Sein neuer Körper

Duncan schaut mich verzweifelt an. Geht einen Schritt zurück, einen vor, dreht den Hintern von mir weg, versucht, mich mit seinem Mäulchen an meiner Hand abzulenken. „Ich kann das nicht!“ sagt er. Aber er kann das. Ich weiß das, wir haben das doch geübt. Ich streiche wieder mit der Gerte sein Bein runter. Auf der anderen Seite hat das auch prompt geklappt und er hat in aller Ruhe sein Bein gehoben. Aber links ist heute nichts zu wollen. Es dauert ewig, bis Duncan auch nur einigermaßen kapiert, was zu tun ist. Vor dem Erfolg liegen lange Minuten der Verzweiflung und des hektischen Ratens. Kurios, finde ich, und gleichzeitig sehr aufschlussreich. Und ich denke an jenen Tag an dem er nach längerer Zeit mal wieder quer auf den Steg gehen sollte und es plötzlich nicht mehr konnte. Alle 4 Hufe quer auf dem Steg unterbringen war nicht mehr machbar. Ich habe an diesem Tag einige Zeit gebraucht um mich zu erinnern, dass ich ja auch sein Fahrgeschirr verstellen musste – das Pony ist länger geworden. Und damit auch der „Radstand“. Logisch, dass es jetzt schwieriger ist, quer auf dem Steg zu stehen.

Und jetzt also das: das linke Hinterbein ist irgendwie aus dem Programm gerutscht. Wie eine App, die nach einem Update plötzlich eine Macke hat. Dann muss man aufs nächste Update warten, bis es wieder funktioniert. Zum Glück kann ich bei Duncan mit den Updates ein bisschen helfen.

Ich erinnere mich an ein Buch über den Sitz des Reiters („Balance in der Bewegung“ von Susanne von Dietze). Die Autorin hat selbst als Kind reiten gelernt und nie Probleme mit dem Sitzen gehabt. Bis dann das große Wachsen los ging. Und plötzlich passte nichts mehr zueinander und sie musste alles neu lernen. So scheint es meinem Duncan auch zu gehen. Das Steigen klappt jetzt übrigens wieder, das hat er ja eine Weile auch nicht mehr gemacht. Da hat sich der neue Körper schon wieder zurecht gefunden.

Der tiefere Schwerpunkt und der längere Radstand führen auch dazu, dass die Wippe sich anders unter ihm bewegt – ob er das nun leichter oder schwerer findet als vorher, vermag ich nicht zu sagen.

Als wir ihm neulich die Mähne weggeflochten haben, damit das Fahrgeschirr sich nicht vertüddelt, war meine Freundin ganz überrascht „wann hat er denn den Hals bekommen?“. Tja, noch vor einigen Wochen habe ich meinem Pony große Extraportionen an Heu und Heucobs plus Leinsamen gegönnt, weil er rippig und klapprig aussah. Jetzt ist er – natürlich auch dank Frühlingsgras – wieder ein richtiger kleiner Brummer geworden und sieht viel mehr nach Highlandpony aus. Alle Zusatzrationen sind zu seinem Betrübnis gestrichen und er schaut in die spärlich gefüllte Schüssel, in der nur Mineralfutter und etwas Knusperkram für den Geschmack drin sind. So ist das Leben als Schotte, normalerweise leben die ja von nix und werden vom Hingucken schon dick. Ich bin gespannt ob nochmal so eine Zeit kommt in der er extra braucht und schlaksig aussieht oder ob es das jetzt war. Ein bisschen Höhenwachstum steht ja eigentlich noch aus, lassen wir uns mal überraschen. Auch ob er dann seinen Körper wieder neu erproben und kennenlernen muss.

Aber eins steht fest: auch mit tieferem Schwerpunkt, kräftigerem Hals, längerem Radstand und insgesamt mehr Masse hat er keine Chance gegen Diego. Wenn er den zu viel ärgert, gibt es eine Ansage und Diego hat seine Technik diesbezüglich verfeinert….

Wenn der Ritter übertreibt, beweist Diego kurz seine Überlegenheit. Danach wird freundlich weiter gespielt.

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