Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 169

Mir ist ganz romantisch zumute. Heute vor zwei Jahren bin ich nämlich hier eingezogen! Ach, das war vielleicht kompliziert alles! Die anderen fanden mich nämlich erst nicht so toll. Aber mit meinem Charme und meiner Hartnäckigkeit habe ich sie schließlich doch noch überzeugt. Erst nur Merlin den Zauberer. Der alte Knabe ist wirklich ein ganz netter. Und ich habe nicht vergessen, wie rücksichtsvoll er mit mir umgegangen ist als ich noch klein war – deswegen geh ich jetzt immer rücksichtsvoll mit ihm um, wenn wir mal bisschen spielen. Weil er nämlich schon uralt ist und nicht mehr so doll spielen kann.

Merlin war der erste hier, der nett zu mir war. Das werde ich nicht vergessen!

Diego der Große hingegen hat mir damals gleich gesagt, wer hier das Sagen hat (nämlich er). Aber er war auch nicht gemein zu mir, sondern hat mir erklärt, wenn ich mich an seine Regeln halte, dann ist hier alles friedlich. Gatsby fand mich anfangs total doof. Bei uns Schotten gibt es ja so Clans und manche davon sind verfeindet…. Hat ein bisschen gedauert, bis wir uns einig geworden sind. Dafür sind wir jetzt echte Kumpels.

Caruso hat mich am Anfang ganz schön erschreckt: so klein und doch so willensstark! Hat sich immer an mir fest gebissen und nicht mehr losgelassen! Aber was soll ich Euch sagen: inzwischen fällt mir auf, dass er wirklich ziemlich klein und eigentlich ganz harmlos ist. Der macht nur auf dicke Hose, aber ich kann ihn geschmeidig an mir abprallen lassen wenn es Not tut. Natürlich sind wir trotzdem beste Freunde, ist doch klar. Caruso ist immer für Schabernack zu haben und hat lustige Ideen. Und er kann wahnsinnig schnell rennen! Das ist wirklich unfassbar. Wie ein Kugelblitz, da kann ich nur noch hinterher schauen.

Und außerdem hab ich mich ja noch mit meinem Spaziergehkumpel angefreundet. Der wohnt zwar nebenan, besucht mich aber ab und zu, damit wir spielen können. Dann spielen wir und wenn wir fertig sind, geht er wieder nach hause. Außerdem erleben wir jede Menge tolle Abenteuer zusammen mit unseren Mädchen!

Ich muss sagen, als ich damals meinem Mädchen gesagt habe, dass ich bei ihr einziehen möchte, habe ich eine gute Entscheidung getroffen. Ich hab ihr gleich gesagt, dass ich regelmäßige Abenteuer erwarte und sie liefert auch wirklich ganz gut. Meistens zumindest. Und wenn nicht, dann hört sie zumindest meine Hinweise und bessert nach. Damit kann ich leben.

Unser allererstes gemeinsames Abenteuer. Schon sooo lange her!

Ich hab in den zwei Jahren auch schon ganz schön viel gelernt und ich bin natürlich viiiiiiiiiiel größer, schöner, stärker und schlauer geworden. Und haariger.

Mein Mädchen sagt, ich hätte in den zwei Jahren vor allem ihr Herz repariert. Noch nicht ganz, aber zu großen Teilen. Manchmal tut es ihr noch weh, aber nicht mehr so oft und so doll. Manchmal erzählt sie mir von meinem „großen Bruder“ auf der anderen Seite der Regenbogenbrücke. Dann versuche ich, ihn mir vorzustellen. Ich glaube, er war ein guter Typ.

Jetzt sind mein Mädchen und ich ganz gespannt, was in den nächsten zwei Jahren so passiert. Da kommen nämlich die richtig tollen Sachen! Ich soll ja lernen, eine Kutsche zu ziehen – ganz in echt, nicht nur so tun! Und bald möchte meine Mädchen auch wirklich endlich mal aufsteigen. Sie sagt, in zwei Jahren können wir beides und dann bin ich auch alt genug um auf den ersten kleinen Distanzritt zu gehen! Ui das klingt wirklich toll! Ich werde Euch natürlich weiterhin auf dem laufenden halten. Und heute werde ich erst mal sehen ob ich nicht ein paar Gratis-Kekse kassieren kann, einfach nur so weil ich jetzt 2 Jahre hier bin….. das würde ich sehr angemessen finden für diesen besonderen Anlass.

Euer romantischer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 168

Heute haben wir einen sehr demokratischen Spaziergang gemacht. Diego und ich haben nämlich mein Mädchen und den Mann zum Wahllokal begleitet. Das hat schon Tradition, sagt mein Mädchen. Aber früher war das einfacher, da wurde im Landgasthof gewählt und die Ponys konnten direkt vor der Tür warten. Jetzt wird in der Schule gewählt und da geht das leider nicht. Also mussten wir Ponys etwas weiter weg warten, während jeweils einer von unseren Menschen wählen gegangen ist. Und so gibt es nun kein schönes Foto von uns vorm Wahllokal! Das ist sehr betrüblich.

Wir warten geduldig während der Mann seine Kreuzchen macht. Mein Mädchen war schon dran.

Wählen durften wir auch nicht. Aber da war auch keine interessante Partei für uns dabei. Ich persönlich hätte da schon ein paar Vorschläge. Wie wäre es mit der KoK-Partei (Kekse ohne Knausern) oder vielleicht die FGa (Freies Gras für alle)? Ich könnte mir auch vorstellen, die AfsP zu wählen (Abenteuer für schöne Ponys) oder die Wallehaar-Partei. Oder die Partei der freien Ponys (PfP). Aber die standen ja alle nicht zur Wahl.

Liebe Menschen, ich versteh nicht viel von Eurer Demokratie. Aber uns Ponys bleibt oft nicht so viel Wahl und das eine oder andere Mal hätten wir gern mehr davon. Deswegen rate ich Euch: Geht wählen – weil Ihr es könnt!

Euer demokratischer Sir Duncan Dhu of Nakel

Geht wählen – weil ihr es könnt!

Mein neues Pony

Alles neu macht – das Erwachsenwerden.

Der Zeitpunkt ist gekommen. Der Zeitpunkt zu dem ich erfahre, welche von Duncans Eigenschaften bleiben und welche sich verändern, während er erwachsen wird. Was für ein spannender Moment! Naja, wahrscheinlich dauert dieser „Moment“ mindestens ein Jahr. Mal sehen.

Bald ist Duncan 2 Jahre bei mir – und wie oft habe ich mich in den zwei Jahren gefragt: dieses Verhalten – ist das sein Grundcharakter oder wird sich das noch ändern?

Vieles ist geblieben: die Lust am Abenteuer, die Intelligenz, das Lernverhalten. Manches ändert sich jetzt und ich denke viel darüber nach. Vor allem eins fällt mir auf: mein Pony ist dickfelliger geworden. Und ich glaube, das ist nicht (nur) die Pubertät, die bewirkt, dass er den einen oder anderen Rüffel (sei er von mir oder von einem Herdenmitglied) wahlweise ignoriert oder mit Gegenwehr beantwortet (gerade so wie ein Teenager, der die Mutter schnell mal mit „dumme Kuh!“ anbrüllt, wenn sie Kritik wagt). Nein, ich glaube, er ist wahrhaftig dickfelliger – oder soll ich sagen: dickhäutiger – geworden. Schon in unserem Urlaub fiel mir auf, dass Duncan auf die nervigen Fliegen etwas weniger Reaktion gezeigt hat als Diego. Und als wir jetzt – oh Schreck! – die erste Hirschlausfliege hier bei uns hatten, da hat Duncan ebenfalls herzlich wenig Reaktion darauf gezeigt. Das erinnert mich an Finlay, der (was ja durchaus angenehm ist) auf jegliche Wetterphänomene sowie auf Insekten aller Art fast keine Reaktion gezeigt hat. Die Kehrseite dieser Medaille ist, dass so ein Pferd eben auch einen Rüffel schneller einsteckt und einen anschaut nach dem Motto „na und?“. Neulich hatten wir zum ersten Mal die Situation dass Duncan versucht hat, völlig ungerührt an mir vorbei zu marschieren, während ich eigentlich gesagt hatte, er soll warten und mich durch lassen. Nicht nur einmal, sondern zwei mal hat er das versucht. Denn auf der anderen Seite des Tores hatte er eine Schüssel gesichtet und beschlossen, dass die für ihn sei (dabei hatte Merlin sie längst geleert). Bis ich ihm das Tor vor der Nase wieder zu gemacht habe mit der Ansage, dass es das Heu eben leider erst dann gibt, wenn Herr Ritter gedenkt, sich ritterlich zu benehmen. Ach so. Na dann. Ungläubiger Blick aber meine Botschaft kam schnell an.

Wenn er unterwegs ungefragt die Nase ins Grün steckt, muss ich schon deutlich mehr Gas geben um die da wieder raus zu kriegen. Meine vorher sehr erfolgreiche Taktik, ihm das Seil vor oder an die Nase zu werfen, beeindruckt ihn nicht mehr. Jetzt könnte ich vermuten, dass es sich abgenutzt hat und somit meine Schuld ist. Aber ich sehe, dass er auf die anderen Ponys ähnlich stoisch reagiert. Beiß mich doch. Ich steh trotzdem hier. Und Caruso beißt sich dann langsam mal die Zähne aus an seinem großen Freund. Ich schätze, Sir Duncan hat begriffen, dass er doch deutlich schwerer ist als 180kg… Diego hingegen hat den Ton etwas verschärft und ich sehe öfter mal, dass Duncan ein paar Meter „fliegt“ wenn Diego das allzu rüpelig fand, was der Teenie da tut. Also darf ich wohl mein Training anpassen. Jetzt ist es eben doch ein Schotte. Letztes Jahr habe ich noch gesagt, ich gehe mit ihm um wie mit dem durchschnittlichen Araber, weil er so ein Sensibelchen ist. Jetzt hat sich das was mit Sensibelchen.

Als er im Urlaub vom fremden Tierarzt eine Spritze bekam, hatte der erst im zweiten Anlauf Erfolg. Die erste Kanüle drang nicht bis zur Vene vor und der erstaunte Tierarzt fragte „was hat der denn für eine Haut? Meine Kanüle ist verstopft!“. Tja das ist eben doch eher eine Ritterrüstung, die taugt zum Abwehren sowohl schottischer Wetterverhältnisse als auch der Millionen von „Midges“ (Stechmücken) die in den Highlands über alles herfallen was Blut zu bieten hat.

Zum Glück heißt das eben auch, dass mein Pony noch nicht mal mit dem Ohr wackelte, als der Tierarzt mit der zweiten Kanüle kam. So etwas trägt der Ritter mit Fassung. Und so hat die Dickhäutigkeit ihre Vorteile. Ich bin ja auch gar nicht so wirklich der Typ für Sensibelchen. Und wenn ich Duncan mit Arnulf zusammen sehe (Arnulf ist immer sehr direkt und bewusst unvorsichtig mit den Ponys) dann beobachte ich, dass Duncan das jetzt völlig gelassen nimmt. Es gruselt ihn nicht mehr, wenn Arnulf ihn in den Arm nimmt und herzhaft durchknuddelt. Er hat kein Problem mehr damit, dass Arnulf Kommandos viel deutlicher gibt als ich. Während ich noch als Übermami daneben stehe und mich um mein Pony sorge, machen die Männer das fix unter sich aus und sind beste Freunde. Duncan sieht Arnulf jetzt als Kumpel, das ist zu merken.

Und eine weitere Neuheit habe ich beobachtet: wenn Arnulf mir Unterricht gibt, nimmt er mir Duncan ab und zu aus der Hand um etwas auszuprobieren oder zu zeigen. Früher war Duncan dann immer verwirrt und hat ständig zu mir geschaut. Als wir am Sonntag „Chaos“ geübt haben, war das nicht mehr so. Duncan hat immer genau hingeschaut, wer von uns beiden den Strick in der Hand hat und sich dann an demjenigen orientiert. Er weiß jetzt auch viel besser, mit welchen Gesten er gemeint ist und welche nix mit ihm zu tun haben. Und ich glaube, dass er das verstanden hat, macht ihn wiederum sicherer und ruhiger.

Außerdem können wir neuerdings auf dem Reitplatz gemeinsam Pause machen. Ich muss das jetzt erst wieder lernen, denn sonst war Reitplatzzeit völlig ohne Pause. Duncan konnte mit Pause machen nichts anfangen (etwas was ich von Finlay auch kenne). Jetzt hingegen hat er entdeckt, dass es nett sein kann, zwischen den Übungen gemeinsam herum zu stehen. Und ich fange an, ein „Pausen-Ende-Signal“ zu etablieren. Das ist etwas, das Finlay mich gelehrt hat: da ich nie wusste, wann er wie lange Pause machen möchte, haben wir uns schließlich darauf geeinigt, dass er so lang Pause hat wie seine 4 Füße am selben Platz bleiben. Das hat drei Vorteile: er lernt, ruhig zu stehen und das mit Entspannung zu assoziieren, er lernt außerdem, sich von vorneherein so hinzustellen, dass es auch bequem ist und er kann kommunizieren wie lang die Pause sein soll. So fange ich es jetzt auch mit Duncan an (und ich vermute, er hat die Logik bereits durchschaut). Im Unterschied zu früher stehe ich selbst während der Pause aber nicht mehr still sondern wechsle meinen Platz wie ich es bei Elsa gelernt habe. Das ist nicht nur für mein Pony angenehmer, sondern letztlich auch sinnvoller, denn so lernt er, dass er Pause machen kann, während ich um ihn herum wusel – das wird sehr praktisch sein später auf Distanzritt oder auch wenn wir mit der Kutsche los wollen.

Nun habe ich also ein neues Pony und darf meine Kommunikation entsprechend anpassen. Und mich überraschen lassen, was sich noch so alles verändert und wohin die Reise weitergeht. Davon abgesehen ist mein Pony ja nun in einem Alter, wo er auch etwas mehr ernsthaft „arbeiten“ darf, so dass wir auch noch das eine oder andere an neuen Beschäftigungen ausprobieren werden. Und auch da lasse ich mich überraschen, welche Meinung der Ritter hat zu meinen Ideen. Er wird Euch sicher davon erzählen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 167

Mein Mädchen sagt, wir üben jetzt Chaos. Sie muss das aber gar nicht üben, sie kann das voll gut, das sage ich Euch. Aber von vorn:

Mein Mädchen hat sich ein neues Seil gekauft. Das ist länger als das andere und schwerer. Und wenn man es gut drauf hat (so wie der Mann) dann kann man damit total gut Signale geben. Schwingen rechts und schwingen links, von oben oder vorne oder hinten, langsamer und schneller und was nicht noch alles. Und für uns Ponys ergibt sich das dann fast alles von allein, was das bedeutet. So weit die Theorie…. In der Praxis sieht es eher so aus, dass mein Mädchen das Seil nicht im Griff hat, sich ständig darin verheddert und drüber stolpert oder es sich selbst um die Ohren haut. Das ist schon manchmal recht amüsant! Aber irgendwelche klaren Signale kommen da für mich jetzt nicht bei rum. Und da kommt das mit dem Üben ins Spiel.

Ich bin ja ein sensibles, artiges und sehr, sehr schlaues Pony. Und wenn mein Mädchen nicht gerade 7m Seil in der Hand hat, drückt sie sich ja in der Regel auch klar aus. Das hat zur Folge, dass ich immer alles im ersten Anlauf kapiere. Wir müssen eigentlich nie was üben oder wiederholen und sie muss auch nie viele oder dolle Signale geben. Meistens hält sie die Gerte irgendwo hin und wartet, während ich nachdenke, dann mache ich das was ich denke was sie meinen könnte und in aller Regel ist das richtig. Oder zumindest fast richtig und im zweiten Anlauf ganz richtig. Dann bekomme ich einen Keks und merke mir das. So läuft das bei uns. Bis auf eine Ausnahme: wenn wir spazieren gehen und da sind fremde Pferde auf einer Koppel, dann läuft das nicht mehr. Dann will ich nämlich die fremden Pferde kennenlernen! Und kann mich gar nicht auf mein Mädchen konzentrieren. Und mein Mädchen wird dann hektisch, weil sie sich Sorgen macht und kann nicht mehr so klar Signale geben. Und dann höre ich erst recht nicht mehr hin, weil sie eh nur Kauderwelsch redet. Und dann gibt es Streit. Und das will ja nun wieder keiner von uns.

Also hat mein Mädchen einen Plan ausgeheckt der da heißt: wir üben Chaos. Also: Sie macht Chaos mit dem langen Seil und ich muss trotzdem raten was sie will. Und mich konzentrieren und ruhig bleiben und lieber zu langsam machen als zu schnell. Mich nicht über das Chaos ärgern oder aufregen sondern das Beste draus machen. Und das üben wir jetzt erst mal auf dem Reitplatz. Und wenn wir das da geübt haben, macht mein Mädchen hoffentlich schon etwas weniger Chaos mit dem Seil und ich habe ganz viel gelernt über das Aushalten und Interpretieren von Kauderwelsch. Und wenn wir dann wieder fremden Pferden begegnen, redet sie weniger Kauderwelsch und ich verstehe ihr Chaos besser und wir müssen nicht streiten. So der Plan!

Zum Glück ist der Mann dabei. Der hat sie erst mal ohne mich üben lassen, wie man das Seil wirft und schwingt. Der hat glaube ich Mitleid mit mir, wenn sie so wirres Zeug macht. Aber inzwischen bin ich ja schon ein großer, starker Ritter, ich halte das aus, wenn es sein muss (und ich Kekse dafür bekomme). Und ich hab was raus gefunden: Sobald sie ihre Hände minimal bewegt, mache ich einen Schritt in die Richtung, die vorher die richtige war (gestern war es entweder rückwärts oder seitwärts), dann schaue ich wie sie reagiert. Entweder sie fängt doll an zu kichern und gibt mir einen Keks, dann war es richtig, oder sie macht irgendwas mit ihrem Seil, dann war es falsch. Dann warte ich kurz, probiere die andere Richtung und – zack – Problem gelöst. Der Mann findet, ich bin verdammt schlau. Mein Mädchen findet, ich bin verdammt süß. Beide haben Kekse in der Tasche. Und unter diesen Bedingungen lässt es sich auch mit Chaos ganz gut leben.

Euer gewitzter Sir Duncan Dhu of Nakel

Intelligenz

Manchmal nenne ich Duncan „Mr. Brain“. Weil ich das Gefühl habe, das gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren hat schier unendliche Kapazitäten. Aus seinem Klemmbrett ist mittlerweile ein ganzes Buch geworden. Und ein großes Kapitel darin beschäftigt sich mit meiner Körpersprache. Er nimmt jedes noch so kleine Detail wahr und weiß vor allem – zu meinem Leidwesen – immer sofort wenn ich mal nicht aufmerksam bin. Mein Lieblingsbeispiel: ich fahre ihn vom Boden, er trägt Scheuklappen. Er kann mich also nicht sehen! Wir gehen schön den Weg entlang da weist meine Freundin mich auf einen besonderen Vogel hin, der in einem Baum sitzt. Ich schaue nach dem Vogel und im selben Moment hat Duncan die Nase auch schon im Gras. Wie gesagt: sehen konnte er mich nicht. Aber trotzdem war seine Wahrnehmung so akkurat, dass er seine Chance erkannt hat. Davor hat er es noch nicht mal versucht! Es ist eine Krux mit diesen Ponys. Sie wissen einfach viel zu viel über uns. Jetzt wo Duncan etwas erwachsener ist, wird er lernen dürfen, dass er sich auch dann noch benehmen muss, wenn ich mal nicht ganz konzentriert bei ihm bin. Klar, in einer perfekten Welt wäre meine Konzentration immer zu 100% bei ihm. Aber das wird sie nicht sein. Ich möchte mir beim Spazierengehen auch mal die Landschaft anschauen und ich muss zwischendurch auf die Karte schauen (das wird auf Distanzritt nicht weniger werden!). Und das ist keine Einladung an den hungrigen Ritter, sich sofort das nächste fressbare Grün einzuverleiben! Es gibt nun also deutlich Abmahnungen bei solchen Aktionen und das zeigt auch schon Wirkung. Wer stundenlang mit mir unterwegs sein möchte, muss damit leben, dass auch meine Aufmerksamkeit mal wandert.

Duncan heißt bei mir „Mr. Brain“, weil er nicht nur unglaublich schnell lernt (wobei ich bei vielen jungen, unverdorbenen Pferden erlebe, dass sie unglaublich schnell lernen, also ist mein Pony da wohl eher Durchschnitt), sondern weil er vor allem unglaublich viele Informationen verarbeiten kann. Der „Systemausfall wegen Datenüberlastung“, den es bei jungen Pferden mehr oder weniger früh gibt, scheint bei ihm quasi nie stattzufinden. Ich glaube ich habe das jetzt in zwei Jahren nur 2 mal erlebt. Während bei anderen Pferden in schöner Regelmäßigkeit dieser Moment kommt, wo sie plötzlich schreckhaft oder unendlich langsam oder in irgendeiner Form „blöd“ werden, scheint es diesen Zustand bei Duncan „the brain“ Dhu nicht zu geben. Selbst im Urlaub in völlig fremder Umgebung mit all den Eindrücken war er nach 3 Stunden Spaziergang noch völlig er selbst. Müde ja, aber total denkfähig und präsent.

Dabei glaube ich nicht, dass mein Pony bei den gängigen Intelligenztests für Pferde besonders gut abschneiden würde. Aber was ist das schon, Intelligenz? Mein Merlin, der mit Menschen so geschickt umgeht und wahnsinnig gut und schnell neue Dinge lernt, war der letzte, der begriffen hat, wie unser neues Zaunsystem aufgebaut ist. Und Diego, der so wahnsinnig toll die Herde anführt und dabei jedes Problem lösen kann, ist verloren, wenn man ihm einen unsicheren Menschen an die Seite stellt. Wer von beiden ist nun intelligenter? Keine Ahnung. Meine Schwester (ihres Zeichens Professorin) hat zu mir mal gesagt, zwischen uns bestünde kein Intelligenzgefälle. Oh, da fühlte ich mich geehrt. Aber wie will man das feststellen? Ich glaube nicht daran, dass man Intelligenz anhand von Aufgaben in Punkte einteilen kann. Ich habe sogar mal gelesen, dass Menschen intelligenter sind, wenn sie mehr Geld haben. Dort wurde die Intelligenz bei Menschen bestimmt, die ihr Geld in wenigen Wochen im Jahr einnehmen – ich glaube es waren Zuckerrübenbauern. Vor der Ernte sind sie arm, dann sind sie plötzlich reich – und intelligenter als im armen Zustand (laut Test). Das ergibt Sinn, denn Armut macht Stress und Stress hindert uns am Denken.

Ob mein Pony einen Apfel aus einem Wassereimer angeln oder ein Stalltor auf machen kann, ist mir herzlich egal – bzw im Fall des Stalltores bin ich heilfroh, wenn er es NICHT kann. Ich erinnere mich grinsend an Martin Rütter, der einmal sagte, es sei gar nicht so toll, einen wahnsinnig intelligenten Hund zu haben und er würde Anfängern immer eher zu einem „dümmeren“ Modell raten. Die kriegen nämlich nicht raus, wie man Türen und Mülleimer öffnet. „Lernt schnell“ klingt immer so toll, weil wir dann meinen, wir können den Tieren schnell das beibringen war WIR wollen. Stimmt, aber sie lernen eben auch sehr schnell was sie tun müssen um zu kriegen was SIE wollen und das stimmt nicht immer überein (womit wir wieder beim unerlaubten Fressen unterwegs wären…..). Duncan ist jetzt mein 4. eigenes Pferd. Ich könnte partout nicht sagen, welches von den vieren am intelligentesten ist. Jedes hat(te) seine Stärken und Schwächen. Aber definitiv scheint Duncan den größten „Arbeitsspeicher“ mitzubringen, in dem er schier unendliche Mengen von Eindrücken verarbeiten kann, wo die anderen drei längst an ihrer Kapazitätsgrenze wären. Und wo ich am Anfang noch Zweifel hatte, ob ich ihn überschätze, bin ich mir jetzt sicher, dass ich mich darauf verlassen kann. Und das finde ich äußerst erstaunlich, ganz besonders im Hinblick auf sein Alter und seine begrenzte Lebenserfahrung .

Und so habe ich wieder Glück gehabt, denn genau das ist eine Eigenschaft, die ein Pferd sowohl sehr Kutsch- als auch sehr Distanztauglich macht.

Denn die Intelligenz, die jedes Pferd in irgendeiner Form mitbringt, kann sich natürlich dort am besten zeigen, wo das Pferd seine Stärken hat. Während mein Merlin nie ein guter Herdenchef war, hat er doch vielen ängstlichen oder unsicheren Reitern geholfen, zu lernen und er hat als „Professor“ einigen Fortgeschrittenen ein paar Feinheiten gezeigt. Diego hingegen, der nie ein Anfängerpferd sein wird, ist ein großartiger Lehrmeister für junge und unsichere Pferde und macht – so lange Arnulf dabei ist – einfach alles mit. Und mein Duncan, na der ist eben der rechte Abenteurer, dem es gar nicht genug Erlebnis sein kann.

Wenn jeder in seinen Stärken glänzen darf, dann bleibt mein „Mr. Brain“ kein Einzelfall.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 166

So, nachdem ich nun also im Bootcamp war und fleißig gewachsen bin, bin ich natürlich jetzt was? Na ein großes, starkes Pony!

Und schon sagt mein Mädchen wieder, ich hätte Pubertät. Nur weil ich gelegentlich anmerke, dass wir mal ein Stück traben könnten. Oder Gras fressen. Oder nach den Pferden da auf der anderen Seite des Zauns gucken. Ja wie, hab ich gar kein Mitspracherecht? Mein Mädchen meint, ich dürfte mir ja schon meistens aussuchen, auf welcher Position ich laufen möchte und in welchem Tempo und sie würde mir ja auch meine Graspausen gönnen. Aber ich finde, das reicht nicht. Groß und stark wie ich ja jetzt nun mal bin, könnte ich doch auch mal die Richtung bestimmen in die wir gehen und die Gangart, oder? Aber nein, mein Mädchen sieht das natürlich anders. Und immer wenn sie meint, ich hätte Pubertät, wird sie unglaublich stur. Anstrengend ist das, sage ich euch! Aber ich hab auch so meine Tricks…..

Wenn sie mal böse ist mit mir, guck ich einfach so. Dann schmilzt sie sofort wieder dahin weil ich soooooo süß bin!

Außerdem hat sie voll wenig Zeit für mich. Weil sie dauernd die Wiese mulchen oder Merlin füttern oder Geld verdienen muss. Oder was weiß ich was sie da noch alles treibt. Menno. Ich hatte mich gerade so schön an diese 12km-Touren gewöhnt.

Na gut, irgendwie muss ich mich wohl allein beschäftigen. Also mache ich so lange bisschen Zahnwechsel. Muss ja auch sein. Mein Mädchen meint schon wieder, ich wäre früh dran damit. Ja hopp hopp, ich hab schließlich nicht ewig Zeit!

Wackelzahn!

Aber seit gestern ist mein Mädchen ganz gut gelaunt, obwohl ich Pubertät habe. Weil nämlich das Mädchen vom Spaziergehkumpel mein Mädchen darauf hingewiesen hat, dass ich an der Stelle, an der mein Mädchen später auf meinem Rücken sitzen will, etwas breiter und kräftiger geworden bin. Und schon träumt mein Mädchen wieder von stundenlangen Ausritten. Ja bitte, wann geht’s denn endlich mal los? Aber ihr wisst ja was sie sagt: ich bin immer noch zu klein. Seufz.

Merke: ich bin entweder zu klein, zu pubertär oder zu groß und zu stark. Die Logik versteht wohl keiner oder?

Euer großer, starker aber auch leicht verwirrter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 165

Soooo hier kommt er endlich: mein ausführlicher Bootcamp-Bericht!

Mein Mädchen hatte mir versprochen, dass wir dieses Jahr wieder einen Abenteuerurlaub machen, so wie letztes Jahr, nur länger und weiter weg!

Also am Donnerstag sind wir in die Wackelkiste gestiegen, Diego der Große und ich. Und dann ging es los. Das war eine ganz schön lange Reise! Diego hat sich beschwert, dass er mal Pippi machen müsste. Ich hab da nicht lang gezaudert. In der Wackelkiste lässt sich das schließlich auch erledigen. Aber Diego wollte das nicht so gern. Als wir dann endlich da waren, musste er ganz schnell aussteigen und das dringende Geschäft erledigen.

Dann haben wir unsere „Ferienwohnung“ angeschaut. Das war ein Sandpaddock mit einem Unterstand. Und nebenan haben zwei Pferde gewohnt, ein großes und ein ganz kleiner, der hat mich an Caruso erinnert. Das fand ich spannend! Hab mich ein bisschen hergezeigt und bin auf und ab getrabt, weil ich doch so schön bin. Aber die beiden waren ganz entspannt und nach einer Weile fand ich es dann auch unnötig und bin lieber zum Fressen übergegangen.

Am nächsten Tag sind wir dann gleich ordentlich los marschiert – ich hatte Euch hier davon berichtet. Es war ganz schön warm und als wir dann mittags nach hause gekommen sind, war da alles voller Fliegen! Mann die haben vielleicht genervt! Das waren diese gemeinen Fliegen die so fies beißen können! Diego der Große fand das ganz schlimm, der wollte immer gern alle Fliegen auf einmal vertreiben. Da kamen mein Mädchen und der Mann zu uns und haben uns unsere Ausreitdecken wieder drauf gemacht, die haben wenigstens ein bisschen geschützt. Und nach einer Weile, als die Füße von meinem Mädchen sich etwas erholt hatten, haben sie uns mitgenommen und wir sind zu einer Stelle gegangen wo wir am Wegesrand grasen konnten. Da waren auch nicht so viele Fliegen, zum Glück. Abends ging es dann auch im Paddock wieder, Fliegen gehen ja zum Glück früh schlafen. In der Nacht haben wir so viel Heu bekommen, dass wir gar nicht alles aufessen konnten! Das ist zu hause nie so. Da ist immer Diät. Aber im Urlaub darf man schlemmen, sagt mein Mädchen. Toll!

Weil es da keine Weide für uns gab sind wir immer am Strick grasen gegangen.

Am nächsten Tag sind wir dann gleich wieder zusammen los gezogen. Ganz schönes Programm hier! Aber ich mag das ja auch, mich so auszupowern.

Unterwegs haben wir auch oft Pause gemacht um Gras zu naschen

Am Sonntag haben wir dann alle nur faul rum gehangen. Zwei mal sind wir zusammen grasen gegangen und nachmittags haben mein Mädchen und der Mann bei uns im Paddock gesessen und uns Gesellschaft geleistet.

Am Sonntag haben uns die Menschen im Paddock besucht um gemeinsam Zeit zu verbummeln

Und am Montag – da waren wir schon wieder 12km los! Ich war mittlerweile auch schon ganz entspannt, sogar wenn wir an den Weiden mit den fremden Pferden vorbei gegangen sind. Da war mein Mädchen echt stolz auf mich! Tja, das war ein toller Urlaub. Bis…. naja, bis dann Montag abend leider dieses Malheur passiert ist. Aber zum Glück war es kein so großes Ding wie mein Mädchen befürchtet hat. Nach ein paar Stunden war alles wieder vorbei.

Am nächsten Morgen ging es dann wieder in die Wackelkiste auf die lange Heimfahrt. Mein Mädchen war soooo stolz auf uns beide, besonders natürlich auf mich! Weil wir halt die besten Ponys der Welt sind! Ist doch klar.

Mein Mädchen sagt, nächstes Jahr machen wir wieder Abenteuerurlaub. Bin schon gespannt wo es dann hin geht! Und jetzt verrate ich Euch zu guter Letzt noch, wo wir eigentlich waren:

Euer Abenteuerurlauber Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 164

1,40m! Das sind 140cm, also ganze 1400mm oder wie wir Schotten sagen: 13,8 hand! So und jetzt sag noch mal ich wäre klein, mein Mädchen! Von wegen. Voll groß bin ich nämlich geworden. Und in der Breite hat sich ja auch schon einiges getan, hast Du ja selbst gesagt. Schöner Po und so.

Nachdem wir ja im Urlaub Bootcamp waren ist der auch noch schöner geworden, weil noch knackiger. Und ich arbeite auch fleißig an meiner Farbgebung.

Ganz aktuell von heute

Wir haben heute Fotos gemacht. Weil ich an meiner ersten Highlandpony-Show teilnehme! Aber halt nur virtuell. Daher haben der Mann und mein Mädchen mich geschniegelt und gebügelt. Sogar den Schweif haben sie mir gewaschen. Der Mann ist ja mein persönlicher Coiffeur, der kennt sich mit Wallehaar voll gut aus. Dann musste ich artig ohne Halfter mitten auf der grünen Wiese stehen ohne zu essen. Boah das war schwer! Aber ich kann das. Und es gab Kekse.

Jetzt steht mein Foto im Internet und konkurriert mit der Konkurrenz. Oder so. Mein Mädchen sagt es ist völlig egal ob die Jury mich toll findet. Weil ich nämlich definitiv der beste Schotte diesseits der Regenbogenbrücke bin. So oder so. Gut, dann kann es mir ja auch egal sein. Aber so ein Schleifchen würde ich schon nochmal nehmen. Na wir werden ja sehen!

Tja das sind so die Neuigkeiten von heute – aber ich hab noch mehr zu erzählen, also freut Euch schon mal auf mehr Tagebuch von

Eurem Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. jetzt 140cm groß!

Erinnerung

Facebook zeigt mir heute diese Erinnerung. Und die teile ich einfach mal mit Euch.

Unser allererster Distanzritt – Schusteracht 2018 28km

Der Wecker klingelt zu einer Uhrzeit zu der Weckerklingeln eigentlich verboten sein sollte. „Geh auf Distanzritt“ haben sie gesagt – „das macht Spaß“ haben sie gesagt. Warte mal – Spaß? Um diese Uhrzeit? (An dieser Stelle möchte ich erwähnen dass die Geschichte eine tragische Wendung genommen hat – wir hätten mindestens eine, fast noch zwei Stunden länger schlafen können….) Erstmal den Hafermotor betanken. Der Schotte hat die Nacht mit seinem Reitkumpel bei uns im „Distanzponyferienlager“ verbracht und die beiden haben hart an ihrer Heubauchfigur gearbeitet (so hart, dass der Sattelgurt beim Pony meiner Freundin vor dem Ritt kaum zugehen wollte). Meine Freundin taucht auf und sieht ungefähr so aus wie ich mich fühle. Dann gehts los. Auf einer großen Weide stehen schon einige Fahrzeuge, aufgebaute Paddocks, Pferde, Menschen…. wir bauen unser Paddock auf und parken die Ponys dort. Dann gehts an die Meldestelle. Wir gestehen unsere Ahnungslosigkeit und werden sehr nett in Empfang genommen. Alles wird uns gut erklärt und es ist auch wirklich nicht schwierig. Wir stehen ganz oben auf der Liste und bekommen die Startnummern 1 und 2!

Wir putzen die Ponys und ich stopfe Finlay in seine Hufschuhe, dann geht’s zur Voruntersuchung. Beide Ponys kommen anstandslos durch und die Nummern werden auf ihre schönen Pony-Popos gemalt. Finlay startet eine erste Charme-Offensive, wickelt sich fix die Tierärztin um den Huf und bekommt prompt neben seine Startnummer noch ein Blümchen gemalt 🙂 Ich staune über mein Pony: anscheinend hat er jetzt wirklich raus, was Menschen charmant finden und was nicht. Er hat alle gut im Griff und nagt nicht wie früher einfach jeden an, den er sympathisch findet.

Unsere Ponys sind sehr entspannt, beide mit Pulswerten von 36. Wir eher nicht so, aber bei uns wird ja der Puls nicht gemessen. Rein in die Klamotten, ich entscheide mich aufgrund des Regenradars, den Regenmantel lieber anzuziehen. Dann an den Start. Finlay möchte los, er will nicht warten bis die Startzeit in die Check-Karte eingetragen wurde. Und dann ist es endlich so weit: Abritt! Die Ponys so „ach wir gehen einfach ausreiten – na das ist ja cool!“ Für uns Reiter ist es zu Anfang gefühlt eher eine Schnitzeljagd. Unter einem „markierten Ritt“ hatte ich mir so was vorgestellt wo die schnellen Reiter (zu denen wir ja zum Glück noch lange nicht gehören) auch im Galopp noch den Weg finden. Naja, anscheinend tun sie das ja auch, aber wohl nur weil sie es schon so oft geübt haben. Ich bin jedenfalls froh, die Karte schon auf dem Handy zu haben, so dass wir uns immer schnell vergewissern können, dass wir noch richtig sind. Zu Anfang ist das Gelände wie bei uns zu hause: Plattenwege. Tempomäßig sind die Ponys gut drauf und wir kommen flott voran. Für ein erstes Foto unter einem schönen Torbogen nehmen wir uns aber Zeit und lachen über uns selbst als wir uns vorstellen wie Profis dieses Verhalten beäugen würden.

Mein linkes Bein ist heute irgendwie unglücklich mit dem Steigbügel, Knie und Knöchel fangen bereits nach kurzer Zeit an, zu maulen, aber die meiste Zeit ist es einfach nur toll, so zu reiten. Der Wind fegt uns um die Ohren, der Schotte hat allerbeste Laune und wir genießen die Zeit. Und plötzlich sind wir schon am ersten Vet-Check bei km9! Wir treten auf die Bremse, damit die Ponys die vorgegebenen Pulswerte schnell erreichen. Die Bagaluten nehmen einen guten Schluck Wasser aus der Tränke und sorgen damit für Freude bei der Vet-Crew, die Pulswerte sind fein. Unser lieber Trosser Arnulf nimmt uns die ersten Jacken ab – ist dann beim reiten doch wärmer als gedacht, aber den Regenmantel zieh ich wieder drüber wegen schwarzer Wolken am Himmel – und begleitet uns ein kleines Stück mit dem Auto zur ersten Querung der Bundesstraße, da uns weise empfohlen wurde, dass dort vielleicht besser jemand hilft. Tatsächlich ist das gar nicht so blöd. Auf der anderen Seite der B76 ist das Gelände plötzlich traumhaft schön – wir reiten durch den Wald (und denken öfter mal an die Reiter der großen Warm- und Vollblüter während wir uns unter Zweigen her ducken), dann kommen wir an die Schwentine und fühlen uns kurz wie Grafschaften, die durch ihren Park reiten. Über eine wunderschöne Holzbrücke (hier denken wir kurz an die Reiter, die nicht so coole Pferde haben wie wir) und dann weiter durch den Wald. Da wir hervorragend in der Zeit liegen und Finlay eine erste Müdigkeitsphase hat (km14 – Lios erste Panikattacke. Erst die Hälfte geschafft und Pony schon müde?) machen wir eine Graspause, in der ich auch endlich meinen Regenmantel ausziehen kann, in dem es mittlerweile regnet, weil ich so schwitze. Das Wetter bleibt uns gnädig: obwohl immer wieder schwarze Wolken zu sehen sind bleibt es trocken.

Weiter geht die Reise über die nächste Schwentine-Brücke und dann noch eine. Ich möchte meine Freundin romantisch filmen wie sie mit ihrem Pony über die Brücke läuft, aber ihr Pony hat andere Pläne und weigert sich, da rüber zu gehen. Während sie auf ihr Pony einredet und ich mit der Handy-Kamera rumfummel fühlt Finlay sich unbeobachtet genug um schnell mal zu pinkeln – Ihr glaubt gar nicht über was für bekloppte Sachen Reiter sich freuen können! Das hat er nämlich auf einem Ritt noch nie gemacht und es war wohl das ein oder andere mal die volle Blase, die ihn langsam laufen ließ. Als das erledigt ist, gehen Finlay und ich zusammen voran über die Brücke. Geritten mag er auch nicht drüber, aber als ich vorne weg gehe, ist er absolut einverstanden. Lautes „klong klong“ hinter uns lässt mich wissen, dass auch das beschlagene Pony meiner Freundin jetzt mitkommt.

Wieder rauf auf die Ponys und weiter geht die Reise. Wunderschöne Graswege neben den eigentlichen Wegen und Straßen scheinen das Markenzeichen der Schusteracht zu sein. Die Ponys freuen sich über den weichen Boden, der Schotte ist wieder putzmunter und bietet immer wieder einen kleinen Galopp an, heute schneller und länger als jemals zuvor! Wir kommen wieder an die B76 und überqueren sie mit Arnulfs Hilfe. Danach kommt noch so ein wunderschöner Grasweg und wir galoppieren zügig einen Hügel hoch, als ich plötzlich ein verdächtiges Geräusch höre. Ich denke „da ist doch ein Hufschuh lose“ aber der Schotte galoppiert völlig unbeirrt weiter und ich meine, vielleicht ist doch alles ok. Dann kommen noch komischere Geräusche und obwohl der Schotte sich nicht daran stört, halte ich an und sehe das Desaster. Er hat den Hufschuh total zerlegt und schleift ihn nur noch an der Gamasche hinterher. Wie er das geschafft hat, ist mir ein Rätsel, aber im Moment gibt es nur eine Lösung – der Schuh ist tot, also muss mein Pony den Rest hinten barhuf bewältigen. Zum Glück weiß ich ja schon, dass die Strecke gut genug ist dafür. Ein bißchen fluchend reiten wir weiter und schmieden Pläne, ihm einen Klebebeschlag zu verpassen.

Ein Stück weiter bei km18 ist dann der zweite Vet-Check. Um die Pulswerte zu senken, reiten wir vorher Schritt, kommen aber an einer gruseligen Biogasanlage vorbei, die den Puls erst mal wieder hochjagt. Zum Glück ist sie noch weit genug weg vom Check, der an der selben Stelle wie der erste liegt – ab jetzt ist die Strecke dann die selbe wie am Anfang. Die Ponys kommen wieder schnell auf den erforderlichen Pulswert und wir dürfen – nachdem der Schotte noch ein paar Komplimente bezüglich seiner Schönheit einkassiert hat – weiter. Obwohl Herr Finn langsam doch etwas müde wird, findet er nochmal Reserven und gibt immer wieder Gas. Mein linker Knöchel tut langsam übelst weh und wenn wir zu hause wären würde ich jetzt ein Stück laufen. Aber wir wollen ja ein bisschen flott bleiben, also weiter. So ist das wohl mit dem Ehrgeiz… Der Schotte hat immer noch den einen oder anderen Galopp im Angebot, wofür ich sehr dankbar bin, weil mein Knöchel im Galopp nicht weh tut. (Tags danach habe ich erst das getan, was ich zu Anfang hätte tun sollen – nachgeschaut ob die Bügel gleich lang sind. Wie überaus bedauerlich, dass ich nicht auf mein Gefühl gehört habe, sondern lieber 28km mit ungleich langen Bügeln unterwegs war mit dem Mantra „niemand anders benutzt diese Bügel, sie können nicht verstellt sein“. Als ich das gesehen habe, wollte ich irgendwie gern den Kopf gegen die Wand hauen. Aber das hilft ja auch nicht gegen Schmerzen im Knie….)

Aufgrund der fehlenden Schuhe sind wir etwas gehandicapt, weil wir nun den Grasstreifen nutzen und wir eine Strecke Schritt reiten, die wir sonst noch hätten traben wollen. Aber wir liegen hervorragend in der Zeit und also ist es uns egal. Die Ponys bewältigen noch einmal ein paar Gruselecken vom Anfang – Baustelle rechts, Kettensäge links… Und plötzlich sind wir wieder da und haben es geschafft! 28km in 190min – sehr sehr viel schneller als angedacht und mit einem immer noch recht fitten Schotten (das Pony meiner Freundin ist ja körperlich sowieso fit genug dafür). Wir vergessen fast, die Ankunftszeit in die Check-Karten eintragen zu lassen, weil wir so im Reit-Flow sind, aber zum Glück passen alle gut auf uns Anfänger auf und pfeifen uns sofort zurück. Die Pulswerte sind ok und so dürfen die Ponys erstmal mit Abschwitzdecke in ihr Paddock zurück. Gras mögen sie nicht, die Weide ist leider sehr vollgeäppelt, also gibt es mitgebrachtes Heu, worüber sie sich freuen.

Jetzt zeigt sich, wie müde das Pony meiner Freundin ist – nicht körperlich, sondern geistig. Während Finlay und ich ja häufig mit Arnulf und Diego zum ausreiten losziehen und auch schon auf Kurs waren mit Fremdübernachtung kennt ihr Pony sowas gar nicht. Er hat ja nun auch die Nacht schon fremd bei uns verbracht und jetzt, wo es geschafft ist, wirkt er total überwältigt von all den Eindrücken. Er steht nur noch und döst. Die Sonne kommt raus und wärmt die Ponys auf, so dass sie bald wieder trocken sind. Der Schotte sieht höchst zufrieden aus mit sich und der Welt und startet weitere Charme-Offensiven mit jedem Menschen, der in seine Nähe kommt. Nach 2 Stunden dürfen beide zur Nachuntersuchung und werden für ok befunden. Die Tierärztin verhandelt mit meiner Freundin, ob sie nicht ihr Pony haben kann (allerdings möchte sie es mit dem Kompressor aufpusten, denn es ist ihr zu klein) aber meine Freundin liebt ihr Pony und lehnt das Kaufangebot ab. Und dann dürfen die Bagaluten auch schon wieder ins Taxi steigen und lassen sich von Arnulf nach hause kutschieren, während meine Freundin und ich die Siegerehrung erwarten.

Viel später ist es dann so weit. Und obwohl seit dem Tag, an dem wir beschlossen haben, einen Distanzritt reiten zu wollen (irgendwann im Dezember?) für mich total klar war, dass wir ganz unten auf der Liste stehen und der Schotte eine rote Laterne mit nach hause nimmt, ist das keineswegs der Fall! Als das Verlesen der Zeiten (natürlich mit dem langsamsten Ritt beginnend) seinen Lauf nimmt, sind wir höchst überrascht, dass so viele Reiter vor uns genannt werden. Tatsächlich liegen wir ziemlich genau in der Mitte des Feldes! Wir nehmen unsere Plakette und einen Beutel Mash-to-Go entgegen und gewinnen sogar noch ausgeloste Preise (leider wusste das Los nicht, dass blau-graue Streichkappen nicht auf meinem Wunschzettel stehen – möchte jemand welche haben?) Wir fahren nach hause und laden das Pony meiner Freundin wieder auf, denn er soll noch in seinen Heimatstall. Er ist allerdings so kaputt, dass das einiges an Überredung kostet und ich beobachte erneut, wie Verhalten plötzlich nicht mehr funktioniert, weil der Kopf einfach überdreht und überfordert ist. Letztendlich steigt er aber doch ein und ich vermute, er hat zu hause erst mal zwei bis drei Mützen voll Schlaf genommen. Mein Schotte derweil hatte das Abenteuer seines Lebens und findet, es war ein wunderbarer Tag- und das finden wir auch!

Dieses Jahr kann ich mit Freude im Herzen auf diese schöne Erinnerung zurück blicken. Wenn ausnahmsweise alles nach Plan läuft, starten Duncan und ich in zwei Jahren auf genau diesem Ritt zum ersten Mal gemeinsam. Ich hoffe dass es klappt und freue mich schon drauf, diese schöne Erfahrung mit meinem besten Pony 2.0 zu wiederholen….

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 163

„Aua Mädchen guck mal, meine Schnute tut so weh!“

Ui da hat mein Mädchen sich aber bös erschreckt. Meine Lippe und meine Nase, alles geschwollen! Voll fies war das! Mich hatte nämlich was gestochen als ich am Wegesrand Gras gefressen hab.

Da hat mein Mädchen schnell den Tierarzt angerufen, der hat mir eine Spritze gegeben (Spritze kann ich. Da sag ich keinen Mucks). Dann hat er gesagt wir sollen das kühlen. Also kam mein Mädchen mit einem Eisbeutel. Damit es etwas schottischer wird, hat sie den in ihr kariertes Taschentuch gewickelt. Ich fand die Kühlerei trotzdem erst mal doof, wo doch meine Schnute so weh getan hat!

Dicke Lippe…
Dicke Nase – aua!

Aber wir haben einen Deal gemacht: paar Sekunden die eine Stelle kühlen, dann eine andere, denn noch eine andere und dann hab ich einen Keks bekommen. Dann das ganze von vorn. So ging es dann schließlich doch ganz gut. Und so nach einer guten Stunde war es schon viel besser. Dann haben sie mir noch so ein Spray drauf gemacht und ich durfte erst mal Heu essen gehen. Aber natürlich kam mein Mädchen dauernd wieder angerannt um zu gucken ob es mir auch wirklich gut geht. Auch mitten in der Nacht kam sie wieder mit halb geschlossenen Augen in den Stall getorkelt Diego war grad so schön am schlafen und ich hab bisschen Heu geknabbert. Bin dann zu ihr hin geschlurft, hab mir einen Keks geholt und bin wieder zurück geschlurft zum Heu, ohne Diego zu wecken.

Na jetzt bin ich zum Glück wieder fit! Und ich weiß jetzt, wo ich meine Nase besser nicht rein halte.

Euer zerstochener Sir Duncan Dhu of Nakel