Von Wegen und Zielen

Am Dienstag abend, im Stockdunkeln und bei Nieselregen, haben wir zu Ende gebracht, was am 1. Mai begonnen hat. Sir Duncan hatte Euch davon berichtet https://schotten-pony.com/2020/05/01/aus-dem-tagebuch-des-sir-duncan-dhu-35/ (und er wird bestimmt auch seine eigene Sicht auf unseren Zieleinlauf noch zum Besten geben).

Etwas wehmütig war uns zumute, als wir wieder zu hause waren. Über den ganzen Sommer hinweg hat jeder der Spaziergänge die Duncans „Spaziergehkumpel“ Freddy, sein „Mädchen“ Sabrina und Duncan und ich gemeinsam gemacht haben, zu dieser Challenge gezählt. Wir haben alles aufgeschrieben und auch fast immer in der dazugehörigen Facebook-Gruppe darüber berichtet. Wir haben so viel erlebt, von pubertierenden Ponys, den ersten Versuchen im Fahren vom Boden, den ersten Schritten, die Freddy seine Sabrina getragen hat über jede Sorte von Wetter und Gelände, Horrorbegegnungen mit Hunden und einfach wahnsinnig viele schöne Momente. Ja, hätten wir ohne die Challenge auch gemacht. Wir wären spazieren gegangen, vermutlich sogar fast genauso viel und oft. Aber es macht eben einen Unterschied, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Und wenn man dann das Ziel erreicht hat – was dann? Dann kommt das, was ich den „Weihnachtsblues“ nenne. Ach, was habe ich mich als Kind wochenlang auf Weihnachten gefreut! Mit all den schönen Dingen, die die Vorfreude so richtig wunderbar gemacht haben, Adventskalender und Adventskranz, Heimlichtuereien wegen Geschenken, zwischendurch noch der Nikolaustag – der ganze Dezember war ein einziges Fest. Und dann, dann war Weihnachten vorbei. Und dann war irgendwie nichts mehr übrig zum drauf freuen. Und genau so geht es mir noch heute. Vielleicht geht es anderen Leuten anders, ich weiß es nicht. Aber bei mir ist das geblieben, nur dass ich heute besser damit umgehen kann. Ich weiß, dass das kommt, wenn ich ein Ziel erreicht habe und ich kann mich darauf einstellen. Jetzt im Moment freue ich mich darauf, es im Winter ruhiger angehen zu lassen. Ich lege keinen Wert darauf, im Winter bei Regen von der Seite, womöglich im Dunkeln, durch die Gegend zu stapfen. Duncan und ich werden uns mit Wippen und Bodenarbeit die meiste Zeit des Winters vertreiben und dann, wenn der Frühling kommt, geht es wieder mehr raus.

Der Weg ist das Ziel, so sagt man ja. Und gerade bei dieser sehr langgezogenen Veranstaltung wurde das wieder einmal deutlich. Wir haben den Weg in vollen Zügen genossen und das Ziel war nur der kleine Ansporn, auch bei miesem Wetter und zunehmender Dunkelheit noch los zu gehen oder mal doch eher die längere Strecke zu wählen.

Corona-gerechte Ziellinie aus Klopapier.
Beim tatsächlichen Zieleinlauf war es dann allerdings schon zu dunkel für ein gutes Foto…

Und ich erinnere mich an den Zahnarztbesuch neulich. Der Pferdezahnarzt war da und hat unsere Ponys behandelt. Alle standen wir in der Halle herum und Duncan wollte doch so gern alles untersuchen. Aber er durfte halt nicht – das Werkzeug ist einfach zu teuer um es der Neugierde meines kleinen Ponys zum Fraß vorzuwerfen. Also dachte ich mir, ich biete ihm etwas Abwechslung. Ich habe meine Hände leicht auf Duncans Rücken abgestützt und bin neben ihm hoch und runter gehüpft. Duncan fand das höchst unterhaltsam und immer wenn ich aufhörte zu hüpfen, kam er mit der Nase herum und schien zu sagen „hey, mach weiter!“ Der Zahnarzt beobachtete unser Treiben und sagte irgendwann „wie wäre es mit Belly-Bumps?“ (Das Wort übersetzt sich schlecht. Gemeint ist, dass ich hochspringe und meinen Bauch gegen Duncan dotzen lasse). Ich erklärte ihm, dass es noch ganz neu ist, dass ich neben Duncan in die Luft springen darf und dass ich mit den Belly-Bumps warten werde, bis ich sicher bin dass es ok ist für ihn. Der Zahnarzt sagte „es ist gut dass Du das sagst. Ich selbst habe früher Rennpferde ausgebildet. Da hatten wir einen Plan über zwei Wochen, dann mussten die angeritten sein. Ich habe manchmal noch sehr die Einstellung einfach „da hin zu kommen““.

Nun muss ich sagen, dass unser Pferdezahnarzt ein unglaublich geduldiger, einfühlsamer Mann ist. Er ist ganz sicher einer der besten Pferdemenschen die ich kenne. Und dann kam da dieser Satz und ich dachte „schau an“. Ich habe schon öfter gedacht, dass vielleicht gerade mein Weihnachtsblues aus der Kindheit mir in der Pferdeausbildung zugute kommt. Weil ich nämlich viel weniger zielfixiert bin als andere. Und dadurch bin ich vielleicht manchmal gelassener und geduldiger. Bestimmt bin ich deswegen aber auch weniger „erfolgreich“ im kapitalistischen Sinne. Schließlich verkaufen sich auch in der Pferdewelt schnelle Ergebnisse oft immer noch am besten. (Wie viele Schüler haben sich schon gewundert, wie lange Verladetraining bei mir dauert…..)

Bei jungen Pferden gibt es ja viele Teilziele zu erreichen. Vom ersten Spaziergang über das erste Mal draufsitzen bis hin zum ersten Galopp, dauernd solche Meilensteine. Dann hörte das auf und die Schritte werden kleiner bzw langwieriger und weniger „messbar“. Und zum ersten Mal wird mir klar, dass es vielleicht das ist, was sehr zielorientierten Menschen bei der Pferdeausbildung im Wege steht. Denn den Pferden sind unsere Ziele herzlich egal. Ich glaube schon, dass Pferde sich über das Erreichen eines Meilensteins freuen können, dass sie stolz sind, wenn sie etwas zum ersten Mal geschafft haben. Aber vorausplanen tun sie das sicher nicht und daher können sie auch nicht verstehen, warum bei uns da so ein Druck dahinter ist.

Über Ziele könnte ich endlos weiterschreiben, scheint mir. Zum Beispiel über die Situation neulich, als ich im Verladetraining mit einer Schülerin war. Ihr Pferd sollte lernen, zuzuhören und sie übte das mit ihm an der Rampe – ein Fuß rauf, ein Fuß runter, zwei Füße rauf, ein Fuß runter. Jemand schaute uns zu und sagte plötzlich „einfach reingehen!“. Ich erklärte, was wir tun. Nachher dachte ich: ich hätte einfach zurückfragen sollen „warum?“. Weil jeder, der einen Anhänger und ein Pferd sieht, automatisch den Wunsch hat, dass das Pferd einsteigen soll. Zielautomatismus sozusagen. Vielleicht sollten wir den gelegentlich hinterfragen, zum Wohle unserer Pferde. Und das werde ich noch ganz ganz oft tun dürfen in den nächsten Jahren. Wenn es darum geht, ob ich heute „Belly Bumps“ übe. Ob Duncan schon so weit ist, dass ich ihn am Strick um mich herumschicken kann. Ob Duncan schon so weit ist, dass er gelassen über die Autobahnbrücke gehen kann. Ob er schon so weit ist, dass ich ihn ohne Führperson vom Boden fahren kann. Schließlich wann er wohl so weit ist, dass ich einmal kurz aufspringen darf. Ich habe all diese Ziele und natürlich bin ich sicher, dass wir das alles schaffen. Aber ich möchte Duncan den Zeitpunkt bestimmen lassen, wann es so weit ist. Denn der Weg ist das Ziel und das Ziel ist in meinem Fall einfach eine wunderbare Zeit gemeinsam mit meinem wunderbaren Pony zu verbringen.

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