Vor einem Jahr

Als wir auf den Wald-Parkplatz fahren, kommen Erinnerungen in mir hoch. Wir haben hier lange nicht geparkt, sind sonst oft von der anderen Seite in den Wald gegangen. Aber heute müssen wir wegen des feuchten Bodens wieder hier starten. Und dieser Parkplatz und dieser Wald sind für mich voll gepackt mit Erinnerungen. Von diesem Parkplatz aus sind wir zum ersten Mal mit Finlay und Diego „fremd ausgeritten“. Unvergessen, denn gerade als ich von einem Baumstamm aus aufsteigen wollte, kamen zwei Friesenhengste vorbei, die das alles seeeeeehr aufregend fanden. Und ich hatte Zweifel, ob ich just in diesem Moment wirklich auf mein junges, unerfahrenes Pony aufsteigen soll. Aber Finlay war tiefenentspannt.

Auf diesem Parkplatz haben wir auch geparkt, als ich mit meiner Freundin die ersten Male los gezogen bin mit dem Distanzritt als Ziel vor Augen.

Viel später, als mein Finlay tot war, war es der erste Ausflug mit Duncan, ein absolut erstaunliches Erlebnis damals – heute für mich Normalität. Denn Duncan hat damals klar gezeigt, was seine Lieblingsbeschäftigung ist: fremdes Gelände erkunden. Ich werde nie vergessen, wie seine kleinen Öhrchen nach vorne gingen und er munter voran marschierte, interessiert an allem was es zu sehen, zu hören und zu riechen gab. Ich weiß aber auch noch, wie er dann müde wurde und anfing zu nerven wie ein überdrehtes Kleinkind.

Ein halbes Jahr später – vor gut einem Jahr – haben wir wieder an dieser Stelle einen denkwürdigen Spaziergang gemacht: Der Spaziergang bei dem ich beschlossen habe, einen neuen Lebensabschnitt für mein Pony einzuläuten – ihm mehr Grenzen zu setzen, ihn erwachsener zu behandeln. In dem halben Jahr dazwischen hatten wir so viel Routine erworben dass ich beschlossen habe, bestimmte Dinge vorauszusetzen und gutes Benehmen mehr einzufordern.

Nun sind wir also wieder dort. Und als wir los laufen merke ich, wie sich unser Verhältnis zueinander verändert hat. Ich habe mehr Vertrauen in Duncan, ich bin jetzt sicher, dass er weiß, wo die Grenzen sind. Er schiebt gelegentlich den „kleinen Zeh“ über die Linie, gerade so als würde er wissen wollen ob sie noch da ist und ob ich aufpasse. Aber ich bin überzeugt, dass er keinen großen, gefährlichen Mist machen wird. Und ich kann ihn viel besser lesen. Die Kommunikation zwischen uns ist routinierter, wir verstehen uns besser und schneller. Sein wacher Blick, sein hohes Tempo und seine Reaktivität sind für mich normal geworden. Duncan wird nie ein Pony sein, das verträumt neben mir her bummelt wie mein Finlay es getan hat. Und ich habe gelernt, diese ganz andere Art auch zu lieben und kann mir Duncan auch gar nicht anders vorstellen. Wir haben heraus gefunden, wie wir zusammen am besten spazieren gehen können. Und das ist ein gutes Gefühl.

Über zwei Jahre hat das gedauert. Und mir wird einmal mehr klar, wie viele Situationen wir noch zahllose Male wiederholen und üben müssen bis auch sie Routine werden. Aber immerhin: so ein Waldspaziergang ist schon mal eine Selbstverständlichkeit geworden. Und ich denke auch an diesen Artikel über die einhundert Wiederholungen und an all jene Schüler die oft meinen, ihr Pferd würde etwas können, nur weil es verstanden hat. Unsere Lehrer haben uns das damals in der Schule erzählt und wir wollten es nicht hören („wenn ich dich nachts um 2 wecke musst du mir das aufsagen können“). Vielleicht sind deswegen so viele von uns so schlecht gelaunt wenn es um Wiederholungen geht. Aber hey, wer möchte nicht 100 Spaziergänge mit seinem schönen Pony unternehmen? So tut wiederholen doch gar nicht weh.

Und tatsächlich wenn ich kurz durchzähle komme ich – je nach Zählart – auf ca 70 gemeinsame Spaziergänge zu denen wir mit dem Anhänger gefahren sind. Dazu kommen etwa 45, bei denen wir von zu hause gestartet sind plus zwei Kurzurlaube mit den entsprechenden Touren. Über 700 gemeinsam Kilometer in verschiedensten Umgebungen, Wetterlagen und Zusammenhängen hat es gedauert, dieses gemeinsam Gefühl aufzubauen.

Und daran werde ich denken, wenn das Training in Anwesenheit fremder Pferde sich schwierig gestaltet. Ich werde sagen „das mit dem Spazierengehen haben wir ja auch geschafft“ und werde wissen: Übung macht den Meister und die Meisterin. Und eines Tages werde ich zurück schauen und sagen: „schau mal, vor einem Jahr hat sich das noch ganz anders angefühlt“. Und ich werde wissen: insgesamt war es ein gutes Jahr.

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