Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 196

Gestern haben mein Mädchen und der Mann Bescherung gemacht. Gegenseitig haben sie sich nix geschenkt, weil sie wunschlos glücklich sind. Aber sie haben ja so viele Naschereien von ihren Kunden bekommen und auch ein paar kleine Geschenke und alles war so liebevoll verpackt, dass sie ordentlich was auszupacken hatten. In einigen Geschenken war sogar Geld – das geht direkt in meine Spardose hat mein Mädchen gesagt! Damit ich irgendwann ein schönes, bequemes Fahrgeschirr bekomme.

Ich habe auch von einigen Menschen Kekse bekommen, aber mein Mädchen sagt, wir essen nicht alle Naschereien auf einmal – sie tut es nicht und ich darf das auch nicht. Menno.

Danke, liebe Menschen!

Später haben wir auf dem verschneiten Reitplatz ein bisschen Bodenarbeit gemacht und mein Mädchen sagt ich war wieder großartig! Außerdem haben der Mann und ich dem Mädchen noch ein kleines Weihnachtsgeschenk gemacht aber was das war wird noch nicht verraten! Das erzählen wir Euch später.

Heute lassen wir Weihnachten in Ruhe ausklingen. Ich werde endlich mal wieder gemessen und wir genießen den Sonnenschein. Alles glitzert schön verschneit und wir sind alle gut gelaunt und entspannt.

Lasst es Euch gut gehen liebe Menschen, esst Kekse und seid nett zueinander!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 195

Fröhliche Weihnachten, liebe Menschen!

Wir haben hier tatsächlich weiße Weihnachten und wir haben versucht, schöne Fotos zu machen! Aber weiß ist es eben nur untenrum, obenrum ist es neblig und so war es etwas schwierig, schöne Fotos hin zu bekommen. Ich hatte auch nicht sooooo viel Lust auf still stehen, weil ich dezent Energieüberschuss habe. Hatte gehofft, dass wir spazieren gehen! Aber mein Mädchen sagt, es ist zu rutschig. Sie hat mir aber versprochen, dass wir nachher noch in die Halle gehen und ich was machen darf.

Das Ding rutscht!
Wenigstens hat sie auch eine alberne Mütze auf!

Neulich waren wir auch in der Halle, da hat mein Mädchen gesagt ich hätte Pubertät – nur weil ich mal nachgefragt habe ob die Regeln eigentlich alle noch so sind wie sie mal waren! Das muss doch mal überprüft werden oder? Ergebnis: alles wie gehabt, mein Mädchen ist immer noch stur wie ein Maulesel. Gut, also am nächsten Tag habe ich dann wieder ganz brav mitgemacht und ihr gezeigt, dass ich mir alles genau gemerkt habe. Zack! Mädchen zufrieden. Meine Energie habe ich derweil an meinen Kumpels ausgelassen. Spielen, spielen, spielen! Aber jetzt ist es draußen so rutschig dass sogar ich mal vorsichtig bin und etwas langsamer mache. Also staut sich die Energie schon wieder an – ich hab so viel davon! Nunja wie gesagt, hoffentlich gibt es nachher noch etwas Action. Und zwar ohne Mütze und Gebimmel am Halfter. Aber mit Keksen! Versteht sich.

Feiert schön, was immer Ihr auch vorhabt.

Euer weihnachtlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Wir wünschen euch frohe Weihnachten!

(Hoch)sensibel

Hochsensibel oder hochsensitiv zu sein ist im Moment ein bisschen „in“. Wer noch nichts davon gehört hat: es gibt die Theorie dass 15-20% der Menschen Reize stärker wahrnehmen als der Rest. Ob es dafür eine „Diagnose“ und einen Stempel braucht, weiß ich nicht. Wir wissen doch wohl alle, dass Menschen unterschiedlich auf Reize reagieren. Reizverarbeitung ist individuell und während der eine gar nicht genug Menschen und bunte Lichter um sich herum haben kann, ist der andere lieber allein zu hause und genießt die Stille. Und dann kommt es natürlich auf die Art des Reizes an. Mein Mann stört sich unwahrscheinlich daran, wenn das Bild schief hängt, für mich hingegen ist das kein Problem. Aber wehe etwas ist zu laut oder Arnulf vergisst, die Werbung im Fernsehen stumm zu schalten, das kann ich nicht aushalten.

Und so geht es den Ponys logischerweise nicht anders. „It takes all sorts of people to make a world“ (frei übersetzt: es braucht unterschiedliche Arten von Menschen um eine Welt zu erschaffen). Und das gleiche gilt für die Pferdeherde: das eine Pferd, das besonders ängstlich und vorsichtig ist, hat die Umwelt immer gut im Blick und sieht Gefahren als erstes. Es kann dann die ganze Herde warnen. Das mutige Pferd, das gerne neue Gebiete erforscht, kann für die Herde neue Weidegründe finden. Ein drittes Pferd, das besonders sozial ist, hält die Herde zusammen, schlichtet Streit und erzieht die Jungtiere. Ein weiteres Pferd, das besonders stark und etwas aggressiv ist, wird die Herde nach außen verteidigen. Nur wenn sie alle zusammenarbeiten werden sie ihr bestmögliches Leben führen können. Seit ich es so betrachte, kann ich sowohl Pferde als auch Menschen viel mehr wertschätzen für das, was sie von Natur aus sind. Das eine ist nicht besser als das andere, wenn jedes seinen Platz gut einnimmt. Macht man natürlich das gelassenste, angstfreieste Pferd zum Aufpasser und trägt dem ängstlichen die Erschließung neuer Weidegründe auf, wird das vielleicht nicht so gut ausgehen.

Auch mein kleiner Ritter hat seine ganz eigene Art von Sensibilität. Und nach Finlay – dem absoluten Stoiker, den so gut wie nichts aus der Ruhe bringen konnte – ist es für mich interessant zu sehen, wie Duncan seine Sensibilität zum Ausdruck bringt. Zum Beispiel bei der Wahl des Kopfstücks, wo er ganz klar anzeigt, welches ihm behagt und welches nicht. Ein Großteil davon hat mit seiner Frisur zu tun, glaube ich. Er hasst es, wenn seine Mähne nicht richtig liegt und wenn ein Barthärchen eingeklemmt wird, hat er sehr schlechte Laune. Will ich seinen Hals unter der Mähne bürsten, muss ich sie festhalten. Wenn ich die Mähne nur auf die „falsche“ Halsseite lege, wird sie sofort zurück geschüttelt. Nur an einem Tag hat er nach dem Schlafen seine Mähne zottelig liegen lassen: als er Kolik hatte. Ich weiß also jetzt: wenn die Mähne nicht liegt, ist das Pony krank.

Dass er sich aber beim Spielen das Zahnfleisch – wieder mal – verletzt hat, scheint hingegen völlig egal zu sein. Wobei: vielleicht stimmt das so nicht. Denn solche kleine Ratscher hat er nur, wenn er gerade mitten im Pubertätsschub ist. Oder hat er nur überschüssige Energie? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist er unausgeglichen. Wenn er in sich ruht und seine Welt in Ordnung ist, kommt er auch aus dem wildesten Spiel ohne Ratscher raus.

Pferde (können) lernen, die Sensibilität des anderen einzuschätzen und zu berücksichtigen. Mein eindrucksvollstes Beispiel dafür waren unsere beiden Shettys. Früher hatten wir unsere Stute „Märchen“. Sie war eins der dickhäutigsten Ponys die mir je begegnet sind. Manchmal hatten wir den Eindruck, wenn eine Bremse auf ihr landet und versucht zu beißen, stellt sie schnell fest, dass sie da nicht durch kommt und unverrichteter Dinge wieder weg fliegen muss. Märchen konnte sich an unserer rauesten Steinwand genüsslich kratzen und hatte nachher noch nicht mal ihr Fell abgewetzt – anderen hätte das Fleisch in Fetzen vom Leib gehangen.

Dann zog Caruso bei uns ein. Und Caruso war sofort in Märchen verliebt. Leider hat sie diese Liebe lange nicht erwidert, aber schließlich hatte er doch ihr Herz erobert. Und dann wollten sie Fellkraulen machen. Nun ist Caruso aber ein wahnsinnig empfindliches Shetty. Seine Haut ist unfassbar sensibel. Märchen kam also und kraulte ihn nach Märchen-Art – so wie SIE es gern gehabt hätte dass man sie krault. Caruso ist sofort weg gerannt – viel zu doll! Erst dachte ich das klappt nie, aber nach ein paar Monaten hatten die beiden es raus: Caruso biss herzhaft in Märchen hinein und kraulte sie durch wie sie es mochte während Märchen nur zart mit der Oberlippe an ihm herum schubberte so wie es ihm angenehm war. Ich war sehr beeindruckt, dass die beiden das so hinbekommen hatten und bin seitdem einmal mehr überzeugt, dass Pferde lernen können, was Menschen weh tut und was nicht.

Auch wenn ich Duncan und Merlin spielen sehe, kann ich das beobachten. Mein kleiner Hengst, der normalerweise beim Spielen aufs Ganze geht, spielt mit dem uralten Merlin viel ruhiger und sorgt dafür, dass auch Merlin Spaß an dem Spiel hat. Wenn Merlin dann genug hat, akzeptiert Duncan das klaglos und sucht sich einen anderen Partner, mit dem er dann auch ordentlich Gas geben kann.

Wir müssen über Sensibilität nicht diskutieren. Wir müssen den anderen nicht fragen warum ihn das so stört (er wird es eh nicht erklären können). Wenn wir wissen, WAS den anderen stört und darauf Rücksicht nehmen, reicht das völlig aus. Die Ponys sagen nicht „stell dich nicht so an“ oder „was hast du denn schon wieder“. Sie akzeptieren die Empfindungen des anderen und nehmen Rücksicht darauf. Ich glaube, davon können wir eine Menge lernen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 194

Winterzeit ist Matschzeit. Ich mache mir ja gern mal eine Matschpackung. Das ist gut für die Haut! Gelegentlich rutsche ich aber auch aus und liege dann unfreiwillig im Schlamm, wenn ich Tempo, Kurvenlage und Traktion nicht korrekt berechnet habe.

Verdächtige Rutschspuren. Sogar der Zaum war futsch. Ob ich das war verrate ich nicht aber mein Mädchen meint die Wahrscheinlichkeit wäre hoch.

Damit es nicht überall matschig ist, verteilen die Menschen jetzt dieses Zeug. Das musste ich mir gleich mal anschauen! Der Haufen liegt auf dem Weg zum Reitplatz und als ich mit meinem Mädchen da lang gelaufen bin musste ich doch mal schnell schauen was das ist und ob man da nicht hochklettern kann! Mein Mädchen hat gelacht wie ich da oben stand. Ich fand es toll, aber sie meinte, ich soll mal wieder runter kommen.

Schön war das da oben!

Wir haben dann schön Doppelkeks Doppellonge gemacht. Ich bin soooooo toll rechts herum galoppiert! Mein Mädchen hat mich groß gefeiert. Ich fand, das ist jetzt gut und wir könnten Feierabend machen. Aber mein Mädchen wollte auch noch Linksgalopp! Man, man, man, Ansprüche hat sie! Linksgalopp finde ich viel schwieriger als Rechtsgalopp. Ich habe ein, zwei Mal angemerkt, dass wir auch aufhören und den Reitplatz verlassen könnten aber mein Mädchen hat gesagt, wir machen jetzt noch Linksgalopp und das wird nicht diskutiert. Na, ihr zuliebe hab ich das dann noch gemacht. Dann sind wir tatsächlich vom Reitplatz runter gegangen. Sie hinter mir her wie beim Kutsche fahren. Auf den Hof, dort einmal im Kreis, Richtungswechsel und dann …. wieder rauf auf den Reitplatz! Hä? Was soll das denn? Dann wieder runter vom Platz, das selbe Spiel nochmal. Wieder rauf auf den Platz. Dann hab ich gedacht: ist auch egal. Wenn sie meint. Und dann war plötzlich Feierabend. Ich war dezent verwirrt. Mein Mädchen sagt, darum ging es. Keine Ahnung.

Euer verwirrter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 193

Früher hatten wir Ritter ja Pagen und Knappen, die uns zur Hand gegangen sind. Ritter-Azubis quasi. Heute hat man so was nicht mehr. Heute hat man ein „Team“ sagt mein Mädchen. Und ich finde ich bin da ganz gut aufgestellt.

Also Chefin über das alles ist mein Mädchen (ich stelle das gelegentlich in Frage, aber ehrlich gesagt ist es auch toll wenn sie die Verantwortung übernimmt, da lebt es sich doch sehr bequem). Dann ist da noch der Mann, der ist zuständig dafür mit mir und meinem Mädchen spazieren zu gehen, ihr ab und zu was zu erklären und ihr überhaupt immer mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Außerdem ist er mein Herrenausstatter wenn ich ein neues Kontenhalfter brauche und mein Osteopath.

Dann ist da das Mädchen von meinem Spaziergehkumpel. Sie ist die gestrenge Fahrlehrmeisterin und ansonsten die Abenteuerbegleitung. Und sie kümmert sich wenn mein Mädchen mal nicht da ist und ich was besonderes brauche.

Das Mädchen von Gatsby – meinem Schottenkumpel – ist zuständig für die Freitagsfütterung. Dann ist auch immer Großreinemachen im Stall, die fegt noch den letzten Halm aus der hinterletzten Ecke.

Des weiteren habe ich noch eine Patin, die hauptsächlich dafür zuständig ist, mir aus der Ferne Mut zuzusprechen und mich zu bewundern. Außerdem steckt sie meinem Mädchen manchmal ein paar Taler zu, die dann in die Spardose für besondere Anschaffungen wandern.

Und dann ist da noch meine Privat-Schneiderin! Wenn mein Kopf mal wieder in Richtungen wächst in die Pferdeköpfe normalerweise nicht so extrem wachsen und deswegen nix so richtig passen will, dann gibt mein Mädchen meine Sachen zur Schneiderin und die macht mir das. So wie damals mein Halfter. Diesmal hat sie mir das Sidepull genäht. Das hat früher Finlay gehört und der hatte nicht so kräftige Ganaschen wie ich. Aber bei mir wurde es schon ganz schön knapp! Jetzt hat sie mir einen neuen Backenriemen da dran gemacht. Wunderbar! So ist alles wieder komfortabel (aber nur wenn mein Mädchen beim Anziehen gut aufpasst, dass mein Bart sich nicht vertüddelt und hinterm Ohr alles richtig sitzt – ich kann das nicht leiden wenn die Haare ziepen oder mir der Genickriemen ins Ohr drückt!).

Ganz knapp im letzten Loch hat es noch gepasst.
Jetzt ist der Riemen komfortabel lang und mein Kopf darf auch noch etwas wachsen.

Zum „erweiterten“ Team gehören dann natürlich noch mein Tierarzt und der Dentist, außerdem natürlich die eine oder andere Reitlehrerin, die mein Mädchen und mich mal unterrichtet (momentan noch ohne reiten).

So, also da habe ich doch ein gutes Team, oder? Da lässt es sich sorgenfrei leben.

Euer gut versorgter Sir Duncan Dhu of Nakel

Vor einem Jahr

Als wir auf den Wald-Parkplatz fahren, kommen Erinnerungen in mir hoch. Wir haben hier lange nicht geparkt, sind sonst oft von der anderen Seite in den Wald gegangen. Aber heute müssen wir wegen des feuchten Bodens wieder hier starten. Und dieser Parkplatz und dieser Wald sind für mich voll gepackt mit Erinnerungen. Von diesem Parkplatz aus sind wir zum ersten Mal mit Finlay und Diego „fremd ausgeritten“. Unvergessen, denn gerade als ich von einem Baumstamm aus aufsteigen wollte, kamen zwei Friesenhengste vorbei, die das alles seeeeeehr aufregend fanden. Und ich hatte Zweifel, ob ich just in diesem Moment wirklich auf mein junges, unerfahrenes Pony aufsteigen soll. Aber Finlay war tiefenentspannt.

Auf diesem Parkplatz haben wir auch geparkt, als ich mit meiner Freundin die ersten Male los gezogen bin mit dem Distanzritt als Ziel vor Augen.

Viel später, als mein Finlay tot war, war es der erste Ausflug mit Duncan, ein absolut erstaunliches Erlebnis damals – heute für mich Normalität. Denn Duncan hat damals klar gezeigt, was seine Lieblingsbeschäftigung ist: fremdes Gelände erkunden. Ich werde nie vergessen, wie seine kleinen Öhrchen nach vorne gingen und er munter voran marschierte, interessiert an allem was es zu sehen, zu hören und zu riechen gab. Ich weiß aber auch noch, wie er dann müde wurde und anfing zu nerven wie ein überdrehtes Kleinkind.

Ein halbes Jahr später – vor gut einem Jahr – haben wir wieder an dieser Stelle einen denkwürdigen Spaziergang gemacht: Der Spaziergang bei dem ich beschlossen habe, einen neuen Lebensabschnitt für mein Pony einzuläuten – ihm mehr Grenzen zu setzen, ihn erwachsener zu behandeln. In dem halben Jahr dazwischen hatten wir so viel Routine erworben dass ich beschlossen habe, bestimmte Dinge vorauszusetzen und gutes Benehmen mehr einzufordern.

Nun sind wir also wieder dort. Und als wir los laufen merke ich, wie sich unser Verhältnis zueinander verändert hat. Ich habe mehr Vertrauen in Duncan, ich bin jetzt sicher, dass er weiß, wo die Grenzen sind. Er schiebt gelegentlich den „kleinen Zeh“ über die Linie, gerade so als würde er wissen wollen ob sie noch da ist und ob ich aufpasse. Aber ich bin überzeugt, dass er keinen großen, gefährlichen Mist machen wird. Und ich kann ihn viel besser lesen. Die Kommunikation zwischen uns ist routinierter, wir verstehen uns besser und schneller. Sein wacher Blick, sein hohes Tempo und seine Reaktivität sind für mich normal geworden. Duncan wird nie ein Pony sein, das verträumt neben mir her bummelt wie mein Finlay es getan hat. Und ich habe gelernt, diese ganz andere Art auch zu lieben und kann mir Duncan auch gar nicht anders vorstellen. Wir haben heraus gefunden, wie wir zusammen am besten spazieren gehen können. Und das ist ein gutes Gefühl.

Über zwei Jahre hat das gedauert. Und mir wird einmal mehr klar, wie viele Situationen wir noch zahllose Male wiederholen und üben müssen bis auch sie Routine werden. Aber immerhin: so ein Waldspaziergang ist schon mal eine Selbstverständlichkeit geworden. Und ich denke auch an diesen Artikel über die einhundert Wiederholungen und an all jene Schüler die oft meinen, ihr Pferd würde etwas können, nur weil es verstanden hat. Unsere Lehrer haben uns das damals in der Schule erzählt und wir wollten es nicht hören („wenn ich dich nachts um 2 wecke musst du mir das aufsagen können“). Vielleicht sind deswegen so viele von uns so schlecht gelaunt wenn es um Wiederholungen geht. Aber hey, wer möchte nicht 100 Spaziergänge mit seinem schönen Pony unternehmen? So tut wiederholen doch gar nicht weh.

Und tatsächlich wenn ich kurz durchzähle komme ich – je nach Zählart – auf ca 70 gemeinsame Spaziergänge zu denen wir mit dem Anhänger gefahren sind. Dazu kommen etwa 45, bei denen wir von zu hause gestartet sind plus zwei Kurzurlaube mit den entsprechenden Touren. Über 700 gemeinsam Kilometer in verschiedensten Umgebungen, Wetterlagen und Zusammenhängen hat es gedauert, dieses gemeinsam Gefühl aufzubauen.

Und daran werde ich denken, wenn das Training in Anwesenheit fremder Pferde sich schwierig gestaltet. Ich werde sagen „das mit dem Spazierengehen haben wir ja auch geschafft“ und werde wissen: Übung macht den Meister und die Meisterin. Und eines Tages werde ich zurück schauen und sagen: „schau mal, vor einem Jahr hat sich das noch ganz anders angefühlt“. Und ich werde wissen: insgesamt war es ein gutes Jahr.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 192

Wie ich Euch ja schon geschrieben habe, waren wir am Sonntag endlich mal wieder ausgiebig spazieren. Im Wald. 9km sind da zusammengekommen, zwecks Nascherei-Verbrauch (mein Mädchen will ja bald aufsteigen sagt sie und da darf sie nicht zu schwer sein! Allerdings sagt sie nun schon seit einer Ewigkeit, dass sie „bald“ aufsteigen will….).

Also wir sind da so durch den Wald gestapft und eigentlich war alles gut. Das Wetter war ok, sogar ziemlich warm, meine Laune war gut, mein Mädchen und ich haben ein paar lustige Übungen gemacht und zwischendurch haben wir um Gras gespielt (ich versuche dann immer, schnell genug zu sein um ein Hälmchen zu erhaschen, sie versucht, schnell genug zu sein um mich daran zu hindern). Aber irgendwann hatte sie keine Lust mehr auf das Spiel und wurde ungemütlich, also habe ich es lieber gelassen.

Es war alles ziemlich matschig und schlammig, überall Pfützen und rutschig war es auch. Und dann plötzlich hat mein Mädchen gesehen, dass mir einer von meinen schönen Schuhen abhanden gekommen war! Das ist noch nie passiert. Sie hat geflucht und gesagt, ich soll beim Mann und Diego dem Großen warten, sie läuft schnell zurück. Nach einer Weile kam sie wieder, sie hatte den Schuh gefunden.

Da liegt er, mein schöner Schuh!

Also ging es weiter. Es wurde schon ganz dämmrig und mein Mädchen war schon arg müde (wo ist bloß ihre Sommerkondition geblieben?). Wir haben geübt, dass Diego vorne weg läuft während ich grasen darf. Dann wenn Diego außer Sicht ist, gehen wir weiter. Ich finde dann immer, wir könnten uns mal beeilen, damit wir ihn einholen! Aber mein Mädchen findet das nicht. Sie meint, wir sind doch groß genug um auch ein Stück allein gehen zu können. Manchmal hab ich Diego dann vorne irgendwo gesehen aber dann auch wieder nicht. Diego und der Mann haben sich nämlich zwischendurch in den Büschen versteckt!

Schließlich hatten wir sie aber eingeholt und – oh Schreck! – da hat mein Mädchen gesehen, dass jetzt Diego ein Schuh fehlt! Also haben wir alle umgedreht und sind ein gutes Stück zurück gelaufen. Diego fand das erst voll blöd, weil er genau wusste, dass wir schon fast wieder bei der Wackelkiste angekommen waren. Mir war es einerlei. Mein Mädchen ist müde neben mir her geschlurft und hat den Schuh gesucht. Aber gefunden haben wir ihn nicht. Und weil es schon so dunkel wurde, haben wir schließlich wieder umgedreht und sind zurück zur Wackelkiste.

Mein Mädchen ist dann am nächsten Tag im hellen nochmal zum Wald gefahren. Da hat sie den Schuh gefunden, an einer von den Stellen wo der Mann sich mit Diego dem Großen versteckt hatte. Das kommt davon!

Zum Glück hat mein Mädchen auch Diegos Schuh noch gefunden.

Wir haben beide noch niemals unsere Schuhe verloren, mein Mädchen sagt, das liegt an dem vielen Matsch und dass wir dann bei so einem Wetter doch die Sicherheitsriemen an den Schuhen brauchen, die machen dass man sie nicht verlieren kann. Hoffentlich denkt sie dran! Ist nämlich doof wenn sie schlechte Laune hat wegen der Schuhe. Wo ich doch so artig war! Hat sie selbst gesagt.

Sie hat gesagt, ich wäre jetzt ihr Aschenbrödel. Was heißt das bloß? Dann hat sie gelacht und gemeint, das würde ja gar nicht passen denn ich wäre ja wohl der Prinz. Nun kapiere ich nix mehr. Aber ich sag mal so: hauptsache sie findet mich toll. Und das findet sie! Also alles im Lot.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 191

Liebe Menschen, ich wünsche Euch einen schönen 3. Advent! Es weihnachtet schon sehr, das merke ich daran, dass mein Mädchen jetzt öfter mal kleine Geschenke und Naschereien mit nach hause bringt, wenn sie von der Arbeit kommt. Ihre Schüler und Kunden geben ihr das. Das ist die Keksbelohnung die mein Mädchen bekommt, wenn sie ihre Arbeit gut macht. Diego der Große sagt, ich soll mal froh sein, dass mein Mädchen mich noch nicht reitet, denn die Menschen sind zu dieser Jahreszeit immer besonders schwer, wegen der ganzen Nascherei! Oh, da weiß ich aber was dagegen! Und deswegen haben wir heute auch endlich mal wieder einen Ausflug in den Wald gemacht und sind schön 9km gelaufen. Das war toll!

Und wisst Ihr was auch toll ist? Nicht nur mein Mädchen bekommt Weihnachtsnaschereien geschenkt: ich habe auch was bekommen!

Lecker Kekse – für mich!

Von dem schönen Spanier der uns besucht hat, Ihr erinnert Euch? Idolo heißt der. Und er hat mir eine Kekstüte gepackt, schaut mal! Das ist aber seeeeeeeehr lieb!

Danke Idolo!

Euer keksseliger Sir Duncan Dhu of Nakel

Verdoppelt

Mit Duncan zu arbeiten ist wirklich eine neue Herausforderung für mich. Schon vor 2 Jahren ist mir aufgefallen, dass er anders denkt als Merlin oder Finlay. Merlin und Finlay – beides Energiesparmodelle – hatten fast immer die Idee „das hat geklappt, jetzt schau ich mal ob die Hälfte reicht“. Sie haben immer etwas weniger Einsatz gebracht als zuvor und nachgefragt, ob das so wohl auch ginge. Das Training solcher Pferde ist sehr einfach, denn wenn man eine Situation erschafft in der das gewünschte Verhalten bedeutet, dass sie mit dem geringstmöglichen Energieeinsatz den größtmöglichen Gewinn erzielen, tun sie genau das was man möchte. Viele meiner Schüler, die verzweifelt mit ihrem „faulen“ Pferd zu mir kommen, sind erstaunt, wenn ich ihnen erkläre, dass diese Pferde wahnsinnig einfach auszubilden sind.

Sir Duncan hingegen macht das komplette Gegenteil. Er ist kein Energiesparer, er ist bereit, zu investieren und zu schauen was dabei herauskommt. Und das heißt: er verdoppelt. Und ich neige leider immer noch dazu, das zu vergessen. Beim Tempo haben wir das alles gut im Griff, aber bei anderen Fragen falle ich dann rein. So wie neulich an der Doppellonge:

Da er noch dazu geneigt hatte, sehr weit rein zu kommen und den Kreis sehr klein zu halten, hatte ich geübt, dass er raus gehen soll. Und leider verpasst, ihm zu sagen, wie weit. Ich hatte ihn gelobt fürs raus gehen und war dann einfach mit gegangen so dass er Platz hat. Und das habe ich nun davon. Denn als wir neulich wieder zusammen auf dem Reitplatz waren, hatten wir plötzlich Streit, weil Duncan ZU WEIT draußen lief. Unser Reitplatz ist nicht fest eingezäunt, sondern nur von einem Wall umgeben. Hätte ich ihn gelassen, wäre Duncan wohl über den Wall drüber geklettert. Weil er ja wusste: raus gehen ist gut! Das Problem war nur, dass ich das in dem Moment nicht verstanden habe. Ich war genervt über das Geziehe und Gezerre, Duncan war genervt von dem Geziehe und Gezerre und schon hatte sich ein handfester Streit entfacht. Na zum Glück konnten wir mit Arnulfs Hilfe die Wogen wieder glätten und einen guten Abschluss finden. Aber erst auf dem Weg vom Platz zurück wurde mir klar, WARUM das alles passiert ist. Und ich musste an dieses interessante Video denken

Die Zusammenarbeit mit Duncan wird nur funktionieren, wenn ich sein Echo korrekt berechne. Und die Formel für diese Berechnung ist ungefähr das Gegenteil von der Formel, die für Merlin gilt. So wie der Musiker in dem Video sicher erst üben musste um zu wissen, wann und wie laut er spielen muss, damit das passende Echo zurück kommt. Wie lang dauert es, bis eine Reaktion kommt? Und wenn ich einen lauteren Ton spiele, kommt er dann in Duncans Fall doppelt so laut zurück? Vielleicht ist Duncan auch so eine Art „Echokammer“ in der sich alles von selbst verstärkt. So wie das „Tal der Dämmerung“ in „Jim Knopf“, wo jedes Flüstern so hin und her geworfen wird, dass es schließlich zu einem riesigen Geschrei wird.

Jedenfalls habe ich mir fest vorgenommen, nächstes Mal früher an den Verdopplungseffekt zu denken und mich zu fragen, ob er zu diesem oder jenem Verhalten führen könnte. Bevor es Streit gibt.

Und jetzt muss ich meinem Pony erklären, WIE WEIT es genau raus gehen soll.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 190

Soooooooooo da isses!

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider….

Das extra mühsam ausgemessene Wunderteil. Das kann alles außer kochen und stricken, glaube ich. Alles dran, was ein Ritter wie ich so braucht: weiche Genickpolster, was zum Gebiss-dranhängen, jede Menge Platz zum rein wachsen, Ringe um Zügel dran zu machen (falls mein Mädchen in diesem Leben noch mit dem Reiten anfangen möchte) uuuuuuuuund natürlich mega wichtig: Beschriftung!

Damit jeder weiß, wie er mich anzusprechen hat. Nicht, dass die Leute wieder meinen, sie könnten mich „Dunci“ nennen oder so.

Am Sonntag haben wir das gute Stück dann auch direkt mal ausgeführt. Endlich wieder ein Spaziergang! Das wurde aber auch Zeit, mein Mädchen! Schneeregen von oben, Matsch von unten, da dachte mein Mädchen an eine kleine Dorfrunde. Aber zum Glück war der Mann dabei und der hat gesagt, wir gehen die große Dorfrunde (was sich so „groß“ schimpft bei knapp 6km. Reicht gerade mal zum warmlaufen!). Und ich habe mich erinnert, dass mein Mädchen mal gesagt hat, dass es ihr lieber ist, wenn ich ab und zu nach ihr hasche als wenn ich dauernd am Strick ziehe. Also habe ich NICHT am Strick gezogen und im Laufe der Zeit hat mein Mädchen dann auch kapiert was für eine große Leistung das ist, die ich da erbringe – bei dem Energieüberschuss! Wir haben unterwegs ein paar interessante Übungen gemacht aber die meiste Zeit bin ich artig neben meinem Mädchen her gedackelt. Und wenn ich es nicht mehr ausgehalten hab, hab ich halt nach ihr gehascht. Da muss sie durch, wenn sie so lang nicht mit mir spazieren geht! Pech! Ich bin ja auch so furchtbar nett, ich komme maximal mit meinen Zähnen an ihre Jacke. Ich würde sie niemals richtig beißen! Bin schließlich Ritter, kein Räuber. Trotzdem hoffe ich dass sie kapiert was ich ihr damit sagen will: ich brauche mehr Beschäftigung! Und jetzt wo ich so ein schönes, multifunktionales, grasgrünes Wunderdings habe, gibt es doch nun wirklich keine Ausreden mehr!

Euer gut eingekleideter Sir Duncan Dhu of Nakel