Ernst

Die wichtigste Mahlzeit des Tages ist der Clown.

Zumindest für Merlin und er war es auch für Finlay. Immer für einen Spaß zu haben und je lauter ich lache desto besser. Sich was überlegen, bisschen Stimmung in die Bude bringen und im Mittelpunkt stehen.

Duncan frühstückt keine Clowns. Der ist ernst. Und das ist für mich sehr ungewohnt. Es ist etwas, was mich an Diego schon immer ein bisschen irritiert hat, denn der ist auch kein großer Clown. Nur selten und wenn dann meistens nur mit Arnulf. Und mein kleiner Duncan ist eigentlich immer ernst. Konzentriert (manchmal auf mich und die Aufgabe manchmal auf andere Dinge, aber immer konzentriert), immer am erforschen, wie wo was wann funktioniert oder nicht funktioniert, eifrig, motiviert, schnell mal emotional „drüber“. Aber Schabernack und Clownerei? Nein. Wenn ich lache, weiß er wohl, dass ich ihn toll finde, aber es spornt ihn nicht dazu an, auszuprobieren, was man noch so tun könnte. Wenn ich etwas frage, was er noch nicht kann und er weiß nicht Bescheid, kommt der Vorderhuf hoch und er „scharrt“, das ist für mich das Signal, dass ich ihm das besser erklären muss, weil er verzweifelt ist. Er ist nicht der Typ, der dann kreativ ausprobiert. Ein Stück weit wird das sicher trainierbar sein, aber von Natur aus ist er nicht so. Finlay, wenn er etwas nicht verstanden hat, hat entweder gesagt „macht nix, dann bleib ich stehen“ oder er hat seine eigene Lösung angeboten und war gerne mal beleidigt wenn ich die nicht wollte. Wenn das, was er angeboten hat, nicht gut genug für mich war, konnte ich ihm auch direkt mal gestohlen bleiben. Duncan ist es schon wichtig, das richtig zu machen (von kurzen Pubertätsanfällen mal abgesehen). Und meine Meinung scheint ihm niemals egal zu sein.

Finlay hat sich quasi selbst das Apportieren der Gerte beigebracht. Er hatte sie ja eh immer im Maul, es brauchte nur einen kleinen Schubs um ihm zu zeigen, dass er damit auch laufen und sie zu mir bringen kann. Finlay hatte auch sonst immer alles im Maul. Als meine Freundin ihn zum ersten mal traf, hat er ihr zur Begrüßung gleich mal den Kunstpelzkragen von der Jacke abmontiert. Duncan nutzt sein Maul hingegen nur zum kommunizieren, als Aufforderung an mich, einen Keks raus zu rücken oder mit ihm ein Spielchen anzufangen. Gegenstände aus Spaß wahllos ins Maul nehmen ist nicht seins. Wenn er Gegenstände untersucht, dann tendenziell eher mit dem Huf, aber auch das nur selten. Meistens reicht gucken. (Und ausnahmsweise meint er mit „gucken“ in diesen Fällen nicht „anfassen“, diese Regel gilt nur für andere Pferde….)

„Ein junges Pferd zu kaufen ist wie ein Blind Date“ – diesen Satz meiner Freundin finde ich zu schön. Man weiß nie so recht was man kriegt. Und so kauft man immer Eigenschaften mit, die man nicht wissentlich gekauft hätte. Ich hätte bei Finlay damals nicht gedacht, dass er so ein großer Energiesparer ist. Und bei Duncan hätte ich nicht gedacht, dass er so ernst ist. Und wenn man so ein junges Pferd dann hat, dann kann man sich darüber beklagen, dass es nicht so ist, wie man dachte, oder man kann was draus machen. Und die Eigenschaften lieben lernen, die man unwissentlich mit gekauft hat. So gibt es nun also wesentlich weniger Schabernack, weniger lustige Spieleinlagen, weniger kreative Lückenfüllung. Stattdessen gibt es dieses wunderbar konzentrierte, bemühte Pony das so sehr bereit ist, sich von mir führen zu lassen und nachzufragen wie ich es haben möchte. Ein Pony das Freude hat an stiller Harmonie und dem das gemeinsame Erleben völlig ausreicht als Belohnung, weil es so unersättlich neue Eindrücke in sich aufsaugen mag und in jedem neuen Weg, jedem neuen Gegenstand und jedem neuen Erlebnis eine große (und notwendige) Bereicherung seines Lebens sieht. Ein Pony das eine endlos scheinende Konzentrationsspanne mitbringt und nie zu viele Eindrücke haben kann. Faszinierend.

Ich lerne, damit umzugehen, mein Training an das Pony anzupassen, das ich da vor mir habe und mehr und mehr kennenlerne und er lernt, mit meinem inneren Clown umzugehen, denn für mich hat sich nichts geändert, auf meinen Frühstücksteller gehört regelmäßig ein Clown. Mahlzeit!

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