Ausbildungsziele

Wir sind angekommen. Nach drei gemeinsamen Jahren sind Duncan und ich an einem Punkt angekommen, an dem Dinge sich ändern. In den letzten drei Jahren, während mein kleiner Ritter so vor sich hin wuchs und pubertierte, haben wir all die Meilensteine erreicht, die so zu erreichen sind mit einem jungen Pferd: erste Spaziergänge, erstes Longieren, erste Begegnungen mit all den Dingen die unsere Menschenwelt so zu bieten hat (Autobahnbrücken, Rinderweiden und dergleichen Dinge mehr). Das erste Mal allein Anhänger fahren, das erste Mal auf Kurs, das erste Mal fremd übernachten. Dann schließlich das erste Mal aufsteigen, das erste Mal traben. (Der erste geplante Galopp fehlt auf der Liste noch).

Jetzt ist der kleine Ritter ein „großer“ Ritter (naja, was er halt so groß nennt. Ich finde ihn ehrlich gesagt immer noch klein. Aber er kann mich tragen und ich hoffe auf das kommende Breitenwachstum…..) .

Und so beginnt jetzt eine Zeit, in der Dinge sich ändern. Ich erinnere mich, dass Finlay schon 6 Jahre alt war, als wir so weit waren (was vor allem daran liegt, dass ich mit Finlay alles – auch das anreiten – ohne Zaumzeug gemacht habe, aber auch daran, dass ich viel weniger Erfahrung mit jungen Pferden hatte).

Jetzt sind Ausbildungsziele nicht mehr so klar umrissen. Es ist leicht zu definieren, wann mein Pony das Thema „Autobahnbrücke“ bewältigt hat. Seh ich ja: geht er ruhigen Schrittes rüber, egal was unter ihm entlang saust? Schwieriger zu bestimmen ist „wie gut ist dieses Schulterherein?“ denn natürlich kann man da immer und ewig noch was verbessern – wahlweise an mir oder am Pony. Mit Merlin habe ich noch auf dem letzten Kurs (da war er 26 Jahre alt) an der Verbesserung unseres Schulterhereins im Schritt gearbeitet.

Jetzt habe ich Vorteile, weil ich selbst auf einem höheren Niveau starte, aber zum einen muss Duncan das trotzdem alles üben – erst die Hilfen verstehen, dann die Koordination der Übung, dann die Kraft dafür aufbauen – zum anderen steigen meine reiterlichen Ansprüche an mich selbst ja auch stetig, so dass ich dann eben doch immer noch Verbesserungspotential sehe.

Genau wie bei Finlay damals fällt mir auch heute dieser Übergang zwischen den Ausbildungsphasen schwer. Nun fällt diese Zeit auch noch in den Herbst, einige Ausritte sind nun schon ausgefallen und sicher werden noch mehr ausfallen. Die Zeit, in der wir uns Beschäftigungen in unserer winzigen Halle mit dem miesen Boden suchen müssen, kommt näher. Ich habe mir ein paar Dinge aufgehoben, mit denen wir uns dann beschäftigen können und wo wir neues erproben können, um Abwechslung zu haben.

Es ist für mich schwer zu erklären, warum ich (wieder) mit diesem Übergang meine Probleme habe. Schließlich kann ich mich seit Jahren mit Merlin beschäftigen und ich habe mich ja auch mit Finlay nie gelangweilt. Es ist nur eine andere Stimmung, eine andere Planung. Weniger abenteuerlich, was mir ja eigentlich zu Gute kommt, weil ich ja immer noch auf der Suche nach meiner Komfortzone bin, die ich nach Finlays Tod so gründlich verlassen habe. Eigentlich bin ich froh, dass ich jetzt eine so solide Basis habe, dass ich mir selbst aussuchen kann, wann ich ein Wagnis eingehe und wann ich einfach bei all dem bleibe, was schon gut klappt. Vielleicht ist es das selbe Thema, das Eltern mit Kindern haben, wenn die „plötzlich“ erwachsen sind. Das elterliche Gehirn sieht eben immer noch ein Kind und es dauert, bis man sich angepasst hat. So sehr ich mich danach gesehnt habe, dass Duncan endlich erwachsen wird, ich mich auf ihn verlassen kann, wir uns gut kennen – trotzdem braucht es etwas Zeit, bis ich im neuen Stadium ankomme. Vielleicht, weil es nicht ICH bin, die ihn erwachsen gemacht hat. Das hat er ja selbst gemacht und er selbst bestimmt, dass er jetzt (im Moment) erwachsen ist. Ob da nochmal Pubertät kommt, verrät er mir ja auch nicht. Ob das, was er jetzt an Verhalten zeigt, die „endgültige Version“ seines Charakters ist – wer weiß?

Ich weiß nur, dass meine Ausbildungsziele sich ändern und ich jetzt lernen muss, neu zu denken. Auf dem Reitplatz so mit ihm zu arbeiten, wie ich es mit Diego und Merlin tue. Im Gelände so mit ihm unterwegs zu sein, wie ich es mit Finlay war. Nicht mehr ständig alles abzuscannen auf mögliche Störungen, nicht mehr ständig aufpassen zu müssen auf grundsätzliches Benehmen (weil grundsätzliches Benehmen bei ihm jetzt genauso sicher oder unsicher ist wie bei Merlin oder Diego). Mich auf meine gut geübten Kommandos verlassen, so weit man sich bei einem Lebewesen eben darauf verlassen kann. Und verstehen: mein kleiner großer Duncan ist erwachsen. Zumindest im Moment.

Mal sehen, was diese neue Phase uns zu bieten hat. Wie viel Lust er hat, an Details zu feilen. Wie viel Abwechslung er braucht. Und ein neues Abenteuer habe ich auch in petto, aber dazu kommen wir erst später, nach gründlicher Vorbereitung.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 303

Heute haben mein Mädchen und ich mal was neues ausprobiert: Reiten mit Gebiss. Ihr wisst schon, damit sind nicht meine Zähne gemeint, sondern das Metalldings was ich ins Maul nehmen kann. Wir haben damit ein paar mal Handarbeit geübt, damit ich verstehe was mein Mädchen mir damit sagen will. Inzwischen hab ich das schon ganz gut raus und deswegen wollte mein Mädchen das mal beim reiten probieren. Natürlich hab ich wieder alles ganz großartig gemacht, wie es nun mal so meine Art ist! Sie kann mich jetzt schon ganz fein lenken und ich bin viel besser im Gleichgewicht. Dann haben wir noch ein Schulterherein versucht, nicht so irgendwie und irgendwo sondern schön akkurat an der langen Seite. Das war etwas kompliziert, aber immer wenn ich es richtig gemacht habe, gab es einen Keks.

Zum Abschluss haben wir noch einen kleinen Trab gewagt und mein Mädchen war super stolz weil ich mich auch im Trab schon so fein lenken lasse. Und weil ich also wieder mal der beste Schotte diesseits der Regenbogenbrücke war, hat sie mir das Equipment abgenommen und ich durfte noch ein bisschen förstern auf dem Reitplatz. Das machen wir jetzt neuerdings so! Und ich finde das großartig, wo wir Ponys doch jetzt nicht mehr auf die Weide dürfen.

Während ich geförstert habe, hat mein Mädchen rumstehen geübt. Ich muss zugeben: sie wird besser! Sie versteht mich jetzt viel besser und weiß wo ich gern will dass sie steht und wo nicht. Sie sagt ich bin auch besser geworden, weil ich mich jetzt klarer ausdrücke.

Dann hat sie angefangen zu lachen und gesagt, sich sei doch ein waschechtes Highlandpony! Na klar, aber warum fällt dir das genau jetzt auf? Weil ich mit meinen Hufen auf den bunten Schaumstoffdingern rum stand. Ja, da war halt das leckerste Gras! Und dann ist der Rest halt einfach egal. Da sind wir Schotten pragmatisch und ich weiß gar nicht, was es da zu kichern gibt!

Die Schaumstoffdinger flippen lustig hoch wenn man drauf tritt.

Schließlich hat sie mich dann gerufen und war schon wieder voll entzückt, weil ich gleich gekommen bin.

Jetzt aber schnell!

Aber jetzt verrate ich euch ein Geheimnis: die letzten beiden Male war es so, dass sie mich erst gerufen hat und wenn ich dann gekommen bin, durfte ich gleich wieder grasen. Hab ich mir genau gemerkt! Beim zweiten Rufen ist dann Schluss mit grasen, dann muss ich zurück in den Paddock. Deswegen komme ich beim ersten mal schnell angesaust und beim zweiten Mal lasse ich mich kurz ein bisschen bitten. Bin ja nicht blöd! Aber mein Mädchen findet mich trotzdem toll und meint, so ganz perfekt vom essen weg kommen wäre ja auch wieder untypisch für Schotten. Eben. Und so sind wir uns mal wieder in allen Punkten einig und hatten einfach eine gute Zeit zusammen.

Euer echt schottischer Sir Duncan Dhu of Nakel

Basis

Ich habe einen neuen Lieblingsspruch gefunden (leider weiß ich nicht von wem er ist):

A beginning rider wants to work on intermediate horsemanship. An intermediate rider wants to work on advanced horsmanship, but an advanced horseman works on the basics.

(Frei übersetzt: ein Reitanfänger möchte an fortgeschrittenen Dingen arbeiten, der fortgeschrittene Reiter möchte an den Dingen für Könner arbeiten, aber der Könner arbeitet an den Grundlagen)

Grundlagen, immer wieder. Eine wunderschöne Darstellung dazu gibt es auch von Karen Rohlf, die die Ausbildung des Pferdes als Spirale zeigt, in der man immer wieder an den selben Punkten vorbei kommt, nur jedes Mal eine Ebene höher.

Und so arbeiten mein kleiner großer Duncan und ich an den Grundlagen. Mein momentanes Steckenpferd ist die Handarbeit – endlich ist es mal von Vorteil, dass mein Pony nur 1,40m groß ist! Da kann ich locker neben her laufen und trotzdem noch gut sehen was im Rest der Welt los ist und wo wir da seitwärts so hinschweben (*räusper* – von schweben sind wir meist noch weit entfernt).

Aber dann sind da diese Momente in denen ich merke: die Arbeit zahlt sich aus. Kleine, magische Momente. Zum Beispiel gestern, als wir schön auf dem Reitplatz gearbeitet hatten (naja, schön ist relativ. Sagen wir so: Duncan hat alles richtig gemacht und ich habe gelernt, was ich besser machen kann). Ich wollte ihn gern extra belohnen für seine Mühen mit mir. Habe ihm das Zaumzeug abgenommen und ihn im Eingangsbereich grasen lassen. Das habe ich bisher ungefähr 3 mal gemacht, vorher habe ich mich das nicht getraut. Dazu muss ich etwas ausholen, warum ich mich nicht getraut habe:

Unser Reitplatz ist von einem kleinen Wall umgeben, auf dem natürlich allerhand Grünzeug wächst. Hinter dem Wall befindet sich unser kleiner Rundlauf, also ein Zaun. Nun habe ich mit Finlay ja immer frei gearbeitet und die Erfahrung gemacht, dass mein Pony wunderbar auf den Wall springen kann und von dort auch auf der anderen Seite wieder runter, dabei den Zaun schreddern (dort ist Glattdraht gespannt, der sofort kaputt geht wenn ein Pferd rein läuft) und dann wilde Sau auf dem Paddock spielen. Mein Finlay hat damals schnell kapiert, dass ich nervös werde wenn er auf dem Wall herum turnt und hat das weidlich ausgenutzt um mit mir „Katz und Maus“ zu spielen. Hatte ich schon erwähnt, dass Finlay Spaß am Streiten hatte? Deswegen war ich bisher, was Duncan angeht, nicht mutig genug, ihn frei auf dem Reitplatz zu lassen. Ich befürchtete, wenn er einmal kapiert hat, dass man mich da schön auflaufen lassen kann und sehr viel länger fressen kann als geplant, habe ich mir ein großes Problem erschaffen.

Andererseits finde ich es immer schön, meine Pferde zur Belohnung auf dem Reitplatz grasen zu lasse, denn so assoziieren sie den Ort nicht nur mit Arbeit, sondern eben auch mit Pause und Freizeit. Und deswegen wusste ich: irgendwann tu ich das. Und da verlasse ich mich ganz auf mein Gefühl. Das kam dann früher als geplant, eben gestern. Zaumzeug runter, Duncan darf grasen, ich mache Freedom Based Training. Eine Viertelstunde arbeitet Duncan sich Schritt für Schritt am Rand des Reitplatzes entlang. Danach rufe ich ihn und er kommt angetrabt, darf am Eingang nochmal kurz grasen während ich das Tor zum Paddock auf mache, ich rufe ihn wieder, er kommt (nach kurzem Gertengewedel meinerseits als Erinnerung dass rufen = kommen ist) und bekommt im Paddock einen Jackpot (Tasche leeren, alle Leckerlis die noch drin sind für ihn auf dem Boden verstreuen.)

Alles hat fantastisch geklappt und ich habe Duncan gesagt, dass es jetzt an ihm liegt, ob wir das öfter so machen. Privilegien muss man sich verdienen und wenn er das ausnutzt, wird es nicht mehr stattfinden. Ehrlich gesagt glaube ich, dass diese Botschaft bei Duncan durchaus ankommt (bei Finlay ist sie nie angekommen. Charakterfrage, glaube ich). Da ich mit Duncan auch beim Spazierengehen schon immer sehr daran gearbeitet habe, dass Grasen nur bei bestem Benehmen erlaubt ist, glaube ich, er hat das gut verinnerlicht. Wir werden sehen!

Ich vertraue darauf dass er seine neues Privileg nicht ausnutzt.

Als ich ihn dann rein geholt habe, kam noch ein Bonus oben drauf: eine abgeschnittene (und sträflicher weise noch nicht weg geräumte) Brombeerranke verhakte sich in Duncans Schweif und zwar so, dass sie auch noch halb zwischen seinen Hinterbeinen hing. Wie ein Storch im Salat stocherte Duncan an mir vorbei und schaute sehr unglücklich. Auf mein „hoooo“ blieb er aber sofort stehen und ließ sich („waaaarte“) in aller Ruhe die stachelige Last entfernen.

Auch eine fiese Brombeerranke kann ungeplant zur Basis beitragen

Es sind diese Situationen, die mir Mut machen. Diese Momente in denen ich sehe: Grundlagen sind da. Gleichzeitig sind das die Momente in denen ich einen weiteren Punkt auf die Liste „Lebenserfahrung“ schreiben kann, denn das ist es, was wir jetzt brauchen, Duncan und ich. Er braucht Lebenserfahrung im Sinne möglichst vieler Situationen die einem eben so begegnen können und ich brauche Duncan-Erfahrung im Sinne möglichst vieler Situationen in denen ich sein Verhalten sehe, damit ich es besser einschätzen kann. „Wieso?“ höre ich Euch fragen „Du beobachtest sein Verhalten doch schon seit 3 Jahren?“ Das stimmt, aber er ist unglaublich viel erwachsener geworden und das Verhalten von einem Jährling ist nicht das eines 2jährigen und das Verhalten eines 3jährigen ist nicht das eines 4jährigen. Jetzt ist Duncan aber in einem Alter, in dem ich vermute, dass sich nicht mehr soooooo viel ändert (außer dass er eben erfahrener wird).

Je öfter ich erlebe, dass er auch in kniffligen Situationen (ein gefühlter Bär im Gebüsch, eine Dornenranke zwischen den Beinen, fremde Pferde die uns entgegen kommen, wilde Waldwege mit ungeplanten Abstechern ins Unterholz etc) die Nerven bewahrt, desto mehr Zutrauen habe ich. Je öfter er erlebt, dass ich ihm in kniffligen Situationen helfe, desto mehr Zutrauen hat er zu mir. Je mehr er erlebt, dass wir in kniffligen Situationen gemeinsam das beste draus machen, desto mehr Zutrauen hat er zu uns als Team und auch zu sich selbst. Und das ist die Grundlage, zu der ich immer wieder zurück komme.

Diese Basis übt man nicht mit bestimmten Übungen. Kein Schulterherein, keine Führübung, auch kein Schrecktraining kann alltägliche, gemeinsame Lebenserfahrung ersetzen. Aber eine solide Grundausbildung – also das Verständnis der Sprache des jeweils anderen und die Akzeptanz des Pferdes für die Tatsache, dass ich die meisten Entscheidungen für uns beide treffe – ist unerlässlich um solche Lebenserfahrungen gemeinsam zu sammeln. Und während wir sie sammeln, stärkt sich wiederum die Basis.

Und so zähle ich uns zu den Könnern, denn wir machen keine fortgeschrittenen Übungen. Wir arbeiten an den Grundlagen. Und wenn wir später fortgeschrittene Übungen machen – das habe ich von Merlin, Diego und Finlay hinreichend gelernt – dann arbeiten wir in den fortgeschrittenen Übungen an den Grundlagen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 302

Neulich war wieder „Regenwurmumzugstag“. Das ist weder für uns noch für die Regenwürmer ein schöner Tag, aber es ist eben notwendig und für die Weide ist es „Futtertag“. Und weil ich die Weide mag, gönne ich ihr den natürlich auch.

Aber jetzt muss ich euch das wohl mal erklären: wir Ponys bekommen Heu (von einem Bauern irgendwo aus der Nähe) und Gras (von unserer Weide) zu fressen. Wir machen dann daraus Wärme, Fell, Energie und wenn was übrig bleibt auch Speck. Dabei fallen Reste an, die wir fein säuberlich in Äppelhaufen über den Paddock und die Weide verteilen und die unser Mädchen immer einsammelt und auf den Misthaufen wirft. Für uns Ponys fühlt sich das immer so an als wäre es dann erledigt, aber auf dem Misthaufen herrscht reges Treiben! Dort wohnen unsere Freunde die Regenwürmer (und wohl auch noch ein paar andere Tiere, die aber zu klein sind als das man sie sehen könnte. Ach und manchmal unsere Ringelnatter aber die hat jetzt mit dieser Geschichte nicht so viel zu tun, die hat es nur so gerne warm).

Die Regenwürmer finden das, was wir übrig lassen, sehr lecker und verspeisen es ihrerseits nochmal (kann man jetzt drüber denken wie man will). Unser Misthaufen besteht aus zwei Teilen: ein frischer und ein alter. Der frische ist der, wo mein Mädchen unsere Äppel hin kippt. Der alte ist der vom letzten Jahr – das ist quasi ein riesiger Haufen Regenwurmscheiße wenn ihr so wollt. Wobei das nicht ganz stimmt denn die Regenwürmer wohnen da auch noch drin und machen munter weiter mit der Verwertung. Also ich glaube so reinlich wie wir sind die nicht.

Jedes Jahr im Herbst müssen die Regenwürmer dann umziehen – mitsamt ihrem jeweiligen Haufen. Der alte Haufen wird dann auf der Weide verteilt – die Weide wiederum mag nämlich Regenwürmer und ihre Hinterlassenschaften sehr gern und freut sich darüber. Die Regenwürmer helfen der Weide, das Zeug nach und nach in den Boden ein zu arbeiten und die Weide macht dann daraus neues Gras für uns und obwohl das nicht so lecker klingt, schmeckt es dann doch wieder fantastisch!

Der frische Haufen Mist wird dann einmal von links nach rechts geschaufelt und ist ab sofort der alte Haufen, auf den keine neuen Äppel mehr geworfen werden dürfen. Die Regenwürmer fühlen sich von der Aktion immer sehr gestört und wuseln wild durch die Gegend, aber da müssen sie durch, sagt mein Mädchen.

Unsere Freunde, die Regenwürmer

Weil es so ein großer Haufen ist, brauchen die Menschen den Trecker zum umschichten und einen zweiten Trecker zum Verteilen auf der Wiese. Und den Nachbarn. Und weil dann so viel los ist müssen wir Ponys den Tag im Stall verbringen. Wir werden in die Halle gesperrt, kriegen da unser Heu und müssen abwarten. Stundenlang, bis alles endlich fertig ist. Laaaaaaaangweilig! Zum Glück sind wir wenigstens alle zusammen, so dass ich zur Not jemanden ärgern kann. (Popo-Kneifen, ihr wisst schon!)

Ich bin ja nicht mehr so wild wie früher. Statt mit Popo-kneifen hab ich mir die Zeit mit Fellpflege vertrieben.

Wenn alles fertig ist, dürfen wir wieder raus. Dann sieht unser Paddock ziemlich verwüstet aus, aber das gibt sich mit der Zeit wieder. Und mein Mädchen schaut auf die Wiese, wo der alte Mist liegt und träumt schon mal von der nächsten Weidesaison wenn – so hofft sie – dort üppig Futter für uns wächst. Dann sagt sie, die Regenwürmer sind unsere Freunde entschuldigt sich bei ihnen für die Unannehmlichkeiten und verspricht, sie ein Jahr lang in Ruhe zu lassen.

Fertig umgezogen, jetzt habt ihr ein Jahr Ruhe!

Und ich habe das Gefühl, dass hier immer im Kreis gegessen wird. Aber dann höre ich einfach auf, darüber nachzudenken und freue mich aufs Frühjahr, wenn ich wieder auf die Weide darf. Dann sieht man die Regenwurmscheiße nicht mehr und alles ist grün und schön und lecker.

Schön auf der Weide verteilt

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (Freund der Regenwürmer)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 301

Es ist immer noch ganz schön warm, findet ihr nicht? Wir Ponys sind ja schon so dick angezogen. Jedes Jahr das gleiche Spiel: wir bereiten uns auf einen nordischen Winter vor – wir Schotten ja vor allem auf viel Wind und Regen von der Seite – und dann kommt mildes Nieselwetter oder massenweise Sonnenschein! Und jedes Jahr überlegt mein Mädchen, ob das nicht viel zu warm ist für uns im dicken Plüsch. Dieses Jahr hat sie beschlossen: ja, es ist zu warm. Als wir auf Abenteuertour waren, haben wir so doll geschwitzt, Diego und ich (obwohl wir fast nur Schritt gegangen sind), dass mein Mädchen gesagt hat, wir tun ihr leid und jetzt macht sie uns die Jacken auf. Was das heißt, hat sich dann einen Tag später raus gestellt: da kam sie mit dem Rasierer (na gut: ein großer Rasierer) und hat uns den Pelz gestutzt. Nur an der Brust und unten am Hals entlang. Damit es nicht ganz so hässlich aussieht, hat sie nicht alles abgeschoren, sondern ist nur mit dem Strich gegangen, so sieht man es nicht so doll. So sollen wir es jetzt erst mal ausprobieren. Wenn es uns immer noch sooooo viel zu warm ist, kann sie ja nochmal nachscheren, meinte sie. Also probieren wir. Und sie hat sich ganz fest vorgenommen, nächstes Jahr im Herbst gleich so eine Mini-Schur zu machen, weil es ja doch im September und Oktober noch viel zu warm ist für uns.

Jacke auf! Am Wirbel sieht es aus als wäre mir der Reißverschluss geplatzt 🙂

Ich werde berichten, wie es mir gefällt!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (mit der offenen Pelzjacke)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 300

Neulich war mal wieder Abenteuer angesagt! Wir sind von zu hause aus los geritten Richtung Dorf. So weit, so normal. Ich habe es mir nicht nehmen lassen, vor den Landgasthof zu äppeln, weil ich meinem Mädchen so gern beim Einsammeln zu schaue. Diego hat sich diesmal beherrscht – aber nur fast. Ganz kurz vorm Ortsausgangsschild musste er dann doch noch…. naja so sind wir eben! Dann sind wir ein Stück getrabt. Es war sooooo warm dass wir schon ordentlich geschwitzt hatten. Dann ging es im Wald den Berg hoch. Am Ende wo man aus dem Wald raus kommt geht es einmal steil bergab, da hatte ich letztes Mal noch etwas Probleme, mein Mädchen gut auszubalancieren, aber jetzt kann ich das schon besser. Zack – war sie stolz auf mich. Und hat das mit einer schönen Graspause zum Ausdruck gebracht. Jetzt, wo wir nicht mehr auf die Weide dürfen, bestehe ich auf mehr und längere Graspausen beim Ausreiten!

Ich dachte, wir gehen jetzt wieder nach hause, aber die Menschen hatten andere Pläne! In den nächsten Wald und da ist der steilste Berg der Welt. Zum Glück ist mein Mädchen abgestiegen, das wäre mir sonst echt zu anstrengend geworden. Also eigentlich fand ich es auch so ganz schön anstrengend. Aber mein Mädchen sagt ja dann neuerdings immer, ich hätte ihr 3 Jahre lang erzählt, dass mir alles zu langsam und zu wenig ist und jetzt hätte sie drei Jahre bei mir gut in denen ich mal mehr tun darf als ich mir vorgestellt habe. Ach so? Hm.

Das ist der steilste Berg der Welt! (glaube ich)

Als wir dann den Berg hoch geklettert waren, wurde es wild. Da war mal wieder der ganze Weg umgepflügt von den Waldarbeitsmaschinen und dann kam uns so ein Ding auch noch entgegen und zog einen riesigen Baumstamm hinter sich her! Zum Glück haben wir ein schönes Plätzchen gefunden wo wir stehen bleiben konnten und die Menschen hatten genug Kekse mit um uns zu überzeugen dass das völlig in Ordnung ist. Als das Gefährt vorbei war, ging es weiter, den schmalen kleinen Weg am Waldrand entlang. Bis dort plötzlich auch Baumstämme quer im Weg lagen! Das war vielleicht ein Geturne da außen rum, ich kann euch sagen! Mein Mädchen hatte schon wieder ordentlich Angst, dass wir uns weh tun könnten. Aber wir Ponys hatten das voll drauf. Nur wenn ich dann zwischendurch noch einen Snack nehmen will, dann findet sie das gar nicht witzig und meckert mich an, dass ich gefälligst nach meinen Füßen gucken soll! Ja, mach ich doch. Nachher war sie auch ganz zufrieden weil ich alles so schön ruhig und überlegt angegangen bin.

Am Ende des Weges, als wir alle ganz erleichtert waren, dass wir aus dem Wald raus sind, hing dann plötzlich ein Plakat quer rüber: „Baumfällarbeiten, Lebensgefahr!“. Na herzlichen Glückwunsch. Das hat uns von der anderen Seite niemand gesagt….

Ich war nachher echt müde, das kann ich euch sagen. Wir haben dann noch ein „erstes Mal“ erledigt und ich hab mein Mädchen an der Landstraße entlang getragen (man ist da nicht wirklich direkt an der Landstraße aber nah dran. Eigentlich ist es sicher, aber ihr kennt ja mein Mädchen. Mir macht das aber alles nix mit den Autos und so). Ich hab sie also nach hause getragen und dann brauchten wir alle eine schöne Pause. Mein Mädchen ist aber super stolz auf mich, weil ich in meinen jungen Jahren schon so zuverlässig bin und alles so gut mit mache. Und wenn mein Mädchen stolz auf mich ist, dann ist alles im Lot.

Euer abenteuerlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Allein

Ich bin gerne viel allein. Mein äußerst privilegiertes Leben ermöglicht mir zum Glück, diesem Bedürfnis nachzugehen. Absammeln, Zäune reparieren, füttern, Haushalt, alles Dinge, die ich meistens alleine mache und mich dabei pudelwohl fühle. Ich kann meinen Gedanken nachhängen oder genau die Musik oder den Podcast hören den ich gerade hören will – in der Lautstärke, die mir gerade passt. Ich kann mir selbst überlegen in welcher Reihenfolge ich meine Arbeit angehe und muss mich nicht absprechen und keine Rücksicht nehmen. Herrlich. Als Arnulf plötzlich zu Coronazeiten komplett im Homeoffice war, wurde das für mich zu einer kleinen Herausforderung.

Pferde hingegen wollen in der Regel nie allein sein, so sagt man. Obwohl das nicht ganz stimmt, denn auch in der Natur gibt es zumindest unter den Hengsten welche, die allein leben. Ob das ihre freie Wahl ist, weiß ich natürlich nicht. Unsere Ponys sind hier zu fünft, so dass selbst wenn zwei weg gehen noch drei übrig bleiben und nie jemand allein sein muss. Aber durch die Weitläufigkeit unseres Rundlaufs (genau genommen sind es 2 Rundläufe, ein größerer und ein kleiner) und die Anordnung der Stallgebäude sind die Ponys schnell aus der Sichtweite der anderen raus.

Als Duncan hier einzog, war das manchmal ein Problem für ihn: wenn er mit sich und dem Fressen beschäftigt war, kriegte er manchmal nicht mit, dass die anderen ihren Standort verlagern und war dann plötzlich allein. Dann wieherte er verzweifelt und rannte in Höchstgeschwindigkeit um den Rundlauf herum – manchmal zwei Runden, bevor er merkte, dass alle in die Halle gegangen waren. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Angst nach ließ und er verstanden hatte, dass die anderen Ponys schon noch da sind: er muss sie nur finden.

Manchmal sind unsere Ponys alle zusammen unterwegs. Sie bleiben dicht beieinander und haben alle die selbe Idee – sei es dösen oder Eicheln suchen, sich im Stall verkriechen vor Hitze oder Fliegen, oder einfach um den Rundlauf wandern und Grashalme erhaschen. Zu anderen Zeiten sind sie weit verteilt und jeder macht seins. In letzter Zeit hält Duncan sich sehr viel ohne die anderen oben am Zaun zu den Nachbarpferden auf. Während die beiden Stuten auf der einen Seite grasen, nascht er auf unserer Seite des Knicks Blätter und zupft die letzten grünen Halme. Seine Kumpel sind dabei oft ganz woanders. Aber auch sonst konnte ich im Laufe der letzten drei Jahre beobachten, wie Duncan immer selbstständiger wurde. Lange hat er die meiste Zeit des Tages damit verbracht, genau das zu nachzumachen, was Diego macht. Heute trifft er viel mehr eigene Entscheidungen. Er verbringt gern viel Zeit mit Caruso, die beiden sind schon lange „partners in crime“ und „gemeinsam unausstehlich“. Aber wenn Caruso sich im Stall verkriecht, weil die Kriebelmücken über ihn her fallen, ist das für Duncan kein Anlass mit rein zu gehen – dann wandert er eben alleine weiter und geht seinen eigenen Ideen nach. Ich glaube, dass Duncan inzwischen alt genug ist, um sich auch ohne großen Beschützer sicher zu fühlen (zumindest da, wo er sich auskennt).

Viele Pferde müssen zwangsweise lernen, allein zu sein: auf dem Reitplatz, beim Ausreiten oder im Anhänger. Mein Duncan hat das – genau wie Finlay – nebenbei gelernt und ich glaube, dass das viel mit unseren Haltungsbedingungen zu tun hat. Dass die Ponys sich oft aus den Augen verlieren, trägt dazu bei, dass sie sich daran gewöhnen, mal auf sich gestellt zu sein. Man könnte argumentieren, dass das sehr unnatürlich ist. Allerdings ist vieles unnatürlich und hier in unserem kleinen Paddock-Paradies haben die Ponys ja die Wahl und könnten auch den ganzen Tag zusammen sein – wie Duncan es auch anfangs bevorzugt hat. Die Tatsache, dass er das jetzt nicht mehr so macht, ist für mich ein Hinweis darauf, dass er wieder ein Stück selbstständiger und reifer geworden ist.

In einem Artikel las ich neulich, dass wir Menschen die Verbundenheit mit unserem Pferd oft daran fest machen, wie wir gemeinsam mit dem Pferd etwas tun. Aber dass selbst die am stärksten miteinander verbundenen Pferde ja nicht alles zusammen tun und nicht ständig zusammen sind. Ich dachte an unsere 5 Freunde hier und habe mir vorgenommen, auch meinen Blick auf Verbundenheit zu überprüfen. Denn wie in einer Menschenfamilie sind unsere Ponys stark miteinander verbunden und alle gut befreundet – auch wenn jeder Mal sein eigenes Ding macht. Und anstatt ein Pferd auszubilden, dass mich als unbedingten Beschützer braucht, habe ich doch lieber ein selbstbewusstes Pony, das mir auf Augenhöhe begegnet und dem ich nicht „das Hüfchen halten“ muss. Verbundenheit ist nicht das Gegenteil von allein sein wollen – das weiß ich selbst aus eigener Erfahrung. Und so kann ich es weniger persönlich nehmen, wenn mein Pony mal keine Lust hat, nah bei mir zu sein.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 299

Mein Mädchen hat erklärt, die Weidesaison ist beendet. Jetzt ist wieder Heusaison. Blöd. Aber sie möchte, dass das Gras nicht so kurz ist im Winter, denn wenn es etwas länger ist, fängt es im Frühling schneller an zu wachsen. Und das ist schließlich sehr in meinem Sinne! Also hoffe ich mal, dass sie damit recht hat.

Damit wir Ponys nicht ganz so traurig sind, machen wir dafür jeden Tag eine „Apfelparty“. Der Apfelbaum hat sooooooo viele Äpfel gemacht dieses Jahr! Da dürfen wir Ponys auch ordentlich schlemmen. Aber nicht alle auf einmal! Wir bekommen immer die Äpfel, die einen „Ditsch“ haben. Also die, die vom Baum gefallen sind, bevor die Menschen sie pflücken konnten oder die aus anderen Gründen eine braune Stelle haben. Die schneidet mein Mädchen dann weg und wir bekommen den guten Rest vom Apfel. Das ist immer eine Gaudi!

Sie füttert uns die Äpfel nämlich nicht einfach so, sondern sie wirft sie kreuz und quer in den Paddock und wir müssen sie einfangen. Caruso ist der beste in diesem Spiel! Er lauscht konzentriert auf das charakteristische „Plopp“ wenn der Apfel auf den Boden fällt und irgendwie hat er so gute Radar-Ohren, dass er sofort weiß, wo der Apfel liegt. Dann saust er blitzschnell da hin und – zack! – ist der Apfel weg. Ganz oft ist er so schnell dabei, dass er den Apfel bekommt, obwohl er viel näher bei einem von uns anderen Ponys gelandet ist! Wir größeren brauchen länger um die Äpfel zu finden.

Wenn man dann so einen Apfel entdeckt hat, will man ihn natürlich fressen! Also ab ins Maul damit. Aber ganz oft stellen wir dann fest: geht nicht, zu groß. Dann müssen wir den Apfel wieder auf den Boden legen und ihn mit den Schneidezähnen durchbeißen. Das ist übrigens der Grund, weshalb Merlin als einziger seine Äpfel vom Mädchen aus der Hand bekommt: der arme alte Kerl hat keine Schneidezähne mehr! Also bekommt er die kleinen Stücke vorgeschnitten, damit er nur seine verbliebenen Backenzähne braucht. Wir anderen müssen selbst sehen, wie wir klar kommen. Das Problem ist: wenn man einen Apfel auf dem Boden durchbeißt, hat man nur die eine Hälfte im Maul! Wenn man Pech hat, kommt dann ein Kumpel und klaut die zweite Hälfte, während man dabei ist, die erste zu Apfelmus zu verarbeiten.

Äpfel, Äpfel….
…. noch mehr Äpfel! (Aber an einem anderen Tag)

Ihr seht: Äpfel essen ist eine große Kunst! Und ein großer Genuss. Hoffentlich reichen die Äpfel noch ganz lange…..

Euer Sir Duncan dhu of Nakel (mit Apfelfüllung)

Verknüpfung

Unser Auto damals, war das nun blau oder grün? Ich behaupte ja immer noch, dass es ein komisches Türkis war. Aber viele Menschen waren überzeugt, dass es grün ist, während andere sich sicher waren, dass das blau ist. Zwischen blau und grün scheint es eine (Achtung: fieses Wortspiel!) Grauzone zu geben. Ich weiß nicht, ob es eine klar definierte Grenze zwischen den beiden Farben gibt. Ich nehme an, dass jeder Mensch für sich eine Grenze irgendwo zieht. Wo die liegt, kann von vielen Faktoren abhängen, aber letztendlich ist das Wort, dass wir für eine Farbe benutzen, eine Verknüpfung mit einem Sinneseindruck. Kinder zeigen auf Gegenstände und lassen sich die Farbe sagen, das Gehirn verknüpft. Ich empfinde es immer wieder als Wunderwerk des Lernens, dass wir keinem Kind jede Schattierung beibringen müssen, sondern das Gehirn nach und nach in der Lage ist, die Schattierungen selbst einzuordnen – wenn es auch bei dem einen in der „grünen“ und bei dem anderen in der „blauen“ Schublade landet. Unser Gehirn liebt Verknüpfungen und da ist es bei den anderen Säugetieren in bester Gesellschaft. Und so war das mein erster Gedanke als ich gebeten wurde, zu erklären, woher ein Pferd wohl weiß, was „Schritt“ oder „Trab“ bedeutet.

Ich hoffe sehr, dass viele von Euch mit dem Kopf nicken und sagen „weiß ich doch, wie ein Pferd lernt“. Aber ich finde es lohnt sich, wieder und wieder darüber nachzudenken. Am beeindruckensten habe ich selbst es jetzt erlebt mit Elsas Arbeit. Denn die funktioniert ganz puristisch über Verknüpfung. Soll heißen: das Pferd tut was es eben gerade tut und ich reagiere darauf. Wenn ich auf die selbe Handlung des Pferdes immer mit der selben Handlung meinerseits reagiere, wird das Pferd das eine mit dem anderen verknüpfen und über diese Verknüpfungen können wir später kommunizieren. Duncan, der mich im „Rumstehtraining“ gelegentlich angemeckert hat, konnte jetzt eine neue Möglichkeit lernen: betont wegschauen.

Das funktioniert so: ich weiß, dass Duncan mich gelegentlich angehen möchte. Also bin ich hinter einem Zaun, so dass ich nicht in Gefahr bin und nicht reagieren muss. Ich stelle mich nah an den Zaun, da wo Duncan auf der anderen Seite steht. Ich weiß: es wird ihm zu nah sein. Wenn er jetzt mit angelegten Ohren über den Zaun meckert, kann ich das ignorieren. Sobald er aber von mir weg schaut, gehe ich meinerseits etwas weiter von ihm weg. So lernt er: wenn sie mir zu nah ist, kann ich betont weg schauen, dann geht sie weiter weg. Umgekehrt, wenn er mich betont anschaut, gehe ich näher ran. Sobald er dieser Verknüpfung verinnerlicht hatte, wurde der Zaun überflüssig, denn Duncan meckert mich jetzt nicht mehr an – er kann ja einfach weg gucken und mir damit signalisieren, dass ich mehr Abstand halten soll. Wenn es gut läuft, ist er überzeugt davon, dass ER MIR das beigebracht hat. (Kekse bekomme ich dafür aber leider keine von ihm….)

Verknüpfungen sind stark. Wenn oft genug auf A B folgt, baut das Gehirn eine „Datenautobahn“. Und weil es so gern Energie spart, wird es diese Datenautobahn verwenden, so lange es keinen verdammt guten Grund hat, etwas anderes zu tun.

Wahrscheinlich könnte ich also meinem Pony beibringen, was „Trab“ ist, wenn ich nur jedes Mal, wenn er von selbst antrabt, das Wort sage. Das dauert aber ziemlich lang, weswegen wir Menschen den Lernprozess beschleunigen und direkt auf unsere Pferde einwirken. Wie wir das tun – über positive Verstärkung (es gibt Futter wenn du diese Bewegung machst), über negative Verstärkung (ich höre auf, mit der Peitsche hinter dir her zu laufen, wenn du diese Bewegung machst) oder über Mischformen (ich höre auf, mit der Peitsche hinter dir her zu laufen wenn du diese Bewegung machst und im Anschluss gibt es Futter) – bleibt uns überlassen. Dabei sind die Dinge am leichtesten zu lehren, die dem Pferd aus der Körpersprache in der Herde vertraut sind. Die meiner Meinung nach einfachste Form der Kommunikation ist die, in der ich für mich „Raum einnehme“ und dadurch als „Nebeneffekt“ das Pferd bewege, wobei allerdings keine sehr zielgerichtete Bewegung heraus kommt, weil ich dem Pferd nicht sage, wo es hin gehen soll, sondern nur, wo es weg gehen soll. Diese einfache Art der Kommunikation kennt jedes normal sozialisierte Pferd, sie erfordert keine neuen Verknüpfungen im Gehirn. Andere Arten der Ausbildung sind etwas „künstlicher“, indem man zum Beispiel Halfter und Strick zu Hilfe nimmt.

Bei allen Ausbildungsarten, die über Verknüpfung funktionieren ist wichtig, dass wir das Gehirn als „Blackbox“ betrachten, die es nun mal ist: wir geben Information hinein und es kommt Information heraus. Den Prozess sehen wir nicht, wir können nur schlussfolgern. Dabei ist stets Vorsicht geboten, wie ich nur allzu oft sehe. Meine Schülerin hat neulich den Klassiker gebracht. Sie geht los, den Strick in der Hand, das Pferd am anderen Ende des Stricks geht etwas später los und läuft hinter ihr her. Jedes Mal sagt sie „Scheeeeritt“ und meint dann, das Pferd würde mit dem Wort dann das losgehen assoziieren. Kann sein! Aber sicher war ich mir da nicht. Denn das Pferd könnte auch lernen, dass das Wort „Scheeeeritt“ bedeutet: der Mensch geht los und wenn der Strick sich spannt, gehe ich mit. Ehrlich gesagt, ist diese Version sogar wahrscheinlicher…. Weshalb ich ihr geraten habe, lieber durch etwas treiben dafür zu sorgen, dass das Pferd mit ihr zusammen los geht, so dass nach einigen Wiederholungen das Wort „Scheeeritt“ im Pferdehirn mit „losgehen“ verknüpft wird.

Denn diese Momente sind die „blau oder grün“ – Momente in der Ausbildung: bei manchen Farben kann eben beides irgendwie richtig sein und das Gehirn hat die Wahl, was es miteinander verknüpft. Wenn es dann nicht so verknüpft, wie wir uns das gedacht haben, kommen wir nicht an unser gewünschtes Trainingsziel, haben eine Datenautobahn gebaut, die nicht dort hin führt, wo wir hin wollen und haben nachher viel mehr Arbeit damit, eine neue Datenautobahn zu schaffen als wenn wir gleich in die richtige Richtung gebaut hätten.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 298

Gestern haben wir einen schönen Sonntagsausritt gemacht, diesmal von zu hause aus. Gleich auf den ersten Metern wurde es spannend, denn da kam uns ein Pferd entgegen! Einer von den Nachbarn, ein großer Kaltblüter mit Kutsche hinten dran. Hui, da wollte ich doch fix mal gucken! Aber bevor wir da waren, sind die schon auf den Nachbarhof abgebogen. Wollen wir da nicht kurz hinterher, mein Mädchen? Nein, das wollte mein Mädchen nicht. Na gut, also weiter geradeaus Richtung Dorf. Im Dorf hatten wir dann wieder ein „erstes Mal“: mein Mädchen ist lässig sitzen geblieben, während wir souverän an der Dorfstraße gewartet haben bis frei war und dann rüber marschiert sind. Geht doch! Zack – schon war sie wieder stolz auf uns beide. Weiter ging es Richtung Berg.

Wie wir gerade so den Berg hoch kraxeln höre ich plötzlich ein Tier im Gebüsch! Mann, ich hab mich vielleicht erschreckt! Aus dem Augenwinkel habe ich nur etwas großes, schwarzes gesehen, was sich bewegt und ich war sicher, dass es sich um einen Bären handeln muss! Nun stehen Ponys ja ganz oben auf dem Speiseplan von Bären, besonders wenn sie so jung und saftig sind wie ich! Und mein Mädchen hätte er bestimmt auch nicht verschmäht. Also habe ich zugesehen, dass ich uns schnell in Sicherheit bringe und bin im Galopp los. Mein Mädchen hat versucht, die Zügel einzusammeln und sich dabei mit Schwung selbst die Gerte ins Gesicht gehauen. Derweil hat Diego vor mir angehalten und mich ausgebremst. „Das war doch gar kein Bär,“ hat er gesagt, „sondern nur ein Rind!“ Ach so. Aber wenn es jetzt doch ein Bär gewesen wäre, dann wäre es schon besser gewesen, etwas Abstand zu gewinnen, oder? Finde ich jedenfalls. Mein Mädchen fand das auch. Erschrecken kann sich jeder, sagt sie. Und ich hab alles richtig gemacht, nur sie halt nicht. Weil sie sich die Gerte auf die Wange geklatscht hat und das mit Schmackes. Also hatte sie jetzt ein sehr rotes Bäckchen und sich irre doll erschrocken. Sie ist dann den Rest vom Berg zu Fuß mit mir hoch gegangen und bis zur „schönen Aussicht“. Da dürfen wir Ponys immer grasen, während die Menschen die Aussicht genießen. Allerdings hatte die Aussicht Pause, es war doch immer noch neblig, obwohl es schon später Vormittag war.

Nicht so wahnsinnig viel Aussicht.
Uns schmeckt das Gras auch ohne Aussicht.

Trotzdem fand mein Mädchen das schön und ihre Wange hat auch schon nicht mehr so weh getan. Also ist sie wieder aufgestiegen und ich hab sie den Berg runter getragen. An der Landstraße wollte sie dann aber doch wieder zu Fuß gehen, weil der Schreck ihr noch so in den Gliedern saß. Anstatt danach links nach hause zu gehen, sind wir noch rechts abgebogen und „hinten rum“ nach hause geritten. Da sind wir auch noch ein bisschen getrabt. Ich war schon ein etwas kopfmüde und hab auch ordentlich geschwitzt, weil wir Ponys ja schon Winterfell tragen, das Wetter aber noch super warm ist. Deswegen gab es zu hause eine kleine Dusche. Hat mir auch gefallen (tut es ja nicht immer). Danach hab ich ein schönes Sandbad genommen und den Rest vom Sonntag verbummelt.

Eine kühle Dusche war ganz angenehm bei dem feuchtwarmen Wetter

Schön war’s, und gut dass es kein Bär war!

Euer erleichterter Sir Duncan Dhu of Nakel