Dosierungsanleitung

Manchmal treffe ich auf Schülerinnen, die selbst sehr sensibel sind, aber ein weniger sensibles Pferd erwischt haben. Weniger sensible Pferde haben in manchen Kreisen einen schlechten Ruf. Man nennt sie „stumpf“ oder auch „stur“, dabei haben sie so viele Vorzüge. Mein Finlay war so ein Modell. Ich durfte endlos das Aufspringen üben, weil es ihn einfach nicht gestört hat, wenn ich an seiner Seite hing, mich in seiner Mähne fest krallte und ihm unsanft die Knie in den Bauch boxte bei dem Versuch, mich an ihm hoch zu robben. Solch ein Pferd kann ein Geschenk sein. Mit Duncan werde ich so etwas vielleicht nie machen dürfen. Mein kleines Sensibelchen wird das sicher nicht lustig finden.

Wenn ich also auf eine Schülerin mit einem weniger sensiblen Pferd treffe, die ungern eine klare Ansage machen will, erzähle ich folgende Geschichte: Ich war bei meiner Freundin zu Besuch, mitten im Winter. Es lag Schnee und wir haben einen wunderschönen Ausritt gemacht, an dessen Ende ich allerdings komplett durchgefroren war. Als wir wieder auf dem Hof meiner Freundin ankamen, fing sie an zu werkeln. Füttern, Hufe pflegen usw usf. Ich konnte nicht genug helfen um warm zu werden, weil ich mich nicht gut genug auskannte in ihrem System. Also schlotterte ich still vor mich hin. Meine Freundin merkte davon anscheinend nichts. Am nächsten Tag waren wir wieder zusammen unterwegs und wieder war ich durchgefroren. Als wir auf dem Hof ankamen, kündigte meine Freundin fröhlich an, was sie jetzt tun wird. Ich sagte „ich helfe Dir nachher gern, aber erst gehe ich rein und trinke einen heißen Tee.“ Ich kam mir unglaublich unhöflich vor, aber es war mir einfach zu kalt. Meine Freundin hingegen strahlte mich an und sagte „Tee ist auch toll!“. Wir gingen rein, tranken einen Tee und ich wurde wieder warm. Danach konnten wir entspannt und gut gelaunt die übrigen Arbeiten erledigen. Das, was mir unglaublich unhöflich vorgekommen war, war für meine Freundin völlig in Ordnung gewesen. Sie hatte einfach nicht gemerkt, wie kalt mir war und es lag an mir, mich verständlich auszudrücken.

Diese Geschichte hat schon vielen meiner Schülerinnen auf die Sprünge geholfen wenn die Diskrepanz in der Wahrnehmung zwischen Mensch und Pferd zu groß wurde.

„Die Dosis macht das Gift“ sagt man. Aber die Dosis macht auch den Erfolg. Viele Pferde, zu denen wir gerufen werden, sind sehr viel sensibler als angenommen. Manche sind auch zu „nein-sagern“ erzogen worden und reagieren auf jede noch so kleine Anfrage mit Gegenwehr. Das ist dann keine echte Sensibilität sondern eine anerzogene Reaktion. Manche sind aber auch einfach nicht so empfindsam. So wie mein Finlay. Herauszufinden, was ein Pferd als Anfrage, was als Aufforderung und was als unzumutbare Art der Ansprache empfindet, ist das erste, was man tun muss wenn man erfolgreich kommunizieren möchte.

Heute waren wir mit Duncan und Diego an einer Brücke über die Landesstraße und haben geübt. Und auch hier geht es um die Dosierung. Wo ist genau der Punkt, an dem Duncan sich ein klitzekleines bisschen gruselt und ich dann mittels Keks das Gruseln in ein gutes Gefühl umwandeln kann? Fürchtet er sich zu viel, wird der Keks keinen Erfolg bringen. Fürchtet er sich aber zu wenig, komme ich der Lösung nicht näher.

Da sind so unendlich viele Abstufungen drin: was für ein Gefährt kommt gerade unter der Brücke durch – wie sieht es aus, was für ein Geräusch macht es? Ist es nur eins oder kommen da mehrere? Kommen sie alle aus der gleichen Richtung oder kommen sie von beiden Seiten? Sind sie vor Duncan, hinter Duncan oder kommen sie direkt von der Seite? Wo hält Diego sich zu diesem Zeitpunkt auf?

Und genauso, wie das zur Wissenschaft werden kann, kann auch schon ein einfaches, kleines Kommando zur Wissenschaft werden. Ein leichter Zug am Strick, mit dem wir dem Pferd sagen wollen „geh bitte einen Schritt nach vorn“. Die Antwort wird nicht nur davon abhängen, was „vorn“ ist – der Anhänger, die Pfütze oder nur ein weiteres Stück Weg? Die Antwort wird auch davon abhängen, wie wir als Mensch den Strick halten, wie wir den leichten Zug einleiten, wie und wo wir stehen, wohin wir schauen, wie wir atmen und wo unser Schwerpunkt ist. Das alles gilt es auszuprobieren.

Zu allem Überfluss kommt die Antwort dann auch noch meistens zeitverzögert. Es sind all diese Faktoren, die dazu führen, dass Bücher, Lehrvideos und Systeme uns nur begrenzt helfen können. Niemand kann uns abnehmen, unser eigenes Pferd anzuschauen und herauszufinden, wie es tickt. In möglichst vielen unterschiedlichen Situationen.

Ich persönlich stelle ja dann immer „Arbeitshypothesen“ auf, die ich überprüfe. Und heute kann ich stolz verkünden: zwei meiner Arbeitshypothesen zum Thema Brücke haben sich bestätigt. Ich habe wieder etwas gelernt über die richtige Dosierung für Duncan. Und mein Repertoire an „Beobachtungspunkten“ für andere Pferde ist größer geworden. Damit ich demnächst noch schneller und besser Dosierungsanleitungen für Pferdebesitzer entwerfen kann – ganz individuell angepasst.

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