Klemmbrett

„Der hat bestimmt ein kleines Klemmbrett“ sagt meine Freundin „auf dem er sich immer Notizen macht“.

Und tatsächlich stelle ich mir vor, wie Sir Duncan einzelne Punkte auf seinem Klemmbrett abhakt, neue Notizen hinzufügt und einige durchstreicht oder verändert.

Anders ist sein Lernverhalten fast nicht zu erklären.

Ich erzähle meinen Schülern – besonders denen mit jungen Pferden – schon seit Jahren, dass ein gutes Lernverhalten das allerwichtigste ist, wenn wir mit unserem Pferd weiterkommen wollen. Und ich setze da andere Prioritäten als viele andere. Vor vielen Jahren fragte mich jemand nach einem Kurs, wieso Merlin und ich Änderungsvorschläge des Lehrers eigentlich immer so viel schneller umsetzen können als andere. Die Antwort liegt in dem was wir im Alltag zusammen tun. Ich übe niemals eine Lektion auf die immer gleiche Art und Weise und perfektioniere sie so. Stattdessen übe ich verschiedene Aspekte der Lektion und nähere mich ihr von verschiedenen Seiten. Außerdem belohne ich nicht unbedingt die beste Ausführung (es sei denn es ist ein Riesensprung nach vorn passiert) sondern in der Regel belohne ich konzentrierte Versuche und große Aufmerksamkeit. Ich belohne es, wenn Merlin bemerkt, dass Kriterien sich geändert haben und etwas Neues probiert. Auf diese Art haben wir eine sehr flexible Kommunikation. Wenn nun ein Lehrer kommt und sagt „mach das mal mehr so“, ist Merlin nicht überrascht, sondern kann sich schnell auf die Änderungen einstellen.

So richtig habe ich erst gemerkt, wie gut er das kann, als ich festgestellt habe, dass Finlay damit Probleme hat. Mit Finlay habe ich Sachen sehr stark auf eine Art und Weise erarbeitet. Ich dachte ja, ich hätte den perfekten Plan! Später fiel mir dieses Vorgehen auf die Füße, denn Finlay bestand darauf, dass wir Dinge immer gleich tun. Bestimmt ist das auch eine Typfrage: das eine Pferd wird von Natur aus Dinge lieber immer gleich tun, das andere nicht.

Es birgt beides seine Tücken. Ein Pferd, das Dinge immer gleich tut, ist auf eine gewisse Art sicherer für uns Menschen und vielleicht im Alltag einfacher zu „bedienen“. Es wird sich nicht so schnell neue Taktiken überlegen, wie es zu dem kommt was es möchte. Wenn wir aber Lektionen verbessern und verfeinern wollen, wird dieses Pferd es schwerer haben. Und wehe wenn wir ihm aus Versehen ein blödes Verhalten beigebracht haben, das wir schwer wieder loszukriegen sein.

Mein Merlin hingegen (und all die anderen flexiblen Pferde) kommt schnell auf neue Ideen, da muss ich als Mensch schon etwas wacher sein und mehr aufpassen was passiert. Dafür ist er eben auch schneller in der Ausbildung, weil wir neue Tipps und Ideen schneller umsetzen können.

Nachdem ich lange dachte, es wäre NUR eine Typfrage, bin ich inzwischen der Meinung es ist eine Mischung. Ein Teil ist angeboren, aber die Pferde werden sich auch in die eine oder andere Richtung entwickeln, je nachdem welche Prioritäten ich in der Ausbildung setze.

Ganz am Anfang – da wo Duncan und ich jetzt stehen – ist es natürlich so, dass Dinge erst mal immer gleich laufen, damit überhaupt eine Kommunikation entstehen kann. Duncan soll rückwärts gehen um seine Futterschüssel zu bekommen war einer dieser Schritte und erst mal galt das IMMER. Als er das verstanden hatte, konnten wir an den Details arbeiten: diese Regel gilt NICHT, wenn das Halfter drauf ist. Und wenn ich ihn mit der Schüssel an einen anderen Ort im Stall locken will, dann ist weder rückwärts gehen noch wegschauen die richtige Lösung.

Und hier kommt das Klemmbrett ins Spiel. Mir scheint, mein kleiner Ritter hat ein unglaublich systematisches Vorgehen (und zwar angeboren, niemand hat ihm das beigebracht). Das führt zu lustigen Situationen: Er steht an seiner Schüssel und frisst. Ich möchte ihn in einen anderen Stallteil bugsieren und nehme die Schüssel und gehe dort hin. Er steht an seinem Platz und schaut betont weg. Ich rufe ihn. Er schaut weg. Dann merkt er: klappt nicht. Er geht etwas rückwärts, schaut mich kurz ratlos an. Dann kommt er zögerlich auf mich zu, bleibt zwischendurch wieder stehen und schaut weg. Schließlich kommt er, kommt mir aber zu nah. Ich bleibe stumm stehen, lasse ihn nicht an die Schüssel und warte was passiert. Er geht einen Schritt zurück, schaut mich an, bekommt seine Schüssel. Und in seinem Gesicht kann ich sehen, wie er ein kleines Häkchen auf seinem Klemmbrett macht. Beim nächsten Mal hat er seine Taktik schon deutlich verfeinert und fängt an nach Details zu suchen. So muss ich immer wachsam sein und immer schon entschieden haben welches nächste Detail ich belohnen möchte. Zum Beispiel die Art WIE er wegschaut. Wenn ich nun schon (aus Versehen!) das Wegschauen etabliert habe, möchte ich es wenigstens in schöner, ruhiger Version bekommen (im Moment ist es noch eher hektisch).

Beim Führen haben wir derzeit manchmal Schwierigkeiten. Duncan hat es phasenweise recht eilig wenn wir spazieren gehen und klein wie er ist, ist sein Schritt doch schneller als meiner. Er läuft dann vor und zieht beständig leicht am Strick – sehr nervig. Ich habe diverse Taktiken ausprobiert: ihn einfach ganz direkt ausbremsen durch Zupfen am Strick. Hilft 1 Sekunde lang. Ihn mit dem Seilende von vorn begrenzen: hilft 2 Sekunden lang und macht ihn wütend, Kopfschlagen ist die Folge. Stehenbleiben und warten dass er sich wieder neben mir einsortiert, dann weitergehen. Hilft mit Glück 1 Minute. Natürlich habe ich es auch mit Graspausen bei anständigem Laufen versucht, aber das birgt große Tücken, weil wir ja dann auch in Würde und Anstand zum Gras kommen müssen. Meist weiß er aber schon, dass ich eine Graspause plane, wenn ich das entsprechende Grün entdeckt habe und fängt dann sofort an, deutlich am Strick in diese Richtung zu ziehen. Ich habe versucht (und werde das sicher noch öfter so machen) neben der Grasstelle so lang auf und ab zu gehen bis er nicht mehr dorthin zieht, erst dann darf er grasen. Aber um das allgemeine Tempo raus zu nehmen ist das keine Lösung. Außerdem gibt es im Wald einfach zu wenig gute Grasstellen dafür.

Ihm im Gehen einen Keks zu geben wenn er es gut macht führte zu katastrophalem Keksverhalten (obwohl ich mit meinem Markersignal gearbeitet habe, er also den Keks nur bekam, wenn ich vorher „Keks“ gesagt hatte).

Es ist ja immer die Frage, warum so ein Verhalten auftritt. Einen Großteil der Zeit, die wir gemeinsam gehen, passt Duncan sich prima an mein Tempo an. Und dann bekommt er plötzlich so einen „Rennflash“, zischt los und hat einen Siebenmeilenschritt am Leibe, den ich einfach so nicht mithalten kann. Wenn ich dann doch versuche, mitzuhalten, wird er noch schneller und trabt ihm Zweifelsfalle an. Wahrscheinlich – wenn ich beliebig sein Tempo mithalten könnte – würde er einfach ein Stück schneller laufen wollen und dann wieder in Schritt fallen. Leider kann ich ihm das nicht bieten. Denn auch wenn ich dann mit ihm ein Stück trabe, bin ich ihm viel zu langsam. Tja mein Ritter, so lange ich neben dir herlaufen muss wirst du mit meiner Langsamkeit leben müssen (wenn ich später im Sulky hinter dir sitze wirst du damit auch leben müssen, weil ich das Tempo schon gern bestimmen würde…. Aber dann können wir wenigstens längere Strecken flott traben).

Ich vermute, es handelt sich um das selbe Verhalten wie im Paddock: er wandert ruhig mit den anderen herum und plötzlich überkommt es ihn und er muss jemanden ärgern. Dann folgt eine kleine Spiel- und Raufeinheit und genauso plötzlich wie die gekommen ist, ist sie auch wieder vorbei und er ist wieder ganz entspannt. Sein Energielevel geht sehr schnell rauf und runter. Vermutlich eine Altersfrage, von kleinen Kindern kennen wir das ja auch. Aber wenn wir spazieren gehen wollen, müssen wir eine vernünftige Lösung finden. Und ich möchte auf dem Spaziergang auch gerne etablieren, dass das Tempo eher gleichbleibend ist, daran kann er sich ruhig jetzt schon gewöhnen und das einüben. In seiner Freizeit kann er ja tun was er möchte.

Also habe ich weiter nach einer Lösung gesucht und ich glaube, ich habe eine gefunden: sobald er ein Stück artig neben mir her geht OHNE am Strick zu ziehen, halte ich ihn an und dann gibt es den Keks. Führt nach Duncan-Art zu folgendem Verhalten: er geht artig neben mir her, schaut mich im Gehen immer wieder auffordernd an (er hat dann diesen ganz bestimmten Blick der sagt: „ich hab das toll gemacht! Zeit für eine Belohnung!“) und wenn ich ihn mit der Stimme zwischendurch lobe bleibt er stehen und fragt nach dem Keks.

Jetzt, Sir Duncan, ist wieder Zeit für Dein Klemmbrett: finde heraus, wie lange Du so neben mir hergehen sollst, welche Position wann gefragt ist und finde heraus, dass von selbst stehenbleiben nicht die Lösung ist. Finde heraus, dass ein Stimmlob bedeutet: „sehr gut, mach weiter so!“ Und finde heraus, dass es länger dauert bis der Keks in Deinem hungrigen Mäulchen landet wenn Du mich dabei störst, ihn aus der Tasche zu fummeln als wenn Du einfach abwartest.

Vielleicht erschaffe ich jetzt ein neues Problem. Vielleicht wird er nun dauernd stehenbleiben. Aber ich vertraue auf sein Klemmbrett und seinen Notizen, dass er das nicht allzu oft versuchen wird. Und vielleicht sollte ich mir auch mal so ein Klemmbrett anschaffen. Denn mein kleines Systematiker überlässt nichts dem Zufall, da darf ich wach und aufmerksam sein und immer mitbekommen was er sich neues überlegt hat. Ich fürchte, wenn ich Fragen unbeantwortet lasse, wir er eigene Antworten finden – und ob die immer in meinem Sinne sind…

10 years

(As a thanks to „Fergus the horse“ who allowed me to use the cartoon for this blogpost I did translate this one into english so „Fergus“ can read it too.)

I am standing in the riding arena watching my student and her horse. I am impressed and a little proud. I have been knowing those two for about 9 years now and they did not always have an easy time. But they kept going. The achievements of those two are not due to luck, coincidence or talent but due to consistent work, the wish to keep improving and a great liking for each other which can be seen very obviously.

So I think about the Fergus-Cartoon and the little yearling stallion in my own stable. I takes 10 years to make a good 10year-old horse.

„Most people overestimate what they can achieve in one year and underestimate what they can achieve in ten years“ (it is not clear who first made this statement)

Sometimes we talk about being patient when it comes to horse-training. But I am not sure whether „patience“ is the right word. In the german Duden the word „Geduld“ (=patience) is described as „enduring something calmly, tolerantly and self-controlled“.

That‘s what I need when a horse is not standing still while I am trimming his hooves if I cannot change the situation. But in educating a horse I do not want to endure things, quite the contrary. I want to design things in a way that makes both horse and human content with the situation. Sometimes the horse needs to learn something new in order to achieve that, sometimes the human.

So it actually takes perseverance, creativity, the willingness to change things and a good portion of what I came to consider to be one of my best character attributes: stubbornness.

Pleasy forgive me the use of this word. Of course there are much nicer words for that: persistence or consistency for example.

Personally I like to use the word „stubbornness“. I think that using words in a different manner than usual can make us think more about it and make us more open-minded.

Stubbornness allows me to work with less pressure. Because I rather work with repetition or creating a situation in which the horse will find out by itself that its life is easier if it shows the new (wanted) behaviour than if it continues with the old behaviour. Because mostly the horse will have been very successful with the old behaviour it will usually take some time until it is ready to change that. Patience would mean to endure the old (unwanted) behaviour. Stubbornness means to me to keep focus and try improving again and again, not only with the horse but also with my own bad habits.

Out of courtesy I would not call my student stubborn. She does not seem stubborn to me, but rather determined and focused. All these years she invested a lot in the education of herself and her horse. She not only took lessons with me but with some other trainers as well and took all the good things out of these lessons for herself. She is working on her own physical fitness to become a better horse-woman. She works tirelessly for the health of her horse and tries to optimize everything. Very often she puts her horses well-being over her own wishes.

It is not easy to do all of that, I know that. That‘s why I admire her for what she is doing. Some of you might consider it natural. But my experience in the horse-world taught me that it is not. I saw a lot of people give up. Some said so. Others hid their giving-up behind „no time“ or „no money“. Some do not give their horses enough health-care or they gloss things over. The horse is too fat? „He was even fatter than this“. Might be true but is still not a good reason. The horse suffers from thrush? „It won‘t help to treat it with all this mud out there“ Well it will not get better if we do NOT treat it. And by the way treatment usually helps even if there is a lot of mud.

The horse is behaving badly? Some people just shout and get angry, but they do not actually invest in training and education. Trailer-loading is still a big issue. Just one week before a clinic people will remember that there was a problem. Well it would need some work to solve it.

We all have our excuses. Me too – a whole bunch of them, some familiar, well-worn ones and occasionally a new one. If we find excuses every once in a while over 10 years that won‘t matter. Sometimes the weather is too bad, sometimes we are too tired, feel overwhelmed or just set other priorities. That‘s just human.

Bad weather is a very popular excuse among horse-people. Not that I would not use that one too from time to time. But some day you just have to do it. And yes, it was as wet as it looks.

But we need to be honest with ourselves. Is it really just today? Or did we make up excuses for weeks? Because it is winter. Or because it is summer. Too much rain, too many flies, the car broke down or we sprained the ankle. Today there is no time to train this new behaviour and create that new good habit. Today it needs to be fast. Is it really only today?

If we find excuses on 365 days in 10 years we have lost one whole year. By making excuses I do not mean not doing anything with the horse. I mean not doing anything useful with the horse. Of course we can have a break if a break is helpful and we can design it in a way that is good for us and the horse. And it can do more harm than good if we do something with our horse but are not focused and allow him and us to habituate silly behaviours.

10 years are a long time. More time than I ever had with my beloved Pony „Finlay“. But only half of the time I have been spending with my wonderful „Merlin“ by now. 10 years ago my world looked different. Despite that I still wish I would have come further in the last 10 years. Throwbacks and wrong decisions have held me back, as they do with everyone I guess. Not to mention that I have to start from scratch again. The 8 years I had with Finlay were educational but I start at the beginning again. Because no matter how good a horse-trainer I have become Duncan will not be grown up any quicker by that. That‘s the time for patience because I cannot change it. I will have to endure him being too small for all the things I like to do for a long time. And I think he needs some patience for that too, he seems to be wanting to grow up a lot faster (because, I think, being grown-up means participating in all the great adventures to him)

I am looking ahead to the next 10 years now and I do have plans and wishes – for myself, my career, but most of all for Duncan and I. If all of that can come true – time will tell. But it certainly will NOT come true if we do not try. Every day. I will do my best to find the right amount of stubbornness. Just like my wonderful student with her horse. So that I will have a very good 11 year old horse in 10 years time. 🙂

10 Jahre

Ich stehe in der Reithalle und schaue meiner Schülerin mit ihrem Pferd zu. Ich bin beeindruckt und ein bisschen stolz. Ich kenne die beiden seit ungefähr 9 Jahren und sie hatten es wirklich nicht immer leicht. Aber diese beiden sind dran geblieben. Das was sie zusammen erreicht haben ist nicht das Ergebnis von Glück, Zufall und Talent, sondern von kontinuierlicher Arbeit, von dem Wunsch, stetig besser zu werden und von gegenseitiger Zuneigung, die nicht zu übersehen ist.

Und ich muss an den Fergus-Cartoon denken und an meinen kleinen Mini-Hengst im Stall.

Lerne Geduld. Es braucht 10 Jahre für ein gutes 10jähriges Pferd

„Die meisten Menschen überschätzen, was sie in einem Jahr erreichen können und unterschätzen, was sie in 10 Jahren erreichen können.“ (Das Internet ist sich nicht sicher, wem dieses Zitat zuzuordnen ist)

Manchmal sagen wir, wir bräuchten Geduld, um ein Pferd auszubilden. Aber ich bin nicht sicher, ob Geduld an der Stelle das richtige Wort ist. Geduld klingt für mich so nach abwarten. Der Duden sagt, Geduld sei „Ausdauer im ruhigen, beherrschten, nachsichtigen Ertragen“.

Das brauche ich manchmal wenn Kundenpferde bei der Hufpflege hampeln und ich die Situation in diesem Moment nicht ändern kann. Aber bei der Ausbildung eines Pferdes möchte ich ja nichts „ertragen“, ganz im Gegenteil. Ich möchte die Dinge so gestalten, dass Pferd und Mensch gleichermaßen zufrieden sein können mit der Situation. Dafür muss manchmal das Pferd neue Verhaltensweisen lernen und manchmal der Mensch.

Es braucht also viel mehr Durchhaltevermögen, Kreativität, die Bereitschaft, Dinge zu verändern und eine gute Portion von dem, was ich inzwischen als eine meiner besten Charaktereigenschaften ansehe: Sturheit.

Entschuldigt, dass ich dieses Wort so benutze. Natürlich gibt es nettere Worte dafür. Hartnäckigkeit vielleicht. Unbeugsamkeit würde ich lustig finden. Beharrlichkeit als positive Version.

Ich mag das Wort „Sturheit“. Es erinnert mich an Esel – diese wunderbaren, intelligenten Tiere, denen man dieses Wort immer zuschreibt und die gerade dadurch so eigenständig und stark sind.

Sturheit ermöglicht mir, ohne viel Druck auszukommen. Weil ich lieber über Wiederholungen arbeite und darüber, Situationen zu erschaffen in denen das Pferd von selbst merkt, dass das neue (erwünschte) Verhalten ihm mehr bringt als das alte. Da die Pferde meist mit dem alten Verhalten sehr erfolgreich waren, braucht es oft eine Weile bis sie bereit sind, ihr Verhalten zu verändern. Geduld würde bedeuten, das alte (unerwünschte) Verhalten zu ertragen. Sturheit bedeutet in diesem Fall für mich, das Ziel klar vor Augen es wieder und wieder zu versuchen. Auch was mich selbst und meine blöden Angewohnheiten angeht. Sturheit heißt auch, sich nicht erzählen zu lassen, dass etwas nicht geht. Sondern es weiter zu versuchen – vielleicht mit mehr Zeit und auf anderen Wegen.

Meine Schülerin würde ich natürlich schon aus Höflichkeitsgründen nicht als stur bezeichnen. All die Jahre hat sie in die Ausbildung von sich selbst und ihrem Pferd investiert. Dabei hat sie nicht nur Unterricht bei mir genommen, sondern natürlich auch bei anderen Ausbildern. Überall hat sie sich Dinge mitgenommen. Sie arbeitet an ihrer eigenen körperlichen Fitness, um zu einem besseren Pferde-Menschen zu werden. Sie kümmert sich unermüdlich um die Gesundheit ihres Pferdes und versucht alles zu optimieren. Sie stellt oft das Wohlergehen ihres Pferdes über ihre eigenen Wünsche.

Das alles ist nicht immer leicht, ich weiß das. Und darum bewundere ich sie für das, was sie da leistet. Manche von Euch mögen das selbstverständlich finden. Aber meine Erfahrung in der Pferdewelt zeigt, dass das keineswegs selbstverständlich ist. Ich habe viele Menschen aufgeben sehen. Manche haben das auch so gesagt. Andere haben ihr Aufgeben versteckt, hatten plötzlich „keine Zeit“ mehr für ihr Pferd, lassen Dinge einfach schleifen, worunter die Gesundheit des Pferdes leiden, haben angeblich nicht genug Geld oder reden sich Dinge einfach schön. Das Pferd ist zu dick? „Früher war der noch dicker“. Mag stimmen, ist aber kein stichhaltiges Argument. Das Pferd hat Strahlfäule? „bei dem Matsch nützt es doch gar nichts, da was drauf zu schmieren“. Nicht schmieren macht es aber auch nicht besser. Man kann es ja mal versuchen. Bei vielen hilft es übrigens trotz Matsch.

Das Pferd benimmt sich schlecht? Da wird gemeckert und gemotzt aber nicht in gute Erziehung und Ausbildung investiert. Verladetraining wird immer noch viel zu selten gemacht und es fällt einem dann eine Woche vorm Kurs ein, dass da ja was war. Wäre ja auch Arbeit, das konsequent zu üben. Und womöglich würde es anfangs nicht klappen. Da müsste man ja mal dranbleiben und aushalten, dass es nicht gleich klappt. Igitt.

Ausreden haben wir alle gern mal, das ist normal. Ich hab auch einen ganzen Berg davon – liebgewonnene, gut erprobte und gelegentlich eine neue. Wenn wir uns im Laufe von 10 Jahren ein paarmal rausreden geht ja auch die Welt nicht unter. Mal ist das Wetter zu schlecht, mal sind wir zu müde, mal fühlen wir uns überfordert oder haben andere Prioritäten. Das ist ja nur menschlich.

Schlechtes Wetter ist eine beliebte Ausrede unter Reitern aber eben auch nur eine Ausrede. Nicht dass ich mich nie drücken würde, aber manchmal geht es einfach trotzdem los. Und ja, es war so nass wie es aussieht.

Aber ehrlich zu uns selbst dürfen wir sein. Ist es wirklich nur heute mal so? Oder haben wir uns vielleicht schon seit Wochen immer wieder rausgeredet? Weil Winter ist. Oder weil Sommer ist. Zu viel Regen, zu viele Fliegen, das Auto kaputt, der Fuß verrenkt. Heute keine Zeit, dieses neue Verhalten zu üben und zu etablieren. Heute muss es schnell gehen. Ist es wirklich nur heute?

Wenn wir uns in 10 Jahren insgesamt 365 Tage rausreden, verlieren wir ein ganzes Jahr. Mit rausreden meine ich nicht, dass wir nichts mit dem Pferd machen. Mit rausreden meine ich, dass wir nichts SINNVOLLES mit dem Pferd machen. Eine Pause kann ja auch sinnvoll sein, wenn sie gerade dran ist und wir sie so gestalten, dass Pferd und Mensch profitieren. Genauso kann es kontraproduktiv sein, wenn wir zwar etwas mit dem Pferd machen aber dabei unkonzentriert und konzeptlos sind und damit ihm und uns erlauben, blödsinniges Verhalten zu entwickeln oder zu verfestigen.

10 Jahre sind eine lange Zeit. Mehr Zeit, als ich mit Finlay je hatte. Aber nur die Hälfte der Zeit, die ich nun bald mit Merlin verbracht habe. Vor 10 Jahren sah meine Welt noch ganz anders aus. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, in den vergangenen 10 Jahren weiter gekommen zu sein. Rückschläge und Fehlentscheidungen haben mich aufgehalten, wie wohl jeden von uns. Ganz abgesehen davon, dass ich nun von vorne anfange. Die 8 Jahre mit Finlay waren zwar höchst lehrreich und ich profitiere durchaus von den vielen gesammelten Erfahrungen, aber ich fange nun eben von vorne an. Denn egal was für eine gute Ausbilderin ich geworden sein mag – Duncan wird davon nicht schneller erwachsen werden. Hier ist der Punkt für Geduld, denn daran kann ich nichts ändern. Ich muss noch lange ertragen dass er zu jung ist für die Dinge, auf die ich mich so sehr freue. Mir scheint, dass auch er dafür Geduld braucht, auch ihm kann es gar nicht schnell genug gehen mit dem erwachsen sein (was für ihn wohl gleichbedeutend ist mit: alles mitmachen dürfen und jede Menge Abenteuer erleben).

Nun blicke ich auf die nächsten 10 Jahre und habe Wünsche und Ziele – für mich persönlich, beruflich, aber vor allem für Duncan und mich. Ob das alles wahr werden kann, wird sich zeigen. Aber sicher wird es nicht wahr, wenn wir es nicht versuchen. Jeden Tag aufs Neue. Ich werde mir Mühe geben, dazu das richtige Maß an Sturheit zu finden. So wie meine bewundernswerte Schülerin mit ihrem Pferd. Damit ich ihn 10 Jahren ein sehr gutes 11jähriges Pferd habe 🙂

Alltag

Neulich las ich von einer bekannten Ausbilderin einen kleinen Text auf Facebook. Sie schrieb darüber, wie wir in den sozialen Medien immer nur die spektulären Dinge zeigen und anschauen und wie falsch das sei. Sie versprach, in Zukunft mehr über die alltäglichen Momente mit ihren Pferden zu posten, denn diese sind natürlich viel wichtiger und wir sollten uns immer wieder daran erinnern.

Erst habe ich ihr zugestimmt. Dann habe ich gestutzt.

Ich denke zurück an das Jahr 2018. Im Januar hatte ich gesagt: ich will dieses Jahr auf Distanzritt gehen. Zu dieser Zeit war unsere „große Runde“ 7km lang und wir sind sie weitgehend im Schritt geritten. Für den Distanzritt brauchten wir 28km weitgehend im Trab!

Was tat ich also? Ich richtete meinen Alltag danach aus.

Jeden Dienstag – egal wie müde, wie spät und wie heiß (Regen hatten wir nie) – sind meine Freundin und ich eine größere Runde geritten. Am Wochenende bin ich eine größere Runde mit Arnulf geritten. Und dazwischen habe ich Stangentraining, Dressurreiten und Freiarbeit eingebaut.

Nun könnte ich weiß Gott nicht über jede dieser Traininseinheiten ein Buch schreiben. Die wenigsten waren spektakulär. Viele waren anstrengend, manche frustrierend. Die meisten waren entspannend und schön. Wie ein schönes Treffen mit Freunden eben so ist. Ich hätte schreiben können „Wir waren heute wieder schön reiten. Die Sonne hat geschienen, die Vögel haben gezwitschert, die Ponys hatten Lust zu laufen und wir haben 16km in 2,5 Stunden geschafft.“

Aber wäre das interessant gewesen? Ich weiß es nicht. Ich persönlich freue mich zwar, wenn jemand postet „schön draußen gewesen“ aber nur, wenn ich irgendeinen Bezug zu den Leuten habe. Bei Fremden interessiert es mich herzlich wenig. Und wenn jemand so etwas postet an einem Tag an dem es bei uns stürmt oder ich keine Zeit hatte oder womöglich mit Erkältung auf dem Sofa dahinsieche, dann bin ich ein bißchen neidisch. Was nützt es also, mehr über den Alltag zu reden?

Ich glaube, über den Alltag zu reden bringt uns nur dann weiter, wenn wir etwas tiefer graben. Warum ist der Alltag so wie er ist? Wie können wir ihn so gestalten, dass er Spaß macht und uns an unser Ziel bringt? Gerade im Pferdetraining können wir beobachten, dass es nur über den Alltag geht. Wir arbeiten heute nicht für heute, sondern für morgen oder für nächste Woche. Wenn ich heute einen klitzekleinen Schritt in die richtige Richtung gehe, habe ich eine gute Chance, dass mein Pferd daraus plötzlich einen großen Schritt macht. Aber Achtung: wenn ich einen klitzekleinen Schritt in die falsche Richtung gehe, kann das auch passieren. Da birgt er Alltag seine Tücken, wenn wir ungeduldig oder unachtsam werden und unseren Pferden irgendwelchen Mist beibringen, den wir später gar nicht haben wollen. Das kann ich jeden Tag überall beobachten….

Alltag: Futterschnute, ein rostiges Tor und zerzaustes Haar.

Wenn ich mit dem Heusack vorm Stalltor stehe und fünf hungrige Ponys stehen auf der anderen Seite, dann ist einer dieser Momente. Das Tor geht nach innen auf. Alle Ponys müssen also so weit Platz machen, dass ich rein kommen kann. Und ich habe jeden Tag (meistens mehrfach) die Wahl: Scheuche ich sie zurück, schiebe ich sie zurück und drängle mich durch (während sie schon heimlich Heu am Sack naschen) gehe ich einfach einen anderen Weg und füttere an einer ganz anderen Stelle oder warte ich, bis die Herren von selbst auf die Idee kommen, mir Platz zu machen.

Manchmal, wenn ich da so stehe, würde ich gern doch einfach die Gerte nehmen und die Ponys wegräumen. Aber das möchte ich nicht, weil ich will, dass sie den Zusammenhang begreifen und dass das nicht davon abhängig wird ob ich eine Gerte griffbereit habe. Heu gibt es eben erst, wenn man Platz gemacht hat. Wenn alle Platz gemacht haben!

Das ist Alltag. Wenn ich zu müde oder zu genervt bin, gehe ich einen anderen Weg und lege das Heu ganz woanders hin – zum Glück geht das in unserem Stall. So kann ich dem Thema ausweichen und es mir für einen Tag bequem machen. Auf Dauer, habe ich beschlossen, will ich, dass meine Ponys es lernen.

Vielleicht kommt einmal der Moment, in dem alle meine Ponys prompt und zügig Platz machen und ich einfach so durch die Stalltür spazieren kann. Das wäre dann spektakulär und ich könnte ein Video darüber machen und manche meiner Freunde würden staunen, sich mit mir freuen und feiern. Das wäre ein toller Moment!

Danach würde auch das wieder Alltag werden.

Spektakulär ist ja nur das, was für uns kein Alltag ist. Für jemand anderen mag es Alltag sein.

Ich meine, all die spektakulären Dinge, die wir uns gern anschauen, sind in jemandes Alltag entstanden. Für viele gute Reiter ist es z.B. Alltag, Lektionen zu reiten, die für den Anfänger ein Highlight wären. In meiner Timeline gibt es Videos von Merlin und mir in der ersten Piaffe und beim ersten fliegenden Wechsel – und obwohl das immer noch Höhepunkte unseres gemeinsamen Tuns sind, ist es doch ganz normal, diese Lektionen im Alltag zu reiten. Wir brauchen dazu keine Hilfe vom Boden mehr und wir können nach und nach alles schön verfeinern. Alltag eben….

Dagegen wird es ein absoluter Höhepunkt sein, mit Duncan eines Tages die erste Runde im Schritt über den Platz zu reiten. Alles ist schließlich relativ.

Und so bin ich nicht sicher, ob ich dem Facebook-Post der Ausbilderin zustimme. Zum Teil ja. Wenn wir uns gegenseitig immer wieder daran erinnern, dass der Großteil unseres Lebens und der Großteil der Ausbildung unserer Pferde im Alltag stattfindet und nicht spektakulär ist, dann hilft uns das sicher, bei der Stange zu bleiben.

Uns gegenseitig damit zu langweilen wird uns hingegen wohl kaum motivieren. Vielleicht wäre es motivierender, uns gegenseitig zu erzählen, welche Varianten von Alltag wir versuchen. Heute ist es die Plane und morgen die Matratze. Heute ist es Stangentraining, morgen ein Spaziergang. So könnten wir uns Ideen geben „oh das könnte ich auch mal machen“ und „das habe ich lange nicht gemacht“. Wir könnten den Alltag etwas würzen. Aber Alltag ist Alltag. Und so wie wir für ein schönes Portrait-Foto nicht die alte Stalljacke anziehen, werden wir unseren Alltag nie ehrlich nach außen transportieren. Und das erwartet auch niemand, denke ich, denn niemand lässt sich gern langweilen.

Was bleibt, ist die Gewissheit, dass das was wir alltäglich tun den größten Einfluss auf unser Leben hat. Jeder, der mit irgendetwas jemals Erfolg hatte, wird das wissen. (Also alle.) Der Alltag bestimmt letztlich unser Leben.

Und das ist jetzt das, was mich auch mit Duncan beschäftigt. Denn endlich ist hier etwas eingekehrt, wonach ich mich seit Finlays Tod so sehr gesehnt habe: Alltag. Solider, vielleicht manchmal etwas langweiliger, unspektakulärer Alltag. Routinen und Gewohnheiten, ein Gleichmaß der Dinge und eine gewisse Berechenbarkeit. Und da Finlays Tod mir gezeigt hat, dass diese Berechenbarkeit reine Illusion ist, genieße ich umso mehr jeden Tag, an dem NICHTS spektakuläres passiert, selbst wenn das bedeutet, dass nichts besonders tolles passiert, nichts, was mich himmelhoch jauchzen und auf Wolke sieben davonschweben lässt.

Ich bin dankbar für den Alltag wie ich es noch nie in meinem Leben war.

Und in kleinen Momenten sehe ich etwas entstehen, sehe manchmal das nächste Highlight durchblitzen und kann mich darauf freuen. Die erste Fahrt mit dem Anhänger in fremdes Gelände, der erste gemeinsame Kurs, das erste Mal dass diese oder jene Übung gelingt. Aber ich möchte nicht nur für diese Momente leben. Ich möchte jeden Tag genießen, dass es meine Ponys überhaupt gibt und dass sie so einen großen Teil meines Alltags darstellen.

Reden werde ich trotzdem vorwiegend über die anderen Momente, denn für Außenstehende sind die nunmal spannender und interessanter. Aber wer genau hinschaut und es wirklich wissen will, wird auch dort immer wieder meinen Alltag wiederfinden können.

Zähmen

„Ich suche Freunde“ [sagte der kleine Prinz] „was bedeutet ‚zähmen‘?“
„Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet, ‚sich vertraut machen‘ “. (Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry)

Ich habe hier http://www.relue-online.de/2016/09/heisst-zaehmen-vertraut-machender-kleine-prinz-neu-uebersetzt/ einen sehr interessanten Text über die Übersetzung des französischen apprivoiser aus dem Originaltext in das Deutsche „zähmen“ gelesen. Nachdem ich mit der Version des kleinen Prinzen aufgewachsen bin, in der das Wort „zähmen“ verwendet wird, habe ich nie über diesen etwas eigenwilligen Sprachgebrauch nachgedacht. Tatsächlich ist das französische apprivoiser offenbar ein viel weiter gefasster Begriff, so dass auch andere Übersetzungen denkbar gewesen wären.
Dass aber in der mir bekannten Übersetzung das Wort „zähmen“ verwendet wurde, hat merklichen Einfluss auf meine Idee von „zähmen“ genommen. An sich kann „zähmen“ ein recht beherrschender Prozess sein, der mit Machtergreifung über ein anderes Lebewesen einhergeht. „Zähmen“ kann bedeuten, dem wilden Tier seine Wildheit zu nehmen – nicht immer im positiven Sinne.
Aber weil ich mit dem kleinen Prinzen aufgewachsen bin, ist „zähmen“ für mich durch und durch positiv besetzt. Für mich bedeutet es – wie der Fuchs sagt – „sich vertraut machen“. Aber der kleine Prinz lässt uns noch eine andere Bedeutung vermuten: es könnte auch heißen „Freunde werden“.

Es ist eine in Vergessenheit geratene Sache, sagt der Fuchs. Ist es etwas altmodisches? Hat man das früher öfter gemacht? Vielleicht. Aber vielleicht ist es auch ein Sache, die wir immer wieder vergessen. Weil wir meinen, den anderen zu kennen – wo wir doch schon 3 Wochen mit ihm befreundet sind. Weil wir meinen, den anderen zu kennen – wo wir doch alle seine Facebook-Posts gelesen haben. Weil wir meinen, den anderen zu kennen – weil wir wissen, wann er Geburtstag hat und was er am liebsten isst.
Zähmen bedeutet für mich so viel mehr: zu wissen, wie der andere unter Stress reagiert. Zu wissen, was der andere als Beleidigung empfindet. Zu wissen, was der andere braucht, wenn er traurig ist. Zum Beispiel. Und noch so viel anderes.
Und das passiert nicht in 3 Wochen. Das passiert auch nicht in 3 Monaten. Das passiert ansatzweise in 3 Jahren. Zähmen ist ein immer währender Prozess, finde ich. Da der, den ich gezähmt habe, sich verändert und ich mich verändere, müssen wir uns immer neu vertraut machen. Je öfter wir das tun, desto vertrauter werden wir, desto tiefer wird unsere Bindung, desto mehr sind wir Freunde.

Und hier steht nun mein kleiner Duncan, und schon jetzt kann ich mir nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu sein, so sehr ist er Teil meines Lebens geworden. Aber ich muss mir jeden Tag eingestehen: mit dem Zähmen ist es noch nicht so weit her. Am Montag hatte er „Halbgeburtstag“. Das ist ein Tag, den ich aus meiner Familie kenne, den wir feierlich begangen haben, wenn eins von uns Kindern ein halbes Jahr älter wurde. So war der Weg zum echten Geburtstag nicht so weit.
Duncan wurde am Montag 1,5 Jahre alt. Er ist also noch ein echtes Kind, manchmal neige ich dazu, das zu vergessen, weil er sich schon so erwachsen gibt.
Hier bei uns ist er jetzt noch kein halbes Jahr. Erst Ende März wird das halbe Jahr voll. Von „gezähmt“ kann also wohl noch keine Rede sein. Auch das ist eine wichtige Finlay-Lektionen: Zähmen braucht Zeit.

Im Moment denke ich viel an die erste Zeit mit Finlay zurück, während ich mein Buch überarbeite. Erinnerungen kommen hoch, wie ich mich damals gefühlt und was ich erwartet habe. Fast 9 Jahre sind seit meiner ersten Begegnung mit Finlay vergangen. Irgendwie hatte ich Dummerchen damals die Idee, dass ich wüsste „wie man Pferde ausbildet“ und dass die Pferde eben doch alle mehr oder weniger gleich funktionieren. Ich hatte gedacht, dass mein junges Pferd sich in das Ausbildungssystem meiner Wahl einfügen würde, so wie ich – wenn auch nur gezwungenermaßen – mich in das deutsche Schulsystem eingefügt hatte. Warum war mir nicht gleich aufgefallen, dass da was nicht stimmen kann? Wo ich mich doch selbst in diesem System nie wohlgefühlt hatte. Klar, mein Ausbildungssystem war ja so viel besser als unser Schulsystem. War es ja auch. Nur – es war halt nicht das richtige für Finlay. Und da hat Finlay ein Weilchen gebraucht, um mir das zu erklären.
Vielleicht hat es mir trügerische Sicherheit gegeben, damals, in der Aufregung, jetzt endlich alles so machen zu können wie ich es möchte – nämlich „richtig“. Ich habe mir selbst vorgemacht, ich könnte weitgehend ohne Fehler auskommen. Ich hatte mir doch glatt eingebildet, mehr zu wissen als mein Pony. Und habe manchmal verpasst, mir die Zeit zu nehmen, darüber nachzudenken und hin zu schauen, was mein Pony wohl eigentlich für ein Pony ist. Hat ganz schön lang gedauert, bis Finlay sich durchgesetzt hatte.
Entschuldige, mein Finlay. Ich habe geglaubt, schlau zu sein und heute weiß ich, wie dumm das ist.
Duncan profitiert nun von Deiner unermüdlichen Arbeit, denn heute bin ich schlauer: ich weiß, wie dumm ich bin. Und ich habe zwei Menschen an meiner Seite, die mich immer wieder darauf hinweisen, dass es nicht nötig ist, die selben Fehler noch einmal zu machen. Diese beiden Menschen übernehmen jetzt Deinen Part, mein schöner Finlay, und stoßen mich immer wieder mit der Nase darauf, dass ich hinschauen muss, flexibel bleiben und mein Ausbildungssystem an mein Pony anpassen anstatt umgekehrt. Vielleicht flüsterst Du ihnen das ein, manchmal erinnern die beiden mich so an Dich, in der Art wie sie das sagen.

Zähmen, das ist für mich im ersten Schritt so etwas wie „kennenlernen“. Und das kann voller Überraschungen sein.
So hat Duncan mich in den letzten Wochen wieder und wieder überrascht. Dass er schreckfest sein würde, war zu erwarten – rassebedingt. Dass er gerne Abenteuer erleben möchte habe ich auch erwartet, das war ihm ja schon anzumerken und ein Grund für mich, ihn zu kaufen.
Was mich überrascht ist seine fast schon unheimliche Auffassungsgabe und sein strategisches Ausprobieren und lernen.

Neulich zum Beispiel:

Ich will mit Diego in der Halle etwas Bodenarbeit machen, aber die Ponys stehen alle da drin. Also muss ich nun alle Ponys rausschmeißen bis auf Diego und dann das sehr breite Tor schließen. Das birgt seine Tücken, denn die Ponys wollen keineswegs raus, die wollen Kekse und Aufmerksamkeit bekommen. Im Laufe der Zeit haben wir also etabliert, dass ich die Ponys mehr oder weniger einzeln raus schicke und die, die draußen sind, genau vor dem (noch offenen) Tor stehenbleiben, wo sie dann, wenn sie artig warten, einen Keks bekommen. Erst wenn alle draußen sind, die draußen sein sollen, mache ich das Tor zu. So geht es ganz gut. Problem: Duncan kennt offiziell noch kein Wartekommando (ich habe das bisher genau einmal gemacht, vor Wochen, und da bin ich immer nur schnell einmal um ihn rum gelaufen bis ich auch schon wieder da war und den Keks geben konnte.)
Von „ich stelle dich da ab, sage dir dass du warten sollst, rufe ein anderes Pferd gehe dann noch hin um es zu holen weil es trotz rufen nicht kommt und du stehst da und wartest geduldig auf deinen Keks“ sind wir noch meilenweit entfernt. Dachte ich. Aber da habe ich wieder die Rechnung ohne den Ritter gemacht!
Caruso steht neben ihm (der weiß wie es geht und macht es vor) und was soll ich sagen: Duncan wartet, lässt sich einen Keks geben, wartet wieder, lässt sich wieder einen Keks geben…. Er weiß ganz genau wie das geht. Wie Finlay es immer gemacht hat, so macht er es auch: kein Huf bewegt sich (das ist die Keks-Bedingung). Der Hals reckt sich in die Nähe des Kekses, der Kopf wird schief gelegt, die Lippe vorgestreckt, das ganze Pony ist eine einzige Ungeduld. Aber die Hufe stehen wie angewurzelt. Ich kann nur vermuten, dass er mal wieder einfach nachmacht, was er bei den anderen sieht.

Duncans „ich hab gewartet jetzt bring mir den Keks!“- Gesicht


Ich hingegen bin so baff, dass ich mich nachher nur schwer konzentrieren kann als ich mit Diego arbeite. Und seitdem wird mir immer ganz anders, wenn ich sehe, wie Duncan da steht und zuschaut, vor allem wenn ich mit Merlin Piaffe, spanischen Schritt und „steigen“ übe. Und wer weiß zu was für Gelegenheiten er noch „mit den Augen klaut“. Denn es ist zwar von Vorteil, wenn er sich viele gute Sachen abschaut, aber spanischen Schritt und Steigen darf er gerne noch ein paar Jahre weglassen – bis ich ihn gut genug kenne für so einen Quatsch. Wenigstens bin ich jetzt gewarnt und kann – wenn plötzlich unerwartete Verhaltensweisen auftreten – erstmal überprüfen ob er sich das wohl irgendwo abgeguckt hat. Es stimmt schon: in mindestens zwei Situationen hatte ich bei Finlay auch eindeutig den Eindruck, er hätte sich etwas abgeschaut. Allerdings waren seine Nachmach-Versuche immer geprägt von Zufälligkeit, so wie ich es von den meisten Tieren kenne. Man probiert halt mal so herum. Bei Duncan hingegen habe ich das Gefühl, es gibt ein festgelegtes Testprotokoll, und das macht ihn so schnell und erfolgreich beim Lernen. Er probiert nicht nur das gewünschte Verhalten, er probiert – so mein Eindruck – auch gezielt das Gegenteil um herauszufinden, welche Konsequenzen das hat. Wenn die Antwort meinerseits nicht ganz eindeutig ausfällt, steigert er das Verhalten (in beide Richtungen) bis er genau weiß, was Sache ist. Wenn er sich dann auskennt, zeigt er zuverlässig das gewünschte Verhalten (es sei denn natürlich er hat gute Gründe das nicht zu tun. Langeweile zum Beispiel). Dieses „Gegentesten“ ist neu für mich. Manchmal wird mir Angst und Bange. Wo ich doch neulich erst wieder meiner Schülerin erklärt habe, dass das Erarbeiten eines guten Lernverhaltens ja erst mal Zeit in Anspruch nimmt. Manchmal gehen Jahre dafür drauf, bis das Pferd ein Lernverhalten im Zusammenhang mit uns Menschen entwickelt hat, das uns schnelle, saubere Kommunikation ermöglicht.
Duncans Lerntaktik ist jetzt schon ausgefeilter als die vieler erwachsener Pferde. Um Himmels willen, wo soll das hinführen, wenn er mehr Erfahrung hat?

Nun, wir werden sehen. Das kleine, gut gölte, PS-starke Maschinchen zwischen seinen Ohren läuft jedenfalls Tag für Tag auf Hochtouren. Er beobachtet mich und zieht seine ganz eigenen Rückschlüsse – wie viel er von diesen Rückschlüssen preis gibt und wie viele er für sich behält, weiß ich nicht. Und ich beobachte ihn, mit zunehmendem Vergnügen, und bin froh, dass ich so ein tolles Pony gefunden habe und dass die Verrücktheit, ihn zu kaufen, sich als echter Glücksfall entpuppt.
Ein Pferd kaufen ist ein bisschen wie ein Blind Date, sagt meine Freundin. Und recht hat sie. 15 Minuten habe ich mit Duncan verbracht und dann habe ich mich entschieden. Von Kennen kann da ja keine Rede sein. Es ist ein Sprung ins Wasser – und man hofft, dass es nicht allzu kalt ist.

Je mehr (verrückte) Sachen wir probieren desto besser lernen wir uns kennen.

Danach kommt dann die eigentlich spannende Zeit: die Zeit des Zähmens.
Im kleinen Prinzen wird Zähmen als Einbahnstraße beschrieben: „bitte… zähme mich!“ sagt der Fuchs. Aber ich möchte widersprechen. Wenn zähmen bedeutet, sich vertraut zu machen, dann muss es von beiden Seiten kommen. Duncan macht sich mit mir vertraut, indem er mich beobachtet und Verhaltensweisen ausprobiert und ich mache mich mit ihm vertraut – indem ich ihn beobachte und Verhaltensweisen ausprobiere.

„Man kennt nur die Dinge, die man zähmt“ sagte der Fuchs (eine etwas unglückliche Übersetzung, denn weder Duncan noch ich sind „Dinge“, aber was soll’s.)

Zähmen braucht Zeit, aber auch Offenheit und den Mut, nicht vorwegzunehmen, was jetzt passieren könnte oder sollte, sondern hin zu schauen was tatsächlich passiert. Finlay hat mir das in aller Deutlichkeit erklärt, und jetzt habe ich die Chance, es besser zu machen als vor 9 Jahren. Duncan hingegen ist ein Naturtalent, was das Zähmen angeht, und hat mich bereits sehr gut durchschaut, scheint mir…

Richtigstellung

Liebe Freunde und Bewunderer,

es ist wohl an der Zeit, dass ich mich wieder einmal direkt bei Euch melde. Mir scheint, mein Mädchen stellt doch viele Dinge recht einseitig dar…

Inzwischen haben sich hier ein paar Routinen ergeben. Mein Mädchen ist da recht verlässlich.

Jeden zweiten Sonntag im Monat zum Beispiel stellen sie mich an die Stallwand. Dann muss ich da gaaaaanz nah ran und gaaaaanz stillstehen. Während der Mann mir die Wasserwaage auf den Widerrist drückt, gibt mein Mädchen mir einen Keks und erzählt mir, dass ihr Papa das auch immer mit ihr gemacht hat. Dann hat sie immer extra gerade gestanden und ein bißchen nach oben gedrückt, damit sie größer aussieht. Und genau wie ihr Papa immer Striche an die Kellerwand gemacht hat, macht der Mann Striche an die Stallwand. Naja, genau genommen ist da bisher erst ein Strich. Weil ich nicht gewachsen bin seit sie das das erste Mal gemacht haben. Diesen Monat war das dritte mal Messen und ich bin einfach nicht gewachsen. Mein Mädchen sagt, ich soll mich sputen, aber große Taten müssen eben gut vorbereitet werden! Ein bißchen ungeduldig ist sie ja schon.

Erstmal steht ja nun der Fellwechsel an. Mein Mädchen ist schon ganz gespannt, welche farblichen Überraschungen ich für sie parat halte. Sie wühlt manchmal in meinem Fell und versucht zu sehen was darunter zum Vorschein kommt. Aber wehe ich wühle in ihrem Fell! Dann sagt sie mir nach, ich würde nach Keksen suchen. Dabei will ich nur auch mal wissen, wie sie darunter aussieht! Ich bin halt auch neugierig, wie ihr Sommerfell sein wird!

Mit Diego dem Großen erkunden wir regelmäßig unsere Ländereien. Dazu gehört auch etwas, das die Menschen „Dorf“ nennen. Das heißt, da stehen ganz viele Häuser ganz nah nebeneinander und jedes hat einen anderen Gartenzaun. Und auf der anderen Seite fahren Blechkisten an mir vorbei. Das war am Anfang ganz schön viel, ich musste doch alles im Auge behalten! Man weiß ja doch nie, wer gleich mit gezogenem Schwert hinter einem Busch hervorspringt! Diego der Große hat da gar nicht drauf reagiert. Er trägt sein Haupt stolz erhoben und beachtet niemanden außer seinem Menschen. Ich hab mir das ein paar mal angeschaut. Dann hat mein Mädchen angefangen, mir im Dorf öfter mal zu sagen, ich soll stehenbleiben. Und dafür gab es einen Keks. Und dann hab ich das irgendwie doch wichtiger gefunden als die Feinde hinter den Gartenzäunen. Jetzt gehe ich auch erhobenen Hauptes durchs Dorf und beachte niemanden. Außer den Keksen.

Ehrlich gesagt glaube ich auch, diese Gartenzäune und die Blechkisten können gar nicht mit dem Schwert umgehen. Das sind gar keine würdigen Gegner für einen Kampf.

Einen neuen Spaziergehkumpel habe ich jetzt auch, der wohnt bei uns nebenan. Das ist der einzige hier, der eine eigene Stute hat. Ich beobachte die beiden immer, wenn sie ganz verliebt sind. Muss ja was lernen… aber das führt hier zu weit. Jedenfalls gehen wir jetzt auch mal mit dem und seinem Mädchen spazieren. Der Typ ist ein bißchen schräg drauf. Der schleudert dauernd mit dem Kopf und tanzt herum. Aber noch komischer sind die Wölfe die immer mitkommen. Die leuchten im Dunkeln und laufen immer um mich herum. Ich weiß gar nicht was ich davon halten soll. Mein Mädchen sagt, ich soll sie ignorieren aber da bin ich nicht so richtig gut drin. Es regt mich auf, die sind überall und ich würde sie gern verscheuchen!

Unsere neue Spaziergeh- Begleitung

Andere Sachen kann ich gut ignorieren. Die ganz großen von den Blechkisten im Dorf, vor denen mein Mädchen sich ganz doll fürchtet, kann ich prima ignorieren. Dann rede ich ihr immer gut zu und sage ihr dass das gar nicht gefährlich ist.

Überhaupt finde ich es hier nicht gefährlich. Dass Gartenzäune und Blechkisten harmlos sind, habe ich ja jetzt festgestellt. Und die Wölfe stören mich zwar, aber gefährlich sind die auch nicht das habe ich schon verstanden. Ich finde das hier alles ganz schön sicher in meiner Festung und auf meinen Ländereien.

Wir Ponys passen schließlich auch gut auf und wir haben auch wachsame Nachbarponys auf zwei Seiten, die uns dabei unterstützen.

Es ist wirklich recht komfortabel hier. Leider gibt es zu wenig Gras, mein Mädchen sagt, wir dürfen erst im Frühling wieder auf die schöne grüne Wiese. Ha! Das macht sie nur damit ich mein Fell schneller wechsle, um früher Gras essen zu dürfen! Aber da lasse ich mir nicht reinreden.

Eine Sache ist da noch, die ich wirklich gar nicht verstehe. Wenn wir etwas unternehmen (was wirklich insgesamt zu selten der Fall ist), dann denkt mein Mädchen nachher immer, ich müsste müde sein. Weil die Strecke länger war oder neu oder weil irgendwas spannendes passiert ist. Warum denkt sie das immer? Warum sollte ich müde sein, wenn ich etwas interessantes erlebt habe? Das ist doch eher belebend und macht mir einfach nur gute Laune!

Das eine oder andere Mal habe ich schon versucht, ihr zu zeigen, dass ich noch nicht nach hause will. Bin auf dem Rückweg ganz langsam gegangen und am Briefkasten stehengeblieben. Trotzdem hat sie gemeint es sei Zeit nach hause zu gehen! Ich wette, sie ist einfach nur selbst müde. Wahrscheinlich sollte ich mehr Rücksicht auf sie nehmen. Sie hat schließlich nur zwei Beine und muss also doppelt so hart arbeiten wie ich um vorwärts zu kommen.

Ich will noch nicht nach hause!

Aber sie erzählt mir immer von Distanzritten und wie viele Kilometer sie reiten will, und dann macht sie nach einer Stunde schlapp? Naja, sie erwartet dass ich sie später trage. Mache ich gern, wenn ich groß bin. Würde ich jetzt auch schon machen, aber sie sagt ich bin zu klein und meine Knochen würden dann kaputtgehen. Ab und zu legt sie mir den Arm über den Rücken und beim Grasen hat sie sich schonmal an mir abgestützt aber sonst sagt sie, es reicht wenn ich mich selbst trage. Gut, aber dann soll sie halt fitter werden, denn lange mache ich das nicht mehr mit, diese Minirunden! Es muss doch mal was passieren, sonst ist das Leben doch viel zu langweilig!

Klar, ich spiele auch mit meinen Kumpels hier. Manchmal sogar mit allen gleichzeitig. Aber ich brauche einfach auch immer was neues! Ab und zu schleppt sie mal so Sachen an. Regenschirm und Fußball, Plane und Matratze und was sie da nicht alles hat. Ok. Ganz interessant – für 5 Minuten. Und dann? Dann lacht sie immer und fragt mich, wie sie mich wohl bei Laune halten kann. Rausgehen, mein Mädchen, rausgehen! Und komm mir nicht mit schlechtem Wetter! Nur weil Dein Winterfell so schlecht ist.

Manchmal zeige ich ihr, was in mir steckt. Wenn ich im vollen Galopp einmal den Rundlauf um die Koppel entlang rase findet sie das beeidruckend. Aber wenn ich beim Spazierengehen mal ein bißchen Tempo machen will findet sie es plötzlich blöd und meint, ich sollte nicht am Strick ziehen. Mensch, Mädchen! Du bist einfach zu langsam! Da sind wir schon wieder beim Thema Fitness, nicht wahr? Wieso darf sie überhaupt das Tempo vorgeben? Ich glaube darüber muss ich noch mit ihr sprechen.

Und die Sache mit den Keksen und dem Grasen leuchtet mir auch nicht ein. Ich mache was sie sagt und kriege was Feines, das verstehe ich. Aber dann mache ich das gleiche nochmal und plötzlich gibt es nichts? Nur weil sie es nicht gesagt hat? Aber es war doch trotzdem toll was ich gemacht habe! Und meistens, wenn ich mir die größte Mühe gebe, lacht sie noch über mich! Wenn ich nicht so ein netter Kerl wäre…..

Na, ich muss ihr wohl zugute halten dass sie immer sehr viel leckeres Essen für mich bringt. Also stelle ich mich besser gut mit ihr, nicht dass sie am Ende damit aufhört! Und sie krault mich auch oft ganz lieb. Das mag ich gern, vor allem an den Stellen an denen mich sonst niemand krault. Hinter den Ohren, aber auch am Po und am Oberschenkel mehr so innen. Ihr wisst schon – da wo es schon fast unanständig wird. Dann sagt sie, mein Po sei schon ganz schön knackig. Bin halt ein starker Ritter!

Neulich hat der Mann mit mir gespielt. Da haben er und sein Mädchen wieder gestaunt wie gut ich das alles kann. Ich finde das nicht schwer. Ich schau einfach genau hin, dann überlege ich kurz und dann ist doch klar wie die Aufgabe zu lösen ist! Was die immer für ein Getue machen um diese Kleinigkeiten.

Einen Huf nach dem anderen hat er gesagt. Kann ich.

Der Mann ist auch echt ok. Ich glaube er ist hier der Leithengst. Diego der Große sagt, wenn man irgendwelche unlösbaren Probleme hat, geht man zu ihm und er hilft einem dann. Da war mal so eine Geschichte mit einem Monster auf der Weide – das muss ich mir nochmal in Ruhe erzählen lassen. Jedenfalls hat der Mann da endgültig bewiesen dass er es einfach richtig gut drauf hat uns zu beschützen. Wie gesagt: es ist sehr sicher hier.

Etwas ganz wichtiges, liebe Freunde und Bewunderer, muss ich Euch noch sagen: Ihr seid super! Ich bekomme von Euch so viele Geschenke und Aufmerksamkeit, das ist einfach der Wahnsinn! Macht ruhig weiter so! Mein Mädchen hat gesagt, dass ich demnächst sogar Modell stehen darf. Da bin ich mal gespannt. (Hoffentlich heißt das nicht, dass ich wirklich die ganze Zeit stillstehen muss!) Vielleicht gibt es dann ein meisterliches Porträt auf Leinwand von mir? Wir werden sehen!

Aber jetzt, liebe Freunde und Bewunderer, muss ich wieder los. Irgendwas erleben! Mal sehen was mir da heute so einfällt. Lebet denn wohl bis zum nächsten Mal!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Die Leichtigkeit des Seins

Ich sitze am Fenster und starre gebannt nach draußen, wo Sturmtief „Sabine“ sich noch etwas auslässt. Das schlimmste ist vorbei, aber es ist noch recht windig und gelegentlich prasselt der Regen waagrecht ans Fenster. In den trockenen Zeiten jedoch findet vor meinen Augen ein nie dagewesenes Schauspiel statt und ich bin völlig fasziniert: Diego spielt.

Diego ist nun seit über 7 Jahren bei uns.

Arnulf hatte beschlossen, dass er ein eigenes Pferd haben möchte und auf einem Kurs sahen wir Diego. Es hat sofort gefunkt und tatsächlich stand Diego zum Verkauf!

Arnulf und ich fuhren also hin um ihn anzuschauen und Arnulf hatte sich vorgenommen, etwas mit Diego zu üben was der (wahrscheinlich) noch nicht kennt, weil er wissen wollte, wie Diego auf unbekannte Anforderungen reagiert. Ich unterhielt mich mit der Besitzerin am Rande des Reitplatzes und schaute nur gelegentlich wie Mann und Pferd vor einer Stange standen und Arnulf versuchte, Diego dazu zu bringen, einzelne Füße über die Stange zu nehmen und dann jeweils stehenzubleiben. Plötzlich hörte ich lautes Lachen – in diesem Moment war mir klar, dass Diego bei uns einziehen würde. Ich selbst musste auch herzhaft lachen als ich hochschaute und sah, dass Diego sich meisterlich mit beiden Vorderhufen AUF die Stange gestellt hatte, dort angestrengt balancierte und Arnulf mit einem Blick anschaute der eindeutig sagte „jetzt hab ich es! DAS wolltest Du!“

Diego wurde also Arnulfs Pferd und zog hier ein. Bei der Vorbesitzerin kam er in der Herde überhaupt nicht klar, wurde gemobbt und ließ sich mobben. Mit Merlin verstand er sich aber sofort gut und dann waren hier noch die zwei Shettys die ja eh kaum ernstgenommen werden. Merlin war damals hier der Chef (und was für ein schlechter! Er ist dafür wirklich total ungeeignet. Er möchte viel lieber hinter jemandem herlaufen können und die Verantwortung abgeben.)

Nach einem halben Jahr, in einer Winternacht, hat sich das gedreht. Ich kam in den Stall und plötzlich war Diego der Chef! Und Merlin hatte tüchtig Respekt vor ihm. Ich hatte die beiden vorher nie streiten sehen und weiß bis heute nicht, was da wohl vor sich ging. Seitdem jedenfalls ist Diego hier Herdenchef und er macht das wirklich gut. Er ist souverän, großzügig und freundlich und kann vor allem in gefährlichen Situationen sehr gut Sicherheit vermitteln. (Wenn er es einmal nicht kann, holt er Arnulf zu Hilfe, aber das ist eine andere Geschichte).

Nur eine Sache hat Diego noch nie getan: spielen. Als Finlay mit 2 Jahren hier einzog war ich eigentlich der Meinung, das wäre der perfekte Spielpartner für Diego. Aber Finlay hat mit Merlin und Caruso gespielt, später vor allem mit Gatsby (Schotten unter sich). Bei Diego hat er mal klitzekleine Ansätze gemacht, aber es hat nicht geklappt. Diego hat so einen Gesichtsausdruck mit angelegten Ohren, der jeden in die Flucht schlägt, obwohl Diego es in diesen Situationen wohl gar nicht so meint.

Sagte ich, er schlägt jeden in die Flucht? Nein, nicht jeden. Ein kleiner, mutiger, unbeugsamer Ritter lässt sich davon nicht beeindrucken. Weil Diego vorne zu fies guckt um sich ran zu wagen, kommt Duncan eben erst mal von hinten. Da wird herzhaft gekniffen bis Diego sich umdreht und spielerisch antwortet. Dann saust der Ritter erstmal eine Runde um den Großen herum und kommt wieder von hinten.

Bei den ersten Versuchen wirkt Diego unsicher und angestrengt. Als wenn er gar nicht so recht wüsste wie das geht: Spielen. Aber Duncan gibt nicht auf. Er kommt wieder und wieder, wann immer sich die Gelegenheit ergibt.

Und die beste Gelegenheit ist eben jetzt: wegen des Sturms haben wir den Rundlauf um die Weide gesperrt, falls Äste auf den Zaun fallen. Der Paddock ist also deutlich kleiner als sonst. Und wegen des Regens, den die Ponys dann so ab 60 Grad Seitneigung auch nicht mehr lustig finden, stehen sie viel drin. Aber wenn es dann mal nicht regnet, dann merkt Duncan, dass er viel Energie übrig hat und die muss jetzt irgendwo hin.

Und so sitze ich am Fenster und staune, wie Diegos Bewegungen sich nach und nach verändern. Sein Gesicht wird weicher, seine Bewegungen werden runder, er fängt an, Gefallen an der Sache zu finden. Er probiert aus, was man da so alles machen kann: einfach mal in die Luft springen, mit dem Vorderhuf nach vorne schlagen, hinten hochhüpfen und natürlich hauptsächlich mit weit aufgerissenem Maul nach dem kleinen Zwerg haschen. Der Zwerg läuft immer um Diego herum, zwickt ihn hier und da und steigt ihn schließlich immer wieder an. Zu meinem Erstaunen lässt Diego sich sogar gefallen, dass Duncan die Vorderhufe auf ihm ablegt!

Duncan zeigt Diego die Leichtigkeit des Seins und der spielerischen Kommunikation. Und Diego zeigt mir etwas, womit ich in letzter Zeit sehr zu kämpfen habe: den Mut, eine neue, andere und vielleicht in Teilen sogar bessere Beziehung einzugehen.

Ich tue mich so schwer damit, ich kann es kaum aufschreiben. Aber ich glaube, Duncan ist vielleicht ein besserer Freund für Diego als Finlay es je war. So jetzt ist es raus.

Finlay war Diegos Baby. Wenn Diego sich hingelegt hat, hat Finlay sich auf Tuchfühlung daneben gelegt. Manchmal war Diego sehr genervt, weil Finlay so nah lag, dass er seine Beine nicht ausstrecken konnte. Diego war Finlays Papa, sein Beschützer und sein Held. Finlay konnte auch immer mal ganz gut die anderen ärgern und sich dann hinter Diego verstecken.

Ich konnte mir keine bessere Freundschaft vorstellen und manchmal packte mich das Grauen, bei der Vorstellung dass der 8 Jahre ältere Diego selbstverständlich der erste von beiden ist der stirbt. Und Finlay würde dann fast sein ganzes Leben mit Diego verbracht haben und plötzlich ohne ihn sein müssen.

Im Leben hätte ich natürlich nicht geglaubt, dass Finlay zuerst geht! Aber als er tot war, dachte ich, es zerreißt mich, als ich Diego gesehen habe. Sein Ziehsohn, sein Baby, einfach weg. Diego war lange Zeit still. Nichts auffälliges, weltbewegendes. Aber er war stiller als sonst. Er war nicht ganz gesund und er wirkte sehr einsam auf mich.

Und jetzt ist da Klein-Duncan. Und so klein und jung er auch ist: er begegnet Diego anders. Er hat keine Angst vor ihm. Er bewundert ihn, aber er braucht ihn nicht als Beschützer. Sie begegnen sich – so mein Eindruck – sehr viel mehr auf Augenhöhe. Schon oft habe ich beobachten können, wie Duncan neben Diego steht und aufpasst, während Diego schläft. Und während Duncan fast den ganzen Tag damit beschäftigt ist, Diego zu folgen wie ein kleiner Schatten und ihm alles nachzumachen, wirkt er doch (wie es eben bei ihm immer so ist) nicht wie ein Baby. Im Gegensatz zu Finlay, der auch mit 8 Jahren noch Diegos Baby war – inklusive Fohlenkauen. Duncan sieht in Diego vielleicht eher einen Lehrmeister. Und eben etwas was noch keiner in Diego gesehen hat: einen Spielkameraden.

Und Diego scheint nicht zu vergleichen. Es macht ihm nichts, dass die Beziehung zu Duncan anders ist als die zu Finlay. Vielleicht hat er ja (wie ich) aus der Beziehung zu Finlay auch gelernt, vielleicht hat er die Zeit mit Finlay gebraucht um seine Mobbing-Erfahrungen abzulegen und sich sicher zu sein, dass niemand hier ihm etwas böses will. Vielleicht hätte es vor 7 Jahren mit Duncan auch nicht geklappt. Für Diego spielt das keine Rolle. Er lässt sich hier und jetzt auf Duncan ein. Er vergleicht auch sich selbst nicht mit dem selbst von damals. Er lernt und entwickelt sich und ist heute so, wie er heute ist, egal was früher war.

Nur ich, ich kämpfe damit. Ob Dinge mit Duncan leichter und besser klappen dürfen als mit Finlay. Ob ich mir erlauben kann, zu sagen „er kann das besser als Finlay“. Ob ich lernen kann, dass das meinen geliebten Finlay nicht abwertet, dass der nur einfach andere Qualitäten hatte. Natürlich werden auch noch Momente kommen, wo ich sage „das konnte Finlay besser“ oder „das war mit Finlay einfacher“. Und ob ich mir erlauben kann, dass es mir leichter fällt, Duncan auszubilden als es mir bei Finlay fiel – weil ich mehr Erfahrung habe, weil ich selbst gelernt habe und gewachsen bin. Darf es einfacher sein?

Arnulf schrieb mir einmal „Duncan ist das beste Highlandpony der Welt“. Das war so einer dieser Momente…. Was? Das beste Highlandpony der Welt, das war doch immer Finlay. Aber Finlay ist jetzt wohl das beste Highlandpony im Himmel…..

und natürlich müssen wir Pferdebesitzer wohl immer auch akzeptieren dass die Lebensspanne unserer Pferde kürzer ist als die unsere und dass es wahrscheinlich ist, dass nach dem jetzigen Pferd noch eines kommt. Wenn Merlin eines Tages (hoffentlich in ferner Zukunft) zu Finlay geht, dann wird es sicher noch einmal ein Nachwuchspferd für mich geben. Und sicher wird dieses Pferd „besser“ sein als Merlin, weil ich weniger Fehler machen werde. Aber Finlay hat mich eben so früh verlassen, so ungeplant. Ich war noch gar nicht fertig damit, ihn auszubilden. Eigentlich ist man das nie, aber wenn mein Merlin sich doch irgendwann dem Alter beugen muss, dann ist eben Schluss mit Ausbildung. Dann genießen wir den Rest unserer Zeit mit sinkendem Leistungsanspruch. Und so ist er dann eben doch „fertig“ ausgebildet. Finlay war das nie. Finlay sollte noch 20 Jahre lang mit mir zusammen besser werden. Und das macht es für mich so schwer, zu akzeptieren, dass Duncan „besser“ wird, wahrscheinlich „besser“ als Finlay es je war, je werden konnte.

Viele meiner Schüler haben „gebrauchte“ Pferde. Pferde, die schon einiges erlebt haben. Auch Diego, Merlin und Caruso sind mit „Gepäck“ bei uns eingezogen.

Duncan hingegen ist unverbraucht. Ich bin hier diejenige, die mit „Gepäck“ in die Beziehung startet. Es ist ein bißchen verkehrte Welt, dass mein kleiner Jährling mit all meinen seelischen Problemen umgehen muss. Denn machen wir uns nichts vor: natürlich nimmt er das wahr. Er ist ja auch nicht blöd und wenn ich heulend neben ihm herlaufe weil mich etwas an Finlays letzte Stunde erinnert hat, dann merkt er ja, dass ich nicht „Frau der Lage“ bin.

Das erstaunliche ist: er kommt damit zurecht.

Als ich ihn hier her geholt habe, hatte ich mir das ja alles ganz anders vorgestellt. Ich dachte, er steht hier das erste halbe Jahr nur in der Herde, wir machen Freedom Based Training und ich gehe einfach weg wenn es mir zu schlecht geht um mit ihm zu arbeiten. Aber er will mehr und er ist bereit, dabei hinzunehmen dass es diese Momente bei mir gibt. Diese Augenblicke, in denen ich in der Hölle bin und er mehr auf mich aufpasst und mich auffängt als ich auf ihn.

Und er ist stark genug das auszuhalten. Er ruht gut genug in sich – klein wie er nunmal ist – um mich aufzufangen in diesen Momenten. Ich wollte das nicht, wollte den Zwerg nicht mit meiner Vergangenheit belasten. Aber da er so ist wie er ist, passiert es nun doch. Und vielleicht ist es eine Illusion dass es anders gegangen wäre. Vielleicht hätte er es sowieso mit getragen auch wenn ich nicht so viel mit ihm machen würde. Einfach weil er da ist.

Und weil er nur da ist, weil Finlay nicht mehr da ist. Er hat nunmal einen „gebrauchten“ Menschen erwischt…

Duncan tut das für mich, was wir für unsere Pferde getan haben und wobei wir unzähligen Schülern und ihren Pferden geholfen haben: Er hilft mir, zurückzufinden in die Leichtigkeit des Seins. Und ich hoffe, dass er in ein paar Jahren sagt: „Mein Mädchen hat am Anfang ganz schön Probleme gehabt, aber wir haben es hinbekommen und jetzt ist sie eine tolle Partnerin in allen Lebenslagen“

Und in der Zwischenzeit bringt er ganz nebenbei Diego auch noch das Spielen bei.

Was für ein feiner Kerl!

Umgangskultur

Ein unachtsamer Momente – Zack, liegt das Handy am Boden. „ach“ denke ich „die gute Outdoorhülle wird das abgefangen haben“.

Aber diesmal hat die Outdoorhülle versagt – vielleicht weil es Indoor passiert ist…. Jedenfalls ist das Display hell erleuchtet – zu hell – und das Handy ist nicht mehr ansprechbar.

In diesen Situationen bin ich meinem Mann Arnulf noch ein bißchen dankbarer für die Dinge die er für mich tut. Er greift zum Hörer und ruft den Telefonanbieter an. Es ist nämlich so, dass wir ein sehr ähnliches Szenario vor gut zwei Jahren hatten. Dabei mussten wir folgendes feststellen: unser Telefonanbieter geht stillschweigend von Jahr zu Jahr im Vertrag weiter. Nach 2 Jahren ist das im Vertrag inbegriffene Handy „abbezahlt“, wir könnten also entweder ein neues Handy bekommen oder in einen günstigeren Tarif wechseln. Früher wurde einem das auch mitgeteilt. Heute nicht mehr. Wenn wir unseren Vertrag nicht aktiv 3 Monate vor Ablauf kündigen passiert NICHTS, das heißt wir bekommen weder den günstigeren Vertrag noch ein Handy. Wir zahlen den teuren Vertrag weiter ohne Gegenleistung. Da wir uns in der Kündigungsfrist vertan hatten, sind wir da erneut reingefallen (schade wenn man blöd ist). Aber Arnulf weiß anhand der Erfahrung von vor 2 Jahren, wie es gehen kann: Er lässt sich am Telefon hartnäckig von einem zum anderen durchstellen, immer eine Stelle höher, bis er schließlich da ist wo er hin will. Und siehe da, nachdem man ihn vorher unfreundlich behandelt und ausgelacht hat, ihm gesagt hat, da könne man halt leider nichts machen so wäre der Vertrag nunmal, hat er plötzlich eine unglaublich nette Dame am Telefon, die dafür sorgt, dass ich sofort kostenlos ein neues Handy bekomme. Weil Arnulf in aller Deutlichkeit mitteilt, dass wir sonst sämtliche Verträge bei der Firma kündigen und dass er sehr genervt ist. Es scheint doch ein Interesse daran zu bestehen, Kunden zu behalten, sieh an.

Plötzlich geht das, was man uns in den „unteren Riegen“ des Kundenservice verwehrt mit dem Hinweis auf die Vertragsbedingungen. Nicht nur das: wir werden ausführlich und freundlich bei der Wahl des Handys beraten, die Dame rät uns sogar zu einem günstigeren Modell, weil sie findet, dass das teurere gar nicht besser ist sondern nur teurer und sie gibt uns noch einen kleinen Rabatt „weil das so blöd gelaufen ist“. Der Wandel ist erstaunlich. Hätte Arnulf nicht vor 2 Jahren buchstäblich STUNDEN am Telefon verbracht und gelernt, dass das der Weg der Wahl ist, hätten wir uns ganz schön geärgert.

Ich selbst bin recht schlecht in so etwas. Ich mag nicht streiten und drohen und kann gar nicht gut verhandeln. Arnulf dagegen war die ganze Zeit freundlich oder zumindest höflich, aber absolut deutlich, hat geschickt formuliert und gut verhandelt. (Und er ist wieder mal mein Held)

Als das geschafft ist, sitzen wir noch einen Moment zusammen und reden darüber, wie so etwas kommt und wie ätzend das ist, dass man anscheinend besser behandelt wird, wenn man seine Ellenbogen einsetzt und sich wichtig macht als wenn man freundlich und zurückhaltend ist. Dann stutze ich. Denke an so viele Pferde, von denen die Besitzer sagen „er braucht immer erst eine Ansage, dann geht plötzlich alles“.

Für harmoniesüchtige Menschen wie mich ist es eine Qual. Ich habe zwar auch mit Finlay und vielen anderen Ponys mal herzhaft gestritten und habe damit kein Problem, aber dann geht es um die Sache, um den Streit, das Klären von Kompetenzen. Danach ist man auch nicht plötzlich wieder (entschuldigt die Wortwahl) scheiß-freundlich. Man geht ein bißchen wutschnaubend auseinander und begegnet sich in Zukunft anders. Mal hat Finlay klein beigegeben, aber oft genug habe auch ich mein Verhalten in der Konsequenz geändert. Man findet Lösungen oder im schlechtesten Fall wenigstens einen Kompromiss. Man ist sich einig, dass man lieber freundlich sein möchte und Streit so weit wie möglich vermeidet. Oder man streitet mit dem pubertären Pony auch mal um des Streitens willen, das war bei Finlay gelegentlich Programm. Dann streitet man mit Spaß am Streit und ist sich bewusst, dass es mehr ein Spiel als ein echter Streit ist. So eine Art „Mensch-ärgere-Dich-nicht“.

Streiten, nur weil man vorher einfach nicht freundlich sein kann, das mag ich nicht.

Was den Telefonanbieter angeht, macht mir das Sorge. Das scheint die Geschäftskultur geworden zu sein: man versucht, den Kunden über den Tisch zu ziehen und wartet mal ab ob das gelingt. Wahrscheinlich verdient die Firma sich dumm und dämlich an all den braven Kunden, die gar nicht merken, wie sie ausgenommen werden. Und die, die es merken, anrufen und sich beschweren, werden in erster oder zweiter Instanz abgewimmelt. Wer boxt sich schon durch bis fast ganz oben? Ich persönlich würde das wohl nicht tun.

Aufmerksamkeit und „Leckerlies“ bekommt, wer sie sich holt.

Und leider beobachte ich, wie viele Menschen (ich auch viel zu oft) das selbe Verhalten unbewusst bei ihren Pferden kultivieren. Das funktioniert so:

Das Pferd macht alles toll. Es bekommt ein Lob.

Dann macht es alles nicht mehr ganz so toll. Es gibt eine Diskussion oder eine längere Erklärung, einfach etwas mehr Aufwand. Und nach einigen Minuten klappt es endlich. Und der Mensch ist so erleichtert, dass das Lob plötzlich viel größer ausfällt als davor. Oder es klappt nicht und der Mensch gibt auf. Macht etwas anderes (etwas was dem Pferd leicht fällt, was es gerade anbietet) oder hört auf mit ihm zu arbeiten.

Und manche Pferde erkennen das Muster: wenn ich mich ein bisschen anstelle, ein paar andere Sachen anbiete, mich bitten lasse, dich erst mal ignoriere, habe ich Chance auf ein größeres Lob, schnelleres Arbeitsende, weniger Anspruch. Wenn ich mich von vornherein engagiere, dann willst Du mehr und mehr und mehr.

Wie schnell sind wir an diesem Punkt. Wie oft muss ich selbst mich zusammenreißen im Kundenkontakt, nicht immer dem den Vortritt zu geben, der sich kurz vor knapp meldet, aber dann ganz wichtig und ganz dringend ist, während ich den geduldigen wieder mal verschiebe. So entsteht diese verkehrte Welt. Eine Welt, in der Rücksichtnahme und Freundlichkeit bestraft werden, in der man sich schließlich nur noch unter massivem Ellenbogeneinsatz behaupten kann. Eine Welt, in der man ein neues Handy bekommt, wenn man sich nur weit genug hochtelefoniert, aber wenn man nett ist zahlt man doppelt und dreifach.

Wir erschaffen jeden Tag die Kultur um uns herum. Mit unserem Pferd genau wie mit unseren Mitmenschen. Ich werde keinen direkten Einfluss nehmen können auf das Verhalten eines Telefonanbieters. Dahinter stecken jene Leute, die sich mit ihren Ellenbogen bis ganz oben durchgearbeitet haben. Die werden meinen Blog kaum lesen und sich sicher nicht dafür interessieren eine andere Kultur zu erschaffen, denn für sie funktioniert das ja alles wunderbar (bis einer kommt und sie mit ihren eigenen Waffen schlägt). Aber im Kleinen kann ich verhindern, dass es so wird. Und auch bei meinen Pferden kann ich darauf achten, einen anderen Umgang zu pflegen: je friedlicher und engagierter Du bist, desto mehr komme ich Dir entgegen. Es erfordert viel Aufmerksamkeit, das so wahrzunehmen. Allzu oft sind wir, wenn es gut läuft, mit anderen Sachen beschäftigt. Beim Spaziergang fangen wir an zu schnacken oder zu träumen. Wenn unser Pferd auf dem Reitplatz beim Aufwärmen perfekt arbeitet, denken wir an die nächst-schwerere Lektion. Das artige Pferde, mit dem kann man es ja machen: zu spät zum verladen kommen und dann in Hektik sein, auch mal unaufmerksam sein, sich nebenbei vielleicht um das zweite Pferd kümmern, dass man in der anderen Hand führt, und das nicht so artig ist. Das Pferd kurz warten lassen, Nachbars Kinder eine Runde reiten lassen oder oder. Das artige Pferd werden wir oft automatisch viel mehr ausnutzen als dasjenige, was auf den Putz haut, wenn ihm was nicht passt. Bis das artige Pferd dann vielleicht doch mal die Nase voll hat, denn eigentlich sollte ja dieses artige Pferd viel mehr Aufmerksamkeit und Lob bekommen als die anderen, sollte noch feiner und freundlicher behandelt werden, ein paar Privilegien haben und immer und jederzeit Anerkennung für seine Leistungen erhalten.

Aber damit tun wir uns schwer, denn es erfordert Aufmerksamkeit, zu merken, dass etwas NICHT passiert. Merken wir, wenn unser Pferd NICHT hampelt, NICHT glotzt, NICHT an uns herumzuppelt? Unsere Pferde beobachten uns. Sie sehen all diese kleinen Zusammenhänge, die wir so oft gar nicht bemerken.

Duncan macht das sehr deutlich, wenn er unbedingt grasen will auf dem Spaziergang. Er geht sooo lieb neben mir her. Dann schaut er mich auffordernd an. Wenn ich darauf nicht reagiere, probiert er aus: ein Stückchen antraben, ein kleines bißchen nach vorne traben, dann anhalten, mich anschauen. Er möchte gern etwas tun und dann dafür grasen dürfen und das ist eben sein Angebot (weil wir traben geübt haben). Wenn das nicht klappt: zum Gras ziehen. Ziehen, ziehen, ziehen, dann plötzlich super brav und artig neben mir hergehen, ganz betont und nach ein paar Sekunden kommt wieder dieser Blick. Das Ziehen diente nur dazu, meine Aufmerksamkeit dahin zu lenken, dass er danach artig ist! Ich bin unartig, dann bin ich artig, dann belohnst Du mich. Wenn ich gleich artig bin, klappt das anscheinend ja nicht. Vorsicht, wenn ich das kultiviere, habe ich bald ein Problem! Gleich artig sein muss sich immer MEHR lohnen als erst Blödsinn machen und dann betont rumstrebern. Aber machen wir uns nichts vor: für uns Menschen ist das eine Mammutaufgabe.

Dagegen ist ein neues Handy einrichten fast schon eine Kleinigkeit…

Schach

Wir gehen spazieren. Duncan ist – wie immer – hungrig. Obwohl wir immer dafür sorgen, dass er vor dem Spaziergang ordentlich Heu hatte. Egal.

Duncan zieht also an den Rand zum Gras. Dann versenkt er – im Gehen – den Schnorch in die dicke Laubschicht und findet – im Gehen – dort irgendwelche Kleinigkeiten zu essen. Tja, das war nun nicht mein Benehmensplan. Ich bin am Zug.

Ich fordere ihn auf, die Seite zu wechseln. Macht er auch gut und kann dann logischerweise nicht mehr weiter futtern. Er ist am Zug.

Er wiederholt das Spiel, ich wiederhole das Spiel.

Dann denkt er sich eine neue Taktik aus. Er bleibt stehen und pinkelt. Dafür gibt es ja manchmal einen Keks. Allerdings wenn überhaupt nur beim ersten Mal. Er hat auch schon mal versucht, sich nur so hinzustellen als müsste er, ohne dass wirklich was kommt, und mich auffordernd anzuschauen. Nein, Du Ritter meines Herzens, so wird das nichts.

Also wechselt er wieder die Strategie: er bleibt stehen und schaut gedankenversunken in die Ferne. Er darf das, das weiß er. Ich bleibe mit ihm stehen, wir schauen. Dann meint er, ich wäre so mit schauen beschäftigt, dass ich gar nicht merken würde, wenn er zum Fressen übergeht. Ha! Dafür kenne ich zu viele Ponys, mein Freund!

Nun will ich ihm ja das Gras gar nicht verwehren, im Gegenteil. Da er Spaß haben soll, rauszugehen, suchen wir schon immer wieder schöne Grasplätze auf. Denn das ist ja eine der natürlichsten Verhaltensweisen für Pferde: loslaufen um Futter zu finden.

Also gebe ich ihm die Chance, sich seine Graspause fair zu verdienen. Ich bleibe stehen und sage „hoo“ das kennt er. Er hat aber nicht aufgepasst und geht 2 Schritte zu weit. Tja, Pech. Dann gehen wir eben weiter. Nach ein paar Metern wiederhole ich das Kommando, Duncan rammt die Füßchen in den Boden und darf prompt zur Belohnung grasen.

Das Spiel wiederholen wir ein paar mal in unregelmäßigen Abständen. Und schon ist Duncan wieder am Zug und denkt sich etwas neues aus. „hoo“ – er stoppt und bedient sich dann sofort ungefragt am leckeren Grün. Moment mal! So war das ja nun nicht … „ich hab das richtig gemacht, also darf ich essen“ sagt er mit vollem Mund und grinst mich an.

Ich bin am Zug.

Nix, Kollege, so machen wir das hier nicht. „hoo“ – er stoppt. Er ahnt etwas, liest heimlich schon wieder meine Gedanken, kommt aber nicht gleich drauf. Er versucht gar nicht erst, zu fressen, er weiß, dass ich das nicht zulassen würde. Aber was könnte ich wollen? Dann schaut er mich an. Feiner Bub! Jetzt darf er es sich schmecken lassen.

Er ist am Zug.

Er versucht, vorab schon mal auszusuchen, wo er essen möchte. Da es nicht geklappt hat, mich zum Gras zu ziehen, versucht er es jetzt mit schieben. Er läuft oft weit vorn, ich so auf Höhe seiner Flanke, das nutzt er jetzt aus und will mir den Weg abschneiden. Als ich mein Seil kreisen lasse um meinen Raum einzufordern, interpretiert er das flugs als Stopp-Signal und wechselt dann zügig hinter mir die Seite um dem Gras schon mal näher zu kommen. So ein Raubritter! Aber auch dieses Spiel probiert er nicht mehr als dreimal. Klappt ja doch nicht.

Langsam dämmert ihm jedenfalls, dass es zwei Arten gibt, mit mir spazieren zu gehen. Die eine, bei der er am langen Strick auf der Seite seiner Wahl im Tempo seiner Wahl geht, sich die Welt anschauen und beliebig seine Position zu mir wechseln darf. Und die andere, bei der ich den Strick recht kurz habe und ihm sage, auf welcher Seite in welchem Tempo er zu gehen hat, weil er nicht in der Lage ist, sich am langen Strick auf eine in meinen Augen anständige Art und Weise zu benehmen. Versuche wie drängeln, zum Gras ziehen, ungefragt antraben, nach mir schnappen oder das Begleitpferd ärgern führen zu dieser unangenehmen Art des gemeinsamen Gehens.

Er soll ein Gefühl dafür bekommen, dass das Leben mir mir sehr viel angenehmer ist, wenn er sich an meine Regeln hält (genau wie es auch in der Herde läuft). Im Moment ist er allerdings noch recht erstaunt, dass sein Mädchen tatsächlich auch mal sauer werden kann. Das kennt er ja noch gar nicht – bisher habe ich alles ausgesessen und so wenig gemaßregelt wie es irgend ging. Jetzt stellt er fest: sowohl ein Strick hat ein Ende (und das habe ich in der Hand) als auch mein Geduldsfaden – mag er auch lang sein. Und die beiden Enden stimmen sogar oft recht genau überein…

Inzwischen sind wir zu hause angekommen. Diese Partie geht an mich. Und zum ersten Mal überhaupt habe ich das Gefühl, er hat doch mal so viel nachgedacht, dass er ansatzweise ein ganz kleines bißchen müde ist. Aber nicht lang…..

Ich bin gespannt, wie er nun mit diesen neuen Erkenntnissen umgeht. Ich denke an meinen Finlay, der mit dem größten Vergnügen Regeln bewusst gebrochen und Grenzen mit einem Grinsen überschritten hat um sich dann mit mir streiten zu können – zumindest in der Pubertät. Später hat er sich immer ganz exakt am Rande dieser Grenzen aufgehalten, immer ganz knapp davor, ein Tanz auf Messers Schneide (und er konnte das perfekt!) Noch später hatte er elegantere Wege entdeckt um seinen Willen zu bekommen. Momentan nehme ich an, dass Duncan diese eleganteren Wege früher entdeckt, weil er nicht gern streitet, aber wie immer kann ich mit diesen wilden Vermutungen auch total daneben liegen…

Am nächsten Tag verfeinert Duncan seine Taktik. Da er verstanden hat, dass es für ein zweites Mal pinkeln keinen Keks gibt, stellt er sich hin, pinkelt und nascht gleichzeitig an der Brombeere vor ihm. Das Gesicht hättet ihr sehen sollen! Diese Partie geht an ihn….

Und während Duncan Schach mit mir spielt, spiele ich mit ihm Mastermind. Kennt Ihr dieses schöne Spiel? Der eine steckt mit farbigen Steckern eine Reihenfolge. Der andere kann das gesteckte nicht sehen und muss die Farben erraten, indem er „Vorschläge“ steckt, die der erste dann bewertet.

Ich möchte, dass Duncan z.B. anhand der Futterschüssel versteht, worum es mir WIRKLICH geht. Nämlich nicht darum, dass er irgendwie rückwärts geht um sein Essen zu bekommen, sondern um generell anständiges Benehmen. Und das ist ja weitaus komplexer. Er soll lernen, Menschen nicht zu bedrängen, er soll verstehen, wann Menschen sich bedrängt fühlen (und das ist unterschiedlich, also muss er dazu Körpersprache gut lesen können), er soll ruhig und entspannt bleiben, auch wenn es essen gibt (ok. Den letzten Punkt habe ich noch bei keinem meiner Ponys erreicht…. Aber einmal ist immer das erste Mal! Sagen wir: er soll wenigstens so tun als sei er ruhig und entspannt!) und er soll flexibel auf die jeweilige Situation reagieren. Ganz schön anspruchsvoll! Und weil das alles natürlich nicht mal so eben schnell gelernt ist wie „rückwärts gehen wenn mein Mädchen die Schüssel hinter ihrem Rücken hat“, teile ich mir mein Verhalten jetzt gut ein.

Ich komme also mit den beiden Schüsseln für Merlin und Duncan in den Stall. Wie die Wegelagerer fallen beide über mich her, aber ich verteidige die Schüsseln mit Säbelrasseln. Merlin bekommt seine Schüssel als erster. Duncan versucht, seinen Schnorch in Merlins Schüssel zu stecken, Merlin meckert nur halbherzig und überlegt, ob es nicht einfach wäre, zu mir zu kommen und die zweite Schüssel zu nehmen. Also übernehme ich den Meckerjob und schicke Duncan von der Schüssel weg. Fast gleichzeitig rufe ich ihn „Duncan dhuuuuuu“ und nach dem dritten Mal scheuchen und rufen kommt er zu mir. Jetzt kommt es drauf an: ich will ihn ein paar Meter von Merlin weg führen, er läuft also hinter mir und der Schüssel her. Schafft er es, dabei nicht ganz so doll die Ohren anzulegen? Mich nicht zu schubsen, zu überholen oder wild mit dem Kopf zu schlagen? Schafft er es, anzuhalten, wenn ich stehenbleibe? Dann gibt es die Schüssel sofort.

Schafft er das nicht, dann muss er eben seine Schrittchen rückwärts machen bevor er essen darf.

Und wieder überrascht mein Ritter mich. Denn dass er es schnell VERSTEHT, daran hatte ich keine Zweifel. Dass er sich selbst allerdings so gut im Griff hat in seinem zarten Alter, das hätte ich nicht gedacht. Schon nach wenigen Tagen wird er deutlich ruhiger zur Schüssel-Zeit, fängt an, ganz brav stehenzubleiben und kultiviert etwas, was ich aus Versehen mit belohnt habe: das Wegschauen. All das macht er sehr viel ruhiger als vorher und so kriegt er ganz oft seine Schüssel ohne dass er rückwärts gehen muss.

Und auch an einem anderen Punkt zeigt er große Weisheit: wir sind zum ersten Mal mit Arnulf und Diego gemeinsam in der Halle und machen Bodenarbeit. Diego bekommt dabei Kekse – Duncan nicht. Als Duncan und ich gerade herumstehen und nichts weiter tun, bekommt Diego Kekse, laut raschelnd aus Arnulfs Tasche gezogen. Duncan schaut aufmerksam zu. Da ich gerade im Freedom Based Training bin, könnte er hingehen. Macht er aber nicht. Wir schauen beide. Und dann schaut Duncan mich plötzlich an. Der Blick – zu schade dass Ihr ihn nicht sehen könnt. Ein so absolut eindeutiger Blick kann irgendwie nur von einem Pony kommen. „Schau, mein Mädchen, so macht man das! Jetzt du!“ Ich habe ihm aber trotzdem keinen Keks gegeben.

Später allerdings, als er am Anbinder stand und wir die Hufe gemacht haben, da gab es tatsächlich spontan mal wieder einen, für absolut perfektes Geben und halten vorne rechts. So ist mein Keks-Plan: überraschend und unberechenbar und nur für extrem gute Leistungen.

So spielen wir beide unsere Spielchen. Und währenddessen hat Sir Duncan ja noch 4 andere Spielpartner, die er jetzt so richtig für sich entdeckt. Caruso nimmt er für kleine Boxkämpfe und Merlin fordert er jetzt immer mal auf zum „Ringelreihen“, bei dem sie sich umeinander drehen und in die Hinterbeine beißen, aber am meisten erstaunt mich, dass er sich an Diego ranmacht. Wir haben Diego jetzt fast 7 Jahre bei uns und er hat noch nie wirklich gespielt. Finlay hat es mal versucht, aber Diego hat – obwohl er es glaube ich nicht böse gemeint hat – so die Ohren angelegt, dass Finlay doch Angst bekommen hat. Duncan dagegen hat sich eine andere Taktik überlegt: er kommt nicht von vorne, sondern von hinten. Er kneift Diego ins Hinterbein und nagt ihn ein bißchen an. Und Diego lässt sich tatsächlich dann und wann auf ein kurzes Spiel ein! Ich bin gespannt, was sich da entwickelt. Mir scheint, das was Duncan da spielt, könnte eine Art Poker werden…..

Schöne Bescherung

„KEKSE! Du hast KEKSE in der Tasche! Ich rieche es ganz genau!“

„Duncan, könntest Du bitte… „

„KEKSE! Ich will diese KEKSE! Jetzt gleich sofort!“

„Duncan, ich möchte… „

„KEKSE! KEKSE! KEKSE! Sie sind da in Deiner Tasche! DA!! Gib sie mir! KEKSE!!“

„Es gibt jetzt keine…..“

„Sie sind da! KEKSE! Ich weiß doch dass sie da sind! KEKSE! Geh nicht weg! Ich lauf Dir einfach hinterher, Du musst mir diese KEKSE geben, jetzt sofort unbedingt!“

Er ist nicht ansprechbar. Sein Gehirn ist für nichts anderes zu haben. Kekse!

Es dauert lange, bis ich ihn so weit heruntergedreht habe, dass er mir einigermaßen zuhören kann. Er hat „vergessen“, dass er stehenbleiben soll wenn ich stehen bleibe. Er hat „vergessen“ dass es nichts nützt, in die Tasche zu beißen. Er hat „vergessen“, dass nur zuhören zum Erfolg führen könnte. Er hat auch „vergessen“ dass es in der Bodenarbeit gar keine Kekse zu holen gibt.

Bisher hat Duncan nur recht spärlich Kekse von mir bekommen. Beim Füttern habe ich ihm welche gegeben, als Zwischenlob für kleine gute Ansätze bevor er dann als Jackpot die Schüssel bekam wenn er komplett richtig rückwärts gegangen war.

Auch so hat er mal den einen oder anderen Keks bekommen, manchmal weil die anderen einen bekommen haben und er so nett gefragt hat (das dürfte so 3 mal der Fall gewesen sein), zweimal fürs Pinkeln auf dem Spaziergang, einmal für Hufe geben, ein paar in Folge für stehenbleiben während ich um ihn herum gehe.

Und dann war Weihnachten. Und Pony-Bescherung. Es gab hingeworfene Möhren zum selbst suchen und dann … ja dann gab es Kekse aus der Hand. Vor allem damit wir schöne Fotos bekommen. Und dieses eine Mal, diese eine Gelegenheit zu der es ungeplant und unverdient Kekse gab, die hat aus meinem sonst so entspannten, freundlichen Jährling ein kleines Monster gemacht. Eines von diesen Monstern, die nicht denken können, wenn sie etwas essbares wittern. Eines von diesen Keks-Krümel-Monstern, die nur das eine im Kopf haben und alles andere vergessen.

Diese eine einzige Gelegenheit hängt uns jetzt nach. Und ich habe wieder etwas gelernt.

Nun brauche ich einen neuen Keksplan. Ich möchte nicht mit vielen Keksen arbeiten, aber es gibt schon Stellen, an denen ich es als die einfachste, beste Methode empfinde. Zum Beispiel beim „warte“, mein Kommando für „bleib da stehen und bewege keinen Huf von der Stelle“. Es ist praktisch, wenn dieses Kommando so ins Pferdegehirn zementiert ist, dass das Pony einfach immer und überall so lange wartet, bis der Keks kommt. Und auch sonst bekommen unsere Ponys ja durchaus Kekse, aber eben nur für die besonders guten Leistungen, nicht pauschal bei dieser oder jener Übung und normalerweise auch nicht im Rahmen von positiver Verstärkung zum Formen von Verhalten (außer z.B. beim waschen im Intimbereich oder beim Zähne anschauen).

Aber Duncan weiß natürlich noch nichts von unseren Keksregeln und er stellt mich vor Herausforderungen, wegen seiner Eigenart, Verhalten ins unendliche zu steigern. So geht er zum Beispiel endlos rückwärts, während ich versuche, ihm das Halfter vom Kopf zu fummeln. Weil ich ihn mit dem Halfter zu seiner Schüssel geführt habe und er nun davor steht und rückwärts das einzige ist, was er bisher im Repertoire hat, um Futter zu bekommen. Ich will mir also sehr gut und sehr genau überlegen, wie ich weiter vorgehe. Finlay war da ja das Gegenteil, er hat Verhalten fast nie gesteigert, sondern immer eher überlegt, ob weniger nicht auch noch genug wäre. Auch Merlin neigt nicht dazu, Verhalten so sehr zu steigern und natürlich ist das Verhältnis zwischen Merlin und mir so gefestigt, dass immer irgendeine Kommunikation möglich ist. Außerdem ist Merlin so alt und so zauberhaft dass er sowieso dauernd Kekse bekommt, verdient oder nicht. Da bin ich eine der inkonsequentesten Pferdemamas der Welt. Aber bei Duncan kann ich mir das eben einfach noch (lange) nicht leisten. Das ist so ein Altersprivileg, da darf er mal noch mindestens 20 Jahre drauf warten. Bis dahin heißt es: eine Strategie muss her.

Ich erinnere mich an den ersten Kurs mit Finaly bei Amanda Barton. Amanda sagte zu mir „er hat noch nicht ganz eingesehen, warum Du bestimmen sollst. Fakt ist: wenn ein Pferd zum Reitpferd wird, wird der Mensch fast alles entscheiden. Das Pferd muss sich damit wohlfühlen, das ist ein Lernprozess. Achte darauf, dass es ihm wirklich immer sehr viel besser geht, wenn er das tut, was Du ihm gesagt hast. Dann wird es auf die Dauer gern tun was Du sagst“.

Hier liegt bei Duncan das Thema. Der Ritter – genau wie Finlay – entscheidet selbst, was er gut gemacht hat. Und wenn er findet, dass er das gut gemacht hat, dann bekommt er bitteschön seine Belohnung, aber zügig. Warum soll ICH denn so etwas wichtiges entscheiden dürfen?

Natürlich ist noch gar nicht genug Zeit vergangen als dass er die Erfahrung hätte machen können, dass es ihm besser geht, wenn er tut, was ich ihm sage. Außerdem ist er in diesem Punkt dann eben doch mal ein ganz normaler Jährling: Frustrationstoleranz und Geduld hat er einfach noch nicht entwickelt. Was er jetzt entwickelt hat, sind Ideen, wie er mich da hin manipulieren könnte, das zu bekommen, was er will. Und manche von diesen Ideen sind eben Blödsinn.

Manche sind aber auch ausnehmend schlau.

Zum Beispiel hat er schon genau verinnerlicht, dass es fürs Pinkeln beim Spaziergang einen Keks gibt. Folgerichtig bleibt er jeweils nach den ersten 50 Metern schon mal stehen und erledigt sein Geschäft. In einer Vorahnung beschließe ich, nur jeweils das ERSTE Pinkeln zu belohnen. Mir schwant nämlich übles. Und richtig: als Sir Duncan mächtig Frust schiebt, weil er nicht grasen darf, hält er an und macht noch ein winziges Pfützchen. Der Blick den er mir zuwirft spricht Bände und ich muss ziemlich lachen. Einen Keks gibt es trotzdem nicht.

Jetzt wird es für mich wieder interessant: wie schnell wird er die Taktik jeweils wechseln? An welchem Verhalten wird er stur festhalten, wo überlegt er sich etwas neues? Meine Herausforderung liegt darin, gute neue Strategien zu entwickeln. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie komplex er denkt. Manche Pferde sind da ja recht einfach gestrickt und gehen immer nur schnurgerade Denkwege: auf A folgt B. Also mache ich mehr von A, gibt mehr Keks. Oder ich versuche mal C.

Andere denken deutlich komplizierter. Eine Stute in meinem Kundenkreis, die partout nicht stillstehen mochte, hatte es zum Beispiel raus, ihre Besitzerin so lange zu nerven, bis diese sie „zur Strafe“ rückwärts geschickt hat. Erst als ich sie darauf hinwies, dass das genau das ist, was das Pferd will (sich bewegen, egal wie) hat die Schülerin verstanden, wie schlau ihr Pferd Situationen einfädelt.

Um wie viele Ecken wird Duncan denken? Selbst wenn er jetzt noch recht harmlos daher kommt, weiß ich: das wird sich noch entwickeln in den nächsten Jahren. Und so wie er sich bisher präsentiert vermute ich, dass das gut geölte, PS-starke Maschinchen zwischen seinen Ohren so manche interessante Idee ausspucken wird.

Beim Hufe geben zeigt sich derweil, wie sehr er auch ohne Keksbelohnung alles richtig machen möchte. Er fängt jetzt an, mir die Hinterhufe „anzureichen“. Vorne hat er Schwierigkeiten, was ich darauf zurückführe, dass er so überbaut und vorhandlastig ist im Moment. Aber hinten entlastet er jeweils schon den Huf, den ich haben möchte. Solche Dinge tut er mit absoluter Selbstverständlichkeit und erwartet keine Lobeshymnen. Da ist er nun wieder völlig bei sich und freut sich über freundlichen Kontakt, von dem er sowieso nie genug bekommen kann.

Ein paar gemeinsame Einheiten später hat sich das Keks-Thema wieder beruhigt. Sir Duncan ist wieder so wie er vorher war und ich bin schlauer geworden und überlege stets sehr genau, wofür es wohl einen Keks geben mag. Es wird vorerst die Ausnahme bleiben und ich werde auf jeden Fall versuchen, diesbezüglich etwas unberechenbar zu sein für ihn, so dass er nicht an bestimmten Stellen unbedingt auf seinen Keks besteht, sondern ihn als Bonus versteht, der ihm anzeigt, wann er ganz besonders wunderbar war. Die Übungen, die ich regulär mit Keks mache (warten, Intimbereich reinigen, Zähne gucken etc) schiebe ich noch ein bißchen auf, bis ich sicher bin, dass wir das händeln können. Und bis zur nächsten Weihnachts-Bescherung dauert es ja noch ein paar Tage….