Zu nah

Der Pferdezahnarzt ist da. Und diesmal soll auch Gatsby gemacht werden. Da der wenig Begeisterung zeigt sondern eher etwas Angst hat, bleibe ich mit Duncan in der Scheune, als beruhigende Gesellschaft. Ob das was bringt wissen wir nicht, aber es kostet nix. Oder doch, denn Duncan schiebt natürlich sofort Langeweile. Ich fange also an, ihn wieder zu bespaßen wie beim letzten Mal (könnt Ihr hier nachlesen). Die „Belly bumps“ zu denen der Zahnarzt mich letztes Mal anstiften wollte, können wir jetzt. Und ich mache meine kleine „Spagatübung“, stehe am Boden und hebe mein Bein auf Duncans Rücken – das geht gerade so ganz knapp. Der Zahnarzt lacht und sagt „hol Dir doch einen Stuhl“. Ich hole mir einen Eimer zum drauf stehen. Duncan kennt das, ich hab das schon mal gemacht. Ich stehe auf dem Eimer und lege mein Bein auf seinen Rücken. Kennt er, kann er. Der Zahnarzt stiftet mich an, den Fuß auf der anderen Seite zu bewegen und ist ganz entzückt von Duncan, der mit einem interessierten Blick nach hinten reagiert und mich fragt, was ich da tue. Lustig findet mein Ritter das, sehr unterhaltsam. Der Zahnarzt meint, mein Pony sei so weit, ich könnte mich doch auch drauf setzen. Ich meine das nicht. Und der Zahnarzt sagt lächelnd „Du bist ihm zu nah“ (emotional meint er).

Vielleicht. Vielleicht ist meine Einschätzung falsch und ich könnte mich drauf setzen. Vielleicht ist meine Einschätzung auch richtiger als die des Zahnarztes, denn ich kenne mein Pony. Vielleicht ist mein Anspruch höher. Ich bin sicher, ich könnte mich auf Duncan setzen ohne dass etwas dramatisches passieren würde. Aber ich bin ebenso sicher, dass Duncan das blöd finden würde. Ich möchte erst dann aufsteigen, wenn Duncan es mit hoher Wahrscheinlichkeit witzig und interessant findet. „Aushalten“ und sich dran gewöhnen ist nicht mein Weg. Ich denke an so viele Kaffee- oder Weintrinker die ich kenne. Wenn ich diese Leute frage, ob sie das nicht früher auch eklig fanden, kommt erstaunlich oft die Antwort: „man gewöhnt sich dran“. Ich werde es nie verstehen, aber anscheinend haben diese Menschen angefangen, Kaffee oder Wein zu trinken obwohl es ihnen anfangs eben NICHT geschmeckt hat. Inzwischen haben sie sich dran gewöhnt und es schmeckt ihnen. Kann ja jeder machen was er will, ich habe halt die Gewöhnungsphase weg gelassen und trinke das Zeug bis heute nicht. Und ich möchte nicht, dass mein Pony sagt „man gewöhnt sich dran, dass einem jemand auf dem Rücken sitzt“. Ich möchte, dass Duncan begeistert in sein Tagebuch schreibt, wenn es so weit war. Dass er nach dem Absteigen laut „nochmaaaaaaal!“ ruft, weil er es so interessant und unterhaltsam fand. Nicht nur weil es (vielleicht) einen Keks gab. Auch deswegen gibt es bisher für diese Dinge eben KEINE Kekse. Weil ich eine ehrliche Rückmeldung haben möchte (auch wenn mir die nicht immer gefällt). Ich möchte den Sitzplatz auf Duncans Rücken nicht kaufen, sondern ihn mir verdienen und er soll „nein“ sagen dürfen oder „ich bin noch nicht so weit“ oder „ich bin nicht sicher“. Später, wenn er es kann, wird sich das sicher ändern. Dann wird es Kekse geben um die Motivation zu steigern. Aber der Anfang soll so sein.

Bin ich zu nah an meinem Pony und unterschätze ihn? Kann sein. Erst neulich durfte ich einer Schülerin aufzeigen, wie sehr ihr Pony sich entwickelt hat und dass aus dem verschreckten Norweger, der schnell im Erstarrungsverhalten „verschwand“ wenn er überfordert war, ein rotzfrecher Clown geworden ist, der hundert Mittel und Wege hat um günstig an Lob, Aufmerksamkeit und Kekse zu kommen und unliebsamen Dingen aus dem Weg zu gehen. Und sie sah ein, dass sie da wohl eine Entwicklung verpasst hat und fest hängt in ihrem alten Bild von ihrem Pony. Vielleicht geht es mir ähnlich? Ich weiß es nicht und ich werde es nie wissen. Die gute Nachricht ist: in Situationen wie dieser vergebe ich mir nichts, wenn ich warte und es dann mache wenn ich es für richtig halte.

In anderen Situationen darf ich schon wachsam sein. Denn natürlich hat Duncan sich im Laufe des letzten Jahres altersbedingt sehr stark verändert. Natürlich ist er jetzt ganz anders drauf. Ich beobachte ihn mit Argusaugen in der Herde um zu lernen, an welchen Stellen er anders reagiert als früher. Er hat mehr „standing“, schon allein weil er mehr Körpermasse hat. Er lässt sich nicht mehr so leicht weg schubsen von „seinem“ Heuhaufen. Er bleibt einfach stehen und ist unbeeindruckt von Gatsby, der den Haufen für sich beansprucht. So wird das Heu eben geteilt. Später ist Duncan dann allerdings doch weg gegangen um woanders Heu zu fressen – mein harmonieliebendes Pony möchte eben doch gern den Frieden erhalten. Und so verhält er sich auch bei mir: er fragt mal nach, ob diese Regel wirklich gilt, aber wenn er feststellen muss, dass sie wirklich gilt, ist das ok für ihn. Fragen kostet ja nix.

Seine Laune schwankt nicht mehr ganz so schnell, er ist etwas mehr zur Ruhe gekommen in sich selbst. Mental. Körperlich hingegen merke ich ihm an dass er in den letzten Wochen viel zu wenig Bespaßung hatte und somit vor überschüssiger Energie mal wieder nur so strotzt. Da muss ich ran, damit er nicht explodiert…. (sonst bekomme ich wieder Beschwerdemeldungen von der genervten Herde).

Aber das schönste Geschenk hat er mir neulich gemacht, als wir in der Freiarbeit eine neue Übung probiert haben. Anstatt dass – wie früher – der Vorderhuf hoch kam und die Verzweiflung stieg weil er nicht wusste was er tun sollte, hat er in Ruhe ausprobiert und angeboten. Hat sich von meiner stimmlichen Rückmeldung mit „ja“ und „nein“ lotsen lassen (im Sinne von „Du bist näher dran“ und „Du bist weiter weg“ – nein heißt nicht „total falsch lass den Mist“!), hat sich zwischendurch einen Keks fürs probieren geben lassen und schlussendlich die Lösung gefunden. Und das war so erwachsen, mit noch nicht ganz 3 Jahren, da war ich baff. Und stolz, denn irgendwas hab ich wohl richtig gemacht. Und irgendwann kommt auch der Aufsteige-Tag. Wenn ich glaube, dass mein stolzer Ritter so weit ist.

Eines Tages wird es so weit sein.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 151

Mein Mädchen hat gesagt, der Mann und ich sollen mal ein „Männergespräch“ führen. Weil ich nämlich gerade dabei bin, ein ganzer Kerl zu werden. Woran sie das gemerkt hat, erzähle ich Euch aber nicht, das ist sehr privat und geht überhaupt nur mich was an.

Der Mann hat jedenfalls gefragt worüber er denn wohl mit mir reden soll und mein Mädchen hat geantwortet, dass sie das nicht weiß, weil sie ja kein Mann ist und es ja ein Männergespräch sein soll. Also gut, wir haben uns unterhalten, der Mann und ich. War sehr nett. Worüber wir geredet haben bleibt aber unser Geheimnis.

Männergespräch

Ansonsten kann ich berichten, dass alles beim Alten ist. Mein Spaziergehkumpel und sein Freund wollen nämlich doch lieber bei ihrer Stute wohnen als bei uns. Kann ich voll verstehen – wenn ich eine eigene Stute hätte würde ich die auch nicht aus den Augen lassen. Also wohnen die jetzt wieder „nebenan“ und mein Spaziergehkumpel und ich treffen uns gelegentlich zum spielen. Ich finde es ein bisschen schade, aber wie gesagt durchaus sehr verständlich.

Wir knabbern uns jetzt jede Nacht auf der Weide den Bauch rund – das Gras ist so hoch, dass Caruso drin verschwinden kann! Der reinste Überfluss, wie im Paradies. Und heute waren wir endlich mal wieder mit der Wackelkiste los für einen schönen (wenn auch zu kurzen) Spaziergang. So lässt sich der Sommer gut genießen!

Euer zufriedener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 150

Na, was macht Euer Wallehaar so? Viele von Euch ja doch mittlerweile recht respektable Mähnen entwickelt! Auch mein Mädchen hat deutlich längeres Kopfhaar als vorher. Manchmal nervt es sie. Dann muss der Mann die Schere nehmen und was abschneiden. Lustig, wenn er das bei mir machen würde, dann würde mein Mädchen ihm ganz schön den Marsch blasen! Bei mir ist ihr jedes Haar heilig. Nur meinen Schweif kürzt sie ab und zu ein bisschen damit ich mir nicht drauf trete und die heiligen Haare ausreiße. Sie findet mein Wallehaar einfach wunderschön!

Der Mann hat auch keine lange Mähne, der hatte da keine Lust drauf. Also musste mein Mädchen ihm die Haare schneiden. Und jetzt weiß ich auch, warum sie das bei mir nicht tut: sie kann es nicht so gut. Deswegen hat sie dem Mann auch ein Entschuldigungsschreiben mitgegeben, als er neulich zum ersten Mal wieder beim Friseur war, weil es ihr so peinlich war.

Sie hat ihm echt ein Entschuldigungsschreiben mitgegeben! War auch nötig…..

Ich überlege derweil, ob ich mir noch etwas mehr Wallehaar zulege. Bisher habe ich meine Mähne immer stramm links getragen. Aber mein Papa hat auf beiden Seiten Mähne. Das ist irgendwie ausgewogener oder? Deswegen hab ich gedacht ich mach es rechts auch mal bisschen haariger. Nach und nach hab ich ein paar Strähnen da rüber kippen lassen. Und vielleicht mach ich da noch paar mehr hin. Damit mein Mädchen was zum freuen hat. Und zum bürsten. Und gelegentlich zum einflechten (obwohl sie das nicht so gern macht. Aber manchmal ist die Haarpracht einfach im Weg. Und abschneiden ist bei mir ja nicht erlaubt!)

Echt jetzt, Mädchen? Dein Ernst?
Auch bisschen Mähne nach rechts, was meint Ihr?

Was meint Ihr, ob mir das stehen würde, so eine Doppelmähne? Und wie sieht es bei Euch so aus um den Kopf herum? Ich bin schon sehr gespannt wann mein Mädchen wieder zum Friseur geht und wie sie dann aussieht! Hoffentlich erkenne ich sie wieder. Notfalls am Geruch (wobei auch der sich beim Friseurbesuch ändert, habe ich gemerkt!). Dann halt an der Stimme. Spätestens wenn sie das magische Wort sagt (Keks!).

Euer haariger Sir Duncan Dhu of Nakel

Seelenkräfte

Wie Ihr gelesen habt, habe ich nun Finlays zweiten Todestag hinter mich gebracht. Und noch ein paar andere anstrengende Dinge. Und der Tank ist leer. Die Tanknadel ist im roten Bereich angekommen. Mein Auto macht an der Stelle immer laut „Bing!“ und meldet an, dass es zur Tankstelle möchte. Meine Seele macht das anders, aber auch sie ist unüberhörbar.

Als Finlay gestorben war, da habe ich im Nachhinein gemerkt, wie viel Kraft er mir gegeben hat. 2018 durch den heißesten Sommer den ich je bewusst erlebt habe, die anstrengendsten Wochen voller Hitze, Staub und steinharter zu bearbeitender Hufe, voller Sorge, weil es zu wenig Heu gab und das Gras nicht wachsen wollte mangels Wasser, der ewige Blick auf die verdorrten Flächen – durch all diese Zeit hat mich angefeuert und befeuert was mein Plan mit Finlay war: den ersten kleinen Distanzritt schaffen. Ein Witz für alle Profis, eine Herausforderung für uns: 28km nicht langsamer als Tempo 8 (8 Minuten für 1km oder andersherum ausgedrückt 7,5km/h). Klingt einfach, aber für Finlay musste da schon eine Menge Training her. Dieses Ziel haben wir ja dann auch gut erreicht, lagen im Endeffekt sogar im Mittelfeld der Wertung. Was für ein tolles Abenteuer!

Aber das tolle an dem Abenteuer war nicht die Wertung oder die Plakette. Das tolle war der gemeinsame Weg da hin. Das Training, das ausgerichtet war auf dieses Ziel. Der Ansporn, weiter zu machen. Ich erinnere mich gut an einen Tag, an dem wir erst um 20 Uhr geritten sind weil „es dann kühler ist“. Das Thermometer zeigte bei Abritt auch tatsächlich „nur“ 32 Grad. Es wurde bald dämmrig, es war drückend heiß, aber wir konnten reiten ohne gegrillt zu werden. Niemals wäre ich an so einem Tag geritten, wenn da nicht dieses Ziel vor meinen Augen gewesen wäre. Es hat mich so sehr angespornt und mein Pony hat einfach mitgemacht. Er wusste nichts von diesem Ziel, aber er fand, dass das alles ein großes Abenteuer sei, eine Bereicherung seines Lebens und also fand er es toll.

Häufig habe ich meine Seelenkraft aus solchen Dingen gezogen. Mit Merlin eine bestimmte Lektion üben. Mit Schülern an einen bestimmten Punkt kommen, ein Problem lösen, ein Pferd dazu bringen, in den Anhänger zu steigen oder meinem Schüler zu helfen, besser zu sitzen.

Dann kam Duncan. Und so ein Zwerg, der nichts kann, nichts weiß und oft noch sehr unzuverlässig ist, der ist nicht geeignet, mir diese Form von Seelenkraft zu geben. Für den muss ich fit sein, genug Kraft mitbringen um für ihn mit zu denken, aufzupassen, Dinge so zu regeln dass es klappt. Zum Glück kamen wir schnell an den Punkt an dem wir gemeinsam durch den Wald dackeln konnten und da war sie wieder: meine Seelenkraft-Tankstelle. Heute sind wir weiter und auch gemeinsame Freiarbeit, Wippen oder ähnliches gibt mir Kraft anstatt mich welche zu kosten. Und wenn es hart auf hart kommt kann ich Freedom Based Training machen, mit den Ponys gemeinsam herumstehen und darauf vertrauen dass das wirklich etwas Gutes für unsere Beziehung ist.

„Die Seele polieren“ hat Duncan es in seinem Tagebuch genannt. Das ist das was wir jetzt brauchen. Nein, das ist das was ICH jetzt brauche. Häufig sprechen wir Pferdetrainer davon, dass wir das „Konto“ bei unserem Pferd mit guten Dingen auffüllen. Jedes Freedom Based Training, jeder entspannte Waldspaziergang aber auch jede Wipp-Session ist etwas, womit ich mich – platt gesagt – bei Duncan beliebt mache. Wenn dann der Tierarzt kommt und die Impfspritze ins Pony pikt (ja das wird nicht mit ie geschrieben, habe ich neu gelernt), hebe ich von meinem Konto etwas ab. Wer in die Miesen kommt beim Pony, der hat ganz schön Probleme, dann wird es im wahrsten Sinne des Wortes „mies“.

Aber was ist mit meinem Konto? Ich denke in letzter Zeit viel darüber nach. Viele Menschen machen sich so viel Stress wenn sie bei ihrem Pferd sind. Das muss gemacht werden, das muss geübt werden und wehe der Fortschritt ist zu klein. Und man meckert mit sich selbst, man übt nicht genug, man reitet nicht gut genug, man kann das alles nicht gut genug, denn dann würde das Pferd ja längst dieses oder jenes tun. Uff. Und plötzlich, so scheint mir, hat sich etwas eingeschlichen, eine Gefühls-Assoziation die wir gar nicht wollten. Wir verbinden das Zusammensein mit unserem Pferd mit Anstrengung. Wir haben – schon wieder – Leistungsdruck. Es soll doch bitte vorwärts gehen. Und während ich oft schimpfe über die Leute die die Basics nicht üben – das Pferd ist nicht verladefromm und steht bei der Hufpflege nicht still – tun mir doch auch jene Menschen leid, die vergessen haben, wie viel Gutes wir uns und unserem Pferd tun, wenn wir Dinge tun, die wir gut können und die uns Spaß machen. Und manchmal brauche ich Schüler, die mich daran erinnern, dass Fortschritt nicht alles ist. Einfach etwas tun, was wir gut können. Und viele sind gern bereit mich dafür zu bezahlen, dass ich daneben stehe und ihnen sage wie schön sie das machen. Dass ich kleinste Kleinigkeiten anmerke oder eine Übung ein bisschen variiere, ohne den Punkt, an dem es schwierig oder herausfordernd wird, auch nur im entferntesten zu streifen. Einfach Zeit mit unserem Pferd verbringen in der wir etwas gemeinsam tun, aber nichts neues lernen oder üben. Ob das bedeutet, dass wir ein Ründchen über den Reitplatz traben oder in der Bodenarbeit ein paar Übungen wiederholen, die wir schon gut können oder ob wir einfach durch den Wald wandern. Die Messlatte mal da lassen wo sie ist anstatt sie immer höher zu legen. Unser Konto füllt sich, während wir sagen „das klappt, das können wir, das ist leicht“. Später, wenn wir genug Seelenkraft gesammelt haben, wenn alles wieder aufpoliert ist und das Konto gut gefüllt, dann können wir die Messlatte ein Stückchen höher schubsen und uns frohgemut der nächsten Herausforderung stellen. Nicht kriechend auf dem Zahnfleisch mit hängender Zunge sondern aufrecht und gut gelaunt, zuversichtlich und mit genug Selbstvertrauen um auch eine Niederlage lächelnd wegzustecken.

Bevor wir also wieder mit fremdem Pferd spazieren gehen oder uns an die Autobahnbrücke wagen, werden wir jetzt erst mal Dinge genießen die wir können, Sir Duncan und ich. Immerhin können wir schon ganz schön viel. Und auf diesen Lorbeeren ruhen wir uns jetzt ein Weilchen aus.

Zwei Jahre

Zwei Jahre ist es jetzt her, dass mein Finlay gestorben ist.

Diesen Text habe ich schon mindestens 3 mal angefangen. Ich habe über meine beiden besten Ponys geschrieben, ich habe über die Wochen vor Finlays zweitem Todestag geschrieben, ich habe darüber geschrieben, dass Finlay in den Hintergrund rückt und dass das einerseits mein Leben leichter macht und andererseits wieder neue Trauer auslöst. Ich wollte Euch schreiben, wie es mir geht, heute, an diesem Tag und hier und jetzt in meinem neuen Leben, das vor zwei Jahren anfing. Aber es ist sehr schwer in Worte zu fassen, wie es mir geht. Es ist ja nicht nur mein Pony gestorben. Mein Leben war davor schon ein bisschen durcheinander gepurzelt und dann kam dieser schreckliche Unfall, diese Absurdität und Gemeinheit des Lebens, diese Unerklärlichkeit. Mein Pony war 8 Jahre alt und quicklebendig – und dann war es plötzlich tot. Im Gegensatz zu meinem alten Hund, der nun seit gut einem Jahr tot ist und der mich ohne Trauma und sogar fast ohne Trauer mit so vielen guten Erinnerungen und Gefühlen zurückgelassen hat, hat Finlays Tod mein Leben auf den Kopf gestellt, meine Glaubenssysteme erschüttert und eine Million Fragen aufgeworfen, die mir niemand beantworten kann. Ich bin manchmal ein bisschen neidisch auf all jene, die eine feste Vorstellung davon haben, wie Leben funktioniert oder die einen Glauben haben an eine höhere Macht, an einen Sinn, einen Plan oder so etwas. Manchmal habe ich versucht, so etwas zu glauben, aber es fühlte sich nie richtig an. Und wann immer ich meine Fragen formuliert habe, konnte mir niemand eine zufriedenstellende Antwort geben.

Ich habe gelernt, damit zu leben. So wie ich gelernt habe, mit all den unformulierbaren Zuständen und Gefühlen zu leben, die dieser Todestag in mir auslöst. Ambiguitätstoleranz heißt das, hab ich im Trauerpodcast gelernt. Die Fähigkeit, sich scheinbar widersprechende Gefühle nebeneinander und gleichzeitig auszuhalten.

Und als die Erdbeerverkäuferin mich heute gefragt hat, was sie mir Gutes tun kann, da habe ich kurz überlegt, ob ich sie bitte, die Zeit zwei Jahre zurück zu drehen. Den Unfall verhindern und weiter leben mit meinem Finlay. Aber auch da ist die Ambiguität, denn dann hätte ich meinen geliebten Finlay wieder, aber ich hätte nicht Duncan hier, jenen kleinen, ganz anderen Glücksgenerator, dieses wunderbare Pony das ich jeden Tag mehr liebe und den ich nie, nie wieder hergeben mag (es sei denn er ist uralt und steif und müde und hat sein Leben gelebt, so wie mein Hund letztes Jahr…..)

Letztes Jahr zu dieser Zeit hatte ich für mich selbst beschlossen, mir noch ein Jahr Zeit zu geben. Noch ein weiteres Jahr zu akzeptieren, dass ich im Ausnahmezustand bin. Ich hatte gerade eine Trauma- Therapie angefangen und gemerkt, wie sehr ich noch immer neben der Spur war. Es tat mir gut, für mich selbst diesen Entschluss zu fassen: ein weiteres Jahr in dem ich nicht erwarte, dass ich so zurecht komme wie vorher. Das hat mir den Druck genommen. Und Anfang diesen Jahres fing es an, deutlich besser zu werden. An den allermeisten Tagen bin ich normal, zufrieden und glücklich mit der Situation wie sie jetzt ist. Duncan ist das neue Normal geworden. Dass Finlay nicht mehr hier ist, ist das neue Normal geworden. Und das neue Normal ist auch gut.

In den letzten Wochen, wo dieser Tag mir so bevorgestanden hat, sind viele Erinnerungen hoch gekommen und ich habe viele alte Texte gelesen. Ich sehe: meine Vorstellung davon, wie Duncan ist und wie es mit Duncan ist, war weit entfernt von der Realität. Duncan ist ganz, ganz anders. Und ich habe gelernt, ihn so zu lieben wie er ist. Seine Macken sind nicht besser oder schlechter als die von Finlay, nur anders. In so vielen Punkten ist Duncan das Gegenteil von Finlay. Manchmal, wenn mein kleiner Hengst mit seinen überbordenden Gefühlen, seiner extrovertierten Art, seiner schier endlosen Energie und seinem beständigen Hunger nach Abenteuer mich an meine Grenzen bringt, dann denke ich an meinen Bummelanten. Meinen verträumten Finlay, immer gemütlich unterwegs. Nie eilig, nie zu viel Energie. Und ich trauere der Entspannung nach, die er so sehr in sich trug.

Manchmal ist es aber auch umgekehrt. Mit Finlay unterwegs zu sein bedeutete, immer hinter den anderen her zu dackeln. Immer das langsamste Team zu sein. Mit Finlay zu arbeiten bedeutete immer, ihn dazu zu motivieren, sich zu bewegen und sich anzustrengen. Ich fühlte mich immer wie ein personal trainer. Das ist mit Duncan nicht so. Duncan ist ja eher mein personal trainer.

Jetzt, in diesem pubertären Jahr, in dem Duncan sich (erwartungsgemäß) sehr verändert, das Jahr in dem ich mir nie sicher sein kann, welche Laune mein Pony hat – in diesem Jahr trauere ich vor allem all dem hinterher, was ich mit Finlay schon erreicht hatte. 8 Jahre. Und mein Pony war so richtig schön erwachsen und verlässlich. Er ruhte in sich – davon kann bei Duncan häufig noch keine Rede sein und das ist ja auch normal. Kinder wachsen nicht schneller wenn man dran zieht und auch so eine Pubertät dauert eben so lange sie dauert. Mir bleibt nur zu hoffen, dass am anderen Ende das wunderbare Pony herauskommt das ich in Duncan sehe und dass dieses Pony mir viele Jahre erhalten bleibt.

Trauer vergeht nicht, aber sie verändert sich. Das riesengroße Loch, das Finlay in meinem Alltag hinterlassen hat, füllt Duncan gut aus: er hält mich auf Trab. Er lässt nicht zu, dass ich Leere fühle und das hilft mir. Und weiterhin, immer wieder, bin ich enorm dankbar, dass er so anders ist als mein Finlay. Dass vergleichen gar nicht möglich ist. Dass auch hier einiges anders ist als zu der Zeit als Finlay so alt war wie Duncan jetzt.

Heute werde ich Duncan mitnehmen auf den Spaziergang. Wir werden gemeinsam in die Nähe der Stelle gehen, an der mein Finlay sich tödlich verletzt hat. Die letzten Meter aber gehe ich allein, denn kein Pferd wird mit mir zusammen jemals wieder dort hin gehen. Rational ist das nicht logisch. Aber ich glaube, Ihr könnt das verstehen. Ich werde – wie letztes Jahr – ein kleines Geschenk für Finlay mit haben, einen Strauß von Gräsern und ein paar Möhren. Irgendein Tier wird sich daran erfreuen, das ist ok. Für mich ist diese Stelle so etwas wie Finlays Grab, obwohl es das natürlich nicht wirklich ist. Ich gehe nie dort hin, nur an seinem Todestag. Und ich denke daran, wie dankbar ich ihm bin, dass er andere vor Schaden bewahrt hat. Auch als er selbst tödlich verletzt war, hat er auf uns Menschen noch aufgepasst. Noch in seiner letzten Stunde war er mein großer grauer Held.

Ich bin dankbar, dass es keine Wahl gab. Ich musste keine schreckliche Entscheidung treffen, die ich im Nachhinein hätte anzweifeln können. Und ich bin dankbar für alles, was er mich gelehrt hat.

Ich liebe Dich für immer, mein wunderbarer Finlay

Finlay hat mich gelehrt, dass das Leben nicht so läuft, wie wir es erwarten – schon zu Lebzeiten hat er stets und ständig alles in Frage gestellt was ich zu wissen, zu können und zu wollen glaubte. Und sein Tod hat meine Sicht auf das Leben nachhaltig verändert.

Im letzten Jahr gab es für mich viele Tage an denen mein Leben „normal“ war. Viele Tage ohne übertriebene Angst, viele unbeschwert fröhliche Tage voller Zukunftspläne und Vorfreude. Dann, in den letzten Wochen, ist ein bisschen von dem Horror zurückgekehrt der mich das ganze erste Jahr nach Finlays Tod begleitet hat. Die Erinnerungen lassen die Angst zurückkehren. Aber ich weiß: wenn der Todestag geschafft ist wird das wieder besser. Finlay wird dann ein Stück weiter in den Hintergrund rücken und das ist gut so. Ich werde mich wieder mehr mit dem auseinandersetzen was hoffentlich kommt als mit dem was war. Morgen kann alles anders sein, aber darüber endlos nachzugrübeln macht das heute dann auch nicht besser….

So gehe ich dann jetzt ins dritte Jahr. Und genau wie letztes Jahr frage ich mich, wie es wohl nächstes Jahr sein wird. Wie wird Duncan dann sein, was werden wir erleben, über welche Stolpersteine werden wir fallen, uns die Nasen stoßen, wieder aufstehen und die Rüstung zurechtrücken und wie sehr werden wir zusammenwachsen und zusammen wachsen? So lange er nur bei mir bleibt, werden wir Wege finden, zusammen glücklich zu sein, da bin ich mir sicher.

Ernst

Die wichtigste Mahlzeit des Tages ist der Clown.

Zumindest für Merlin und er war es auch für Finlay. Immer für einen Spaß zu haben und je lauter ich lache desto besser. Sich was überlegen, bisschen Stimmung in die Bude bringen und im Mittelpunkt stehen.

Duncan frühstückt keine Clowns. Der ist ernst. Und das ist für mich sehr ungewohnt. Es ist etwas, was mich an Diego schon immer ein bisschen irritiert hat, denn der ist auch kein großer Clown. Nur selten und wenn dann meistens nur mit Arnulf. Und mein kleiner Duncan ist eigentlich immer ernst. Konzentriert (manchmal auf mich und die Aufgabe manchmal auf andere Dinge, aber immer konzentriert), immer am erforschen, wie wo was wann funktioniert oder nicht funktioniert, eifrig, motiviert, schnell mal emotional „drüber“. Aber Schabernack und Clownerei? Nein. Wenn ich lache, weiß er wohl, dass ich ihn toll finde, aber es spornt ihn nicht dazu an, auszuprobieren, was man noch so tun könnte. Wenn ich etwas frage, was er noch nicht kann und er weiß nicht Bescheid, kommt der Vorderhuf hoch und er „scharrt“, das ist für mich das Signal, dass ich ihm das besser erklären muss, weil er verzweifelt ist. Er ist nicht der Typ, der dann kreativ ausprobiert. Ein Stück weit wird das sicher trainierbar sein, aber von Natur aus ist er nicht so. Finlay, wenn er etwas nicht verstanden hat, hat entweder gesagt „macht nix, dann bleib ich stehen“ oder er hat seine eigene Lösung angeboten und war gerne mal beleidigt wenn ich die nicht wollte. Wenn das, was er angeboten hat, nicht gut genug für mich war, konnte ich ihm auch direkt mal gestohlen bleiben. Duncan ist es schon wichtig, das richtig zu machen (von kurzen Pubertätsanfällen mal abgesehen). Und meine Meinung scheint ihm niemals egal zu sein.

Finlay hat sich quasi selbst das Apportieren der Gerte beigebracht. Er hatte sie ja eh immer im Maul, es brauchte nur einen kleinen Schubs um ihm zu zeigen, dass er damit auch laufen und sie zu mir bringen kann. Finlay hatte auch sonst immer alles im Maul. Als meine Freundin ihn zum ersten mal traf, hat er ihr zur Begrüßung gleich mal den Kunstpelzkragen von der Jacke abmontiert. Duncan nutzt sein Maul hingegen nur zum kommunizieren, als Aufforderung an mich, einen Keks raus zu rücken oder mit ihm ein Spielchen anzufangen. Gegenstände aus Spaß wahllos ins Maul nehmen ist nicht seins. Wenn er Gegenstände untersucht, dann tendenziell eher mit dem Huf, aber auch das nur selten. Meistens reicht gucken. (Und ausnahmsweise meint er mit „gucken“ in diesen Fällen nicht „anfassen“, diese Regel gilt nur für andere Pferde….)

„Ein junges Pferd zu kaufen ist wie ein Blind Date“ – diesen Satz meiner Freundin finde ich zu schön. Man weiß nie so recht was man kriegt. Und so kauft man immer Eigenschaften mit, die man nicht wissentlich gekauft hätte. Ich hätte bei Finlay damals nicht gedacht, dass er so ein großer Energiesparer ist. Und bei Duncan hätte ich nicht gedacht, dass er so ernst ist. Und wenn man so ein junges Pferd dann hat, dann kann man sich darüber beklagen, dass es nicht so ist, wie man dachte, oder man kann was draus machen. Und die Eigenschaften lieben lernen, die man unwissentlich mit gekauft hat. So gibt es nun also wesentlich weniger Schabernack, weniger lustige Spieleinlagen, weniger kreative Lückenfüllung. Stattdessen gibt es dieses wunderbar konzentrierte, bemühte Pony das so sehr bereit ist, sich von mir führen zu lassen und nachzufragen wie ich es haben möchte. Ein Pony das Freude hat an stiller Harmonie und dem das gemeinsame Erleben völlig ausreicht als Belohnung, weil es so unersättlich neue Eindrücke in sich aufsaugen mag und in jedem neuen Weg, jedem neuen Gegenstand und jedem neuen Erlebnis eine große (und notwendige) Bereicherung seines Lebens sieht. Ein Pony das eine endlos scheinende Konzentrationsspanne mitbringt und nie zu viele Eindrücke haben kann. Faszinierend.

Ich lerne, damit umzugehen, mein Training an das Pony anzupassen, das ich da vor mir habe und mehr und mehr kennenlerne und er lernt, mit meinem inneren Clown umzugehen, denn für mich hat sich nichts geändert, auf meinen Frühstücksteller gehört regelmäßig ein Clown. Mahlzeit!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 149

Liebe Menschen, ich hätte Euch sooooooooooo viel zu erzählen! Ihr glaubt ja gar nicht was hier los ist! Mein Spaziergehkumpel und sein Freund der kleine Schimmel dürfen jetzt mit uns auf die Weide gehen! Das ist so aufregend!! Ich könnte seitenlang von meinen Erlebnissen erzählen, aber mein Mädchen ist leider ein bisschen gestresst und mag das nicht alles tippen was ich ihr diktiere. Sie macht sich so viele Gedanken und versucht es uns immer allen Recht zu machen und möchte dass es uns allen gut geht und wir uns nicht streiten. Und deswegen hat sie in den letzten zwei Wochen viel Zeit damit verbracht uns von A nach B zu verfrachten, aufzuhalftern, abzuhalftern, einzufangen, Wege zu zeigen, Sachen zu erklären, Zäune umzubauen und vor allem neben uns zu stehen und sich große Sorgen zu machen. Ach, so ist sie nun mal. Dabei ist doch alles wunderbar! Finde ich zumindest. Mein Spaziergehkumpel, der Freddy, der findet das aber auch nicht ganz so wunderbar. Der ist auch manchmal ein bisschen gestresst. Weil ich so gern seinen Freund den kleinen Schimmel mal angucken möchte – und wenn ich angucken sage meine ich anfassen. Und der Freddy möchte nicht, dass ich den kleinen Schimmel anfasse, weil das SEIN kleiner Schimmel ist. Und der kleine Schimmel möchte auch nicht dass ich ihn anfasse. Und dann findet der Freddy auch den Diego so interessant. Aber auch furchteinflößend! Diego ist ja auch Diego der Große. Der macht halt echt was her! Und ich meine: ich weiß ja dass er eigentlich echt ein lieber Papa mit einem großen Herz ist. Aber ich erinnere mich schon auch noch an meinen Einzug, da fand Diego das auch nicht toll dass ich nun da war und hat erst mal bisschen rum gemeckert und da kann man es schon mal mit der Angst kriegen! Ach und in all dem Hin und Her hat mein Mädchen gar keine Zeit und Lust gehabt was zu schreiben. Dann hatten wir auch noch ein bisschen Streit, sie und ich, weil ich wieder Pubertät hab (angeblich) und sie hat schlaue Artikel gelesen die sie aber gar nicht schlauer gemacht haben sondern nur nachdenklicher und gestern hat sie dann gesagt, dass es jetzt reicht und dass wir in den Wald gehen zum „Seele polieren“. Damit meint sie, dass wir einfach nur zusammen durch den Wald laufen ohne irgendwas zu üben und ohne zu streiten und ohne fremde Pferde und ohne Anspruch. Na das war mal ein guter Plan, da bin ich doch immer für zu haben. Jetzt ist ihre Seele ganz gut poliert und glänzt fast schon wieder wie neu. So eine Seele ist wie eine Ritterrüstung: muss ab und zu zurechtgerückt, aufpoliert und geölt werden, sonst sieht es nicht mehr schön aus, fängt an zu quietschen und funktioniert nicht mehr richtig. Da weiß ich gut Bescheid.

Also ich hoffe sie tippt bald wieder für mich, ich kriege das nun mal einfach nicht hin. Und Ihr sollt doch wissen was ich zu erzählen habe, ist doch wichtig!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Unterricht

Ich habe mal gelesen, dass Nicht-Pferdemenschen sich wundern, wenn ein Reiter Ihnen sagt, dass er „Unterricht“ nimmt. Ich kann das nicht beurteilen, ich habe nur mit Pferdemenschen zu tun…. jedenfalls wurde dort der Tipp geäußert, man solle von „Training“ sprechen. Denn Nicht-Reiter würden sonst oft fragen „Du reitest doch schon so viele Jahre, kannst Du das immer noch nicht?“

Reiter können darüber nur lachen. Genau wie meine Mutter, die Zeit ihres Lebens Klavier spielt und selbstverständlich immer noch Unterricht nimmt, genau wie meine Schwester, die in der französisch-sprachigen Schweiz lebt, problemlos ihren Alltag auf Französisch meistert und trotzdem weiterhin Französisch- Unterricht nimmt, genau so sind wir Reiter doch nie fertig mit dem Lernen. Der kürzeste Reiterwitz, wie ging der noch? „Ich kann´s“.

„Wer aufgehört hat, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein“ (anscheinend ist nicht ganz klar von wem dieses Zitat stammt).

Ein Trainer ist für mich etwas anderes als ein Lehrer. Einen Trainer werden wir vielleicht mal haben, wenn wir wirklich auf Distanzritte wollen. Jemand, der uns Trainingspläne erstellt, Fütterungstipps gibt und uns motiviert. Jemand, der tolle Übungen parat hat um körperlich fitter zu werden. Jemand, der unsere Stärken und Schwächen analysiert und uns zeigt, wie wir unsere Kräfte über viele Kilometer einteilen. Der unsere Fortschritte überwacht und protokolliert, uns sagt, wo wir stehen und wie wir von dort einen Schritt weiter kommen.

Aber ein Lehrer ist doch etwas anderes.

Einen Lehrer brauchen wir, wenn wir fest stecken und nicht weiter wissen. Oder wenn uns die Neugierde packt, was eigentlich noch so alles geht. Oder wie es noch besser geht. Ein Lehrer ist jemand, der uns zeigt, was wir vorher noch nicht konnten und wussten. Lehren und trainieren sind einfach zwei Paar Schuhe und deswegen werde ich weiterhin Unterricht nehmen und das auch weiterhin so sagen. Meine Reiterei ist (im Moment) kein Sport (ha! Das freut jetzt wieder die nicht-Reiter: siehst Du, es ist doch kein Sport!) so wie Yoga kein Sport ist (und trotzdem körperlich anstrengend, fordernd und gesund). Ach ist das alles kompliziert.

Jedenfalls brauchte ich mal wieder dringend Unterricht. Denn Sir Duncan hat mich an technische Grenzen gebracht, die es zu überwinden gilt. So ein kleiner Hengst, der kann schon mal über die Stränge schlagen. Und mein Duncan, der hat (wohl auch altersbedingt aber auch bedingt durch Dinge die ich noch nicht über ihn weiß) gerade eine Art von (gefühlt) 0 auf 100 auf der Aufregungsskala zu springen, die mich in unangenehme Situationen bringt. Also brauche ich Unterricht – einen Lehrer, der mir zeigt, woran ich erkenne, dass Duncan eben NICHT bei 0 ist auf der Aufregungsskala (und auch nicht mehr bei 20, sondern bereits weit darüber) und der mir zeigt, wie ich damit so umgehen kann dass ich die Situation rechtzeitig entschärfe – bevor mein Pony wieder (wenn auch in schönster Manier) auf zwei Beinen neben mir steht.

Der Strick und ich – manchmal eine schwierige Beziehung….

Und was habe ich für ein Glück, dass ich diesen Lehrer „griffbereit“ zu Hause habe und so direkt die Hilfe bekomme, die ich brauche.

Ich habe so lange nur Freiarbeit gemacht, dass mein Umgang mit Stick und Strick nicht gerade elegant und effektiv ist. Und jetzt, wo wir die Herausforderung suchen (die da heißt: fremde Pferde), da muss ich lernen, richtig und rechtzeitig zu reagieren. Ach, es gibt immer so viel zu lernen und zu fragen und zu denken. Das ist das Schöne und das Anstrengende am Zusammensein mit Pferden.

Auch anderer Unterricht ist schon gebucht, Reitunterricht für mich und eine erste kleine „reitvorbereitende“ Unterrichtseinheit vom Boden für den Ritter und mich.

Ich könnte das jetzt auch hochtrabend als „Fortbildung“ bezeichnen. Ist schließlich mein Beruf. Klingt dann ja auch irgendwie wichtiger. Und das was zwischen Arnulf und mir auf dem Reitplatz stattfindet, könnte man auch als „Austausch“ bezeichnen. Ich mag das Wort Unterricht lieber. Für mich ist Unterricht eine klare Sache: ich bekomme Wissen und Information vom anderen. Ich bin bereit, das anzunehmen was der andere sagt und vorschlägt. Das heißt nicht, dass ich alles klag- und fraglos hinnehme, keineswegs. Ich bin durchaus enorm kritisch und deswegen hat es jetzt auch so lang gedauert, bis ich eine neue Reitlehrerin gefunden habe. Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann. Dem ich ohne zu zögern mein Pony in die Hand gebe. Einen Lehrer, bei dem ich mir nachher nicht nur die „Rosinen“ raus picke sondern bei dem ich mich ganz einlassen kann. Heißt nicht, dass ich nachher alles 100% nachahme. Aber mal da rein springen und schauen was bei raus kommt. Mich einlassen und mitmachen anstatt sofort zu fragen welche Teile davon mir wohl gefallen und welche nicht. Und auch wenn ich manchmal fluche und schimpfe wenn mir Dinge nicht gelingen wollen, habe ich doch einen Heidenspaß und mag so gern Neues ausprobieren und lernen. Und auch dafür habe ich zum Glück das passende Pony, das neugierig seine Nase vorstreckt und sich mit mir vortastet in unbekannte Wissens – und Könnensgefilde.

Nase voraus in neue Abenteuer

Sein neuer Körper

Duncan schaut mich verzweifelt an. Geht einen Schritt zurück, einen vor, dreht den Hintern von mir weg, versucht, mich mit seinem Mäulchen an meiner Hand abzulenken. „Ich kann das nicht!“ sagt er. Aber er kann das. Ich weiß das, wir haben das doch geübt. Ich streiche wieder mit der Gerte sein Bein runter. Auf der anderen Seite hat das auch prompt geklappt und er hat in aller Ruhe sein Bein gehoben. Aber links ist heute nichts zu wollen. Es dauert ewig, bis Duncan auch nur einigermaßen kapiert, was zu tun ist. Vor dem Erfolg liegen lange Minuten der Verzweiflung und des hektischen Ratens. Kurios, finde ich, und gleichzeitig sehr aufschlussreich. Und ich denke an jenen Tag an dem er nach längerer Zeit mal wieder quer auf den Steg gehen sollte und es plötzlich nicht mehr konnte. Alle 4 Hufe quer auf dem Steg unterbringen war nicht mehr machbar. Ich habe an diesem Tag einige Zeit gebraucht um mich zu erinnern, dass ich ja auch sein Fahrgeschirr verstellen musste – das Pony ist länger geworden. Und damit auch der „Radstand“. Logisch, dass es jetzt schwieriger ist, quer auf dem Steg zu stehen.

Und jetzt also das: das linke Hinterbein ist irgendwie aus dem Programm gerutscht. Wie eine App, die nach einem Update plötzlich eine Macke hat. Dann muss man aufs nächste Update warten, bis es wieder funktioniert. Zum Glück kann ich bei Duncan mit den Updates ein bisschen helfen.

Ich erinnere mich an ein Buch über den Sitz des Reiters („Balance in der Bewegung“ von Susanne von Dietze). Die Autorin hat selbst als Kind reiten gelernt und nie Probleme mit dem Sitzen gehabt. Bis dann das große Wachsen los ging. Und plötzlich passte nichts mehr zueinander und sie musste alles neu lernen. So scheint es meinem Duncan auch zu gehen. Das Steigen klappt jetzt übrigens wieder, das hat er ja eine Weile auch nicht mehr gemacht. Da hat sich der neue Körper schon wieder zurecht gefunden.

Der tiefere Schwerpunkt und der längere Radstand führen auch dazu, dass die Wippe sich anders unter ihm bewegt – ob er das nun leichter oder schwerer findet als vorher, vermag ich nicht zu sagen.

Als wir ihm neulich die Mähne weggeflochten haben, damit das Fahrgeschirr sich nicht vertüddelt, war meine Freundin ganz überrascht „wann hat er denn den Hals bekommen?“. Tja, noch vor einigen Wochen habe ich meinem Pony große Extraportionen an Heu und Heucobs plus Leinsamen gegönnt, weil er rippig und klapprig aussah. Jetzt ist er – natürlich auch dank Frühlingsgras – wieder ein richtiger kleiner Brummer geworden und sieht viel mehr nach Highlandpony aus. Alle Zusatzrationen sind zu seinem Betrübnis gestrichen und er schaut in die spärlich gefüllte Schüssel, in der nur Mineralfutter und etwas Knusperkram für den Geschmack drin sind. So ist das Leben als Schotte, normalerweise leben die ja von nix und werden vom Hingucken schon dick. Ich bin gespannt ob nochmal so eine Zeit kommt in der er extra braucht und schlaksig aussieht oder ob es das jetzt war. Ein bisschen Höhenwachstum steht ja eigentlich noch aus, lassen wir uns mal überraschen. Auch ob er dann seinen Körper wieder neu erproben und kennenlernen muss.

Aber eins steht fest: auch mit tieferem Schwerpunkt, kräftigerem Hals, längerem Radstand und insgesamt mehr Masse hat er keine Chance gegen Diego. Wenn er den zu viel ärgert, gibt es eine Ansage und Diego hat seine Technik diesbezüglich verfeinert….

Wenn der Ritter übertreibt, beweist Diego kurz seine Überlegenheit. Danach wird freundlich weiter gespielt.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 148

Erinnert Ihr Euch noch an mein Geständnis? Ja, es gibt Dinge dir mir früher manchmal ganz kurz eventuell ein bisschen Angst eingejagt hätten. Burggräben zum Beispiel. Ihr Menschen sagt Brücken dazu. Deswegen machen wir jetzt öfter mal so ganz romantische Spaziergänge wie zum Beispiel neulich:

Echt jetzt? Das ist doch kein Spaziergang, Mädchen!

Na toll. Aber soll ich Euch was sagen? Nie gab es so viele Kekse! Und diesen Sonntag waren wir wieder dort. Aber das heißt ja nur, dass mein Mädchen wieder nix kapiert hat. Als wir letztes Mal dort waren, habe ich ihr gesagt, dass ich es jetzt kann. Aber sie hat wieder nicht zugehört und meinte das müsste wiederholt werden. Na schön, aber dann rück halt auch die Kekse raus! Ich weiß doch jetzt wie es läuft: immer wenn eine Blechkiste unter uns längs saust, bekomme ich was leckeres. Gib halt her!

Mit Ton gucken sonst ist es noch viel langweiliger!

Ansonsten ist das jetzt echt mal langweilig hier, können wir jetzt spazieren gehen? Nein, konnten wir nicht. Seufz. Weil sie erst ihre „Hypothese“ bestätigen muss. Soll heißen: sie hat mir letztes Mal DOCH zugehört. Nur dass sie nicht sicher war, ob sie mich richtig verstanden hat. Ja hast Du. Ist ok jetzt, ehrlich. Na da hat mein Mädchen sich gefreut! Und gesagt, wir steigen jetzt auf zu „Level 3“. Was das wohl nun wieder ist? Na ich lasse mich überraschen. Wenn die Keksrate dann auch mal Level 3 erreicht, will ich mich nicht beschweren.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel