Knigge

Vor vielen Jahren, kurz bevor ich meinen Mann Arnulf kennen gelernt habe, hatte ich mal einen „Verehrer“. Ein sehr netter Mann mit ausgezeichnetem Benehmen, mit Tür aufhalten und so. Ach, das war schon schön, ein bisschen behandelt zu werden wie eine Prinzessin. Manchmal war es aber auch nervig. Zum Beispiel wenn er mich jedes mal, wenn er mich anrief, als erstes fragte „stör ich dich?“. Es war ihm nicht abzugewöhnen. Ich habe ungefähr 100mal versucht ihm zu erklären, dass ich nicht ans Telefon gehe wenn ich keine Lust habe zu telefonieren und dass er deswegen nicht fragen muss. Aber er meinte eben, das sei höflich und müsse so sein.

Letztendlich habe ich dann Arnulf kennen gelernt und durfte erleben, wie Höflichkeit auch sein kann. Arnulf hat nämlich ziemlich schnell herausgefunden, was ICH als höflich empfinde und verhält sich auf eine Art und Weise, die mir das Zusammensein mit ihm angenehm macht. Von Arnulf habe ich gelernt, dass schon beim Jacke hin halten Dinge zu beachten sind, die die meisten Menschen nicht verstehen. Andererseits hat Arnulf auch verstanden wann ich nicht möchte, dass er mir Sachen abnimmt. Wann ich emanzipiert und groß sein möchte und das selber machen und können will.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Männern ist, dass der eine die Höflichkeit irgendwie nur auswendig gelernt hat, während der andere diese natürliche Höflichkeit an den Tag legt, weil ihm die Menschen um ihn herum wichtig sind und er sie wahrnimmt mit ihren Bedürfnissen. Der eine verhält sich jeder Frau gegenüber gleich, egal wie die Frau das empfindet. Der andere nimmt jeden Mensch individuell wahr und erkennt, was diesem anderen Menschen hilft und Freude macht. Aber jetzt höre ich mal auf von meinem Mann zu schwärmen und erkläre Euch, was das mit Pferden zu tun hat.

Zum dritten Mal in meinem Leben hatte ich jetzt das Vergnügen, 4 Tage beim Kurs bei Elsa Sinclair (taming wild) zu zu schauen. Und diesmal sind all die kleinen Teilchen an ihren Platz gefallen und ich kann das ganze Bild erkennen.

Und ein großer Teil dieses Bildes ist die Höflichkeit untereinander, mit der Mensch und Pferd sich begegnen. Der Mensch soll nicht zu lang an einem Platz stehen bleiben, das ist unhöflich. „Do not overstay your welcome“ sagt Elsa dazu (bleib nicht länger als du willkommen bist) und ich muss unwillkürlich an Gäste denken, die man im Haus hat und die nicht merken, wann es Zeit ist zu gehen. Wenn jemand immer zu lang bleibt, wird man ihn schließlich nicht mehr einladen. Und genauso unangenehm kann es für ein Pferd sein, wenn man als Mensch zu lang an einem Ort verharrt und wenn wir das zu oft tun, wird unser Pferd uns nicht mehr dort haben wollen.

Andererseits soll und kann auch das Pferd lernen, was der Mensch als höflich und freundlich empfindet und was nicht. Dazu müssen wir es nicht aktiv beeinflussen, wir sind nur einfach nicht in Harmonie mit dem, was uns nicht gefällt. Wir sind auf eine Art „nicht da“ oder „nicht ansprechbar“ und weil Pferde gerne in Harmonie sein möchten, wird das Pferd sich bemühen, sich auf eine Art zu benehmen in der wir dann eben in Kontakt gehen und Dinge gemeinsam tun. Ich musste spontan an meine kleine Reitschülerin denken, die ganz schnell raus hatte, dass ich ihr gern beim Nachgurten helfe, wenn sie „bitte“ sagt.

Auf dem Kurs mit Elsa habe ich erlebt, wie hoch der Standard ist, den sie von den Pferden erwartet. Sie erwartet ja eigentlich genau genommen gar nichts von den Pferden. Da kann man schon mal auf den ersten Blick denken, dass es ihr eigentlich recht egal ist. Aber dann erwartet sie eben doch ganz ganz viel, eigentlich viel mehr als alle anderen Trainer. Das ist ein bisschen schwer zu erklären aber ich versuche mal meine Glück:

Weil sie mit so wenig Druck arbeitet – keine Hilfsmittel, kein Futterlob, kein irgendwie dominantes Auftreten – kann sie das Pferd nicht dazu bringen, etwas zu tun, was es nicht möchte. Sie beobachtet lediglich, was das Pferd jetzt gerade von selbst tut und dann kommentiert sie das, indem sie in Harmonie geht oder eben nicht. Und es ist unglaublich zu sehen, wie schnell die Pferde bereit sind, ihr Verhalten so anzupassen, dass Elsa mit ihnen in Harmonie geht. Die Schüler, die am Anfang oft noch nicht so recht wissen, was sie da tun, haben in den ersten zwei Tagen oft wenig Ergebnis, aber dann, wenn der Groschen fällt, kann man sehen, wie unglaublich schnell die Fortschritte sind. Und das, womit Elsa dann tatsächlich in Harmonie geht und also das Pferd belohnt, ist das freundlichste und höflichste Verhalten das ich je bei Pferden gesehen habe. Wie schnell die Pferde lernen, was dieser einzelne individuelle Mensch als freundlich und höflich empfindet und was nicht ist beeindruckend.

Und so habe ich jetzt viele, viele neue Ideen wie ich meinem Ritter die Tugend der Höflichkeit noch viel besser und nachhaltiger vermitteln kann und auch wie hoch ich die Messlatte tatsächlich hängen kann. Gleichzeitig wird das nur gelingen, wenn ich selbst noch viel besser herausfinde, was mein Ritter als höflich empfindet und was nicht. Übrigens beinhaltet das, dass ich nicht dauernd frage „stör ich?“ sondern vorher schon weiß oder wahrnehme ob ich stören würde an dem Platz den ich mir ausgesucht habe. So dass ich Duncan nicht in die Lage bringe, mir sagen zu müssen „ja du störst, schleich dich mal“. (was mir leider schon passiert ist. Aber jetzt weiß ich es hoffentlich besser!). Wenn es gut läuft, verhalte ich mich so klug, dass Duncan immer nur sagt „ach, schön dass Du da bist!“. Und dann bereit ist, sich so freundlich und höflich zu verhalten, dass ich auch gern bei ihm bin.

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