Wasti oder die Kunst mit einem Krokodil spazieren zu gehen

Wasti, wer erinnert sich noch an ihn? Ein kleiner Dackel, den die Witwe Schlotterbeck versehentlich in ein Krokodil verwandelt hat. Nachzulesen im „Räuber Hotzenplotz“. Nun ist Wasti meines Wissens auch als Krokodil sehr freundlich und artig und so ist es auch mit meinem kleinen Wasti (alias Sir Duncan Dhu of Nakel).

Aber die Ähnlichkeit mit einem Krokodil ist eben doch manchmal nicht zu übersehen. Während wir so schön nebeneinander her durch den Wald spazieren, schiebt Duncan nämlich Langeweile und muss sich beschäftigen. Beschäftigung Nummer 1: nach allem haschen was irgendwie essbar anmutet. Das führt aber dazu, dass ich das untersage. Doof. Also folgt prompt Beschäftigung Nummer 2: Nach mir haschen. Und zwar so, wie er es mit seinen Freunden im Spiel tut: mit weit aufgerissenem Maul vorm Gesicht herumfuchteln. Er happst fast nie wirklich zu und wenn dann nur ganz sachte. Insofern hat er wohl mit Wasti gemein, dass er schlimmer aussieht als er ist. Aber lustig geht trotzdem anders. Also gibt es Mecker. Ich versuche, die so zu dosieren dass bei ihm ankommt: ich verstehe, dass Du es nicht böse meinst, aber ich möchte das nicht.

Neulich hat jemand gelacht als ich zu einem Pferd gesagt habe „ich möchte das nicht“. Die meisten Menschen sagen dann eher „das darfst Du nicht“ (in einer mehr oder weniger freundlichen Formulierung). Aber Duncan darf das ja. Nur ICH möchte das nicht. Für seine Freunde scheint es ja ok zu sein. Ich stelle mir das so vor wie ich als Frau sagen würde „ich möchte das nicht“ wenn ein Mann mir zu nah kommt. Da sage ich ja auch nicht „das darfst Du nicht“. Vielleicht ist dieser Mann ja mein guter Freund (so wie Duncan), aber eben nicht mehr. Und wenn er mich küssen möchte, dann haue ich ihm nicht gleich eine runter sondern ich sage „ich möchte das nicht“. Und hoffe, dass die Freundschaft das aushält. Und gehe natürlich davon aus, dass mein Wunsch respektiert wird.

Darum sage ich zu den Pferden auch oft „ich möchte das nicht“. Ich bin überzeugt, dass das, was wir sagen, sich so in unserer Körpersprache widerspiegelt, dass das Pferd die Stimmung darin erkennen kann.

Wenn mein Ritter – alias Wasti – dann beleidigt ist und eine Schnute zieht, muss ich lachen. Er sieht einfach zu lustig aus, wenn er verärgert ist. Er wollte doch nur spielen! Wenn er mich nicht beißen darf, versucht er, seinen Spaziergehkumpel zu beißen. Aber auch das ist beim Spazierengehen nicht erlaubt und ich unterbinde, dass er in den gescheckten Po kneift. Eine Minute später geht er dann wieder zur Lieblingsbeschäftigung Nummer 1 über und sucht nach Fressbarem. Oder er reißt sich so lang zusammen bis ich das magische Wort sage („Keks“) nur um dann wieder mit aufgerissenem Maul herum zu schießen und diesmal zu versuchen, mir den Keks gewaltsam zu entreißen. Dann stellt er fest, dass ich das auch nicht möchte und es dauert so 3-7 Anläufe bis er sich so weit gezügelt hat, dass er den Keks dann auch bekommt.

Als Teenager überrollen einen eben einfach die eigenen Gefühle. Da sind so viele davon und sie sind so übermächtig. Ich erinnere mich nur allzu gut daran. Es ist eine große Aufgabe, zu lernen, damit umzugehen. Und mein kleiner Hengst hat nach all dem Wachsen in den letzten Wochen jetzt plötzlich wieder Kraft im Überfluss und weiß gar nicht wohin damit.

Viele Trainer würden meinen Umgang mit Wasti – alias Sir Duncan – schrecklich finden. Mir sagen, dass er respektlos ist und frech oder übergriffig. Andere würden mir sagen, dass ich viel zu viel Druck mache. Wie man’s macht, man macht’s verkehrt. Oder um es mit dem schönen plattdeutschen Spruch zu sagen „Do wat Du wullt, de Lüüt snackt doch“. Heutzutage ist die Auswahl so groß, die Bandbreite von absoluter Strenge zu laissez-faire ist auch im Bereich der Pferdeausbildung komplett vertreten. Ich versuche, meinen eigenen Mittelweg zu finden – den, der zu mir und zu Duncan passt. Wenn ich das Gefühl habe, das geht so nicht, probiere ich was neues. Aber so lange ich das Gefühl habe, es geht so, bleibe ich dabei.

Und all dieses „in die eigene Kraft kommen“ das er gerade durchlebt, hat auch seine guten Seiten. Heute stand ich im Stall auf einem kleinen Sockel und durfte mein Bein über seinen Rücken legen, und er fand es lustig. Ich durfte einmal hoch hüpfen und für ein Millisekündchen meinen Bauch auf seinem Rücken ablegen und er hat gespürt, dass er mich jetzt tragen und balancieren kann und – viel wichtiger – er schien es gut zu finden. Er hat die Freiheit zu gehen, ich verlange diese Dinge nicht. Es gibt auch keine Kekse dafür – es ist eine freiwillige Nummer, denn ich möchte ganz genau wissen, was er davon hält. Noch vor wenigen Monaten waren das Dinge, die er doof fand – berühren ok aber bitte nichts was mich aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Jetzt bringt ihn nichts mehr so schnell aus dem Gleichgewicht.

Wenn er sich beim Spazierengehen an mich ran drängelt, schicke ich ihn nicht weg, sondern lege meinen Arm über seinen Rücken und stütze mich ab. Inzwischen darf ich das von beiden Seiten. Ich versuche, meinen Arm immer weg zu nehmen bevor er keine Lust mehr hat. Und die Einladungen, mich abzustützen, werden häufiger. Das Gefühl, was dabei zwischen uns entsteht, lässt mich hoffen, dass ich einen guten Weg gefunden habe, mit meinem kleinen Wasti umzugehen.

Wenn er dann wieder das Krokodil macht, packen meine Freundin und ich unseren alten Zungenbrecher aus. Finlay war die schottische Schnappschildkröte. Bei Duncan erweitert sich das. Er ist die schaurig-schöne, Schecken-schmausende, schimmelige schottische Schnappschildkröte. Bitte dreimal schnell hintereinander sagen! So was hält bei Laune, wenn mein kleines Krokodil an meinen Nerven zerrt.

Und eines Tages, da bin ich sicher, wird mein Wasti am Feenkraut schnuppern und wieder zum Ritter Sir Duncan Dhu of Nakel werden.

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