Rosarot

„Warum“ fragt meine Freundin, während ihr Pony am Strick um sie herum tanzt „wird eigentlich immer alles so rosarot dargestellt? Das ist doch wie beim Kinder kriegen“ (zur Erläuterung: sie hat zwei Kinder, ich keins) „da erzählen dir die Leute auch: in dem Moment wo das Kind dann da ist hast du die Schmerzen der Geburt vergessen. So ein Blödsinn! Du bist einfach nur froh dass du das überlebt hast und dann hast du so einen Wurm im Arm der auf einer Frequenz schreit die dir ganz klar sagt, dass du das mit dem schlafen für die nächsten Monate vergessen kannst!“

Ich muss kichern. Sie schimpft in einer Tour wie ein Rohrspatz. Zwischendurch versucht sie, ihr Pony zur Vernunft zu bringen – allerdings ohne Erfolg. Er hat heute wohl wieder mal Pubertät. Die 4,7km die wir zurücklegen sind geprägt von den Streitereien der beiden, die sich schließlich so steigern, dass ihr Pony sie beißt. Der Ritter ist derweil recht entspannt, etwas flotter vielleicht als sonst, aber doch manierlich unterwegs. Zum Glück ist er keiner, der sich anstecken lässt von dem Gehampel seines Spaziergehkumpels.

Tja, warum wird alles so rosarot dargestellt? Ich komme nicht dazu, darüber nachzudenken, denn der Rohrspatz – alias meine Freundin – legt wieder los „und mit Hunden ist es doch genauso! Da gibt es dieses Buch „ein Welpe zieht ein“ und da ist alles süß und niedlich und keiner sagt dir dass die verdammt spitze Zähnchen haben und alle zwei Stunden raus müssen und alles zerkauen was nicht bei drei auf dem Baum ist!“

Ich glaube mittlerweile hat sie genauso schlechte Laune wie ihr Pony. Ich hingegen muss lachen, weil es einfach zu lustig ist, ihr Geschimpfe zu hören.

Zwischen ihren Schimpftiraden erinnere ich sie daran, dass heute der Tag ist, an dem sie sich an die „Genießen, genießen, genießen“ – Momente erinnern kann. Das sind jene wunderbaren Momente in denen alles rund läuft und unsere Ponys einfach nur die besten Ponys der Welt sind. Da wir beide junge Ponys haben und genau wissen, dass wir nicht davon ausgehen können dass es morgen oder nächste Woche wieder so läuft, erinnern wir uns in diesen Momenten gegenseitig daran, dass wir sie abspeichern wollen. „Genießen, genießen, genießen!“ Manchmal sind das auch nur kleine Augenblicke in einem Spaziergang voller Diskussionen und merkwürdiger Pony-Ideen. Dann kann es passieren dass einer von uns sagt „genießen, genießen… vorbei.“

Wenn es hart auf hart kommt, hilft dann nur noch, dass eine zur anderen sagt: „sprich mir nach: ich liebe mein Pony, ich liebe mein Pony, ich liebe mein Pony“

Tja, warum ist alles rosarot? Als ich schließlich dazu komme, darüber nachzudenken, fallen mir viele meiner Kunden ein. Die einen, die immer glückselig sind und ihr Pferd einfach nur lieben – völlig egal was es tut. Die anderen, die sich ständig Sorgen machen, dass sie etwas falsch machen oder es ihrem Pferd nicht gut geht. Die, die nie zufrieden sind, auch wenn ihr Pferd schon gute Ansätze zeigt. Alle haben eins gemeinsam: sie sind freiwillig Pferdebesitzer. Sie investieren viel Zeit und Geld in ihr Pferd – manche nur einen Teil, manche alles was sie haben – und also müssen sie ja gute Gründe haben.  Und deswegen, glaube ich, sehen wir Dinge gern rosarot. Bis auf gelegentliche Anfälle, bei denen wir uns kurz überlegen wofür wir das alles eigentlich machen, sind wir doch froh, unsere Pferde zu haben und wir finden, dass die positiven Aspekte der Pferdehaltung die negativen mehr als wett machen. Und wenn ich überlege, wie es manchmal ist, im Winter, wenn der Regen hier in Schleswig-Holstein waagrecht fällt bei 3 Grad in den Stall zu gehen und Äppel zu sammeln, dann braucht es einen großen Anteil an positiven Aspekten als Ausgleich.

Ich finde, wir dürfen die Dinge ruhig rosarot sehen. Die Menschen, die das nicht tun, hören nämlich oft alsbald auf, Pferde zu halten. Ich merke bei mir selbst, wie wenig Lust ich derzeit habe, wieder einen Hund anzuschaffen, weil in meinem Kopf eine – vielleicht realistischere – Vorstellung davon besteht, wie viel Zeit und Arbeit ich investieren müsste um wieder einen Hund auszubilden und weil ich sehe, dass Sir Duncan all meine Zeit und Energie in Anspruch nimmt – mit steigender Tendenz je älter er wird. Aber vielleicht kommt der Tag an dem ich plötzlich die rosarote Brille wieder auf habe und die Rechnung wieder anders ausfällt, weil der Spaß und die Freude überwiegen. Wer weiß?

In jedem Fall tun wir gut daran, uns vorher zu überlegen, ob es uns das wert ist. Man weiß zwar nie genau, was einen so erwartet, aber eine grundsätzliche Vorstellung kann man sich ja schon machen, wie viel Zeit und Geld so ein Tier wohl in Anspruch nimmt. Und sich fragen, ob auch diese Tage, an denen alles schief geht und das liebe Pony plötzlich den feuerspeienden Drachen mimt, die rosarote Brille die Realität noch ausreichend einfärben wird um das zu überstehen, um es am nächsten Tag wieder zu versuchen, um in die Ausbildung des Pferdes zu investieren, ständig selbst dazu zu lernen und sich einzulassen auf die individuellen Eigenheiten und Marotten des vierbeinigen Gefährten.

Fragt mich einfach wieder wenn Sir Duncan den nächsten Pubertätsschub hat……

Bis dahin sammle ich weiter die „Genießen, genießen, genießen“ – Momente, so dass ich einen großen Vorrat habe und alles schön rosarot bleibt.

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