Eine gemeinsame Sprache

In meinem noch unveröffentlichten Buch (ich hoffe ich habe bald die Kraft, daran weiter zu machen so dass Ihr es eines Tages wirklich in den Händen halten könnt) gibt es ein Kapitel mit der selben Überschrift.

In diesem Kapitel geht es um die Sprache, die sich zwischen Finlay und mir im Laufe der Jahre entwickelt hat. Von den ersten Anfängen bis zu den Finlay-spezifischen Äußerungen die zu entschlüsseln mich manchmal Monate oder Jahre gekostet hat. Finlay war ein sehr hartnäckiger Lehrmeister. Er hat niemals aufgegeben. Wenn er mir etwas zu sagen hatte, hat er es so oft wiederholt, bis ich verstanden hatte. Zwischendurch konnte er dann schon mal sehr wütend werden und einfach ausflippen – das waren die Gelegenheiten bei denen er mir gezielt mit den Hinterhufen eine Ladung Sand in die Augen geschmissen hat und buckelnd und furzend von dannen zog, manchmal sogar mit wütendem Gequietsche (wir haben auf dem Platz ja immer frei gearbeitet).

Nun steht da Sir Duncan Dhu und spricht wieder eine andere Sprache. In unserer Herde kann ich sehen, dass seine Sprache so anders ist, dass es länger dauert, bis jeder weiß was der andere meint.

Beim Spielen herrscht noch etwas Uneinigkeit: Duncan möchte am liebsten „Vorderbeine beißen“ spielen…..
….. währende Merlins Lieblingsspiel das „Unterlippe-haschen“ ist.

Ich erinnere mich daran, wie ich aus Hessen nach Schleswig-Holstein zog. Ich wollte etwas Süßes vom Bäcker und bat um einen „Kräppel“. Die Verkäuferin hat gestaunt – was das denn sein sollte?

„Kräppel“ sagt der Hesse zum „Berliner“. Noch lange hatte ich Probleme damit, mich umzugewöhnen. Aber es half ja nicht: niemand gab mir, was ich wollte, wenn ich „Kräppel“ sagte, so musst ich lernen, „Berliner“ zu sagen!

Es hat lang gedauert, bis Duncan herausgefunden hat, wie es mit Gatsby klappt. Aber jetzt habe ich sie schon oft kraulen und sogar ansatzweise spielen sehen!

Und so bekommt Duncan eben nur das, was er will, wenn er so darum bittet, dass die anderen ihn verstehen. Da Duncan jung ist und hier nichts zu sagen hat, liegt es im Wesentlichen bei ihm, die Sprache der anderen zu lernen. Aber die anderen werden schon auch von ihm ein bißchen lernen, wie es nun mal so ist. Und er begegnet unseren Ponys anders als Finlay, so dass auch die Reaktion unserer Ponys anders ausfällt. Das zeigt sich mir besonders beim Füttern: weil Diego leider oft etwas gestresst ist wenn es Heu gibt, schickt er die anderen schnell mal durch die Gegend wenn es eng wird. Duncan aber schafft es irgendwie, dieses Verhalten viel weniger auszulösen und dadurch viel näher am Heu sein zu können und selbst weniger Stress zu haben. Er darf nicht – wie Finlay es durfte – bei Diego mit fressen (das versucht er aber auch gar nicht). Es wirkt eher so, als hätte er eine Art Tarnumhang, der ihn im entscheidenden Moment unsichtbar macht, so dass Diego sich so verhält, als sei Duncan gar nicht da. Ich möchte das unbedingt weiter beobachten und herausfinden, wie er das macht!

Duncan muss nun nicht nur die Sprache der anderen Ponys lernen, sondern auch meine. Und ich gebe mir die größte Mühe, möglichst viel von seiner Sprache zu verstehen.

Das ist erst mal wildes Interpretieren. Zum Beispiel die neulich erwähnte Frage: wann wird es Zeit für ein neues Abenteuer?

Das begann so:

Wir waren also am Sonntag auf unserem ersten Spaziergang. Am Ende wollte Duncan recht flink nach hause und am Montag habe ich ihn dann komplett in Ruhe gelassen – und er mich auch. Das Gehirn war satt.

Am Dienstag abend dann fing er wieder an, aus dem Stalltor raus drängeln zu wollen wie er es vor dem ersten Spaziergang auch getan hatte. Das nehme ich als Zeichen dass er etwas erleben möchte. Selbst beim abendlichen Heu füttern kam er an und wollte lieber mit mir durch die Tür marschieren (sehr hungrig war er nicht mehr, er hatte schon seine riesige Extra-Portion verdrückt).

Nun blieb aber unter der Woche keine Zeit für ihn, nur für ein bisschen FBT (Freedom Based Training – Elsas Methode) im Paddock zwischendurch.

Erst am Sonntag hatten wir wieder Zeit, mit Duncan raus zu gehen und ich war sehr gespannt. Er schien sich zu freuen und marschierte munter los. Schon nach 300 Metern hielt er an um ein wichtiges Geschäft zu verrichten – er musste pinkeln! Das war für mich ein Highlight und es gab einen Keks dafür, denn Finlay war immer sehr eigen mit dem unterwegs pinkeln, was uns manches mal ein verspanntes Pony bescherte weil er musste aber nicht wollte… Auf der Liste noch zu übender Dinge stand das daher ganz weit oben…

Da Duncan so gut drauf war, wanderten wir an unserer Grasstelle vom letzten Mal vorbei noch etwas weiter den Weg entlang. Ich bat Arnulf, mit Diego hinter uns zu bleiben um zu sehen ob Duncan wohl auch bereit wäre, vorne weg zu marschieren. Zuerst wollte Duncan dann wenigstens MICH gern vor sich haben aber nach einer Weile zog er plötzlich an, lief frohgemut an mir vorbei und fand es völlig in Ordnung, dass ich auf Höhe seiner Flanke laufe. So schritt er zur Eroberung der Welt!

Nach einer Weile ließen wir die Pferde an einem anderen Platz grasen und gingen danach noch ein Stück weiter.

Sir Duncan erobert die Welt

Als wir zur nächsten Kurve kamen, entschieden wir, umzudrehen. Duncan wäre gern noch weiter gegangen aber wie bei kleinen Kindern kalkulierte ich den Rückweg als (in seinem Fall geistige) Anstrengung mit ein. Duncan blieb stehen und fragte, was das soll. Er hatte doch gerade so viel Spaß! Aber schließlich kam er dann doch mit. Ein Auto von hinten meisterte er völlig unaufgeregt – wir standen etwas auf Abstand in einem Knickloch.

Zwischendurch allerdings versuchte er mich ein paarmal spielerisch zu kneifen und ich bin noch nicht sicher was das nun bedeuten soll. Doch geistig etwas müde und daher grantig? Er hatte auch ein etwas eingezogenes Mäulchen zwischendurch. Aber vielleicht war er auch nur sauer, dass er nicht grasen durfte? Oder war es reiner Schabernack? Hier ist noch eine leere Seite in meinem „Duncan-Wörterbuch“.

Jedenfalls hatte er wenig Bedürfnis, nach hause zu gehen. Keinerlei Beschleunigung diesmal, im Gegenteil, bevor Duncan den heimischen Hof wieder betritt, muss er erst noch den Weg gegenüber anschauen.

So denke ich also, meine Interpretation seines Aus-der-Tür-drängelns als Abenteuerlust ist korrekt, ich bin auch ziemlich sicher, dass er noch Lust gehabt hätte, weiter zu gehen. Nur dieses kleine Kneifen will beobachtet werden, da sind noch alle Möglichkeiten offen.

Eine Woche später machen wir zum ersten Mal seine Hufe. Er kennt das schon von der Züchterin, aber bei uns haben wir noch gar nichts mit Hufen gemacht, außer dass ich im Freedom Based Training das Beine anfassen geübt habe.

Er arbeitet gut mit, schafft 10 Minuten Konzentration und nach einer halben Stunde Pause schafft er noch einmal 20 Minuten, so dass wir alles fertig machen können. Wir haben einfach die Chance genutzt dass er es noch schafft, aber anstrengend war es wohl doch, denn danach passiert etwas noch nie dagewesenes: im Stall, als ich das Halfter abgenommen habe, kommt Duncan zu mir, legt seinen Kopf an meine Brust und ist für einen Moment ganz still. „ich bin müde“ scheint er zu murmeln und sucht bei mir etwas Ruhe.

Das finde ich äußerst interessant, denn normalerweise kenne ich es so, dass junge Pferde, die geistig müde sind, genau das Gegenteil tun, nämlich das Weite suchen oder aber spielerisch aggressiv werden um Stress abzubauen. Ich bin völlig überrascht von diesem Verhalten und mache mir eine geistige Notiz, darauf zu achten, ob und wenn ja wann er das noch einmal zeigt – dann kann ich auch besser darauf reagieren weil ich nicht mehr so überrascht bin.

Manchmal kommen „Blitzattacken“. Schon zweimal ist es im Freedom Based Training passiert dass er nach mir beißen wollte – beide Male im Zusammenhang damit dass ich links an seiner Flanke war. Normalerweise akzeptiert er mich aber in jeder Position um ihn herum, auch dort. Woher nun dieses – für mich unvorhersehbare – Verhalten kommt möchte ich auch noch erforschen.

An einer Stelle verhält Duncan sich ganz anders als ich es gelernt habe.

Wenn er auf mich zu kommt, kommt er immer ganz schnurgerade. Er macht keine kleinen Schlenker, kein Zögern, keine Kopfbewegung. Und er möchte, dass ich ganz genauso schnurgerade auf ihn zu gehe. Wenn ich – wie ich es im Horsemanship gelernt habe – ihm Platz mache, etwas rückwärts gehe, ihn einlade oder stehen bleibe, legt er die Ohren an. Es löst anscheinend diesen kleinen „Jagdinstinkt“ in ihm aus, der sich unter Pferden in einem kleinen spielerischen Kampf entladen würde (den ich als Mensch nicht möchte). Gehe ich aber – völlig gegen meinen Instinkt – schnurgerade auf ihn zu, so begegnen wir uns freundlich in der Mitte und er begrüßt mich in kuscheliger Stimmung. Auch beim Halftern kann ich am besten direkt von vorn kommen, was erfahrungsgemäß für viele Pferde problematisch ist. Er schlüpft dann fast selbst ins Halfter. Er hat viel mehr ein Problem damit, mich an der Seite zu haben (etwas, woran ich im Freedom Based Training mit ihm arbeite).

Da ich bei Finlay nie ausprobiert habe, mich so zu verhalten, habe ich keinen Vergleich wie er darauf reagiert hätte. Bei Finlay hatte ich so meine Vorstellung davon, wie „man das macht“, aber jetzt bin ich klüger (oder dümmer, weil ich so vieles nicht mehr weiß was ich vorher „wusste“?) Aber auch Finlay war so ein „direkter“ Typ und ich glaube es ist ein Stück weit rassebedingt.

Nun probiere ich also so herum und erforsche, wie Duncan es gern mag, was wir üben dürfen und wo ich mich einfach an seine persönlichen Vorlieben anpassen kann.

Duncan lernt natürlich auch meine Sprache. Und damit meine ich nicht nur die Körpersprache, sondern auch die Worte und Laute die ich von mir gebe. Er lernt, was ich für Töne mache, wenn ich rufe, was für Töne ich mache, wenn ich etwas gut finde und was ich vielleicht mal für Geräusche mache wenn ich etwas nicht mag. Während wir üben, dass er rückwärts von mir weggeht um die Schüssel zu bekommen, wird er nebenbei lernen, wie er aus meiner Stimme ablesen kann, wann er auf dem richtigen Weg ist. All diese Dinge wird er alsbald gut raus haben.

Einer von uns beiden wird die Sprache des anderen schneller lernen als der andere – und ich weiß ganz genau, wer dieses Rennen gewinnt…. Nicht mehr lange und Sir Duncan wird mich so gut lesen können, dass er mich mit meinen eigenen Waffen schlagen wird, wie Ponys es eben gerne tun. Und dann wird sich über die kommenden Jahre eine eigene, individuelle Verständigung entwickeln zwischen ihm und mir, wie sie überall da entsteht wo Mensch und Tier sich aufeinander einlassen. Und in ein paar Jahren werde ich diesen Text vielleicht lesen und schmunzeln, weil ich dann so viel mehr weiß als heute – und diese Vorstellung finde ich zugleich beruhigend und irgendwie sehr merkwürdig.

Pläne

Ich mag Pläne. Als ich Finlay vor 8 Jahren gekauft habe, da hatte ich eine genau Vorstellung von seiner Ausbildung. Jeden Schritt habe ich exakt angepasst an das Endziel, das ich vor Augen hatte. Ich hielt mich für schlau – da musste erst Finlay kommen um mir zu sagen, dass das ganz schön dumm war. Ich dachte, wenn ich nur das Ziel kenne, weiß ich immer wo es langgeht. Aber Finlay hatte ganz andere Ziele als ich und bis ich seine Ziele erkannt habe, sind ein paar Jahre ins Land gegangen.

Finlay im Alter von 15 Monaten – so alt ist Duncan jetzt

Letztlich haben Finlay und Merlin meinen großen Plan dann auch noch endgültig über den Haufen geworfen. Merlin sollte ja nun mit seinen 26 Jahren ein bißchen kürzer treten, ein bißchen mehr frei haben und Finlay sollte mehr und mehr von meiner Zeit bekommen. Aber Merlin möchte noch gar nicht kürzer treten – und Finlay ist nicht mehr da. Stattdessen habe ich jetzt Duncan, der noch lange braucht, bis er zum Reitpferd wird. Hoffentlich bleibt Merlin noch ein paar Jahre so schön fit! Ich habe schon auch Pläne für Duncan. Aber ich merke, dass diese Pläne anders sind als die, die ich für Finlay gemacht habe. Sie sind viel vager, sehr viel offener, ungenauer. Ich bin besser geworden im Umgang mit Pferden und ich habe nun diesen ganzen Jungpferde-Weg nun schon einmal komplett gemeistert (abgesehen von den vielen Jungpferden in meinem Kundenkreis die ich in den letzten Jahren ein Stück begleiten durfte). Ich habe mehr Zutrauen in meine eigenen Fähigkeiten – und ich habe auch mehr Fähigkeiten erworben – und kann Duncan dadurch viel mehr Spielraum und Freiheit lassen als ich es bei Finlay getan habe. Ich bin sicher, dass der Tag kommt, an dem Duncan all die lustigen Ideen hat, die auch Finlay plötzlich hatte in der Pubertät – Steigen beim Spazierengehen oder der ein oder andere gepflegte Wutanfall vielleicht.…, abhauen, buckeln, rempeln, treten, ignorieren, alles ist möglich. Bestimmt kommt der Tag, an dem ich mit Duncan ein Problem habe. Aber im Gegensatz zu meiner Finlay-Planung versuche ich nicht mehr, die Probleme im Vorfeld zu vermeiden. Denn ganz ehrlich: meiner Erfahrung nach kommen die so oder so. Und meistens an anderer Stelle als gedacht.

So ein bißchen „sich ausprobieren“ und „sich reiben“ gehört eben einfach zum erwachsenwerden dazu. Vielleicht kann ich das jetzt auch gelassener sehen, weil ich es bei Finlay schon einmal überlebt habe. Ich muss es auch gelassener sehen – wo ich doch meinen Schülern immer predige dass das das einzige ist was funktioniert… Lächeln und winken…

Als ich Finlay damals gekauft habe, wollte ich durch die Ausbildung das Pferd aus ihm machen was ich mir erträumt hatte als ich ihn zum ersten Mal sah. Aber jetzt sehe ich Duncan und ich fühle: die Priorität liegt für mich woanders. Die Priorität liegt darin, das, was da ist, nicht kaputt zu machen. Denn es ist schon alles da. Er braucht keine „Ausbildung“, er ist wunderbar so wie er ist. Ja, klar, er darf viele Dinge lernen, wir wollen eine gemeinsame Sprache entwickeln und Abenteuer erleben. Aber sein ganzer Charakter, seine Persönlichkeit ist ja schon da. Sie zum Strahlen zu bringen und nichts kaputt zu machen ist mein größtes Ziel.

Seine wunderbare Art, mit der er immer zu mir kommt um ein bißchen zu schnacken, seine Art die Welt zu erkunden und wahrzunehmen, seine Neugierde, sein Interesse an allem, sein Mut, seine Unbekümmertheit … mehr braucht es doch gar nicht für ein fabelhaftes Pony! Na gut, ein paar Zentimeter Körpergröße (vor allem vorne!) fehlen noch, aber das schafft er allein, wenn ich nur genug Heu serviere.

Natürlich habe ich trotzdem Wünsche und Ziele. Ich wünsche mir, dass mein Duncan eines Tages so wunderschön sein wird wie sein Papa Ghillie Dhu.

Duncans Papa „Trailtrow Ghillie Dhu“

Ich wünsche mir, dass er mit seiner Ausstrahlung Menschen in seinen Bann zieht, wie Diego es tut. Dass er eines Tages bereit sein wird, so viel für mich zu tun wie mein Merlin.

Und dass er Abenteuer genauso liebt wie Finlay.

Wahrscheinlich überrascht er mich mit ganz anderen Qualitäten!

um nicht zu sagen: er hat mich bereits mit anderen Qualitäten überrascht…

Träume habe ich schon ein paar…

Ich stelle mir vor, wie wir in 4 Jahren auf den ersten kleinen Distanzritt gehen, wie wir vielleicht schon in 3 Jahren Sulky fahren, so dass er mich nicht tragen muss aber wir schonmal bißchen Strecke machen können. Ob er sich das auch so vorstellt, werden wir wissen, wenn es so weit ist.

Davor werde ich wohl endlose Kilometer mit ihm zu Fuß gehen. Denn ich vermute, dass er schon sehr bald viel Spaß daran haben wird, mit Diego zusammen fremdes Gelände zu erkunden. Wir werden sehen, ob ich damit richtig liege. Und ob ich passendes Schuhwerk finde. Ausgerechnet mir – ich geh ja so gar nicht gern zu Fuß. Aber da muss ich jetzt wohl durch…

Der einzige wirklich große, unverrückbare Plan den ich habe ist eigentlich keiner. Ich möchte, dass eine Beziehung zwischen uns entsteht – eine genauso große, schöne, tiefe, wundervolle Beziehung wie ich sie zu Merlin und Finlay habe.

Es wird nicht die gleiche Beziehung sein wie mit Finlay oder Merlin, denn Duncan ist anders als die beiden und ich verändere mich ja auch ständig (so hoffe ich!). Aber sie soll genauso wundervoll werden. Und ich weiß, Wunder brauchen ein bißchen Zeit und Geduld. Beziehung entsteht nicht aus dem Nichts, nur weil man sich mag. Ich finde ja immer, Beziehung lebt vom Alltag. Vielleicht habe ich das von meiner Mutter gelernt. Sie wollte niemals Aufmerksamkeit zum Muttertag. Sie fand, wenn eine Mutter im Alltag keine Annerkennung bekommt für das, was sie als Mutter leistet, dann ist so ein Blumenstrauß und eine Pralinenschachtel nichts weiter als üble Heuchelei und der spärliche Versuch einer Art Entschuldigung. Wenn man aber im Alltag gut miteinander umgeht und die Leistungen des anderen anerkennt, werden Blumenstrauß und Pralinenschachtel plötzlich ganz unwichtig. Und obwohl Duncan vermutlich beides – die Blumen und die Pralinen – lecker finden würde, scheint es mir auch keine geeignete Art, eine Beziehung zu ihm aufzubauen.

Der Umgang im Alltag ist es, der eine Beziehung ausmacht – sei sie nun gut oder schlecht.

Die Frage ist also: wie soll unser Alltag sein? Wie soll er jetzt sein und wie wird er später wohl sein?

Ein paar kleine Dinge regele ich zwischendurch und nebenbei, das ist ja immer die einfachste Methode. Wenn ich Duncans Schüssel oder das Extra-Heu „freigebe“ nachdem er brav sein Schrittchen zurück gemacht hat, sage ich „grasen“ was bei uns das Signal ist für „du darfst essen“. Wenn er jetzt schon dieses Wort so verknüpft, erleichtert mir das später die Diskussion ums Fressen oder nicht fressen wenn wir draußen unterwegs sind. Fressen ja – nach Freigabe.

Wenn Duncan auf mich zukommt, rufe ich ihn. Die nicht so konditionierungserfahrenen unter Euch bemerken hier das wichtige Timing: ich rufe ihn (noch) nicht DAMIT er kommt. Ich rufe ihn nur dann, wenn er schon auf dem Weg zu mir ist. Es ist eine reine Assioziationsübung: Das Wort „Duncan“ wird verknüpft mit der Bewegung auf mich zu. Später irgendwann werde ich es als Kommando benutzen können, aber das dauert noch. Aber durch die Vorarbeit die ich jetzt leiste wird er dann schon wissen, worum es geht. Wenn ich alle Ponys rufe („Pooooooniiiiiiiies“) kommt er ja eh schon mit, das kennt er schon. Noch später soll er lernen, dass er nicht Merlin, Diego oder Caruso heißt, sondern eben Duncan. Aber das wird gezieltes Training erfordern und ist noch etwas hin. Und ich schätze er wird sowieso immer kommen, egal wen man ruft….

Wenn ich ihn jetzt zu seinem Extra-Heu führe, haben wir erschwerte Bedingungen. Da er im Alltag kein Halfter mehr trägt, muss ich es ihm nun anziehen, ihn in sein Separe führen und vor dem Heu wieder ausziehen. Hui da war nochmal kurz Diskussion. Ob man wohl den Kopf stillhalten muss wenn das Halfter ausgezogen wird? Ja, man muss. Denn sonst ziehe ich es ihm eben wieder an und wir fangen von vorne an – das Heu wartet ja zum Glück geduldig und läuft in aller Regel nicht weg. Nach der ersten solchen Diskussion hatte Duncan das sofort verstanden. Getreu dem Duncanschen Motto „viel hilft viel“ bleibt er seitdem sogar – ohne dass ich ihn darum gebeten hätte – neben mir stehen wenn das Halfter schon runter ist und wartet darauf, dass ich ihm explizit erlaube, zum Heu zu gehen! Oha, was für ein ritterliches Benehmen! Naja, aber wenn der Hunger zu groß ist – so musste ich erst kürzlich lernen – dann vergisst der Ritter seine Tugenden. Dann kann das auch mal wieder länger dauern mit dem Halfter ausziehen. Das ist halt der Spaß mit jungen Pferden: sie können sich selbst noch nicht gut regulieren, die Gefühle gehen schnell mal mit ihnen durch und sie verhalten sich unter Umständen heute ganz anders als gestern oder morgen. Sie probieren sich viel mehr aus als die Erwachsenen, stellen viel mehr in Frage, suchen Grenzen ganz bewusst – weil das eben zum erwachsen-werden dazu gehört. Nicht, dass sie vergessen würden, was man ihnen beibringt – sie suchen nur öfter mal nach neuen Lösungen und teilweise sind sie da auch recht kreativ…

Wenn ich irgendeinen konkreten Plan habe, dann den: im Alltag genau diese kleinen Dinge zu beachten. Mir die Zeit zu nehmen, Kleinigkeiten zu korrigieren oder zu loben. Zu bemerken, welche Verhaltensweisen sich gerade einschleichen, die ich haben oder nicht haben möchte. Strategien zu entwickeln mit den Verhaltensweisen umzugehen, die ich nicht möchte. Eine Strategie haben heißt nämlich nicht, Verhalten zu bestrafen. Sondern umzulenken, zu verhindern dass es überhaupt auftritt, sinnvollere Alternativen anzubieten und zu etablieren. Wenn ich strafen „muss“ (meist nur aus Selbstschutz) bin ich zu spät dran. Kommt vor, ganz bestimmt. Hoffentlich nicht allzu oft.

Im Wesentlichen geht es immer mal um ein paar Sekunden – oder mal Minuten – die ich investieren darf.

Anfangs ist Duncan zum Beispiel beim Führen öfter mal stehengeblieben. Einfach so, meist ohne konkreten Anlass, manchmal mit konkretem Anlass. Früher hätte ich ihn dann in der einen oder anderen Form angetrieben, weil ich Sorge gehabt hätte, dass er sich das Stehenbleiben sonst angewöhnt. Heute bin ich da gelassener. Ich bin mit ihm stehengeblieben, habe einen Hauch von Zug am Strick gehalten, gerade so dass ich sicher war, dass er merkt, dass ich gern weitergehen möchte. Wer mich kennt weiß: das ist wirklich wenig. Nur so eben dass der Strick nicht durchhängt. Und dann habe ich gewartet. Und irgendwann ging es dann weiter. Inzwischen passiert es fast gar nicht mehr, dass er stehenbleibt. Eigentlich nur noch wenn er etwas anschauen möchte. Dann schauen wir gemeinsam und gehen danach weiter.

Wenn ich die paar Sekunden nicht habe, auf mein Pferd zu warten, dann wird mein Pferd auch keine paar Sekunden für mich haben, wenn es darauf ankommt.

Wenn ich die Freundlichkeit und Höflichkeit nicht habe, mein Pferd nett zu fragen und auf eine nette Antwort zu warten, werde ich auch keine nette Antwort bekommen.

Wenn ich mir nicht die Zeit nehme, etwas richtig zu erklären oder zu zeigen, lasse ich mein Pferd unsicher zurück und erschaffe mir das nächste Problem.

Ich bin das Vorbild, die „Große“ in dieser Beziehung. Es liegt an mir, eine gute Beziehung aufzubauen, es ist nicht die Verantwortung meines Pferdes. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, liegt es an mir, Lösungen zu finden.

So ist also der Plan – nicht zu viel zu planen, aber doch ein bißchen vorauszudenken. Nicht zu eng zu sein im Konzept aber doch sehr präsent, sehr aufmerksam wahrzunehmen was vor sich geht.

Ein Kinderspiel quasi….. ach ja und natürlich: Duncan das Ganze möglichst als (Kinder)spiel verkaufen!

Seine Sicht der Dinge

Guten Tag, mein Name ist Sir Duncan Dhu of Nakel.

Meine Menschen neigen dazu, meinen Namen abzukürzen, womit ich einverstanden bin. „Duncan“ – der dunkelhaarige Krieger – ist ein guter Name für mich (naja, abgesehen davon dass mein Haar wohl nicht mehr sehr lange dunkel sein wird).

Was ich nicht in Ordnung finde ist, wenn sie mich „Dunci-wanki“ „wampi Dhu“ oder „Daddeldidu“ nennen. Das werde ich ihnen noch abgewöhnen müssen! Zugegeben, mein Körper ist noch klein – deutlich zu klein für meinen Geschmack – aber deswegen muss man mich wirklich nicht behandeln wie ein Baby!

Ich versuche, meine Körpergröße möglichst schnell an meine charakterliche Größe anzupassen. Das gelingt mir, indem ich reichlich wertvolle Speisen zu mir nehme. Mir fällt auf, dass ich deutlich mehr Speisen gereicht bekomme als die meisten anderen Ponys hier – vermutlich wissen auch meine Menschen, dass so ein großer Charakter wie meiner nicht in so einem kleinen Körper wohnen kann. Ich bekomme durchaus erlesene Dinge serviert und darf auch selbst wählen, welche mir schmecken und welche ich zurückgehen lasse. Was mir allerdings nicht einleuchtet ist die Sache mit den Tischmanieren. Man zeigt mir leckeres Essen, dann sagt man, ich müsste von dem Essen weg rückwärts gehen um es zu bekommen. Menschen scheinen mir doch sehr sehr unlogische Wesen zu sein! Welcher Ritter geht schon rückwärts? Das könnte ja nur ein Feigling sein! Immer vorwärts hinein in den Kampf! Aber unter uns: Mein Mädchen ist ein ganz schön stursinniger Mensch. Sie nutzt es schamlos aus, dass ich ein Gentleman bin und mich niemals mit einer Frau im Kampfe messen würde. Ich habe schon mal angedeutet, dass ich durchaus stärker bin als sie…. Aber sie hat gelacht und gesagt, das würde ihr gar nichts ausmachen, denn sie sei dafür deutlich stursinniger als ich! Unglaublich! Aber leider sehr wahr. Mir scheint, sie verfügt über einen schier unbeugsamen Willen! Ich werde noch üben müssen, mich in dieser Kunst mit ihr zu messen.

Allerdings habe ich doch eine kleine Schwachstelle gefunden – ihr Lindenblatt quasi. Sie liebt mich nämlich. Ich meine ehrlich: das ist kein Wunder! Wer würde mich nicht lieben! Aber sie liebt mich nicht nur ein bißchen – sie ist mir total verfallen. Wartet nur einige Wochen, bis ich genauer ausgelotet habe, worauf sie steht, dann wird sie mir zu Füßen liegen! Ein echter Ritter braucht nicht immer ein Schwert um zu seinem Recht zu kommen, hat Papa gesagt.

Meine Ausbildung schreitet gut voran. Mein Adoptivvater Diego der Große ist ein mächtiger Ritter, der alles weiß und kann was man in der Menschenwelt wissen und können muss. Er weist mich ein in die Kunst der Menschenzähmung. Besonders beeindruckend finde ich seinen Augenaufschlag mit anschließendem Wimpern-Klappern, das funktioniert einfach immer. Ich arbeite noch an dieser Technik. Aber Diego der Große hat mir gesagt, es dauert Jahre, solche Dinge zu perfektionieren. Er sagt auch, jeder Ritter findet letztendlich seine eigene beste Taktik. Der individuelle Stil ist wichtig, er betont die eigenen Stärken und gleicht eventuelle Schwächen aus. (Moment mal: Schwächen? Was soll das sein?)

Auch Merlin, der große Zauberer, reich an Jahren und Erfahrung, lehrt mich viele Dinge. All diese Dinge sind streng geheim, sie dürfen niemals den Kreis der Ponys verlassen, die Menschen dürfen nichts davon erfahren. Denn die Magie ist unsere stärkste Waffe um in der Menschenwelt ein angenehmes Leben führen zu können.

Mein Schotten-Kollege Gatsby und ich haben unseren Clan-Krieg nun beigelegt. Anfangs dachte ich, dieses Stück Land sei wahrlich zu klein für uns beide. Aber natürlich sind wir Ehrenmänner und wollen die anderen nicht belasten mit Fehden die sie nicht betreffen. Schotten unter sich machen so etwas beim Baumstammweitwurf und Tauziehen aus und dann wird der Streit beigelegt. Und wenn ich ehrlich bin: er ist echt auch ganz nett. Ab und zu gehen wir jetzt gemeinsam einen Whiskey trinken. Darf aber keiner wissen also psssssst …

Und dann ist da noch Caruso. Er ist das erstaunlichste Pony hier. An Körpergröße und Gewicht mir weit unterlegen und ohne jeden Rang und Namen, keinerlei Macht und Einfluss bekommt er doch stets seinen Willen! Was ihm an Kraft, Masse und Herkunft fehlt, gleicht er durch Geschwindigkeit, Mut und Gewitztheit wieder aus. Von ihm habe ich noch eine Menge zu lernen und ich halte mich vorerst ganz besonders an ihn, denn solange mein Körper noch so klein ist, brauche ich seine Fähigkeiten am allermeisten! Später, wenn ich erst einmal so groß und stark bin wie mein Papa werde ich sicher bessere, meiner Herkunft angemessenere Wege gehen können.

Wobei ich noch einmal betonen möchte, dass auch Papa nie mit dem Schwerte gegen Menschen kämpft, genau wie Diego der Große. Es ist verpönt unter Ponys, die Menschenwelt mit gezogenem Schwert zu betreten. Nur Feiglinge und Dummköpfe tun das! Wir ehrenwerten Ritter siegen ohne zu kämpfen – das ist die wahre Kunst! Dennoch ist eine gewisse Stattlichkeit für die Menschen sehr beeindruckend – und für Schönheit sind sie obendrein sehr empfänglich, gut aussehen ist schon die halbe Miete. Halte Dein Langhaar in Ordnung sagt Diego der Große immer, es ist eine Deiner wirkungsvollsten Waffen. Und sollte es einmal in Unordnung sein, zeig Deinem Menschen das Problem, er wird sich darum kümmern. Menschen lieben Pferdemähnen und üppige Schweife und sind gerne lang und ausgiebig mit bürsten beschäftigt. Nun ist da ein Haken an der Sache: ausgerechnet mein Mädchen scheint da die große Ausnahme zu sein! Da werde ich sie noch unterrichten müssen fürchte ich! Diego der Große sagt, ein paar Kletten hie und da können Wunder wirken – leider habe ich bisher keine Kletten entdecken können. Caruso hat allerdings gelegentlich mit der kunstvollen Einflechtung von Weißdornzweigen Erfolg, das könnte ich mal probieren wenn mein Mädchen nicht bald loslegt mit dem bürsten und pflegen.

Zauberer Merlin hingegen kommt komplett ohne schönes Langhaar aus. Unter uns: er sieht aus wie ein gerupftes Huhn. Aber er besitzt eine einzigartige Fähigkeit, die ich unbedingt erlernen möchte: er kann das Stalltor öffnen! Ich muss wirklich dahinterkommen wie er das macht.

Denn die wirklich spannenden Dinge passieren immer hinter diesem Tor, vor allem die Erkundung unserer Ländereien!

Außerdem ist er der einizige, der genauso viele Speisen gereicht bekommt wie ich – manchmal sogar mehr und bessere! Ich muss unbedingt herausfinden wie er das macht! Und ich werde nicht – wie mein Mädchen es immer sagt – damit warten bis ich so alt bin wie Merlin. Das dauert ja noch ewig! Er ist ja sogar älter als meine Mama!

Mein Mädchen ist wirklich ok. Wusste ich gleich als wir uns zum zweiten Mal gesehen haben. Beim ersten Mal hatte ich keine Zeit, da habe ich um eine Stute geworben (Papa hat mir gezeigt wie das geht).

Ein Bild aus meiner Menschen-Such-Anzeige. Mein Mädchen war gleich entzückt von dieser Pose! Im Hintergrund seht Ihr Mama (schwarz) und Papa (weiß)

Aber beim zweiten Mal habe ich sie mir näher angeschaut. Und da meine Menschenmama gesagt hat, es sei Zeit für mich, meine Heimat zu verlassen und die weite Welt zu erkunden und ich sollte mir dazu einen passenden Menschen suchen, habe ich mein Mädchen gewählt. Unter uns: die zwei anderen Menschen die vorher da waren und mich mitnehmen wollten, waren einfach nichts für mich. Ich geh doch nicht mit irgendwem mit! Nein nein das hab ich meiner Menschenmama gleich gesagt. Wer mich nicht zu schätzen weiß, mit dem will ich nichts zu tun haben! Und auch Langweiler und Tüddeltanten sind einfach nichts für mich.

Bei unserer zweiten Begegnung hat mein Mädchen mir ein neues Dings gezeigt. Das war so spannend!
und dann hat sie gesagt, wenn ich bei ihr einziehe, erleben wir jede Menge Abenteuer zusammen. Da konnte ich einfach nicht nein sagen!

Ich hatte wirklich Glück dass dann plötzlich mein Mädchen aufgetaucht ist. Es wurde nämlich langsam etwas langweilig zu hause. Jetzt muss ich meinem Mädchen nur noch erklären, dass ich wirklich -wirklich! – kein Baby mehr bin! Man, was die immer denkt: das ist zu viel für ihn, er ist doch noch so klein! Boah! Da könnte ich schon mal wütend werden. Da geht man endlich mal raus und erkundet die Welt und nach 10 Minuten will sie schon wieder umdrehen! Sagt, ich wäre bestimmt müde und sie will mich nicht überfordern. Hör mal, Mädchen, Überforderung ist ein Wort das ein echter Ritter gar nicht kennt! Na, ich werde es ihr schon noch erklären können.

Ich finde auch, sie schenkt mir noch etwas zu wenig Aufmerksamkeit. Daran werde ich auch noch arbeiten. Diese kurze Begrüßung zwischendurch wenn ich eindeutig anmelde dass es Zeit wäre, etwas zu erleben und dann muss sie stattdessen Äppel einsammeln (ok das verstehe ich, ist sonst echt eklig), Zäune bauen (das verstehe ich nun so gar nicht – warum werde ich so eingeschränkt in der Eroberung der Welt?) oder sie beschäftigt sich mit den anderen Ponys (wenn ich die nicht so gern mögen würde… echte Konkurrenz ist das!)

Oft bringt sie auch nur Heu und ist schon wieder weg. Ich meine: ist ja nett, dass sie so regelmäßig und zuverlässig Heu serviert, aber ich möchte doch gern mal ein gepflegtes Tischgespräch mit ihr führen! Sie isst auch nie mit uns, das finde ich doch etwas unhöflich. Hält sie sich für etwas besseres?

Nun, ich werde an all diesen Dingen noch zu arbeiten haben aber das macht mir nichts, niemand ist perfekt geboren (sogar ich nicht! Obwohl ich sicher näher dran bin als die meisten… ) und so werde ich sie schon noch ausbilden. Merlin der Zauberer sagt immer, ich würde mir keine Vorstellung machen, wie sie vor 18 Jahren so war und was er schon alles an Arbeit investiert hat! Ich bin ihm sehr dankbar für diese Vorarbeit. Er ist wohl sehr geduldig, wenn er akzeptiert dass sie nach 18 Jahren immer noch so gravierende Fehler macht. Er sagt, sie hat schon so gute Fortschritte gemacht und dass man Menschen für jeden noch so kleinen richtigen Versuch ausgiebig loben muss, dann lernen sie am schnellsten.

An sich denke ich ja, so ein herzhafter Kniff kann da vielleicht auch mal Wunder wirken aber tatsächlich scheint mir, dass mein Mädchen da irgendwie so gar nicht drauf reagiert. Sie spricht dann einfach nicht mehr mit mir und wenn sie wieder spricht, macht sie genau den gleichen Quatsch wie vorher. Zauberer Merlin sagt, ich werde noch ein paar Unterrichtseinheiten bei ihm brauchen und dann viele viele eigene Erfahrungen sammeln bis ich sie wirklich in jeder Situation im Griff habe. Gut, dass ich jung bin, sagt er immer, ich könnte dann sein Lebenswerk weiterführen wenn er in den Ruhestand geht. Und ich denke mir: gut, dass ich ein furchtloser Ritter bin, denn sonst würde ich allein bei dem Gedanken an dieses Langzeit-Projekt vielleicht schon verzweifeln.

Kneifen hab ich probiert – klappt nicht so wie ich will. Aber ich gebe noch nicht auf!

Nun, ich höre von meinen Freunden hier, dass es viel schlimmere Menschen gibt als die unseren, also will ich mich nicht beklagen. Und ich habe sie mir ja auch selbst ausgesucht, nun muss ich damit leben und sie mir selbst ausbilden. Bei Gelegenheit werde ich Euch von meinen Fortschritten diesbezüglich berichten.

Aber nun, liebe Menschen, habe ich wichtigeres zu tun als mit Euch zu plaudern. Es wird Zeit, an die Heutafel zurückzukehren und mit Merlin dem Zauberer über das Leben, die Menschen und das Große Ganze zu philosophieren.

Lebet denn wohl und auf bald!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Label A

Warnung: Dieser Artikel handelt von Waschmaschinenlabeln und enthält groben Unfug!

A wie Abenteurer

Duncan hat also letzte Woche seine Furchtlosigkeit unter Beweis gestellt. Weder Plane noch Matratze konnten ihn irgendwie beeindrucken. Mehr noch: er selbst hatte sofort wieder die Idee sich das alles anzusehen. Hilfe oder Aufmunterung braucht er für so etwas nicht. Meine Freundin steht daneben, lacht genauso schallend wie ich und sagt dann „Label A++“.

Sie meint damit das Abenteurer-Label. Finlay hatte A wie Abenteurer und Duncan sieht nach A++ aus. Wie bei Waschmaschinen, die das noch bessere Energielabel haben. Solche, die quasi fast schon Strom erzeugen, während sie waschen. Heimlich stelle ich mir einen solchen Aufkleber auf Sir Duncans Hintern vor und muss schon wieder kichern.

Dann denke ich an das Ellie-Abzeichen aus dem Film „Oben“ und habe Tränen in den Augen. Vielleicht würde Finlay, wenn er noch da wäre, Duncan das Abzeichen verleihen. Der Film wird für mich auf magische Art immer mit Finlay und Duncan verbunden sein – auch wenn viele von Euch meine Vorliebe für Kinderfilme vielleicht schräg finden.

Label A++, mal sehen ob sich das bewahrheitet. Es ergeht der Beschluss, bald einen ersten Spaziergang zu wagen. Aber vorher passiert noch etwas ganz wunderbares:

A wie Adoption

Als wir Duncan gekauft haben, war meine größte Sorge, was Diego davon halten würde. Finlay war Diegos „Adoptivsohn“, sein wichtigster und bester Freund, vielleicht der beste Freund den er je hatte. Als Finlay uns verlassen hat, war das für Diego mit Sicherheit ein noch viel härterer Schlag als für mich. Aber Diego, stark wie er ist, hat sich nicht viel anmerken lassen. Er hat weitergemacht, still getrauert, die Herde weiter geführt. Nur, was würde er sagen, wenn jetzt so ein Zwerg hier einzieht? Wäre er bereit, noch einmal „Papa“ zu sein? Könnte er sich noch einmal darauf einlassen, einen kleinen Rotzlöffel großzuziehen und bei der Ausbildung so wunderbar und großartig zu helfen wie er es bei Finlay getan hat? So viel Sicherheit zu geben, so ein großes Vorbild zu sein?

In den letzten Wochen hat Diego sich von allen Ponys hier am wenigsten um Duncan geschert. Er hat ihn fast ignoriert, ihm nur gelegentlich gesagt, dass er weggehen soll, ihn aber auch viel eher mal nah bei sich akzeptiert als Gatsby das getan hat.

In seiner ruhigen, nachdenklichen Art kam er mir immer vor als würde er sich das erstmal anschauen. Als bräuchte er Zeit, sich zu überlegen, wie er damit umgeht. Oder vielleicht als bräuchte er einfach nur etwas Zeit – wie wir alle – um zu akzeptieren, dass Finlay nicht mehr da ist, dass Duncan dafür jetzt hier bei uns ist und dass das ja etwas Gutes sein könnte. Duncan hat sich Diego nicht aufgedrängt. Im Gegensatz zu Finlay, der damals unbedingt sofort mit Diego befreundet sein wollte (vielleicht auch weil er anfangs nur Merlin und Diego als Gesellschaft hatte), hat Duncan sich eher unsichtbar gemacht. Er ist Diego zwar gefolgt und immer wieder in seiner Nähe gewesen, aber ganz unauffällig, ganz anspruchslos. Nur so da sein, das wollte er.

Und dann, letzten Donnerstag, nahm die Magie ihren Lauf.

Und hier kommt der versprochene grobe Unfug ins Spiel, denn jetzt erzähle ich Euch die vermenschlichte Version der Geschichte:

Unter Zeugen (nämlich in Anwesenheit von Caruso und in Sichtweite von mir) wurde am 7.11.2019 der offizielle Adoptionsvertrag unterschrieben. Der Vertrag wurde verlesen und von den Parteien gehört. Jede Partei hat ihre Rechte und Pflichten verstanden und eingewilligt. Sir Duncan Dhu of Nakel ist jetzt der rechtmäßige Sohn von Diego dem Großen. Sir Duncan Dhu verpflichtet sich, auf seinen Vater zu hören und zu tun was er ihm sagt. Diego der Große verpflichtet sich, auf seinen Sohn aufzupassen und ihm die Welt zu zeigen und zu erklären.

Mit ein paar liebevollen Nasen- bzw. Oberlippenstübern wurde das ganze dann besiegelt.

Über viele Minuten lief dieses Gespräch, ganz ruhig, ganz unspektakulär und doch für mich vielleicht der bisher wichtigste Moment seit Duncan hier ist.

Ich weiß nicht, ob es das bei Pferden gibt: diesen Moment in dem sie entscheiden, welche Beziehung sie zueinander führen wollen. Ob alles wächst, ganz still und leise, oder ob da dieser Augenblick ist, wie vielleicht bei uns eine Hochzeit, eine Adoption oder ein erster Kuss.

Es sah für mich jedenfalls so aus wie ein Augenblick der Besiegelung. Ein Moment, in dem sich etwas geändert hat, in dem etwas festgeschrieben wurde, was sich vorher nur leise angebahnt hat. Ein Gespräch darüber, wie man die Zukunft gemeinsam gestalten möchte, wie man zusammenleben möchte, in welchem Verhältnis man zueinander steht.

In meinem Herzen ist mehr Frieden eingekehrt seit ich die beiden so gesehen habe. Vielleicht können wir alle jetzt heilen – Diego, ich und natürlich auch die anderen, die alle mehr oder weniger unter Finlays Tod und seiner Abwesenheit leiden. Wenn ich weiß, dass die anderen Ponys einverstanden sind mit meiner Entscheidung, Duncan hier her zu holen, dann können wir wieder gemeinsam unser Paradies neu aufbauen.

Nicht dass jetzt plötzlich alles nur noch Friede-Freude-Eierkuchen wäre. Die Herde muss sich trotz allem noch finden – neulich haben Diego und Gatsby gemeinsam Duncan nochmal so in die Ecke gedrängt dass der durch den Zaun marschiert ist. Blöder Fehler meinerseits, ich hatte eine doofe Situation geschaffen.

Aber seit ich Duncan und Diego bei der „Adoption“ gesehen habe, bin ich endgültig sicher: das wird. In einigen Monaten wird alles seine Ordnung gefunden haben.

A wie Ausflug

Nachdem also nun die Adoption abgeschlossen ist, wird es Zeit für ein echtes Abenteuer. Bei schönstem Herbstwetter wagen wir einen ersten kleinen Spaziergang.

Als ich Duncan gekauft (aber noch nicht hierher geholt hatte) habe ich zu einem Freund gesagt: naja, der wird hier erstmal nur sein, der sagt mir dann schon bescheid, wenn er was tun möchte.

Ich war sicher: Duncan wird mich wissen lassen wann er beschäftigt werden möchte. Und er hat es mich wissen lassen. War halt ETWAS früher als ich gedacht hätte…. Jedem hätte ich abgeraten, nur 6 Wochen nach Einzug mit einem Jährling spazieren zu gehen. Was für eine Schnapsidee! Jedem Pferdebesitzer hätte ich gesagt „lass den mal in Ruhe der hat genug zu tun“. Aber Duncan steht da und hat Lust, ganz eindeutig. Es soll bitte losgehen.

So marschieren wir also los. Bis zur ersten Abzweigung, das sind so 500 Meter. Dort etwas Gras naschen, dann wieder nach hause. Das Ganze in Begleitung von Adoptiv-Papa Diego und Arnulf.

Duncans Öhrchen arbeiten die ersten Minuten auf Hochtouren. Er möchte überall hinschauen, geht dabei aber ganz gut weiter. Ich lasse ihn gehen wie er mag und schaue immer da hin wo er hin schaut. Ich versuche, diese aufregende Welt durch seine Augen zu sehen und als er eine Stelle entdeckt, an der anscheinend Wildschweine den Weg gekreuzt haben, bin ich mal wieder beschämt über meine mangelhafte Wahrnehmung solcher Dinge. Dort möchte er stehen bleiben und schauen, das machen wir dann auch.

Später schaltet er zeitweise ab, klappt die Ohren ein und dackelt neben mir her. Informations-Überladung denke ich mal.

Als wir an der Grasstelle anhalten, ist er zunächst überrascht, dass er grasen darf. Arnulf geht ein Stück weg um zu fotografieren und plötzlich findet Duncan es bedeutend wichtiger, zu Arnulf (nicht Diego!) zu gehen, als zu essen. Schnurstracks hinmarschiert und dann dort weiter gegrast. Noch selten habe ich ein Pony gesehen, dem der Kontak zu Menschen so viel bedeutet.

Nach einer kleinen Diskussion, warum wir nach wenigen Minuten schon wieder aufhören mit Grasen, geht’s dann wieder nach hause. Duncan schnuft mit der Nase am Boden und versucht, mich auszutricksen indem er vom Schnufen direkt zum Essen übergehen möchte. Klappt aber nicht, ich kenne diesen Trick zu gut. An der Wildschwein-Stelle bleiben wir wieder stehen und schauen.

Ich habe keinen Bedarf, ihn irgenwie zu beeinflussen (außer dass jetzt nicht gegrast wird). Er geht, ich gehe mit. Mal bin ich rechts, mal links, mal vorne, mal weiter hinten. Ich fühle mich absolut sicher, sehe keinen Grund, etwas zu ändern. Als ein Auto von hinten kommt, drehe ich Duncan um und lasse ihn schauen. So findet er das Auto uninteressant, demnächst werden wir dann probieren was passiert wenn Autos von hinten kommen – das war für Finlay sehr lange ein Thema.

Auf den letzten Metern wird Duncan flott. Vielleicht habe ich es heute mal geschafft, dass er genug Input hatte und müde ist?

Ich beschließe, ihn mindestens so lange in Ruhe zu lassen, bis er wieder nach Abenteuer fragt. Diese Anfrage kommt Dienstag abend beim „ins-Bett-bringen“. So lange hat er anscheinend gebraucht um das Erlebte zu verdauen. Ob ich ihn da richtig verstanden habe, werden wir sehen… eine gemeinsame Sprache müssen wir ja erst noch finden. Dazu schreibe ich bald nochmal was für Euch.

A wie Acht Jahre

Der Spaziergang macht mich nachdenklich. Ich bin mit Duncan ungefähr da, wo ich vor 8 Jahren mit Finlay war. So ganz stimmt das nicht, denn vor 8 Jahren war Finlay erst 7 Monate alt und noch bei Mama, aber ich kannte ihn schon länger als ich Duncan jetzt kenne.

Vor 8 Jahren habe ich das alles ganz anders gemacht. Ich hatte ein System, eine feste Idee, was Finlay lernen sollte, welche Verhaltensweisen ich etablieren und fördern wollte. Ich hatte einen Plan, welcher Schritt zuerst kommt und welcher danach. Mein erstes eigenes Jungpferd, da hatte ich genaue Vorstellungen wie alles laufen soll. Ich war auch ganz sicher, was mein Ziel ist. Finlay hat sein Leben damit verbracht, mein System zu sprengen und meine Pläne zu vernichten. Das war seine Hauptbeschäftigung. Und jetzt wo ich von vorne anfange, sehe ich, wie viel ich gelernt habe, wie viel sich für mich verändert hat in den vergangenen acht Jahren. Danke mein Finlay, für die großen Lektionen, die Du mich gelehrt hast. Duncan profitiert jetzt davon. Duncan wird es leichter haben mit mir, denn ich habe keinen Plan. Wünsche und Ziele ja, aber keinen Plan. Ich bin sehr viel mehr im Vertrauen, dass das alles schon wird. Dass wir zusammen wachsen und zusammenwachsen werden. Dass Duncan Lust haben wird, etwas mit mir zu unternehmen und dass ich Lust haben werde, das mit ihm zu machen worauf er Lust hat. Ich bin ambitionsloser und gleichzeitig ambitionierter als damals. Finlay habe ich oft gesagt, was er tun soll. Oder ich hatte zumindest eine Vorstellung davon, was er tun soll. Bei Duncan warte ich viel mehr, was er denn so tut. Ich bin viel mehr Beobachter als Ausbilder. Damals wollte ich mein Ding machen. Heute möchte ich einfach nur möglichst viel Zeit mit Duncan verbringen. Ja, wenn ein Distanzritt dabei raus kommt, freu ich mich. Wenn nicht, wird Duncan andere, wunderbare Sachen für mich bereithalten. Finlay hat mir all diese Dinge geschenkt, von denen ich nicht mal geahnt hätte, dass sie mir Spaß machen würden. Sie haben mir Spaß gemacht, weil ich sie mit Finlay machen konnte. Weil mit Finlay zusammensein das Größte war für mich, weil wir so verbunden waren. So wird es auch mit Duncan sein, denn ich liebe ihn schon jetzt sehr und das ist alles was zählt. Jeden Tag erobert er mein Herz im Sturm und ehrlich gesagt glaube ich, er kann mich auch schon ganz gut leiden.

A wie Anfang

So fangen wir also an. Ganz vorne. Ganz neu. Völlig ungeplant, aber so ist es jetzt und ich bin froh dass Duncan hier ist. Unserem ersten gemeinsamen Ausflug werden weitere folgen auf die ich mich schon freue.

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Duncan scheint mir eins der furchtlosesten Geschöpfe zu sein die ich kenne. Und ich hatte immerhin 8 Jahre Finlay bei mir! Aber selbst der war – zumindest in jungen Jahren – doch eine Spur skeptischer als Duncan. Der ultimative Finlay-Test – reinbeißen und schauen ob es zurückbeißt – war zwar eine mutige Art, die Ungefährlichkeit von Pylonen, Planen, Anhängern oder anderen Dingen festzustellen, aber er musste eben doch immer erst feststellen, dass sie ungefährlich sind. Duncan hingegen findet alles spannend und scheint gar nicht zu wissen, was Gefahr überhaupt ist. Und wenn es ein bißchen gruselig aussieht oder sich anders bewegt als erwartet dann nichts wie hin da und genau schauen! Allerdings nur ungefähr 2 Sekunden. Dann war es das auch schon wieder. Reinbeißen oder nachdenken muss Sir Duncan nicht.

4 Wochen nach seinem Einzug gehe ich mit Duncan (in Begleitung von Diego und Arnulf) zum ersten Mal auf den Reitplatz. Duncan schaut sich schon auf dem Weg dorthin alles genau an, ich passe mich an sein Tempo an und schaue mit ihm dort hin wo er hin schaut. Er weiß aber durchaus, dass ich weiter möchte und findet in meinen Augen die perfekte Balance zwischen seinen Wünschen und meine. Die Ohren sind spitz, aber er wirkt dabei entspannt, schaut in der Gegend umher, fixiert sich nicht auf eine Sache. Als Arnulf direkt hinter ihm auf die hohe Aufstiegshilfe klettert, denke ich, das könnte eine Erschreck-Situation sein, aber Duncan dreht nur interessiert die Ohren hin.

Auf dem Reitplatz finden wir Hütchen und Dualgassen, auch das schaut Duncan sich kurz an. Ich stelle ihm ein Hütchen auf die Kruppe, was er völlig ok findet. Auch als das Hütchen herunterfällt, hat er keine Einwände. Er wirkt nicht „stumpf“, er nimmt das schon alles wahr und findet es interessant.

Wir schauen uns die Dualgassen näher an – unsere handgenähten, mit Matrazenstreifen gefüllten Gassen sind etwas kürzer und steifer als die offiziellen, aber ebenso leuchtend gelb und blau und als ich eine Gasse hinter mir her ziehe macht sie ein wunderbar „gruseliges“ Geräusch. Duncans Reaktion: den Kopf schief halten, kurz überlegen und dann nichts wie hin! Wie der Mann in Grimms Märchen sucht er geradezu nach dem Gruselfaktor. Ist doch spannend wenn etwas so komische Geräusche macht!

Eine Dualgasse hochheben scheint mir etwas grenzwertig. Ich stelle eine Gasse dreieckig auf und wir luschern gemeinsam drunter her. Dann lege ich mir das Ding selbst um die Schultern, was Duncan mal so gar nicht interessiert. Ich lege ich die Gasse vorsichtig über seinen Hals und schiebe sie etwas nach hinten. Seine Reaktion veranlasst mich, die Gasse wieder herunterzunehmen, obwohl ich nicht sagen kann, was es genau war. Er hat keine offensichtlichen Anzeichen von Beunruhigung gezeigt, nur „gesteigerte Neugier“ weil das gelbe Ding auf beiden Seiten zu sehen war.

Insgesamt ist der Gruselfaktor ziemlich genau Null. Als ich ein paar Tage später wieder mit ihm auf dem Platz bin (diesmal ohne Begleitpferd) kann ich die Gasse über seinen Rücken legen. Der Blick den er mir schenkt scheint zu sagen „Du hast mir das Ding neulich schon gezeigt, warum jetzt nochmal? Ich bin doch nicht blöd“ (an dieser Stelle verzweifle ich kurz. Wie um Himmels willen soll ich nun mehrere Jahre rumbringen in denen Duncan noch nicht wirklich körperlich arbeiten darf, ohne dass er jeden Tag Langeweile-Beschwerden einreicht? Zeit, dass die Herde mir bei der Beschäftigung dieses Superhirns hilft!)

Während Finlay bis ins Alter von 2,5 Jahren nie wirklich mehr als 15 oder 20 Minuten Konzentrationsspanne hatte, wirkt Duncan noch nicht im Ansatz müde nach all diesen Eindrücken.

Die Worte meines Lieblingsreitlehrers kommen mir in den Sinn. Wie er so einen Zwerg beschäftigen würde hatte ich gefragt. Er meinte „Schrecktraining“ würde ja zum Programm gehören. Schrecktraining? Mit Sir Duncan Dhu?? Ach so – jetzt verstehe ich! Duncan soll das Erschrecken trainieren! Ja, das könnte sich als Herausforderung gestalten. Da werde ich mir Mühe geben müssen!

Arnulf hat sich da auch schon sehr angestrengt. Als er Merlin abends die Abschwitzdecke runter und die Regendecke drauf machen will, benutzt er Duncan kurzerhand als Deckenhalter. Einfach die gefaltete Decke mit Schwung auf den Ritterhintern gedonnert und dann Merlin ausziehen gegangen. Sir Duncan speist nach einem kurzen Blick was das wohl sei völlig ungestört weiter. Na wenigstens macht er sich nützlich!

Nicht, dass ich mir keine Mühe geben würde: Eines Abends lege ich mir die Plane und die alte Matraze in die Halle und hole den furchlosen Ritter. Kaum das wir an Halfter und Strick die Halle betreten, zeigt Sir Duncan Tendenzen, auf die „gruseligen“ Sachen zu zu laufen. Ich habe aber andere Pläne, denn ich will heute mal nichts wollen und nehme daher das Halfter ab (Duncan sehr ungeduldig – er muss doch gucken gehen was da lustiges liegt!). Ich habe weder Gerte noch Kekse dabei, sondern will nur im Elsa-Stil mit ihm zusammensein und sehen was er so tut. Naja. Was er dann tut geht so schnell dass ich noch knapp das Handy zücken und dieses Video machen kann. Bitte entschulidigt mein unqualifiziertes unterdrücktes Kichern im Hintergrund – aber ehrlich, da hättet Ihr auch nicht ernst bleiben können!

Das was Ihr da seht ist (soweit ich das zum heutigen Zeitpunkt schon beurteilen kann) das absolut typische Duncan-Verhalten: sieht spannend aus, muss angeschaut werden, ist aber nach 2 Sekunden auch schon wieder erledigt.

Wir haben dann nachher schon noch ein bißchen damit herumgespielt. Die Auseinandersetzung mit Plane und Matraze braucht keinerlei Lob von meiner Seite, sie ist für Duncan selbstbelohnend, so lange das Objekt spannend bleibt. Die Plane wurde wieder interessant als ich anfing sie zu bewegen, die Matraze blieb ziemlich unspannend. Er ist schon mit mir nochmal drauf gegangen, aber es macht keine Geräusche und bewegt sich nicht also ist es kein großer Spaß… Ganz zum Schluss, als ich ihn wieder aufgehalftert hatte und die Plane halb zerknüllt auf der Matraze lag, habe ich ihn gefragt, ob wir da rüber gehen wollen. Er hat mich wieder ein bißchen mitleidig angeschaut und es dann gemacht. Als würde er wahrnehmen, dass ich erwarte, dass er es zumindest komisch findet – aber verstehen tut er das nicht. Warum sollte er das komisch finden? Ist doch ganz normal. Highlandponys laufen in ihrem natürlichen Lebensraum bereits seit Jahrhunderten über Matrazen und Planen. (Nicht ganz, aber durchaus über natürliche Pendants zu beidem, so ein schottischer Sumpf ist ja auch nicht ohne). Und wie in Grimms Märchen höre ich Duncan murmeln „ach, wenn es mir doch nur gruselte!“

Nein, mein furchloser Ritte, mir ist es natürlich lieber wenn es Dich nicht gruselt. So werde ich stets unter deinem Limit bleiben. Nur – wo dieses Limit ist, das weiß ich noch nicht.

Das einzige, wovor Duncan sich wahrhaftig fürchtet, ist, dass es zu wenig zu essen geben könnte. Klar – alle unsere Ponys sehen ja auch so verhungert aus. (nicht).

Und nun geht es los, das Leben als Ponybesitzerin. Oder vielleicht sollte ich sagen: Pony-Dompteurin. Da wird getrickst und getäuscht dass es eine wahre Pracht ist. Aber Sir Duncan macht gerade die erschütternde Erfahrung dass er nicht das erste Pony ist das mir begegnet und dass ich viele Tricks bereits kenne und nicht darauf hereinfalle. Nicht, dass er nicht kreativ wäre. Bisheriges Highlight:

Ich stehe mit der Schüssel an der Stalltür, er muss rückwärts gehen damit ich rein kommen kann. Dann laufen wir ein paar Schritte gemeinsam in den Stall hinein aber ich finde, er darf ruhig noch einen Schritt rückwärts gehen bevor er dann auch wirklich die Schüssel haben darf. Also habe ich die Schüssel wie immer hinter meinem Rücken und warte. Duncan fummelt ein bißchen mit seinen Hufen rum, überlegt, ob er mich nicht heimlich umrunden kann (kann er nicht, ich dreh mich einfach mit) und hebt dann einen Vorderhuf und bewegt ihn etwas nach hinten. Ich lobe ihn und will schon die Schüssel abstellen, da schaut er mich schelmisch an und bringt den Huf – der noch in der Luft hängt – wieder nach vorn, etwas zur Seite und stellt ihn dort ab. Er ist also insgesamt gar nicht rückwärts gegangen! Nein, Du Ritter meines Herzens, so wird das nichts, das lasse ich nicht gelten. Das merkt Duncan dann auch schnell und geht sein Schrittchen zurück. Nun fand ich es ja bisher immer ausreichtend, dass er nur einen Vorderhuf nach hinten setzt. Ich möchte aber eigentlich beide Vorderhufe ein Schrittchen zurück haben und der kleine Trick den er eben versucht hat, ist für mich jetzt Anlass, auch diesen zweiten Rückwärtsschritt erstmalig einzufordern. Ich helfe ihm dabei ein bißchen indem ich einen Hauch auf ihn zu gehe. Mal sehen, wie lange es dauert, bis er diese neue Regel verstanden und akzeptiert hat. (Spoiler: beim nächsten Mal hat es einwandfrei geklappt)

Nach und nach zeigt Duncan seinen ganzen Charakter. Wo genau wir uns auf der nach oben offenen Duncan-Skala bewegen wissen wir nicht. Wie viel ist noch begraben unter Umzug und Herdeneingewöhnung? Knapp 5 Wochen nach Einzug ändert sich sein Ton mir gegenüber.

Wenn Duncan mich jetzt im Paddock sieht sagt er nicht mehr „hej, schön dass Du da bist, wie geht es Dir was machst Du gerade?“

Nein, Sir Duncan fängt jetzt schon so an wie ich es von Finlay – und anderen Schotten – kenne: „hej, das ist ja nett dass Du auch endlich mal wieder auftauchst, ich sterbe nämlich fast vor Langeweile und es ist Deine heilige Pflicht, mich zu bespaßen! Du hast Dich seit mindestens 1 Stunde nicht um mich gekümmert und überhaupt was machst Du den ganzen Tag ohne mich? Wie Du willst nur absammeln? Was soll das heißen Du hast keine Zeit?!“

Finlay fand ja, die schlimmsten Worte die ich ihm sagen konnte wären „Du hast heute frei“. Da stieß ich immer auf komplettes Unverständnis. Wir waren gestern zwar auf Distanzritt und ich war ziemlich überfordert und total müde danach aber es war doch mal ein Abenteuer! Also bitte, ich brauche heute wieder eins!

Diese Einstellung teilen viele Schotten, wenn auch nicht alle. In einer Rassebeschreibung für Highlanponys habe ich mal sinnegemäß gelesen: „das Highlandpony fordert die Aufmerksamkeit seines Besitzers mit Nachdruck ein“ Und ja, ich wollte so ein Modell und ich bin sehr froh, dass ich Duncan gefunden habe! Und auch, dass ich dank Finlay diesmal vorher wusste, worauf ich mich einlasse…

Neulich sagte jemand zu mir „Duncan tritt in große Fußstapfen und das weiß er. Er beschäftigt Dich und lenkt Dich von Finlay ab“. Vielleicht ist da ja was Wahres dran..

Seine Hufabdrücke sind noch klein, aber sein Herz ist groß, das steht fest.

Silbertablett

Das was ich am meisten an meinem Beruf liebe ist, dass ich Geld verdiene während ich etwas Neues lerne. Von jedem Pferd mit dem ich arbeite, jedem Schüler den ich unterrichte, jedem Huf den ich bearbeite, lerne ich etwas.

Häufig kommen zu mir Leute mit Ponys und manche davon sind echte Sonderausgaben. Spezialisten im Dinge-nicht-machen-wollen, im Ablenken, Ausweichen, Kämpfen oder Ignorieren.

Manche sagen „das ist nur weil der Mensch sie dazu gemacht hat“ und ich glaube daran nicht. Jedes Pferd kommt mit einem eigenen Charakter auf die Welt und die Frage ist nur, ob dieser Charakter zu seinem besten gefördert wird oder ob bestimmte Charaktereigenschaften schließlich Probleme verursachen weil man gegen sie arbeitet anstatt sie als Stärke zu sehen.

Da ist dieser eine kleine Norweger in meinem Schülerkreis, der mich immer ein bißchen an den berühmten Uli-Stein-Pinguin erinnert – der, der auf manchen Autos klebt und ein Schild hochhält auf dem steht „DAGEGEN!“

Meistens haben Pferde es ja ganz gern gemütlich. Sie wollen ihre Ruhe und eine harmoinsche Gemeinschaft mit Mensch und Tier. Aber der Norweger sah das anders: Er wollte gar keinen Frieden und keine Harmonie. Er wollte lieber kämpfen, wild sein, selbst entscheiden und sich irgendwo die sprichwörtlichen Hörner abstoßen. Er konnte ein richtiger kleiner Teufel sein und in der nächsten Minute war plötzlich alles wieder gut.

Ich habe all mein Horsemanship ausgepackt um mit ihm zu arbeiten und vieles wurde besser, aber ein echter Durchbruch fand nicht statt.

Erst als ich selbst anfing, ihn zu reiten, konnte ich die Lösung erspüren: es braucht ein Silbertablett.

Es ist ja so: manche Kunden bieten mir Tee an. Wenn ich ablehne, bieten sie mir beim nächsten Termin vielleicht trotzdem wieder einen Tee an. Wenn ich dann erneut ablehne, sinkt die Wahrscheinlichkeit des Tee-Angebots schon dramatisch und nach dem 4. oder 5. „nein danke“ bietet mir fast niemand mehr einen Tee an. Das ist total logisch und in diesem Zusammenhang auch völlig in Ordnung. Wenn wir aber mit einem Pferd arbeiten, das lieber kämpfen als Harmonie finden möchte, dürfen wir niemals aufhören, anzubieten. Auf unserem Silbertablett steht das Angebot für Harmonie und wir müssen es dem Pferd stets wieder hinhalten, auch wenn es uns das Tablett vielleicht aus der Hand schlägt und einen Wutanfall bekommt. Wie ein höflicher englischer Butler, der durch nichts zu erschüttern ist, sammeln wir dann das Tablett wieder ein und bieten es wieder an. Und irgendwann kommen die Momente in denen das Pferd kurz „ja“ sagt. Vielleicht zuerst nur eine Sekunde. Später werden es zwei.

Der kleine Norweger kann jetzt schon oft von 45 Minuten ungefähr 40 Minuten Harmonie finden. So wie ein Butler seinem Herrn das Tablett nicht um die Ohren hauen wird, so habe ich dem Norweger nichts mehr um die Ohren gehauen. Ich habe nicht mehr mitgekämpft, habe mich nicht darauf eingelassen, sondern freundlich das Tablet hingehalten. Und er hat verstanden, hat sich innerhalb weniger Wochen komplett verändert – und ich habe gelernt.

Wenn ich jetzt mit Duncan etwas tue, denke ich viel an diesen Norweger, denn auch Duncan möchte – allein schon altersbedingt – lieber mal etwas rangeln oder boxen. Ihm immer wieder Harmonie anzubieten wird meine erste und größte Aufgabe sein, vielleicht das wichtigste was er in seinem Leben lernen soll. Und ich verstehe mich dabei – wie der Butler – als Dienstleister meinem Pferd gegenüber, nicht als Boss. Ich biete an und er kann ja sagen oder nein. Weil mein Tee … ich meine: mein Angebot so gut ist, wird er ja sagen, wenn ich es nur immer wieder auf dem Silbertablett serviere. Früher oder später wird er die Harmonie wollen und bei mir finden, vielleicht erst nur kurz, später immer länger. Und wie der englische Lord, der sich auf seinen treuen Butler verlässt, wird er sich auf mich verlassen, dass der Tee immer pünktlich serviert wird – auf dem Silbertablett. Ich erinnere mich, dass Finlay mindestens 2,5 Jahre alt war – vielleicht auch schon 3 – als der Tag kam in dem ich das Gefühl hatte, er sucht immer wieder nach der Harmonie. Vielleicht gelingt es mir bei Duncan ja etwas früher…

Das klingt nun ein bißchen antiautoritär – so ist es nicht gemeint, aber es ist eine sehr viel weiter gefasste Ausbildungsidee als ich sie bei Finlay hatte. Ich verlasse mich sehr viel mehr darauf, dass Duncan sowieso mit mir zusammen sein will und sowieso alles richtig machen will. Ich baue weniger auf Konditionierung im klassischen Sinne und mehr auf das Bedürfnis nach Gemeinschaft.

Gleichzeitig braucht mein Sir Duncan ja trotzdem ein paar grundsätzliche Manieren und die sind natürlich durch einfache Konditinierung am schnellsten zu etablieren. Wenn ich ihm also seine Futterschüssel (die mit der Matsche und dem Mineralfutter – Ihr erinnert Euch) serviere, möchte ich nicht, dass er sich auf mich und die Schüssel stürzt, sondern ich hätte es gern ritterlich gesittet. Ich habe mir also überlegt, dass Duncan einen Schritt zurückgehen soll, bevor ich ihm die Schüssel überlasse. Duncan findet das allerdings sehr unsinnig und ist wenig angetan von der Idee. Da stehe ich nun mit meinem Silbertablett (in diesem Fall die Schüssel hinter meinem Rücken) und muss aufpassen dass ich nicht einfach umgerannt werden. Manchen kleinen Boxkampf hatten wir schon, wenn ich dann ins Halfter greife und versuche, Duncan mit möglichst wenig Druck meinerseits zu erklären, dass er jetzt noch nicht an die Schüssel darf, während Duncan mit viel Druck seinerseits darauf besteht, dass JETZT der beste Zeitpunkt dafür wäre.

Es liegt an mir, mir zu überlegen, was die beste Strategie ist, ihm das erwünschte beizubringen. Bald, wenn er wirklich eingewöhnt ist, wird er kein Halfter mehr tragen. Dann muss ich sehen, wie ich ihn davon abhalten kann, sich auf die Schüssel zu stürzen. Mit einem Zaun zwischen uns, unter dem ich die Schüssel dann durchschiebe, sobald er sein Schrittchen rückwärts gemacht hat oder mit einem Stick, mit dem ich mir Raum verschaffe – ich weiß es noch nicht. Im Moment interessiert mich vor allem, wie lange Duncan brauchen wird, bis er die Regel verstanden hat. Ich hatte manchmal den Eindruck, er weiß es schon, er bringt es nur einfach nicht fertig, weil er zu aufgeregt ist. Dann muss er einen Teil seiner Aufregung an mir auslassen, bevor er es schafft, sich selbst zu beherrschen. Das ist etwas, worüber Elsa Sinclair sehr viel spricht: Stressabbau durch Dominanz (was in diesem Fall heißt: durch meine „Dominanz“ – was bedeutet ich entscheide für Duncan was er tun soll)

Sobald er dann endlich an seine Schüssel darf, steht Sir Duncan der nächste Kampf bevor. Die Schüssel wehrt sich nämlich nach Kräften, läuft vor ihm weg oder meistens immer auf ihn zu und zwingt ihn, rückwärts zu gehen! Ob sie sich das von mir abgeschaut hat?

Manches Mal landet dann in wütender Verzweiflung statt der Nase der Vorderhuf in der Schüssel, wovon man aber ja leider nicht satt wird. Insgesamt ist es wirklich schwierig für den kleinen Ritter, manierlich vom Teller zu essen.

Auch wenn ich ihn einzeln stelle damit er in Ruhe seine riesige Heu-Portion fressen kann, möchte ich es gesittet haben. In einer Hand das Pony am Strick, in der anderen den Heusack, habe ich doppelt Probleme, weil ich – bevor getafelt werden darf – auch noch den Strick vom Halfter lösen muss. Duncan soll also sein Schrittchen zurück machen UND mich in Ruhe den Strick aufmachen lassen. Das ist dann doch noch zu viel. Duncan versteht und geht rückwärts – einen Schritt, noch einen Schritt, noch einen Schritt. Ich versuche derweil den Strick vom Halfter zu fummeln, was nicht so einfach ist, weil mein Pony zusehends ungeduldig wird: er macht doch, was ich will, wieso hat er sein Heu noch nicht bekommen?

Und so erkenne ich erste Tendenzen: versteht schnell, übertreibt dann vielleicht gern mal ein bisschen. „Viel hilft viel“ könnte eins seiner Lernmottos sein. Mal sehen, ob sich das bestätigt. Ich grinse heimlich in mich hinein. Wenn wir in 4 oder 5 Jahren auf unseren ersten kleinen Distanzritt gehen, könnte mir diese Einstellung zu Gute kommen. Wenn 30 km gut sind, sind 40km vielleicht noch besser….

Und immer habe ich diese kleinen Fragezeichen im Kopf. Duncan ist jetzt 4 Wochen hier bei uns. Welches Verhalten, das er bisher gezeigt hat ist „Duncan-Normal“ und welches ist eben doch vielleicht ein bisschen aus Stress oder Unsicherheit entstanden (auch wenn es für mich noch nicht als solches zu erkennen ist)? Welche Verhaltensweisen sind Charakter, welche sind nur wachstumsbedingt und durch vor-pubertäre Entwicklungen ausgelöst? Da wird es noch viel zu beobachten und zu lernen geben.

Auch die Herde ist noch in der Findungsphase und vermutlich wird das alles noch ein paar Monate dauern, bis sich Rituale gebildet haben, wer mit wem wie umgeht.

Insgesamt ist aber jetzt alles ganz entspannt. Die Herde ist ruhig, größere Streitigkeiten bleiben aus. Man frisst gemeinsam und schläft gemeinsam, das reicht ja für den Anfang völlig aus. Duncan ist als Mitglied der Gruppe akzeptiert worden und fügt sich problemlos in die Tagesabläufe mit ein.

Eben jene Tagesabläufe sortieren sich auch für mich nun wieder in taugliche Routinen: Duncan zweimal am Tag extra stellen mit Heu, Merlin wieder in seinen gewohnten „5 Schüsseln Extra am Tag“ Modus einpendeln (ja das habt Ihr richtig gelesen: 5 Schüsseln. Morgens und abends jeweils Heucobs und Hafer und dann einmal noch Mash obendrauf. Von nix kommt ja nix. Fragt nicht was alte Pferde kosten…)

Während Ihr diesen Artikel lest sind wir gerade dabei das neue E-Zaun-Gerät anzuschließen so dass wir dann auch endlich den Rundlauf wieder aufmachen können. Unsere armen, geschundenen Ponys sind ja nun seit über 4 Wochen auf ihrem „winzigen“ Paddock eingesperrt (so die Darstellung der Ponys. Ich finde den Paddock immer noch recht luxuriös so im Vergleich). Dann kann Sir Duncan noch mehr Welt erkunden und auch mal ein bisschen „Strecke“ machen.

Und vielleicht – ganz vielleicht – kehrt dann wieder ein Alltag und etwas Routine in mein Leben ein. Vielleicht finden mein Herz und meine Seele etwas Ruhe . Vielleicht kann ich mich in die neue Situation einfinden und anfangen, wirklich zu genießen, dass Sir Duncan jetzt hier ist. Denn eins steht fest: er ist ein tolles Pony – mein tolles Pony! Und genau mein Typ.

Ein erstes kleines Abenteuer haben wir diesen Montag schon gemeinsam erlebt – darüber dann nächste Woche mehr.

Ritter-Azubi

So sehr ich auch wie eines riechen mag, ich bin kein Pony. Ich bin ein Mensch mit den ensprechenden Empfindlichkeiten. Ich mag es nicht, wenn man mich mit den Zähnen krault und meine Spiele sind doch etwas zarter als die der Ponys untereinander.

Duncan weiß: Menschen können super kraulen

Von all dem weiß Sir Duncan Dhu noch nicht so viel. Er mag Menschen und er hat gelernt, dass sie gut kraulen können. Er ist sehr wohl vorsichtig, seine Züchterin hat da einen guten Job gemacht. Aber – wie sie mir selbst schrieb – er ist ein kleiner Hengst. Er möchte es lieber etwas wilder haben, es darf ruhig etwas rauer zur Sache gehen. Und manchmal vergisst er sich dann einfach und meint, ich sei wohl doch ein Pony (wahrscheinlich wegen des Geruchs).

Und so fangen wir in unserem Freedom Based Training (Elsa Sinclair) damit an, dass ich ihm erkläre, was mir gefällt und was nicht. Im Moment bedeutet das vor allem, dass ich weggehe, wenn Duncan anfängt zu kneifen oder mich mit den Zähnen kraulen zu wollen. Ich mahne sein Verhalten nicht in irgendeiner Form ab (obwohl ich mich schon einmal aus der Not heraus gewehrt habe). Ich bin dann eben einfach als Spielpartner nicht mehr da. Gespielt und gekrault wird nur, wenn Duncan dabei meine Grenzen akzeptiert und da er es doof findet, wenn er keine Aufmerksamkeit bekommt, ist es leicht, ihm das auf diese Art zu erklären. Ich lerne dabei eine Menge über ihn: wenn ich ihn vom Kopfende her verlasse, also in seine Blickrichtung weggehe, legt er die Ohren an und will mich jagen. Es triggert wohl noch mehr Spiel in ihm, so empfinde ich es. Da ich das nicht möchte, gehe ich lieber vom Schweifende in die entgegengesetzte Richtung von ihm weg.

Früher hätte ich es nicht schlimm gefunden, sondern sogar wünschenswert, dass er mir folgt und ich hätte die angelegten Ohren billigend in Kauf genommen. An Finlay habe ich aber gesehen, dass das nicht dorthin führt, wo ich hin will (besser: wo ich heute hin will). Ich möchte es bei Sir Duncan lieber etwas „ritterlicher“ haben, Jungs zum toben, kämpfen, rennen und kraulen hat er ja genug. Im Moment ist Merlin der einzige, mit dem er mal Spielansätze zeigt, aber ich glaube es wird nicht mehr lange dauern, bis auch Caruso anfängt mit ihm zu spielen und später ganz sicher auch Gatsby. Ich vermute, dass die Attacken, die ab und zu noch stattfinden, sich nach und nach in spielerische Versionen wandeln werden und je mehr Duncan lernt, nicht mehr kopflos wegzurennen, desto schneller wird das wohl passieren. Häufig galoppiert er nun schon nicht mehr, sondern trabt kurz weg, manchmal noch wild schmatzend, aber insgesamt hat er schon gut verstanden, was die anderen wirklich dazu bringt, ihn in Ruhe zu lassen. Ich konnte neulich beobachten, wie er an Gatsby vorbei wollte und präzise das richtige Verhalten zeigte: erstmal ganz viel Ruhe reinbringen, bißchen dösen, dann hinschauen, wieder wegschauen, beschwichtigendes Schnüffeln am Boden, wieder hinschauen, Schrittchen nach vorne, wieder wegschauen, kauen, nochmal Schnüffeln… und dann konnte er unbehelligt vorbei.

Einmal habe ich sogar gesehen wie alle Pferde im Roundpen standen und Duncan sich trotzdem sicher genug fühlte, um sich zu wälzen – strategisch klug geplant genau am Ausgang, so dass er schnell hätte wegsausen können, aber keiner der anderen hat sich drum geschert und er konnte genüsslich ein „Bad“ nehmen, mit kleinen Seitenblicken Richtung Gatsby, ob der Anzeichen macht, ihn scheuchen zu wollen.

Duncan, Diego und Gatsby. Immer öfter steht Duncan jetzt bei den „Großen“ …
…zumindest, so lange die das dulden…

Er löst sich mehr und mehr von Onkel Merlin, den er aber immer schnell aufsucht, wenn die Situation brenzlig wird. Aber auch Diego hat er schon mal als Schutzschild benutzt. Diego ist zwar einschüchternd, setzt aber niemals nach – er legt mal die Ohren an, schnappt vielleicht auch mal oder macht ein, zwei Schritte auf Duncan zu, rennt aber nie hinterher, so dass Duncan sein Verhalten viel besser einschätzen kann als das von Gatsby. Naja, bis auf das eine Mal, als ich mit Merlin Bodenarbeit in der Halle gemacht habe und es plötzlich so laut im Stall gescheppert hat, dass ich schnell nachgeschaut habe. Da hatte Diego sich kurz vergessen und Duncan in die Ecke gestellt. Zum Glück tritt er nicht wirklich zu, sondern ist so nah dran, dass er immer nur die Kruppe hochwirft und die Hufe kaum zum Einsatz kommen – mehr sowas wie boxen mit den Hinterbeinen als echtes treten. Was da los war, werde ich wohl nicht erfahren.

Ritter werden nicht geboren, sie müssen erst viel lernen – die Kunst des Kämpfens aber eben auch die Höflichkeiten, die Regeln und Tugenden, die dazugehören. Sir Duncan arbeitet quasi noch an seinem Ritterschlag, der ihm vielleicht eines Tages von Diego erteilt wird im Zuge der Aufnahme in die Herde. Aber einige Dinge hat er schon im Repertoire:

Heu zum Beispiel wird nicht einfach gegessen, nein, Sir Duncan tafelt regelrecht, und zwar nicht immer im Stehen, sondern sehr gerne auch im Liegen. Mehrfach haben wir ihn schon gesehen, gemütlich auf dem Bauch ins Heu gekuschelt vor sich hin mampfend und einmal habe ich ihn sogar erwischt, wie er auf der Seite liegend anscheinend im Halbschlaf ganz gemach auf ein paar Halmen kaute. Mir scheint, da wird einfach gegessen bis zum Umfallen, so dass Sir Duncan schließlich ganz ohne Alkohol „heuselig“ einschlummert, so ein richtiges Gelage eben. Ich finde, es verschwinden unglaubliche Mengen an Heu in dem doch noch recht handlichen Bauch, aber Duncan wächst ja auch ganz fleißig – manchmal habe ich den Eindruck, ich kann ihm dabei zuschauen. Zum Heu gibt es nun auch Mineralfutter – in lecker Matsche versteckt. Das findet der unerfahrene Fresser noch etwas schwierig zu managen und stellt sich gelegentlich dumm an, aber Übung macht den Meister. Schmecken tuts jedenfalls, das ist ja das was zählt. Danach könnte er dann eine Serviette vertragen, aber so weit geht‘s dann eben doch nicht mit den Manieren. Die Schnute wird an Merlin abgewischt, das passt schon.

Wenn er dann satt und ausgeschlafen ist, widmet Duncan sich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung: die Erforschung der Welt. Was genau muss man eigentlich tun, damit so eine Schubkarre umfällt und was passiert danach? Warum macht es so ein lustiges Geräusch, wenn man mit dem Huf auf dem Holzbrett herumdengelt? Wie genau reagiert ein leeres Heunetz, wenn man hineinbeißt und daran zieht? Und wo kann man sich hier am besten kratzen? Wozu sind die Stangen in der Halle da, wo passt der Kopf durch und wo nicht? Was treiben die verliebten Nachbarponys da? Schmeckt Sauerampfer eigentlich genauso wie Gras?

Bei all diesen Beschäftigungen ist er allerdings sehr darauf bedacht, seinen großen Freund Merlin nie aus den Augen zu verlieren. Er geht zwar durchaus allein auf Tour, weiß aber immer wo Merlin ist und kriegt mit, wenn der seinen Standort verlegt. Als ich mit Merlin auf dem Reitplatz bin, ist Duncan wieder ganz ruhig in seinem Paddock auf Erkundungstour, steht aber parat, wenn wir in seiner Sichtweite Pause machen und schaut neugierig zu wie Merlin Gras zupft.

Wenn beide in ihrem Nachtquartier sind und ich Merlin für eine Schüssel Hafer raushole außer Sichtweite, ruft Duncan ein bißchen nach seinem weißen Helden, steht aber ansonsten einfach geduldig an der Tür und wartet oder geht zwischendurch gucken ob er über den Zaun andere Ponys sehen kann.

Abends, wenn ich mit der (sehr hellen) Stirnlampe komme, die die Ponys etwas störend finden, kommt Duncan – der die Lampe am Anfang kurz gruselig fand – genau auf das Licht zumarschiert. Sogar beim Reinholen von der Weide kommt er angedackelt, ganz unaufgefordert, und sagt hallo. Je nachdem wie beschäftigt er ist, bleibt er für einen kurzen Klönschnack oder geht dann recht bald weiter seiner Wege. Er schaut sich die Abläufe bei den anderen Ponys ab und versteht ganz ohne mein Zutun, was es bedeutet, wenn ich rufe.

Als ich die Ponys eines Abends alle von der Weide rufe, habe ich noch Leckerlis auf Tasche und jeder, der im Paddock ankommt, bekommt etwas. Duncan traut sich nicht gleich von der Weide herunter, weil Diego zu nah am Ausgang steht. Ich rufe Diego etwas weiter in den Paddock, bitte die Ponys, mich jetzt nicht zu behelligen, damit Duncan gut reinkommen und ich die Weide zu machen kann. Duncan kommt auch rein und fragt dann – sehr ritterlich höflich! – ob da nicht auch noch ein Keks für ihn sei, wo doch alle einen bekommen haben. Es hat eine Selbstverständlichkeit mit der er das fragt, er hat genau beobachtet was passiert ist und macht einfach mit. Da er so freundlich fragt, bekommt er einen Keks und akzeptiert klaglos, dass es keinen zweiten gibt. So aufdringlich und wild er manchmal sein mag, es gibt Momente, in denen er wirklich schon ein Gentleman ist.

Samstag war der große Tag: die Ponys sind nun auch nachts alle zusammen. Ein bisschen geschwitzt habe ich ja schon, ob Duncan wieder durch irgendeinen Zaun marschiert, aber es hat alles wunderbar geklappt und nun können wir jeden Tag Fortschritte sehen.

mit Caruso klappt es mittlerweile schon sehr gut.

Zur Erkundung der Welt gehört für Duncan auch, Gatsby zu erkunden. Der, der Duncan am meisten Ärger macht, den findet Duncan gerade unglaublich spannend. Immer wieder pirscht er sich an und lotet genau aus, wie er sich wohl benehmen muss, damit es keinen Ärger gibt. Und Ärger gibt es immer seltener und wenn dann nur noch sehr milde. Ich glaube also mit Fug und Recht behaupten zu können: Integration geglückt. Den Rest erledigt die Zeit.

Inwieweit unsere Arbeit mit dem Freedom Based Training in der Gruppe dazu beigetragen hat, vermag ich nicht zu sagen, aber es wurde schon alles deutlich besser, nachdem ich etwas Zeit mit den Ponys verbracht habe und dabei geholfen hatte, Stress abzubauen.

Im Nachhinein wird mir erst so richtig bewusst, wie sehr Finlay ein Puffer für die ganze Herde war. Wer immer gerade genervt war und Frust hatte, ging zu Finlay und hat ihn geärgert und Finlay hat das alles entweder ausgesessen oder in ein lustiges Spiel verwandelt. Ich glaube, er war durch sein sonniges Gemüt und seine stoische Gelassenheit dazu in der Lage, die Stimmungen der anderen aufzufangen – so wie er auch meine Stimmungen immer aufgefangen hat. Das hat ihn ja alles nie erschüttert.

Ob Sir Duncan Dhu das können wird, wird sich noch zeigen, aber ich habe Hoffnung dass das klappt. Denn wie Finlay hat er in seinem Leben nichts schlechtes erlebt, kennt keine Sorgen und Nöte und wenn er doch mal welche hat, hält er sich nie lang damit auf. Er ruht schon jetzt – mit nur einem Jahr Lebenserfahrung – unglaublich in sich selbst und ich glaube er wird der sprichwörtliche Fels in der Brandung werden. Lassen wir uns überraschen!

Bis es so weit ist, habe ich eine große Aufgabe vor mir: eine gute, stabile Basis schaffen. Doch dazu nächste Woche mehr!

Geduld

Hier sitze ich nun auf der unbequemen Tribüne der Reithalle, den 3. Tag in Folge. Ich bin verspannt und müde, aber es ist wahnsinnig interessant und gerade fallen in meinem Kopf so viele Dinge an ihren Platz, die seit Mai 2018 da so herumwabern. Denn im Mai 2018 war ich auf dem ersten Kurs mit Elsa Sinclair (www.tamingwild.com) und Elsa hat dort Dinge gezeigt und erklärt, die lange, lange nachgewirkt haben und die so viele neue Fragen aufgeworfen haben.

Nun bin ich wieder auf dem Kurs bei Elsa und ich beobachte, wie sie ihren Lehrstil weiter verbessert hat und wie sie die Inhalte ihres Kurses noch mehr auf das Wesentliche reduziert hat. Sie hat alles quasi eingedampft auf die Essenz bzw die Basis. Sie erklärt zwar am 4. Tag dann auch, wie es weitergehen könnte, aber sie sagt „ich mache hier mit Euch nur die ersten Schritte, weil ich Euch zwingen will, geduldig zu sein, weil das sonst niemand tut“. Elsa stellt – wie ich es noch selten oder vielleicht in diesem Ausmaß nie gesehen habe – das, was sie vermitteln möchte und was ihr wichtig ist über alles andere. Sie akzeptiert, dass Leute vielleicht finden, sie bekämen zu wenig für ihr Geld oder dass ihr Konzept viel zu langsam ist. Sie nimmt in Kauf, das Zuschauer nicht wiederkommen oder dass Teilnehmer frustriert sind. Sie brennt für ihre Sache und ist absolut bereit, sich bei den Menschen unbeliebt zu machen um zu zeigen, worum es geht.

In endloser Geduld erklärt sie wieder und wieder und wieder die gleichen Dinge in verschiedenen Worten, geht auf die einzelnen Nuancen ein, die winzigen Details, ist immer freundlich, immer ansprechbar, beantwortet in den Pausen noch 23875 individuelle Fragen und was mich am meisten erstaunt ist, wie gut sie sich an Menschen erinnert. Obwohl sie mich nur einmal auf dem Kurs letztes Jahr gesehen hat (als einer von ca 70 Zuschauern), weiß sie über Facebook ein paar Dinge von mir und hat sie absolut präsent – dass ich Hufe bearbeite, dass ich meinem Shetty nach dem letzten Kurs mit ihrer Methode die Angst vor dem Einsprühen nehmen konnte, dass ich jetzt einen Jährling habe, all das weiß sie.

„Ich unterrichte die Menschen so wie ich die Pferde ausbilde“ hat sie letztes Jahr zu mir gesagt. Und ich beobachte sie dabei. Sie betont alles, was gut läuft, sie zeigt Möglichkeiten auf – endlose Vielfalt an Möglichkeiten – sie ermutigt alle zum Experimentieren und zum Fehler machen. Immer wieder betont sie, dass alles individuell ist, jedes Pferd ist anders, jeder Mensch ist anders, jede Beziehung ist anders. Immer wieder weist sie darauf hin, dass jeder seinen Weg finden kann in ihrem System, aber etwas Geduld ist eben doch nötig. Taming wild, da geht es darum, das wilde in uns zu zähmen, das immer viel zu schnell viel zu viel will.

Ich fahre nach hause mit Herz und Kopf voller Inspiration und habe eine Million Ideen was ich nun mit diesem neu zusammengesetzten Puzzle tun möchte.

Aber kaum bin ich zu hause, schnappt die Zeitfalle zu. Denn im Moment ist es so, dass die Zeit und Energie, die eigentlich für die Pferde übrig wäre, in kleinen gemeinen Löchern verschwindet, weil ich mich um meine eigene Gesundheit kümmern muss, weil Zäune (wieder) aufzubauen sind, weil das Pony-Management generell im Moment so viel Zeit verschlingt, weil ich total übermüdet bin, nachdem mein Gehirn 4 Tage auf Hochtouren gelaufen ist.

Dennoch nehmen wir uns etwas Zeit für das Freedom Based Training und entdecken ein paar Dinge. Wir hoffen, die Situation zwischen Gatsby (das Highlandpony unserer Mieterin) und Duncan entschärfen zu können. Zwischen den anderen Ponys und Duncan läuft es so weit ganz gut. Nachts sind sie weiterhin getrennt, damit alle ruhig schlafen können. Tagsüber auf der Weide sind alle zusammen, auf dem Paddock lasse ich sie nur zusammen wenn einer von uns da ist um aufzupassen.

Duncan hat mittlerweile ordentlich Angst vor Gatsby und da uns immer noch nicht ganz klar ist, was Gatsbys Attacken auslöst, kann ich diese Angst gut verstehen. Mit Hilfe von Elsas Ideen wollen wir nun zum einen versuchen, herauszufinden, wie Duncan sich so verhalten könnte, dass Gatsby ihn nicht mehr attackiert, zum anderen Gatsby helfen, sich freundlicher verhalten zu können, er handelt nicht aus Bösartigkeit so, sondern weil er selbst offensichtlich gestresst ist in der neuen Situation. Wir möchten also beiden helfen, besser klarzukommen. Ob uns das gelingen wird?

Nun kann ich auch endlich einmal wieder entspannte Zeit mit Merlin verbringen, denn während Merlin auf dem Platz arbeitet, kann Duncan nun friedlich auf dem (umgebauten) Paddock stehen, von dort kann er Onkel Merlin sehen und sorgt sich dann auch gar nicht, dass er im Grunde allein ist. Er steht nicht dauernd am Zaun und guckt, sondern macht in Ruhe sein Ding, wahrscheinlich reicht es ihm, Merlin noch zu hören wie er über den Reitplatz marschiert.

Und während ich mich – trotz all der Extra-Arbeit die wir nun haben, trotz des Eingewöhnungsstresses – mehr und mehr in Duncan verliebe, ist doch auch immer wieder der Schmerz präsent. Diejenigen unter Euch, die einen ähnlichen Verlust erlebt haben, werden das wissen, für die anderen ist es vielleicht hilfreich es zu wissen. Es ist etwas ganz anderes, ob wir ein altes Tier verlieren, von dem klar war, dass es nicht mehr lange bei uns sein wird, ein Tier, bei dem sich vielleicht schon seit Jahren ankündigt, dass der Tag des Abschieds näher rückt, oder ob wir ein junges Tier verlieren, mit dem wir eine Zukunft geplant hatten und dessen Zeit noch so lange nicht gekommen war. Der Unterschied ist um so vieles größer als ich gedacht hätte, ich möchte fast behaupten, die Situationen haben nicht viel gemeinsam. Zum Schmerz des Verlusts kommt der Schock und die ewige Frage nach dem Warum, die Wut über diese Ungerechtigkeit, die Verzweiflung darüber, so machtlos zu sein. Der Schmerz kommt in Wellen, und auch wenn diese Wellen allmählich kleiner werden, gehe ich doch in vielen dieser Wellen noch unter und schlucke eine Menge Wasser. Viele, die schon ähnliches erlebt haben, sagen mir, dass es ein Jahr dauert, bis das Schlimmste vorbei ist. Ich wünsche mir, dass es wahr ist, dass es immer etwas leichter werden wird. Und ja, mein Leben geht weiter und ich schreite voran, trotz der Momente in denen ich einfach nur alles wieder so haben will wie es einmal war.

Eines der letzten Fotos von Finlay – Mai 2019

Ich bin nie ein Mensch gewesen der sich in die Vergangenheit zurück wünscht. Mein Leben ist immer nur besser und besser geworden, auch mit den Verlusten und Schwierigkeiten die es gab. Aber jetzt wünsche ich mich manchmal einfach zurück in die Zeit, in der Finlay noch da war. In die Zeit, in der das Leben seinen geregelten Gang ging und ich noch nicht wusste, wie ein solcher Verlust sich anfühlt. In die Zeit, als das alles nur in einer angstvollen Phantasie manchmal passierte, aber niemals in der Realität.

Das schlimmste sind die Kurse. Etwas Neues zu lernen und dabei zu wissen, dass ich es niemals mit Finlay ausprobieren kann, ist eine grauenhafte Vorstellung, die mich jedes Mal wieder zu Boden zwingt. Und immer wenn ich etwas Neues lerne, verstehe ich auch, was ich vorher falsch gemacht habe – und ich werde es niemals gutmachen können bei meinem Finlay. Ich habe keine Chance mehr, ihm zu zeigen, dass ich ihn jetzt besser verstehe, dass ich etwas besser kann und wir noch mehr Spaß zusammen haben können.

Aber auch andere Situationen fördern immer wieder zu Tage was unter Alltag und Duncan verborgen liegt. Manchmal beiße ich nur die Zähne zusammen und mache weiter, erlaube mir nicht, alles zu fühlen. Aber wenn es gerade möglich ist, tauche ich immer wieder auch ein in das ganze Grauen, denn ich merke, dass das nötig ist, dass ich nicht immer alles nur wegschieben darf. Ich habe gelernt, dass die Welle über mich herüber schwappt, ich denke, dass ich gleich ertrinke und im letzten Moment ist die Welle doch zu Ende und ich bekomme wieder Luft.

Wer das nicht erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie viel Kraft das alles kostet. Wieder und wieder und wieder aufstehen und weitermachen, auch wenn es leichter wird, summiert es sich auf zu einer fast übermenschlichen Anstrengung. Niemand kann es für mich tun, ich muss es selbst tun, auch wenn ich von vielen Seiten großartige Hilfe und Unterstützung bekomme.

Ich möchte mich bei all denen entschuldigen, denen ich vielleicht einmal blöde Sachen gesagt habe ohne es zu wollen und zu merken, denen ich zu wenig Verständnis entgegen gebracht habe, bei denen ich vielleicht nicht gewusst habe, was los ist, weil ich das alles selbst noch nicht kannte. Denen, die so etwas noch nicht erlebt haben, kann ich nur raten, sich vermeintlich tröstliche Sprüche lieber zu verkneifen und zu akzeptieren, dass der andere etwas fühlt, was man sich vielleicht noch nicht mal ansatzweise vorstellen kann.

Vielleicht stört es einige von Euch, dass ich das hier so schreibe. Soll ja ein schöner, lustiger Blog sein mit Pony-Geschichten. Wird es auch, versprochen. Es macht in meinen Augen keinen Sinn, endlos über den Schmerz und den Verlust zu sprechen. Aber ich habe zu oft erlebt, dass ich gedacht habe, das Leben der Menschen wäre nach ihrem Verlust schon wieder in Ordnung und im Nachhinein vermute ich, es war eben nicht in Ordnung. Die meisten machen nur einfach weiter und machen alles mit sich selbst aus, was völlig ok ist. Nur ich, wenn ich Euch hier schon so teilhaben lasse, finde es wichtig, dass auch klar wird, dass es nicht in Ordnung ist. Finlay ist jetzt fast 4 Monate nicht mehr bei mir – eine lange Zeit und doch eine sehr kurze Zeit. Und auch wenn Duncan jetzt hier ist, heißt das nicht, dass alles plötzlich wieder gut ist, dass etwas repariert ist. Die Wahrheit ist: Meine Welt ist zerbrochen und sie wird nie wieder sein wie zuvor. Sie wird wieder gut und schön und bunt sein, aber nicht mehr wie zuvor, denn Finlay wird nicht wieder lebendig und das was ich erlebt habe wird nicht wieder rückgängig zu machen sein, es hat mich für immer verändert. Ich habe neulich gelesen:

„trauerst Du etwa immer noch? – ja, er ist ja auch immer noch tot.“

Damit ist wohl alles erklärt.

Ich bin unendlich dankbar, dass Duncan hier ist, der gute Gefühle in mir erzeugen kann genau wie mein Finlay es immer getan hat und der doch ganz anders ist dabei. Wenn ich bei Duncan bin, denke ich nicht an Finlay, denn Duncan ist so präsent, dass er mich sofort in seinen Bann zieht. Ich weiß, dass es richtig ist, ihn hier zu haben und dass er mir helfen wird, mich besser zu fühlen, Stück für Stück. Ich danke all jenen, die es möglich gemacht haben, dass er hier ist.

Duncan wird nun derjenige sein, mit dem ich neu gelerntes ausprobieren kann und ich bin froh, dass nun gerade der Kurs mit Elsa war, denn ihre Arbeit bedeutet zunächst, dass nur ich arbeite, während er tut, was er möchte, also kann er auch als Jährling beliebig viel davon vertragen.

Und auch mit mir selbst darf ich geduldig bleiben, so wie Elsa es vorlebt, darf üben, mich selbst besser zu fühlen, die positiven Dinge zu betonen und viel Zeit investieren in die stille Beobachtung und Wahrnehmung dessen, was ist.

Elsa sagt, durch ihr Freedom Based Training können wir den Pferden helfen, zu besseren Pferden zu werden – und ich bin überzeugt, es hilft auch uns, zu besseren Menschen zu werden.

Nächste Woche werde ich Euch dann wieder Lustiges erzählen über Ritter-Gelage und Schubkarren und hoffentlich Spannendes und Gutes über die Integration des Sir Duncan in die Herde.

Übrigens bin ich überzeugt, dass er ordentlich gewachsen ist in den 4 Tagen die ich ihn nicht gesehen habe!

Der Boden der Tatsachen

„Auf dem Boden der Tatsachen liegt viel zu wenig Glitzer“ habe ich auf Facebook gelesen.

Aber dieser Spruch scheint nicht für Sir Duncan Dhu of Nakel zu gelten. Denn der schlägt nicht hart auf dem Boden der Tatsachen auf, sondern landet dort weich gefedert auf einem Polster aus Selbstbewusstsein, schüttelt sich kurz, stellt fest, dass da zu wenig Glitzer liegt und fängt frohgemut an, welchen zu verstreuen.

Duncan findet alles nicht so schlimm. Ja, die anderen sind doof zu ihm aber was solls? Er überzeugt Merlin von sich und ein Kumpel reicht ja um sich dahinter zu verstecken.

Meine beiden Schimmel – im Moment noch sehr gut auf einen Blick zu unterscheiden 😉

Kaum dass Merlin und Duncan einigermaßen Freunde sind, die ersten Male Fellkraulen machen und Duncan erfolgreich hinter seinem großen „Onkel“ Schutz vor dem Rest der Bagage findet, ist sein Selbstbewusstsein schon wieder so glänzend aufpoliert wie Omas Silberbesteck. Er fängt wieder an, mit mir zu diskutieren – auf der Weide überlegt er kurz ob ich ihn wirklich an den Strick nehmen darf oder ob er nicht einfach weggehen kann.. ich gehe aber einfach hinterher und denke mir im Stillen „wenn Du Dich nicht anstricken lässt, gehen wir mit Merlin weg, dann kommst Du eh hinterher“ und er liest mal wieder meine Gedanken. Na gut, ich darf ihn an den Strick nehmen. Aber beim Führen vergisst er seine Manieren, versucht 4 mal spielerisch nach mir zu schnappen und trabt zweimal einfach los, in der klaren Absicht, mich stehen zu lassen (und wundert sich wieder, dass die nette Tante dann doch mal am Strick zieht).

Er hat so eine selige Art mit Problemen umzugehen. Was ich an Finlay so geliebt habe, wenn es um unsere Abenteuer ging, dieses „oh, hat nicht geklappt, na versuchen wir es halt nochmal“ das scheint bei Duncan die gesamte Lebensphilosophie zu umschreiben. Scheucht ihn einer weg, so ist er kaum betrübt, geht einfach zu einem der anderen (nur um wieder weggescheucht zu werden) oder steht kurz in der Ecke und tut sehr bedrippelt (wobei sich seine schauspielerischen Fähigkeiten in Grenzen halten) und kommt halt ein paar Minuten später wieder. Kann doch gar nicht sein, dass die ihn nicht mögen! Das ist doch völlig unmöglich! Ihn mögen doch sonst immer alle!

Ich würde ihn wirklich gerne einfach mit den anderen zusammenstellen und sehen wie er langsam versteht, dass das nicht angesagt ist, sich so zu benehmen wenn man fremd ist. Aber nach wie vor traue ich mich das nur auf der Weide, denn unser toller, spannender Paddock mit Ecken, Verstecken, Rundlauf und Winkeln ist leider für solche Aktionen nicht wirklich geeignet.

Allerdings ist mir jetzt völlig klar: sobald ich nicht mehr den ganzen Tag mit Zaunbau und Ponys sortieren beschäftigt bin wird dieses kleine Wesen Arbeit bekommen und sobald das Führtraining mir genug Mut gibt wird es raus gehen in die große weite Welt. Denn Sir Duncan scheint unbegrenzte Kapazitäten zu haben, unbegrenzte Konzentration und Aufnahmefähigkeit und endlose Abenteuerlust. Gut – ich wollte ja einen Abenteurer, das kann er haben.

Ich erinnere mich an Finlays Energielevel im selben Alter, an sein Schlafbedürfnis, Wachsen war ein Fulltime-Job für ihn. Ok, Finlay war in dem Alter auf der Hengstkoppel, sicher habe ich vieles nicht mitbekommen. Aber so wie Duncan, so war mein Finlay nicht. Finlay war jener geschockte, verschreckte Jährling, der plötzlich aus seiner Familie gerissen worden war und alles verlassen musste was er kannte. Sir Duncan ist weder verschreckt noch geschockt. Das maximale negative Gefühl, das ich bisher bei ihm gesehen habe, ist Unverständnis, dass die anderen so zu ihm sind. Ich glaube, er hat noch keine Idee, dass sein Verhalten vielleicht der Auslöser dafür sein könnte…. Aber ich vertraue darauf, dass unsere Herde ihm das schon noch beipulen wird.

Am Montag kamen dann mal diese fünf Sekunden Fassungsverlust meinerseits – da wollte ich ihn doch einfach auf den Anhänger stellen und zurück nach Dänemark bringen. Alle Ponys waren zusammen auf der Weide. Wir hatten die Weide verkleinert, weil sie sich ja daran gewöhnen müssen, auf engerem Raum zusammenzusein. Alles war super harmonisch. Ich habe nur einmal gesehen, dass Gatsby Duncan weggejagt hat und das recht unspektakulär. Mir schien, Duncan hat schlauere Taktiken entwickelt – schneller weg sein und nicht zum Zaun rennen – die das Problem entschärfen. Dann kam meine Reitschülerin und ich brauchte Merlin. Ich rief Merlin von der Koppel runter und wollte einfach sehen, was passiert. Caruso wollte unbedingt mit rein, Duncan reagierte erst nicht und ich witterte meine Chance, Duncan kurz mit Diego und Gatsby allein zu lassen. Leider witterte Gatsby diese Chance auch und fing an Duncan zu jagen, aber nur kurz, dann ließ er von ihm ab. Und Sir Duncan Dhu schaut sich unglücklich um, peilt die kürzeste Strecke zu Merlin, nimmt einfach Anlauf und springt durch den Zaun. Da wir ja an den meisten Stellen Glattdraht als Einzäunung haben, macht es „ping“ und der Draht springt auf. Soviel zu den 8000Volt auf dem Zaun (klar, wenn man schnell genug durch ist, kriegt man höchstens EINEN Schlag).

Ja, ich weiß, Ihr habt ja recht. Ich war selbst schuld. War halt blöd von mir. Aber im ersten Moment war da schon der Gedanke, dass ich ein Pferd, das durch Zäune springt, hier nicht haben will.

Aber ich denke nicht, dass er das noch tun wird, wenn er erst wirklich angekommen ist. Wir hatten schon ähnliche Situationen mit anderen Pferden – mein alter Warmblüter hat auch gerne mal Zäune auf diese Art abgebaut, wenn ihm danach war – aber wir konnten das immer klären. Und zwar nicht durch Aufrüsten, sondern indem wir dafür gesorgt haben, dass die Pferde sich in ihrem Bereich wohl gefühlt haben. Sicher wird das langfristig auch bei Duncan gelingen.

Bis dahin schmieden wir Pläne, bauen weiter fleißig Zäune um, damit wir allen einigermaßen gerecht werden können, fluchen dabei leise oder auch mal lauter vor uns hin und freuen uns trotzdem an den Fortschritten die wir machen.

Arnulf -mein ewiger Held und Retter in der Not….

Duncan stand dann übrigens während der Reitstunde mit Caruso in der Halle und kam ganz gut zurecht. Er hat zwar manchmal gewiehert, ist aber nicht panisch rumgerannt und Caruso hat keine schlimmen Attacken mehr gestartet. Die Halle ist ein ziemlich ausbruchsicherer Ort, da müsste man als Pony schon einigermaßen lebensmüde sein um das zu versuchen und es zeigt sich: da kann Sir Duncan sich dann gut mit abfinden. Es gibt ja auch Pferde, die sich dann endlos reingesteigert hätten, die Halle umgepflügt und geschrieen wie am Spieß, aber dafür ist Duncan dann doch wieder zu sehr das, was er eben immer ist: selbstbewusst.

Mittlerweile darf er bei Merlin mit am Heu fressen – das macht er ganz genau so, wie Finlay es immer bei Diego gemacht hat. Merlin wacht über Duncans Schlaf, die beiden machen viel Fellkraulen und obwohl Merlin manchmal etwas genervt wirkt (auch das kenne ich von der Beziehung zwischen Diego und Finlay), ist er insgesamt glaube ich dem kleinen Zwerg doch zugetan.

Mein guter alter Merlin kümmert sich gut um seinen neuen kleinen Freund

Am Dienstag verbringen Merlin, Duncan und Caruso einige Stunden zusammen im Paddock. Wir bekommen nicht so viel mit von dem was passiert, ein paar kleinere Attacken, aber Duncan hat abends keine neuen Schrammen. Caruso aber steht wie ein Dompteur und hält Duncan durch Anstarren dort wo er ihn haben will. Die Öhrchen spitz nach vorn, die Augen weit auf, die Vorderbeine weit auseinander in den Boden gestemmt steht Caruso und starrt Duncan einfach nur an. Duncan sieht ausnahmsweise mal ehrlich beeindruckt aus und Caruso – der mindestens die letzten 10 Jahre, vermutlich auch davor, noch nie irgendwas zu melden hatte in der Herde – feiert sich selbst. Er sieht unglaublich zufrieden aus mit dieser neuen Situation. Duncan hat gelernt, sich anders zu verhalten, er ist viel besser in der Lage Carusos Körpersprache einzuschätzen als am ersten Tag und wenn er sich ruhig verhält, tut Caruso ihm natürlich auch nichts.

Als ich Duncan und Merlin in ihr Nachtquartier bringen möchte, entscheide ich mich, Duncan zuerst zu holen. Caruso steht am Tor, Duncan möchte nicht zu nah an ihn ran und bleibt lieber stehen. So besteht nun meine Aufgabe darin, Duncan zu erklären, dass ich ihn beschütze, so lange ich ihn am Strick habe. Das klappt gut und mein selbstbewusstes Pony marschiert schön allein in die Halle und wartet dort ganz ruhig auf Merlin.

So ist Sir Duncan Dhu nun eben doch auf dem Boden der Tatsachen angekommen – und von mir aus kann er dort gern Glitzer verstreuen so viel er will.

Wünsche werden wahr

Wir kommen also in Dänemark an, nach fast 4 Stunden Fahrt ist Diego sichtlich genervt (aber zum Glück entspannt dabei).

Diego und Duncan bekommen ein Stück Weide und Paddock zusammen zum kennenlernen. Diego sagt erst mal mit Gequietsche und Auskeilen Bescheid, dass er Abstand wünscht. Duncan geht weg, kommt aber alsbald wieder. Er ist selbstbewusst, lässt sich nicht so leicht auf Abstand halten.

Wir überlassen die beiden sich selbst und werden im Haus zum Frühstück eingeladen. Durchs Fenster schauen wir immer mal, aber es passiert nicht mehr als dass Duncan immer mal wieder einen Anlauf unternimmt, zu Diego zu gehen, Diego aber jedes mal meint, das wäre doch wohl zu nah. Am Ende – aber das bekomme ich nicht mit – ist Duncan plötzlich auf der falschen Seite des Zauns… Die beiden Männer sammeln ihn wieder ein und stellen ihn zurück zu Diego.

Schließlich, nach ca 1,5 Stunden, beschließen wir, die Heimreise anzutreten. Duncan soll hier zu hause noch Zeit haben, im Hellen den Paddock, die Weide und die Zäune zu erkunden.

Diego steigt auf den Anhänger (ich bewundere ihn so sehr dafür! Gerade hatte er diese elendig lange Fahrt hinter sich…)

Duncan, in aller Ruhe und genau wie bei unserer Übungseinheit, marschiert Huf für Huf mit auf den Anhänger. Auch das Schließen der Rampe stört ihn nicht. Von diesem Moment an steht er 4 Stunden lang neben Diego auf dem Anhänger. In all der Zeit tut er nur zwei Dinge: fressen und dösen. Er regt sich nicht auf, er wiehert nicht, er klopft nicht, er schlägt nicht mit dem Kopf. Über die Kamera haben wir die beiden die ganze Zeit im Blick. Duncan fährt Anhänger, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Wir hören derweil Clanadonia, schottische Straßenmusik, und feiern unsere tollen Ponys. Nach der Fahrt, so denke ich, werden beide froh sein, auf die Weide zu können, werden schon ganz gut aneinander gewöhnt sein und Merlin und Caruso, die im Moment als einzige zu Hause übrig sind, weil Gatsby (das Pferd unserer Mieterin) auf Kurs ist, sind sowieso immer gleich gut Freund mit jedem. Also sollte es kein Problem geben.

Aber ich hatte ja schon geschrieben: der Schotte an sich schreddert gern mal Pläne.

Nach einem harmlosen Start – bißchen Quietschen und Rennen, das Übliche halt, beschließt Diego, dass Duncan doch bitte mal von der Weide runter in den Paddock gehen soll und auf Abstand bleiben. Duncan – anders als alle anderen Pferde die wir bisher integriert haben – findet das weiter nicht schlimm, denn im Paddock stehen wir Menschen zum Kraulen und zu sehen gibt es auch allerhand. Er marschiert durch den Paddock, schaut jeden Stein, jeden Ampfer, jeden Baumstumpf genau an, kommt immer zwischendurch zu uns und wirkt, als wäre alles in bester Ordnung. Ich finde es großartig, freue mich über sein Selbstbewusstsein und bin sicher, dass alles ganz einfach sein wird.

Aber die anderen Ponys finden das gar nicht lustig. Duncan ist ihnen wohl zu dreist!

Als es dann anfängt, ernsthaft zu regnen, verschmähen unsere Ponys die Weide und gehen in die Halle. Duncan läuft frohgemut hinterher und erst läuft alles normal: die Herde steht in der Halle, Duncan darf aber nicht mit rein und steht also draußen. Wir gehen in die Wohnung und denken uns weiter nichts. Dann kommt unsere Freundin: Diego hat Duncan durch den Zaun getrieben. Vor der Halle ist ein blöder Engpass mit Kurve, da hatte Duncan wohl den Zaun als geringstes Übel eingestuft.

Wir beschließen, da es schon dunkel wird, auf Nummer sicher zu gehen. Duncan nächtigt mit Caruso in der Halle, die anderen auf der Weide. Caruso, immer das letzte Licht in der Herde und mit jedem gut Freund, wird mit Duncan keinen Streß haben. Wir beobachten beide noch eine Weile, legen viel Heu aus und alles ist ruhig. Auch am nächsten Morgen ist alles ganz entspannt. Duncan hat Sand am Rücken, hat also wahrscheinlich sogar gelegen oder sich zumindest gewälzt. Wir tauschen die Gruppen: Duncan und Caruso raus, die anderen rein, damit die sich mal trocken hinlegen können. Und dann geht es plötzlich los: Caruso, der kleine, harmlose, freundliche 85cm-Caruso geht auf Duncan los. Beißt ihn in den Hals und lässt nicht mehr los! Wir haben so etwas noch nie bei ihm gesehen. Caruso! Duncan macht Fohlenkauen ohne Ende aber es hilft nicht. Wir gehen runter und arbeiten mit der Walking Meditation von Elsa Sinclair (Taming wild). Beide Ponys entspannen sich und es passiert für die nächsten Stunden nichts dramatisches mehr. Caruso wirkt von all dem deutlich gestresster als Duncan, der das Geschehen mit stoischer Miene hinnimmt.

Arnulf und unsere Mieterin Kerstin holen Gatsby ab, dann kommen alle zusammen auf die Weide. Wieder läuft es so ab wie am Vortag: erst sieht alles ganz normal aus, aber dann drückt die gesamte Herde Duncan plötzlich wieder durch den Zaun! Wir beschließen, dass das keinen Sinn macht und trennen Duncan vorerst komplett von den anderen, nur noch Sichtkontakt. Wir telefonieren mit einer erfahrenen Pferdefrau, die uns das bestätigt, was wir auch schon vermutet haben: Das Fohlenkauen sah uns gleich ein bißchen verdächtig aus. Als ob es mehr so ein Verhalten wäre, was immer zum Erfolg geführt hat, keine ernsthafte Unterwürfigkeit. Wir rekapitulieren, mit welchen Pferden Duncan in Dänemark aufgewachsen ist: seine Mama, offensichtlich eine sehr liebe, duldsame ältere Dame, nach dem Absetzen dann sein älterer Bruder und ein Warmblut-Wallach, den wir auch nicht als guten Kandidaten für strenge Erziehung einschätzen. Duncans älteren Bruder haben wir gesehen, und hatten eindeutig den Eindruck dass Duncan ihn nicht wirklich ernst nimmt, sondern sich einfach nur gern hinter ihm versteckt.

Vermutlich hat Sir Duncan Dhu noch nie erlebt, dass ihm jemand ganz ernsthaft eine Grenze setzt und dass er sein Verhalten wirklich an bestehende Regeln anpassen muss.

In unserer Herde herrscht aber, seit Diego Chef ist, ein bestimmter Umgangston. Diego erzieht alle zur Höflichkeit. Eigentlich darf jeder alles (außer von Diegos Heu essen, das war Finlays Privileg), aber es muss freundlich gefragt werden. Wenn Diego zum Beispiel den Eingang zum Stall versperrt und Merlin durch möchte, muss er einen Moment warten, den Kopf wegdrehen, ruhig sein, dann gibt Diego den Weg frei. Dreistes Drängeln oder Nerven führt hingegen nicht dazu, dass Diego den Weg frei gibt, sondern hat mit Pech noch eine kurze „Ansage“ zur Folge. Duncan hat aber nicht diese Höflichkeit. Er nimmt sich, was er will, geht hin, wo er will und entscheidet fein für sich selbst. Ich wollte ja ein selbstbewusstes Pony…. Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen!

Als wir Duncan vom fetten Gras holen wollen, mag er sich nicht einfangen lassen. Kein wildes Gerenne, nur immer schön knapp außer Reichweite. Ich gehe immer etwas zurück, wenn er mich anschaut, lade ihn ein, zu mir zu kommen. Aber ich habe ein komisches Gefühl dabei… Duncan lässt mich näher kommen, berührt mit seiner Nase auch meine Hand. Aber dann schießt er plötzlich in einer Attacke auf mich zu! Daher kam also mein komisches Gefühl: er hat meinen Rückzug falsch verstanden, dachte, ich mache ihm Platz, dem großen Sir Duncan Dhu! Ich brülle ihn herzhaft an, schwinge mein Seil nach ihm und Arnulf tut das selbe. Anstatt ihn einzufangen, jagen wir ihn vom Gras runter.

Als wir später einen Tee trinken, reden wir darüber, was wir tun können. Wir beide haben die Idee, dass es Duncan gut tun könnte, direkt etwas Bodenarbeit zu machen. Ich wollte ihm Ruhe geben, ihm Zeit lassen, den Schock zu verarbeiten, erst etwas mit ihm machen, wenn er eindeutig Lust darauf hat. Aber er steht nicht unter Schock, wirkt nicht, als ob er Ruhe bräuchte und ich hege die Hoffnung, dass die Integration leichter wird, wenn er von mir ein paar Regeln lernt: so machen wir das hier bei uns.

Wir üben ein paar Kleinigkeiten in der Halle: etwas führen, etwas rückwärts, ein bißchen Schulter weichen. Duncan fühlt sich nicht an wie ein Jährling, sondern wie ein Dreijähriger. Er kann sich gut konzentrieren (nur 48 Stunden nach Einzug!) und wir arbeiten zweimal 10 Minuten mit einigen Minuten Pause dazwischen. Wir haben ein kleines Kämpfchen darüber, ob er mich mit der Schulter wegrempeln darf, ich versuche, so freundlich zu bleiben wie es mir möglich ist und schließlich klappt es. Dabei wirkt es überhaupt nicht so als würde Duncan „nachgeben“, „aufgeben“ oder sich unterordnen. Es wirkt auf mich so, als würde er selbst durchaus gern friedlich sein und als würde er merken, dass das auch alles ist was ich will. Ich finde das Gefühl von „Softness“ (Mark Rashid) in diesem kleinen Tunichtgut, mitten in unserer Rangelei und bin ganz fasziniert.

Erste Bodenarbeit

Duncan bleibt vorerst von den anderen komplett getrennt. Merlin nächtigt neben ihm in der Halle, tagsüber gehen alle auf die Weide – Duncan rechts, die anderen links. Einmal stelle ich Merlin zu Duncan, weil ich das Gefühl habe, dass diese beiden jetzt zurecht kommen und es klappt sehr gut. Merlin treibt Duncan gelegentlich kurz weg, aber nur kurz, so dass Duncan einfach wieder etwas mehr Abstand hält.

Den nächsten Zusammenführungsversuch mit dem Rest der Herde wollen wir dann bei komplett geöffneter Weide wagen auf ungefähr 1ha Fläche in der Hoffnung, dass dann genug Platz ist, damit Duncan nicht wieder durch den Zaun flüchtet.

Bis dahin verändere ich vor allem mein eigenes Verhalten Duncan gegenüber: ich habe hier ein komplett anderes Pony stehen als erwartet. Ich hatte gedacht, hier einen verschreckten Jährling zu haben, der total durch den Wind ist und von mir nun nicht auch noch Input braucht. Ich habe damit gerechnet, viele Monate quasi gar nicht mit ihm zu arbeiten, nur das nötige – Hufe machen und mal von A nach B führen. Ich wollte mit ihm kuscheln und nett zu ihm sein, weiter nichts.

Stattdessen habe ich schon jetzt aufgehört, mich zurückzuziehen wenn er kommt, ich gehe einfach direkt auf ihn zu und er kommt mir meistens entgegen oder bleibt stehen und schaut mich neugierig an, lässt sich recht problemlos führen mit kurzen Erinnerungen, wie er sich zu benehmen hat, die er sofort akzeptiert. Kuscheln tun wir derzeit gar nicht und in meinem Kopf entstehen Pläne, ihn bald zu beschäftigen. Er hat vor nichts ernsthaft Angst gezeigt: Heutüten, Stirnlampen, Trecker… alles schaut er neugierig an. Noch selten habe ich ein so unaufgeregtes Pony gesehen, zumindest nicht einen Jährling.

Schrecktraining zum Beispiel stelle ich mir so vor:

Duncan und ein Regenschirm… einer von beiden weint und schreit „nein nein ich will nicht gefressen werden!“ Ich sage „keine Angst, kleiner Regenschirm, das ist ein ganz liebes, harmloses Pony, der wird Dir nichts…. oh. Arnulf, hast Du mal einen neuen Regenschirm für mich bitte?“

Alle, bei denen ich mich beschwere, dass die Integration so schwierig ist, haben nur eine Antwort für mich: Du wolltest ein selbstbewusstes Pony.

Ja, ich weiß. Und ich liebe ihn jetzt schon, weil er so ein besonderes Pony ist. Und dass er so anders ist als Finlay macht es mir so leicht, ihn so zu sehen wie ER ist. Ich wünsche mir nur, dass er bald in der Herde zurechtkommt…. Damit alle wieder in den vollen Genuss unseres schönen Stalls kommen.

Mal sehen, was ich nächste Woche dazu zu berichten habe!