Poker

„Wir Pferdeleute sind alle Pokerspieler“ hat Elsa mal gesagt. Und seit dem denke ich oft an diesen Spruch, denn er ist so einfach und so wahr. Jedes mal wenn ich ein Pferd und einen Menschen unterrichte, ist es wie Poker spielen. Wie hoch ist der Einsatz? Wie gut stehen die Chancen dass das klappt? Ein guter Pferdemensch wird das oft richtig einschätzen. Manchmal liegt man aber auch daneben. Wie ich damals mit Duncan und der Autobahnbrücke. Da hatte ich eben zu hoch gepokert. Und jetzt muss ich das alles wieder ausbügeln.

Die Kunst beim Pokern ist, nicht so hoch zu pokern, dass man nachher Haus und Hof verspielt hat. Hohe Einsätze kann man eben nur so lange machen, wie noch Geld da ist. Wer aber immer zu niedrig pokert, wird keinen großen Gewinn machen können.

Elsa hat noch ein schönes Bild: Im Freedom Based Training, wo alles ganz langsam geht, spielt man immer nur um Cent-Beträge. Man verliert nur wenig, wenn man verliert. Aber man kann auch nur wenig gewinnen. Wenn man dominanter unterwegs ist und dem Pferd sagt, was zu tun ist, spielt man um höhere Beträge. Man kann mehr auf einen Schlag einzahlen auf das Beziehungskonto, aber man kann eben auch mehr verlieren. Je besser man sich auskennt und je besser man seine Mitspieler lesen kann, desto mehr kann man setzen.

„Das mit dem Ketchup war ein Fehler“ sagt mein Mann und schaut betrübt auf seine Nudeln. „Ich hab mich auch gewundert“ antworte ich ihm. Und er sagt „hab ich gesehen“. Ich frage mich woran. Aber nun haben wir morgen ja auch schon unseren 16. Hochzeitstag. Und wir kennen uns seit 20 Jahren. Obwohl ich mir einen Kommentar zum Ketchup auf den Nudeln verkniffen hatte (mein Mann ist schließlich selber groß und muss wissen was er essen möchte), hat er mir anscheinend deutlich angesehen, dass ich die Idee reichlich merkwürdig finde. Ich habe wohl – zumindest in Arnulfs Augen – kein gutes Pokerface.

Auch Duncan hat kein Pokerface. In der Regel kann ich ihm gut ansehen, was er denkt. Nur beim Freedom Based Training, da bin ich oft verloren. Er bewegt seine Ohren und Augen so wahnsinnig schnell und viel, da verliere ich schon mal den Überblick. Erst ganz nach und nach entschlüssele ich die Masse an Information, die mein Pony ständig in die Welt funkt. Im „normalen“ Training ist das nicht so schlimm, schließlich sage ich meinem Pony, was zu tun ist. Im Freedom Based Training ist es (zumindest anfangs) umgekehrt: es ist an mir, herauszufinden, wo ich mich gerade aufhalten soll. Und da liege ich halt öfter mal daneben – schließlich bin ich Anfänger.

Aber immerhin habe ich jetzt das mit den Einsätzen verstanden. So lange ich Duncans Gesicht nicht gut genug lesen kann, muss ich die Einsätze eben im Cent-Bereich halten, damit ich keine großen Verluste mache, wenn ich daneben gelegen habe. Ein Atemzug in einer Position muss reichen – dann suche ich mir flugs einen neuen Platz. Ich habe Glück, denn auf dem Kurs mit Elsa war eine Teilnehmerin mit einem Pony, das Duncan nicht ganz unähnlich ist. Sie zu beobachten hat mir sehr geholfen. Keine Angst haben davor mich schnell zu bewegen und die Plätze ständig zu wechseln.

Langsam, ganz langsam, fällt der Groschen bei mir. Und wenn ich Duncan dann noch besser kenne, kann ich auch im Freedom Based Training höher pokern. Bis dahin geht es Cent für Cent. Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.

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