Highlandponys sein. Die Schotten sind ein bisschen anders als andere Ponys. Natürlich gibt es – wie auch innerhalb anderer Rassen – eine Bandbreite an verschiedenen Typen: von den sehr lieben, die sich als Therapiepferd eignen bis zu den sehr selbstbewussten, die ihre Besitzer schon mal vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Was ihnen gemeinsam ist, ist die große Menschenbezogenheit, das unbedingte Bedürfnis nach viel Beschäftigung und Abwechslung sowie der Gerechtigkeitssinn. Behandle mich fair, dann ist alles ok. Behandle mich unfair und Du zahlst den Preis. Die Schotten sind sehr ehrlich – geradeheraus, kein Blatt vor dem Mund. Und viele von ihnen sind abenteuerlustig, haben wenig Angst und erleben gern Neues.

In diesem Blog möchte ich Euch teilhaben lassen an den Geschichten, die ich mit meinem Schotten-Pony erlebe. Bald schon geht es los – ich nehme Euch mit auf eine Reise, die so gar nicht hätte stattfinden sollen, und die ich jetzt als neue Chance und neues Abenteuer sehen möchte. Abonniert am besten gleich diesen Blog, damit Ihr keine Schotten-Pony-Abenteuer verpasst! (einfach Ich freue mich jederzeit über Kommentare, Fragen und Themenwünsche.