Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 146

Oooooooooh was für ein Abenteuer! Mein Mädchen kam mit der Wackelkiste auf den Hof gefahren. Da war ein fremdes Pferd drin! Ein Schecke, wie mein Spaziergehkumpel. Aber viel größer und breiter! Mein Mädchen hat gesagt, das ist Besuch. Und dass wir zusammen spazieren gehen. Und dass ich derweil üben soll, mich zu benehmen. Ich war ganz aufgeregt! Wollte den Typen gern näher kennen lernen! Aber dann musste ich feststellen, dass das nicht erlaubt ist…. ich sollte bloß spazieren gehen und den Besuch ignorieren! Aber das geht doch nicht! Ich will doch mal gucken (wenn ich „gucken“ sage meine ich anfassen, wisst Ihr ja). Aber ich durfte gar nicht gucken. Ui war das vielleicht schwierig! Einmal hab ich auch wirklich die Nerven verloren. Bin neben meinem Mädchen in die Luft gegangen. Fand sie nicht gut…. Den Rest der Zeit hab ich mich furchtbar doll konzentriert, alles richtig zu machen. Hab ich trotzdem nicht, aber mein Mädchen sagt es war ok für den ersten Versuch. Wenn es nicht so gut ging, ist Diego zwischen mir und dem Besuch gegangen, dann war ich nicht so aufgeregt. Nachher bin ich auch mal vorne weg gegangen, dann war der Besuch hinter mir, das war nicht ganz so schwierig (aber schwierig genug!)

Mit genügend Abstand ging es, dann konnte ich mich aufs Gras konzertieren.

Fast 2 Stunden waren wir unterwegs – danach war ich total kaputt. Als mein Mädchen mich in den Stall gebracht hat, bin ich gleich weg gegangen. Das mache ich sonst nie und da wusste sie, dass ich fertig war. Aber nachher hab ich nochmal mit ihr geschnackt. Sie hat gesagt, ich muss das können mit fremden Pferden, das ist wichtig. Sonst kann man nämlich bei ganz vielen Abenteuern nicht mit machen. Und deswegen üben wir das jetzt. Ich bin ja noch jung, hat sie gesagt, und wir haben noch Zeit das zu üben. Aber im Moment kann ich mir noch nicht vorstellen, wie das gehen soll. Der Besuch und Diego sind einfach so nebeneinander her gelaufen und haben total entspannt ausgesehen. Wie machen die das? Es ist mir ein Rätsel. Wo es doch so spannend ist andere Pferde zu treffen! Ich will immer alle kennenlernen und mit allen spielen und befreundet sein. Je mehr Freunde desto besser, oder? Aber mein Mädchen sagt, mit Besuch unterhält man sich nur gesittet auf Distanz. Hm.

Euer aufgeregter Sir Duncan Dhu of Nakel

Wasti oder die Kunst mit einem Krokodil spazieren zu gehen

Wasti, wer erinnert sich noch an ihn? Ein kleiner Dackel, den die Witwe Schlotterbeck versehentlich in ein Krokodil verwandelt hat. Nachzulesen im „Räuber Hotzenplotz“. Nun ist Wasti meines Wissens auch als Krokodil sehr freundlich und artig und so ist es auch mit meinem kleinen Wasti (alias Sir Duncan Dhu of Nakel).

Aber die Ähnlichkeit mit einem Krokodil ist eben doch manchmal nicht zu übersehen. Während wir so schön nebeneinander her durch den Wald spazieren, schiebt Duncan nämlich Langeweile und muss sich beschäftigen. Beschäftigung Nummer 1: nach allem haschen was irgendwie essbar anmutet. Das führt aber dazu, dass ich das untersage. Doof. Also folgt prompt Beschäftigung Nummer 2: Nach mir haschen. Und zwar so, wie er es mit seinen Freunden im Spiel tut: mit weit aufgerissenem Maul vorm Gesicht herumfuchteln. Er happst fast nie wirklich zu und wenn dann nur ganz sachte. Insofern hat er wohl mit Wasti gemein, dass er schlimmer aussieht als er ist. Aber lustig geht trotzdem anders. Also gibt es Mecker. Ich versuche, die so zu dosieren dass bei ihm ankommt: ich verstehe, dass Du es nicht böse meinst, aber ich möchte das nicht.

Neulich hat jemand gelacht als ich zu einem Pferd gesagt habe „ich möchte das nicht“. Die meisten Menschen sagen dann eher „das darfst Du nicht“ (in einer mehr oder weniger freundlichen Formulierung). Aber Duncan darf das ja. Nur ICH möchte das nicht. Für seine Freunde scheint es ja ok zu sein. Ich stelle mir das so vor wie ich als Frau sagen würde „ich möchte das nicht“ wenn ein Mann mir zu nah kommt. Da sage ich ja auch nicht „das darfst Du nicht“. Vielleicht ist dieser Mann ja mein guter Freund (so wie Duncan), aber eben nicht mehr. Und wenn er mich küssen möchte, dann haue ich ihm nicht gleich eine runter sondern ich sage „ich möchte das nicht“. Und hoffe, dass die Freundschaft das aushält. Und gehe natürlich davon aus, dass mein Wunsch respektiert wird.

Darum sage ich zu den Pferden auch oft „ich möchte das nicht“. Ich bin überzeugt, dass das, was wir sagen, sich so in unserer Körpersprache widerspiegelt, dass das Pferd die Stimmung darin erkennen kann.

Wenn mein Ritter – alias Wasti – dann beleidigt ist und eine Schnute zieht, muss ich lachen. Er sieht einfach zu lustig aus, wenn er verärgert ist. Er wollte doch nur spielen! Wenn er mich nicht beißen darf, versucht er, seinen Spaziergehkumpel zu beißen. Aber auch das ist beim Spazierengehen nicht erlaubt und ich unterbinde, dass er in den gescheckten Po kneift. Eine Minute später geht er dann wieder zur Lieblingsbeschäftigung Nummer 1 über und sucht nach Fressbarem. Oder er reißt sich so lang zusammen bis ich das magische Wort sage („Keks“) nur um dann wieder mit aufgerissenem Maul herum zu schießen und diesmal zu versuchen, mir den Keks gewaltsam zu entreißen. Dann stellt er fest, dass ich das auch nicht möchte und es dauert so 3-7 Anläufe bis er sich so weit gezügelt hat, dass er den Keks dann auch bekommt.

Als Teenager überrollen einen eben einfach die eigenen Gefühle. Da sind so viele davon und sie sind so übermächtig. Ich erinnere mich nur allzu gut daran. Es ist eine große Aufgabe, zu lernen, damit umzugehen. Und mein kleiner Hengst hat nach all dem Wachsen in den letzten Wochen jetzt plötzlich wieder Kraft im Überfluss und weiß gar nicht wohin damit.

Viele Trainer würden meinen Umgang mit Wasti – alias Sir Duncan – schrecklich finden. Mir sagen, dass er respektlos ist und frech oder übergriffig. Andere würden mir sagen, dass ich viel zu viel Druck mache. Wie man’s macht, man macht’s verkehrt. Oder um es mit dem schönen plattdeutschen Spruch zu sagen „Do wat Du wullt, de Lüüt snackt doch“. Heutzutage ist die Auswahl so groß, die Bandbreite von absoluter Strenge zu laissez-faire ist auch im Bereich der Pferdeausbildung komplett vertreten. Ich versuche, meinen eigenen Mittelweg zu finden – den, der zu mir und zu Duncan passt. Wenn ich das Gefühl habe, das geht so nicht, probiere ich was neues. Aber so lange ich das Gefühl habe, es geht so, bleibe ich dabei.

Und all dieses „in die eigene Kraft kommen“ das er gerade durchlebt, hat auch seine guten Seiten. Heute stand ich im Stall auf einem kleinen Sockel und durfte mein Bein über seinen Rücken legen, und er fand es lustig. Ich durfte einmal hoch hüpfen und für ein Millisekündchen meinen Bauch auf seinem Rücken ablegen und er hat gespürt, dass er mich jetzt tragen und balancieren kann und – viel wichtiger – er schien es gut zu finden. Er hat die Freiheit zu gehen, ich verlange diese Dinge nicht. Es gibt auch keine Kekse dafür – es ist eine freiwillige Nummer, denn ich möchte ganz genau wissen, was er davon hält. Noch vor wenigen Monaten waren das Dinge, die er doof fand – berühren ok aber bitte nichts was mich aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Jetzt bringt ihn nichts mehr so schnell aus dem Gleichgewicht.

Wenn er sich beim Spazierengehen an mich ran drängelt, schicke ich ihn nicht weg, sondern lege meinen Arm über seinen Rücken und stütze mich ab. Inzwischen darf ich das von beiden Seiten. Ich versuche, meinen Arm immer weg zu nehmen bevor er keine Lust mehr hat. Und die Einladungen, mich abzustützen, werden häufiger. Das Gefühl, was dabei zwischen uns entsteht, lässt mich hoffen, dass ich einen guten Weg gefunden habe, mit meinem kleinen Wasti umzugehen.

Wenn er dann wieder das Krokodil macht, packen meine Freundin und ich unseren alten Zungenbrecher aus. Finlay war die schottische Schnappschildkröte. Bei Duncan erweitert sich das. Er ist die schaurig-schöne, Schecken-schmausende, schimmelige schottische Schnappschildkröte. Bitte dreimal schnell hintereinander sagen! So was hält bei Laune, wenn mein kleines Krokodil an meinen Nerven zerrt.

Und eines Tages, da bin ich sicher, wird mein Wasti am Feenkraut schnuppern und wieder zum Ritter Sir Duncan Dhu of Nakel werden.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 147

Mein Mädchen hat ja für alles Regeln. Gut, dass sie die nicht alle aufschreiben muss, sonst wäre das voll das dicke Buch (und keiner würde es je lesen). Die Regel wenn wir auf die Weide dürfen heißt: warten. Alle. Dann macht sie das Tor auf, aber wir müssen stehen bleiben. Bis sie „ok“ sagt und den Weg frei gibt. Dann dürfen wir auf die Weide. Meine Kumpels finden das immer so aufregend, dass sie dann ganz wild losrennen. Aber ich finde, das ist Energieverschwendung. Ich nehme immer den ersten Grashalm, den ich erwischen kann. Und wandere dann nach und nach nach hinten. Mein Mädchen amüsiert sich darüber, weil ich doch sonst immer so eine Rennsemmel bin (sagt sie! Stimmt aber nicht. In Wirklichkeit ist sie nur so langsam….) Aber ich finde, man muss sich das alles gut einteilen.

Keine Sorge, das Gras läuft nicht weg.

Euer gelassener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 145

Neulich hatte mein Mädchen schon wieder Herzchen in den Augen. Sie hat mir erzählt, wir wären jetzt schon 500km zusammen unterwegs gewesen, sie und ich! Das ist ganz schön weit, glaube ich. Aber es gibt da was, das verstehe ich nicht. Ich hätte doch erwartet, dass sie mal langsam etwas fitter wird! Stattdessen sind wir immer noch im Schneckentempo unterwegs! Ok ihr Schritt ist etwas flotter geworden. Aber ihre Ausdauer lässt sehr zu wünschen übrig und von Trab kann wirklich keine Rede sein. Ab und zu zuckelt sie ein Stück neben mir her, aber das ist doch kein Trab! Sie sagt, mein großer Bruder wäre da irgendwie gemütlicher gewesen. Mag ja sein, aber ich bin eben nicht so der Bummeltyp. Hopp hopp mein Mädchen, sieh mal zu! Ich glaube ich muss mir ein besseres Trainingsprogramm für sie überlegen.

Andererseits muss ich ihr zu Gute halten, dass sie überhaupt so viel mit mir unterwegs ist. Sie beschwert sich gerne mal, dass sie immer zu Fuß gehen muss. Das mag sie nicht. Aber ich bin ja angeblich noch zu klein um sie zu tragen! Kann ich ja nix für. Angeboten habe ich es ja. Und von wegen zu klein, ist Euch mal aufgefallen wie doll ich gewachsen bin während wir die 500km gelaufen sind? Ich meine, schaut Euch das mal an.

Damals….
…. und heute!

Also ich finde, man kann mir nicht vorwerfen, dass ich nicht gewachsen wäre. Und heute hat mein Mädchen auch wieder mal gesagt, ich sei schon sehr ERwachsen geworden. Wir waren nämlich wieder alleine los – also ohne Begleitpferd. Nur der Mann, mein Mädchen und ich. Und ich war großartig, hat mein Mädchen gesagt. Also artig wie ein Großer, heißt das.

Jetzt möchte ich in die nächsten 500km starten. Mal sehen wie lange wir dafür brauchen. Los, Mädchen, mach mal lange Füße!

Wenn es dir allzu schwer wird, darfst du dich auch bei mir abstützen. Passt schon.

Ich helfe meinen Mädchen beim Laufen. Bin schließlich Gentleman!

Euer kilmoterweise großartiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 144

Nachdem ich dann also auf der Weide gezeigt hatte, wie wunderschön ich im Kreis galoppieren kann, hat mein Mädchen gemeint, es sei Zeit, dass ich was neues lerne. Wir sind in den Roundpen gegangen und sie hat mir gesagt, ich soll galoppieren. Erst war ich nicht sicher, was sie will. Aber ich war so schön in Stimmung und bin mal angaloppiert. Huiiii was hat sie sich gefreut! Hat mir einen Keks gegeben. Und dann noch einen. Und dann hat sie mich gefragt, ob ich nicht nochmal galoppieren mag. Klar doch! Und los ging es. Diesmal ein bisschen mehr als nur 3 Galoppsprünge. Als ich eine halbe Runde geschafft hatte, war sie ganz entzückt und hat mir soooooo viele Kekse gegeben! Tolles Spiel, das lohnt sich ja mal so richtig! Also haben wir es noch ein paar mal wiederholt. Links herum hatte ich noch ein bisschen Tüddelkram zu Anfang, da hab ich den falschen Galopp erwischt. Aber insgesamt fand mein Mädchen, dass ich das einfach fantastisch gemacht hätte, so schön ausbalanciert und im Takt und ohne hopsen, buckeln, austreten oder so was. Ach Mädchen, ich kann es halt! Außerdem „galoppiert“ sie ja immer so putzig mit. Also was sie halt für Galopp hält. Lahme-Enten-Galopp, zum totlachen sieht das aus!

Der Mann war übrigens auch mit. Hat meinem Mädchen Unterricht gegeben. Und mich ganz doll angefeuert wenn ich galoppiert bin. Als ob das so was ganz, ganz besonderes wäre. Ach, Ihr Menschen seid schon wirklich lustig, das muss ich sagen!

Euer amüsierter Sir Duncan Dhu of Nakel

Pubertät

Sir Duncan hat den nächsten Pubertätsschub und ich höre mal wieder Harry Potter. Band 5 und Band 6. Und ich muss so oft lachen! Denn Harry pubertiert auch ganz schön. Und auch die Jungs und Mädchen um ihn herum. Und es hilft mir manchmal, diese Geschichten zu hören. Meine eigene Pubertät habe ich ja nur „von innen“ erlebt und ich war ja nun mal auch kein Junge und habe auch keinen Bruder.

Bei Harry und seinen Freunden ist „weil ich es kann und weil sich gerade die Gelegenheit ergibt“ offensichtlich eine absolut ausreichende Begründung dafür, Dinge zu tun, die wahlweise total sinnlos oder sehr gefährlich sind – gerne auch mal beides – und die ziemlich sicher mit einer saftigen Strafe enden. Oder Harry tut und sagt Dinge, ohne vorher ein einziges Mal darüber nachzudenken. Einfach weil „die Pferde mit ihm durchgehen“. Die Stimmung schwankt zwischen hoch aufgeblasenem Selbstbewusstsein und dem totalen Zweifel. Harry kennt sich selbst so wenig, dass er noch nicht einmal merkt, dass er verliebt ist.

Andererseits zeigen sich in Band 5 erste kleine Anflüge davon, dass Harry Beschützerinstinkte entwickelt und es gibt diese total erwachsenen Momente in denen man denkt „huch, wo kommt das jetzt her?“.

Ach, das ganze Gefühlschaos von außen zu beobachten und so schön erzählt zu bekommen, tut mir gut, wenn ich mein kleines Hengstchen sehe. Duncans Augen blitzen unter seinem Schopf hervor wie ich es vorher noch nie gesehen habe. Der Schalk sitzt ihm im Nacken. Neulich, als er Quatsch gemacht hat und ich gleichzeitig lachen und schimpfen musste, meinte Arnulf, ich sollte lieber nicht lachen. Aber ich kann nicht anders. Und es hilft mir, zu lachen. Duncan macht nichts schlimmes, aber das was er macht, hat oft den Unterton von „na, was machst Du jetzt?“. Er will das einfach wissen. Er will überhaupt alles wissen.

Wer zum Gras will, muss erst vernünftig anhalten. Stur sein kann ich…..

Wutanfälle, wie sie bei Finlay in der Pubertät an der Tagesordnung waren, hatte Duncan bisher nicht. Da er insgesamt mehr Wert auf Harmonie legt, als Finlay das getan hat, bleibt er – bis jetzt – immer auf einem sehr sozialverträglichen Niveau der Rebellion. Und ich finde es völlig legitim, dass er mal nachfragt, wie ich wohl reagiere, wenn er dies oder jenes tut. Meistens ist die Situation so, dass ich mit Sturheit reagieren kann. Dann wird eben wiederholt, bis es klappt. Am Strick zum Gras ziehen hat zur Folge, dass man nicht zum Gras kommt. Im Roundpen ungefragt antraben zieht längere Schrittphasen nach sich. Andererseits: wer auf der Weide so wunderschön um mich herum galoppieren kann, kann das ja auch mal im Roundpen auf Ansage tun. (Duncan wird Euch bald davon erzählen). Verhalten sinnvoll umlenken ist mein Job. Natürlich gibt es gelegentlich Konfrontationen. Dann gibt es auch mal was auf die Mütze. Wobei Duncan ja im Gegensatz zu Finlay unglaublich leicht zu beeindrucken ist durch seine generelle Sensibilität. Aber ich versuche, diese Situationen zu vermeiden und möglichst oft andere Wege zu finden. Und Duncan scheint da empfänglicher zu sein als Finlay, der die Konfrontation liebte.

Ob Diego deswegen so nachsichtig mit ihm ist? Ich beobachte mit Staunen, wie Diego ganz gelassen mit all den kleinen Sperenzchen umgeht. Gelassener als Gatsby, der schon mal gelegentlich sehr wütend wird. Vielleicht findet Diego auch, dass es reicht, wenn einer meckert? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass Diego meistens Recht hatte damit, wie er mit den anderen Pferden umgeht, also orientiere ich mich an ihm und bleibe entspannt. Ich gehe auch weiterhin davon aus, dass Duncan nicht zu den Pferden gehört, die in der Pubertät gefährlich werden. Denn die gibt es auch, machen wir uns nichts vor. Ich habe solche kleinen Monster durchaus erlebt, die durch nichts zu beeindrucken waren. Die meisten waren nach 1-2 Jahren wieder völlig normal. Aber die Zeit der Pubertät war bei diesen Pferden wirklich gefährlich für den Menschen.

Andererseits denke ich: wer pubertär ist, braucht Beschäftigung. Nicht Erziehung und Nachsitzen und Strafe, sondern Beschäftigung. Etwas, woran Gehirn und Körper sich abarbeiten können. Etwas, wo Hormonstress und Energieüberschuss kanalisiert werden. Deswegen ist meine Reaktion auf den nächsten Pubertätsschub meines Ponys, dass wir das Pensum – was in den letzte Wochen sehr niedrig war, weil ich den Eindruck hatte, er ist mit wachsen beschäftigt – wieder erhöhen. Ab in die „Berge“ zum Spazierengehen. Galopp üben im Roundpen. Den Steg wieder höher stellen für eine Herausforderung beim Stufentraining. Demnächst habe ich auch hoffentlich Zeit, endlich meine Stangen bunt anzumalen, dann gibt es etwas neues zu üben. Neue Wege erkunden und ihn an der Brücke über die Landesstraße herausfordern, seine Angst zu besiegen.

Und mein Pony ist nach diesen Aktionen zufrieden mit sich und der Welt. Und ich bin auch zufrieden.

Ich erhöhe jetzt auch die Standards für einen Keks. Huf hochheben, auskratzen, einschmieren, Schuh anziehen, Huf absetzen, Schuh zu machen. Das alles ist jetzt EINE Übung und wenn sie nicht perfekt absolviert wurde, gibt es eben KEINEN Keks. Da muss ich mich selbst auch konzentrieren. Das selbe gilt für Dinge wie antraben, durchparieren, anhalten etc. Kekse nur noch für Dinge die wirklich perfekt waren – an den Stellen wo ich weiß, dass er es perfekt KANN. Und er scheint keine Einwände zu haben.

Auch sein Äußeres verändert sich. Sein Gesicht ist kantiger geworden, er sieht nicht mehr nach Baby aus. Ein kleiner Huckel auf seinem Nasenbein gibt seinem Profil mehr Charakter. Ich bin sehr glücklich damit, wie gleichmäßig er wächst und wie schön er sich bewegt und ich hoffe, dass das auch an meinem Einsatz liegt – 500km sind wir nun gemeinsam durchs Gelände marschiert und all das Wippen und Stufentraining hat hoffentlich auch seinen Beitrag geleistet. Aber das meiste macht er natürlich von selbst während er im Paddock herumwandert und gelegentlich spielt und rennt.

Seit dem letzten Wachstumsschub ist er im Spiel nur noch wenig gestiegen, ich vermute, dass das schwieriger geworden ist, weil er in die Länge gewachsen ist und sein Schwerpunkt tiefer liegt als früher. Ich bin gespannt, ob das viele Steigen wieder kommt und wenn ja wann.

Und dann sind da diese Momente in denen er plötzlich total erwachsen ist. Und mir ein ganz anderes Gefühl von Zusammensein gibt. Ich erinnere mich an diese Momente bei Finlay genau so. Sie sind schwer zu beschreiben, aber leicht zu erfühlen. Momente in denen ich eine Idee davon bekomme, wie er sein wird in 2,3 oder 4 Jahren. Zaubermomente, die mir eine schöne Zukunft vorhersagen ….

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 143

Mein Mädchen sagt, ich bin frech. Ich finde ja eher ich bin schlau, kreativ und mutig. Und hungrig.

Wir werden jetzt nämlich „richtig“ angeweidet. Also Diego und Gatsby, die vorher nicht mit raus durften, weil das nicht in ihren Diätplan gepasst hat, dürfen jetzt auch Gras essen. Aber noch nicht so viel, weil, Ihr wisst ja, so ein Pferdebauch sich erst ans Gras gewöhnen muss. Und das heißt, obwohl Merlin, Caruso und ich schon über eine Stunde raus durften, fangen wir jetzt bei einer halben Stunde wieder an. Und mein Mädchen sagt, wir machen alle nur eine halbe Stunde, sonst ist ihr das zu kompliziert. Ich war aber noch hungrig! Als sie uns dann alle rein gerufen hatte, hat sie ganz lang mit dem Weidetor gefummelt. Da sind so lange Litzen und die hatten sich verknotet. Den oberen Teil hatte sie schon eingehängt aber sie war so mit dem Knoten beschäftigt, da hab ich einfach meine Chance genutzt. Bisschen ducken und – zack! – war ich wieder auf der Weide! Oooooooh sie hat geschimpft wie ein Rohrspatz! Aber das beste war, dass die Litze sich so vertüddelt hatte. Die musste sie nämlich erst auseinander friemeln, sonst hätte es gefährlich werden können für uns Ponys. In der Zeit in der sie mit der Litze beschäftigt war, konnte ich schön noch etwas Gras essen. Aber dann kam sie angeflitzt und wollte mich wutschnaubend von der Weide scheuchen. Tja mein Mädchen schau nur wie schön ich um dich herum galoppieren kann! So fit bist Du nicht, Du bist ja immer nur im Schneckentempo unterwegs….. Hat vier Anläufe gebraucht, bis sie mich durchs Tor raus bugsiert hatte. Hui, das war lustig! Danach war sie böse mit mir. Ich wollte mir noch einen Keks holen aber sie hat mich weg geschickt. Naja, das war es wert! Jetzt behauptet sie wieder, ich hätte Pubertät. Hunger, mein Mädchen, ich hab Hunger!

Euer trickreicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 142

Ich habe einen weiteren Beruf ergriffen. Ich bin ja schon Influencer, Förster, Bergsteiger und Herzensreparierer. Jetzt bin ich auch noch Pfützen-Feinabschmecker! Ich finde es schön, wenn es so ausgiebig geregnet hat. Wenn wir dann spazieren gehen kann ich überall mal das Wasser verkosten. Jede Pfütze schmeckt ein bisschen anders – Ihr Menschen habt ja von sowas keine Ahnung.

Hmmm die war lecker. Da hat Diego auch einen Schluck genommen

Wer viel aus den Pfützen trinkt, muss dann auch öfter mal eine Pfütze machen. Mein Mädchen sagt, ich hätte eine „Sextanerblase“. Ihr Papa hat früher immer zu ihr gesagt, sie sei ein „Durchlauferhitzer“. Weil sie auch sooooooo oft Pfützen machen musste als sie klein war. Allerdings muss sie das heute auch noch. Dann sagt sie immer der Tee ist schuld. Und jetzt frage ich mich, ob in den Pfützen aus denen ich trinke, wohl Tee ist. Naja, ich schweife ab! Jedenfalls verkoste ich jede Pfütze. Die meisten sind aber nicht so lecker, dann trinke ich nur einen Schluck. Und halte ein paar Meter weiter bei der nächsten Pfütze wieder an um die zu probieren. Vielleicht ist die leckerer? Mein Mädchen ist dann irgendwann genervt und sagt, sie macht das nicht mehr mit. Und dass die Verhaltensweisen über die sie sich am Anfang so gefreut hat, weil sie für ein Distanzpferd wichtig sind – nämlich unterwegs Pfützen leeren und neue Pfützen machen – ein bisschen überhand genommen hätten bei mir und dass wir jetzt einfach mal weiter gehen. Na gut. Aber dann zügig Mädchen, hopp hopp!

Euer geschmackvoller Sir Duncan Dhu of Nakel

Dosierungsanleitung

Manchmal treffe ich auf Schülerinnen, die selbst sehr sensibel sind, aber ein weniger sensibles Pferd erwischt haben. Weniger sensible Pferde haben in manchen Kreisen einen schlechten Ruf. Man nennt sie „stumpf“ oder auch „stur“, dabei haben sie so viele Vorzüge. Mein Finlay war so ein Modell. Ich durfte endlos das Aufspringen üben, weil es ihn einfach nicht gestört hat, wenn ich an seiner Seite hing, mich in seiner Mähne fest krallte und ihm unsanft die Knie in den Bauch boxte bei dem Versuch, mich an ihm hoch zu robben. Solch ein Pferd kann ein Geschenk sein. Mit Duncan werde ich so etwas vielleicht nie machen dürfen. Mein kleines Sensibelchen wird das sicher nicht lustig finden.

Wenn ich also auf eine Schülerin mit einem weniger sensiblen Pferd treffe, die ungern eine klare Ansage machen will, erzähle ich folgende Geschichte: Ich war bei meiner Freundin zu Besuch, mitten im Winter. Es lag Schnee und wir haben einen wunderschönen Ausritt gemacht, an dessen Ende ich allerdings komplett durchgefroren war. Als wir wieder auf dem Hof meiner Freundin ankamen, fing sie an zu werkeln. Füttern, Hufe pflegen usw usf. Ich konnte nicht genug helfen um warm zu werden, weil ich mich nicht gut genug auskannte in ihrem System. Also schlotterte ich still vor mich hin. Meine Freundin merkte davon anscheinend nichts. Am nächsten Tag waren wir wieder zusammen unterwegs und wieder war ich durchgefroren. Als wir auf dem Hof ankamen, kündigte meine Freundin fröhlich an, was sie jetzt tun wird. Ich sagte „ich helfe Dir nachher gern, aber erst gehe ich rein und trinke einen heißen Tee.“ Ich kam mir unglaublich unhöflich vor, aber es war mir einfach zu kalt. Meine Freundin hingegen strahlte mich an und sagte „Tee ist auch toll!“. Wir gingen rein, tranken einen Tee und ich wurde wieder warm. Danach konnten wir entspannt und gut gelaunt die übrigen Arbeiten erledigen. Das, was mir unglaublich unhöflich vorgekommen war, war für meine Freundin völlig in Ordnung gewesen. Sie hatte einfach nicht gemerkt, wie kalt mir war und es lag an mir, mich verständlich auszudrücken.

Diese Geschichte hat schon vielen meiner Schülerinnen auf die Sprünge geholfen wenn die Diskrepanz in der Wahrnehmung zwischen Mensch und Pferd zu groß wurde.

„Die Dosis macht das Gift“ sagt man. Aber die Dosis macht auch den Erfolg. Viele Pferde, zu denen wir gerufen werden, sind sehr viel sensibler als angenommen. Manche sind auch zu „nein-sagern“ erzogen worden und reagieren auf jede noch so kleine Anfrage mit Gegenwehr. Das ist dann keine echte Sensibilität sondern eine anerzogene Reaktion. Manche sind aber auch einfach nicht so empfindsam. So wie mein Finlay. Herauszufinden, was ein Pferd als Anfrage, was als Aufforderung und was als unzumutbare Art der Ansprache empfindet, ist das erste, was man tun muss wenn man erfolgreich kommunizieren möchte.

Heute waren wir mit Duncan und Diego an einer Brücke über die Landesstraße und haben geübt. Und auch hier geht es um die Dosierung. Wo ist genau der Punkt, an dem Duncan sich ein klitzekleines bisschen gruselt und ich dann mittels Keks das Gruseln in ein gutes Gefühl umwandeln kann? Fürchtet er sich zu viel, wird der Keks keinen Erfolg bringen. Fürchtet er sich aber zu wenig, komme ich der Lösung nicht näher.

Da sind so unendlich viele Abstufungen drin: was für ein Gefährt kommt gerade unter der Brücke durch – wie sieht es aus, was für ein Geräusch macht es? Ist es nur eins oder kommen da mehrere? Kommen sie alle aus der gleichen Richtung oder kommen sie von beiden Seiten? Sind sie vor Duncan, hinter Duncan oder kommen sie direkt von der Seite? Wo hält Diego sich zu diesem Zeitpunkt auf?

Und genauso, wie das zur Wissenschaft werden kann, kann auch schon ein einfaches, kleines Kommando zur Wissenschaft werden. Ein leichter Zug am Strick, mit dem wir dem Pferd sagen wollen „geh bitte einen Schritt nach vorn“. Die Antwort wird nicht nur davon abhängen, was „vorn“ ist – der Anhänger, die Pfütze oder nur ein weiteres Stück Weg? Die Antwort wird auch davon abhängen, wie wir als Mensch den Strick halten, wie wir den leichten Zug einleiten, wie und wo wir stehen, wohin wir schauen, wie wir atmen und wo unser Schwerpunkt ist. Das alles gilt es auszuprobieren.

Zu allem Überfluss kommt die Antwort dann auch noch meistens zeitverzögert. Es sind all diese Faktoren, die dazu führen, dass Bücher, Lehrvideos und Systeme uns nur begrenzt helfen können. Niemand kann uns abnehmen, unser eigenes Pferd anzuschauen und herauszufinden, wie es tickt. In möglichst vielen unterschiedlichen Situationen.

Ich persönlich stelle ja dann immer „Arbeitshypothesen“ auf, die ich überprüfe. Und heute kann ich stolz verkünden: zwei meiner Arbeitshypothesen zum Thema Brücke haben sich bestätigt. Ich habe wieder etwas gelernt über die richtige Dosierung für Duncan. Und mein Repertoire an „Beobachtungspunkten“ für andere Pferde ist größer geworden. Damit ich demnächst noch schneller und besser Dosierungsanleitungen für Pferdebesitzer entwerfen kann – ganz individuell angepasst.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 141

Wusstet Ihr es schon? Ich bin berühmt! Also: noch berühmter als ich ohnehin schon war! Ich steh nämlich in der Zeitung! Zusammen mit meinem Spaziergehkumpel und unseren Mädchen. Schaut mal hier, mit Foto sogar!

Der Artikel steht im Bauernblatt

Wegen dem Hundertmeiler, Ihr wisst schon. Den wir letztes Jahr gemacht haben. Dieses Jahr wollen wir den wieder machen, aber unter anderen Bedingungen und deswegen sind wir IMMER NOCH NICHT gestartet! Aber wir kommen der Sache näher. Mein Spaziergehkumpel wird nämlich gerade zum echten Kutschpony! Also nicht eins was hinter der Kutsche her läuft sondern eins was wirklich die Kutsche zieht.  Drei mal hat er das jetzt gemacht und sein Mädchen ist fast geplatzt vor Stolz, weil er das so toll hinbekommt!

Das war seine zweite Fahrt.

Ich darf leider noch nicht mit, weil alle sich noch total doll konzentrieren müssen und angeblich würde ich da stören. So ein Blödsinn! Ich kann mich doch auch voll gut konzentrieren.

Diego der Große darf mit. Der muss vorne weg laufen und meinem Spaziergehkumpel den Weg zeigen. Das hätte ich ja nun wirklich auch gekonnt! Aber na gut. Ich muss also noch warten. Langsam finde ich mich damit ab, dass ich für alles was richtig Spaß macht angeblich noch zu klein bin……

Wenn mein Spaziergehkumpel das dann so richtig drauf hat, darf ich hinter der Kutsche her laufen. Das wird ein Spaß! Juhuuuuuu! Und dann wollen wir so die 160km schaffen. Da müssen wir uns aber ran halten! Mein armer Spaziergehkumpel wird bestimmt den einen oder anderen Muskelkater haben. Er hat sich schon mal leise beschwert bei mir. Das ist so anstrengend sagt er. Hinterher laufen ist viel entspannter. Aber ich glaube er stellt sich nur wieder an.

Euer berühmter Sir Duncan Dhu of Nakel