Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 162

Ich glaube ich bin im Boot-Camp gelandet! Wir waren heute schon wieder so lang unterwegs! Da es etwas kühler war als gestern, war Diego der Große heute auch wieder ganz er selbst. Gestern war es ihm zu warm, dann ist er langsam und hat keine rechte Lust. Aber heute hatte er wieder seinen üblichen Turboschritt und mein Mädchen und ich sind kaum hinterher gekommen. Uff, der hat aber auch lange Beine! Wenn ich vorne laufen darf, geht es etwas besser. Wenn ich hinter ihm war, fühlte ich mich schnell abgehängt – da brauche ich auch gar nicht zu versuchen, mitzuhalten. Mein Mädchen hat gekichert und gemeint, ich wäre wohl doch tatsächlich mal müde und das hätte sie ja noch nie erlebt. Ach, Mädchen, schau dich doch selbst mal an. Wer jammert hier ständig, dass sie morgen Muskelkater haben wird? Na ich bin das nicht! Und dabei hat mein Mädchen gemogelt. Sie ist gar nicht den ganzen Weg gelaufen, sie hat sich ein gutes Stück von Diego tragen lassen. Und Gepäck trägt sie ja auch keins. Das mache ja schließlich ich – ganz allein! Sehr ritterlich ist das und verdient volle Anerkennung, finde ich.

Aber es war wirklich ein schöner Ausflug. Mit insgesamt 12km haben wir einen neuen Rekord aufgestellt! Ein Stück weit ist der Mann geritten und hat mich als Handpferd mitgenommen.

Als Handpferd laufen kann ich.

So musste mein Mädchen mal nur auf sich selbst aufpassen. Als mein Mädchen dann Diego geritten ist, ist der Mann mit mir gelaufen. Der kann übrigens genauso schnell Schritt gehen wie Diego – man ist das anstrengend! Aber ich glaub er war zufrieden mit mir.

Der Mann hat echt einen flotten Schritt drauf!

Zwischendurch haben wir eine ausgiebige Pause gemacht. Das war sehr fein!

Den Grastank auffüllen. War nötig. Und der Mann war doch auch schon ein bisschen müde, scheint mir!

Am Schluss war ich zum ersten Mal wirklich richtig froh, wieder nach hause zu kommen. Mein Mädchen hat gesagt, morgen machen wir uns einen faulen Tag. Und vielleicht ist das jetzt auch das erste Mal, dass ich mich darüber freue. Mein Mädchen sagt übrigens, dass genau das auch der Plan war. Hmmmmm, rätselhaft. Na egal, ich muss mich jetzt diesem großen Heuhaufen hier widmen. Den hab ich mir wahrhaftig redlich verdient!

Euer gut trainierter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 161

Mein Mädchen und der Mann haben heute JA(hres)-Tag. Das ist der Tag an dem sie „ja“ gesagt haben. Nicht zu irgendwas sondern er zu ihr und sie zu ihm. Sie haben sich versprochen, dass sie zusammenhalten „in guten wie in schlechten Zeiten“. Die beiden sagen aber lieber „wie Schwech und Pefel und durch dick und doof“.

16 Jahre ist das jetzt her – das ist viel länger als ich mir vorstellen kann! Und sie kennen sich schon 20 Jahre – das ist genauso lang wie mein Mädchen Merlin den Zauberer kennt. Und ich stelle fest: nach so einer langen Zeit kennen die sich ganz schön gut.

Aber mein Mädchen und ich, wir kennen uns jetzt ja immerhin auch schon 2 Jahre, das ist doch ein Anfang. Heute haben wir zur Feier des Tages einen schönen Ausflug gemacht: mein Mädchen und ich und der Mann und Diego der Große. Bei fabelhaftem Wetter. Mein Mädchen sagt, an diesem Tag ist immer schönes Wetter – weil da halt Ja-Tag ist. Wir sind 11km gewandert!

Zwischendurch haben wir Picknick gemacht

Nachher waren wir alle ganz schön müde. Mein Mädchen hat sich zum Schluss ein Stück von Diego dem Großen tragen lassen, weil ihre Füße nicht mehr laufen mochten. Meine Füße waren ok, nur mein Gehirn ist dann manchmal ein bisschen abgenutzt. Immerhin waren wir 3 Stunden unterwegs! Und da muss ich ja immer gut aufpassen, was angesagt ist. Gegen Ende wird mein Kopf dann immer etwas langsam.

Mein Mädchen hat gesagt, am nächsten JA-Tag kann ich sie vielleicht immer schon mal ein kleines Stückchen tragen – je nachdem wie ich mich so zurecht wachse. Na dann will ich mal loslegen! Also macht´s gut liebe Menschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Poker

„Wir Pferdeleute sind alle Pokerspieler“ hat Elsa mal gesagt. Und seit dem denke ich oft an diesen Spruch, denn er ist so einfach und so wahr. Jedes mal wenn ich ein Pferd und einen Menschen unterrichte, ist es wie Poker spielen. Wie hoch ist der Einsatz? Wie gut stehen die Chancen dass das klappt? Ein guter Pferdemensch wird das oft richtig einschätzen. Manchmal liegt man aber auch daneben. Wie ich damals mit Duncan und der Autobahnbrücke. Da hatte ich eben zu hoch gepokert. Und jetzt muss ich das alles wieder ausbügeln.

Die Kunst beim Pokern ist, nicht so hoch zu pokern, dass man nachher Haus und Hof verspielt hat. Hohe Einsätze kann man eben nur so lange machen, wie noch Geld da ist. Wer aber immer zu niedrig pokert, wird keinen großen Gewinn machen können.

Elsa hat noch ein schönes Bild: Im Freedom Based Training, wo alles ganz langsam geht, spielt man immer nur um Cent-Beträge. Man verliert nur wenig, wenn man verliert. Aber man kann auch nur wenig gewinnen. Wenn man dominanter unterwegs ist und dem Pferd sagt, was zu tun ist, spielt man um höhere Beträge. Man kann mehr auf einen Schlag einzahlen auf das Beziehungskonto, aber man kann eben auch mehr verlieren. Je besser man sich auskennt und je besser man seine Mitspieler lesen kann, desto mehr kann man setzen.

„Das mit dem Ketchup war ein Fehler“ sagt mein Mann und schaut betrübt auf seine Nudeln. „Ich hab mich auch gewundert“ antworte ich ihm. Und er sagt „hab ich gesehen“. Ich frage mich woran. Aber nun haben wir morgen ja auch schon unseren 16. Hochzeitstag. Und wir kennen uns seit 20 Jahren. Obwohl ich mir einen Kommentar zum Ketchup auf den Nudeln verkniffen hatte (mein Mann ist schließlich selber groß und muss wissen was er essen möchte), hat er mir anscheinend deutlich angesehen, dass ich die Idee reichlich merkwürdig finde. Ich habe wohl – zumindest in Arnulfs Augen – kein gutes Pokerface.

Auch Duncan hat kein Pokerface. In der Regel kann ich ihm gut ansehen, was er denkt. Nur beim Freedom Based Training, da bin ich oft verloren. Er bewegt seine Ohren und Augen so wahnsinnig schnell und viel, da verliere ich schon mal den Überblick. Erst ganz nach und nach entschlüssele ich die Masse an Information, die mein Pony ständig in die Welt funkt. Im „normalen“ Training ist das nicht so schlimm, schließlich sage ich meinem Pony, was zu tun ist. Im Freedom Based Training ist es (zumindest anfangs) umgekehrt: es ist an mir, herauszufinden, wo ich mich gerade aufhalten soll. Und da liege ich halt öfter mal daneben – schließlich bin ich Anfänger.

Aber immerhin habe ich jetzt das mit den Einsätzen verstanden. So lange ich Duncans Gesicht nicht gut genug lesen kann, muss ich die Einsätze eben im Cent-Bereich halten, damit ich keine großen Verluste mache, wenn ich daneben gelegen habe. Ein Atemzug in einer Position muss reichen – dann suche ich mir flugs einen neuen Platz. Ich habe Glück, denn auf dem Kurs mit Elsa war eine Teilnehmerin mit einem Pony, das Duncan nicht ganz unähnlich ist. Sie zu beobachten hat mir sehr geholfen. Keine Angst haben davor mich schnell zu bewegen und die Plätze ständig zu wechseln.

Langsam, ganz langsam, fällt der Groschen bei mir. Und wenn ich Duncan dann noch besser kenne, kann ich auch im Freedom Based Training höher pokern. Bis dahin geht es Cent für Cent. Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 160

Gestern waren mein Mädchen und ich zusammen in der Halle. Der Mann hat ihr so eine patente Aufsteigehilfe gebastelt, die wollte sie jetzt mal zum Einsatz bringen. Nicht, dass sie schon aufsteigen würde – Ihr kennt ja mein Mädchen! Nein nein, dafür bin ich noch viel zu klein. Und als sie neben mir auf der Aufsteigehilfe stand hat sie gesagt, von oben würde ich noch viel kleiner aussehen. Ja, Mädchen, wenn man sich Dinge von weiter oben anschaut, sehen die halt kleiner aus. Ist mir auch schon aufgefallen, weswegen ich meine Nase gern nah am Gras hab, dann sieht es größer aus ….. Aber zurück zur Aufsteigehilfe. Wir haben einparken geübt und Kekse von der anderen Seite essen und zwischendurch sollte ich im Kreis um die Aufsteigehilfe rum laufen – sinnloses Unterfangen, finde ich. Dann sollte ich wieder einparken und sie ist immer rauf und runter gehüpft und hat sich auf mir abgestützt und mir den Fuß auf den Rücken gelegt und solche Späße. Und mir dabei den Mähnenkamm geschubbert. Das war schön.

Erst einparken, dann den Keks kassieren. Auf der anderen Seite!
Ein Geturne war das vielleicht!
Zwischendurch gemeinsam Pause machen. Kannst Dich ruhig an mir anlehnen, mein Mädchen. Wenn Du am Boden stehst, stimmen ja auch die Größenverhältnisse wieder.

Dann hat sie den Mann gefragt, was er wohl so meint, was wir noch verbessern können. Und der Mann hat gesagt, da könnte man nix verbessern! Und da war mein Mädchen stolz, denn das hat er noch nie gesagt. Also haben wir Feierabend gemacht, weil mein Kopf schon ein bisschen geraucht hat von den vielen Übungen. Schön war’s!

Aber nicht vergessen, mein Mädchen: Echte Abenteuer gibt es nur jenseits der Grundstücksgrenzen zu erleben! Und wenn ich Dir zu klein bin, dann hock Dich doch einfach auf den Boden, dann seh ich gleich viel größer aus, versprochen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Eine magische Liste

Nein, es ist nicht immer alles rosarot. Auch bei uns nicht.

Duncan ist ein sehr, sehr einfach auszubildendes Pony. Finde ich. Vielleicht liegt es auch nicht nur am Pony sondern mehr an mir und an den allgemeinen Umständen hier. Klar, ich habe es leicht, denn zu jeder neuen Herausforderung können wir einfach Diego mitnehmen und ich weiß: Diego zeigt seinem Ziehsohn wie das geht und der kleine macht eh alles nach was der große macht. Und Diego macht ja irgendwie einfach immer alles richtig (was für ein Pferd!). Einfacher wird Pferdeausbildung ja nicht. Und so ein Highlandpony hat zwar seine Eigenheiten, ist aber in der Regel ja von Natur aus kooperativ und freundlich. Dann kommt bei Duncan hinzu, dass er in schier atemberaubendem Tempo lernt – zumindest kommt es mir so vor. Vielleicht unterschätzen wir auch alle, wie schnell Pferde lernen können. Ich denke oft, dass es so ist, weil so viele Pferde einen Sack voll Probleme mit sich herum tragen, der sie daran hindert, schnell zu lernen. Viele „unverdorbene“ Jungpferde die ich kenne lernen unglaublich schnell. Also kurz und gut: ich habe es maximal leicht mit Duncan. Und doch spielt mein Kopf mir manchmal Streiche.

Jungpferdeausbildung ist eine interessante Sache. Am Anfang erwartet man wenig von den Kleinen. Sind ja noch Kinder! Dann – je nach Pony und Mensch früher oder später – stellt man aber doch ein paar Ansprüche. Man freut sich über all die tollen Dinge, die das Pony lernt. Da kommt eine neue Sache nach der anderen dazu, bis schließlich in den meisten Fällen das Ganze gekrönt wird vom Anreiten – erstes Mal aufsteigen, erstes Mal allein lenken, erster Trab, erster Galopp ….. und dann ist das Pferd angeritten. So wie der Spaziergehkumpel von Sir Duncan. Und dann – ich erinnere mich noch sehr gut, wie es bei Finlay war. Dann kommt eine Zeit, in der sich augenscheinlich viel weniger tut. Die Highlights werden seltener und gefühlt werden die Fortschritte kleiner. Was nicht stimmt, die Ausbildung hat sich nur verlagert. Denn am Anfang geht es meistens nur ums Verstehen. Aber dann geht es darum, den Körper zu trainieren. Und das ist eben doch nicht ganz so schnell gemacht. Davon dass mir jemand erklärt, wie ich einen Spagat mache, kann ich halt keinen. Da heißt es üben, üben, üben. Das gleiche gilt für den Marathonlauf oder auch „nur“ die eine oder andere Yogaübung.

Nun aber zurück zu Sir Duncan. Da mein kleiner, großer Ritter mental so unglaublich früh dran ist mit allem und sich eigentlich immer 2 Jahre älter „anfühlt“ als er ist, verschiebt sich für mich das alles ganz schön. In meiner Wahrnehmung kann er schon längst „alles“ was man am Boden so können kann (in seinem Alter). Und wenn er was nicht kann, zeige ich es ihm und dann kann er das. So läuft das jetzt seit 2 Jahren. Und ja, ich bin verwöhnt.

Und dann bin ich plötzlich perplex, dass es Dinge gibt, die er NICHT kann. Zum Beispiel seine eigenen Gefühle managen wenn es um fremde Pferde geht. Eigentlich kein Wunder in seinem Alter. Und auch kein Wunder, weil wir es ja noch so wenig geübt haben. Aber wenn es dann schief geht und Herr Ritter mal wieder vergisst, dass ich auch noch da bin, dann macht mein Kopf ein Riesen Drama daraus. Mein Kopf extrapoliert dann das blöde Verhalten von heute und sagt mir, dass es ist ein oder zwei Jahren so schlimm sein wird, dass Duncan zum feuerspeienden Drachen mutiert sobald die Silhouette eines fremden Pferdes am Horizont erscheint.

Es ist für mich hilfreich, das am eigenen Leib (bzw im eigenen Kopf) noch einmal so zu erleben. Denn wie oft sage ich meinen Schülern, wenn sie ein Problem haben: „das geht vorbei, das müssen wir halt üben, das kriegen wir hin“ und wie oft sehe ich ihren ungläubigen, angsterfüllten Blick. Nun weiß ich (wieder), wie es sich hinter diesem Blick anfühlt und warum. Finlays Pubertät ist halt doch schon ein paar Jahre her und die Erinnerungen daran sind verblasst. Aber hey, der hatte schon auch mal ein paar lustige Ideen in dem Alter!

Jetzt liegt es also an mir, mit mir selbst so umzugehen wie mit meinen Schülern. Meinem Kopf zu erklären dass die Sache mit den fremden Pferden das EINZIGE Problem ist, was wir überhaupt haben, Duncan und ich. Und dass das mit viel Üben sicherlich in den Griff zu kriegen ist. Dass es Menschen gibt, die uns dabei unterstützen können. Und ich habe noch einen Trick gefunden: wenn Duncan mal wieder Pubertät hat, dann gehe ich mal pauschal davon aus, dass die Pubertät, die jetzt statt findet, die schlimmste Zeit ist, die wir zusammen haben. Stelle mir vor: Schlimmer als jetzt wird es nicht mehr. Und – zack! – ist Ruhe in meinem Oberstübchen. Denn wenn das alles ist, dann habe ich die entspannteste und einfachste Jungpferdeausbildung aller Zeiten.

Und wenn mein Kopf sich dann immer noch nicht überzeugen lässt, dann hole ich meine magische Liste hervor. Dort habe ich alles aufgeschrieben, was wir schon erreicht und gemacht haben. Und wenn ich diese Liste anschaue, dann wird mir klar: ich hab echt keinen Grund mich zu beschweren. Und das mit den fremden Pferden, das schaffen wir auch noch, Sir Duncan und ich.

Diese Liste ist etwas, das ich jedem Pferdebesitzer ans Herz lege. Wenn eine Schülerin sich beschwert, dass der Rechtsgalopp noch so blöde ist, dann erinnere ich sie daran, wie wir angefangen haben, mit einem einzigen Galoppsprung und es ging nur mit Hilfe von unten. Wenn eine Schülerin jammert, dass ihr Pferd immer noch Angst vor Treckern hat, erinnere ich sie daran, dass es vor ein paar Wochen sogar eine Plastiktüte für tödlich hielt. Und auch wenn meine Schülerin sich selbst klein redet und meint, dass sie das alles nicht kann, erinnere ich sie daran, dass der erste Trab schon eine Herausforderung war und sie das jetzt ganz selbstverständlich kann.

Ich finde, jeder sollte eine magische Liste haben. Die hilft uns auf die Sprünge, wenn wir uns festgedacht haben im Labyrinth angeblich riesiger Probleme. Und sie erinnert uns vielleicht auch daran, dass Pferdeausbildung (und auch Menschenausbildung) sowieso nie fertig und abgeschlossen ist.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 159

Ich hatte gestern Geburtstag! Und wisst Ihr was? Jetzt bin ich der Sache mit dem erwachsen-werden einen großen Schritt näher, denn jetzt bin ich schon 3 Jahre alt! Mein Mädchen meint, 3 Jahre wäre ein komisches Alter. Nicht mehr richtig klein aber auch noch nicht richtig groß. Ach was, ich bin doch schon voll groß! Hab ich ihr dann auch prompt gezeigt. Erstens habe ich ihr meinen Po gezeigt, der ist nämlich gewachsen, jawoll! Voll breit ist der geworden.

Und dann habe ich mich auf unserem Geburtstagsausflug einfach mal wieder total erwachsen benommen. Wir haben wieder so getan als würden wir Kutsche fahren. Weil ich ja Geburtstag hatte, haben die Mädchen gesungen. Oje, das hätte wirklich nicht sein müssen…. aber sie haben nicht so lang gesungen zum Glück.

Ganz schön schräg was die Mädchen da singen! Lieber ohne Ton anschauen, das ist schöner….

Den Rest der Zeit sind wir so durch die Landschaft gebummelt und haben das schöne Wetter genossen. Und mein Spaziergehkumpel und ich haben sogar ganz mutig überlebt als eine ganze Rinderherde „Stampede“ gespielt hat und im Galopp angerannt kam! Wir haben uns tüchtig erschreckt, ehrlich gesagt, weil die so hinter der Hecke versteckt waren, dass wir sie kaum sehen konnten! Aber mein Spaziergehkumpel und ich, wir wissen, dass man nicht einfach loszischen darf, auch wenn man sich erschreckt! Sind also nur ein bisschen flotter geworden und haben dann brav angehalten (und dafür Kekse kassiert). Weil wir soooooooo große und erwachsene Ponys sind!

Weil ich ja nun schon so erwachsen bin, wollte ich dann gern auch den Stuten auf der einen Weide gern ein bisschen imponieren. Aber das fand mein Mädchen voll blöde. Hm. Dabei kann ich so einen imposanten Hals machen und ich krieg dann auch echt eine tiefe Stimme! Aber mein Mädchen kriegt dann auch so eine verdächtig tiefe Stimme und dann weiß ich dass ich gleich Ärger kriege wenn ich mich nicht zusammenreiße…..

Aber ansonsten war es der reinste Genuss! Und das beste kommt ja noch: wir sind zum ersten Mal gemeinsam getrabt! Das Mädchen vom Spaziergehkumpel hat sich tragen lassen und mein Mädchen ist (weil ja noch keine echte Kutsche im Spiel ist) hinter mir her getrabt. Wer mein Tagebuch aufmerksam liest, weiß ja: ich kann jetzt genauso langsam traben wie sie! Und das hat den Vorteil, dass sie ein paar Meter mehr schafft bevor sie nicht mehr kann. Außerdem fand sie es ganz und gar wunderschön wie mein Schweif so vor ihr hin und her pendelte – da war sie abgelenkt davon, dass es anstrengend ist, zu traben.

Wenn ich alles richtig toll und gut gemacht habe, gab es natürlich Kekse. Und zwar per „Luftbetankung“! Dann hat das Mädchen vom Spaziergehkumpel mir die Kekse gereicht während wir weiter gelaufen sind. Ach, ich mag die, die ist echt nett!

Bitte einmal Luftbetankung!

Also es war rundherum herrlich!

Zu hause gab es noch Geburtstagsküsschen vom Spaziergehkumpel und vom Mädchen vom Spaziergehkumpel. Einmal mit Zunge und einmal ohne….

Wir küssen uns halt gern! Mein Spaziergehkumpel am liebsten mit Zunge!
Geburtstagsküsschen vom Mädchen vom Spaziergehkumpel

Aber jetzt, liebe Menschen, wiederhole ich meinen Geburtstagswunsch vom letzten Jahr. Wie Ihr wisst, geht es leider nicht allen Pferden so gut wie mir! Aber es gibt nette Menschen, die den Pferden helfen, denen es schlecht geht. Und diese netten Menschen brauchen Spenden, damit sie helfen können. Mein Mädchen hat mir deswegen nix teures zum Geburtstag geschenkt, sondern das Geld lieber für die armen Pferde gespendet. Und ich würde mich freuen, wenn Ihr auch was spendet. Schaut mal hier equiwent.org und lasst ein paar Euros da! Danke!

Euer drei Jahre alter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 158

Liebe Menschen, bitte entschuldigt, dass ich so lange nichts geschrieben habe. Ich war sehr beschäftigt. Nämlich mit wachsen und Zähne wechseln. Ich bin ja ein tapferer Ritter, aber es gibt Dinge, die selbst ich anstrengend finde und erwachsen werden gehört definitiv dazu! Wann bin ich wohl endlich fertig damit?

Na jedenfalls hat mein Mädchen ziemlich lange nichts mit mir unternommen. Zwischendurch war sie auch noch weg – auf Fortbildung. Und wisst Ihr, was sie da gelernt hat? Das Rumstehen! Ich lach mich schlapp. Ihr Menschen seid wirklich zu lustig! Das lustigste ist: obwohl sie 4 Tage lang rumstehen gelernt hat, kann sie es immer noch nicht richtig….. Aber ich werde es ihr schon noch erklären.

Heute jedenfalls hat sie dann gesagt, es wird doch Zeit, dass wir wieder was unternehmen. Ok. Während sie mich geputzt hat war ich ganz ruhig und artig und mein Mädchen hat zum Mann gesagt, dass sie sich ein bisschen Sorgen um mich macht. Ob es mir wohl gut geht? Weil ich so ruhig und artig bin. Da hat der Mann herzhaft gelacht. Und ich hab gedacht: Sorgen machen sollst du dir ja nun nicht, mein Mädchen! Und dann ging es los, wir sind endlich mal wieder spazieren gegangen! Oooooooh das hat mir so gefehlt! Bin gleich vom Hof runter um die Ecke gezischt und da musste mein Mädchen schon grinsen. Dann hab ich mal bisschen aufgedreht, versucht, den Mann zu beißen oder Diego den Großen zu beißen oder Gras zu haschen. Hat so ungefähr 5 Minuten gedauert bis mein Mädchen überzeugt war, dass es mir gut geht. Und dann noch weitere 5 Minuten bis sie beschlossen hat, dass es mir wohl fast ZU gut geht und ich dringend mehr Beschäftigung brauche. Recht hat sie – dieses nebeneinander her latschen hat sich ehrlich gesagt etwas abgenutzt. Also haben wir traben geübt. Ich kann jetzt genauso langsam traben wie mein Mädchen! Ich bin zwar immer noch nicht sicher ob das wirklich erstrebenswert ist, aber es gibt Kekse dafür. Na gut. Und dann musste ich immer gut aufpassen, wann wir wieder Schritt gehen, wann wir plötzlich unvermittelt anhalten, wann ich rückwärts gehen soll und so. Das war lustig! Ich hab das natürlich schnell kapiert.

Wir sind heute nach langer Zeit mal wieder durchs Dorf gelaufen, das war interessant! Da gab es viel zu sehen. Und weil mein Mädchen sich einen Äppelhaufen von mir gewünscht hatte um zu sehen ob ich nicht schon wieder Verstopfung habe, habe ich ihr einen schönen Haufen auf dem Bürgersteig platziert. Da hat sie sich gefreut! (So halb. Man kann es ihr ja nie ganz recht machen).

So, lange Rede, kurzer Sinn: mein Mädchen hat geschnallt, dass sie es einen Hauch übertrieben hat mit dem Pause machen. Und sie hat auch endlich verstanden was ich ihr nun bald 2 Jahre lang erzähle: Abenteuer finden jenseits des heimischen Hofes statt. Und alles was wir hier zu Hause machen ist nun mal kein Ersatz für einen vernünftigen Ausflug. Ich will was sehen von der Welt!

So und jetzt kümmere ich mich wieder um den blöden Zahnwechsel. Verdammt nervig, das sage ich Euch!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Knigge

Vor vielen Jahren, kurz bevor ich meinen Mann Arnulf kennen gelernt habe, hatte ich mal einen „Verehrer“. Ein sehr netter Mann mit ausgezeichnetem Benehmen, mit Tür aufhalten und so. Ach, das war schon schön, ein bisschen behandelt zu werden wie eine Prinzessin. Manchmal war es aber auch nervig. Zum Beispiel wenn er mich jedes mal, wenn er mich anrief, als erstes fragte „stör ich dich?“. Es war ihm nicht abzugewöhnen. Ich habe ungefähr 100mal versucht ihm zu erklären, dass ich nicht ans Telefon gehe wenn ich keine Lust habe zu telefonieren und dass er deswegen nicht fragen muss. Aber er meinte eben, das sei höflich und müsse so sein.

Letztendlich habe ich dann Arnulf kennen gelernt und durfte erleben, wie Höflichkeit auch sein kann. Arnulf hat nämlich ziemlich schnell herausgefunden, was ICH als höflich empfinde und verhält sich auf eine Art und Weise, die mir das Zusammensein mit ihm angenehm macht. Von Arnulf habe ich gelernt, dass schon beim Jacke hin halten Dinge zu beachten sind, die die meisten Menschen nicht verstehen. Andererseits hat Arnulf auch verstanden wann ich nicht möchte, dass er mir Sachen abnimmt. Wann ich emanzipiert und groß sein möchte und das selber machen und können will.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Männern ist, dass der eine die Höflichkeit irgendwie nur auswendig gelernt hat, während der andere diese natürliche Höflichkeit an den Tag legt, weil ihm die Menschen um ihn herum wichtig sind und er sie wahrnimmt mit ihren Bedürfnissen. Der eine verhält sich jeder Frau gegenüber gleich, egal wie die Frau das empfindet. Der andere nimmt jeden Mensch individuell wahr und erkennt, was diesem anderen Menschen hilft und Freude macht. Aber jetzt höre ich mal auf von meinem Mann zu schwärmen und erkläre Euch, was das mit Pferden zu tun hat.

Zum dritten Mal in meinem Leben hatte ich jetzt das Vergnügen, 4 Tage beim Kurs bei Elsa Sinclair (taming wild) zu zu schauen. Und diesmal sind all die kleinen Teilchen an ihren Platz gefallen und ich kann das ganze Bild erkennen.

Und ein großer Teil dieses Bildes ist die Höflichkeit untereinander, mit der Mensch und Pferd sich begegnen. Der Mensch soll nicht zu lang an einem Platz stehen bleiben, das ist unhöflich. „Do not overstay your welcome“ sagt Elsa dazu (bleib nicht länger als du willkommen bist) und ich muss unwillkürlich an Gäste denken, die man im Haus hat und die nicht merken, wann es Zeit ist zu gehen. Wenn jemand immer zu lang bleibt, wird man ihn schließlich nicht mehr einladen. Und genauso unangenehm kann es für ein Pferd sein, wenn man als Mensch zu lang an einem Ort verharrt und wenn wir das zu oft tun, wird unser Pferd uns nicht mehr dort haben wollen.

Andererseits soll und kann auch das Pferd lernen, was der Mensch als höflich und freundlich empfindet und was nicht. Dazu müssen wir es nicht aktiv beeinflussen, wir sind nur einfach nicht in Harmonie mit dem, was uns nicht gefällt. Wir sind auf eine Art „nicht da“ oder „nicht ansprechbar“ und weil Pferde gerne in Harmonie sein möchten, wird das Pferd sich bemühen, sich auf eine Art zu benehmen in der wir dann eben in Kontakt gehen und Dinge gemeinsam tun. Ich musste spontan an meine kleine Reitschülerin denken, die ganz schnell raus hatte, dass ich ihr gern beim Nachgurten helfe, wenn sie „bitte“ sagt.

Auf dem Kurs mit Elsa habe ich erlebt, wie hoch der Standard ist, den sie von den Pferden erwartet. Sie erwartet ja eigentlich genau genommen gar nichts von den Pferden. Da kann man schon mal auf den ersten Blick denken, dass es ihr eigentlich recht egal ist. Aber dann erwartet sie eben doch ganz ganz viel, eigentlich viel mehr als alle anderen Trainer. Das ist ein bisschen schwer zu erklären aber ich versuche mal meine Glück:

Weil sie mit so wenig Druck arbeitet – keine Hilfsmittel, kein Futterlob, kein irgendwie dominantes Auftreten – kann sie das Pferd nicht dazu bringen, etwas zu tun, was es nicht möchte. Sie beobachtet lediglich, was das Pferd jetzt gerade von selbst tut und dann kommentiert sie das, indem sie in Harmonie geht oder eben nicht. Und es ist unglaublich zu sehen, wie schnell die Pferde bereit sind, ihr Verhalten so anzupassen, dass Elsa mit ihnen in Harmonie geht. Die Schüler, die am Anfang oft noch nicht so recht wissen, was sie da tun, haben in den ersten zwei Tagen oft wenig Ergebnis, aber dann, wenn der Groschen fällt, kann man sehen, wie unglaublich schnell die Fortschritte sind. Und das, womit Elsa dann tatsächlich in Harmonie geht und also das Pferd belohnt, ist das freundlichste und höflichste Verhalten das ich je bei Pferden gesehen habe. Wie schnell die Pferde lernen, was dieser einzelne individuelle Mensch als freundlich und höflich empfindet und was nicht ist beeindruckend.

Und so habe ich jetzt viele, viele neue Ideen wie ich meinem Ritter die Tugend der Höflichkeit noch viel besser und nachhaltiger vermitteln kann und auch wie hoch ich die Messlatte tatsächlich hängen kann. Gleichzeitig wird das nur gelingen, wenn ich selbst noch viel besser herausfinde, was mein Ritter als höflich empfindet und was nicht. Übrigens beinhaltet das, dass ich nicht dauernd frage „stör ich?“ sondern vorher schon weiß oder wahrnehme ob ich stören würde an dem Platz den ich mir ausgesucht habe. So dass ich Duncan nicht in die Lage bringe, mir sagen zu müssen „ja du störst, schleich dich mal“. (was mir leider schon passiert ist. Aber jetzt weiß ich es hoffentlich besser!). Wenn es gut läuft, verhalte ich mich so klug, dass Duncan immer nur sagt „ach, schön dass Du da bist!“. Und dann bereit ist, sich so freundlich und höflich zu verhalten, dass ich auch gern bei ihm bin.

Pause

Still ist es hier bei uns. Sir Duncan hat lange kein Tagebuch geschrieben. Das liegt nicht nur daran dass ich – als seine Tippse – einfach anderes im Kopf hatte, sondern auch daran, dass wir tatsächlich wenig gemacht und nichts erzählenswertes erlebt haben. Kolik und Klinikaufenthalt und die anschließende ausgiebige Nachsorge mit neu anweiden, Spezialfutter, Osteopathie und Massage waren Arbeit genug. Dazu das ewige „drauf rum gucken“. Geht es ihm gut? Ist er wirklich in Ordnung? Oft bin ich nachts in den Stall geschlichen um mich davon zu überzeugen.

Jetzt, in den letzten Tagen, ist die Sicherheit bei mir wieder eingekehrt: ja, es geht ihm gut. Er ist in Ordnung. Am Dienstag waren wir zum ersten Mal wieder mit seinem Spaziergehkumpel unterwegs. Eine nicht allzu große Tour, ich bin vom Boden gefahren. Duncan war wundervoll konzentriert und hat alles großartig gemeistert. Und dann war er kopfmüde. Und das ist er ja nun wirklich selten.

Wir machen jetzt also Pause. Das heißt nicht, dass wir nichts machen – das würde Duncan wohl auch nicht gut heißen. Aber wir machen etwas weniger und nichts neues. Wir lassen jetzt einfach mal all das, was wir schon können, ein bisschen sacken.

Manchmal habe ich den leisen Vorwurf gehört, ich würde mit meinem jungen Pferd schon so viel – zu viel – machen und so einen hohen Standard verlangen. Dass mein kleiner Junghengst bei der Hufpflege artiger steht als 90% meiner Kundenpferde, hört mancher eben nicht so gern. Das hat ja nichts damit zu tun dass ich wahnsinnig viel Druck auf ihn ausgeübt hätte. Wir haben nur eben die Dinge gleich korrekt gemacht anstatt uns raus zu reden mit „er ist ja noch so klein“. Dass er klein ist, heißt nur, dass die Einheiten KURZ sind, nicht, dass man ungenau vor sich hin pfuscht und Verhaltensweisen etabliert die in Wirklichkeit niemand will.

Wir beide, Sir Duncan und ich, haben tatsächlich sehr viel gemacht. Oft. Und viele verschiedene Dinge, mehr als ich es mit Finlay in diesem Alter gemacht habe und mehr als die meisten Menschen mit ihren Pferden in dem Alter tun. Ich hatte immer den Eindruck, dass das alles völlig richtig so ist, dass Duncan es so will und viel Spaß hat. Ich bin mir da auch immer noch sicher. Genauso sicher bin ich mir jetzt, dass er eine Pause braucht. Wir verschieben also Dinge wie Fremdpferde-Training, Aufsteig-Vorübungen, Seitengang-Anfänge etc die eigentlich anstanden. Wir bummeln jetzt mal. Ich glaube, er hat zum ersten Mal Wachstumsprobleme und vielleicht ist er auch im Kopf sehr mit sich selbst beschäftigt – wie das bei Teenagern eben mal so ist.

Dank unserer wunderbaren Basis habe ich keine Not, irgendetwas zu üben. Wir können unsere gemeinsame Zeit einfach anspruchslos genießen. Ich kann derweil schauen, ob ich die Fütterung vielleicht nochmal anpassen muss und was von dem was wir schon können ihm jetzt gut tut und was mal ruht (z.B. der Galopp). Und warten, wann er wieder da steht und dringend nach Abenteuer und Action verlangt. Der Tag wird kommen, da bin ich sicher. Bis dahin schieben wir eine ruhige Kugel, Sir Duncan und ich. In einem Alter, in dem für viele Pferde das Training beginnt (kurz vor dem dritten Geburtstag), ein Alter, in dem viele Menschen ihren Pferden unglaublich viel neue Information in unglaublich kurzer Zeit servieren, machen wir ein Päuschen. Und ich bin sehr zufrieden, dass ich so früh so viel gemacht und seine Lernwilligkeit und Abenteuerlust genutzt habe. So kann ich jetzt Zeit verstreichen lassen, die er für sich braucht. Mehr noch: ich kenne ihn gut genug um zu sehen, dass er diese Zeit braucht. Dass jetzt nicht die Zeit für neuen Input ist. Sondern die Zeit der leisen Reifung.

Wie lang diese Phase dauert – na da lassen wir uns mal überraschen. Wir ruhen uns jetzt auf unseren Lorbeeren aus. Ich finde nämlich, dass da überhaupt nichts dagegen spricht. Und ich freue mich, dass wir uns da schon so schön weich betten können.

Rechnung

Gestern lag die Rechnung für Duncans Kolik im Briefkasten und trieb mir die Tränen in die Augen. Nicht weil sie so hoch wäre – tatsächlich ist sie etwas niedriger als befürchtet – sondern weil ich an Finlays letzte Rechnung denken musste.

Ich weiß noch, dass ich einige Wochen nach Finlays Tod zu Arnulf gesagt habe „da ist noch keine Rechnung gekommen, ich muss da mal nachfragen“. Und er sagte nur, dass er die Rechnung bereits bezahlt und anschließend zerrissen hatte. Finlays letzte Rechnung war nicht so hoch wie Duncans jetzt. Aber ich hätte damals mit Freuden das 10fache gezahlt und dafür mein Pony lebendig mit nach hause genommen. Diese letzte Rechnung kennen die meisten Tierbesitzer. Die Rechnung, die man bezahlt, um seinem Tier Todesqualen so gut wie möglich zu ersparen. Es ist der letzte Liebesdienst, den wir ihnen erweisen können. Und ich fürchtete schon, ich müsste das wieder tun, wieder bei meinem jungen Pferd.

Aber mein Duncan ist wieder hier. Und es geht ihm gut – zumindest seiner Verdauung. Schlecht drauf war er trotzdem noch tagelang. Zum ersten Mal überhaupt hat er sich weg gedreht, als ich ihm das Halfter aufziehen wollte. Zum ersten Mal überhaupt ist er im Roundpen immer wieder zum Ausgang gelaufen. Nicht, dass er nichts mit mir zu tun haben wollte, aber er mochte keine Aufgaben haben. Sogar wippen mochte er nicht wirklich. Und das kenne ich nun so gar nicht von meinem aktiven Ritter, der sich sonst über jede Aufgabe freut. Nun ist natürlich klar, dass das alles kein Spaß war, weder psychisch noch körperlich. Natürlich ist er mir doch ein bisschen böse oder zumindest nicht ganz so überschwänglich erfreut mich zu sehen wie sonst. Wer weiß, was ich wieder für komische Sachen mit ihm vorhabe? Aber trotzdem – irgend etwas stimmte da nicht.

Am Sonntag bat ich Arnulf, ihn sich osteopathisch anzuschauen. Und tatsächlich war das Becken derart schief, dass sogar ich es zweifelsfrei sehen konnte (das will was heißen). Jetzt sind wir also wieder mit dehnen und massieren beschäftigt und Arnulf behandelt Duncan alle paar Tage. Das dauert, bis das schiefe Pony wieder gerade ist. Aber je weiter wir kommen, desto mehr steigt die Laune. Und bei mir ist der Druck raus, das Gefühl, nicht zu wissen, was jetzt das Problem ist und was ich tun muss. Ich kann jetzt den Körper behandeln und das tut der Seele auch gut. Vorgestern ist Duncan zum ersten Mal wieder ausgelassen los gesprungen, als es auf die Weide ging. Langsam glaube ich daran, dass es wieder besser werden wird.

Ich erinnere mich an Finlay – an jene 2 Wochen des Schreckens als sein eines Hinterbein schneller gewachsen war als das andere. Der arme Kerl lief quasi seitwärts! Wachsen ist anstrengend, das weiß ich seit meiner Kindheit mit den ollen Knieschmerzen. Bisher ist der Ritter immer schön ruhig vor sich hin gewachsen. Ob das schiefe Becken jetzt ein Wachstumsproblem, ein Kolikproblem oder ein Unfallproblem ist (weil er sich ja auch beim Spielen regelmäßig übernimmt und hinfällt) weiß ich nicht. Ob das schiefe Becken von der Kolik oder die Kolik vom schiefen Becken kam, werde ich nie erfahren.

Ich vermute, dass das jetzt der erste echte Wachstumsschub in die Breite ist. Da kann schon mal was durcheinander geraten. Und die Erinnerung an Finlay hält mich aufrecht: das wird schon wieder. Meine Aufgabe ist jetzt die der liebevollen Begleitung. Und ich muss auf jenem schmalen Grat balancieren: was kann ich trotzdem verlangen, was kann er auf jeden Fall ordentlich machen und was verlange ich nicht? Was frage ich mal an und wenn er es verweigert, nehme ich das so hin und gehe davon aus, dass er es im Moment nicht kann?

Man kann in so ein Pony nun mal nicht rein gucken. Neulich sagte mir jemand „gut drauf gucken reicht ja schon“. Aber ich finde das nicht. Ich habe mir die Augen aus gestarrt als er Kolik hatte. Habe nach dem Schmerzgesicht gesucht und es nicht entdeckt, obwohl er sonst so eine ausgeprägte Mimik hat. Und dann immer nur dieses vage Gefühl: es stimmt was nicht. Mit diesen Angaben kann kein Tierarzt etwas anfangen – verständlicher Weise.

Neulich sprach ich mit einer Hengst-erfahrenen Pferdefrau, die mir den entscheidenden Hinweis gab. Ich meinte, dass alle mir sagen, ich muss das mit den fremden Pferden halt üben, aber dass ich noch nicht so recht weiß, wie (im Sinne von: wie reagiere ich, wenn mein Pony dann wieder auf zwei Beinen neben mir steht?) Und sie sagte: „Du übst jetzt erst mal, ihn mehr wahrzunehmen. Vorher zu sehen, was gleich passiert.“

Oh. Wie recht sie doch hat. Ich übe meine Wahrnehmung. Und damit ist ja auch oft schon mindestens das halbe Problem gelöst. Das gilt für gesundheitliche Probleme ganz genau so wie für Verhaltensweisen.

Und hier stelle ich wieder fest: ich kenne mein Pony noch nicht gut genug. Ist das nicht absurd? Fast 2 Jahre ist er nun bei mir. Aber ich kenne ihn nicht gut genug. Nicht nur, weil 2 Jahre zu kurz sind, um ein Pony richtig kennen zu lernen, sondern auch, weil ein junges Pferd sich so stark verändert. Das Pony, das jetzt hier steht, ist nun mal gereifter, erwachsener und lebenserfahrener als das, das vor knapp 2 Jahren bei mir eingezogen ist. Aus dem Jährling ist ein Teenager geworden, der nun langsam zum Hengst wird.

Über seine Krankheitsanzeichen habe ich in den letzten Wochen auf jeden Fall einiges gelernt, genau wie über sein Fressverhalten. Sobald er wieder fit ist, geht es dann auf die nächste Lernstufe: Hengstverhalten. Und wieder habe ich mehr zu lernen als mein Pony.

Ich freue mich, dass ich das alles lernen kann, auch wenn es mir manchmal Angst macht. Ich kann all diese Dinge mit ihm entdecken, denn mein Pony ist noch da. Ich bezahle die beiden fetten Rechnungen – eine vom Tierarzt und eine von meinem Pony ausgestellt – mit einem kleinen Lächeln und freue mich, denn mein Pony ist hier und es sieht wirklich so aus, als sei er im Grunde ganz gesund. Und ich weiß: wenn ich meine Rechnung bei ihm beglichen habe, sind wir wieder ein Stück näher zusammen gerückt.