Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 120

Ui, das war vielleicht ein Sonntagsspaziergang! Aber bevor ich Euch davon erzähle, muss ich ein Geständnis ablegen. Ich bin ja Ritter, wie Ihr wisst, und deswegen total furchtlos. Aber ich bin halt noch kein ganzer Ritter, ich bin ja noch in Ausbildung. Und es gibt eben doch noch Momente der Schwäche….

Im Herbst (als ich noch viel kleiner war) haben wir einen Spaziergang gemacht – Diego der Große und ich mit unseren beiden Menschen – und ich wandere so neben meinem Mädchen auf der Straße entlang und dann geht das da den Berg hoch und plötzlich sehe ich, dass es an beiden Seiten ganz tief runter geht und da unten Blechkisten von rechts nach links sausen! Ich wollte mich noch zusammenreißen, wirklich. Aber das war ehrlich angsteinflößend! Ich hab meinem Mädchen gesagt, dass wir zusehen müssen, dass wir hier weg kommen! Sie hat gesagt, wir müssen es irgendwie schaffen, geradeaus da rüber zu gehen ohne dass wir dabei in wilden Galopp fallen. Ich habe mich sooooooo angestrengt und schließlich waren wir drüben auf der anderen Seite. Dann war alles wieder gut – zumindest aus meiner Sicht. Mein Mädchen war fertig mit den Nerven. Sie hat so doll Angst gehabt! Mehr als ich, glaube ich. Dann hat sie sich bei mir entschuldigt. Nochmal und nochmal und nochmal. Sie hat nicht gedacht, dass ich mich so doll fürchte, weil ich mich doch sonst (fast) nie richtig doll fürchte. Ich fand das jetzt nicht so schlimm. Wir haben es ja überlebt, mein Mädchen! Aber sie hat einen Plan geschmiedet. Einen Brücken-Übungsplan. Einen Teil davon haben wir schon erledigt. Aber es gibt noch viel mehr Teile in diesem Plan. Gestern haben wir noch zwei Teile erledigt. Und noch viel mehr erlebt- und das völlig ungeplant. Also das kam so: Wir sind kurz in der Wackelkiste gewesen und dann an einem Platz raus gekommen den ich schon kannte. Aber diesmal sind wir von da aus in die andere Richtung los gelaufen. Gestern war wieder „Glitzertag“. So nennen wir das wenn die Sonne so scheint, dass alles glänzt und glitzert. Das finde ich immer eine Spur unheimlich. Als erstes war da eine Leitplanke die jemand über einen Graben gelegt hat. Das hat so geglitzert! Das haben wir uns kurz angeschaut. Dann kamen wir über einen kleinen Fluss, der hat auch so geglänzt! Der Mann hat dann Stöcke in den Fluss geworfen und ich bin jedes Mal zusammengezuckt wenn der Stock ins Wasser gefallen ist. Aber ich hab auch Kekse bekommen und dann wurde es besser. Dann schön durch den Wald wandern….. alles fein. Als wir aus dem Wald wieder raus kamen war da ein Bauernhof. So was kenne ich. Da sind immer Maschinen und oft auch Krach und so. Aber das war schon eine andere Dimension. Da war das so laut! Ziemlich aufregend. Ich bin aber tapfer vorbei marschiert. Kaum war es nicht mehr laut, habe ich es wiehern gehört – Pferde auf der anderen Seite des Zauns! Ich hab zurück gewiehert aber mehr darf ich nicht machen, sagt mein Mädchen. Nicht hingehen, nicht schnuppern, auch keine Angeberei am Halfter. Na gut. Dann kamen wir an eine Stelle die war ungefähr so romantisch wie die hier. Da durfte ich Gras essen, während die Blechkisten an uns vorbei gesaust sind. Gehört mit zum Übungsplan. Ok wenn Du meinst, mein Mädchen. Dann noch ein Stück weiter und dann waren wir an unserem eigentlichen Ziel. Es war so wie bei dem anderen Spaziergang: man geht die Straße entlang, den Berg hoch und plötzlich sind die Blechkisten rechts und links unter einem!

Die Blechkisten kann man leider auf dem Bild nicht sehen. Aber ich konnte sie sehen – und hören!

Aber diesmal sind wir nicht rüber gegangen. Wir haben uns hingestellt und Blechkisten angeschaut. Diego ist da ja unbeeindruckt. Der ist auch ein gutes Stück weiter gegangen und ich muss sagen ich bewundere ihn sehr für diesen Mut. Mein Mädchen und ich sind ganz am Anfang stehen geblieben. Ich habe meinem Mädchen gesagt, dass ich auch mit ihr da rüber gehe, wenn sie es meint. Wir schaffen das schon! Aber mein Mädchen hat gesagt, das machen wir nicht, da fürchtet sie sich zu doll. Davor dass ich mich fürchte. Ui, kompliziert. Wir haben da also eine Weile herumgestanden und ich durfte Kekse essen und gucken.

Wenn Ihr den Ton aufdreht könnt Ihr die Blechkisten hören!

Und dann haben wir umgedreht. Auf dem Rückweg haben wir eine Abkürzung über den Bauernhof genommen – das war aber auch noch mal spannend. Was da alles rum lag! Uiuiui, schade, dass wir da keinen Müll sammeln konnten, das hätte sich wirklich gelohnt. Dann nochmal über das Wasser, wieder ein paar Stöcke rein werfen – diesmal habe ich nicht gezuckt – an der spannenden Leitplanke vorbei und in die Wackelkiste. Mein Mädchen war kaputt. Ich nicht so, mein Kopf war zwar voll aber nicht überfüllt. Abends kam mein Mädchen zu mir und hat sich schon wieder entschuldigt. Warum? Weil sie so viel Angst hat. Sie sagt, ich würde das ja alles so toll machen und alles richtig machen und es täte ihr leid, dass sie immer so angespannt ist, wenn wir so was üben. Aber dass wir das einfach so lange und so oft üben bis wir es beide können. Sie hat auch gesagt, ich müsste lernen, damit klar zu kommen, dass sie mal „drüber“ ist, denn das wird später auch so sein, wenn wir auf richtige Distanzritte gehen. Sie ist ja immer so viel schneller müde als ich. Sie sagt, sie bringt mir alles so gut bei, dass ich dann später auch klar komme, wenn sie nicht mehr kann und ich auf sie aufpassen muss. Ach Mädchen, das läuft schon. Bin schließlich Ritter! Auf die Damen aufzupassen wurde mir in die Wiege gelegt! Und jetzt auf zu neuen Abenteuern, würde ich sagen!

Euer mutiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Sorgfalt

Jedes Jahr im Sommer, wenn das neue Schuljahr anfing, hatte ich alles ganz ordentlich. Ich wollte es wirklich durchhalten. Schön schreiben, kein Chaos in Heften und Büchern und keine Aufgaben vergessen. Keine Zettelwirtschaft weil das Matheheft nicht da war, keine Knickeohren weil der Ranzen nicht richtig gepackt war.

Aber lang gehalten hat diese Ordnung bei mir nie. Noch heute staune ich über Menschen, die die perfekte Ordnung nicht nur herstellen, sondern dauerhaft halten können.

Wenn ich heute große, berühmte Pferdetrainer sehe, sehe ich oft genau solche Menschen. Die ganz ordentlichen, oft in meinen Augen schon pedantischen. Große Reitmeister, bei denen für ihre Schüler eine Kleiderordnung herrscht oder der Zwang eine gewisse Ausrüstung zu benutzen oder jene bekannte Ausbilderin, die in ihrem Buch schreibt, es sei für sie ein Zeichen des Respekts gegenüber ihrem Pferd, dass sie gut angezogen in den Stall kommt. Die Dame ist sogar perfekt geschminkt bei ihren Pferden – da wundere ich mich, muss ich sagen. Oder ich kichere auch mal…

Den Pferden wird es wohl eher egal sein, was wir anhaben, vermute ich. Der Ritter ergänzt: so lange es Kekstaschen hat.

Und so lange jeder sich das Pferd anschafft was zu ihm passt, ist auch alles gut. Denn manches Pferd braucht diese Pedanterie. Immer gleiche Abläufe, total vorhersehbare Übungsstrukturen, eine kreativitätsfreie Zone, möchte ich sagen. Es gibt Pferde, denen gibt das Sicherheit und die profitieren von so einer Ausbildung. Als ich auf Reitlehrersuche war, hatte ich mir Videos angeschaut von einigen bekannten Trainern. Mir bleibt eine Szene im Gedächtnis in der ein Lehrer seine Schülerin unterrichtet und das Pferd etwas mehr anbietet als gefragt wurde. Das Publikum freut sich und applaudiert, der Lehrer sagt trocken „das nehmen wir nicht an, weil das nicht gefragt wurde“. An dieser Stelle wusste ich, wo ich keinen Unterricht nehmen werde. Ich verstehe den Gedanken dahinter. Wenn ich später jede Bewegung meines Pferdes steuern können möchte, darf es weder weniger noch mehr tun als ich frage. Aber wenn ich so mit Merlin gearbeitet hätte, würden wir wohl noch heute ohne Motivation unterwegs sein. Merlin liebt, wie ich, das Spiel. Das Ausprobieren und das Chaos. Er möchte sich zeigen und hat eine Menge eigene Ideen im Angebot. Es ist das, was ihm immer die Herzen der Zuschauer geöffnet hat, wenn wir auf einem Kurs waren. Und noch heute ist er bereit, sein Bestes für mich zu geben, damit ich lache und mich freue, und sein Bestes darf dann auch mal verrückt sein. Wenn er mich ansteigt, landet, nach vorn auf mich zu springt und wieder steigt sage ich oft „das darfst auch nur Du“. Wir kennen uns halt seit 20 Jahren, ich vertraue ihm total, weil ich weiß, was geht und was nicht. Und Merlin, der dieses Jahr stolze 28 Jahre alt wird, hat Narrenfreiheit bei mir.

Ausbilder, die mein Pony nicht verspielt sehen wollen, die ihm keine Kreativität gönnen und solche, die ihn nicht so loben wie er es gern mag (er möchte zum Reitlehrer hingehen dürfen und hören, dass er das allerbeste Pony der Welt ist), sind für mich mit Merlin tabu. Ich habe hervorragenden Unterricht genossen und kann mich doch nicht überwinden, wieder hin zu fahren aus eben jenen Gründen. Reitlehrer, die Pferde wie kleine Ballettschüler behandeln, sind nichts für mich. Sie sind nicht schlecht, das will ich damit nicht sagen. Und es ist grundsätzlich ja gut, wenn es Regeln gibt, an die sich alle halten. Aber ich brauche auch eine spielerische Stimmung.

Und jetzt kommt Duncan. Er ist 26 Jahre jünger als Merlin und wir kennen uns noch nicht einmal ein Zehntel der Zeit. Außerdem ist er Hengst und wird es hoffentlich bleiben. Er ist wahnsinnig sensibel – ganz im Gegensatz zu Merlin und Finlay – aber auch wahnsinnig schlau. In den eineinhalb Jahren die wir jetzt miteinander verbracht haben, war ich sehr beständig. Ich habe mit hoher Konzentration und sehr klaren Regeln gearbeitet. Ich versuche, immer alles gleich zu machen, um die Dinge, die wir jetzt tun, als gute Gewohnheiten für immer zu fixieren. Aber jetzt, wo wir uns besser kennen, fängt es an. Ich merke, wie sich bei mir kleine Nachlässigkeiten einschleichen. Er schaut nicht mehr immer weg, bevor es den Keks gibt. Ich habe wohl ein paar Mal den Keks verdächtig nah an der Tasche gefüttert und das macht sich sofort bemerkbar. Nach dem Spaziergang neulich hatten Arnulf und ich ein Gespräch, in dem er mich erinnert hat, dass da noch 200kg Masse, ein paar Zentimeter Größe und eine Menge Hormone dazukommen werden und dass ich das mit einrechnen darf, wenn es um Duncans Erziehung geht. Spielen und kreativ sein und endlose Freiräume gestatten ist noch nicht drin. Die Kröte muss ich jetzt wohl schlucken, auch wenn es mich nervt. Ihn nervt es übrigens offensichtlich nicht.

Ehrlich gesagt ist das für mich einer der größten Gemeinheiten: mit Finlay war ich nun gerade raus aus dieser Anfangs-Phase. Er war alt genug, ich konnte mich auf die Grunderziehung verlassen, auch die Pubertät war endgültig durch. Wir konnten Spaß haben und mussten nicht mehr pedantisch Erbsen zählen. Die Regeln waren klar und alles war gut. Und nun fange ich von vorne an. Muss wieder – entgegen meiner eigentlichen Natur – das spielerische Element verschieben. Denn ich weiß: wenn ich Duncan jetzt zu sehr für kreative Gegenvorschläge belohne, wenn ich zu sehr darüber lache, dass er Quatsch macht, wenn ich zu oft nicht darauf bestehe, dass er es GANZ richtig macht, dann haben wir nachher die doppelte und dreifache Arbeit. Ich habe mir schließlich ein Jungpferd gekauft um nicht die Fehler anderer Leute ausbaden zu müssen. Vielleicht kann ich es mir verkneifen, sehenden Auges selbst Fehler zu machen, zusätzlich zu den unvermeidlichen Fehlern, die ich sowieso machen werde ohne es zu merken.

Zum Glück haben wir hier ja die großartigste Herde der Welt. Und ich beobachte, wie Gatsby und Diego ihr Verhalten gegenüber Duncan ändern. Sie spielen mehr offensiv mit ihm, vorher war es oft so, dass sie ihm eher erlaubt haben, sich an ihnen abzuarbeiten, während ihre Reaktionen eher mäßig energiegeladen waren. Jetzt schicken sie ihn auch mal los, beißen sich mal in ihm fest und schieben ihn spielerisch durch die Gegend. Diego – so scheint mir (ich muss das noch abschließend beobachten)- bricht neuerdings das Spiel ab, wenn Duncan ihn zu penetrant in den Po kneift. Es ist einfach nicht mehr alles gestattet. Und Duncan hat höchsten Respekt vor beiden – Gatsby und Diego. Trotzdem erlaubt er sich manche Dreistigkeit, ist Diego neulich von hinten auf den Rücken gehüpft und lief dann auf den Hinterbeinen hinter ihm her, während Diego wütend versuchte ihn loszuwerden. Er kann jetzt eben schon mal ein echter Rotzlöffel sein!

Mir gegenüber sind die Dreistigkeiten (noch?) sehr klein. Kein Vergleich zu Finlay. Aber wir hatten nun schon wieder zwei Situationen in denen er mich gereizt hat, bis ich deutlich reagiert habe. Beide Male schien er danach sehr zufrieden und alles war fein zwischen uns – nicht so wie bei der Besen-Situation. Und ich glaube, herausgefunden zu haben, woran das liegt. Wenn es mit Diego im Spiel etwas zu heftig zuging, zeigen beide danach Beschwichtigungsverhalten. Da wird gegähnt und am Boden geschnüffelt und dann nach einer Minute oder zwei geht es in die nächste Spielrunde, in der man dann vielleicht etwas vorsichtiger ist. „War nur Spaß und wir sind Freunde“ diese Bestätigung ist anscheinend zwischendurch wichtig. Nun ist es natürlich von meiner Seite nicht als Spaß gemeint, wenn ich Duncan – nachdem er zum zehnten Mal nicht stehenbleiben sondern lieber Krümel vom Hof saugen möchte – eine Ansage mache. Aber die Tatsache, dass ich danach da bin und ihm die Chance gebe, es richtig zu machen und dafür einen Keks zu bekommen, richtet die Sache dann wieder. Sollte eine neue „Besen-Situation“ auftreten wird das also meine Taktik sein.

Und ansonsten nehme ich mich zusammen und übe mich in etwas spießiger Pedanterie, bis mein Pony aus dem Gröbsten raus ist. Sind ja nur noch ein paar Jahre… (vielleicht habe ich wieder Glück, Finlay war schon mit 4 Jahren aus dem Gröbsten raus. Danach verlief die Pubertät ziemlich milde. Aber man weiß ja nie…). Und wenn ich keine Lust habe, wird mich jemand daran erinnern, dass mein Pony noch 200kg mehr und ein paar Hormone aufbauen wird. Die Vorstellung einen unerzogenen 500kg – Hengst an der Hand (oder vor der Kutsche) zu haben wird mich dann mehr motivieren als jeder schön gepackte Ranzen und jedes ordentlich geführte Schulheft es je konnte…..

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 119

Dienstags sind wir ja immer meinem Spaziergehkumpel und seinem Mädchen verabredet. Aber weil mein Mädchen so stur ist und nicht im Dunkeln spazierengehen mag, waren wir seit Ende November nicht mehr zusammen draußen unterwegs. Aber jetzt! Jetzt ist es wieder länger hell und also war gestern gleich noch mal Saisonstart – nämlich die Saison in der wir mit dem Spaziergehkumpel wegfahren und spazieren gehen!

Endlich wieder mit dem Spaziergehkumpel in der Wackelkiste losziehen! Wir haben uns soooo gefreut!

Aber was soll ich Euch sagen – in den paar Wochen die wir jetzt nicht zusammen unterwegs waren ist mein Spaziergehkumpel noch erwachsener geworden! Der kann jetzt echt tolle Sachen, nämlich an einer Bank einparken, sein Mädchen aufsteigen lassen (dann einen Keks kassieren – hab ich genau beobachtet!) und dann trägt er sie! Einfach so, ganz allein, ohne dass jemand den Führstrick halten muss! Ich meine: ich weiß ja, dass Merlin und Diego das können. Aber ich war ehrlich gesagt nicht sicher, ob mein Spaziergehkumpel das schafft. Erinnert Ihr Euch noch an seine ersten Versuche? Na jetzt hat er anscheinend geschnallt wie das geht und sein Mädchen war soooooo stolz auf ihn! Mein Mädchen war auch sehr beeindruckt.

So was erwachsenes kann der jetzt! Da staune ich aber!

Wir sind schön flott marschiert und unsere Mädchen haben getan was sie dann immer tun: geträumt. Zum Beispiel davon, dass sie uns zweispännig fahren könnten. Also wir würden das lustig finden! Dann wäre mein Spaziergehkumpel nicht mehr mein Spaziergehkumpel sondern mein Kutschziehkumpel! Und dann stecken wir die Köpfe zusammen und es geht los – huiiiiii!

Sie haben sich aber auch noch über andere Sachen unterhalten. Zum Beispiel über mich. Der Mann hat am Sonntag nach dem Saisonstart mit meinem Mädchen geredet und gesagt sie muss ein bisschen aufpassen weil ich gerade in der Pubertät bin. Diego und Gatsby sagen das auch. Und deswegen soll sie ein bisschen mehr auf Anstand und Benehmen bestehen wenn sie mit mir spazieren geht. Sonst besteht sie ja auch immer drauf, nur beim Spazierengehen vergisst sie es manchmal, weil sie so entzückt ist von der Landschaft und ihrem süßen Pony (das bin ich!). Also hat sie mich gestern „bei Fuß“ gehen lassen. Nix schnüffeln, nix zum Gras ziehen, nix vortraben. Aber ehrlich, so lange sie flinke Füße macht und mein Tempo hält, ist das völlig ok. Quatsch machen hatte ich vorher mit Diego erledigt.

So, also jetzt bin ich jedenfalls glücklich: zwei Spaziergänge in drei Tagen ist ein guter Start. Wenn wir das jetzt immer ein bisschen steigern ist mein Mädchen bald fit wie ein Turnschuh und ich bin dann auch nicht mehr so schlimm in der Pubertät – versprochen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 118

Saisonstaaaaaaaaaaaart!

Endlich ist das ganze Eis und der Schnee weg und wir können wieder mit der Wackelkiste in den Wald – juhuuuuuu!

Vorher haben wir noch – das macht man beim Saisonstart so – unser Equipment aufgefrischt. Mein Mädchen hat sich eine neue Trinkflasche gekauft, die natürlich – ratet mal! – ich tragen muss. Egal, denn ich habe jetzt Schuhe! Schaut nur!

Sind die schick oder was?

Mein Mädchen möchte sichergehen, dass mir die Füße nicht wehtun wenn wir über Schotter laufen. Deswegen hat sie mir diese schicken Treter gekauft! Auf Zuwachs – sie hat überall ausgepolstert, damit sie halten. Aber dazu später mehr.

Wir sind also in die Wackelkiste gestiegen, Diego der Große und ich, und dann sind wir im Wald wieder ausgestiegen. Ich hab mich sooooooooo doll gefreut! Mein Mädchen hat gesagt ich würde lächeln – so ein Quatsch, ich hab über alle Backen gestrahlt! Und los ging es durch den Sonnenschein – das war ganz schön warm und schon nach kurzer Zeit haben die Menschen angefangen, sich auszuziehen. Und wer hat die Pullover und Westen getragen? Der edle Ritter (das bin ich). Wir Ponys können uns ja nicht so schnell ausziehen, wir haben also geschwitzt. Aber das konnte mir nun so gar nicht die Laune verderben.

Wochenend und Sonnenschein….

Ich wollte immer traben – los, Mädchen, lauf! Und tatsächlich ist sie irgendwann auch ein Stück mit mir getrabt. Aber ach – die Schuhe sind eben doch noch zu sehr auf Zuwachs gekauft! Im Schritt haben sie ja gut gehalten und sie waren auch angenehm zu tragen, aber im Trab ist der eine sofort abgeflogen. Also hat mein Mädchen mir die Schuhe ausgezogen und ich habe sie statt an den Füßen am Rücken getragen.

Eigentlich trägt man Schuhe ja an den Füßen!

Dann sind wir wieder zusammen getrabt. Aber sie ist so langsam! Und kaum waren wir einigermaßen im Tritt, hat sie schlapp gemacht und ich musste wieder Schritt gehen. Och menno. Sie hat dann gehechelt und geschnauft und gekeucht aber nach einer Weile ging es wieder und wir sind noch ein Stück getrabt. Dann wieder Hechelpause und noch ein Stück Trab. Na besser als gar nichts! Als sie dann völlig kaputt war, hat sie sich von Diego dem Großen tragen lassen und ich bin mit dem Mann zusammen gegangen. Das ist anders als mit dem Mädchen aber ich mag ihn auch. Er ist auch noch ein kleines Stück mit mir getrabt. Dann waren wir wieder an der Wackelkiste und der Ausflug war zu Ende. Schade, es war so schön! Aber jetzt ist ja Saison, also können wir das wieder viel öfter machen. Und wenn mein Mädchen fleißig trainiert, kann sie vielleicht auch länger mit mir traben. Ich werde mir jedenfalls Mühe geben, sie zu motivieren!

Jetzt muss sie mir aber erst mal kleinere Schuhe kaufen, damit ich dann auch mit Schuhen traben kann. Denn eins muss ich sagen: das mit den Tretern ist wirklich ganz angenehm auf dem Schotter .

Gut dass Diego groß genug ist um müde Menschen zu tragen. Ich geh derweil mit dem Mann, der ist auch nett.

Heute abend habe ich dann noch eine Runde mit Gatsby getobt. Es war so lange rutschig und eisig und verschneit, da hatten wir etwas nachzuholen! Haben mal so richtig Gas gegeben, sind hier herum gerannt so schnell wir konnten! Nachher waren wir ganz zufrieden mit uns und der Welt.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Reparatur

Die Sache mit dem Besen hängt uns nach. Duncan ist sauer, auch zwei Tage später noch. Er hält sich fern von mir, begegnet mir zurückhaltend, lässt aber durchblicken, dass das nicht (nur) Angst ist, sondern durchaus auch Wut. Ich bin etwas erschrocken, so hat überhaupt noch kein Pony auf so einen kleinen Streit reagiert. Ich möchte das in Ordnung bringen und mache Freedom Based Training. Aber ich scheine etwas falsch zu machen, Duncan wird nur immer wütender. Ich versuche verschiedene Varianten, finde schließlich einen Punkt an dem ich aufhören kann und gehe nachdenklich ins Bett. Am nächsten Morgen höre ich im Radio den Rest einer Sendung. Klagezeit – ein Projekt dass die Kirchen in Leipzig sich ausgedacht haben. Und es fällt der entscheidende Satz „klagen, ohne gleich getröstet zu werden“. Ich denke: ja, darum geht es. Ich habe das zum ersten Mal nach Finlays Tod erfahren – wie schlimm es sein kann, wenn Menschen einen trösten wollen. Die Menschen um einen herum wollen einen reparieren. Manche konnten meinen Schmerz nicht ertragen und wollten ihn „wegtrösten“. Ich sollte wieder so sein wie zuvor, fröhlich und unbeschwert. Sonst ist das ja mit mir nicht auszuhalten. Aber ich konnte und wollte nicht so sein wie zuvor. Ich wollte meine Trauer gesehen wissen, wollte, dass man akzeptiert, dass ich irreparabel verändert bin dadurch und dass ich jetzt so bin wie ich jetzt bin. Ich wollte geliebt werden, so wie ich bin und nicht mehr oder weniger unterschwellig zu hören bekommen, dass ich jetzt „falsch“ bin – wo ich doch allen Grund hatte, traurig und auch wütend zu sein.

Nun also Duncan, mit seiner Wut, ein bisschen vielleicht auch Angst, auf jeden Fall große Unsicherheit, wie er mir jetzt begegnen soll. Eine große Reaktion auf ein scheinbar kleines Ereignis. Da scheint ein sehr, sehr zartes Seelchen in meinem wilden kleinen Hengst zu wohnen und ich habe noch zu lernen, wie ich damit umgehen kann. Bestimmt kommt da auch eins zum anderen: Wachstum und Pubertät, allgemein erhöhter Stresslevel wegen des Wetters. All das habe ich ihm in der gemeinsamen Arbeit überhaupt nicht angemerkt. Aber jetzt, wo etwas schiefgelaufen ist, da ist alles durcheinander gepurzelt. Und mir dämmert: ich kann das nicht mal eben schnell reparieren. Es ist nicht an mir, das zu reparieren. Mein Job ist, da zu sein und auszuhalten. Präsent zu sein, ohne Anspruch. Und zwar WIRKLICH ohne Anspruch. Denn selbst wenn ich Freedom Based Training gemacht habe, hatte ich bisher immer einen Anspruch. Ich habe immer irgendwas geübt. Und mein Pony sollte sich „gefälligst“ besser fühlen, dafür mache ich das schließlich. Hm.

Hier ist wohl meine zweite Duncan-Lektion: manchmal muss ich es aushalten wie es ist. Und trotzdem da sein, nicht weglaufen. Der Fehler, den die Menschen mit mir gemacht haben nach Finlays Tod, den habe ich jetzt mit Duncan gemacht. Weil ich ganz klar unterschätzt habe, was die Besen-Nummer mit ihm gemacht hat. Ich dachte, ich könnte hingehen und sagen „Entschuldigung, da hab ich mich im Ton vergriffen, war etwas gestresst“. Und ich dachte, er würde antworten „naja, passiert mir ja auch manchmal, passt schon“. Aber dass er in seinen Grundfesten erschüttert ist, das war mir nicht klar. Das einzige andere Mal, dass wir uns wirklich gestritten haben, war anders. Da hat er es wieder und wieder darauf angelegt. Dann haben wir gestritten, direkt danach haben wir die Situation geklärt und gut war’s. Diesmal ging alles so schnell. Er hat einen kleinen Schabernack gemacht und ich habe heftig reagiert weil ich das Gefühl hatte, es sei nötig, um zu verhindern, dass das totale Chaos ausbricht. Danach habe ich ihn damit stehenlassen – ganz bewusst, weil ich wollte, dass er mitkriegt, dass ich das doof fand. Und anscheinend war das eine viel zu harte Strafe.

Zum Glück ist ja wunderschönes Wetter. Also habe ich Zeit mit ihm verbracht im Paddock. Und beschlossen, erst dann wieder etwas mit ihm zu machen, wenn er anmeldet, dass er das möchte. Und langsam nähern wir uns wieder an. Noch vorsichtig und mit vielen Nachfragen. Und ich sinniere derweil über mein Pony, darüber, wie anders er ist als mein Finlay. Finlay hätte das alles lustig gefunden. Nach spätestens einer Woche hätte er sich einen neuen Schabernack überlegt. Und meine Wut hätte ihn prächtig amüsiert -mich wütend machen war eins seiner liebsten Hobbys. So unterschiedlich sind sie, meine Ponys. Ein Pony mit dem ich nicht streiten kann, wird für mich eine Herausforderung. Andererseits macht Duncans Harmoniebedürfnis mir Mut, dass er wirklich als Hengst unter Wallachen wird leben können. Er mag keinen Streit und so wird er hoffentlich auch keinen anzetteln, Hormone hin, Hormone her.

Und noch etwas geht mir durch den Kopf. Freedom Based Training unterstützt das Pferd darin, sich selbst zu regulieren. Selbst mit den eigenen Gefühlen und dem eigenen Stress klar zu kommen. Das ist Teil des Erwachsen-werdens. Wenn ich Duncan sagen würde: „komm, mach mal das“ würde er es sicher tun. Aber sich allein regulieren und wissen was zu tun ist, das kann er noch nicht. Da ist er eben doch noch ein Kind. Und ich glaube, nach der Besen-Geschichte war für ihn einer dieser Tage, an denen Kinder wütend gegen die Wand treten und unbedingt jemanden anbrüllen müssen. Einer dieser Tage, an denen sie gar nicht wissen, wohin mit dem ganzen Weltschmerz. Ich erinnere mich sehr gut an meine eigene Gefühlswelt früher. Und für diesen Weltschmerz gibt es keinen Trost. Keine Mutter kann den Weltschmerz wegpusten wie ein aufgeschürftes Knie. Es gilt, ihn auszuhalten, denn es gibt nichts dagegen zu tun. Was hilft, ist, wenn jemand anders ihn mit uns aushält, den Schmerz. Einfach so. Und da habe ich wieder was gelernt – von all jenen, die meinen Schmerz über Finlays Tod mit mir ausgehalten haben und jetzt von meinem verletzten, wütenden Pony.

Zwei Tage später kommt Duncan wieder zu mir. Es scheint wieder ok zu sein. Noch etwas zurückhaltender als sonst, aber er möchte gern wieder etwas unternehmen. Unsere Freiarbeit im Roundpen macht er großartig und bleibt auch danach noch bei mir. Ich darf ihn wieder anfassen und mit ihm zusammen herumstehen, alles gut.

Aber es geht ihm nicht gut, das kann ich merken. Seine Zähne nerven ihn unglaublich, so mancher Keks wird zur Herausforderung und wird hin und her geschoben bis er ihn schließlich zerbissen bekommt. Anscheinend sind nicht nur Schneidezähne im Wechsel…. In der Herde verhält er sich unstet, hat öfter mal Ärger mit Diego oder Gatsby und muss manchmal ohne Anlass irgendjemandem auf die Nerven gehen – ein paar Sekunden, bis der andere sagt, er soll es lassen, dann geht es wieder. Ich denke wieder an Elsa Sinclair: die zwei Dinge, die gegen Stress helfen sind Bewegung oder Grenzen. Bewegung ist schwierig, spazieren gehen fällt weiterhin dem Eis zum Opfer und auch im Paddock ist der Boden nicht so, dass man endlos spielen könnte. Also sucht er sich Grenzen, an denen er sich quasi die Nase stoßen kann, weil er nicht weiß, wohin mit seinem persönlichen Stress.

Ich hatte schon geahnt, dass dieses Jahr schwierig wird. Finlay ging es ganz genauso zwischen dem 2. und dem 3. Geburtstag. Erwachsenwerden ist kein Kinderspiel…. und ich bin froh, dass ich Duncan nun schon so „lange“ kenne, dass ich vor dem Einsetzen von Zahnwechsel und erster Pubertät schon den Grundcharakter meines Ponys erahnen konnte. Daran halte ich mich fest, wenn er wieder unberechenbar, wütend und maulig ist. Da müssen wir jetzt beide durch und es gibt nichts zu reparieren – nur gemeinsam auszuhalten.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 117

Menschen muss man sich ja selbst ausbilden. Meine 4 Kumpels hier haben darin ja schon viel Erfahrung, ich hingegen musste ganz unten anfangen als ich vor 1,5 Jahren hier eingezogen bin. Aber ich mache gute Fortschritte! Die anderen geben mir immer mal Tipps. Hartnäckig muss man sein als Pony, aber auch sehr geduldig. Menschen lernen langsam, aber es nützt nichts, sich darüber aufzuregen. Man muss sie für die kleinsten Fortschritte loben, und auch wenn es mal nicht so läuft, immer freundlich bleiben. Aufdringlich sein kann helfen, aber auch dabei sollte man stets bedenken, dass Menschen keine Ponys sind. Sie sind sehr empfindsam, das darf man nie vergessen! Einen freundschaftlichen Knuff nehmen sie schnell krumm, das sollte man sich lieber verkneifen.

Mein Mädchen und der Mann haben nun schon einiges verstanden, vor allem wenn es um den Essenservice geht. Zum Beispiel morgens, wenn der Mann mit dem Frühstück kommt. Manchmal schlafe ich dann noch. Inzwischen konnte ich ihn dahingehend erziehen, dass er mir dann mein Heu bringt, damit ich nicht erst aufstehen muss. Klappt prima, braaaaaaaaaver Mann!

Frühstück ans Bett

Oder neulich als die Sonne so schön schien. Mein Mädchen hat Heu im Stall serviert – hallo? Wieso sollen wir da drin im dunkeln und kalten stehen wenn draußen die Sonne scheint? Nein, nein, mein Mädchen. Ich bin einfach draußen stehen geblieben. Und sie hat verstanden und mir draußen Heu hingelegt. Siehst Du, mein Mädchen, so geht das! Gut gemacht!

Doch nicht da drin, mein Mädchen!
Hier draußen ist doch viel schöner, siehst Du? Fein gemacht!

Heute allerdings hat es wirklich lang gedauert bis ich Erfolg hatte. Das war so: sie hat uns Heu hingelegt. Und Merlin durfte eine Schüssel haben – direkt vor der Stalltür. Mein Mädchen fing dann an, den Stall zu fegen. Die anderen haben sich mit dem Heu begnügt. Aber ich fand das nicht richtig! Ich hatte doch auch noch keine Schüssel gehabt! Also habe ich mich an die Stalltür gestellt. Das Heu hab ich ignoriert. Und dann hab ich immer mein Mädchen angeschaut, bis sie mich angeschaut hat. Und wenn sie dann zu mir geguckt hat, habe ich demonstrativ zu Merlin geschaut. Und mich dann wieder zum Mädchen umgedreht. Sie hat immer gekichert und dann weiter den Stall gefegt. Mädchen! Hör doch mal zu! Ich versuche Dir etwas zu erklären! Wieder nur Gekicher. Das hat ganz schön gedauert! Sie hat wirklich erst den ganzen Stall gefegt, bis sie endlich geschnallt hat, was zu tun ist. Das war bestimmt die am härtesten erarbeitete Schüssel meines Lebens! Aber hey, ich hab mich durchgesetzt!

Euer Menschenausbilder Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 116

Mein Mädchen und ich haben uns wieder ausgesöhnt. Sie hat viel nachgedacht über uns und ich hab auch nachgedacht. Am Freitag hat sie auch ausgiebig mit mir rumgestanden. Heute haben wir dann zusammen im Roundpen geübt, in der Sonne. Ich kann schon ganz schön viel! Wenn sie „voran“ sagt, gehe ich los, und zwar in die Richtung in die sie zeigt. Sagt sie „Trab“, trabe ich an. Sagt sie „Scheeeeeeritt“ gehe ich wieder Schritt. Sagt sie „hoooo“ halte ich an. Und wenn sie „Duncan Dhuuuuu“ ruft laufe ich zu ihr. Da allerwichtigste ist aber, dass ich nie verpassen darf wenn sie „Keks“ sagt, denn dann gibt es was leckeres! Achso  und wenn sie „raus“ sagt, soll ich den Kreis größer machen. Zwischendurch üben wir jetzt auch immer „warte“ das haben wir sonst im Roundpen nie gemacht und ich war anfangs irritiert. Aber mein Mädchen sagt, warten ist immer gleich: kein Huf darf sich bewegen. Wann und wo und wie auch immer sie das sagt. Und es ist auch egal was sie dann macht, ich muss stillstehen. Achso.

Jetzt üben wir was neues. Es stellt sich heraus, dass „voran“ nicht nur bedeutet, dass ich aus dem Stand losgehen soll, sondern ich soll auch schneller werden wenn sie das sagt. Das geht im Schritt und im Trab. Im Trab finde ich es noch kompliziert. Im Schritt kann ich das schon. Da vertu ich mich nur manchmal noch und trabe dann aus Versehen an, aber das soll ich nicht. „Voran“ heißt nämlich, dass ich in der selben Gangart bleiben soll aber schneller werden. Aha.

Nachdem ich alles großartig fein und super gemacht hatte, ist der Mann mit Diego dem Großen in den Roundpen gegangen. Mein Mädchen und ich standen draußen und haben zugeschaut. Das war schön, sie hat mir ihre Hand auf den Po gelegt und wir haben einfach da so in der Sonne gestanden und geschaut. Ich hab alles genau beobachtet.

Zuschauen wenn andere arbeiten ist auch echt was feines. Ich schau immer genau hin, will ja wissen wie das geht!

Aber das allerwichtigste kommt jetzt: es gibt einen neuen Strich an der Wand!

Ich halte den Zollstock, während der Mann den neuen Strich an die Wand malt
Da! Der neue Strich!! Ich bin der Ziellinie schon sehr viel näher gekommen, seht nur wie weit unten der erste Strich ist (das ist der dicke)!

Seit August gab es keinen neuen Strich mehr. Weil ich nicht gewachsen bin! Aber jetzt, jetzt ist da ein neuer Strich! Ich bin jetzt 138cm groß – vorne und hinten! Jetzt muss ich nur noch 6cm schaffen, damit ich genauso groß bin wie Papa! Das kriege ich bestimmt noch hin. Mein Mädchen sagt aber, ein paar Zentimeter weniger ist auch nicht schlimm, weil ich ja noch sehr viel mehr an Breite gewinne. Ich hab schon ganz schön viel Breite geschafft, also eigentlich ist es gelogen, dass ich seit August nicht gewachsen wäre. Nur halt nicht in die Höhe. Eigentlich sollten die Menschen auch die Breite messen, finde ich. Aber das ist ihnen zu kompliziert. 

So nun werde ich den Sonn(en)tag genießen, denn bald soll es wieder warm und grau und nass werden. Dann wird es wirklich Zeit, den Pelz auszudünnen, das werde ich jetzt vorbereiten.

Euer großer Sir Duncan Dhu of Nakel

Höhen und Tiefen

Der Groschen ist gefallen. Duncan stapft vor mir her über den verschneiten Reitplatz und obwohl Arnulf und meine Freundin auch da sind, hört er auf das was ich sage (meistens) und lässt sich lenken. Es gibt viele Momente, in denen es einfach „läuft“ im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin wahnsinnig stolz auf ihn und als wir Feierabend machen, könnte ich ihm die stinkigen kleinen Hüfchen küssen, so gut hat er das gemacht. (Naja, ich konnte mich dann doch noch beherrschen).

Eine Stunde später haben wir Streit. Weil Sir Duncan meint, er darf eben doch durchs Stalltor huschen, obwohl ich nein gesagt habe. Er lässt sich nicht zurückbewegen und so greife ich spontan nach dem Besen und verscheuche ihn. Nun ist die Stimmung mies.

Von Finlay kenne ich es so: wir haben einen großen Durchbruch, einen Tag an dem alles 100% ig läuft, so einen an dem ich platze vor Stolz und Freude und ich gar nicht weiß wohin mit mir. Und ich weiß schon: morgen ist der unerträglich. So war Finlay in der Pubertät. Wenn ich ihn gefeiert hatte, ihm erzählt hatte, wie toll er das gemacht hat, was für ein großartiges Pony er ist, dann war er am nächsten Tag ein aufgeblasener Gockel, meinte, er könnte alles, wusste alles besser und ist mir auf die Nerven gegangen. Hat ein paar Jahre gedauert, bis sich das verwachsen hatte.

Bei Duncan scheint es ähnlich zu sein und doch ist es anders. Denn die Nummer mit dem Besen, die hat er entweder ihn entweder sehr beeindruckt oder er hat es mir krumm genommen, das weiß noch nicht. Er ist jedenfalls distanziert, kommt nicht mehr dauernd an, ist etwas unsicher, wie er sich verhalten soll.

Das mit dem Besen, das war eigentlich so eine Finlay-Nummer. Der hätte sich noch kaputt gelacht über den Besen. Duncan – keine Ahnung. Hat er sich erschreckt über meine Wut? Ich weiß es nicht. Er wusste ganz genau, dass er nicht durch das Tor darf und hat sich gezielt hinter mir durch geschlichen. Ich bin sicher, dass ihm klar war, was er da tut. Die Konsequenz hat ihm aber nicht gefallen. War das ein Testlauf – wie er ihn bei den anderen Ponys zur Zeit manchmal startet – was eigentlich passiert, wenn man Regeln bricht? Ist er erschrocken wegen meiner Reaktion oder eher beleidigt? Er benimmt sich mir gegenüber ungefähr so, wie ich ihn gegenüber Gatsby beobachtet habe vor ein oder zwei Wochen. Ich weiß nicht, was da los war, aber plötzlich schien er etwas Angst vor Gatsby zu haben. Nach ein paar Tagen war das wieder gut. Ich nehme an, dass das kleine Pubertier über die Stränge geschlagen hatte und sich eine Abmahnung eingefangen hat. Anders kann ich es mir nicht erklären.

War ich nun zu doll? Oder war das genau richtig, weil er den Dämpfer brauchte? Das sind Dinge, die ich bei Finlay in dem Alter längst wusste. Weil er es schon so oft versucht hatte. Finlay hat ja schon vor seinem ersten Geburtstag angefangen, Grenzen in Frage zu stellen und auszuprobieren, wie weit er gehen kann. Später ist er dann immer genau an dieser Grenze entlang balanciert und hat mich damit immer mal zur Weißglut gebracht. Aber mein harmoniebedürftiger Duncan hat das so noch nie getan. Doch, einmal, als er meinte, er muss auf dem Hof nicht stillstehen. Da hat er meinen Rüffel allerdings lange nicht so ernst genommen wie jetzt. Vielleicht, weil ich nach dem Rüffel noch Frieden mit ihm geschlossen hatte und ihm nochmal ganz genau gezeigt habe, wie es richtig geht? Nach der Besen-Nummer bin ich gegangen. Ich habe bewusst Abstand gesucht, ich fand sein Verhalten so dreist, dass ich der Meinung war, es sei nicht mein Job, den Frieden wieder herzustellen.

Tja, nun ist die Stimmung im Eimer. Auch das muss ich wohl mal aushalten können. Denn streiten zu können und sich dann wieder zu versöhnen gehört ja auch dazu. Und die Tatsache dass wir bisher noch keinen ernsten Streit hatten heißt ja nicht, dass nie einer kommt. Es gehört zum Kennenlernen, zu wissen wie der andere reagiert, wenn Dinge so gar nicht laufen. Zu wissen, wie ich dann reagieren kann. Immer nur Friede, Freude, Eierkuchen, das gibt es nur in den social media.

Wenn ich jetzt überlege, was zu tun ist und frustriert bin, weil ich noch nicht weiß, wie ich mit der Situation umgehe, dann schaue ich mir zwischendurch das Video von kurz vorher an und denke daran, wie weit wir schon gekommen sind. Wie toll mein kleines Pony das alles macht. Und wie viele Situationen wir schon gemeinsam gemeistert haben. Und mit diesem Gefühl kann ich zu ihm gehen und ausprobieren, wie ich nun die Wogen wieder glätten kann.

So ein tolles Pony

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 115

Hallo, mein Mädchen, schön Dich zu sehen! Kann ich einen Keks bekommen?

Jetzt nicht, jetzt bekommst Du erst mal Ekelpaste.

Schon wieder Ekelpaste? Warum?

Weil Du schon wieder Würmer hast.

Wieso eigentlich immer ich und die anderen nie?

Weil Du noch….

lass mich raten: ich bin zu klein!

Ja. Dein Körper muss erst lernen mit den Würmern fertig zu werden. Bis er das kann, helfen wir Dir, die Viecher im Griff zu behalten. Sonst nützt ja das ganze gute Futter nix, was ich Dir gebe, wenn es dann die Würmer wegfressen!

Was, die fressen mein Futter weg?

Genau.

Na dann aber mal schnell her mit der Paste! Wiefo klebt die blof fo blöde? Ift ja voll eklig!

Damit Du die nicht wieder ausspuckst.

Würde ich doch nie machen! Kekf?

Ja jetzt kriegst Du einen. Weil Du so tapfer warst.

Ah, schon besser, danke. Sind die Würmer jetzt weg?

Na ganz so schnell geht es nicht, aber in ein paar Tagen. Und in zwei Wochen muss ich dann nochmal Deine Hinterlassenschaften einschicken, damit wir kontrollieren können ob die Würmer weg sind.

Ok! Ich will mein Futter nämlich für mich haben!

Euer fast schon wurmfreier Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 114

Eis, überall Eis! Vor allem in unserer Badewanne. Also, ich meine die Badewanne aus der wir trinken (sollen). Ständig friert das Wasser ein. Wir Ponys finden das lustig, wir lutschen und knabbern dann an dem Eis rum. Mein Mädchen meint, wir wären eigensinnig, wir könnten genauso gut aus der eisfreien Tränke im Stall trinken. Macht aber halt viel weniger Spaß!

Lecker Eis!

Wenn das Eis in der Wanne allzu dick ist, muss man es mit dem Huf aufbrechen. Das sagt mir mein Instinkt! Problem: der Wannenrand ist zu hoch und ich bin mal wieder (Ihr ahnt es schon) zu klein! Mein Huf geht zwar rein in die Wanne, reicht aber dann nicht runter bis zum Eis. Och menno.

Ich bin mal wieder zu klein!

Naja, dann schiebe ich eben mein zartes Näschen in das winzige Loch, dass Diego ins Eis gebissen hat und trinke da. Mein Mädchen schaudert es derweil. Wie wir das kalte Wasser so trinken können, das findet sie ganz unbegreiflich. Wir finden das normal. Sie lacht dann manchmal und denkt an eine Kundin, die ihr mal im Sommer „lauwarmes Mineralwasser“ angeboten hat, mit dem Zusatz „eiskalt haben wir im Winter wieder“. Eben, so ist das nun mal mein Mädchen! Wasser ist im Winter kalt und im Sommer warm. Nur weil Ihr Menschen damit nicht klar kommt muss uns Ponys das ja nicht stören. Also Prost, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel