Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 217

Das schöne Frühlingswetter macht uns ein bisschen müde. Frühjahrsmüde halt. Deswegen haben wir heute erst mal ein ausgiebiges Nickerchen gemacht. Aber wenn ich fertig bin mit schlafen, dann wird es auch für Diego Zeit aufzustehen! Finde ich jedenfalls. Mein Mädchen kichert immer wenn ich das mache, der Mann findet es sehr unverschämt. Mir egal! Wenn ich ausgeschlafen bin, weil ich was erleben da muss Diego wach sein!

Schönes Schläfchen

Genießt die Sonne, liebe Menschen!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 216

Mein Mädchen und der Mann sind schon wieder ganz nachdenklich und ein bisschen traurig. So ähnlich wie damals vor zwei Jahren, als ich angefangen habe, mein Tagebuch zu veröffentlichen. Wir Ponys wissen ja, was unser Job dabei ist: wir halten die Moral hoch. Wir sorgen dafür, dass Ihr auch mal an was anderes denkt als an Eure Ängste und Nöte. Zeigen Euch die schönen Seiten des Lebens und lenken Euch für eine Zeit lang ab von den Gemeinheiten, die die Welt manchmal bereit hält.

Also sind wir gestern fein spazieren gegangen, im wundervollsten Sonnenschein bei Vogelgezwitscher. Ach das war toll! Nur zu kurz für meinen Geschmack. Ich hätte wirklich den ganzen Tag so weiter laufen können. Wir haben auch einen schönen neuen Weg gefunden, auf dem ungefähr 100 Pfützen waren, die ich alle verkostet habe (Ich bin schließlich Pfützen-Feinabschmecker, Ihr erinnert Euch?).

Schöner neuer Weg!

Mein Mädchen hat derweil darüber nachgedacht, wie gut wir es haben. Und mir erzählt, dass sie sooooooooo froh ist, weil ich in so einer feinen Pony-Familie aufwachse. Wir sind nämlich immer nett zueinander. Klar, wir streiten uns auch mal. Meistens um den besten Heuhaufen. Dann legen wir die Ohren an und drohen uns. Manchmal reißen wir auch das Maul auf und zeigen unsere gefährlichen Zähne oder wir drehen uns um und treten aus. Aber wir zielen daneben, oder wir berühren uns nur leicht. Und so kommt es dass wir uns nie gegenseitig verletzen. Das macht man nämlich nicht. Und wenn es mal mit mir durchgeht und ich ein bisschen zu doll bin mit Merlin oder Caruso, dann kommt Gatsby oder Diego und sagt mir Bescheid dass das nicht ok ist, auch wenn Merlin und Caruso sich nicht so doll wehren können. Und deswegen, sagt mein Mädchen, bin ich so ein grundanständiger Kerl geworden, wegen meiner guten Erziehung. Bin schließlich Ritter und kein Räuber!

Als sie über all das genug nachgedacht hatte, konnte sie dann auch den Spaziergang genießen. Ich hab zwischendurch mal das Tempo erhöht, damit sie sich konzentrieren muss. Hatte ich schon mal erzählt, wie schnell Diego Schritt gehen kann? Wenn mein Mädchen Vollgas gibt, ist er noch am schlendern. Mein Mädchen hat geschimpft „mit euch kann man nicht gemütlich spazieren gehen – und damit meine ich euch alle drei!“ Da haben wir alle gelacht. Ach Mädchen, nicht mehr lange und ich trage dich. Dann gehe ich genauso schnell Schritt wie Diego. Und warte nur bis wir das Traben anfangen! Dann machen wir endlich mal Meile, da freue ich mich drauf. Dieses Jahr soll es endlich losgehen! Ich werde Euch – Achtung lustiges Wortspiel! – natürlich auf dem laufenden halten.

Bestes Sonntags-Wetter

Bleibt friedlich und lasst Euch nicht unterkriegen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Üben

„Ich konnte Finlay nun also von beiden Seiten im Schritt führen,
anhalten und rückwärts schicken. Der nächste logische Schritt war
der Trab. Aber noch bevor ich an dem Punkt war, das mit ihm üben
zu wollen, kam ein Tag an dem wir ihm die Hufe geraspelt hatten
und ich gerne sein Gangbild überprüfen wollten weil ich nicht
sicher war ob er lahmte.


1 Jahr alt (auf der Hengstkoppel)

Dazu will ich ihn am Halfter und Strick im Trab über die Koppel
führen. Da er es im Schritt in Dur und Moll kennt, habe ich keine
Bedenken, dass es auch im Trab klappen wird. Allerdings wird die
Trabaktion doch deutlich stressiger und aufgeregter als ich es
gedacht hatte. Ich versuche, Finn mit dem Stick von hinten
anzutreiben, erst geht er nicht, dann schießt er an mir vorbei,
rennt in den Strick, dreht sich um, glaubt, ich würde ihn
wegschicken und hat sehr viele Fragezeichen im Gesicht.
Ich hake es ab als „müssen wir noch üben“. Gelahmt hatte er nicht,
also keine Eile. Die Lösung kam Monate später von selbst zu mir…“

(Aus meinem immer noch unveröffentlichten Buch)

Damals, als mein Finlay noch lebte und ich das Buch gerade fertig schrieb, gab ich einigen Menschen Ausschnitte davon zu lesen. Eine Schülerin, die das Kapitel gelesen hatte, aus dem der obige Auszug stammt, gab mir eine erstaunliche Rückmeldung: „müssen wir noch üben“ war für sie ein Schlüsselsatz. Weil er so undramatisch ist. Kein „oh das hat nicht geklappt“ oder „das müsste er doch können“ oder „warum funktioniert das nicht“. Nur ein lapidares: „müssen wir noch üben“.

Eben jener Satz begegnete mir neulich wieder, im Podcast von Gut Hartenstein, beim Thema Verladetraining. Obwohl Anna zunächst erzählt, dass sie mit ihren eigenen Pferden das Verladen kaum übt, erklärt sie später einige Situationen die sie mit Berittpferden erlebt hat. Und an einer Stelle sagt sie, genau so lapidar wie es in meinem Buch steht, „muss noch geübt werden“. Kein Drama, nix schlimmes.

Warum wird so oft ein Drama daraus gemacht? Ich glaube, es hat etwas mit der eigenen Erwartung zu tun. Profis wie Anna wissen, wie und was zu üben ist und dass das funktionieren wird. Dass man vorher nicht unbedingt sagen kann, wie lange das dauert, aber dass früher oder später das Problem gelöst sein wird. Das macht zuversichtlich. Und da das Pferd auf diese Zuversicht reagiert, ist das Problem damit auch schon halb gelöst.

Und weil ich weiß, dass das so ist, gestehe ich nicht nur meinem Pferd zu, dass es Dinge üben muss, sondern auch mir selbst. Wenn ich im Freedom Based Training mal wieder zu langsam oder falsch reagiert habe und im Nachhinein bemerke, was ich eigentlich hätte tun wollen, dann tröste ich mich damit, dass ich so etwas eben noch üben muss, bis ich es richtig gut kann. Ich weiß, dass die Tatsache, dass ich verstanden habe, wann was zu tun ist, nicht bedeutet, dass mein Unterbewusstsein mir schon helfen kann, schneller zu reagieren. Ich weiß, dass es Wiederholungen braucht, bis es schneller geht. Und dass ich bis dahin damit leben muss, dass ich aus Sicht meines Ponys vieles falsch mache. Zum Glück bin ich in anderen Bereichen geübt genug um vieles richtig zu machen. Wäre ich das nicht, wäre ein junger Hengst sicher das falsche Modell für mich. Deswegen bin ich so dankbar, dass ich 20 Jahre von Merlin lernen durfte (und es noch tue), der aufgrund seines entspannten Naturells sehr viel mehr Fehler verzeiht als der energetische, manchmal sehr impulsive Ritter meines Herzens.

Vielleicht üben wir ja auch beide: ich übe, besser zu werden im Freedom Based Training, er übt, mit meinen Fehlern und Schwächen besser klar zu kommen. Vielleicht wird auch er eines Tages nur noch mit den Augen rollen, wenn ich es wieder mal verbockt habe, und genau wie Merlin oder Diego sagen „ach, Mädchen, ich weiß ja dass Du es gut meinst. Auch wenn Du Mist machst.“.

Üben hilft. Allerdings natürlich auch nur dann, wenn man das richtige übt. Deswegen zählt für mich zum üben auch die Erfolgskontrolle – durch mich selbst und durch jemanden der von außen drauf schaut. Jeder Reiter hat wohl schon einmal erlebt, wie falsch sich der richtige Sitz anfühlen kann. „Üben“ kann dann bedeuten, etwas, was sich falsch anfühlt so lange zu wiederholen bis der Körper es als richtig empfindet. Leider geht das eben auch in die andere Richtung und ruckzuck haben wir Blödsinn eingeübt. Deswegen kann üben immer nur ein Baustein sein, aber es ist ein wichtiger Baustein. Bei manchen Sachen reicht Verstehen, aber gerade wenn es etwas komplizierter wird, braucht es eben auch Übung. Und üben bedeutet nicht stumpfes Wiederholen. Üben kann in verschiedenen Versionen stattfinden und etwas sehr kreatives sein. Je mehr wir uns einfallen lassen, desto besser wird das geübte nachher klappen.

Duncan ist jetzt in einem Alter, in dem wir wirklich ans Üben kommen. Bisher ging es ja immer nur ums Verstehen. Jetzt wird es mal komplizierter – so ein Seitengang ist halt nix was man mal so eben versteht und dann perfekt kann. Da darf wiederholt und daran gefeilt werden. Und er ist bereit, das zu tun – im Gegensatz zu letztem Jahr, wo er Wiederholung voll blöde fand. Anscheinend ist die geistige Reife dafür jetzt da.

In der Reiterwelt scheint üben manchmal verpönt zu sein. Immer mal wieder meinen Menschen, wenn sie nur richtig sitzen und reiten oder die richtige Körpersprache haben, muss das alles von allein klappen. Aber wenn man den Profis genau zuhört, wird man lernen, dass die alle üben. Nicht nur mit ihren Pferden, sondern auch ständig für sich selbst. Eigentlich besteht fast alles, was wir mit den Pferden tun, aus üben. Und wenn wir es so betrachten, gibt es gar keinen Grund, sich zu ärgern, wenn etwas nicht klappt. Wir wissen dann nur, was wir mehr üben müssen – oder vielleicht anders. So wie bei Finlay damals, der mich lehrte, dass weniger mehr ist. Denn als wir dann das Antraben nur über ein inneres Bild probierten, klappte es auf Anhieb. Es war also in diesem Fall nicht ER der etwas üben musste, sondern ICH – nämlich meine inneren Bilder klar zu haben. Und daran übe ich bis heute.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 215

Unfassbar: es war heute trocken! Kein Regen! Naja bis nachmittags, da musste es dann doch noch ein bisschen nieseln. Wahrscheinlich aus Prinzip. Aber bis dahin war sogar ganz viel Sonnenschein! Und es stürmt auch nicht mehr. Mein Mädchen meint, der Wind wäre noch so kalt an ihrem Kopf. Sie hat ja nun mal keine vernünftige Mähne, die ihr das Genick wärmt und sie hat auch gar keine Haare in und an den Ohren – ach, Ihr Menschen seid und bleibt eben einfach eine Fehlkonstruktion. Bemitleidenswert. Na, also hat sie ihre aller peinlichste Mütze aufgesetzt, aber ich liebe sie trotzdem. Sie ist dann mit Merlin auf den Reitplatz gegangen und wir anderen haben ihr beim Reiten zugeschaut. Und als sie fertig war, hab ich ihr gesagt, dass ich jetzt auch was mit ihr machen möchte! Sie hat sich gefreut dass ich so viel Lust hab und hat gesagt, sie kommt gleich wieder. Ok Mädchen, ich warte hier! Sie ist dann auch alsbald wieder gekommen und hatte die grünen Leinen mit. Juhuuuu! Da stand ich gleich parat. Ich weiß ja: was grün ist, ist für mich. Also Gras auch, aber halt auch Equipment. Und schon ging es los mit Doppelkeks – ich meine Doppellonge. Mein Mädchen wieder voll begeistert von meinen Fähigkeiten, weil ich so fein fleißig und aufmerksam bin. Und dann haben wir wieder galoppieren geübt! Ihr meint, das muss ich nicht üben? Naja, ich gestehe, es ist halt schon ein Unterschied. Wenn ich draußen im Paddock galoppiere, dann mache ich das ja so wie ich meine. Also dann wenn ich gerade Lust habe und meistens ganz, ganz schnell und flach. In den Kurven dann mit Schräglage. Aber so möchte mein Mädchen das nicht – zumindest nicht wenn wir zwei zusammen was machen. Zum Zuschauen findet sie es schon ganz amüsant auch wenn sie immer aufhört zu atmen wenn ich der Kurve näher komme. Also ich glaube, es würde so im Kreis nicht wirklich funktionieren. Jedenfalls finde ich es nicht so einfach, den richtigen Zeitpunkt, dann den richtigen Galopp (es gibt ja zwei davon, ein rechter und ein linker!) und dann noch die richtige Linie zu finden. Aber so langsam hab ich den Bogen echt raus! Mein Mädchen „galoppiert“ dann ja immer ein bisschen mit, um mich anzuspornen. Sehr elegant sieht das ja nicht aus, aber ich finde es lustig, also galoppiere ich fleißig. Mein Mädchen hat mich wieder doll gefeiert. Und mir Kekse gegeben. Doppelkekse quasi. Läuft bei mir!

Hopp, Galopp! Juhuuu das macht Spaß!

Jetzt heißt es Daumen drücken dass das Wetter gut bleibt, dann können wir am Sonntag endlich wieder mit der Wackelkiste los fahren um ein Abenteuer zu erleben. Bis dahin werde ich mir aber noch die eine oder andere Beschäftigung bei meinem Mädchen bestellen. Mir ist nämlich langweilig vom vielen herumstehen und das Wetter ertragen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 214

Schon wieder Sturm! Na wenigstens hatten wir bis heute mittag Ruhe und so konnten wir Ponys uns etwas die Beine vertreten. Diego und ich haben ausgiebig gespielt, das war toll!

Schnell ein bisschen Energie los werden!

Aber dann ging es auch schon wieder los. Wind, viel Wind und soooooo viel Regen! Also ich bin ja Schotte, aber irgendwann ist mal genug Wetter! Wir sind dann alle in die Halle gegangen. Dort sitzen wir es jetzt aus. Mein Mädchen hat uns sogar dort eingesperrt. Wir machen „lange Heunacht“ und die Menschen machen „lange Filmnacht“ hat sie gesagt. Sie kommen dann immer mal vorbei und schauen nach uns. Ist nicht nötig, in der Halle ist es wunderbar ruhig, da können wir ganz entspannt abwarten bis der Spuk vorbei ist. Aber Ihr kennt ja mein Mädchen, sie will ganz sicher gehen!

Igitt!
Das Wetter hatte aber auch schöne Momente im Angebot!
Heute Nacht bleiben wir ausnahmsweise in der Halle eingesperrt. Macht nix, draußen verpassen wir nichts.

Also liebe Menschen, Ihr wisst ja wie es geht: Flügel einklappen, Schwerpunkt tief und abwarten bis es vorbei ist.

Kommt gut durch diese wilde Nacht!

Euer stürmischer Sir Duncan Dhu of Nakel

Maßstäbe

Ich habe mir einen kleinen Spaß gegönnt. Na gut, ich wollte auch wirklich Informationen und Antworten, aber es war schon auch ein kleiner Spaß. Hab mal auf Facebook in einer Gruppe von Distanzreitern nachgefragt, wie die ihre jungen Pferde anreiten und wann sie sie zum ersten Mal starten lassen. Und dann hab ich mal wieder gestaunt über Maßstäbe.

Damals, als ich zum ersten Mal die Idee hatte, dass Finlay und ich vielleicht Lust hätten, auf Distanzritt zu gehen – im Januar 2018 – da waren 6km „die große Runde“. Und wenn wir mal ein bisschen getrabt sind, kamen wir uns schon ganz sportlich vor. Als uns dann klar wurde, dass wir im September 28km in unter 4 Stunden schaffen müssen, stieg in mir leichte Panik hoch. Denn Finlay hatte einen wahnsinnig langsamen Schritt und sein Trab war jetzt auch nicht wirklich schnell. Und nachdem ich mit der App ungefähr herausgefunden hatte, wie schnell er in welcher Gangart ist, wurde mir klar: da müssen wir nicht nur eine Schippe drauf legen.

Schließlich haben wir es ja geschafft und sind unsere 28km in 3 Stunden und 12 Minuten geritten. Ach was war ich stolz auf mein Pony (und mich)!

Aber „echte“ Distanzreiter bezeichnen so was lächelnd als „Wanderritt“, wenn sie etwas netter sind, sagen sie „Trainingsritt“ dazu. Für echte Distanzreiter ist alles unter 80km eigentlich nur Aufwärmprogramm. Zum eingewöhnen für Anfänger wie mich. Oder halt auch mal um ein junges Pferd zu trainieren wobei sich da nun bei den Antworten auf Facebook gleich mal herausstellte: auch das eher nicht. Denn den Profis ist es zu wuselig wenn all die Anfänger da herum rennen. Die gehen lieber gleich eine 80km- Strecke wo das Starterfeld kleiner und alle viel routinierter sind. Wo gleichmäßiger geritten wird und man nicht ständig überholt wird oder überholen muss. Ach ja….

80km an einem Tag zu reiten ist für mich ja eher so ein Lebensziel. Vielleicht schaffe ich das ja mal mit Sir Duncan duracell dhu. Aber sicherlich nicht so bald – wenn überhaupt. Mir ging es ja tatsächlich um den ersten kleinen Ritt, 25km oder vielleicht 30km. Für mich etwas, worauf ich schon hin trainiere. Der Distanzreiter schmunzelt schon wieder. In deren Augen kann ein „normal gerittenes Pferd“ so eine Strecke völlig ohne vorheriges Training in der Zeit absolvieren. Fragt sich halt, was ein „normal gerittenes Pferd“ ist.

Für manche meiner Schüler ist eine Reitstunde in der wir nicht galoppiert sind, irgendwie verschwendet. Für andere ist der Galopp das große Ziel auf das sie ein Jahr lang hinarbeiten. Für manche ist es schrecklich und furchteinflößend, wenn das Pferd mal etwas angespannt ist, andere haben auch dann noch keine Sorgen, wenn ich längst das Weite gesucht hätte. Wenn mein Pony auf dem Anhänger mal ein paar Sekunden ramentert, ist das für mich ein Alarmsignal – andere finden es total normal dass es die ganze Fahrt über poltert und scheppert im Anhänger.

Ständig vergleichen wir Dinge die wir sehen, erleben oder tun. Wir legen unser eigenes inneres Maßband an und lesen etwas darauf ab. Das halten wir dann für wahr. Es tut uns gut, wenn wir gelegentlich jemand anders bitten, mal mit seinem Maßband nachzumessen und uns zu sagen, was er oder sie da sieht. Da können erstaunliche Dinge raus kommen. Wir müssen das Maß des anderen nicht glauben, gut finden oder akzeptieren. Aber es uns mal anschauen, das wäre schon gut. Denn ab und zu muss unser inneres Maßband neu geeicht werden. Und da es keinen Eichmeter gibt für diesen Zweck, müssen wir das selbst tun – mit einem Blick über unseren Tellerrand.

Bin ich trotzdem „Distanzreiter“ auch wenn ich „nur“ einen kleinen Einführungsritt reite, dafür ewig trainiere und es als große Leistung empfinde? In den Augen mancher vielleicht nicht. In meinen eigenen Augen schon. Und so schreibe ich an dieser Stelle zwei Kennzeichnungen an mein Maßband: „großartig aus meiner Sicht“ steht auf der einen Seite und „viel Luft nach oben“ steht auf der anderen Seite. Das ist ok. Und irgendwann werde ich vielleicht etwas anderes an diese Stelle schreiben, wer weiß. Dann steht da vielleicht „erledigt“ oder „leicht“.

Jetzt dauert es erst mal noch mindestens 1,5 Jahre bis es überhaupt so weit ist – aber wir brauchen schließlich auch Ziele, der Ritter und ich. Und dieses eine ist schon lange markiert, auch wenn mein Zielpunkt für andere vielleicht eher der Startpunkt ist.

Mit Finlay hatte ich 2018 dieses wunderbaren Trainingsjahr, in dem wir von Ausritt zu Ausritt längere Strecken geschafft haben und in dem sich Maßstäbe verschoben haben in der Zeit von Januar bis September. Das – nicht nur der eigentliche Distanzritt – macht für mich den Spaß am Distanzreiten aus. Zuschauen, wie man besser wird. Grenzen ausloten, überlegen, wie man noch besser werden kann. Beim Distanzreiten ist das so wunderbar objektiv messbar: Strecke und Zeit sind unbestechliche Richter. Aber auch für alle anderen Projekte die wir so haben, suche ich immer nach Kriterien, woran ich Verbesserung erkennen kann. Und auch die markiere ich auf meinem inneren Maßstab. Und den krabbeln wir dann kontinuierlich nach oben, Sir Duncan und ich. Und weil wir immer besser werden, kann es mir egal sein, wo wir uns auf dem Maßstab anderer Leute befinden – auch wenn ich aus Neugierde mal kurz nachgeschaut habe.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 213

Liebe Menschen, da kommt schon wieder ein Sturm auf uns zu! Oder wie wir hier in Norddeutschland sagen „büschen Wind“. Wir Ponys regeln das, indem wir unseren Schwerpunkt schön tief halten (das macht man, indem man viel Heu futtert). So werden wir nicht weg geweht. Ihr Menschen verkriecht Euch ja dann lieber in Euren Ställen – ich meine Häusern. Ich verstehe das, selbst wir Ponys stehen dann doch auch lieber drin, wenn wir die Wahl haben. (Und zum Glück haben wir hier ja immer die Wahl). Wenn Ihr dann gemütlich auf Eurem Sofa sitzt, könnt Ihr ja was schönes lesen. Wisst Ihr was vor zwei Jahren war? Da war auch Sturm! Und ich war noch winzig klein und noch gar nicht so lange hier. Da habe ich auch noch kein Tagebuch geschrieben, sondern mein Mädchen hat geschrieben. Aber Ihr könnt das ja nochmal lesen. Es ist immer noch wahr: ich bin hier dafür zuständig, dass Diego spielt. Und er kann das inzwischen richtig gut! Und ich bin auch für die Leichtigkeit es Seins zuständig bei meinem Mädchen. Gestern zum Beispiel hatte sie Februar-Blues. Keine Lust auf nix. Aber wir waren ja zum Spazieren gehen mit dem Spaziergehkumpel verabredet! Und so eine Verabredung lässt man nicht einfach ausfallen weil man keine Lust hat. Also sind wir los gefahren. Und ich habe einfach so ein, zwei kleine, besondere Momente eingebaut damit mein Mädchen merkt, dass sie den besten Schotten der Welt hat. Hat sie auch gemerkt. Und war nachher ganz doll gut gelaunt. Kann ich!

So also haltet Euch gut fest, klappt die Flügel ein, Schwerpunkt tief und ab aufs Sofa (wenn Ihr könnt).

Euer stürmischer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 212

Ach, das war ein schöner Sonntagsausflug! Das Wetter war sehr fein und wir sind endlich mal wieder mit der Wackelkiste los gezogen. Haben sogar ein paar neue Wege erkundet! Ich hatte wieder das Gebiss im Maul – nein damit meine ich nicht meine Zähne, die hab ich ja immer mit! Sondern das Metalldings. Einfach zum eingewöhnen nehmen wir das manchmal mit auf einen Spaziergang. Und wisst Ihr was? Ich hab jetzt sogar raus gefunden, dass ich damit Gras essen kann! Gewusst wie!

Und weil mein Mädchen gute Laune hatte, ist sie manchmal ein Stück mit mir getrabt. Ich weiß ja jetzt, dass ich nicht zu doll beschleunigen darf. Und ich hab auch noch was anderes verstanden: wenn sie sich an meinem Reitpad festhält und ihren Arm ein bisschen auf mir abstützt, kann sie länger durchhalten! Sie lässt sich dann nämlich von mir vorwärts ziehen. Früher fand ich das blöde. Aber jetzt hab ich das geschnallt! Und dann dachte ich: wenn sie sich doch eh an mir festhält, kann ich ja so schnell laufen wie ich mag oder? Verlieren kann ich sie ja dann nicht. Aber mein Mädchen sieht das anders. Ich durfte wieder nicht so schnell traben wie ich wollte und galoppieren war komplett verboten. Nun bin ich ja aber ein schlauer Ritter! Ich habe gemerkt, dass sie mich bremst, wenn ich zu doll beschleunige. Aber wenn ich nur so ganz nach und nach beschleunige, so Stück für Stück, dann merkt sie es erst gar nicht. Gaaaaaaaanz sachte am Gas…. naja irgendwann kriegt sie es doch mit, aber bis dahin bin ich schon ein gutes Stück schneller unterwegs als sie das geplant hat. Ausgefuchst, oder? Muss ja schließlich sehen, wie ich zu meinem Spaß komme! Sie trabt nämlich echt langsam, müsst Ihr wissen. Und leider auch immer nur sehr kurz.

Einen kleinen Film hat der Mann auch gemacht. Da war er vorne weg geritten und deswegen wollte ich erst recht schnell los, kann doch wohl nicht angehen, dass Diego uns abhängt! Mein Mädchen hat sich ganz doll bei mir abgestützt, deswegen hat sie so Schräglage. Sie hatte auf dem unebenen Boden nämlich Angst dass sie stolpert und hat sich bei mir abgesichert. Passt schon, mein Mädchen aber jetzt GAAAAAAAAS!

Lauf, mein Mädchen, lauf!

Euer schneller Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 211

Wisst Ihr was echt nervt? Dass mein Mädchen nie zufrieden ist! Immer sagt sie, ich soll wachsen. Wachsen, wachsen, wachsen. Voll öde, spielen und Abenteuer erleben macht doch viel mehr Spaß! Aber immer wenn ich an die Wand schaue, denke ich an mein Mädchen und dann weiß ich ja: sie freut sich, wenn ich wachse. Und ich mag, wenn sie sich freut. Bin schließlich Gentleman! Also was mache ich: ich wachse. Ihr zuliebe! So richtig mit fiesen Wachstumsschmerzen und müde sein und schlechter Laune und allem was dazu gehört.

Mein Mädchen hat mich auch angemessen bedauert und mir gelegentlich essen ans Bett gebracht.

Essen ans Bett. Danke mein Mädchen!

Jetzt bin ich vorerst fertig mit Wachsen. Aber was soll ich Euch sagen: Sie ist unzufrieden! Angeblich bin ich am falschen Ende gewachsen! Jetzt bin ich „überbaut“ sagt sie. Was? Die ganze Mühe war umsonst? Menno. Nein so hat sie es nun auch wieder nicht gemeint. Aber ich hätte vorne und hinten gleichmäßig wachsen sollen. Stattdessen bin ich aus Versehen nur hinten gewachsen. Ja, so was kann schon mal passieren! Ist doch kein Problem, Mädchen, ich hole das vorne locker wieder auf! Du weißt doch: mit viel gutem Futter geht alles. Also nicht maulen.

Ich hol das vorne wieder auf. Ist doch kein Problem!

Euer hinten schon ganz großer Sir Duncan Dhu of Nakel

Lücken

Vielleicht ist mein Ausbildungsstil etwas anders als der anderer Leute. Ich merke das dann, wenn ich ohne Plan und Konzept zu einer Schülerin komme und wir uns dann ratlos ansehen, weil die Schülerin auch keine Idee hat, was wir heute machen. Dann werfe ich einen Vorschlag in den Raum, der mir so spontan einfällt und mit erstaunlicher Häufigkeit treffe ich zielsicher ein Wespennest oder wie ich es lieber formuliere, ich mache ein Fass auf. Denn plötzlich zeigt sich eine Lücke – in der Ausbildung des Pferdes oder der Reiterin – und wir verbringen die Stunde (manchmal auch mehrere) mit dem Schließen dieser Lücke.

Im Gegensatz zu Ausbildern, die ein klares Ziel haben, die ein System unterrichten, das Schritt für Schritt aufeinander aufbaut bis das Ziel erreicht ist, sehe ich meine Aufgabe darin, Menschen und Pferde auf ihrem eigenen Weg zu begleiten, wohin er auch führen mag. Mir ist es ziemlich egal, was die beiden gern zusammen unternehmen. Ich habe für die beiden kein festgelegtes Ziel, außer dass sie gesund und glücklich eine schöne Zeit miteinander haben. Ich helfe, wo ich helfen kann und wenn ich es nicht kann, sage ich das. So einfach ist das. Und so schwer, denn darum kann ich nie so recht antworten wenn ich gefragt werde, was ich unterrichte. Vielleicht antworte ich nächstes Mal „ich schließe Lücken“.

Manchmal denke ich an Analphabeten. Es gibt ja tatsächlich in Deutschland eine beträchtliche Zahl an Menschen, die nicht (richtig) lesen und schreiben können. In Anbetracht von 9 Jahren Schulpflicht ist das unfassbar, aber es ist wahr. Und diese Menschen sind oft Meister darin, nicht aufzufliegen. Sie haben Tricks und Kniffe entwickelt, um die Lücke in ihrer Ausbildung zu kaschieren. Das ist sehr anstrengend und auch nicht unbegrenzt möglich, funktioniert aber bis zu einem gewissen Grad – zu einem enormen Preis in Form von psychischer Belastung einerseits und andererseits natürlich der Tatsache, dass solche Menschen weit unter ihrem eigentlichen Potential bleiben.

Und so geht es auch vielen Pferden – und Reitern! – denen an der Basis Wissen fehlt. Wie eine Schülerin, die seit Jahren reitet und mir nach der Stunde sagt, ich sei die erste gewesen, die ihr erklärt hat, wie man korrekt treibt. Wie all jene Schülerinnen, die zwar von korrekter Biegung träumen aber gar nicht wissen, was ihr Pferd dafür tun muss und woran sie merken, ob es sich wirklich biegt – weil es ihnen nie jemand gesagt hat. Und genau so geht es vielen, vielen Pferden. Pferden die nie gelernt haben, wie man mit Reiter elegant um eine Ecke kommt. Pferden, die ein Hinterbein nicht richtig wahrnehmen und nicht richtig in ihr Körpergefühl integriert haben. Pferden, die nicht verstanden haben, was die Hilfen, die man ihnen gibt, eigentlich bedeuten.

Lücken füllen ist etwas, was mir großen Spaß macht. Wenn Reiter und Pferd plötzlich strahlen, weil der Groschen, der vielleicht seit vielen Jahren fest hing, gefallen ist (wie neulich, als meine Schülerin sagte „da quäle ich mich 20 Jahre damit und dann kommst du und schon klappt es“). Oft ist die Lösung ganz einfach. Es muss einem nur mal jemand wirklich erklären. Aber wie die Analphabeten verstecken sowohl meine Schülerinnen als auch die Pferde oft die Lücken lieber, als nachzufragen. Schade! Denn das ist doch keine Schande – im Gegenteil. Eine Schande ist es dann, wenn ein Lehrer nicht antworten kann oder den Schüler als dumm abstempelt. Getreu dem Motto „dumme Fragen gibt es nicht, nur dumme Antworten“. Wenn ich als Lehrerin etwas nicht beantworten kann ist es wiederum meine Neugierde, die geweckt wird und ich kann mich selbst auf die Suche nach Antworten machen.

Lücken schließen ist etwas, was ich jetzt gerade mit Duncan mache. Denn ich finde einige Lücken. Und ich finde, dass einige Probleme die wir haben, in solchen Lücken begründet sind. Da ich beim longieren nicht 100% klar war, wo die Longe „zu Ende“ ist, also wo ich die Grenze setze, wie weit Duncan raus gehen kann, ist beim spazieren gehen eben auch nicht ganz klar wo der Strick zu Ende ist. Da ich beim Wippen immer nur „Kopf tief“ belohnt habe, gibt es keine Option den Kopf höher zu nehmen. Da ich beim Rückwärts immer nach ein, zwei Schritten zufrieden war, hat er nicht die Idee, länger oder energischer rückwärts zu gehen. Und weil ich immer das Stimmkommando dazu gegeben habe, ist eben doch nicht ganz klar, wie die Zügelhilfe dazu ist und wie er darauf reagieren soll. Was wiederum mit da rein spielt, dass er beim spazieren gehen nicht klar hat, wo der Strick zu Ende ist.

Lücken sind nichts schlimmes, sondern Lernchancen. Verbesserungsmöglichkeiten. Und oft bringt das Schließen einer Lücke uns so viel weiter als das üben einer neuen Lektion. Wenn ich jetzt die Zeit nutze, in der ich Duncan noch nicht reiten kann, um möglichst viele Lücken zu schließen, habe ich ein ganz sauberes, stabiles Fundament. Ein Pony, was sich wirklich gut auskennt und weiß, wie die Dinge im Zusammensein mit dem Menschen laufen. Und dann hat mein kleiner Ritter vielen älteren Pferden, bei denen sich niemand um die Schließung der Informationslücken gekümmert hat, einiges voraus.