Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 193

Früher hatten wir Ritter ja Pagen und Knappen, die uns zur Hand gegangen sind. Ritter-Azubis quasi. Heute hat man so was nicht mehr. Heute hat man ein „Team“ sagt mein Mädchen. Und ich finde ich bin da ganz gut aufgestellt.

Also Chefin über das alles ist mein Mädchen (ich stelle das gelegentlich in Frage, aber ehrlich gesagt ist es auch toll wenn sie die Verantwortung übernimmt, da lebt es sich doch sehr bequem). Dann ist da noch der Mann, der ist zuständig dafür mit mir und meinem Mädchen spazieren zu gehen, ihr ab und zu was zu erklären und ihr überhaupt immer mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Außerdem ist er mein Herrenausstatter wenn ich ein neues Kontenhalfter brauche und mein Osteopath.

Dann ist da das Mädchen von meinem Spaziergehkumpel. Sie ist die gestrenge Fahrlehrmeisterin und ansonsten die Abenteuerbegleitung. Und sie kümmert sich wenn mein Mädchen mal nicht da ist und ich was besonderes brauche.

Das Mädchen von Gatsby – meinem Schottenkumpel – ist zuständig für die Freitagsfütterung. Dann ist auch immer Großreinemachen im Stall, die fegt noch den letzten Halm aus der hinterletzten Ecke.

Des weiteren habe ich noch eine Patin, die hauptsächlich dafür zuständig ist, mir aus der Ferne Mut zuzusprechen und mich zu bewundern. Außerdem steckt sie meinem Mädchen manchmal ein paar Taler zu, die dann in die Spardose für besondere Anschaffungen wandern.

Und dann ist da noch meine Privat-Schneiderin! Wenn mein Kopf mal wieder in Richtungen wächst in die Pferdeköpfe normalerweise nicht so extrem wachsen und deswegen nix so richtig passen will, dann gibt mein Mädchen meine Sachen zur Schneiderin und die macht mir das. So wie damals mein Halfter. Diesmal hat sie mir das Sidepull genäht. Das hat früher Finlay gehört und der hatte nicht so kräftige Ganaschen wie ich. Aber bei mir wurde es schon ganz schön knapp! Jetzt hat sie mir einen neuen Backenriemen da dran gemacht. Wunderbar! So ist alles wieder komfortabel (aber nur wenn mein Mädchen beim Anziehen gut aufpasst, dass mein Bart sich nicht vertüddelt und hinterm Ohr alles richtig sitzt – ich kann das nicht leiden wenn die Haare ziepen oder mir der Genickriemen ins Ohr drückt!).

Ganz knapp im letzten Loch hat es noch gepasst.
Jetzt ist der Riemen komfortabel lang und mein Kopf darf auch noch etwas wachsen.

Zum „erweiterten“ Team gehören dann natürlich noch mein Tierarzt und der Dentist, außerdem natürlich die eine oder andere Reitlehrerin, die mein Mädchen und mich mal unterrichtet (momentan noch ohne reiten).

So, also da habe ich doch ein gutes Team, oder? Da lässt es sich sorgenfrei leben.

Euer gut versorgter Sir Duncan Dhu of Nakel

Vor einem Jahr

Als wir auf den Wald-Parkplatz fahren, kommen Erinnerungen in mir hoch. Wir haben hier lange nicht geparkt, sind sonst oft von der anderen Seite in den Wald gegangen. Aber heute müssen wir wegen des feuchten Bodens wieder hier starten. Und dieser Parkplatz und dieser Wald sind für mich voll gepackt mit Erinnerungen. Von diesem Parkplatz aus sind wir zum ersten Mal mit Finlay und Diego „fremd ausgeritten“. Unvergessen, denn gerade als ich von einem Baumstamm aus aufsteigen wollte, kamen zwei Friesenhengste vorbei, die das alles seeeeeehr aufregend fanden. Und ich hatte Zweifel, ob ich just in diesem Moment wirklich auf mein junges, unerfahrenes Pony aufsteigen soll. Aber Finlay war tiefenentspannt.

Auf diesem Parkplatz haben wir auch geparkt, als ich mit meiner Freundin die ersten Male los gezogen bin mit dem Distanzritt als Ziel vor Augen.

Viel später, als mein Finlay tot war, war es der erste Ausflug mit Duncan, ein absolut erstaunliches Erlebnis damals – heute für mich Normalität. Denn Duncan hat damals klar gezeigt, was seine Lieblingsbeschäftigung ist: fremdes Gelände erkunden. Ich werde nie vergessen, wie seine kleinen Öhrchen nach vorne gingen und er munter voran marschierte, interessiert an allem was es zu sehen, zu hören und zu riechen gab. Ich weiß aber auch noch, wie er dann müde wurde und anfing zu nerven wie ein überdrehtes Kleinkind.

Ein halbes Jahr später – vor gut einem Jahr – haben wir wieder an dieser Stelle einen denkwürdigen Spaziergang gemacht: Der Spaziergang bei dem ich beschlossen habe, einen neuen Lebensabschnitt für mein Pony einzuläuten – ihm mehr Grenzen zu setzen, ihn erwachsener zu behandeln. In dem halben Jahr dazwischen hatten wir so viel Routine erworben dass ich beschlossen habe, bestimmte Dinge vorauszusetzen und gutes Benehmen mehr einzufordern.

Nun sind wir also wieder dort. Und als wir los laufen merke ich, wie sich unser Verhältnis zueinander verändert hat. Ich habe mehr Vertrauen in Duncan, ich bin jetzt sicher, dass er weiß, wo die Grenzen sind. Er schiebt gelegentlich den „kleinen Zeh“ über die Linie, gerade so als würde er wissen wollen ob sie noch da ist und ob ich aufpasse. Aber ich bin überzeugt, dass er keinen großen, gefährlichen Mist machen wird. Und ich kann ihn viel besser lesen. Die Kommunikation zwischen uns ist routinierter, wir verstehen uns besser und schneller. Sein wacher Blick, sein hohes Tempo und seine Reaktivität sind für mich normal geworden. Duncan wird nie ein Pony sein, das verträumt neben mir her bummelt wie mein Finlay es getan hat. Und ich habe gelernt, diese ganz andere Art auch zu lieben und kann mir Duncan auch gar nicht anders vorstellen. Wir haben heraus gefunden, wie wir zusammen am besten spazieren gehen können. Und das ist ein gutes Gefühl.

Über zwei Jahre hat das gedauert. Und mir wird einmal mehr klar, wie viele Situationen wir noch zahllose Male wiederholen und üben müssen bis auch sie Routine werden. Aber immerhin: so ein Waldspaziergang ist schon mal eine Selbstverständlichkeit geworden. Und ich denke auch an diesen Artikel über die einhundert Wiederholungen und an all jene Schüler die oft meinen, ihr Pferd würde etwas können, nur weil es verstanden hat. Unsere Lehrer haben uns das damals in der Schule erzählt und wir wollten es nicht hören („wenn ich dich nachts um 2 wecke musst du mir das aufsagen können“). Vielleicht sind deswegen so viele von uns so schlecht gelaunt wenn es um Wiederholungen geht. Aber hey, wer möchte nicht 100 Spaziergänge mit seinem schönen Pony unternehmen? So tut wiederholen doch gar nicht weh.

Und tatsächlich wenn ich kurz durchzähle komme ich – je nach Zählart – auf ca 70 gemeinsame Spaziergänge zu denen wir mit dem Anhänger gefahren sind. Dazu kommen etwa 45, bei denen wir von zu hause gestartet sind plus zwei Kurzurlaube mit den entsprechenden Touren. Über 700 gemeinsam Kilometer in verschiedensten Umgebungen, Wetterlagen und Zusammenhängen hat es gedauert, dieses gemeinsam Gefühl aufzubauen.

Und daran werde ich denken, wenn das Training in Anwesenheit fremder Pferde sich schwierig gestaltet. Ich werde sagen „das mit dem Spazierengehen haben wir ja auch geschafft“ und werde wissen: Übung macht den Meister und die Meisterin. Und eines Tages werde ich zurück schauen und sagen: „schau mal, vor einem Jahr hat sich das noch ganz anders angefühlt“. Und ich werde wissen: insgesamt war es ein gutes Jahr.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 192

Wie ich Euch ja schon geschrieben habe, waren wir am Sonntag endlich mal wieder ausgiebig spazieren. Im Wald. 9km sind da zusammengekommen, zwecks Nascherei-Verbrauch (mein Mädchen will ja bald aufsteigen sagt sie und da darf sie nicht zu schwer sein! Allerdings sagt sie nun schon seit einer Ewigkeit, dass sie „bald“ aufsteigen will….).

Also wir sind da so durch den Wald gestapft und eigentlich war alles gut. Das Wetter war ok, sogar ziemlich warm, meine Laune war gut, mein Mädchen und ich haben ein paar lustige Übungen gemacht und zwischendurch haben wir um Gras gespielt (ich versuche dann immer, schnell genug zu sein um ein Hälmchen zu erhaschen, sie versucht, schnell genug zu sein um mich daran zu hindern). Aber irgendwann hatte sie keine Lust mehr auf das Spiel und wurde ungemütlich, also habe ich es lieber gelassen.

Es war alles ziemlich matschig und schlammig, überall Pfützen und rutschig war es auch. Und dann plötzlich hat mein Mädchen gesehen, dass mir einer von meinen schönen Schuhen abhanden gekommen war! Das ist noch nie passiert. Sie hat geflucht und gesagt, ich soll beim Mann und Diego dem Großen warten, sie läuft schnell zurück. Nach einer Weile kam sie wieder, sie hatte den Schuh gefunden.

Da liegt er, mein schöner Schuh!

Also ging es weiter. Es wurde schon ganz dämmrig und mein Mädchen war schon arg müde (wo ist bloß ihre Sommerkondition geblieben?). Wir haben geübt, dass Diego vorne weg läuft während ich grasen darf. Dann wenn Diego außer Sicht ist, gehen wir weiter. Ich finde dann immer, wir könnten uns mal beeilen, damit wir ihn einholen! Aber mein Mädchen findet das nicht. Sie meint, wir sind doch groß genug um auch ein Stück allein gehen zu können. Manchmal hab ich Diego dann vorne irgendwo gesehen aber dann auch wieder nicht. Diego und der Mann haben sich nämlich zwischendurch in den Büschen versteckt!

Schließlich hatten wir sie aber eingeholt und – oh Schreck! – da hat mein Mädchen gesehen, dass jetzt Diego ein Schuh fehlt! Also haben wir alle umgedreht und sind ein gutes Stück zurück gelaufen. Diego fand das erst voll blöd, weil er genau wusste, dass wir schon fast wieder bei der Wackelkiste angekommen waren. Mir war es einerlei. Mein Mädchen ist müde neben mir her geschlurft und hat den Schuh gesucht. Aber gefunden haben wir ihn nicht. Und weil es schon so dunkel wurde, haben wir schließlich wieder umgedreht und sind zurück zur Wackelkiste.

Mein Mädchen ist dann am nächsten Tag im hellen nochmal zum Wald gefahren. Da hat sie den Schuh gefunden, an einer von den Stellen wo der Mann sich mit Diego dem Großen versteckt hatte. Das kommt davon!

Zum Glück hat mein Mädchen auch Diegos Schuh noch gefunden.

Wir haben beide noch niemals unsere Schuhe verloren, mein Mädchen sagt, das liegt an dem vielen Matsch und dass wir dann bei so einem Wetter doch die Sicherheitsriemen an den Schuhen brauchen, die machen dass man sie nicht verlieren kann. Hoffentlich denkt sie dran! Ist nämlich doof wenn sie schlechte Laune hat wegen der Schuhe. Wo ich doch so artig war! Hat sie selbst gesagt.

Sie hat gesagt, ich wäre jetzt ihr Aschenbrödel. Was heißt das bloß? Dann hat sie gelacht und gemeint, das würde ja gar nicht passen denn ich wäre ja wohl der Prinz. Nun kapiere ich nix mehr. Aber ich sag mal so: hauptsache sie findet mich toll. Und das findet sie! Also alles im Lot.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 191

Liebe Menschen, ich wünsche Euch einen schönen 3. Advent! Es weihnachtet schon sehr, das merke ich daran, dass mein Mädchen jetzt öfter mal kleine Geschenke und Naschereien mit nach hause bringt, wenn sie von der Arbeit kommt. Ihre Schüler und Kunden geben ihr das. Das ist die Keksbelohnung die mein Mädchen bekommt, wenn sie ihre Arbeit gut macht. Diego der Große sagt, ich soll mal froh sein, dass mein Mädchen mich noch nicht reitet, denn die Menschen sind zu dieser Jahreszeit immer besonders schwer, wegen der ganzen Nascherei! Oh, da weiß ich aber was dagegen! Und deswegen haben wir heute auch endlich mal wieder einen Ausflug in den Wald gemacht und sind schön 9km gelaufen. Das war toll!

Und wisst Ihr was auch toll ist? Nicht nur mein Mädchen bekommt Weihnachtsnaschereien geschenkt: ich habe auch was bekommen!

Lecker Kekse – für mich!

Von dem schönen Spanier der uns besucht hat, Ihr erinnert Euch? Idolo heißt der. Und er hat mir eine Kekstüte gepackt, schaut mal! Das ist aber seeeeeeeehr lieb!

Danke Idolo!

Euer keksseliger Sir Duncan Dhu of Nakel

Verdoppelt

Mit Duncan zu arbeiten ist wirklich eine neue Herausforderung für mich. Schon vor 2 Jahren ist mir aufgefallen, dass er anders denkt als Merlin oder Finlay. Merlin und Finlay – beides Energiesparmodelle – hatten fast immer die Idee „das hat geklappt, jetzt schau ich mal ob die Hälfte reicht“. Sie haben immer etwas weniger Einsatz gebracht als zuvor und nachgefragt, ob das so wohl auch ginge. Das Training solcher Pferde ist sehr einfach, denn wenn man eine Situation erschafft in der das gewünschte Verhalten bedeutet, dass sie mit dem geringstmöglichen Energieeinsatz den größtmöglichen Gewinn erzielen, tun sie genau das was man möchte. Viele meiner Schüler, die verzweifelt mit ihrem „faulen“ Pferd zu mir kommen, sind erstaunt, wenn ich ihnen erkläre, dass diese Pferde wahnsinnig einfach auszubilden sind.

Sir Duncan hingegen macht das komplette Gegenteil. Er ist kein Energiesparer, er ist bereit, zu investieren und zu schauen was dabei herauskommt. Und das heißt: er verdoppelt. Und ich neige leider immer noch dazu, das zu vergessen. Beim Tempo haben wir das alles gut im Griff, aber bei anderen Fragen falle ich dann rein. So wie neulich an der Doppellonge:

Da er noch dazu geneigt hatte, sehr weit rein zu kommen und den Kreis sehr klein zu halten, hatte ich geübt, dass er raus gehen soll. Und leider verpasst, ihm zu sagen, wie weit. Ich hatte ihn gelobt fürs raus gehen und war dann einfach mit gegangen so dass er Platz hat. Und das habe ich nun davon. Denn als wir neulich wieder zusammen auf dem Reitplatz waren, hatten wir plötzlich Streit, weil Duncan ZU WEIT draußen lief. Unser Reitplatz ist nicht fest eingezäunt, sondern nur von einem Wall umgeben. Hätte ich ihn gelassen, wäre Duncan wohl über den Wall drüber geklettert. Weil er ja wusste: raus gehen ist gut! Das Problem war nur, dass ich das in dem Moment nicht verstanden habe. Ich war genervt über das Geziehe und Gezerre, Duncan war genervt von dem Geziehe und Gezerre und schon hatte sich ein handfester Streit entfacht. Na zum Glück konnten wir mit Arnulfs Hilfe die Wogen wieder glätten und einen guten Abschluss finden. Aber erst auf dem Weg vom Platz zurück wurde mir klar, WARUM das alles passiert ist. Und ich musste an dieses interessante Video denken

Die Zusammenarbeit mit Duncan wird nur funktionieren, wenn ich sein Echo korrekt berechne. Und die Formel für diese Berechnung ist ungefähr das Gegenteil von der Formel, die für Merlin gilt. So wie der Musiker in dem Video sicher erst üben musste um zu wissen, wann und wie laut er spielen muss, damit das passende Echo zurück kommt. Wie lang dauert es, bis eine Reaktion kommt? Und wenn ich einen lauteren Ton spiele, kommt er dann in Duncans Fall doppelt so laut zurück? Vielleicht ist Duncan auch so eine Art „Echokammer“ in der sich alles von selbst verstärkt. So wie das „Tal der Dämmerung“ in „Jim Knopf“, wo jedes Flüstern so hin und her geworfen wird, dass es schließlich zu einem riesigen Geschrei wird.

Jedenfalls habe ich mir fest vorgenommen, nächstes Mal früher an den Verdopplungseffekt zu denken und mich zu fragen, ob er zu diesem oder jenem Verhalten führen könnte. Bevor es Streit gibt.

Und jetzt muss ich meinem Pony erklären, WIE WEIT es genau raus gehen soll.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 190

Soooooooooo da isses!

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider….

Das extra mühsam ausgemessene Wunderteil. Das kann alles außer kochen und stricken, glaube ich. Alles dran, was ein Ritter wie ich so braucht: weiche Genickpolster, was zum Gebiss-dranhängen, jede Menge Platz zum rein wachsen, Ringe um Zügel dran zu machen (falls mein Mädchen in diesem Leben noch mit dem Reiten anfangen möchte) uuuuuuuuund natürlich mega wichtig: Beschriftung!

Damit jeder weiß, wie er mich anzusprechen hat. Nicht, dass die Leute wieder meinen, sie könnten mich „Dunci“ nennen oder so.

Am Sonntag haben wir das gute Stück dann auch direkt mal ausgeführt. Endlich wieder ein Spaziergang! Das wurde aber auch Zeit, mein Mädchen! Schneeregen von oben, Matsch von unten, da dachte mein Mädchen an eine kleine Dorfrunde. Aber zum Glück war der Mann dabei und der hat gesagt, wir gehen die große Dorfrunde (was sich so „groß“ schimpft bei knapp 6km. Reicht gerade mal zum warmlaufen!). Und ich habe mich erinnert, dass mein Mädchen mal gesagt hat, dass es ihr lieber ist, wenn ich ab und zu nach ihr hasche als wenn ich dauernd am Strick ziehe. Also habe ich NICHT am Strick gezogen und im Laufe der Zeit hat mein Mädchen dann auch kapiert was für eine große Leistung das ist, die ich da erbringe – bei dem Energieüberschuss! Wir haben unterwegs ein paar interessante Übungen gemacht aber die meiste Zeit bin ich artig neben meinem Mädchen her gedackelt. Und wenn ich es nicht mehr ausgehalten hab, hab ich halt nach ihr gehascht. Da muss sie durch, wenn sie so lang nicht mit mir spazieren geht! Pech! Ich bin ja auch so furchtbar nett, ich komme maximal mit meinen Zähnen an ihre Jacke. Ich würde sie niemals richtig beißen! Bin schließlich Ritter, kein Räuber. Trotzdem hoffe ich dass sie kapiert was ich ihr damit sagen will: ich brauche mehr Beschäftigung! Und jetzt wo ich so ein schönes, multifunktionales, grasgrünes Wunderdings habe, gibt es doch nun wirklich keine Ausreden mehr!

Euer gut eingekleideter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 189

Draußen ist es nass und rutschig und teilweise vereist. Wer soll da noch vernünftig spielen und rennen können? Meine Laune ist im Eimer. Hat mein Mädchen auch gemerkt. Also hat sie mir versprochen dass wir was in der Halle machen. Die ist klein, aber immerhin trocken und nicht rutschig. Und endlich hat es mal einen Vorteil, dass ich so klein bin – für mich ist da allemal genug Platz! Mein neues Zaumzeug ist auch da, Fotos bekommt ihr später, sobald das Licht mal gut ist. Jedenfalls liebe ich es! Es ist toll geworden. Und jetzt hier ein Video von meinem heutigen Sportprogramm – mit neuem Zaumzeug. Mein Mädchen war auch sportlich, gleichzeitig filmen und mich dirigieren ist nicht so einfach wie es aussieht! Aber ich mach ja immer alles richtig, also ist es vielleicht doch ganz einfach.

Hallensport ist angesagt!

Als ich alles richtig gemacht hatte, meinte mein Mädchen dass wir jetzt noch eine letzte Übung machen (Kopf tief nehmen, haben wir neulich schon geübt). Ich hab gesagt ich möchte das nicht machen. Ich wollte viel lieber dass mein Mädchen aufsteigen übt. Aber sie ist ja wirklich stur wie ein Maulesel. Nach einer Weile habe ich es dann gemacht aber ich hab so böse geschaut dabei, dass mein Mädchen die Botschaft verstanden hat: ich wollte einfach noch nicht Feierabend machen! Also haben wir noch ein paar Ründchen gedreht. Dann hab ich mich besser gefühlt. Ich hätte auch noch weiter gemacht, aber mein Mädchen meinte, ich hab das alles so toll gemacht, dass wir jetzt aufhören. Es gab sogar noch eine Schüssel für mich! Jetzt ist meine Laune nicht mehr im Eimer.

Euer besser gelaunter Sir Duncan Dhu of Nakel

Unterschätzt

„Das schaffen wir nie“ sagt meine Reitschülerin, die entsetzt auf die Hütchen starrt.

An einem Wochenende habe ich dieses Erlebnis gleich drei mal gehabt. Mit drei verschiedenen Pferd-Mensch-Paaren und drei verschiedenen Übungen. Die einzige Gemeinsamkeit war, dass ich Hütchen aufgestellt hatte und dass nach dem Erklären der Übung eben jener Satz fiel „das schaffen wir nie“. In allen drei Fällen haben Pferd und Mensch die gestellte Aufgabe wunderbar gemeistert, im 3. oder 4. Anlauf. Und in keinem der drei Fälle ist die Reiterin danach vor Freude vom Pferd gesprungen, in Tränen ausgebrochen oder war auch nur im geringsten stolz – alle hatten sie was zu meckern. Es war nicht gut genug. Ich musste zu doll ziehen. Es war nicht elegant. Alle drei hab ich mir vorgeknöpft: wie kann das sein? Man steht vor einer Aufgabe, die man für nicht schaffbar hält. Dann erledigt man die Aufgabe im 3. Anlauf. Und man freut sich nicht? Man springt nicht ab und küsst seinem Pferd die Hufe weil es einem geholfen hat, etwas möglich zu machen was man für unmöglich hielt? Man flippt nicht völlig aus, stößt mit Champagner an und leert die Kekstasche? Warum?

Wenigstens ein „wow, das hätte ich nicht gedacht, dass uns das gelingt“ wäre ja schön.

Ich äußere mal einen Verdacht: wenn wir mehr feiern würden, wenn wir etwas unerwarteterweise eben doch schaffen, dann würde unser Gehirn das mehr abspeichern. Und im Anblick der nächsten schweren Aufgabe sagen: „wir haben schon oft Dinge geschafft, die wir für nicht machbar hielten. Von denen wir dachten, wir können sie (noch) nicht. Ich bin sicher, wir schaffen das auch diesmal.“ Dann würde unser Gehirn kurz pausieren und anschließend dazu sagen „vielleicht nicht im ersten Anlauf. Aber bestimmt im 3. oder 4.“

Das selbe gilt für unser Pferd. Was vermitteln wir ihm? Das selbe was wir uns selbst vermitteln! Deswegen bin ich bei meinen Reitschülerinnen, die sich allzu gern selbst kritisieren, dazu übergegangen zu sagen „wenn du dich selbst nicht loben willst, tu es wenigstens für dein Pferd. Und hör wenigstens für dein Pferd auf, dich selbst zu kritisieren, denn wenn du dich selbst kritisierst, fühlt dein Pferd sich kritisiert“. Und ich möchte hinzufügen: das selbe gilt fürs Unterschätzen. Wenn du dich selbst unterschätzt, unterschätzt du auch dein Pferd.

Und wenn wir unser Pferd nicht feiern dafür, dass es mit uns zusammen unmögliches möglich gemacht hat – warum sollte das Pferd dann die Anstrengung wiederholen? Warum sollte unser Pferd sich mutig in eine schwierige Übung stürzen, das entstehende Chaos aushalten, überleben, dass unsere Hilfen nicht so fein sind wie gewohnt, wenn danach doch nur wieder Kritik kommt?

Viel zu oft übersehen wir, wenn unser Pferd großartiges leistet. Mein Pferd hört zu, obwohl es abgelenkt ist? Mein Pferd bleibt stehen obwohl es Angst hat? Mein Pferd bemüht sich um Gleichgewicht anstatt einfach seinem Schwerpunkt hinterher zu laufen? Das alles sind doch Gründe zum feiern – genauso wie wenn uns gemeinsam eine Übung gelingt, die wir für nicht machbar hielten.

Bei allem Anspruch den ich an meine Pferde habe (und ich weiß, der ist nicht klein!) weiß ich doch, was für mein Pferd schwierig ist. Und wenn etwas schwieriges gelingt oder mein Pferd sich zumindest redlich darum bemüht, dann wird gefeiert. Ohne wenn und aber. Am Ende der Party können wir dann besprechen, was wir nächstes Mal besser machen können. Aber das kommt eben erst dann, wenn der Champagner ausgetrunken und der letzte Keks verdrückt ist – bildlich gesprochen. (Nicht dass ich jemals Champagner trinken würde).

In diesem Sinne: feiert eure Pferde, feiert euer Zusammensein und feiert was ihr gemeinsam erreicht! Und übrigens: Kein erreichtes Ziel ist zu klein zum feiern.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 188

Mein Mädchen hatte Schnupfen. Und deswegen war sie fast nur auf dem Sofa und fast nie bei uns. Und ich hab sooooooooooo viel Langeweile und überschüssige Energie! Die muss irgendwo hin. Ich hab also ganz viel gespielt. Vor allem mit Diego dem Großen und meinem Schottenkollegen Gatsby (den seht ihr hier im Video). Mein Mädchen kann da immer gar nicht hingucken. Weil der Boden so rutschig ist, dass wir ständig unsere Füße wieder einsammeln müssen, weil sie uns abhauen wollen. Aber hey, wir haben das drauf! Hab dich nicht so, mein Mädchen!

So eine ordentliche Toberunde (oder zwei, oder drei) ist gut gegen den Novemberblues! Solltet ihr auch mal probieren, liebe Menschen!

Zum Glück ist sie jetzt endlich wieder fit und wir machen was zusammen. Neulich haben wir wieder Doppelkeks Doppellonge gemacht. Sogar mit ein bisschen Galopp! Da war mein Mädchen schon wieder sooooo stolz auf mich! Und dann hat sie die Doppellonge mal anders verschnallt und wir haben Richtungswechsel geübt. Kann ich auch. Mein Mädchen aber nicht. Sie hat ganz doll die Longe vertüddelt und dann geflucht und geschimpft weil sie es nicht hinkriegt. Ich hab dann Kekse bekommen, weil ich so geduldig war. Läuft bei mir!

Aber wisst ihr, was ich am tollsten finde? Wenn sie mir am Ende einmal auf den Rücken hüpft. Dann liegt sie quer über meinem Rücken und ich balanciere sie aus. Das fühlt sich schon sehr erwachsen an, finde ich – fast wie reiten. Bald… bald….

Bis dahin vertreibe ich mir weiter die Zeit mit Spielen. Wenn es draußen zu rutschig ist, spielen wir auch mal im Stall. Aber das will mein Mädchen dann auch wieder nicht, weil wir dann die Äppel total durcheinanderbringen. Man kann es ihr nicht recht machen!

Alles durcheinander….

Egal, wir vertragen uns trotzdem gut, mein Mädchen und ich.

Gut gelaunte Novembergrüße von Eurem Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. ich möchte aber anmerken, dass wir eine halbe Ewigkeit nicht richtig spazieren waren – da muss ich doch noch mal ein ernstes Wörtchen mit meinem Mädchen reden! Schließlich würde so ein kleines 12km-Ründchen auch die überschüssige Energie in gute Bahnen lenken, das müsste doch in ihrem Sinne sein!

Zeitplan

Als diese [füge hier ein Schimpfwort Deiner Wahl ein]- Pandemie los ging und ich anfing, mich in die ersten Informationen zu vertiefen, wurde mir sofort klar, das das lange dauern wird. „Stell dich auf mindestens 2 Jahre ein“ habe ich zu Arnulf damals gesagt. In meinem Umkreis wurde ich zum Pessimisten abgestempelt. Aber die Tatsache, dass ich schon zu Beginn sicher war, dass wir unter 2 Jahren nicht aus der Nummer raus kommen, verschafft mir jetzt einen (kleinen) psychischen Vorteil gegenüber denen, die dachten, das alles sei nach ein paar Wochen oder maximal Monaten überstanden. Und als eine Schülerin neulich mit ihrem Pferd geschlagene 35 Minuten an einer scheinbar (!) einfachen Aufgabe herum knabberte, musste ich daran denken wie es mit der Pandemie ist. Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir dieses Jahr noch damit fertig werden und also bin ich zumindest in diesem einen Punkt nicht enttäuscht (über all die anderen Punkte schweige ich an dieser Stelle). Und so war es eben auch mit der scheinbar einfachen Übung: Meine Schülerin fand, sie hätte unglaublich lang gebraucht, aber ich konnte ihr versichern, dass sie da nicht die erste war, bei der das länger gedauert hat.

Wenn wir Zeitpläne machen mit unseren Pferden, dann dürfen die immer flexibel sein. Manches geht schneller als gedacht. Manches geht langsamer als gedacht. Manches läuft genau so wie wir es uns überlegt haben. Manche Dinge klappen nie und wollen ersetzt oder ersatzlos aus dem Plan gestrichen werden.

Meinem kleinen Ritter erzähle ich nun schon seit Wochen, dass ich „bald“ zum ersten Mal richtig aufsteigen werde. Und wenn er sich seitlich an mich ran schiebt, weil ich hochspringen und mich bäuchlings auf seinen Rücken legen soll, dann frage ich mich, ob er das Wort „bald“ genauso blöd findet wie ich. Denn eigentlich ist „bald“ eine von diesen Zeitangaben die bedeuten „später als du willst“. (Genauso wie „gleich“). „Bald“ ist ein Wort, das Erwachsene gegenüber Kindern gern benutzen. Es bedeutet übersetzt: „Für mein Zeitempfinden ist die Zeit nicht mehr lang, für deines ist sie viel zu lang“.

Eines Tages – wenn es gut läuft noch dieses Jahr – wird es so weit sein und ich werde wirklich aufsteigen. Wenn Arnulf hier ist, das Wetter passt und die Stimmung stimmt. An einem dieser Punkte ist das Vorhaben bisher immer gescheitert. Macht ja auch nix, es besteht ja kein Grund zur Eile. So bleibt es bei „bald“ und ich hoffe, dass bei Duncan das Gefühl ankommt was für mich in diesem Fall dahintersteht: ich möchte, dass es perfekt wird. Dass er sich gut fühlt und ich mich gut fühle. Dass wir diesen Moment in Ruhe und mit Genuss angehen. Nicht zwischen Tür und Angel mit dem Risiko dass es doch blöde wird. „Immer langsam mit den jungen Pferden“ sagt der Volksmund völlig zu Recht.

Neulich sprach ich mit einer Schülerin darüber, wie weit sie im vergangenen Jahr gekommen ist. Und das, obwohl sie mir in fast jeder Reitstunde sagt, dass das alles nicht so läuft, wie sie es will. Es läuft eben doch. Nur merkt man die Verbesserung halt nicht nach 45 min. Sondern nach ein paar Wochen. Oder Monaten. Und wenn man dann zurückschaut, wundert man sich, wie weit man doch gekommen ist.

Duncan und ich haben dieses Jahr nur sehr wenig von dem geschafft, was auf meinem Zettel steht. Verschiedene Umstände sind uns dazwischen gekommen, wie es eben manchmal so ist im Leben. Der Sommer war anstrengend für mich, so dass ich jetzt die Ruhe genieße und wenig Lust habe, ständig was zu unternehmen und schwierige Sachen zu üben. Ich beschränke mich vorerst auf die Dinge, die leicht zu üben sind, die ich hier zu hause machen kann. Diesmal machen wir keine Pause, wir sind voll dabei. Aber halt im Moment nicht mit der „Wackelkiste“ los und Kilometer machen oder neue Orte aufsuchen und große Abenteuer wagen. Sondern tatsächlich mal hier zu hause auf dem Reitplatz, wo Duncan anscheinend jetzt den Spaß an der gemeinsamen Arbeit gefunden hat (oder habe ich die Art von Arbeit gefunden die ihm Spaß macht?). Meine Zeitpläne verschieben sich ein bisschen. Das eine passiert früher, das andere später als geplant. Das liegt in diesem Fall nicht an Duncan, sondern an mir und den Begleitumständen.

Derweil beobachte ich, wie mein Pony sich verändert im Erwachsenwerden. Und ich erinnere mich, wie lang es mir vorkam, als ich ihn gekauft habe: es dauert 2 Jahre bis er überhaupt einigermaßen anfangen kann mit arbeiten! Viele haben mir gesagt, dass die zwei Jahre schnell vergehen werden. Das stimmt und es stimmt nicht. Aber was in jedem Fall stimmt ist, dass viele Dinge schneller gegangen sind als geplant, während andere länger dauern und sich schwieriger gestalten. Manches ist genau nach meiner Vorstellung gelaufen. Und in allen Fällen hatte ich bisher das Glück, dass ich keinen Zeitdruck hatte. Und wenn wir es genau betrachten sind das in den allermeisten Fällen auch nur wir selbst, die uns den Zeitdruck machen.

Da sind zum Beispiel die, die sich immer vorm Verladetraining drücken. Bis sie schließlich doch überraschend den Stall wechseln wollen. Ups. Dann kommt Zeitdruck auf und wenn ich dann gefragt werde ob ich helfen kann, bin ich im Zwiespalt, jedes Mal aufs Neue. Helfe ich und mache es dadurch vielleicht etwas entspannter für Pferd und Mensch? Oder verweigere ich mich, weil ich finde, man hätte das vorher solide üben können und weil es mich selbst wahnsinnig stresst, unter Zeitdruck zu üben oder gar direkt zu verladen? Aber was bedeutet meine Weigerung für das Pferd? Viel schöner ist es doch jedenfalls, in aller Seelenruhe zu üben und dann entspannt sein zu können.

Fest steht: ein bisschen Pessimismus was den Zeitplan angeht, macht entspannt. Wenn wir den dann kombinieren mit dem Optimismus was die Ziele angeht – meistens können wir nämlich mit genügend Zeit viel mehr schaffen als wir gedacht hätten – dann können wir ganz gelassen und zufrieden unser Pferd schön Schritt für Schritt ausbilden.