Rechnung

Gestern lag die Rechnung für Duncans Kolik im Briefkasten und trieb mir die Tränen in die Augen. Nicht weil sie so hoch wäre – tatsächlich ist sie etwas niedriger als befürchtet – sondern weil ich an Finlays letzte Rechnung denken musste.

Ich weiß noch, dass ich einige Wochen nach Finlays Tod zu Arnulf gesagt habe „da ist noch keine Rechnung gekommen, ich muss da mal nachfragen“. Und er sagte nur, dass er die Rechnung bereits bezahlt und anschließend zerrissen hatte. Finlays letzte Rechnung war nicht so hoch wie Duncans jetzt. Aber ich hätte damals mit Freuden das 10fache gezahlt und dafür mein Pony lebendig mit nach hause genommen. Diese letzte Rechnung kennen die meisten Tierbesitzer. Die Rechnung, die man bezahlt, um seinem Tier Todesqualen so gut wie möglich zu ersparen. Es ist der letzte Liebesdienst, den wir ihnen erweisen können. Und ich fürchtete schon, ich müsste das wieder tun, wieder bei meinem jungen Pferd.

Aber mein Duncan ist wieder hier. Und es geht ihm gut – zumindest seiner Verdauung. Schlecht drauf war er trotzdem noch tagelang. Zum ersten Mal überhaupt hat er sich weg gedreht, als ich ihm das Halfter aufziehen wollte. Zum ersten Mal überhaupt ist er im Roundpen immer wieder zum Ausgang gelaufen. Nicht, dass er nichts mit mir zu tun haben wollte, aber er mochte keine Aufgaben haben. Sogar wippen mochte er nicht wirklich. Und das kenne ich nun so gar nicht von meinem aktiven Ritter, der sich sonst über jede Aufgabe freut. Nun ist natürlich klar, dass das alles kein Spaß war, weder psychisch noch körperlich. Natürlich ist er mir doch ein bisschen böse oder zumindest nicht ganz so überschwänglich erfreut mich zu sehen wie sonst. Wer weiß, was ich wieder für komische Sachen mit ihm vorhabe? Aber trotzdem – irgend etwas stimmte da nicht.

Am Sonntag bat ich Arnulf, ihn sich osteopathisch anzuschauen. Und tatsächlich war das Becken derart schief, dass sogar ich es zweifelsfrei sehen konnte (das will was heißen). Jetzt sind wir also wieder mit dehnen und massieren beschäftigt und Arnulf behandelt Duncan alle paar Tage. Das dauert, bis das schiefe Pony wieder gerade ist. Aber je weiter wir kommen, desto mehr steigt die Laune. Und bei mir ist der Druck raus, das Gefühl, nicht zu wissen, was jetzt das Problem ist und was ich tun muss. Ich kann jetzt den Körper behandeln und das tut der Seele auch gut. Vorgestern ist Duncan zum ersten Mal wieder ausgelassen los gesprungen, als es auf die Weide ging. Langsam glaube ich daran, dass es wieder besser werden wird.

Ich erinnere mich an Finlay – an jene 2 Wochen des Schreckens als sein eines Hinterbein schneller gewachsen war als das andere. Der arme Kerl lief quasi seitwärts! Wachsen ist anstrengend, das weiß ich seit meiner Kindheit mit den ollen Knieschmerzen. Bisher ist der Ritter immer schön ruhig vor sich hin gewachsen. Ob das schiefe Becken jetzt ein Wachstumsproblem, ein Kolikproblem oder ein Unfallproblem ist (weil er sich ja auch beim Spielen regelmäßig übernimmt und hinfällt) weiß ich nicht. Ob das schiefe Becken von der Kolik oder die Kolik vom schiefen Becken kam, werde ich nie erfahren.

Ich vermute, dass das jetzt der erste echte Wachstumsschub in die Breite ist. Da kann schon mal was durcheinander geraten. Und die Erinnerung an Finlay hält mich aufrecht: das wird schon wieder. Meine Aufgabe ist jetzt die der liebevollen Begleitung. Und ich muss auf jenem schmalen Grat balancieren: was kann ich trotzdem verlangen, was kann er auf jeden Fall ordentlich machen und was verlange ich nicht? Was frage ich mal an und wenn er es verweigert, nehme ich das so hin und gehe davon aus, dass er es im Moment nicht kann?

Man kann in so ein Pony nun mal nicht rein gucken. Neulich sagte mir jemand „gut drauf gucken reicht ja schon“. Aber ich finde das nicht. Ich habe mir die Augen aus gestarrt als er Kolik hatte. Habe nach dem Schmerzgesicht gesucht und es nicht entdeckt, obwohl er sonst so eine ausgeprägte Mimik hat. Und dann immer nur dieses vage Gefühl: es stimmt was nicht. Mit diesen Angaben kann kein Tierarzt etwas anfangen – verständlicher Weise.

Neulich sprach ich mit einer Hengst-erfahrenen Pferdefrau, die mir den entscheidenden Hinweis gab. Ich meinte, dass alle mir sagen, ich muss das mit den fremden Pferden halt üben, aber dass ich noch nicht so recht weiß, wie (im Sinne von: wie reagiere ich, wenn mein Pony dann wieder auf zwei Beinen neben mir steht?) Und sie sagte: „Du übst jetzt erst mal, ihn mehr wahrzunehmen. Vorher zu sehen, was gleich passiert.“

Oh. Wie recht sie doch hat. Ich übe meine Wahrnehmung. Und damit ist ja auch oft schon mindestens das halbe Problem gelöst. Das gilt für gesundheitliche Probleme ganz genau so wie für Verhaltensweisen.

Und hier stelle ich wieder fest: ich kenne mein Pony noch nicht gut genug. Ist das nicht absurd? Fast 2 Jahre ist er nun bei mir. Aber ich kenne ihn nicht gut genug. Nicht nur, weil 2 Jahre zu kurz sind, um ein Pony richtig kennen zu lernen, sondern auch, weil ein junges Pferd sich so stark verändert. Das Pony, das jetzt hier steht, ist nun mal gereifter, erwachsener und lebenserfahrener als das, das vor knapp 2 Jahren bei mir eingezogen ist. Aus dem Jährling ist ein Teenager geworden, der nun langsam zum Hengst wird.

Über seine Krankheitsanzeichen habe ich in den letzten Wochen auf jeden Fall einiges gelernt, genau wie über sein Fressverhalten. Sobald er wieder fit ist, geht es dann auf die nächste Lernstufe: Hengstverhalten. Und wieder habe ich mehr zu lernen als mein Pony.

Ich freue mich, dass ich das alles lernen kann, auch wenn es mir manchmal Angst macht. Ich kann all diese Dinge mit ihm entdecken, denn mein Pony ist noch da. Ich bezahle die beiden fetten Rechnungen – eine vom Tierarzt und eine von meinem Pony ausgestellt – mit einem kleinen Lächeln und freue mich, denn mein Pony ist hier und es sieht wirklich so aus, als sei er im Grunde ganz gesund. Und ich weiß: wenn ich meine Rechnung bei ihm beglichen habe, sind wir wieder ein Stück näher zusammen gerückt.

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