Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 203

Ja, mein Mädchen ist definitiv lernfähig. Sie hat heute den Mann und Diego den Großen und mich eingepackt und wir sind mit der Wackelkiste ins Moor gewackelt für einen schönen Sonntagspaziergang. Gegen den Burgkoller. Kluges Mädchen! Erst war ich ganz entspannt und gut gelaunt in Erwartung eines feinen Abenteuers. Aber an der einen Ecke wo wir IMMER rechts abbiegen habe ich dann gesagt, dass ich doch zu gerne mal wüsste, wo es LINKS hin geht. Mein Mädchen hat das auch verstanden, hat aber gesagt, dass wir das mal ein anderes Mal ausprobieren. Och menno. Immer die selben ollen Wege? Die sind wir doch schon tausendmal gegangen! Und schon war meine Laune im Eimer. Und dann ist es passiert: ich hab sie gekniffen. Aus Versehen – wirklich! Aber sie war stinkwütend. Hat gesagt, sie hat einen blauen Fleck und ich bin schuld. Und ich müsste jetzt wirklich total artig sein und genau machen was sie sagt. Hmpf. Also hab ich mich zusammengerissen. Lange. Und dann hat sie schließlich zum Mann gesagt, dass wir mal eine Graspause machen könnte. Diego war vorn und ist dann schon zum Gras gegangen. Und ich wollte auch! Aber da hat mein Mädchen schon wieder gemeckert, weil ich die Regeln vergessen habe. Ach naja vergessen nicht direkt nur …. sagen wir …. zurechtgebogen. War aber nicht erlaubt und so haben wir VIER Anläufe gebraucht bis ich endlich auch grasen durfte. Verflixt und zugenäht! Mein Mädchen meinte, ich hätte wohl wieder Pubertät. Sie hat mich dann vor ihr gehen lassen und lief so auf Höhe meiner Flanke, dann kann ich nämlich nicht immer nach ihr haschen. Diego und der Mann in einem Affenzahn vorneweg, da sind wir nicht mitgekommen. Als der Abstand größer wurde, meinte mein Mädchen, wir könnten ja hinterher traben. Ja gern! Und schon ging es los. Schneller und schneller und schneller und – ups, da steht ja der Mann im Weg! Was ist denn jetzt passiert? Mein Mädchen schon wieder am schimpfen. Weil ich ungefragt beschleunigt hätte und sogar angaloppiert bin – hab ich nicht gemerkt, es hat so Spaß gemacht, zu laufen! Tja und schon hatte sie was zum üben. Ich fand das voll schwer. Sie trabt so unendlich langsam! Hat mich einiges an Versuchen gekostet, bis ich das Schneckentempo halten konnte. Aber dafür gab’s dann einen Keks! Und wir haben noch ganz viel traben geübt. Und ich konnte noch einige Kekse ergattern. Mein Mädchen war für ihre Verhältnisse echt gut drauf. Obwohl mir das natürlich alles viel zu langsam ist aber ich verstehe schon, ich muss Abstriche machen. Das ist nur so schwer wenn es einfach mit mir durchgeht, versteht Ihr?

Nachher war ich aber doch ganz zufrieden. In der Wackelkiste hab ich auf dem Rückweg ein kleines Nickerchen eingelegt. Als mein Mädchen die Tür aufgemacht hat, hat sie gekichert und gesagt ich sei wohl doch ein bisschen müde jetzt. Was? Hm? Ach so ja. Kann sein. Aber schön war das, mein Mädchen, mich mal bisschen mit dir auszutoben!

Euer entspannter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 202

Am Montag hatten mein Mädchen und ich uns ja nicht so toll verstanden. Das ist bei uns echt selten. Aber wisst Ihr was ich an ihr mag? Sie ist lernfähig. Sie ist ja dann am Dienstag trotz Dunkelheit mit mir und meinem Spaziergehkumpel und seinem Mädchen eine kleine Runde spazieren gegangen. Und weil ich es mochte, dass sie am Dienstag auf mich gehört hat, bin ich am Mittwoch im Galopp zu ihr gelaufen (ok nach ein paar mal rufen, ein bisschen bitten lasse ich mich schon gern, aber dann komme ich ja auch!). Und ich war meeeeeeeega artig. Konnte wieder toll still stehen und Hufe geben und alles. Und dann kam die richtig gute Nachricht: obwohl sie sich vorgenommen hatte, das mit der Doppellonge zu wiederholen, hat sie es nicht gemacht. Weil sie zwischendurch Podcast gehört hatte (so ist sie: wenn es mit uns nicht läuft geht sie lesen oder Podcast hören und dann hat sie neue Ideen). Diesmal hatte sie was über Handarbeit gehört (so wie reiten vom Boden, Ihr wisst schon). Und jetzt hatte sie Lust, mehr Handarbeit mit mir zu machen. Und wisst Ihr was? Ich hatte auch Lust und hab mich total gut benommen. Normalerweise hasche ich ja gern mal mit den Zähnen nach ihr wenn sie so verführerisch nah an mir dran ist. Aber diesmal hab ich mich doll konzentriert (der Mann hat gelacht und gesagt ich würde eine lustige Nase machen wenn ich mich konzentriere. Der sollte mal selbst so was kompliziertes versuchen!). Und ich habe nicht ein einziges Mal nach meinem Mädchen gehascht!

Handarbeit heißt: alles in Zeitlupe machen und gaaaaaaanz doll konzertieren. Voll anstrengend!

Zur Belohnung ist sie dann aufgestiegen. Na eher aufgesprungen. Kann ich jetzt! Musste ich erst üben wegen der Balance aber jetzt weiß ich wie das geht. Dann hat der Mann mich ein Stück geführt. Uiuiuiui das ist aber doch ein bisschen schwieriger als ich dachte! Irgendwie wusste ich nicht so recht wohin mit meinen Füßen und es war ein einziges Gewackel mit uns beiden! Mein Mädchen ist dann auch nach 10m wieder abgesprungen. Eine Runde gehen, dann haben wir das wiederholt – da konnte ich es schon etwas besser. Danach hat mein Mädchen gesagt dass wir jetzt das mit der Handarbeit erst mal vertiefen für mein Gleichgewicht. Und später weiter machen mit der Reiterei. Aber nicht zu lange warten, mein Mädchen, ja? Wir wollen doch bald auf die langen Touren gehen, damit ich nicht wieder Burgkoller kriege!

Euer wieder gut gelaunter Sir Duncan Dhu of Nakel

Ausbildungsabschnitte

Duncan schwankt. Er hebt unkontrolliert einzelne Füße und hat sichtlich Probleme, das Gleichgewicht zu halten. Ich springe von seinem Rücken. Gerade hat Arnulf ihn ein kleines Stück geführt, während ich auf Duncans Rücken saß. Auf Video kann ich später sehen, wie ungeschickt Duncan seine Hufe gesetzt hat. Arnulf führt ihn eine Runde, dann versuchen wir es nochmal. Diesmal mit etwas mehr Tempo, so dass Duncan sich über die Geschwindigkeit einfinden kann in die Balance. Nach 10 Metern halten wir an und ich steige wieder ab, „Reitstunde“ beendet. Duncan ist psychisch stabil genug um so einen Versuch zu wagen und er hat genug Vertrauen in sich selbst und in mich um es unbeschadet zu überstehen. Aber das Ergebnis steht fest: Er braucht noch mehr Vorarbeit. Seine Balance ist noch deutlich zu schlecht um mich vernünftig tragen zu können.

Das war der zweite – bessere – Versuch.

Immer wenn ich unsicher bin wie es weiter geht, stelle ich mir vor, es wäre nicht mein Pferd sondern das einer Schülerin. Diesmal ist die Antwort ganz klar denn ich sage das ganz oft: Am Anfang der Ausbildung ist es meist so dass wir dem Pferd Dinge beibringen, die es sofort tun kann. Mal den Hintern rum nehmen, ein Schrittchen rückwärts gehen, auch ein einfaches seitwärts ist in der Regel für ein gesundes Pferd keine Herausforderung. So ein Jungspund braucht dafür nicht endlos viele Wiederholungen, das erklärt sich fast von selbst, wenn die Körpersprache des Menschen stimmt. Ich habe hier schon mal über wissen, können und wollen geschrieben. In den 2,5 Jahren, die Duncan jetzt bei mir ist, war es fast nie eine Frage von „können“. Außer auf psychischer Ebene: manchmal kann er sich nicht beherrschen oder konzentrieren. Aber auf körperlicher Ebene war das mit dem „können“ eigentlich nie das Problem. Aber jetzt ist es das. Und ich verstehe: Es ist wie bei mir und einem Handstand. Klar, ich weiß, wie man Handstand macht. Ich könnte auch einen Ansatz dazu zeigen. Bevor ich dann ganz flott wieder aus dem Gleichgewicht komme. Und da hilft die beste Anleitung und die schönste Motivation halt auch nix: ohne üben werde ich es nicht können. Wie oft ich den Handstand üben muss bevor ich ihn kann, hängt natürlich schon von der Anleitung oder Hilfestellung ab, die mir jemand gibt, aber das Üben kann mir keiner abnehmen – wenn ich Handstand machen will muss ich es tun.

Ich hatte gehofft, dass Duncans Balance gut genug ist, um mich ein kleines Stück zu tragen, aber ich wurde eines besseren belehrt. Vor das Reiten haben die Götter die Handarbeit gesetzt und davon steht jetzt deutlich mehr auf dem Zettel, das steht fest. Und wir werden jetzt zum ersten Mal ernsthaft an dem Punkt sein, an dem wir Übungen wiederholen, obwohl sie gut geklappt haben – einfach um des Trainingseffekts willen. Ich bin gespannt wie Duncan darauf reagiert.

Ist das Experiment „reiten“ damit schief gegangen? Keineswegs. Duncan ist trotz Geschwanke mit einem guten Gefühl nach hause gegangen, davon bin ich überzeugt. Da er Herausforderungen liebt, war das vermutlich ganz nach seinem Geschmack. Wissen werde ich das erst sicher, wenn ich wieder aufsteige (was bald der Fall sein wird, aber ich werde ihn nicht vorwärts gehen lassen). Und ich habe wieder eine Menge über mein Pony gelernt. Meine neue Forschungsfrage ist: wie sieht er aus und wie bewegt er sich wenn seine Balance gut genug ist – sprich: woran kann ich von unten sehen ob ich es von oben wieder probieren kann? Denn noch lange wird mein Pony im Wachstum sein und dadurch immer mal die Balance verlieren. Es wird meine Aufgabe sein, möglichst vorab schon zu erkennen, wann er mich nicht ausbalancieren kann. Und das kann ich jetzt üben – während er an seiner Balance übt. So haben wir immer was zu tun, auch in diesem neuen Ausbildungsabschnitt, in dem es zum ersten Mal um so etwas wie „Training“ gehen wird.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 201

Am Montag wollte mein Mädchen mit mir Doppellonge machen. Aber ich hatte keine Lust. Hab ihr immer gezeigt: schau, da ist leckeres Gras, schau, da ist der Ausgang….. Sie war echt genervt. Dann ist sie mit mir runter vom Platz und auf den Hof, dort eine Runde gedreht, wieder rauf auf den Platz – so wie neulich. War mir egal. Auf dem Hof hab ich ihr gezeigt: schau mal, da raus dann könnten wir schön spazieren gehen. Ich hatte nun mal einfach Lust auf einen Ausflug! Was ist daran falsch? Mein Mädchen war voll genervt. Ich auch.

Später hat sie dann gesagt, ich hätte wohl „Burgkoller“. Und hat sich mit dem Mädchen vom Spaziergehkumpel auf eine kleine Runde verabredet. Also sind wir Dienstag Abend im Dunkeln losgezogen. „Den Ritter lüften“ hat der Mann das genannt. Ja das hab ich gebraucht.

Im Dunkeln muss man aufpassen dass die Menschen einen sehen.

Wenigstens mal durchs Dorf marschieren, auch wenn es nur eine kleine Tour war. Lieber wäre ich ja mal so 12km gelaufen. Aber mein Mädchen sagt, laufen kann ich ja wohl auch zu hause und meine Kumpels spielen schön mit mir, da muss ich damit leben dass sie nicht immer ewig Zeit und Energie übrig hat neben mir her zu laufen. Dann hat sie wieder gesagt, wenn ich sie tragen kann, darf ich schneller Schritt gehen und überhaupt können wir dann viel weiter unterwegs sein. Ja Himmelherrgott warum steigt sie denn dann nicht endlich auf und reitet? Man man man. Für heute hat sie mir schon angekündigt dass wir die Doppellongenmisere von Montag aufarbeiten. Och menno. Und sie hat gesagt ich werde mich daran gewöhnen müssen dass wir durchaus auch mal auf dem Platz arbeiten. So ein Mist. Einziger Trost: sie hat versprochen dass ich ein Mitspracherecht habe WAS wir da so machen. Naja. Ich wette wenn ich „Gras essen“ vorschlage, sagt sie doch wieder nein. Ach man hat es schwer als Ritter heutzutage.

Euer burgkolleriger Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 200

Heute schreibe ich schon zum 200. mal Tagebuch für Euch und für diesen Eintrag habe ich passend auch eine ganz große Nachricht!
Ich hatte Euch ja erzählt, dass der Mann und ich gemeinsam meinem Mädchen ein Weihnachtsgeschenk gemacht haben. Das war nämlich so: Der Mann und mein Mädchen haben was mit Diego dem Großen und Merlin dem Zauberer auf dem Reitplatz gemacht. Danach war ich dran. Wir haben ein kleines bisschen Bodenarbeit gemacht. Am Ende springt mein Mädchen ja manchmal an mir hoch und liegt mit dem Bauch so quer über meinem Rücken. Der Mann hat das gesehen und hat gesagt, sie soll doch jetzt mal richtig aufsteigen. Er hat meine Zügel genommen und die Aufsteigehilfe hingestellt und mein Mädchen hat sich tatsächlich auf meinen Rücken geschwungen! Sie hat dann so ganz vorsichtig vorne auf meinem Hals gelegen, ist gleich auf der anderen Seite wieder runter und ich habe einen ganzen Sack voll Kekse kassiert.

Am nächsten Tag wiederholte sich das: erst waren Diego und Merlin dran. Als mein Mädchen Merlin zurück gebracht hat in den Paddock hab ich mich gleich parat gestellt und gesagt, dass es los gehen kann. Mein Mädchen hat gelacht und gesagt sie muss noch Equipment holen. Auch gut, ich warte so lange. Dann kam sie wieder und hat mich mit auf den Reitplatz genommen. Ich wollte ja gleich mit dem Aufsteigen anfangen aber sie wollte erst Bodenarbeit machen. Aber nur 5 Minuten. Und dann ist sie aufgestiegen – ganz richtig mit aufrecht sitzen und ein Bein rechts und ein Bein links von mir. Ich dachte wir reiten jetzt los aber Ihr kennt ja mein Mädchen. Naja. Jedenfalls gab es wieder jede Menge Kekse!

Weihnachtsgeschenk für mein Mädchen!

Und heute haben wir dann was anderes probiert: ich durfte frei in der Halle stehen und mein Mädchen ist ganz ohne Aufsteigehilfe auf meinen Rücken gehüpft! Das ist für mich nicht so einfach, dann ich muss das Gehüpfe ausbalancieren. Hatte ich aber schnell raus. Und dann gab es Kekse von oben – tipptopp! Danach war mein Mädchen ganz selig, weil ich das so fein gemacht habe. Ich war auch selig, wegen der Kekse.

Balance finden!
Jetzt hab ich es raus! Hüpf, mein Mädchen, hüpf!

Also Ihr seht: wir kommen der Sache näher. In Mini-Baby-Schritten aber immerhin!

Euer fast-schon-Reitpony Sir Duncan Dhu of Nakel

Freiwillig

In den letzten Jahrzehnten hat Pferdeausbildung sich stark verändert. Als ich als Kind im Reitverein reiten „gelernt“ (haha) habe, da hieß es „setz dich durch!“ und das bedeutete ganz klar: wende Gewalt an bis der Gaul tut was er soll. Meine damalige Reitlehrerin hatte allerdings – bei aller Gefangenheit in dieser traditionellen Art – auch schon ein, zwei andere Ideen. „Wer Arbeit will, soll Arbeit haben“ war zum Beispiel ein beliebter Spruch bei ihr. Ein Pferd, das permanent zu schnell war oder durchgehen wollte, wurde bei ihr nicht ausgebremst, sondern musste galoppieren, so lange bis es keine Lust mehr hatte. Ein erster Denkansatz in eine andere Richtung.

Heute wollen die meisten Reiter die Dinge anders tun. Die meisten haben verstanden, dass Pferde von Natur aus nicht ständig „testen“, widersetzlich, faul oder stur sind. Sondern dass es an uns liegt, Gründe für Verhalten zu erkennen. Schmerzen, Unverständnis oder Unvermögen zum Beispiel. Und dass es an uns liegt, unser Pferd zu motivieren, dass zu tun, was wir möchten.

Die Bandbreite ist riesig. Und allzu gern verwenden Menschen, die nicht so viel Druck machen wollen, das Wort „freiwillig“. Das Pferd soll das freiwillig tun. Und viel zu selten wird hinterfragt, was das denn eigentlich genau bedeutet. Ist es „freiwillig“ wenn ein Pferd eine Verhaltensweise zeigt um einen Keks zu bekommen? Ich finde man kann an diesem Punkt lange diskutieren. Denn Futter ist ein Grundbedürfnis und selbst wenn unser Pferd genug Futter hat ist besseres Futter ein wahnsinnig starker, tief verankerter Anreiz, zu handeln. Wenn mein Pferd umgekehrt etwas tut, um Unannehmlichkeiten aller Art zu vermeiden, ist das natürlich keineswegs freiwillig. Oder doch? Denn es könnte ja auch die Unannehmlichkeiten billigend in Kauf nehmen – was im übrigen öfter passiert als manch einer denkt. Zu beobachten bei den Pferden die stets und ständig unterm Elektrozaun nach Futter angeln, bis sie eine gewischt bekommen, sich dann einmal schütteln und von vorn anfangen. Wenn der Gegenanreiz hoch genug ist (leckeres Gras), geht die Rechnung trotzdem auf. Deswegen kann man so viele verfressene Ponys nur sehr, sehr schwer davon abhalten, unterwegs alles grüne essen zu wollen was sich anbietet – sie sind bereit, harte Strafen in Kauf zu nehmen. Wenn man ihnen nicht zuvor kommt, hat man praktisch keine Chance.

Ich stelle mir und meinen Schülern aber immer eine ganz andere Frage: wieso sollte Freiwilligkeit eigentlich so wichtig sein? Ich selbst bin jemand, der unglaublich gern auf dem Sofa sitzt und dem süßen Nichtstun frönt. Wenn alles freiwillig wäre, wäre ich wohl kein sehr aktiver Mensch. Aber die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, der Zwang, mir etwas zu essen zu besorgen und die Tatsache dass meine Muskeln sich schmerzhaft verspannen wenn ich mich nicht regelmäßig bewege, bringen mich in Gang und halten mich in Schwung. Aber halt nicht mehr als nötig. Während der Yogastunde war ich gern mal diejenige, die scherzhaft gefragt hat, ob nicht längst Zeit für die Schlussmeditation sei. Und mit manchen Schülern, die gern vor Beginn der Reitstunde schon bezahlen, pflege ich den running gag, dass ich mich nach Einnahme des Geldes verabschiede ohne dafür gearbeitet zu haben.

Als Duncan gestern Abend wieder mal andeutete, er könnte den Reitplatz jetzt auch verlassen weil er ja wohl alles toll und richtig gemacht hat (stimmte ja auch) war ich erst mal wieder im Vollfrust. Mein Pony soll doch Spaß haben am gemeinsamen Tun! Als ich aber später auf Merlin saß und der ganz genau das selbe Verhalten zeigte, war meine automatische Reaktion ganz anders: nö wir sind noch nicht fertig, bisschen Sport muss schon noch sein. Thema durch. Motivation kommt manchmal erst bei der Arbeit. Duncan stand derweil die ganze Zeit am Zaun und schaute uns zu. Viel interessanter ist aber, was wenige Minuten zuvor passiert war:

Ich hatte Duncan in den Paddock gebracht, Merlin geholt und vorbereitet. Dann war ich auf den Aufsteigestein geklettert, der direkt am Wall zum Paddock hin steht. Merlin stand einige Meter weg, Duncan auf Merlins Höhe auf der anderen Seite des Walls. Ich rief Merlin – mehrmals denn er war zu der Zeit schon nicht wirklich motiviert. Plötzlich sehe ich im Halbdunkeln eine Bewegung hinter mir: Duncan war gekommen und stand nun bei mir (wenn auch mit Wall und Zaun dazwischen). ER wäre bereit gewesen, nochmal loszulegen. Und das OBWOHL er vorher nicht amüsiert war als ich ihm mitgeteilt hatte, dass wir noch nicht fertig sind. Ja, er wollte eigentlich gehen, ganz klar. Aber anscheinend war es überhaupt nicht schlimm, dass ich ihn gezwungen habe, noch weiter zu machen.

Ich finde man muss solche Dinge sehr ernst nehmen. Niemals würde ich einfach darüber hinweg gehen ohne es zu sehen, wahrzunehmen und darüber nachzudenken. Aber es will beobachtet werden und die gelegentliche Äußerung, man habe das doch nun fein gemacht und könnte doch Feierabend haben bedeutet eben nicht, dass das alles grundsätzlich keinen Spaß macht und das Pony nur gequält wird. Was es aber bedeutet ist: hier ist das Ende der Freiwilligkeit. Sagen wir: spätestens hier. Genaugenommen war es schon viel weiter vorn. Aber spätestens da, wo ich meinem Pferd sage „ich sehe, du hättest Lust aufzuhören, wir machen trotzdem noch weiter“ ist es eben nicht mehr freiwillig. Die Frage ist: ist das schlimm? Und diese Frage dürfen wir uns immer und immer und immer wieder stellen und es liegt an jedem einzelnen, eine Entscheidung zu treffen, welche Antwort er seinem Pony gibt.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 199

Mein Mädchen ist aus dem Urlaub wieder da! Letztes Jahr bin ich fast geplatzt vor Energie und habe sie ordentlich genervt. Dieses Jahr hat sie sich deswegen schon vorgestellt dass es wohl wieder genauso läuft. Aber hey ich bin ja viiiiiiiiiel erwachsener geworden! Deswegen war ich heute ganz artig beim Spaziergang. Ich hab jetzt rausgefunden wie es geht! Ich soll nicht einfach am Strick ziehen oder mein Mädchen kneifen oder zum Gras sausen – aber es gibt eine wunderbare Alternative! Weil mein Mädchen nämlich auch schlauer geworden ist, kann ich ihr jetzt erklären wann mir das zu langweilig ist mit dem nebeneinander her dackeln. Und dann machen wir kleine Übungen. Bisschen antraben, bisschen vorlaufen, mal wenden, mal etwas seitwärts und am Berg mal rückwärts den Hang hoch. Zwischendurch einen Keks wenn ich es gut gemacht habe und manchmal eine wohl verdiente Graspause. Zack – alle glücklich! Mein Mädchen war soooooo stolz auf mich und hat dem Mann die ganze Zeit erzählt wie toll ich das mache und wie erwachsen ich schon geworden bin und wie viel Spaß das macht mit mir. Der Mann guckt dann immer bisschen komisch. Ich glaube ihm wäre es recht es so zu machen wie Diego der Große: einfach geradeaus marschieren und schweigend die Landschaft und das heute sogar sehr schöne Wetter genießen. Aber so was kann mein Mädchen nur selten, sie mag immer gern reden, vor allem wenn sie mich so toll findet.

Als wir dann zu hause waren hat sie allerdings den ersten Teil ihrer Drohung wahr gemacht. Sie meinte nämlich, ich bräuchte eine Generalüberholung! Ach du Schreck! Das heißt

  • Mähne entzauseln
  • Pelz auf Läuse checken (ich hatte da ja letztes Jahr ein klitzekleines Problemchen ….)
  • Hufe raspeln
  • Schweif waschen (weil ich wieder mal Probleme mit meiner Verdauung hatte)
  • Ordnungszöpfchen flechten

Davon hat sie dann gleich mal drei Punkte abgehakt. Und ich musste still stehen und mich befummeln lassen. Und das kann ich nicht leiden. Zum Glück weiß mein Mädchen das und es gibt Trost-Kekse. Und sie war schon wieder ganz stolz weil ich das sehr tapfer und erwachsen ertragen habe. Nur wenn sie mit der Bürste durch die Mähne gegangen ist hab ich den Kopf geschüttelt um ihr zu sagen dass das einfach zu doll ziept. Hat sie dann auch verstanden und es gelassen. Läusecheck habe ich so halb bestanden und wurde sicherheitshalber nochmal eingesprüht. Und dann hat sie mir Ordnungszöpfe gemacht – gleich zwei!

Ordnungszopf! Auf der anderen Seite ist auch noch ein kleiner.

Das ist nämlich immer ein Drama mir ein Halfter oder sowas anzuziehen, weil ich ja so viel Wallehaar habe und das dann immer ganz durcheinander gerät. Und ich kann es ja nun mal nicht leiden wenn man an mir rum fummelt schon gar nicht an der Mähne! Aber ich kann es auch nicht leiden wenn das Haar nicht richtig liegt. Deswegen habe ich jetzt diese Zöpfe bekommen und wir probieren mal ob es dann leichter geht. Bin gespannt!

Euer sehr erwachsener, bezopfter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 198

Ich wünsche Euch ein gutes neues Jahr, liebe Menschen!

Mein Start war prima, wir Ponys haben das neue Jahr um 0.00 Uhr mit je einer Möhre begonnen – toll oder? Bestimmt ein gutes Omen. Nun ist es also da, das neue Jahr.

Habt Ihr Euch was vorgenommen? Mein Mädchen und ich haben keine guten Vorsätze wie „mehr Kekse ans Pony geben“ oder „immer artig sein“. Aber so ein paar Pläne und Ziele haben wir schon. Wir sind uns in einem Punkt furchtbar einig: Es wird Zeit, dass ich mein Mädchen trage. Ich finde sie soll einfach aufsteigen und los. Aber Ihr kennt ja mein Mädchen, sie sieht das ganz anders. Weil ich ja noch sooooo klein bin. Quatsch, Mädchen, dieses Jahr werde ich 4 und das ist fast erwachsen! Aber mein Mädchen sagt, erstens werde ich erst Ende August 4 und das ist noch eine ganze Weile hin und zweitens ist 4 auch nicht erwachsen. Zumindest nicht erwachsen genug um die richtig großen Ausritte zu starten. Also stellt sie sich das mal wieder in Mini-Baby-Schritten vor. Ich hab mich da ja schon fast dran gewöhnt. So ist sie eben! Ich weiß ja: sie macht das weil sie mich lieb hat. Weil sie will dass ich uralt werde und dabei ganz gesund bleibe. Trotzdem ist es halt echt langsam wie sie das macht. Na gut. Besser langsam als gar nicht!

Ansonsten möchten wir überhaupt ganz viel zusammen machen. Ich möchte vor allem Abenteuer erleben. Mein Mädchen möchte vor allem an meiner Bemuskelung arbeiten, damit ich sie dann gut und unbeschadet tragen kann. Von immer nur geradeaus durchs Flachland marschieren wird das nämlich nix, sagt sie. Und Berge sind hier ja nicht so furchtbar viele.

Aber ich glaube, mein Mädchen und ich werden uns schon einig werden und das Jahr gut rum bringen. Wir vertragen uns doch meistens und finden gute Kompromisse zwischen ihren Wünschen und meinen. Und deswegen sage ich:

Start frei für 2022!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 197

Soooo liebe Menschen, jetzt ist das Jahr zu Ende. Zumindest nach Eurem Kalender. Warum das ausgerechnet heute sein soll, erschließt sich uns Ponys nicht, aber das macht nichts: vieles von dem was Ihr tut erschließt sich uns nicht. Nicht schlimm, so lange nur die Keksrate stimmt.

Ich habe dieses Jahr wirklich allerhand erlebt! Ich war im Urlaub, leider war ich aber auch im Krankenhaus. Ich war mit meinem Spaziergehkumpel unterwegs und ganz oft mit Diego dem Großen und unseren Menschen. Ich habe gespielt und bin gewachsen, ich habe mir gelegentlich eine Schramme zugelegt aber nix ernstes. Manchmal musste ich Ekelpaste schlucken, aber zum Glück haben die Kekse deutlich überwogen.

Insgesamt war es ein sehr gutes Jahr, finde ich. Mein Mädchen und ich haben neue Dinge ausprobiert, z.B. Doppellonge, Einparken an der Aufsteigehilfe und Fast-Aufsteigen. Oder zusammen mit Merlin Freiarbeit machen. Oder die Wippe mal anders benutzen. Oder fremde Pferde ignorieren. Ganz oft fand mein Mädchen mich großartig und mutig und wunderbar. Manchmal meinte sie, ich hätte Pubertät.

Ich hab gelernt, im Roundpen zu galoppieren und Blechkisten unter Brücken zu ertragen. Und ich hab gut zugeguckt wenn die großen Ponys was gemacht haben. Muss ja wissen wie das alles geht! Und ich habe eine neue Lieblingsklamotte bekommen! In grün, versteht sich.

Ganz oft habe ich für mein Mädchen ihre Sachen getragen – ihren Winterpelz, ihre Wasserflasche oder ihr Pausenbrot. Noch öfter haben wir darum diskutiert welches Gras ich mir unterwegs schnell nehmen darf und welches nicht und warum nicht. Ich habe ihr auch einiges beigebracht.

Ach ja, es war ganz schön was los dieses Jahr!

Aber im Wesentlichen habe ich mich auf meinen Hauptberuf konzentriert: Herzensreparateur. Und mein Mädchen sagt, ich mache das sehr gut.

Was habt Ihr wohl so erlebt, liebe Menschen? Schaut Ihr heute auch zurück und denkt darüber nach was das Jahr über so los war? Ich hab ja auch schon einiges für nächstes Jahr geplant. Aber darüber schreibe ich nächstes Jahr! Also morgen….

Und jetzt, liebe Menschen, kommt gut rüber ins neue Jahr. Vielleicht mit einem großen Rutsch, vielleicht aber auch lieber ohne. Das müsst Ihr selbst entscheiden. Wir sehen uns dann in 2022!

Guten Rutsch!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Weihnachtsgeschenke

Ich habe hier schon einmal etwas über Geschenke geschrieben, an Weihnachten vor 2 Jahren. Und Duncan hat Euch ja bereits erzählt, dass er und Arnulf mir ein gemeinsames Geschenk gemacht haben (was das war bleibt vorerst noch unser kleines Geheimnis). Und auch, dass Arnulf und ich uns nichts schenken.

Geschenke sind eine merkwürdige Sache. Wenn man – wie ich – eine Theologie-Professorin zur Schwester hat, wird es übrigens noch schwieriger. Denn wenn man die fragt, was eigentlich genau ein „Geschenk“ ist, bekommt man erst mal Experten-Antwort Nummer 1: „Das kommt drauf an“. Auf die Frage, worum es beim schenken geht. Wer wem schenkt. Hat es was mit der Beziehung zueinander zu tun? Hat das Geschenk wirklich praktischen Nutzen? Ist es ein altruistisches Geschenk und gibt es so etwas überhaupt wirklich oder zieht der Schenkende eben doch immer auch einen Nutzen aus dem Schenken? Wir haben locker eine halbe Stunde im Kreise der Familie philosophiert und doch nur an der Oberfläche gekratzt.

Können Pferde überhaupt Geschenke machen und wenn ja was wäre das? Hat Duncan mir etwas „geschenkt“? Und umgekehrt: wenn ich meinem alten Merlin seine größeren Mengen an Pamps serviere, die mich größere Mengen an Geld kosten – ist das dann ein Geschenk? Oder meine Pflicht weil er so lange so viel für mich getan hat? Und wenn ich ihn eines Tages erlösen lasse – obwohl ich selbst ihn vielleicht noch ein paar Tage länger bei mir haben wollen würde: ist das dann ein Geschenk?

Und wie ist es überhaupt in dieser verrückten Welt in der wir leben, in der (in unserem Land) so ziemlich jeder so ziemlich alles hat was er braucht und will – wie und was kann man da noch schenken? Deswegen schenken wir uns in der Familie in der Regel nichts. Gelegentlich gibt es ein Geschen, wenn einer etwas entdeckt was er unbedingt passend findet für den anderen. Dieses Geschenk verpflichtet dann weder zu einem Rückgeschenk noch zur Wiederholung. So ist alles entspannter und ich kann zunehmend weniger nachvollziehen warum so viele Menschen sich so viel Stress mit Geschenken machen. Andererseits erfordert es eine offene und ehrliche Kommunikation zu dem Thema, die vielleicht nicht in jeder Familie möglich oder erwünscht ist.

Bei den Pferden rede ich gern von Geschenken, die sie mir machen. Immer dann, wenn sie Dinge tun, die ich so (noch) nicht erwartet hätte. Wenn unverhofft etwas gut klappt oder wenn in einer haarigen Situation ein Pferd sich so verhält, dass niemandem etwas passiert. Finlays letztes großes Geschenk: er hat dafür gesorgt, dass außer ihm selbst niemand verletzt wird. Dass nichts NOCH schlimmeres passiert ist. Und dass ich noch – wenn auch kurz – Abschied nehmen konnte. Solche Dinge sind in meinen Augen Geschenke, die die Pferde mir machen.

Auch Duncan hat mir schon solche Geschenke gemacht. Z.B. als ich mich bei ihm abstützen durfte, weil ich vom Laufen müde war. Aber auch in einer Situation in der er sich erschreckt hat, während ich in einer Hand den Strick und in der anderen den E-Zaun hatte. Er hat sich sehr zusammengerissen um mich nicht umzurennen in dem Moment – ich glaube er wusste, dass er jetzt nicht losspringen darf. Die Grenzen zwischen konditioniertem Verhalten, Erziehung und Geschenken sind fließend. Und ich werde nie erfahren, ob Pferde wirklich Geschenke machen in dem Sinne wie wir sie empfinden. Andererseits weiß ich bei vielen Menschen auch nicht was sie empfinden wenn sie mir etwas schenken.

So bleiben Geschenke etwas rätselhaftes – selbst nach dem Auspacken. Aber wenn es sich gut anfühlt, wenn ich mich reich beschenkt fühle und das annehmen kann ohne mich schuldig zu fühlen, dann kann mir das ja auch letztlich egal sein. Und wenn ich meinem Pony dankbar bin, wird es ihm wohl auch egal sein, ob das Verhalten als Geschenk gemeint war oder vielleicht nur reiner Zufall. Ein dankbarer Mensch ist ein angenehmer Mensch. Insofern sollten wir vielleicht viel mehr Dinge als Geschenke sehen, einfach weil es unser aller Leben schöner macht.