Nudelsalat

Ich wandere durch die Gänge des Supermarkts und überlege, was ich wohl mal zu essen machen könnte. Nudelsalat! Den hatten wir ja ewig nicht! Im Kopf gehe ich durch, welche Zutaten ich brauche, welche ich zu hause habe und was ich noch kaufen muss.

Plötzlich kommt eine messerscharfe Erinnerung hoch und ich muss schlucken. Es würde nicht so viel Sinn machen, jetzt im Supermarkt los zu heulen, das würde meine Situation nicht verbessern, wenn dann mitfühlende Menschen auch noch fragen was los ist. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass mein Pony nun bald drei Jahre tot ist und dass es an jenem beschissenen Tag auch Nudelsalat gab? Als ich den Nudelsalat gemacht habe, war meine Welt noch heile. Als ich ihn gegessen habe, war sie kaputt. Und ich steckte in dieser Situation, die man Trauer nennt, in der alles falsch ist und man so gar nichts dagegen machen kann das alles falsch ist. Dieses Gefühl, dem man ausgeliefert ist, diese Scheiße (Entschuldigung) in der man steckt, gegen die es nichts zu unternehmen gibt. Bei den meisten anderen blöden Dingen die einem so passieren, gibt es ja Handlungsoptionen. Bei Trauer nicht. Mein geliebtes Pony war tot – einfach so – und daran war und ist nichts zu ändern.

Damals hatte ich oft solche Momente. Jetzt sind sie selten geworden. Normalerweise sind Erinnerungen an Finlay zwar traurig und wehmütig, aber nicht mehr so extrem schmerzhaft und überwältigend. Aber in den letzten Wochen sind so ein paar blöde Dinge passiert, die in der Summe dazu geführt haben, dass meine seelische Widerstandskraft nicht so gut ist. Dazu kommt, dass der eigentlich ja freudige Umstand, dass ich anfange Duncan zu reiten, dazu führt, dass ich wieder mehr an Finlay denke, an unsere gemeinsamen Ritte. Und am kommenden Sonntag hat Finlay Geburtstag. 11 Jahre alt wäre er geworden. Ich hoffe, der Ritter ist bis Sonntag wieder fit und hilft mir mit einem Ausflug durch den Tag.

Nun also Nudelsalat. Verdammt. Ich beschließe, trotzdem Nudelsalat zu machen, verwende aber andere Nudeln, ein bisschen andere Zutaten und – ganz wichtig – eine andere Schüssel als damals. Warum das so wichtig ist – ich weiß es nicht. Ich habe gelernt, solche Dinge so hinzunehmen, es tut ja niemandem weh und mir hilft es.

Und dann frage ich heute morgen nach Wunschthemen für den Blog und es kommt „Routine“. Man übt etwas 100mal und trotzdem klappt es nicht zuverlässig.

Manchmal übt man ja falsch. Zum Beispiel lernen viele Pferde, Dinge nur auszuhalten und sich nicht wirklich zu entspannen. Manchmal übt man auch einfach mit zu wenig Abwechslung. Dein Pferd steigt gut in den Anhänger, aber tut es das auch noch wenn Du einen Haufen Dualgassen kreuz und quer vor den Anhänger schmeißt? Manchmal braucht es einfach mehr Wiederholungen als gedacht und auch Rückschritte sind ja total normal.

Aber heute denke ich an Nudelsalat. Und an die unzähligen Pferde, die zu hause sehr gut in den Anhänger steigen, aber dann am Ende eines Kurstages, eines Ausrittes oder gar eines Klinikbesuches nicht mehr einsteigen wollen (obwohl man meinen könnte, sie wissen, dass es nach hause geht). Ihre seelische Widerstandskraft ist aufgebraucht und reicht einfach nicht mehr, um noch einzusteigen. Merlin zum Beispiel war so ein Kandidat. Er ist immer eingestiegen, aber ich wusste, dass er nach einem Kurstag eben seine 15 Minuten dafür braucht: ein Schrittchen vor, Pause machen. Atmen, entspannen. Noch ein Schrittchen vor. So hatten wir unseren Weg gefunden. Merlin hat ja auf Kursen immer alles gegeben, alles möglich gemacht, sich wahnsinnig ins Zeug gelegt. Und dann war der Akku einfach leer.

Unsere Pferde können es uns nicht sagen. Ich kann genau erklären, warum der Nudelsalat mich diesmal so viel mehr raus gehauen hat als sonst. Aber was unserem Pferd so zustößt in den 23 Stunden am Tag, die wir es nicht sehen, das wissen wir nicht. War die Stimmung in der Herde blöd? Hat das Wetter genervt? Zwickt es vielleicht irgendwo – nicht so schlimm dass wir Menschen das sehen würden, aber schlimm genug um zu nerven und Kraft zu kosten? Spielen die Hormone verrückt? Bei Wallachen vielleicht nicht so (wobei das auch nicht für alle Wallache gilt) aber bei Stuten und Hengsten ja durchaus normal. Vielleicht ist der Seelenakku schon fast leer und wir wissen es nicht. Und dann verhalten wir uns aus Sicht des Pferdes vielleicht auch noch ein bisschen doof – kommen zur falschen Uhrzeit mit den falschen Leckerlies oder so und schon ist Ende.

Routine ist das eine. Das andere ist, die Seele so zu stärken, dass genug Reserven da sind. Routine kann die Seele natürlich wiederum auch stärken. Aber vielleicht können wir aufhören, zu glauben, dass unsere Pferde nicht auch mal so etwas erleben wie ich mit dem Nudelsalat. Fast jedes Pferd trägt mindestens ein mehr oder weniger großes Trauma mit sich herum. Je älter das Pferd war als es zu uns kam, desto weniger wissen wir darüber. Und was so ein Trauma triggert, wissen wir in den seltensten Fällen.

Und auch ohne Trauma hat halt jeder seine Themen. Angst vor Spinnen beim Menschen, Angst vor fließendem Wasser bei Duncan.

Als ich neulich ein Stück geritten bin, kamen wir über einen kleinen Bach. Ich wusste, dass Duncan im Kopf schon viel getan hatte und schon ein bisschen „durch“ war im Kopf. Und dann glitzerndes Wasser. Duncan guckt besorgt, ich rede ihm gut zu. Dann macht es „klick“, er bleibt stehen schaut ganz entspannt das Wasser an (es gibt bei ihm einen ganz deutlichen Unterschied in der Art wie er schaut wenn er sich fürchtet oder nicht fürchtet). Demonstrativ schaut er hin und dreht sich dann zu mir um „das habe ich toll gemacht und deswegen bekomme ich jetzt einen Keks“. Ich wäre vor Lachen fast runter gefallen, aber natürlich hat er seinen wohlverdienten Keks bekommen. Der stärkt nämlich die Seelenkräfte ungemein und so konnten wir danach auch noch die Horden von Spaziergängern bewältigen.

Nach meinem Supermarkt-Nudelsalat-Erlebnis habe ich keinen Keks gegessen, aber mir anderweitig neue Seelenkraft geholt. Weil es einfach nötig war. Viel nötiger als Routine und Übung.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 231

Also halten wir mal fest: am Sonntag hat mein Mädchen mir versprochen, dass wir was Humpelfuß-taugliches üben. Montag ist nix passiert, Dienstag ist nix passiert…. Heute ist Mittwoch und wir haben zum ersten Mal was geübt! Und das wohl auch eher nur, weil Gatsby und Diego meinem Mädchen ein bisschen leid tun. Es geht mir nämlich schon wieder ganz gut, im Schritt laufe ich meistens normal und ich kann auch schon wieder ganz gut geradeaus traben. Davon abgesehen hat mich der Humpelfuß ja sowieso nie am spielen gehindert. Aber heute ist mir dann der Langeweile-Kragen geplatzt und ich habe mir ein neues Spiel einfallen lassen. Ich nenne es „Ping-Pong“ und es geht so: schnell zu Diego laufen und ihn ein paar Sekunden ärgern. Dann umdrehen, zu Gatsby traben und den ein paar Sekunden ärgern. Dann wieder zu Diego, dann wieder zu Gatsby. Das bringt Spaß! Als mein Mädchen das gesehen hat, musste sie lachen und hatte ein Einsehen. Wir haben dann wirklich ein bisschen geübt. Ich soll jetzt lernen, was ein Target ist, meint sie. Das heißt, ich soll meine Nase an das Dings halten was sie mir da hin hält. Hab ich gleich kapiert, weil es doch ganz ähnlich ist wie das üben mit dem Gebiss. Allerdings glaube ich, es ist doch nicht ganz das gleiche, denn irgendwie wollte sie diesmal nicht, dass ich das Dings nicht ins Maul nehme.

Nase dran, Keks kassieren. Manchmal versuche ich noch andere Sachen, könnte ja sein….

Ich hoffe, sie bietet mir jetzt wieder mehr Abwechslung. Ist ja nicht auszuhalten so! Ein Abenteuer wäre mal wieder fällig!

Euer fast gesunder und sehr gelangweilter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 230

Mein Mädchen hat mit mir geschimpft. Weil ich mich nicht schone mit meinem Humpelfuß. Dabei hat sie selbst gesagt mit einem Hufgeschwür muss man sich nicht unbedingt schonen. Aber ich glaube sie hat gedacht ich würde das doch tun, weil es halt weh tut. Dabei habe ich doch noch 3 gesunde Hufe übrig! Zwei Hinterhufe, auf die ich mich stellen kann – funktioniert einwandfrei. Muss nur beim Landen aufpassen, nicht zu doll mit vorne rechts aufzukommen. Und außerdem kann man ja auch auf den „Knien“ spielen (die ja anatomisch gesehen gar nicht meine Knie sind aber so sagt Ihr Menschen ja mal gern, weil Ihr nicht auf Euren Handgelenken stützen könnt und wahrscheinlich neidisch seid). Wenn man nämlich auf die Vorderfußwurzelgelenke geht (so heißt das, liebe Menschen!) dann kann man seinen Spielpartner (in diesem Fall Diego der Große) ganz vortrefflich von unten kneifen – ein großer Spaß! Und wenn man dann schnell wegrennen muss dann sieht man eben zu, dass man den Humpelfuß nicht so doll belastet. Mein Mädchen wollte Beweismaterial filmen aber es war zum Glück schon zu dunkel.

Na jedenfalls ist der Verband jetzt hin, durchgespielt sozusagen. Also musste sie mir einen neuen machen – den hat sie jetzt mit einer Extra-Lage gemacht. Sie macht ja immer vorher so einen „Boden“ aus ganz viel Klebeband und kommt erst dann zu mir zum wickeln, das ist einfacher. Ich war auch ganz artig beim einpacken, damit sie aufhört zu schimpfen.

Na der ist futsch.
Mein Mädchen hasst Basteln, aber das schafft sie gerade noch so….
….. weil es egal ist wie es nachher aussieht, Hauptsache es hält.

Jetzt spiele ich weiter. Ach komm, mein Mädchen, wenn ich depressiv in der Ecke hängen und dauernd „aua aua“ sagen würde, wärst du doch auch ganz unglücklich, gib es doch zu! Und da musste sie mir recht geben. Na also.

Euer (un?)vernünftiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 229

Mein Mädchen hat jetzt schon Osternaschi geschenkt bekommen. Dabei ist es noch zwei Wochen hin bis Ostern! Aber ich will mich nicht beschweren, denn für mich ist auch Naschi dabei und das beste ist: ich habe eine Möhre bekommen! Und die hält keine zwei Wochen. Deswegen hat mein Mädchen gesagt, ich darf sie heute schon haben. Sie hat die Möhre in kleine Scheiben geschnitten und gesagt, dass sie eine tolle Tour geplant hat auf der wir Brücke Level 2 üben können und dass ich die Möhrenscheibe auf der Brücke essen darf.

Na so was! Jetzt schon!
Steht extra drauf: Osterleckerlies für mich!

Aber daraus wird nix, denn ich habe einen schlimmen Humpelfuß! Der tut richtig böse weh, ich sage es Euch! Menno. Mein Mädchen und der Mann haben sich das angeschaut und gesagt, dass das wohl ein Hufgeschwür sein wird. Das ist nicht gefährlich oder schlimm, tut aber übelst weh. Da war erst mal eine Runde Mitleid fällig! Dann haben sie mir einen schicken Sauerkrautwickel gemacht, dabei habe ich die Möhrenscheiben abkassiert. Zu guter Letzt hat mein Mädchen mir dann noch kühlende Paste ans Bein geschmiert, damit das nicht anschwillt, das tut es manchmal wenn man ein Hufgeschwür hat, sagt sie. Ich kenn mich da ja nicht aus, ich hatte so was noch nie. Ich weiß nur, dass es doof ist. Aber der Verband ist sehr angenehm, der polstert das ab und mein Huf wird etwas aufgeweicht, das lindert den Druck da drin. Mein Mädchen sagt, in ein paar Tagen ist bestimmt alles schon vorbei. Na, ich werde berichten!

Wenigstens werde ich liebevoll betüddelt.
Der Verband macht es ein bisschen besser

Bis dahin hat sie eine Liste an Sachen die wir im Stehen üben können, weil ich ja jetzt nicht so gern laufen mag. Damit will sie mich bei Laune halten, bin gespannt! Ich berichte Euch später davon.

Euer humpelnder Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 228

Mein Mädchen kommt in den Stall und sagt: jetzt wo vielen Leuten das Autofahren zu teuer wird und sie aufs Pferd umsteigen wollen, haben sich die Verkehrsregeln geändert! Wir dürfen ohne TÜV-Plakette nicht mehr raus! Oje! Da wir nicht genau wissen, was uns da erwartet, haben wir schon mal ein altes Lehrvideo geschaut. Ok ich glaube, wir können die Tüv-Prüfung bestehen. Gut gucken können wir (wobei: Merlin der Zauberer wohl nicht mehr so, aber der geht ja auch nicht auf der Straße spazieren), rückwärtige Reflektoren haben wir, die können wir anbauen (da muss mein Mädchen sich nur nochmal nach der korrekten Höhe erkundigen) und Zahnschmerzen hat hier natürlich niemand! Wo wir doch so gut gepflegt werden. Unsere Bereifung ist sehr viel moderner als die Eisenbereifung des Pferdes im Film, das Gummi unserer Hufschuhe ist ja auch viel geräuschärmer und schadet dem Straßenbelag weniger.

Ich hoffe, dass zumindest Diego und ich unserer Tüv-Plakette anstandslos bekommen, damit wir dann auch wieder auf Abenteuer gehen können! Das Video von damals mit allen wesentlichen Informationen findet Ihr hier. Ist wohl anzunehmen, dass die neuen Bestimmungen sich an die alten anlehnen oder? Die haben sich schließlich schon bewährt!

Euer hoffentlich bald frisch betüvter Sir Duncan Dhu of Nakel

Unser Moment

Ich wusste schon länger, dass der Tag bald kommt. Und er kam. Einfach so, als wir an einem Sonntag Anfang März spazieren waren und ich zum Glück den Helm mit hatte (weil ich eigentlich ein Stück auf Diego reiten wollte). Da war es, das Gefühl: heute steige ich auf. Nach ein paar mal hüpfen und quer über ihm liegen klettere ich auf Duncans Rücken (sehr unelegant, wegen der Satteltaschen). Da sitze ich nun, mitten in der Landschaft, Arnulf hält den Ritter am Strick. Und wir sind uns einig, dass Arnulf mich ein Stück führt. Duncan geht sehr flott los, er ist wohl doch einen Hauch aufgeregt. Ungefähr 200m später hält Arnulf ihn an (auf mein Hooooo reagiert Duncan nicht) und ich steige ab. Wir gehen weiter, Duncan ist sehr, sehr flott, es dauert eine ganze Weile bis das Tempo wieder passt. Dann, ungefähr 20 Minuten später, wiederholen wir das ganze. Diesmal ist Duncan ruhiger unterwegs und reagiert sogar ein bisschen auf mein „laaaaangsam“. Ich bin glücklich, es war genau so schön wie ich es mir vorgestellt hatte. Duncan wirkt auch glücklich und sehr zufrieden mit dieser neuen Version von Abenteuer.

Eine Woche später sind wir wieder zusammen unterwegs und ich möchte wieder reiten. Wir versuchen, dass Arnulf Duncan als Handpferd nimmt, während ich mich tragen lasse, aber das funktioniert nicht gut – das Tempo passt nicht und alle haben zu wenig Übung in der Handpferd-Nummer. Duncan trägt es mit Fassung, aber schön und sinnvoll ist anders. Ich steige ab und laufe ein Stück. Dann steige ich wieder auf und es ist genau so wie damals, als wir mit Finlay zum ersten Mal so draußen unterwegs waren: ich sage zu Arnulf „gib mir einfach den Strick“ und schwuppdiwupp reite ich plötzlich frei durchs Gelände. Ich hab mir das ja gut überlegt, die Strecke ist weise gewählt. Es gibt dort kaum Gras am Wegesrand, das erspart mir eine Diskussion. Und der Weg ist so weit einsehbar, dass ich jeden Radfahrer, Reiter oder Hund früh genug sehe um absteigen zu können. Duncan ist sehr aufmerksam und bemüht, gar nicht mehr flott sondern eher langsam unterwegs und so reiten wir ein paar Minuten, ca 500 Meter bevor ich selig absteige und den Rest der Strecke laufe.

Das erste Mal frei reiten. Ein ganz besonderer Moment nach gemeinsamen 2,5 Jahren!

Den Rest der Woche schwebe ich glücklich durch die Gegend. Ich teile mein erstes Reitvideo mit ein paar Leuten von denen ich weiß, dass sie sich mit mir freuen. Auf social media teile ich es nicht und werde das auch vorerst nicht tun. Denn einige werden Schnappatmung bekommen wenn sie hören, dass ich mein Pferd mit 3,5 Jahren anreite. Viel zu früh, vor allem wo Highlandponys doch solche Spätentwickler sind!

Wenn ich eins in dieser Pandemie gelernt habe, dann, wie stark wissenschaftliche Erkenntnisse in der Öffentlichkeit verzerrt, falsch verstanden und nur in Ausschnitten zitiert werden.

Wie Ihr sicher schon mitbekommen habt, wenn Ihr meinen Blog regelmäßig lest, denke ich viel nach über das was ich tue. Ich mache nicht einfach irgendetwas, weil ich es schon immer so gemacht habe oder weil alle es so machen. Und so hat es seinen Grund, dass und wie ich jetzt anfange, Duncan zu reiten. Es gibt nämlich durchaus Studien zu dem Thema und die weisen auf ein paar entscheidende Punkte hin. Zu meiner Überraschung schadet es Pferden nicht, wenn man sie etwas früher anreitet, sie profitieren sogar davon. Allerdings gibt es ein paar Voraussetzungen, die dafür erfüllt werden müssen. Vor allem müssen sie viel freie Bewegung haben, also im Offenstall leben oder auf der Weide. Und sie brauchen Regenerationszeiten zwischen den Reiteinheiten, mindestens 48 Stunden. Außerdem ist langsames Anreiten (wenig überraschend) schonender als schnelles. Frau Prof. Uta König von Borstel hat zu diesem Thema geforscht und mehrere Studien zusammengefasst. Ich habe nicht nur diesen Artikel über ihre Arbeit gelesen, sondern sie auch per mail kontaktiert und eine sehr freundliche, ausführliche Antwort auf meine Fragen bekommen.

Und so entstand mein Plan. Manche Strukturen (vor allem Sehnen und Bänder) brauchen lange, um sich an neue Belastungen anzupassen, viel länger als Muskulatur, die gerade bei jungen Pferden sehr schnell aufgebaut werden kann. Da sich ohne den entsprechenden Reiz aber keine Struktur angemessen entwickeln kann, heißt das eben nicht, mit dem reiten zu warten, sondern ganz sachte anzufangen und nach und nach zu steigern. „Tragen lernt man nur durch tragen“ hat eine Ausbilderin mal gesagt (leider weiß ich nicht mehr wer das war) und der Satz ist mir im Kopf geblieben. Wie gut meine Bodenarbeit auch sein mag: wenn das Gewicht nicht dabei ist, bleibt das Ergebnis im Hinblick auf die Tragfähigkeit begrenzt.

Duncan darf mich jetzt also immer mal ein kleines Stück tragen – vorerst nur einmal in der Woche, später zwei mal. Bisschen reiten, lange laufen, nach und nach das Verhältnis verschieben. Gut überlegen, wo und wann ich reite: viel bergauf (was man hier im Norden halt so bergauf nennt), bergab nur sachte und kurz aber schon mal um die Koordination und Balance zu üben. Nach und nach auf unebeneren Böden. Sobald ich mich traue möchte ich anfangen, einige Meter zu traben, denn erfahrungsgemäß neigen Pferde dazu im Schritt „durchzuhängen“ wenn man einfach nur geradeaus reitet. Aber natürlich muss ich auch für den Trab einplanen, dass die Sehnen sich anpassen können müssen, also entsprechend kurze Reprisen wählen. Gegen das durchhängen würde auch ein kleines Schulterherein helfen, aber wann wir das umgesetzt kriegen weiß ich nicht, da ich vorerst nicht auf dem Platz reiten werde. Ob wir beide in der Lage sind im Gelände Schulterherein zu üben, werden wir sehen. Vielleicht klappt es ja, aber noch sind wir ein gutes Stück davon entfernt. Lenken und bremsen klappt hingegen schon fein, wenn man bedenkt dass ich jetzt insgesamt ungefähr 25 Minuten frei geritten bin. Zum Glück sind durch das Fahren vom Boden die Stimmkommandos für losgehen und anhalten so in Duncans Verhalten einzementiert, dass ich ihn darüber hervorragend steuern kann. Und so tasten wir uns jetzt voran in einem langsamen, stetigen Prozess unter dem wachsamen Auge unseres „Haus- und Hof-Osteopathen“.

Da ich mich dann immer mal ein paar Minuten von der elendigen Lauferei erholen kann, werden wir parallel dazu die Streckenlängen erhöhen können, so dass Kraft und Kondition weiter wachsen können.

Duncan findet es offensichtlich toll, wenn ich reite. Ich habe es schon bei einigen Jungpferden erlebt, dass sie stolz sind und sich gut fühlen, wenn sie endlich auch einen Menschen tragen dürfen. So auch bei meinem Ritter. Und so genießen wir unsere Reit-Meter gemeinsam und ich habe Hoffnung dass der Sommer sehr, sehr gut wird für uns.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 227

Ich glaube, die Zeitumstellung hat mein Mädchen durcheinander gebracht. Heute hat sie zur total falschen Zeit gefüttert. Und schlimmer noch: sie hat uns im Stall eingesperrt! Was soll das nun wieder? Aber dann klärte sich alles auf. Der Nachbar kam nämlich mit seinem Trecker, um die Weide zu putzen. Erst wurde sie gestriegelt und dann noch gebügelt. Und so sieht sie jetzt auch aus – keine Maulwurfshügel, keine Falten mehr. Können wir dann jetzt raus? Nein, also aus dem Stall schon aber nicht auf die Weide. Weil das Gras erst noch wachsen muss. Und so lange müssen wir noch warten. Menno.

Alles gestriegelt und gebügelt!

Heute abend kam dann auch noch ganz spontan der Tierarzt vorbei. Der hätte erst morgen kommen sollen, aber weil er gerade in der Nähe war, ist er heute abend schon gekommen. Wir sind alle geimpft worden. Impfen kann ich, da muss man einfach nur kurz still stehen, dann macht es einmal pieks und dann kriegt man einen Keks. Das ist leicht. Und unser Tierarzt ist auch echt ein netter. Was nicht heißt, dass ich ihn öfter sehen möchte, mir ist es recht, wenn er nur zum impfen kommt, das passt schon.

Jetzt soll ich erst mal nicht so doll spielen hat mein Mädchen gesagt, das tut man nach einer Impfung besser nicht. Pffffff mir doch egal! Ich spiele wann ich will und so doll wie ich will!

Euer frisch geimpfter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 226

Ihr Menschen seid wirklich ein komisches Völkchen. Ihr seid ja ganz besessen von der Zeit. Wir Ponys sehen es so: die Tageszeit teilt sich ein in die Zeit in der es hell ist und die zu der es dunkel ist. Dazwischen liegt jeweils eine Dämmerung, in der man gut aufpassen muss, weil Raubtiere dann besonders aktiv sind – alle Schatten und jedes Knacken im Gebüsch sind dann potentiell gefährlich. Den Rest des Tages teilen wir uns je nach Wetter ein mit schlafen, fressen, spielen und herum wandern. Die Jahreszeiten teilen sich ein in solche in denen man ein dickes Fell braucht und solche in denen man Schatten braucht. In unserem Fall beinhaltet das noch die Einteilung in Weidesaison und Heusaison.

Aber Ihr habt für sowas irgendwie gar kein Gefühl. Stattdessen schaut Ihr dauernd auf die Uhr. Und habt trotzdem nie genug Zeit. Immer ist es eilig. Und dann kommt Ihr zwei mal im Jahr auf die Idee, die Uhrzeit einfach zu verändern – von jetzt auf gleich! Das macht keinen Sinn.

Jedes Mal steht mein Mädchen dann im Stall und schraubt das kleine Kästchen auf. Was es damit auf sich hat? Naja, wir Ponys wollen ja gerne immer was essen. Dürfen wir aber nicht, weil wir sonst zu dick werden (angeblich). Deswegen kriegen wir 6 kleine Portionen am Tag. Und mit Tag meine ich den ganzen Tag – also auch die Nacht. Weil wir nicht solche Schlafmützen sind wie Ihr und nicht die ganze Nacht pennen. Mein Mädchen will aber die ganze Nacht pennen und uns nicht füttern. Und deswegen haben wir ein magisches Tor. Nachts stellen wir uns davor und murmeln „Sesam öffne dich!“ und wenn wir das lang genug gesagt haben, geht es auf.

Sesam öffne dich! Schade, nur schnöde Technik, keine Magie.

Na gut das war jetzt geflunkert. In Wirklichkeit geht es auf weil das kleine Kästchen dem Tor sagt, dass es auf gehen soll. Und an dem Kästchen muss mein Mädchen dann zwei mal im Jahr die Uhr verstellen. Jetzt im Frühling ist das gut für uns, dann geht das Tor nämlich früher auf als vorher. Aber im Herbst ist es blöde, da müssen wir dann gefühlt länger warten. Naja, wir gewöhnen uns schnell an die neuen Zeiten.

Trotzdem seid Ihr komische Gesellen, Ihr Menschen. Aber ich gewöhne mich langsam daran, ändern kann man es ja anscheinend eh nicht.

Euer verwunderter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 225

Ich habe jetzt ein „Huftäschchen“. Erst fand ich, Handtaschen sind was für Stuten. Ich bin doch Hengst! Aber mein Mädchen meint, moderne Männer haben auch oft Täschchen. Ihr Mann trägt seine am Bein wenn wir spazierengehen. Bei ihm heißt das „Reitertasche„. (An dieser Stelle eine unbezahlte Werbung, mein Mädchen und der Mann finden das Ding prima!).

Ich hab jetzt also ein „Huftäschchen“. Aber das trage ich nicht mit mir rum. Und es ist noch nicht mal neu – nein, Ihr wisst ja, ich muss immer die alten Sachen von meinem großen Bruder aufbrauchen! Das war mal eine Putztasche für unterwegs. Jetzt hat mein Mädchen fest gestellt dass alle meine Hufschuhe da genau gut rein passen. Und also ist das jetzt meine Hufschuhtasche. Mit Hufkratzer und Drahtbürste um meine Füße schön sauber zu machen vorm Schuhe anziehen. Praktisch, oder?

Mein Huftäschchen

Überhaupt ist gerade wieder „Equipment-Zeit“. Im Frühling kriegt mein Mädchen ja immer erst einen Aufräumanfall und dann gleichzeitig einen Umräumanfall und einen „wir könnten das alles besser und einfacher organisieren-Anfall“. Der Mann findet das manchmal unlustig wenn Sachen plötzlich woanders sind als vorher, aber meistens erkennt er dann im Nachhinein doch an, dass es besser ist als vorher. Mein Mädchen schmeißt dann auch immer viel weg (da ist der Mann auch nicht so für zu haben) oder sie verkauft oder verschenkt Sachen.

Bei uns Ponys macht sie dann auch immer was anders. Unser Winter-Schmatzofatz ist alle, jetzt gibt es Sommer-Schmatzofatz. Eigentlich schade, weil es im Winter immer so extra Leckereien gibt wie aufgekochten Leinsamen und im Sommer ist es immer ein bisschen knapper bemessen, weil mein Mädchen findet, wir brauchen da nicht so viel Extra. Ich zieh jetzt schon immer den Bauch ein wenn sie da ist, vielleicht kann ich sie dazu bewegen, einzusehen, dass eigentlich noch keine Sommersaison ist, weil wir ja noch nicht auf die Weide dürfen! Aber sie sagt dann nur, ich wäre zwar schlank, aber nicht zu dünn und sobald es auf die Weide ginge wäre ich eh wieder ruckzuck ganz schön rund. Hm, klappt irgendwie noch nicht wie es soll! Bis wir auf die Weide dürfen wird es noch 6-7 Wochen dauern sagt mein Mädchen – das ist doch ewig! Nicht dass ich bis dahin schon verhungert bin! Aber mein Mädchen lacht dann nur und sagt, das würde so schnell nicht passieren. Seufz.

Naja, wenigstens hat sie wieder einen schönen Wochenendausflug versprochen, das hebt meine Laune wieder.

Macht es Euch nett, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Führen

Ich weiß ja auch nicht wie Ponys das machen. Immer und immer und immer wieder. Es ist mein tägliches Brot damit, das zu beobachten und zu monieren und doch passiert es mir mit meinem Pony auch immer wieder. Das hat etwas magisches. Wie eine Schülerin mir schrieb „ein schlaues Pony verkauft die eigenen Ideen behutsam dem Reiter als die seinen“. Und dabei sollte es doch umgekehrt sein. Gutes Pferdetraining, so heißt es doch, bedeutet, die Idee des Menschen zur Idee des Pferdes zu machen. Nur dass viele Ponys darin halt so viel geschickter sind als wir. Und wir wollen ja, dass das Pony glücklich ist und uns mag und so. Und schon sind wir geneigt, unsere eigenen Pläne anzupassen an die des Ponys.

Das ist genau so lange in Ordnung, wie niemand darunter leidet. Das fatale ist, dass wir so oft übersehen, dass auch unsere Ponys darunter leiden, wenn es überhand nimmt, denn dann sind sie oft gestresst, weil sie eigentlich gar nicht so viel selbst entscheiden wollen, weil Regeln nicht klar sind und weil es Streit gibt, der gar nicht erst ausgebrochen wäre wenn der Mensch vorher eine Grenze aufgezeigt hätte. Spätestens in Corona-Zeiten dürfte jeder Mensch gefühlt haben, dass sich dauernd ändernde Regeln etwas sehr unangenehmes sind. Aber genau da liegt das Problem, denn wenn mein Pony nie still stehen muss, ich dann aber eine Wunde versorgen will und es einfach total nötig ist, dass es still steht, dann muss ich Regeln ändern und das ist blöd. Wenn mein Pony einfach so sowieso immer still stehen muss wenn ich es sage, habe ich das Problem nicht, weil das still stehen zur guten Gewohnheit wird. Aber oft kommt es uns halt so vor als würden wir unser Pony unterdrücken, weil es still stehen muss (oder andere Dinge artig erledigen).

Und ich bin auch wieder in diese Falle getappt. Duncan hat sich so nach und nach beim Spazierengehen ein paar Freiheiten erarbeitet und dann fällt mir auf, dass das so leider nicht funktioniert, denn wenn wir einem fremden Pferd begegnen und mein Pony plötzlich viele, viele Hormone hat, dann muss ich die Regeln ändern. Und das klappt dann natürlich gar nicht.

Nur, wie sind wir denn da wieder gelandet? Wo ich doch schon im Oktober 2020 darüber geschrieben habe dass damit jetzt Schluss ist?

Tja so etwas schleicht sich anscheinend immer wieder ein. Und immer wieder müssen wir uns selbst korrigieren, unsere Grenzen neu ziehen. Ich glaube, Ponys sind einfach wahrhaftig geschickt darin, Grenzen Stück für Stück zu verschieben. Das funktioniert in der Herde ganz genau so. So kann unser kleiner Caruso, der letzte in der Rangfolge, irgendwie doch immer tun was er möchte. Weil er so nett ist und gleichzeitig ein bisschen dreist, schneller als die anderen und mutig. Und die anderen gewöhnen sich fix daran, dass er halb unter ihnen durch krabbelt um zum nächsten Heuhaufen zu kommen, dass er der erste ist, der zur Schüssel kommt (Geschwindigkeit ist keine Hexerei!) und dann, wenn seine Schüssel leer ist, sein kleines Näschen einfach mit in eine Schüssel schiebt in der schon eine (größere) Nase ist. Würde ich das nicht verhindern, wären die anderen machtlos, weil er einfach so ist, wie er ist. Und weil alle ihn so gern mögen und ihm nichts tun, selbst wenn sie mal wütend sind. Es beruhigt mich ein bisschen, das zu sehen, weil ich denke: ich bin nicht die einzige, die auf solche Tricks herein fällt. Er ist lieb und sieht harmlos aus und damit erreicht er jedes beliebige Ziel.

Wenn mein pubertierender Schotte dann allerdings bei meinem Mann nach der winzigsten Ansage total artig ist, dann wird mir wieder klar: Zeit für den Reset-Knopf. Grenzen wieder klarer ziehen. Und ich sehe auch, wie entspannt mein Pony dann ist. Und weiß: ich tue ihm einen Gefallen damit. Im Gefühl kommt das oft nicht so an, selbst wenn der Kopf es weiß. Dann darf ich mich entscheiden, auf den Kopf zu hören und ausnahmsweise das Gefühl zu ignorieren.

Ganz passend dazu hat Maren Grote einen Artikel veröffentlicht. Es geht da zwar um Hunde aber die Parallelen sind unübersehbar. Und ich fühlte mich schon beim Lesen des Titels ertappt: „Führen ist nicht so mein Ding“. Genau. Weil Führen halt anstrengend ist und Verantwortung bedeutet. Und das ist genau der Grund weshalb die allermeisten Ponys zwar ständig versuchen, Grenzen zu verschieben, aber gar nicht „Chef“ sein wollen. Weder mit uns noch in der Herde. Ich sehe unglaublich viele Pferde, die Probleme damit haben, dass sie Herdenchef sein müssen, weil niemand anders den Job macht. Und wir Menschen sind nicht anders: über Politik meckern können wir alle, aber nur wenige haben Lust, den Job zu machen. So ist es nun mal. (Das heißt übrigens nicht, dass ich es falsch finde, zu meckern!)

Naja, also achte ich jetzt wieder darauf, mehr zu führen. Mehr selbst zu entscheiden, präsenter zu sein. Und Duncan ist zufrieden. Bis das Spiel von vorn los geht….