Angst

„Sie sehen gar nicht aus, als hätten Sie Angst“ sagt die Zahnarzthelferin lächelnd zu mir. Ja, ich weiß, und das ist ja auch genau das Problem. Aber ist es überhaupt Angst, die ich da habe? Ich bin nicht mehr so sicher. Was denn das Problem wäre, hat schon mancher Zahnarzt mich freundlich gefragt und meine Antwort ist immer die gleiche: alles, was vibriert. Und natürlich alles, was fiese Geräusche macht. Was übrigens dann auch fast alles einschließt, was bei einer Zahnreinigung stattfindet, die ich deswegen ungleich schlimmer finde als z.B. eine Wurzelbehandlung, bei der von diesen Dingen viel weniger passiert. Nein ich habe keine Angst vor der Spritze und natürlich auch nicht vor meiner Zahnärztin. Ich weiß ja, dass sie mir hilft. Ich weiß nur auch, was mich erwartet. Nach einer Zahnreinigung, 45min oder länger vibrieren und Ultraschallgeräusche, erwarten mich stundenlange Kopf- und Gliederschmerzen und tagelang wahnsinnig empfindliche Zähne. Ist es Angst, wenn ich mich in Anbetracht dieser Zustände unwohl fühle? Was ist Angst überhaupt?

Als wir neulich durch den Wald marschierten – meine Freundin auf ihrem Pony und ich beim Fahren vom Boden hinter Duncan her, trafen wir auf ein Pärchen mit Hund. Der Hund stand in einem kleinen Tümpel am Wegesrand und just als wir direkt daneben waren, warf Frauchen ein Spielzeug ins Wasser. „Flump“ machte es ziemlich laut und die Ponys sprangen 2 Meter zur Seite. Der Mann schaut mich an und sagt „schwer erziehbar oder was?“ Ich bin leicht gestresst, muss mein Pony im Auge und die Leinen im Griff behalten, habe aber noch genug Hirnkapazität um zu antworten „neee aber das ist das einzige wo er wirklich Angst hat – Dinge, die ins Wasser fallen.“ „Angst?“ fragt der Mann zurück und schaut ungläubig. Aber ich bin jetzt ehrlich gesagt raus. Mein Pony soll lernen, wenn man sich an der Kutsche erschreckt, darf man zur Seite springen und stehenbleiben, aber danach geht man gesittet weiter geradeaus. Und ich glaube, mein Pony kann in dieser Situation mehr lernen als der Typ, der da steht und wirklich überhaupt keine Ahnung von nix hat. Meine Freundin versucht, ihm freundlich zu erklären, dass Pferde nun mal Fluchttiere sind und sich erschrecken. Das sei ja voll gefährlich und dann müsse man das eben üben kommt als Antwort – aha. Was glaubt er was wir tun? Na auch egal, manche die selbst Tiere haben, haben doch trotzdem wenig Ahnung. Später denke ich: das mit dem Fluchttier, das ist auch so ein Satz der uns viel zu oft und viel zu leicht über die Lippen kommt an Stellen wo er gar nicht angemessen ist. Denn auch ein Hund – der nun so gar kein Fluchttier ist – kann sich erschrecken, genau wie jedes andere Tier. Und auch ein Hund wird, wenn er sich nur genug erschreckt, kopflos wegrennen. Weiß eigentlich auch so ziemlich jeder, der mal mit Tieren zu tun hatte. Üben kann man da auch nicht so viel. Klar, je mehr ein Tier kennt, desto weniger wird es sich erschrecken. Aber erschrecken kann es sich trotzdem immer mal. Genau wie wir. Angst ist was anderes.

Angst ist das, was Duncan auf der Brücke bekommt, wenn sich unter der Brücke etwas bewegt. Dieses mulmige Gefühl vorab. Die steigende Anspannung. Das Hinstarren und gar nicht weggucken können. Das ist Angst. Im Gegensatz zum Erschrecken geht die Angst langsam. Gegen die Angst kann ich als Mensch viel mehr tun. Die Brücke kann ich üben, kann ich in „machbare Häppchen“ zerlegen, wiederholen, bekeksen und entschärfen, indem ich Brücken suche die weniger schlimm sind als andere.

Und der Zahnarzt? Nein, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich sicher, dass ich keine Angst vorm Zahnarztbesuch habe. Ich habe nur eine Erwartung daran dass etwas unangenehmes passiert. Vorm Zahnarzt habe ich so viel Angst wie vor einer Erkältung: keine. Aber ich weiß, dass es sehr unangenehm ist. Und auch das kennen Pferde natürlich zur Genüge. Viele finden Einsprühen unangenehm. Wir sagen dann gern, sie hätten Angst und ziehen die „Fluchttier-Karte“. Ich glaube das nicht mehr. Ich glaube, viele mögen einfach das Gefühl auf der Haut nicht. Und manchmal auch den Geruch der aus der Sprühflasche kommt.

Oder am Anhänger wo viele zu mir sagen „der hat doch gar keine Angst“. Ich habe da bisher oft widersprochen aber vielleicht werde ich das in Zukunft nicht mehr so oft tun. Denn viele Pferde haben in meinen Augen wirklich keine Angst vorm Anhänger. Sie haben nur keine Lust auf all die unangenehmen Dinge die damit assoziiert sind. Der Umzug in einen neuen Stall. Oder ein stressiges Turnier. Oder auch nur die Tatsache, dass der Mensch gestresst ist. Das anstrengende Ausbalancieren während der Fahrt. Die Trennung von der Herde. Es gibt viele gute Gründe, den Anhänger nicht zu mögen, selbst wenn keine Angst im Spiel ist.

Angst – das ist dieses irrationale Ding was so manchen beim Anblick einer Spinne oder beim Besteigen eines Flugzeugs befällt.

Auch darin sind Pferde Meister: warum ist die Plastiktüte im Gebüsch gefährlich obwohl man zu Hause über eine Plane läuft? Warum ist nach gefühlten 242348 Treckern – einer größer als der andere – plötzlich der Spielzeugtrecker am Wegesrand gefährlich? Warum ist es gefährlich, dass der gruselige Sitzball, der gestern in der Ecke lag, heute NICHT da ist? Solche Logiken verstehen nur Pferdeleute. Denn Angst wird bei Pferden oft dann ausgelöst, wenn bekannte Dinge sich leicht verändern. Und das macht Sinn: wenn es plötzlich anders aussieht, anders riecht oder andere Geräusche macht, dann ist in diesem Busch, der gestern ungefährlich war, vielleicht heute ein Puma. Jetzt können wir über das Fluchttier reden, lieber rede ich vom Beutetier. Denn trotz allem ist nicht jedes Pferd ein Fluchttier. Viele zeigen auch Erstarrungs- oder Angriffsverhalten. Aber dass sie Beutetiere sind, macht sie eben grundsätzlich skeptischer als einen Hund, der in der Natur bei niemandem auf dem Speiseplan auftaucht. Auch der Hund muss auf sich aufpassen und mal rennen, aber er muss eben nicht fürchten, dass sich jemand gezielt anschleicht, ihn vielleicht schon stundenlang beobachtet und dann aus dem Hinterhalt zuschlägt um ihm die Kehle durchzubeißen. Auch wir Menschen sind heutzutage (schon lange) keine Beute mehr. Und darum kommen uns so viele Ängste beim Pferd so irrational vor. Real sind sie trotzdem – wie Flugangst beim Menschen. Und auch all die anderen Dinge sind real: das unangenehme Gefühl beim Einsprühen oder die Erwartung unangenehmer Erlebnisse am Anhänger. Genau wie all die Mischformen – Angst die nach dem Erschrecken kommt oder Angst die auf das unangenehme Gefühl obendrauf kommt oder das Erschrecken was besonders schnell passiert wenn man eh schon gestresst ist…. Wenn wir akzeptieren können, dass all diese Gefühle real sind, egal ob sie nun logisch begründbar, für uns selbst nachvollziehbar oder in unseren Augen absolut absurd sind, dann können wir damit arbeiten. Wir können anfangen, unser Pferd (oder den Menschen der uns gegenübersteht) wirklich wahrzunehmen. Und dann können wir Strategien entwickeln wie wir damit umgehen. Wie wir helfen können, aus dem unangenehmen Gefühl ein angenehmeres zu machen. Nicht darauf zu hoffen, dass „er sich schon dran gewöhnen wird“, sondern eine wirkliche Verbesserung zu erreichen. Und wenn es dann doch mal so ist, dass unser Pferd sich erschreckt – weil das nun mal nicht komplett „wegübbar“ ist – dann braucht es eine Anleitung, wie es damit umgehen soll. Und da bin ich schon verdammt stolz auf meine kleines Pony, denn er springt zwar zwei Meter zur Seite, aber kann danach einigermaßen geradeaus weiter gehen (auch wenn es ihn Mut gekostet hat). Und dafür hat es dann auch entsprechend einige Meter weiter eine große Menge an Keksen bekommen, in der Hoffnung, dass der Anreiz, es wieder so zu machen, groß ist. Auch der mutigste Ritter darf sich mal erschrecken. Rüstung richten und weiter geht’s. Gehört wohl auch zum Erwachsenwerden dazu, das zu lernen.

Und es mag unhöflich sein, dass ich meine Zeit dann nicht dem Spaziergänger widme, der all diese Dinge nicht weiß (obwohl er sie als Hundbesitzer wissen sollte), aber ich finde, mein Pony hat Vorrang. Wenn mein Pony und ich gute Strategien haben für blöde Momente, dann kommen wir auch mit Vollpfosten klar, die keine Ahnung haben. Und dann kann ich getrost weglächeln, wenn jemand meint, mein Pony sei „schwer erziehbar“. Vielleicht sage ich nächstes Mal einfach „ja“ und gehe weiter, das spart kostbare Zeit und Denkkapazität die ich lieber darauf verwenden kann, meinem Pony zu sagen wie toll es das alles macht.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 134

Im Moment ist alles blöd. Mein Mädchen sagt das liegt am Wachsen und am Zahnwechsel. So ein Quatsch! Es liegt daran dass sie zu langsam ist, zu wenig Zeit für mich hat und viel zu viele unsinnige Regeln aufstellt! Ich darf sie nicht beißen, ich darf meinen Spaziergehkumpel nicht beißen, ich darf nicht das Mädchen vom Spaziergehkumpel beißen, ich darf noch nicht mal den Hund vom Mädchen vom Spaziergehkumpel beißen! Und ich darf nicht am Strick ziehen (obwohl sie wirklich VIEL ZU LANGSAM ist), ich darf nicht mit dem Kopf schleudern, nicht neben meinem Mädchen in die Luft hüpfen, nicht überholen wenn sie anhält und kein Gras haschen – ja was denn bitte noch alles? Ach so ja nicht nach fremden Pferden gucken, nicht schubsen und wahrscheinlich am besten nicht atmen oder so. Menno.

Sie trödelt immer so! Da muss man ja schlechte Laune kriegen!

Ich glaube ich muss da nochmal nacharbeiten bei der Erziehung meines Mädchens! Wahrscheinlich ist sie nicht ausgelastet. Ich glaube, wenn wir täglich so 15-20km gehen könnten, würde sie bald besser spuren und hätte nicht mehr so viele Flausen im Kopf. Aber sie sagt, sie muss arbeiten gehen damit sie mir Kekse kaufen kann – dabei gibt sie mir davon ja immer nur so wenige! Kann also nur eine Ausrede sein!

Euer motziger Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. mein Mädchen sagt, das ist die Pubertät. Sie ist in der Pubertät? In ihrem Alter? Hmmmm….. ich glaube auch das ist nur eine Ausrede.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 133

Manchmal kommt ja aus meinem Fanclub jemand zu Besuch und bringt mir Kekse und Bewunderung. Aber neulich kam Besuch, der etwas anderes mit gebracht hat: eine Wackelkiste! Also das ist so: Unsere Wackelkiste ist schon echt alt. Nicht ganz so alt wie Merlin der Zauberer aber älter als Diego der Große! Und wenn man älter wird, dann rostet man. Jedenfalls, wenn man eine Wackelkiste ist. Und man wird auch ganz steif und altersstarrsinnig. So ist das jedenfalls bei unserer Wackelkiste. Nicht, dass sie nicht mehr wackeln würde, das schon. Aber mein Mädchen träumt davon, mal eine neue Wackelkiste zu besorgen. Eine bei der sie nicht mit dem Hammer drauf hauen muss um die Tür zu zu kriegen.  Und jetzt kommt also diese Dame zu Besuch und bringt ihre Wackelkiste mit! Damit wir die mal ausprobieren können. Die ist nämlich anders als unsere. Na jedenfalls holt mein Mädchen mich aus dem Stall und dann stehen die beiden Frauen da und reden und die Wackelkiste steht da und ich sage zu meinem Mädchen „wollen wir die ausprobieren oder willst Du nur quatschen?“  (Ihr wisst ja, ich spreche nicht so wie Ihr. Aber ich hab einfach mal dezent am Strick in die Richtung gezogen und betont in die Kiste geguckt. Mein Mädchen versteht mich dann schon). Da hat sie gelacht und gesagt, dass ich rein gehen darf wenn ich mag. Natürlich mag ich! Ich wollte mir das doch anschauen! War aber kein Heunetz drin. In unserer Wackelkiste ist immer das Heunetz voll, ist das in dieser Kiste etwa nicht so? Dann will ich die nicht! Aber es gab Kekse. Na gut, auch schön. Und vorne ist in der Wackelkiste viel mehr Platz als in unserer, das heißt wenn dann ein Heunetz rein gebaut wird, dann wird es viel größer als das in unserer alten Wackelkiste!

Ich bin dann wieder ausgestiegen und der Mann kam dazu und dann haben die Menschen die Kiste umgebaut. Ui! Was ist das? Normalerweise laufen wir Ponys über eine Rampe in die Wackelkiste. Aber jetzt ist die Rampe zu Seite weg geklappt und da ist nur noch eine Stufe! Oh wie lustig! Und hopp und hopp, reingehoppelt wie der Osterhase. Die Dame die die Wackelkiste mitgebracht hatte, staunte nicht schlecht!

Vorbei gehen? Bestimmt nicht! Da lachen ja die…. äh…. Mädchen!
Der Mann hat mir genau gesagt wo die Stufe ist. Weil ich hinten keine Augen hab.

Wir Ponys finden das besser so. Eine Stufe ist viel übersichtlicher als so eine ganze lange Rampe. Rein, raus. Dazwischen gibt es nix. Ist doch super! Mein Spaziergehkumpel durfte das auch nochmal ausprobieren. Sein Mädchen war nicht da, aber der Mann hat das mit ihm gemacht.

Mein Spaziergehkumpel hat sich auch getraut.

Diego durfte das auch noch testen und alle waren wir ganz begeistert.

Diego kann wie immer alles auch ohne Halfter und Strick.
Das ist die nette Dame! Danke dass du deine Wackelkiste mitgebracht hast!

Also so eine Wackelkiste will mein Mädchen jetzt kaufen. Naja nicht jetzt. Weil sie sagt sie muss erst das Geld dafür zusammensparen. Moment mal, sparen? Das ist kein gutes Wort! Ich kenne das Wort! „Sparen“ ist das was sie macht wenn auf dem Spaziergang die Kekstasche fast leer ist und sie die Reste knauserig einteilt! Heißt das ich bekomme jetzt weniger Kekse wegen der neuen Wackelkiste? Aber mein Mädchen sagt, ich bekomme genauso viele (damit meint sie: genauso wenige) Kekse wie immer. Dauert halt nur etwas bis sie das Geld für die neue Wackelkiste zusammen gekratzt hat. Na dann!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 132

Liebe Menschen, jetzt habe ich lange nichts für Euch aufschreiben können. Das liegt daran, dass mein Mädchen sehr beschäftigt war und keine Zeit hatte, für mich zu tippen. Leider war sie nicht so sehr damit beschäftigt, Abenteuer mit mir zu erleben, sondern mehr damit, mich zu bürsten, zu kämmen, einzusprühen und einmal sogar komplett zu waschen! Brrrrrr war das kalt! Der Mann und das Mädchen haben mich komplett nass gemacht – zum Glück mit lauwarmem Wasser! – und ganz doll mit der Bürste geschrubbt. Dann haben sie mich noch abgespült. Aber obwohl das Wasser einigermaßen warm war, wurde es doch seeeeehr frisch ums Gemächt! Naja, wenigstens gab es wirklich viele Kekse.

Sie haben mich dann ganz doll trocken gerubbelt und dann ist mein Mädchen mit mir in die Halle gegangen und ich durfte laufen. Laufen, laufen, laufen, bis mir wieder warm war. Dann war ich also ganz sauber und ganz warm.

Und warum das Ganze? Tja, hmmm….. also das ist jetzt doch ein bisschen peinlich…. sagen wir ich hatte ein kleines Problem mit meiner Rüstung. Ich erspare Euch mal die Details. Wollte Ihr nicht wissen, glaubt mir. Zum Glück sieht es so aus als hätte das ganze kämmen und bürsten und sprühen und waschen Wirkung gezeigt und das Problem gelöst. Wobei mein Mädchen sagt, wir müssen schon noch dran bleiben, also immer ein gutes Auge drauf haben dass es nicht wieder losgeht und ab und zu mal kämmen und sprühen.

Naja, also jedenfalls ist ja zum Glück jetzt Ostern und mein Mädchen und der Mann haben Zeit und wir können Abenteuer erleben! Am Freitag waren wir auf neuen Wegen die ich noch nicht kannte. Und da war eine Brücke! Über einen Fluss! Oje. Das ist ja nicht so meins. Aber mein Mädchen weiß das. Und deswegen hat sie sich ganz viel Zeit genommen und sich das mit mir angeguckt. Wir sind zusammen ein Stück auf die Brücke gegangen, ich hab Kekse gegessen und dann sind wir wieder runter gegangen, Gras essen. Und dann wieder rauf, Kekse essen. Und wieder runter, Gras essen. Und dann wieder rauf, Kekse essen und auf der anderen Seite runter, da Gras essen. Na gut, so kann ich das.

Mein Mädchen sagt, schnell drüber rennen ist nicht die richtige Lösung.
Schon noch etwas gruselig, finde ich….

Und heute waren wir dann auch nochmal los, wieder auf anderen Wegen. Zwei Brücken! Aber ich sage Euch was: je mehr von den Dingern ich bewältige, desto netter finde ich sie. Wegen der Kekse! Eines Tages, sagt mein Mädchen, werde ich über die Brücken marschieren als wären sie ganz normale Wege. Und bis dahin darf ich auf den Brücken halt Kekse essen. Klingt doch ok oder?

Heute ging es schon viel besser

So, jetzt wird es aber Zeit fürs Abendheu! Frohe Ostern!

Euer Lausejunge Sir Duncan Dhu of Nakel

Tabellenkalkulation

Alle Jahre wieder geht es für mich um diese Jahreszeit an die Heu-Planung. Wie viel Heu ist noch da, wie viel werden wir noch verfüttern, wie viel werde ich kaufen müssen, wo bekomme ich Heu? Da dieses Jahr alles noch etwas komplizierter ist, weil Duncans Spaziergehkumpel und seine Freunde sich auch an unserem Heuschober bedienen, habe ich mit einer Tabelle herumgewerkelt. Herumgewerkelt trifft es dann auch. Eine schöne, logische, saubere Excel-Tabelle zu erstellen ist so verdammt schwierig und ich habe keine Ahnung davon, so dass ich mir da kurz was hinstümpere, nur um ungefähr den Überblick zu bekommen. De facto ist meine Excel-Tabelle nicht besser als es wäre, wenn ich alles auf einen Zettel kritzele und mir den Taschenrechner daneben lege. Wenn ich wirklich für langfristige Aufzeichnung eine schöne Tabelle brauche, frage ich meinen Mann, der bastelt mir eine. Aber in diesem Fall lohnt sich das meiner Meinung nach nicht.

Dabei finde ich diese Tabellen unglaublich faszinierend. Selbst die einfache Datei, in der ich meine Einnahmen notiere, bringt mich schon immer zum Staunen: vier Tabellen in einer Datei und Excel kann beliebig Bezüge herstellen von hier nach da, hat alles im Blick und „verguckt“ sich nie. Tolles Teil. Andererseits ist das Programm aber auch stur. „Falscher Bezug“ hier, „durch Null teilen geht nicht“ da und manchmal zeigt er nur fiese kleine Rauten und lässt mich im Dunkeln tappen warum. Und wehe man vertut sich bei der Rechnerei. Excel rechnet das, was ich ihm vorgebe. So dass ich gestern bei der Berechnung der Heumenge plötzlich heraus bekam, dass mein (noch sehr großer) Heuvorrat in 17 Tagen verfüttert sein wird. Das hat mir den Schweiß auf die Stirn getrieben, bis ich heraus gefunden hatte, wo der Fehler liegt (keine Sorge, es ist noch genug Heu da bis Anfang September. Wer teilt wo er multiplizieren sollte…… na lassen wir das). Excel weiß nicht was ich da rechne und es ist dem Computer auch echt egal. Heu, Futterbestellungen, Einnahmen, Ausgaben, das hat keine Bedeutung. Excel weiß nicht worum es geht und sagt mir daher nicht „hör mal, Mädchen, da muss ein Fehler in Deiner Gleichung sein, sonst käme da doch was ganz anderes raus.“ Und wenn ich durch Null teile sagt Excel auch nicht „bestimmt trägst Du da gleich noch eine Zahl ein, ich warte mal ab“ sondern motzt mich sofort an weil ich eine mathematische Todsünde begehen will. Wer Excel bedienen kann, kann mit etwas guter Vorbereitung zaubern. Wer es nicht kann (wie ich) kann verzweifeln.

Und manchmal, wenn ich mit Pferden arbeite, erinnert mich ihr Verhalten daran. Dem Pferd ist meine Übung erst mal herzlich egal. Es tut das, was Erfolg verspricht. Dabei errät es keineswegs das, was wir wollen – auch wenn es bei geschicktem Training so aussieht – sondern es hat eine genaue Tabellenkalkulation im Kopf. Verhalten und Erfolg (durch Futter, Pause oder sonstige Annehmlichkeiten) sind stramm miteinander verknüpft. Das fatale für uns Menschen ist, dass sie genauso „stur durchrechnen“ wie Excel. Was wir eigentlich WOLLEN spielt keine Rolle. Mein Lieblingsbeispiel ist dabei das „Belohnen für eine Korrektur“. Angenommen, mein Pferd soll still stehen. Da steht es nun. Dann geht es vorwärts – ungefragt. Ich schicke es wieder zurück an seinen Platz. Und dann – weil es so großartig rückwärts gegangen ist, gebe ich ihm einen Keks.

Ihr meint, so etwas dummes passiert einem nicht? Ich kann Euch sagen, es passiert andauernd. Und was lernt das Pferd? Vor gehen, sich zurück schicken lassen, Keks kassieren. Stillstehen hat es nicht gelernt – ganz im Gegenteil. Das Problem dabei ist: wir Menschen sehen oft nur diese ganz kleinen Zusammenhänge – wenn überhaupt. Das Pferd hat aber oft die GANZE Datei im Blick – mit all den einzelnen Tabellen die darin gespeichert sind. Ich versuche mal, Euch ein Beispiel zu geben, aber auch das wird noch ein harmloses sein, es geht durchaus noch viel komplexer.

Ich arbeite mit meinem Pferd auf dem Reitplatz. Dazu mache ich es erst mal warm, also mache ich einfache, langsame Übungen, die nicht viel Einsatz erfordern. Nach und nach steigern wir uns. Die Übungen werden schwieriger und kräftezehrender. Ich lobe mein Pferd viel und für besonders gute, schwierige Übungen bekommt es Kekse. Am Ende der Einheit reite ich etwas Schritt am langen Zügel, dann reite ich zum Ausgang, steige dort ab und führe mein Pferd zurück. Am Stall bekommt es dann die Schüssel mit dem Zusatzfutter. So ähnlich läuft es bei vielen Menschen ab. Und ich sehe viele Pferde, die diesen Ablauf genau kennen – und je nach Temperament unterschiedlich darauf reagieren. Das eine Pferd bietet von Anfang an ungefragt schwierigere Lektionen an – dafür gibt es nämlich Kekse! – das andere Pferd zieht zum Ausgang, wenn es keine Lust mehr hat. Denn dort steigt der Reiter ab und danach gibt es den Jackpot in Form der Schüssel! Manches Pferd sagt einfach von Anfang an, dass Schritt am langen Zügel sowieso die letzte Übung in der Kette ist und man den Rest ebenso gut weg lassen kann.

Und das ist nur eine kleine, einfache Tabellenkalkulation. Wenn wir es bemerken, können wir solche Dinge für uns nutzen. Den oben beschriebenen Ablauf habe ich mir zu Nutze gemacht um Merlin den Galopp schmackhaft zu machen. Aufsteigen, Schritt und Trab reiten, dann einmal angaloppieren – sofort Feierabend und Schüssel. Bis er anfing zu fragen, wann wir denn galoppieren wollen. Dann konnte ich langsam steigern.

Wenn ich in der Hufpflege ein Pferd habe, das aufgrund von Schmerzen nicht gut stehen kann, stelle ich folgende Regel auf: ich hebe einen Huf. Das Pferd darf ihn mir jederzeit wegnehmen und abstellen, aber ich hebe ihn dann wieder hoch. Erst, wenn der Huf so lange oben war wie ich das wollte und ich ihn absetzen konnte, gehe ich an einen anderen Huf. Das verschafft große Erleichterung, weil das Pferd mal anders belasten kann, so motiviere ich das Pferd schnell, den Huf so lange oben zu lassen wie möglich. Dadurch, dass es mir den Huf wegnehmen darf, bekomme ich aber auch einen realistischen Eindruck, wie lange es diesen Huf halten kann, so dass ich es nicht überfordere. Ich will nur, dass es mit mir zusammenarbeitet anstatt gegen mich, denn das macht unser beider Leben leichter. Während Menschen oft eine Weile brauchen, um die Logik zu verstehen, lernen die meisten Pferde das ziemlich fix. Und das ist die Krux, denn die Pferde lernen auch dann solche Zusammenhänge, wenn wir sie gar nicht bewusst erschaffen und – schlimmer noch – wenn wir sie noch nicht einmal erkennen. Und sie fragen nicht, ob das was sie tun, richtig ist. Sie rechnen nur aus, wo sie mehr Erfolg haben. Das klingt für viele für Euch vielleicht jetzt sehr unromantisch, ist aber einfach dem geschuldet, dass jedes Tier sehen muss, wie es am besten überlebt. Es ist das „survival of the fittest“ – das Überleben dessen, der am besten angepasst ist – was dieses Verhalten hervorgebracht hat. Je mehr man im Blick hat, welches Verhalten welche Konsequenz hat, desto besser kommt man durchs Leben. Und das geht weit über „wegrennen wenn der Puma kommt“ hinaus, denn Herdenleben ist komplex und Pferde leben in der Natur auf riesigen Arealen, müssen wissen wann sie ans Wasserloch können und wann nicht, wann welche Pflanze wo wächst, wie sie ihre Fohlen am besten schützen und so weiter.

Es mag Pferde geben, die vom Umgang mit dem Menschen so verwirrt sind, dass dieser Überblick verloren gegangen ist, weil Menschen sich jahrelang unbeständig verhalten haben. Diese Pferde wirken dann stumpf oder dumm. Wenn man sich aber beständig verhält, werden auch diese Pferde Zusammenhänge schnell erkennen.

Viel öfter ist das Problem der Mensch, der sich beständig verhält, ohne es zu merken. Sich dann anders zu verhalten, ist verdammt schwer. Eine Schülerin, die ein Pferd hat, das gern mal mit dem Huf scharrt, erklärte mir stolz, dass sie jetzt immer wartet, dass das Pferd den Huf abstellt und erst DANN gibt es das Leckerlie. Tja, da musste ich sie mal kurz desillusionieren. Denn das Pferd lernt den GANZEN Ablauf. Scharren, abstellen, Keks kassieren. Und am schwersten fällt es uns Menschen ja immer, zu bemerken, dass etwas NICHT passiert. Eben jenes Pferd, wenn es jetzt mal 30 Sekunden still stünde ohne zu scharren. Ich würde ziemlich hohe Wetteinsätze darauf geben, dass der Mensch das nicht bemerkt. Bestes Beispiel hier ist das Pferd das ruhig am Strick steht während man sich unterhält. Das Pferd wird so lange keine Aufmerksamkeit von seinem Menschen bekommen, wie es artig ist – auch hier sind meine Wetteinsätze hoch. Wenn es dann rumhampelt, bekommt es wahrscheinlich einen Rüffel. Und dann steht es kurz still und – weil der Mensch jetzt aufmerksam ist – kassiert anschließend den Keks (ersetze Keks beliebig durch Lob, Krauleinheit, Ende der Übung…..).

Ach ja, Tabellenkalkulation ist was tolles – aber nur, wenn man weiß, was man tut…..

Gemeinsam müde

Nachdem wir neulich schon geübt haben uns gemeinsam zu fürchten, hatten wir vergangene Woche zwei Erlebnisse, die uns ein bisschen an unsere Leistungsgrenze gebracht haben.

Es gibt einen Pferdetrainer, der sagt, er geht nur dann zum Pferd, wenn er „mental, körperlich und emotional fit“ ist. Hm. Das klingt nach einem tollen Vorsatz! Wenn ich aber ehrlich bin: wenn ich mich daran halten würde, wäre ich sehr selten am Pferd. Und damit auch sehr selten arbeiten. Ich würde sehr viel mehr Zeit mit Yoga, Ausdauertraining und Meditation verbringen als bei meinem Pferd. Vielleicht ist es eine Frage der Definition: was heißt „mental, körperlich und emotional fit“? Da sind ja doch ein paar Abstufungen möglich. Ich stimme insofern mit dieser Aussage überein als ich finde, es ist nicht fair, beim reiten zu sitzen wie ein Kartoffelsack, weil man sonst keinen Sport macht, beim Verladetraining ein eigenes Trauma mitzuschleppen und sich keine Hilfe zu holen und beim Ausbilden seines Pferdes an den Streit mit dem Ehepartner zu denken. Ja, natürlich überlege ich, was an welchem Tag möglich ist. Aber Duncan und ich, wir wollen auf Distanzritt. Und ganz ehrlich: wenn man dann mal so ein paar Stunden draußen unterwegs war, vorher schon früh aufgestanden ist, viel Aufregung, viel Organisation und Stress hinter sich hat und sich dann in fremdem Gelände orientieren muss, dann ist man einfach nicht mehr fit. Beim Distanzreiten reitet man ja die langen Strecken auf dem „Turnier“. Man übt nicht 50km bevor man 50km reitet. Man reitet kontinuierlich verschiedene Trainingsritte, mal lange, mal schnelle, aber die 50km so schnell wie man sie im Wettbewerb reitet, das macht man vorher nicht. Anders als in (allen?) anderen Turniersportarten. Denn Distanzreiten ist der „Marathon zu Pferde“ und einen Marathon läuft man ja in der Regel auch nicht zu hause zum üben. Man trainiert so weit, dass man glaubt, es zu schaffen, dann fährt man zum Wettkampf und läuft weiter und schneller als je zuvor. Und jeder Wettkampf ist gleichzeitig ein Trainingslauf.

Und das bedeutet: man kommt mental, körperlich und auch emotional an die eine oder andere Grenze. Mensch und Pferd. Und dann? Dann müssen wir das beide überleben. Und da Duncan bisher nach jeder Herausforderung fand, es sei großartig gewesen und wir könnten das gern wiederholen, wird er ein gutes Distanzpferd werden (das glaube ich zumindest) und ich vermute ja, dass ER es sein wird, der MICH dazu anstiftet, weiter und schneller unterwegs zu sein. Das tut er ja nun schon seit 1,5 Jahren sehr erfolgreich. Wer hätte gedacht, dass ich mal freiwillig 10km zu Fuß gehen würde? Na ich nicht.

Als wir am Sonntag so unterwegs waren und einen sehr abenteuerlichen Wegabschnitt hinter uns gebracht hatten, die Strecke immer länger wurde und mich langsam die Kräfte verließen, da war auch Duncan schon ganz zufrieden. Müde sah er nicht aus, nur zufrieden und entspannt. Und wie wir da so laufen, endlos geradeaus, da habe ich ihm meinen Arm auf den Rücken gelegt, wie ich es manchmal so mache beim Spazierengehen. Aber diesmal ist etwas wunderbares passiert: Duncan rückte ein Stück an mich heran, so dass ich mich wirklich an ihn anlehnen und mich abstützen konnte und wir haben einen Rhythmus und eine Balance gefunden wie wir so nebeneinander her gehen konnten und er mich unterstützt. Und es hat sich auch wirklich genau so angefühlt, als würde er mich bewusst unterstützen.

Ich wollte das nicht zu lange ausnutzen und habe dann die Seite gewechselt – nur um festzustellen dass es auf der anderen Seite nicht geht. Da will er mich nicht so nah haben. (Intermezzo: Interessanterweise ist das übrigens seine rechte Seite und fast alle Pferde die ich kenne wollen einen auf der rechten Seite nicht so nah haben. Ich sage meinen Schülern immer, sie müssen die rechte Seite viel mehr üben, aber bei Duncan, der mich monatelang lieber rechts hatte als links, hat sich das Seitenverhältnis plötzlich grundlos (?) gedreht und er möchte mich lieber links haben als rechts….. was natürlich bedeutet dass ich rechts mehr üben werde. Aber ob er mir rechts anbieten wird, mich zu stützen, das muss die Zeit zeigen.)

Als ich aber auf der linken Seite war und er mich so lieb unterstützt hat, da war das ein magischer Moment. Ein Moment in dem ich fühlen konnte: er ist schon erwachsen genug um wahr zu nehmen wie es mir geht und darauf auf eine freundliche und hilfreiche Art und Weise zu reagieren. Er kann nicht nur damit leben, dass ich müde und abgekämpft bin, er kann und will mir helfen. Und das ist ein wundervolles Gefühl…

Zwei Tage später sind wir wieder unterwegs, diesmal üben wir – zum zweiten Mal in unserem Leben – das fahren vom Boden im Wald ohne Sicherungsstrick. Und was für ein Erlebnisausflug das war! Da waren einige Schreckmomente zu überstehen, einige Chaosmomente und zu guter Letzt haben wir auch noch eine Abzweigung verpasst, so dass wir eine Schleife doppelt marschiert sind. Die Nerven lagen blank, wir waren ziemlich durch. Gemeinsam zu überleben, dass wir geistig müde sind, dass jeder vielleicht ein bisschen heftiger reagiert als normal, dass wir uns nicht mehr so gut wahrnehmen, nicht mehr so gut aufeinander eingehen können, auch das war eine Form von Magie. Es war kein schönes Gefühl, aber im Nachhinein sind wir zusammengewachsen. Wir haben das geschafft und das macht uns beiden Mut für die nächsten Abenteuer.

Abenteuer bei denen wir uns gegenseitig unterstützen oder – wenn es hart auf hart kommt – überleben, dass wir beide nicht mehr fit sind. Abenteuer, bei denen wir gemeinsam an Grenzen gehen können, körperlich oder geistig, und immer noch zusammenarbeiten anstatt gegeneinander.

Und weil wir diese kleinen Dinge geschafft haben, haben wir Mut für Größeres. Auch wenn wir beide nicht immer „mental, körperlich und emotional fit“ sind.

Sein Blick sagt alles. Mir scheint, gemeinsame Abenteuer sind sein Lebenselixier!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 130

(Alles was im Text bunt und unterstrichen ist, könnt Ihr anklicken und dann könnt Ihr die Geschichte dazu nochmal lesen)

Liebe Menschen, jetzt schreibe ich schon über ein Jahr für Euch Tagebuch! Den Jahrestag hab ich doch glatt verpasst! In dem Jahr war aber auch ganz schön was los bei mir! Ich bin sooooo viel gewachsen, mein Wallehaar ist schon ganz hell geworden und ich hab unglaublich viel gelernt! Ich kann jetzt wippen (so herum und anders herum!) und so tun als würde ich vor der Kutsche laufen, ich kann allein spazieren gehen, allein in der Wackelkiste stehen und meine Hufschuhe kann ich nicht nur tragen, sondern mein Mädchen sagt auch, ich hätte das mit dem Anziehen voll raus (das ist nämlich nicht so einfach! Als Pony muss man da genau wissen wann das Bein hoch muss und wann man den Fuß am Boden lassen soll während der Mensch die Schnallen schließt!). Ich war mit Diego dem Großen und unseren Menschen auf Abenteuerurlaub und mit meinem Spaziergehkumpel auf einem Ponyspielplatz. Ich bin durch Büsche gekrochen und habe Schafe gezählt, habe das Picknick getragen und meinen ersten Hundertmeiler bestritten. Ich wurde sogar portraitiert! Ich kann als Handpferd laufen, aushalten, dass mein Spaziergehkumpel Kekse kassiert dafür dass er sein Mädchen trägt während ich keine Kekse bekomme weil ich angeblich zu klein bin um mein Mädchen zu tragen. Ich kann im Roundpen frei um mein Mädchen herum laufen in der richtigen Gangart im richtigen Tempo auf der richtigen Kreisgröße (was richtig ist, sagt mein Mädchen – warum eigentlich?). Ich habe Diego das Spielen beigebracht (da hab ich ihm gesagt was richtig ist!), habe gruselige Momente auf der Autobahnbrücke und mit Cerberus, dem Höllenhund überlebt, war ganz oft artig, gelegentlich unartig und manchmal pubertär, habe beim Absammeln und beim Müll sammeln geholfen, habe die Fitness meines Mädchens schon beträchtlich steigern können und ihr Herz repariert (ganz nebenbei hab ich das gemacht). Und jetzt möchte ich wissen, was Euch am besten gefallen hat von allem was ich Euch im vergangenen Jahr erzählt habe!

Was wird wohl das nächste Jahr für uns alle bringen? Mein Mädchen hofft, dass nächstes Jahr um diese Zeit bei Euch Menschen wieder alles im Lot ist. Aber sie sagt, sie wird auf jeden Fall weiter mein Tagebuch tippen, weil es ihr Spaß macht und Euch hoffentlich auch. Ich werde Euch also auf dem laufenden halten. Ich werde weiter wachsen und erwachsen werden, noch furchtloser und – wenn es denn überhaupt möglich ist – noch schöner. Und in ein paar Wochen passieren hier sehr spannende Dinge aber psssssst die sind noch streng geheim!

Ich hoffe wir machen noch viel mehr schöne Ausflüge als im vergangenen Jahr. Ausflüge kann ich einfach nicht genug haben! Mein Mädchen hofft, dass die Menschen Sonntags bald wieder andere Dinge zu tun haben als „durch die Pampa zu rennen“ (so sagt sie das) weil sie findet, es sind viel zu viele Leute da draußen unterwegs.

Also, liebe Menschen, lasst mich wissen was Euch am besten gefallen hat und auch, wovon ich Euch mal was erzählen soll!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 129

Ach so ein schöner Sonntag! Wir sind in einen neuen Wald gefahren, den wir alle noch nicht kannten. Mein Mädchen hatte wieder alles genau geplant (Ihr wisst ja: sie plant einfach zu gerne!). Aber diesmal war dann alles anders als geplant! Das kam so: hier bei uns in Schleswig-Holstein darf man im Wald ja leider nur da reiten wo es ausdrücklich erlaubt ist. Und da mein Mädchen sehr brav ist, geht sie auch zu Fuß mit mir nur da wo es erlaubt ist. Nun hatte sie eigentlich eine Runde ausbaldowert anhand einer Reitwegekarte. Aber in natura sah das irgendwie anders aus! Also haben wir uns an den Schildern entlang gehangelt. Zwischendurch wurde der Weg ganz schön abenteuerlich und mein Mädchen hat wieder ordentlich Angst gehabt, dass ich mir wehtun könnte. Ach Mädchen, ich kann das!

Das weniger abenteuerliche Ende vom sehr abenteuerlichen Weg…. unterwegs konnte mein Mädchen kein Foto machen weil wir auf uns aufpassen mussten!

Als wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten, hat sie erst mal geschaut ob meine schicken Schuhe noch alle da sind. Jawoll, die saßen noch einwandfrei und haben damit einen ersten echten Passformtest mit Bravour bestanden. Dann ging es weiter, immer den Schildern nach. Zwischendurch, wenn wir mal die Wahl hatten, weil da mehrere Schilder waren, hat mein Mädchen ihr Handy gefragt. Gegen Ende waren wir dann alle schon ein bisschen müde, da habe ich mein Mädchen zum ersten Mal getragen! Nein nein, sie hat nicht auf meinem Rücken gesessen. Dafür bin ich ja (angeblich) noch zu klein. Aber sie hat mir ihren Arm über den Rücken gelegt und ich bin ganz nah neben ihr her gelaufen so dass sie sich ein bisschen abstützen konnte. Das fand sie toll und hatte ganz viele Herzchen in den Augen! Hatte sie heute aber sowieso die ganze Zeit weil ich soooooooo schön entspannt war und gar keine Pubertät hatte.

Kleine Pause – anstrengend war das heute! Aber ich mag das, das macht mich ganz zufrieden.
Der Mann könnte ja auch reiten. Aber er läuft trotzdem meistens. Das finden Diego und mein Mädchen sehr nett!

Als wir dann wieder zu hause waren, waren wir alle rechtschaffen müde. Jetzt schmause ich erst mal die größte Heuportion, die ich in meinem Bauch unterbringen kann!

Euer zufriedener Sir Duncan Dhu of Nakel

Langweilig

(Entschuldigung an alle die schon vorab eine mail bekommen haben, ich hatte Schwierigkeiten mit der Technik)

„Das wäre ja auch langweilig“ sagt meine Kundin „wenn die immer alles einfach so machen würden“.

Ja, ich hab solche Sätze auch schon gesagt. Und als wir neulich mit der Rettungsdecke gespielt haben, Duncan und ich, da hat Arnulf gesagt, es sei langweilig. Ich stolpere mehr und mehr über diesen Satz. Und ich nehme mir vor, ihn nicht mehr zu sagen. Langweilig ist doch wohl ein kleines Schimpfwort. Langweilig zu sein ist doch nichts Gutes, oder? Aber gute Pferdeausbildung ist in dem Sinne „langweilig“ der hier gemeint ist. Unspektakulär. Nichts, worüber man einen spannenden Film drehen kann.

In der Hufpflege hat man uns ja schon so manches „schwierige“ Pferd vorgestellt. Und eines Tages haben wir es wahr gemacht und die Kamera mitgenommen. Das war der langweiligste Film der Welt, man sieht Arnulf wie er ein Pferd streichelt und mit der Besitzerin redet und dann wieder das Pferd streichelt und kurz den Huf hebt und wieder mit der Besitzerin redet und dann wieder kurz den Huf hebt. Gähn. Aber nur so ist es gut gemacht. Fürs Pferd in aller Ruhe. Ohne filmreife Stunts. Ohne gut verkäufliche Action. Wer die braucht, hat es nämlich entweder nicht gut drauf, Pferde auszubilden, oder er hat es hervorragend drauf, sich selbst zu verkaufen – oder beides.

Ich fand es gar nicht langweilig, mit Duncan mit der Glitzerfolie zu spielen. Es war hoch interessant, ihn zu beobachten und zu überlegen, wie ich ihn unterstützen kann. Wir hatten viel Spaß dabei. Es ist auch bei der Hufpflege keineswegs langweilig, wenn ein Kundenpferd einfach lieb da steht und mir die Hufe hin hält. Es soll natürlich nicht unterdrückt, geknechtet oder verängstigt sein und roboterhaftes Verhalten zeigen. Ein freundliches Pferd, welches mir auch auf freundliche Art zeigen kann, wenn es eine Pause braucht, wenn etwas wehtut oder dass es mich mag und mir gern den Rücken kraulen möchte, ist ein echter Genuss. Langweilig ist da nichts dran.

Und wenn wir unsere Ponys auf den Anhänger schicken, ganz unspektakulär – nicht rückwärts oder im Galopp sondern einfach ganz schnöde an Halfter und Strick – dann ist das nicht langweilig, sondern äußerst entspannt für alle.

Langweilig sind solche Dinge nur dann, wenn sie im Kino über die Leinwand flimmern. Wenn wir Zuschauer sind statt Teilnehmer. Dann ist es langweilig. Und das gibt mir zu denken, wenn Menschen sagen, das sei doch langweilig, wie das Pferd sich verhält. Mir scheint, der Mensch ist dann nur Zuschauer und möchte bespaßt werden. Da soll mal was passieren, da soll sich was schnell bewegen und jemand unvorhergesehen reagieren.

Mag sein, dass es am Alter liegt, aber mittlerweile sind mir die langweiligen Pferde die liebsten. Und ganz ehrlich: sie wirken auf mich am glücklichsten. Die Spaßvögel, die alles ins Maul nehmen oder sich ständig was ausdenken, mal ausgenommen, denn die sind auch glücklich ohne „langweilig“ zu sein. Ich selbst wollte ja auch wieder ein Pony mit vielen eigenen Ideen. Hat geklappt. Aber Duncans Ideen sind gewissermaßen „langweilig“. Viele Kilometer machen und zwar bitte zügig und am liebsten durch fremdes Gelände. Beschäftigung einfordern. Schlau sein und das zum eigenen Vorteil nutzen. Das hält mich auf Trab. Da wird mir nicht langweilig. Und wenn wir aufhören könnten, Pferde die glücklich, zufrieden und gesund sind, die eine gute Ausbildung und Erziehung genossen haben, als „langweilig“ zu bezeichnen, dann wäre es vielleicht auch wieder mal ein erstrebenswertes Ziel, ein solches Pferd zu besitzen. Tut mir ja leid für all jene Trainer, die gern das große Geld mit „Problempferden“ verdienen, aber ich hab lieber Pferde ohne Probleme. Und ich möchte so vielen Pferden wie möglich dazu verhelfen, dass sie ganz „langweilig“ werden oder es im besten Falle einfach bleiben (weil die meisten es von Natur aus sind). Und das mit so unspektakulären Methoden, dass jeder Film darüber langweilig wäre. Ohne Tricks und Spezialwerkzeug, einfach mit Geduld, Liebe und Wissen. Mit gutem Timing, guter Körpersprache und der ein oder anderen guten Idee.

Sollte mir dann irgendwann langweilig sein, warten noch genug Herausforderungen. Wie viele Kilometer schaffen wir wohl eines Tages, Sir Duncan und ich? Wo können wir überall hinfahren, wen können wir treffen, was können wir noch lernen? Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Und wenn mein „langweiliges“ Pony dabei nie überfordert wird und daher immer „abliefert“, dann werde ich im Endeffekt wieder jene Blicke ernten, die ich mit Merlin auf Kursen so oft gesehen habe. Die etwas neidischen von den Leuten, deren Pferde leider nicht ganz so „langweilig“ sind wie meine.

Wenn aber die Menschen anfangen würden, die „langweiligen“ Pferde attraktiv zu finden, dann würde es auch einen Markt dafür geben. Dann würden Züchter solche Pferde züchten. Gesunde, glückliche, gelassene Pferde. Und was wäre dann? Dann könnten wir eine Welt voller glücklicher Pferdebesitzer und zufriedener Pferde haben. Und wenn dann doch einer mal ein Problem hat – sowas passiert nun mal – dann könnten wir es ganz langweilig lösen, in aller Ruhe.

Ein „langweiliges“ Pferd kann mir helfen, mich nach einem stressigen Tag wirklich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Gleichzeitig kann ich mit einem „langweiligen“ Pferd die größten Abenteuer erleben ohne dabei um Leib und Leben bangen zu müssen. Wann genau ist „langweilig“ eigentlich aus der Mode gekommen?

Duncan ist nun 1,5 Jahre hier und mir war noch nicht einen Tag langweilig mit ihm. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie das passieren sollte. Langweilig kann ja nur heißen, dass uns nichts neues mehr einfällt. Und das ist ausgeschlossen. Wenn Reiter mir sagen, sie finden die Reiterei auf dem Platz „langweilig“ und ich frage ein bisschen nach, dann kommt raus, dass sie einfach nicht wissen, was sie da machen sollen. Entweder man lernt das dann oder man geht halt ins Gelände, fängt an zu springen, bringt dem Pferd Tricks bei oder lernt Bogenschießen zu Pferd. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Niemand muss sich langweilen, der das nicht möchte. Aber unseren Pferden sollten wir gönnen, dass sie gut ausgebildet, gelassen, selbstbewusst, entspannt und freundlich sind. Auch wenn manche das „langweilig“ finden. Und unser Training sollte – so weit es die Pferde betrifft – von außen möglichst „langweilig“ aussehen, damit wir unsere Pferde nicht stressen und überfordern, ängstigen oder verärgern.