Seelenkräfte

Wie Ihr gelesen habt, habe ich nun Finlays zweiten Todestag hinter mich gebracht. Und noch ein paar andere anstrengende Dinge. Und der Tank ist leer. Die Tanknadel ist im roten Bereich angekommen. Mein Auto macht an der Stelle immer laut „Bing!“ und meldet an, dass es zur Tankstelle möchte. Meine Seele macht das anders, aber auch sie ist unüberhörbar.

Als Finlay gestorben war, da habe ich im Nachhinein gemerkt, wie viel Kraft er mir gegeben hat. 2018 durch den heißesten Sommer den ich je bewusst erlebt habe, die anstrengendsten Wochen voller Hitze, Staub und steinharter zu bearbeitender Hufe, voller Sorge, weil es zu wenig Heu gab und das Gras nicht wachsen wollte mangels Wasser, der ewige Blick auf die verdorrten Flächen – durch all diese Zeit hat mich angefeuert und befeuert was mein Plan mit Finlay war: den ersten kleinen Distanzritt schaffen. Ein Witz für alle Profis, eine Herausforderung für uns: 28km nicht langsamer als Tempo 8 (8 Minuten für 1km oder andersherum ausgedrückt 7,5km/h). Klingt einfach, aber für Finlay musste da schon eine Menge Training her. Dieses Ziel haben wir ja dann auch gut erreicht, lagen im Endeffekt sogar im Mittelfeld der Wertung. Was für ein tolles Abenteuer!

Aber das tolle an dem Abenteuer war nicht die Wertung oder die Plakette. Das tolle war der gemeinsame Weg da hin. Das Training, das ausgerichtet war auf dieses Ziel. Der Ansporn, weiter zu machen. Ich erinnere mich gut an einen Tag, an dem wir erst um 20 Uhr geritten sind weil „es dann kühler ist“. Das Thermometer zeigte bei Abritt auch tatsächlich „nur“ 32 Grad. Es wurde bald dämmrig, es war drückend heiß, aber wir konnten reiten ohne gegrillt zu werden. Niemals wäre ich an so einem Tag geritten, wenn da nicht dieses Ziel vor meinen Augen gewesen wäre. Es hat mich so sehr angespornt und mein Pony hat einfach mitgemacht. Er wusste nichts von diesem Ziel, aber er fand, dass das alles ein großes Abenteuer sei, eine Bereicherung seines Lebens und also fand er es toll.

Häufig habe ich meine Seelenkraft aus solchen Dingen gezogen. Mit Merlin eine bestimmte Lektion üben. Mit Schülern an einen bestimmten Punkt kommen, ein Problem lösen, ein Pferd dazu bringen, in den Anhänger zu steigen oder meinem Schüler zu helfen, besser zu sitzen.

Dann kam Duncan. Und so ein Zwerg, der nichts kann, nichts weiß und oft noch sehr unzuverlässig ist, der ist nicht geeignet, mir diese Form von Seelenkraft zu geben. Für den muss ich fit sein, genug Kraft mitbringen um für ihn mit zu denken, aufzupassen, Dinge so zu regeln dass es klappt. Zum Glück kamen wir schnell an den Punkt an dem wir gemeinsam durch den Wald dackeln konnten und da war sie wieder: meine Seelenkraft-Tankstelle. Heute sind wir weiter und auch gemeinsame Freiarbeit, Wippen oder ähnliches gibt mir Kraft anstatt mich welche zu kosten. Und wenn es hart auf hart kommt kann ich Freedom Based Training machen, mit den Ponys gemeinsam herumstehen und darauf vertrauen dass das wirklich etwas Gutes für unsere Beziehung ist.

„Die Seele polieren“ hat Duncan es in seinem Tagebuch genannt. Das ist das was wir jetzt brauchen. Nein, das ist das was ICH jetzt brauche. Häufig sprechen wir Pferdetrainer davon, dass wir das „Konto“ bei unserem Pferd mit guten Dingen auffüllen. Jedes Freedom Based Training, jeder entspannte Waldspaziergang aber auch jede Wipp-Session ist etwas, womit ich mich – platt gesagt – bei Duncan beliebt mache. Wenn dann der Tierarzt kommt und die Impfspritze ins Pony pikt (ja das wird nicht mit ie geschrieben, habe ich neu gelernt), hebe ich von meinem Konto etwas ab. Wer in die Miesen kommt beim Pony, der hat ganz schön Probleme, dann wird es im wahrsten Sinne des Wortes „mies“.

Aber was ist mit meinem Konto? Ich denke in letzter Zeit viel darüber nach. Viele Menschen machen sich so viel Stress wenn sie bei ihrem Pferd sind. Das muss gemacht werden, das muss geübt werden und wehe der Fortschritt ist zu klein. Und man meckert mit sich selbst, man übt nicht genug, man reitet nicht gut genug, man kann das alles nicht gut genug, denn dann würde das Pferd ja längst dieses oder jenes tun. Uff. Und plötzlich, so scheint mir, hat sich etwas eingeschlichen, eine Gefühls-Assoziation die wir gar nicht wollten. Wir verbinden das Zusammensein mit unserem Pferd mit Anstrengung. Wir haben – schon wieder – Leistungsdruck. Es soll doch bitte vorwärts gehen. Und während ich oft schimpfe über die Leute die die Basics nicht üben – das Pferd ist nicht verladefromm und steht bei der Hufpflege nicht still – tun mir doch auch jene Menschen leid, die vergessen haben, wie viel Gutes wir uns und unserem Pferd tun, wenn wir Dinge tun, die wir gut können und die uns Spaß machen. Und manchmal brauche ich Schüler, die mich daran erinnern, dass Fortschritt nicht alles ist. Einfach etwas tun, was wir gut können. Und viele sind gern bereit mich dafür zu bezahlen, dass ich daneben stehe und ihnen sage wie schön sie das machen. Dass ich kleinste Kleinigkeiten anmerke oder eine Übung ein bisschen variiere, ohne den Punkt, an dem es schwierig oder herausfordernd wird, auch nur im entferntesten zu streifen. Einfach Zeit mit unserem Pferd verbringen in der wir etwas gemeinsam tun, aber nichts neues lernen oder üben. Ob das bedeutet, dass wir ein Ründchen über den Reitplatz traben oder in der Bodenarbeit ein paar Übungen wiederholen, die wir schon gut können oder ob wir einfach durch den Wald wandern. Die Messlatte mal da lassen wo sie ist anstatt sie immer höher zu legen. Unser Konto füllt sich, während wir sagen „das klappt, das können wir, das ist leicht“. Später, wenn wir genug Seelenkraft gesammelt haben, wenn alles wieder aufpoliert ist und das Konto gut gefüllt, dann können wir die Messlatte ein Stückchen höher schubsen und uns frohgemut der nächsten Herausforderung stellen. Nicht kriechend auf dem Zahnfleisch mit hängender Zunge sondern aufrecht und gut gelaunt, zuversichtlich und mit genug Selbstvertrauen um auch eine Niederlage lächelnd wegzustecken.

Bevor wir also wieder mit fremdem Pferd spazieren gehen oder uns an die Autobahnbrücke wagen, werden wir jetzt erst mal Dinge genießen die wir können, Sir Duncan und ich. Immerhin können wir schon ganz schön viel. Und auf diesen Lorbeeren ruhen wir uns jetzt ein Weilchen aus.

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