Wisst Ihr, wann mein Mädchen das letzte Mal mit mir spazieren war? Am 17.11.! Hallo? Mir ist laaaaaaaaangweilig! Habe sie gefragt was sie zu ihrer Verteidigung zu sagen hat. Und sie meinte, naja, wir machen ja zwischendurch Freedom Based Training und wippen und Bodenarbeit und einmal haben wir auch Fahren vom Boden auf dem Platz geübt. Ja. Alles ganz nett. Aber halt zu kurz. Und auch alles hier zu hause. Einfach kein adäquater Ersatz für einen ordentlichen Spaziergang!
Na, ich hab dann mal bisschen Streit angezettelt. Mit Merlin und Caruso. Das war lustig! Und dann mit Diego. Oh. Keine gute Idee….. Mein Mädchen hat gekichert als sie am Sonntag morgen in den Stall kam und gesehen hat dass Diego böse mit mir ist. Sie sagt, sie kennt das von Finlay, der hat auch so dumme Sachen gemacht in der Pubertät. Von wegen Pubertät, Mädchen, das ist die reine Langeweile! Zum Glück war Diego mir nicht so lange böse. Montag war alles wieder gut.
Heute hab ich dann mal ein ernstes Wörtchen mit meinem Mädchen geredet. Sie kam nämlich an und wollte meine Hufe machen. Und hat immer „warte“ gesagt. Das heißt ich muss stehenbleiben. Hatte ich aber keine Lust zu. Da waren doch so Blätter und Zweige und manchmal sogar Futterreste auf dem Hof, da musste ich doch mal gucken! Sie hat mit mir geschimpft. War mir aber egal. Dann hat sie mich zurück geschickt und wieder „warte“ gesagt. War mir auch egal. Ich wollte lieber rumschnobern. Da hat sie noch mehr geschimpft. Nach ein paar Wiederholungen war sie richtig sauer. Naja. Ich hab dann doch noch mitgemacht. Bin ja im Grunde ein netter Kerl und sie hat Kekse rausgerückt wenn ich es richtig gemacht habe. War aber trotzdem langweilig. Hat sie auch kapiert und ist danach netterweise mit mir wippen gegangen. Damit mir nicht mehr so langweilig ist. Und….. Trommelwirbel…. sie hat mir für Sonntag einen Spaziergang versprochen! Weil ich so unausgelastet bin. Sie hat es kapiert! Juhuuuuuuuu! Das merk ich mir: so klappt das mit der Beschäftigung!
(Vorwort: jetzt hab ich das alles geschrieben und denke: das ist fast der gleiche Text wie vor zwei Wochen. Ich hoffe ich langweile Euch nicht mit dem Thema. Ich finde es einfach so wichtig. Ich weiß schon, fast jeder seriöse Ausbilder sagt es dauernd…. aber es gibt Indizien dass es noch nicht oft genug gesagt wurde. Also hier nochmal in anderen Worten.)
Im Unterricht erlebe ich ja die kuriosesten Dinge. Zum Beispiel als eine Reitschülerin Sorge hatte, es könnte für mich und Merlin zu langweilig sein, wenn sie nur Schritt reitet. Da musste ich doch herzhaft lachen – denn gerade mein Merlin findet Schritt ist nur eine Stufe schlechter als Rumstehen und definitiv zwei Stufen besser als Trab.
Ich glaube, er war ernsthaft betrübt, als sie schließlich doch traben wollte.
Manchmal habe ich mit Menschen zu tun, die es ganz eilig haben. Die erwarten, dass ich das jahrelang bestehende Verladeproblem in 45min löse. Oder die erwarten, dass ihr Pferd das mit dem Lenken spätestens im zweiten Anlauf verstanden hat. Die meinen, wenn sie nur selbst gut genug reiten könnten, würde ihr Pferd quasi morgen piaffieren.
Und dann gibt es die anderen, die lieber ganz langsam machen wollen. Wie die, die meinte, ihr Pferd sei erst 3 Jahre alt und könne sich daher sicher nicht länger als 15min konzentrieren. Das Pferd hatte aber nicht das gleiche Buch gelesen wie seine Besitzerin und hat 45min Unterricht mitgemacht in schönster Aufmerksamkeit. Oder die, die selbst Sorge haben. Eine hat ein ganzes Jahr lang sich nicht getraut, ihr Pferd an der Longe galoppieren zu lassen, weil es da mal gebuckelt hatte. Dann plötzlich hat es Klick gemacht und seitdem geht es wunderbar.
Als Ausbilderin stehe ich daneben und stelle mir immer wieder die gleiche Frage: nehme ich das Tempo so an, wie meine Reitschüler es vorgeben oder greife ich ein – bremsend oder beschleunigend? Was ist das Beste für diesen Mensch und dieses Pferd? Fast immer entscheide ich mich für das langsamste Tempo dass uns allen akzeptabel erscheint. Einige muss ich dafür runterbremsen. Die Dame, die meinte, ihr Pferd würde nicht mehr als 15min schaffen, habe ich etwas „beschleunigt“. Weil ich das Gefühl hatte, dass ihr sehr intelligentes Pferd sonst unter Umständen bald den qualvollen Langeweiletod erleidet. Mir persönlich ist es egal, wie lang es dauert, so lange ich nur Fortschritte sehe. Jeder hat sein Tempo und mein persönliches Tempo wird wiederum einigen zu langsam und einigen zu schnell sein. Duncan fand mich manches Mal zu langsam. Du meine Güte, wieder nur so eine kleine Runde? Können wir nicht bald mal ein paar mehr Kilometer machen?
Er verleitet mich, immer mal etwas über meinem „Normaltempo“ zu arbeiten. Und dann geht es eben doch manchmal schief. Wie an jenem Tag im Sommer, als er mir vom Reitplatz abgehauen ist (ich erzählte Euch davon). So habe ich jetzt, was das Reitplatz-Thema angeht, das Tempo komplett rausgenommen. Wir arbeiten jetzt immer nur ein einer Sache, ich suche mir vorher was aus, wir machen das kurz und wenn es klappt, hören wir auf. Wobei „klappen“ das rudimentäre Verstehen und Umsetzen der Übung bedeutet und keineswegs Perfektion.
Hier habe ich ein Video dazu für Euch, auf dem ihr unsere gesamte (!) Platzarbeit an dem Tag seht. Es ist eine Übung die wir vor ein paar Tagen schon einmal gemacht hatten. Da war Duncan etwas pubertär gewesen und hatte viel am Strick gezogen oder nach mir gehascht. Antraben war noch schwierig. In der Einheit die ihr hier seht, trabt er zweimal auf Stimmkommando an und Haschen ist eher die Ausnahme. Klar gibt es da noch eine Menge zu verbessern, er ist noch sehr aufgeregt wenn es ans Traben geht. Aber mir reicht es erst mal so. Traben neben mir her kann ich wunderbar im Gelände üben, da regt es ihn auch weniger auf. Wenn es da gut geht können wir es auf dem Reitplatz viel besser entspannt schaffen.
Ist es übertrieben, die Platzeinheiten so kurz zu machen? Wahrscheinlich. Bleibe ich weit unterhalb dessen, was Duncan schaffen könnte? Wahrscheinlich. Schadet das irgendwem? Nein, denn die Beschäftigung die das gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren zweifellos braucht, holen wir uns woanders. An den Stellen wo es ihm leicht fällt und Spaß macht (also beim Spazierengehen, auf der Wippe oder im Freedom Based Training). Er kann bisher den Reitplatz noch nicht so gut leiden (weil ich ihn überfordert habe!) und das gilt es auszubügeln. Ich möchte, dass er auf den Reitplatz geht und sagt „so, was ist das Rätsel heute?“ und dann stolz nach hause geht wenn er es gelöst hat. Wenn das bedeutet, dass das Aufhalftern und der Weg zum Reitplatz mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Übung die wir dort machen – soll mir recht sein. Wir kommen der Sache jedenfalls schon näher, die Stimmung ist schon deutlich besser geworden.
An anderer Stelle ist es umgekehrt. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich im Freedom Based Training (von dem ich selbst eigentlich noch keine Ahnung habe) so schnell so weit komme. Er hat so viel verstanden, beißt nicht mehr sondern geht weg, wenn er etwas nicht möchte. Findet Wege, mir vorab zu sagen, dass seine Geduld am Ende ist und kann andererseits, wenn mein Timing stimmt und ich mir genug Zeit für die Vorbereitung nehme, solchen Quatsch ertragen (und sogar lustig finden) wie dass ich neben ihm in die Luft springe oder ihm den Fuß auf den Rücken lege. Das habe ich nicht ein einziges Mal am Halfter geübt oder mit Futter belohnt, ich wollte eine ehrliche Rückmeldung von ihm und sie fiel gut aus.
So ist es ja bei uns Menschen auch. Der eine ist gut in Mathe, der andere tut sich leicht, Sprachen zu lernen. In einem gewissen Rahmen macht es Sinn, dem Sprachengenie etwas Mathe beizubringen und dem Mathegenie wenigstens etwas Englisch. Aber Begeisterung wird man vermutlich nicht so viel finden, auch nicht bei der besten Motivationsstrategie. Mein Merlin war eben nie so recht fürs Ausreiten zu erwärmen und er würde auch nie gut vor der Kutsche gehen – wo er doch viel lieber hinter jemandem herläuft. Diego sieht keinen Sinn darin, über ein Cavaletti zu hüpfen, man kann ja auch außenrum gehen oder den Weg freiräumen. Und Duncan wird vielleicht nie viel Sinn darin sehen, auf dem Reitplatz Rätsel zu lösen. Oder das kommt noch – wer weiß. Fest steht: Ich will mein Bestes geben um ihm den Reitplatz doch noch ein bisschen schmackhaft zu machen und ich will sehen, wie ich das am Besten kombiniere und einbaue. In unserem eigenen Tempo.
Draußen hingegen kann es ja gar nicht schnell genug gehen für Duncan.
Manchmal hatte ich schon fest damit gerechnet, böse Nachrichten zu bekommen, dass ich mein junges Pferd überfordere. Als wir auf Abenteuerurlaub waren und unseren ersten Spaziergang dort machten, kam uns die Hofbesitzerin im Auto entgegen. „Warum muss denn der Kleine vorneweg gehen?“ fragte sie uns. Tja, der muss nicht, der will. Aber ansonsten habe ich interessanterweise noch nicht zu hören bekommen, dass das alles viel zu viel sei für Duncan, obwohl ich wirklich darauf gefasst war.
Pferdeleute können da untereinander gnadenlos sein und viele sind es auch mit sich selbst. Was, der ist schon 4 Jahre und wird noch nicht geritten? Oder auch umgekehrt: was, der ist erst 4 Jahre und wird schon geritten? Was, der galoppiert noch nicht an der Longe? Was, Du traust Dich immer noch nicht allein auszureiten? Schlimm genug, wenn andere Menschen das zu einem sagen (und ich würde mir wirklich so sehr wünschen, dass Pferdebesitzer aufhören, sich ständig in das einzumischen, was die anderen tun und alles ungefragt zu kommentieren). Noch schlimmer, wenn Menschen anfangen, solche Dinge zu sich selbst zu sagen. Ich erlebe leider immer wieder, wie Schülerinnen sich selbst total fertig machen, weil etwas noch nicht klappt oder sie Angst haben. Es gruselt mich, wenn ich höre, wie schlecht viele über sich selbst sprechen. Dabei übersehen sie oft, was sie schon alles erreicht haben. Sie vergleichen sich mit jemandem, den sie vielleicht auf einer Messe gesehen haben und vergessen dabei, dass diese Person jahrelang tagein, tagaus nichts anderes tut als mit Pferden zu arbeiten, während sie selbst nach 8 Stunden Büro 5mal die Woche eine Stunde mit ihrem Pferd verbringen. Natürlich hat man da andere Ergebnisse.
Aber wen soll das stören? Wir haben unsere Pferde doch nur zu einem Zweck: wir wollen eine schöne Zeit mit ihnen haben. Sie sollen uns glücklich machen und wir wollen, dass sie im Gegenzug auch glücklich sind. Das Tempo, in dem wir unseren Weg beschreiten, spielt da keine Rolle – Hauptsache es geht voran.
Und so denke ich wieder an eins meiner Lieblingsbücher aus Kindertagen: Tranquilla Trampeltreu. Vielleicht hat jene zauberhafte Schildkröte mich geprägt. Schritt für Schritt geht sie voran. Und so kommt sie letztendlich doch genau zum richtigen Zeitpunkt an ihrem Ziel an – obwohl ihr alle unterwegs sagen, dass sie es nicht schaffen kann.
Stillstehen und Aufgeben ist keine Option. Aber der kleinste Schritt in die richtige Richtung genügt, um uns vorwärts zu bringen: in unserem eigenen Tempo.
P.S. ich wurde darauf hingewiesen, dass es Grenzen dieser Philosophie gibt. Wenn ein Pferd sich nämlich nicht anfassen, nicht tierärztlich behandeln oder sonstwie für seine Gesundheit versorgen lässt. Das ist korrekt. Ich möchte dazu sagen: auch da muss es in den seltensten Fällen sehr schnell gehen – entscheidend ist, dass das Problem möglichst nachhaltig gelöst wird. Ich hoffe, dass jeder, der ein solches Pferd besitzt, sich nicht hinter der „Der Weg ist das Ziel und es ist egal wie lange es dauert“ – Aussage versteckt, sondern das Thema löst, möglichst mit professioneller Hilfe.
Neulich kam mein Mädchen auf dem Knatterpferd angeritten. Sie wollte unsere Hinterlassenschaften einsammeln. Ich komm dann immer mal gucken ob sie das auch ordentlich macht und meistens halten wir dann einen kleinen Klönschnack. Es gab sogar manchmal Kekse, weil sie das so mutig fand, dass ich gekommen bin. Bedauerlicherweise findet sie es inzwischen normal, dass ich das kann und meint, ich brauche keinen Keks mehr dafür.
Nun denn, neulich kam sie also auf dem Knatterpferd daher und ich bin hingegangen. Sie hat mich dann ganz lieb gekratzt – man, dieser Winterpelz, der kann ganz schön jucken, das sage ich Euch! – und weil sie mich richtig gut kratzen können wollte, ist sie auf die Kutsche geklettert, die das Knatterpferd zieht und hat mich von oben gekratzt. Aaaaaaaaah war das gut! Und dann hat sie wieder diese komische Turnübung gemacht, wo sie ein Bein so hoch hebt wie sie kann. Ideen hat sie immer…. Ich kenn die Übung schon. Beim ersten Mal als sie die gemacht hat, stand sie am Boden neben mir und hat ihr Bein gegen mich gedrückt. Huch! Das fand ich komisch. Aber dann hab ich gedacht: macht ja auch nix. Soll sie halt, wenn es sie denn glücklich macht. Nun dieses Mal stand sie ja höher als ich. Hebt ihr Bein und legt mir ihren Fuß auf meinen Hintern! Da hab ich doch mal kurz gezuckt. Was ist denn das wieder für eine neue Marotte?
Auch egal, Hauptsache sie kratzt mich
Aber dann hab ich mich erinnert. Ganz lange her ist das schon, da war ich noch viel kleiner. Da hat sie mir nach dem Füttern die leere Schüssel auf den Rücken gestellt. Und jemand anders stand daneben und hat gefragt, warum sie das denn macht. Und wisst Ihr was sie geantwortet hat? „Ich bringe ihm bei, dass Menschen verrückt sind“. Ich hab mich ja ein bisschen für sie geschämt. Aber im Endeffekt muss ich ihr recht geben. Menschen SIND verrückt!! Und alle Ponys mit denen ich gesprochen habe, bestätigen mir das. Und ich habe von meinem Mädchen und meinen Kumpels gelernt, was die Universallösung ist, damit sie mit verrückten Sachen aufhören: Ruhe bewahren. Am besten noch schön entspannen und das deutlich zeigen. Gaaaaaaaaanz entspannt. Dann hört Ihr Menschen auf. Hab ich kapiert. Also als sie mir nun – verrückterweise – ihren Fuß auf meinen Po gelegt hat, da hab ich – nachdem ich kurz zusammengezuckt war – einfach mal lässig mit dem Ohr gewackelt. Und schon hat sie ihren Fuß da wieder weg genommen und mich gekratzt. Danach hat sie den Fuß nochmal da hingelegt, aber ich hab einfach ganz entspannt drein geschaut und ihr signalisiert, dass sie mich mit so einem Quatsch nicht schocken kann. Und es hat wieder einwandfrei funktioniert: sie hat aufgehört.
Was ist das nur mit Euch Menschen? Ihr seid wirklich ein verrücktes Völkchen. Also wenn es nicht so komfortabel wäre bei Euch und wenn wir Euch nicht im Grunde total lieb hätten (zumindest ist das bei mir und meinem Mädchen so), dann hätten wir gar keinen Anlass mit Euch zu kooperieren. Aber wie es nun mal so ist: bei guten Freunden nimmt man die kleinen (?) Verrücktheiten in Kauf.
Und ich will mal so sagen: sowas kann ja auch unterhaltsam sein. Als mir so langweilig war, weil ich beim Zahnarzt darauf warten musste, dass ich endlich drankomme, da hat sie mich ja bestens bei Laune gehalten indem sie immer neben mir hoch gehüpft ist. Herrlich lustig war das! Und diese Marotte, mir ständig alles auf den Rücken zu legen, was sie gerade in der Hand hat, kann ja auch als Unterhaltungsfaktor dienen. Jetzt klettert sie auch dauernd auf alles rauf was sie finden kann. Den Baumstumpf im Paddock, den alten Säulenfuß im Stall und eben das Knatterpferd. Ich freu mich schon drauf, wenn sie irgendwann holterdipolter von so was runterfällt, dann werde ich sie auslachen – selbst schuld, wenn man überall rauf muss und dann da noch auf einem Bein steht!
Und schon ist wieder Donnerstag und ich „muss“ einen Blogartikel schreiben. Gut, ich muss natürlich nicht. Wenn ich keinen schreibe, wird nichts schlimmeres passieren als dass einer meiner treuen Leser seine Enttäuschung äußert. Wenn ich dann öfter nichts schreibe, werden einige Leser vielleicht abspringen, nicht mehr so oft schauen ob es neue Artikel gibt und das Interesse verlieren.
Der kleine Prinz lernt vom Fuchs, dass Beständigkeit Vertrauen schafft. „es muss feste Bräuche geben“ sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. Und zwar in beide Richtungen. Der Jäger geht Donnerstags tanzen – dann hat der Fuchs das Land für sich. Und der kleine Prinz soll jeden Tag zur gleichen Zeit kommen, damit der Fuchs sich schon darauf freuen kann.
Wenn ich sage „ich muss“ dann heißt das in meinem persönlichen Sprachgebrauch zweierlei:
Erstens möchte ich das, was passiert, wenn ich es nicht tue, einfach nicht erleben (z.B. möchte ich nicht, dass meine Ponys hungrig sind, weil ich nicht gefüttert habe – ich „muss“ also die Ponys füttern)
Zweitens möchte ich verlässlich sein für andere. Meine Ponys kennen das so, dass ich regelmäßig zum füttern komme. Nicht immer pünktlich zur exakt gleichen Uhrzeit aber doch immer so ungefähr. Und sie erwarten mich und ihr Futter dann. Wenn ich nun nicht komme (und auch niemand anders Futter bringt), dann bedeutet das eine Enttäuschung für sie und wenn das öfter passiert werden sie feststellen, dass sie sich nicht auf mich verlassen können. Und wie sehr mögen wir jemanden, auf den wir uns nicht verlassen können?
Wenn meine Blogartikel mal Mittwochs und mal Freitags erscheinen dann könnt Ihr Euch nicht darauf freuen. Ihr werdet vielleicht immer wieder schauen, ob schon ein neuer Artikel da ist, und traurig sein, wenn Ihr keinen findet. Und das möchte ich nicht, daher „muss“ ich Donnerstags etwas schreiben. JA, ich habe auch schon mal Freitags geschrieben. Da geht es dann mal um Prioritäten. Und um die Frage, wie gut ich mich vorbereitet habe. Denn so, wie auch dieses Jahr wieder überraschend zu Ende gehen wird, so wie auch dieses Jahr Weihnachten „plötzlich und unerwartet“ vor der Tür steht, so ist ja auch jede Woche wieder ein Donnerstag. Und von einer erwachsenen Frau könnte man erwarten dass sie das weiß und sich entsprechend vorbereitet. Also wenn ich so richtig gut wäre, würde ich meine Blogartikel immer schon vorbereitet haben und es der Technik überlassen, sie Donnerstags zu posten. Ich könnte meine Artikel schreiben, wenn ich gerade Zeit habe, anstatt das Schreiben irgendwo Donnerstags zwischen die Termine zu quetschen. Das wäre mal eine gute Planung, nicht wahr? Und im Pferdetraining ist mir diese gute Planung auch so wichtig, dass ich es durchziehe. Beim Artikel-Schreiben besteht da noch Verbesserungsspielraum, ich gebe es zu.
„Ich muss“ heißt „die andere Option gefällt mir einfach so gar nicht“. Deswegen muss ich meine Steuererklärung machen. Deswegen muss ich abends etwas kochen, deswegen muss ich den Stall misten.
Natürlich kann ich für all diese Dinge schönere Worte verwenden. Ich darf, ich kann, ich will, ich möchte. Und vielleicht motiviert es mich auch mehr, diese schöneren Worte zu verwenden.
Der Inhalt bleibt gleich: ich habe mich entschieden, mein Leben so zu führen. Ich habe mich entschieden, Ponys hier zu haben, die brauchen nun mal Heu in regelmäßigen Abständen. Wer A sagt, „muss“ eben auch B sagen. Und während ich es sehr schätze, in einem Land und einer Zeit zu leben in der ich auch viele Dinge spontan mal umentscheiden kann und viele Freiheiten habe, so möchte ich doch gern verlässlich sein für andere, so wie andere verlässlich sind für mich.
Wenn ich selbst mich zuverlässig ähnlich benehme und eine Orientierung biete, dann wird mein Pferd zuverlässig ähnlich darauf reagieren. Wenn mir die Reaktion meines Pferdes nicht gefällt, darf ich mein Verhalten ändern und dann wiederum das neue Verhalten zuverlässig so lange zeigen bis ich eine neue Antwort vom Pferd bekomme – dann kann ich wieder überprüfen ob mir diese neue Antwort gefällt. Wenn ich mich aber heute so benehme und morgen anders, dann wird mein Pferd verwirrt sein, und auch jeweils unterschiedlich reagieren. Wenn ich also das Verhalten meines Pferdes berechenbar gestalten will, dann liegt es an mir, mein eigenes Verhalten berechenbar zu gestalten.
Das klingt nach einer Binsenweisheit, ist aber gar nicht so banal und einfach wie es sich anhört. Denn durch die extrem feine Wahrnehmung unserer Pferde kann es sich fürs Pferd schon alles ganz anders anfühlen, wenn wir ein bisschen schlecht gelaunt sind.
Und hier kommt für mich die Magie des Zusammenseins mit Pferden ins Spiel: weil unsere Pferde so fein reagieren, können wir anhand ihres Verhaltens ablesen ob wir selbst heute anders sind als sonst. Und dann können wir uns bemühen, einen guten Standard zu finden und den zu halten, egal wie die Laune gerade ist, egal, wie viel Zeit wir haben, egal, wie das Wetter ist. Und das, das ist gut für uns selbst. Das gibt uns Stabilität in uns selbst und darum – das ist meine Meinung – bildet das Zusammensein mit Pferden den Charakter. Und das hat für mich was mit „müssen“ zu tun – im allerbesten Sinne.
(Alles was im Text bunt und unterstrichen ist, könnt Ihr anklicken und dann könnt Ihr die Geschichte dazu nochmal lesen)
Jetzt sind wir also angekommen. Nachdem wir unsere 160km auf genau 30 Etappen aufgeteilt haben – weil mein Mädchen ja dauernd Pause braucht. Ich hätte das ja viiiiiiiiiiiiiel schneller geschafft! Aber ihr Fitnesslevel lässt ja noch sehr zu wünschen übrig. Immer Dienstags sind wir zusammen losgezogen (naja gelegentlich war es auch ein anderer Tag), mein Spaziergehkumpel mit seinem Mädchen und ich mit meinem Mädchen. Und was wir nicht alles erlebt haben! Wir sind dem Höllenhund Cerberus begegnet, wir sind furchtbar nass geworden (gut, dass ich wasserfest bin! Mein Mädchen ja irgendwie nicht so), ich bin zum ersten Mal an der Kutsche gelaufen , wir haben zum ersten Mal „fahren vom Boden“ geübt, erst auf der Wiese und dann später nochmal ganz richtig draußen. Wir haben uns im Wald verlaufen als es schon dunkel wurde und sind plötzlich viel weiter gelaufen als geplant (juhuuuuuh!), mein Spaziergehkumpel hatte dauernd ganz schlimme Pubertät und ich war dauernd super artig aber trotzdem ist mein Spaziergehkumpel erwachsener geworden als ich und hat sein Mädchen schon ein paar mal getragen. Ich habe derweil das Picknick getragen Und wir hatten diesen einen Spaziergang, bei dem mein Gehirn mal wirklich richtig überfüllt war. Das ist mir übrigens nie wieder passiert!
Dazwischen waren noch ein paar unspektakuläre Spaziergänge auf denen gar nichts besonderes passiert ist. Die waren aber auch schön! Ich mag ja alles was wir draußen machen. Hauptsache ich seh was von der Welt! Und all diese Dinge zusammen ergeben hundert Meilen, also 160km, die wir gemeinsam mit Erlebnissen gefüllt haben. Was für ein großer Spaß! Und dann sind wir durchs Ziel gelaufen. Das war allerdings mal wieder komisch. Menschen sind da ja so umständlich! Foto hier, Foto da, stillstehen so rum, so rum, dann durch Klopapier laufen (hä??). Aber ich habe mir sagen lassen, dass es auf den echten Distanzritten genauso umständlich ist. Also ich sag mal so: ich bin bereit, das Umständliche hinzunehmen am Start und am Ziel, wenn dazwischen immer so viel Spaß stattfindet. Bin gespannt!
Zielfoto
Mein Spaziergehkumpel soll ja nächstes Jahr lernen die Kutsche zu ziehen und sein Mädchen möchte ihn dann für die erste Distanzfahrt trainieren. Und ich darf mit, hat sie gesagt! Er macht vor der Kutsche die Arbeit und ich darf hinten mitlaufen und „schneller, schneller!!“ rufen. Das wird eine Gaudi! Und unsere Mädchen wollen faul auf der Kutsche sitzen und Tee trinken und Kekse schmausen – ohhh Dein Fitnesslevel, mein Mädchen…. Aber bevor wir das alles tun können muss es erst Frühling werden. Das erkennt man dann daran dass unser Winterfell ausfällt hat mein Mädchen gesagt. Bis dahin verbummeln wir unsere Zeit mit Wippen und üben lustige Sachen. Aber dazu später mehr.
Also gestern sind wir kurz in der Wackelkiste (alias Zeitmaschine) gewesen. Dann sind wir ausgestiegen. Der Mann hat mit mir und Diego dem Großen gewartet, während mein Mädchen das Auto und die Wackelkiste geparkt hat. Der Mann kann das viel besser und schneller als sie, aber sie hat gesagt, sie will üben. Also haben wir gewartet. Mehr oder weniger geduldig.
Immer wenn einer was übt, müssen die anderen geduldig sein. So ist das bei uns!
Dann sind wir ein kleines Stück gelaufen und sind an eine Brücke gekommen. Mein Mädchen möchte nämlich Brücken mit mir üben. Also Brücken kann ich. Aber Wasser drunter, da bin ich manchmal nicht so sicher. Ich bin ja schließlich Ritter. Und Ritter wohnen auf Burgen! Und früher – zumindest hat man mir das erzählt – waren da immer so Gräben drum herum. Und in den Gräben haben Monster gewohnt, die ungebetene Gäste kurzerhand auffressen. Wenn man dann über den Graben wollte, wurde die Zugbrücke runter gelassen. Nur – wer weiß ob die Monster nicht aus den Gräben auf die Brücke gesprungen kommen und einen doch aufressen! Man kann es ja nicht wissen!
Mein Mädchen sagt, das sind alles nur Märchen. Und sie zeigt mir, dass ich ganz mutig über Brücken gehen kann, auch wenn untendrunter Monster sind. Na gut. Also diese Brücke fand ich jetzt wirklich ok. Da waren keine großen Monster drunter und es gab viele Kekse für mich.
Kleine Monster sind ok. Das schaffe ich!
Als wir über die Brücke rüber waren, sind wir dann noch an den See gegangen. Oha! Da war doll Wind und es gab richtige Wellen! Das Wasser sah etwas gruselig aus. Ich hab mir das mit dem Reingehen laaaaaaaaaange überlegt. Ab und zu hat mein Mädchen gesagt, ich könnte ja mal einen Schritt vor gehen. Manchmal hab ich das gemacht. Dann gab es einen Keks. Meistens bin ich danach lieber wieder zurück gegangen. Dann hab ich bisschen mit dem Huf im Wasser gewühlt. Mein Mädchen hat mich angefeuert und gesagt dass ich das ganz toll mache.
Ich finde, das sieht gruselig aus! Gar nicht wie normales Wasser.
Schließlich hab ich mich entschieden, mutig zu sein. Und als ich dann mal im Wasser war, hab ich gemerkt, dass das genauso ist, wie wenn auf dem Reitplatz eine Pfütze ist: nass. Sonst nix. Ach so! Da war dann auch alles in Ordnung. Und mein Mädchen war sehr zufrieden mit mir.
Mein Wackelzahn hängt immer noch fest! Mein Mädchen schaut mir ständig ins Maul und wackelt an dem Zahn, aber ich geb den noch nicht her. Nach dem Füttern schaut sie immer in die Schüssel und hofft, dass ich ihr den Zahn geschenkt habe und neulich hat sie extra Möhren spendiert!
Ha! Die gibt sie mir doch nur damit ich den Wackelzahn raus rücke! Nix da, Mädchen, der gehört mir!
Gar nicht so einfach, Möhren essen mit Wackelzahn. Und sie saß daneben und hat gefilmt und gehofft aber ich hab den Zahn nicht her gegeben. Das mach ich nämlich dann wenn es mir passt, jawoll! Ich sag Euch bescheid wenn es so weit ist. Bis dahin darf mein Mädchen etwas Geduld üben! Soll mich nicht so drängeln. Immer hat sie es so eilig, beim Wachsen, beim Zähnewechseln, beim Erwachsen-werden…. nur beim Spazierengehen, da ist sie dann langsam. Aber erst gestern hat sie Euch ja geschrieben, dass sie mir alle Zeit lassen will die ich brauche. Denkt sie ich weiß nicht was sie schreibt? Tssssss. Also sie kann mir gern jeden Tag tausendmal ins Maul schauen (schließlich bekomme ich einen Keks fürs Stillhalten!) aber davon geht es nicht schneller, mein Mädchen.
Am Dienstag abend, im Stockdunkeln und bei Nieselregen, haben wir zu Ende gebracht, was am 1. Mai begonnen hat. Sir Duncan hatte Euch davon berichtet https://schotten-pony.com/2020/05/01/aus-dem-tagebuch-des-sir-duncan-dhu-35/ (und er wird bestimmt auch seine eigene Sicht auf unseren Zieleinlauf noch zum Besten geben).
Etwas wehmütig war uns zumute, als wir wieder zu hause waren. Über den ganzen Sommer hinweg hat jeder der Spaziergänge die Duncans „Spaziergehkumpel“ Freddy, sein „Mädchen“ Sabrina und Duncan und ich gemeinsam gemacht haben, zu dieser Challenge gezählt. Wir haben alles aufgeschrieben und auch fast immer in der dazugehörigen Facebook-Gruppe darüber berichtet. Wir haben so viel erlebt, von pubertierenden Ponys, den ersten Versuchen im Fahren vom Boden, den ersten Schritten, die Freddy seine Sabrina getragen hat über jede Sorte von Wetter und Gelände, Horrorbegegnungen mit Hunden und einfach wahnsinnig viele schöne Momente. Ja, hätten wir ohne die Challenge auch gemacht. Wir wären spazieren gegangen, vermutlich sogar fast genauso viel und oft. Aber es macht eben einen Unterschied, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Und wenn man dann das Ziel erreicht hat – was dann? Dann kommt das, was ich den „Weihnachtsblues“ nenne. Ach, was habe ich mich als Kind wochenlang auf Weihnachten gefreut! Mit all den schönen Dingen, die die Vorfreude so richtig wunderbar gemacht haben, Adventskalender und Adventskranz, Heimlichtuereien wegen Geschenken, zwischendurch noch der Nikolaustag – der ganze Dezember war ein einziges Fest. Und dann, dann war Weihnachten vorbei. Und dann war irgendwie nichts mehr übrig zum drauf freuen. Und genau so geht es mir noch heute. Vielleicht geht es anderen Leuten anders, ich weiß es nicht. Aber bei mir ist das geblieben, nur dass ich heute besser damit umgehen kann. Ich weiß, dass das kommt, wenn ich ein Ziel erreicht habe und ich kann mich darauf einstellen. Jetzt im Moment freue ich mich darauf, es im Winter ruhiger angehen zu lassen. Ich lege keinen Wert darauf, im Winter bei Regen von der Seite, womöglich im Dunkeln, durch die Gegend zu stapfen. Duncan und ich werden uns mit Wippen und Bodenarbeit die meiste Zeit des Winters vertreiben und dann, wenn der Frühling kommt, geht es wieder mehr raus.
Der Weg ist das Ziel, so sagt man ja. Und gerade bei dieser sehr langgezogenen Veranstaltung wurde das wieder einmal deutlich. Wir haben den Weg in vollen Zügen genossen und das Ziel war nur der kleine Ansporn, auch bei miesem Wetter und zunehmender Dunkelheit noch los zu gehen oder mal doch eher die längere Strecke zu wählen.
Corona-gerechte Ziellinie aus Klopapier.
Beim tatsächlichen Zieleinlauf war es dann allerdings schon zu dunkel für ein gutes Foto…
Und ich erinnere mich an den Zahnarztbesuch neulich. Der Pferdezahnarzt war da und hat unsere Ponys behandelt. Alle standen wir in der Halle herum und Duncan wollte doch so gern alles untersuchen. Aber er durfte halt nicht – das Werkzeug ist einfach zu teuer um es der Neugierde meines kleinen Ponys zum Fraß vorzuwerfen. Also dachte ich mir, ich biete ihm etwas Abwechslung. Ich habe meine Hände leicht auf Duncans Rücken abgestützt und bin neben ihm hoch und runter gehüpft. Duncan fand das höchst unterhaltsam und immer wenn ich aufhörte zu hüpfen, kam er mit der Nase herum und schien zu sagen „hey, mach weiter!“ Der Zahnarzt beobachtete unser Treiben und sagte irgendwann „wie wäre es mit Belly-Bumps?“ (Das Wort übersetzt sich schlecht. Gemeint ist, dass ich hochspringe und meinen Bauch gegen Duncan dotzen lasse). Ich erklärte ihm, dass es noch ganz neu ist, dass ich neben Duncan in die Luft springen darf und dass ich mit den Belly-Bumps warten werde, bis ich sicher bin dass es ok ist für ihn. Der Zahnarzt sagte „es ist gut dass Du das sagst. Ich selbst habe früher Rennpferde ausgebildet. Da hatten wir einen Plan über zwei Wochen, dann mussten die angeritten sein. Ich habe manchmal noch sehr die Einstellung einfach „da hin zu kommen““.
Nun muss ich sagen, dass unser Pferdezahnarzt ein unglaublich geduldiger, einfühlsamer Mann ist. Er ist ganz sicher einer der besten Pferdemenschen die ich kenne. Und dann kam da dieser Satz und ich dachte „schau an“. Ich habe schon öfter gedacht, dass vielleicht gerade mein Weihnachtsblues aus der Kindheit mir in der Pferdeausbildung zugute kommt. Weil ich nämlich viel weniger zielfixiert bin als andere. Und dadurch bin ich vielleicht manchmal gelassener und geduldiger. Bestimmt bin ich deswegen aber auch weniger „erfolgreich“ im kapitalistischen Sinne. Schließlich verkaufen sich auch in der Pferdewelt schnelle Ergebnisse oft immer noch am besten. (Wie viele Schüler haben sich schon gewundert, wie lange Verladetraining bei mir dauert…..)
Bei jungen Pferden gibt es ja viele Teilziele zu erreichen. Vom ersten Spaziergang über das erste Mal draufsitzen bis hin zum ersten Galopp, dauernd solche Meilensteine. Dann hörte das auf und die Schritte werden kleiner bzw langwieriger und weniger „messbar“. Und zum ersten Mal wird mir klar, dass es vielleicht das ist, was sehr zielorientierten Menschen bei der Pferdeausbildung im Wege steht. Denn den Pferden sind unsere Ziele herzlich egal. Ich glaube schon, dass Pferde sich über das Erreichen eines Meilensteins freuen können, dass sie stolz sind, wenn sie etwas zum ersten Mal geschafft haben. Aber vorausplanen tun sie das sicher nicht und daher können sie auch nicht verstehen, warum bei uns da so ein Druck dahinter ist.
Über Ziele könnte ich endlos weiterschreiben, scheint mir. Zum Beispiel über die Situation neulich, als ich im Verladetraining mit einer Schülerin war. Ihr Pferd sollte lernen, zuzuhören und sie übte das mit ihm an der Rampe – ein Fuß rauf, ein Fuß runter, zwei Füße rauf, ein Fuß runter. Jemand schaute uns zu und sagte plötzlich „einfach reingehen!“. Ich erklärte, was wir tun. Nachher dachte ich: ich hätte einfach zurückfragen sollen „warum?“. Weil jeder, der einen Anhänger und ein Pferd sieht, automatisch den Wunsch hat, dass das Pferd einsteigen soll. Zielautomatismus sozusagen. Vielleicht sollten wir den gelegentlich hinterfragen, zum Wohle unserer Pferde. Und das werde ich noch ganz ganz oft tun dürfen in den nächsten Jahren. Wenn es darum geht, ob ich heute „Belly Bumps“ übe. Ob Duncan schon so weit ist, dass ich ihn am Strick um mich herumschicken kann. Ob Duncan schon so weit ist, dass er gelassen über die Autobahnbrücke gehen kann. Ob er schon so weit ist, dass ich ihn ohne Führperson vom Boden fahren kann. Schließlich wann er wohl so weit ist, dass ich einmal kurz aufspringen darf. Ich habe all diese Ziele und natürlich bin ich sicher, dass wir das alles schaffen. Aber ich möchte Duncan den Zeitpunkt bestimmen lassen, wann es so weit ist. Denn der Weg ist das Ziel und das Ziel ist in meinem Fall einfach eine wunderbare Zeit gemeinsam mit meinem wunderbaren Pony zu verbringen.
Manchmal kann mein Mädchen ja ganz romantisch sein. Wenn sie mich so verliebt anschaut und mir erzählt wie wunderschön ich bin (weiß ich, aber ich hör das natürlich trotzdem immer sehr gern). Oder wenn sie ganz lieb mit mir kuschelt und mir einen Kuss auf meine weiche Nase drückt. Oder wenn wir gemeinsam durch die Natur spazieren und einfach nur das Zusammensein genießen.
Und dann hat sie diese anderen Momente. Da vergisst sie die Romantik irgendwie. Ich meine: was soll das hier denn bitte?
Romantik ade!
Sie hat gesagt, es dient meiner Ausbildung. Ach ja? Was jetzt genau?Naja so Abhärtung gegen den Verkehr halt. Witzig. Brauch ich doch nicht, kann ich doch schon. Danke für das Gras aber so lecker schmeckt das an der Stelle jetzt gar nicht mal.
Zum Glück hat sie schnell kapiert dass ich das nicht romantisch finde aber auch nicht üben muss. Und sie hat gesagt, das wäre dann jetzt abgehakt und wir sind noch ganz nett weiter spazieren gegangen. Na gut. Aber nächstes Mal bitte wieder etwas stimmungsvoller, ja?
Seitdem war ich auf dem Reitplatz sehr vorsichtig mit ihm. Wir machen es im Moment so, dass wir genau EINE Übung machen und wenn die klappt ist Schluss. Zeitaufwand maximal 5 Minuten. Er versteht ja auch alles immer so schnell und macht es dann auch, also sind das sehr kurze Einheiten.
Vom „longieren“ bei dem er mir abgehauen war, hatte ich bisher abgesehen. Ich habe stattdessen Übungen gemacht, die ihm zeigen, dass das Hauptziel immer ist, dass der Strick durchhängt. Neulich habe ich dann zum ersten Mal wieder angefangen, ihn um mich herum gehen zu lassen. Und siehe da: ich konnte das Problem sehen. Eine Winzigkeit von „wenn Du mich rausdrückst laufe ich ins Halfter“. Gar nicht viel und etwas was ich vorher nicht so ernst genommen hatte. Ich dachte, er wird schon merken dass das nicht die Lösung ist und habe ihn quasi einfach festgehalten und weitergemacht. Aber im Nachhinein denke ich, diese Winzigkeit hat mir nachher das große Problem beschert. Der Widerspruch, den ich in seinen Augen aussende „geh weg aber bleib hier“ ist noch nicht aufgelöst und so ist es dann eben schief gegangen. Gut, also werde ich es ihm jetzt von vorn erklären. Ich hab ja Glück, ich bin mit meinem Bodenarbeitslehrer verheiratet und der hilft mir auf die Sprünge. Wir üben Kreisslalom – Duncan geht im Kreis um die Hütchen um mich herum, immer ein Hütchen außenrum, eins innenrum. Und mein kluger Mann gibt mir den Tipp „sag ihm was er tun soll“. Ist ja irgendwie altbekannt und ich hätte es wissen können. Es ist ja nicht so, dass Duncan „geh raus“ und „komm rein“ als Stimmkommando verstehen könnte, aber natürlich bewege ich mich viel eindeutiger wenn ich es laut ausspreche und schon funktioniert es und Duncan hat Feierabend.
So bauen wir das jetzt also schön von vorn auf. Entgegen meiner eigentlich Vorlieben und Gewohnheiten arbeite ich mit Duncan derzeit auch ohne Gerte. Er ist so sensibel und je mehr Information ich ihm gebe desto schneller ist er überfordert. Das kleine, gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren verarbeitet jeden noch so kleinen Hinweis (wo Finlay gern mal großzügig gefiltert hat was er unwichtig fand bzw was ihm nicht in den Kram passte) und allein das Zeigen mit der Gerte ist dann eben noch eine Information obendrauf und macht den Overload. Eigentlich ist Duncan mir da ganz schön ähnlich. Ich selbst bin auch schnell reizüberflutet und nehme zu viele Informationen auf. Der Trick ist, das zu merken. Bei mir und bei Duncan. Denn uns beiden sieht man das gar nicht so gut an. Und während ich lang gebraucht habe um für mich selbst herauszufinden warum ich eigentlich manchmal so durcheinander und gereizt bin, habe ich jetzt bei Duncan die Chance, das schneller zu verstehen. Die reinen Umweltreize – der Spaziergang durchs Dorf – die sind kein Problem. Aber Informationen von mir, die er anscheinend (zu meiner Freude) als sehr wichtig einstuft, davon kommt dann schnell mal zu viel. Und so darf ich mich ganz zurücknehmen, gerade so als hätte ich einen Araber in der Hand oder einen Spanier, darf die Hilfen minimieren und mich wundern, dass ein Highlandpony so sein kann. Was für eine erstaunliche Mischung aus Mut und Robustheit gepaart mit dieser hohen Sensibilität, wahnsinnigem Lernvermögen und großer Motivation.
Es gibt noch eine Geschichte, die meiner Meinung nach dazu passt. Bisher kannte Duncan zum Thema Beine nur „Hufe geben“. Jetzt gab es etwas neues zu lernen denn für unsere Spaziergänge im Dunkeln trägt er Leuchtbänder an den Beinen. Das klassische Problem: wenn man ihm ans Bein fasst um das Leuchtband festzumachen, hebt er den Huf – so hat er es gelernt. Ich habe mir dann überlegt, wenn ich seitlich komme, soll das Bein stehenbleiben. Beim Hufe heben steht man ja immer parallel zum Pferd. Bereits nach dem Anbringen von 3 Bändern mit entsprechender Belohnung war der Fall für ihn klar. Und ich mal wieder baff.
Leuchtbänder als Anlass, etwas neues zu lernen und mich wieder mal in Staunen zu versetzen.
Manchmal denke ich ja, es ist ganz normal dass die so schnell lernen. Wir können das durchaus öfter mal beobachten. Es ist nur bei den meisten Pferden verschütt gegangen unter all den unklaren Informationen die sie in ihrem Leben schon erhalten haben. Sie filtern dann vieles raus, weil es keinen Sinn ergibt. Und natürlich nutzen Pferde ihr Lernverhalten unterschiedlich. Der eine, um möglichst energiesparend durchs Leben zu kommen, der andere um möglichst oft an etwas zu essen zu kommen, der dritte für eine Menge Schabernack und der vierte für eine große Portion Liebe. Und genau in diese Kategorie scheint mein kleiner Abenteurer zu fallen. Da stehe ich und staune, denn das hatte ich nicht erwartet.