ich hatte Euch ja neulich fon erfählt, daff ich grofe Taten vorbereite. Und jetft ift ef fo weit!
Na wie gefällt Euch meine föne Fahnlücke?
Ich bin dem erwachfenwerden ein grofef Ftück näher gekommen! Mein Mädchen ftaunt mal wieder über mich, weil ich früh dran bin mit dem Fahnwechfel – aber ich hab ja flieflich nicht ewig Zeit! Das wachfen ift nicht so wichtig, aber wenn ich irgendwann auf Diftanfritt gehen will dann fauen die ob meine Fähne ganf fertig gewechfelt find und wenn nicht darf ich nicht ftarten – also hat der Fahnwechfel eindeutig Priorität! Wie grof ich bin ift denen nämlich echt egal.
Leider bleibt noch viel Arbeit übrig. Daf ift ja nur der erfte Fneidefahn (der fweite ist auch fon fast rauf) aber ich muff noch foooo viele andere Zähne wechfeln – uff! Ganf fön anftrengend finde ich daf. Ich habe auch vorerft alle anderen Aktivitäten wie wildef fpielen und die anderen ärgern auf Eif gelegt, bin total befäftigt mit der Fahnerei. Der neue Fahn muff ja auch erft gemacht werden und daf mache ich auch ruckifucki! Ihr könnt ihn fon fehen auf dem Bild!
Mein Spaziergehkumpel hat einen neuen Kumpel! Der ist gestern hier eingezogen. Wohnt mit meinem Spaziergehkumpel und seiner Stute zusammen.
So jetzt würde ich normalerweise an dieser Stelle sagen: „die Freunde meiner Freunde sind auch meine Freunde“ aber mein Spaziergehkumpel ist noch nicht ganz sicher was er von dem Neuen hält. Also Freunde sind die (noch) nicht. Mein Spaziergehkumpel meint, der Neue wäre zwar an sich ganz ok, würde ihm aber die Stute und seine Mädchen streitig machen wollen und das wäre natürlich so gar nicht ok! Ich glaube er muss noch darüber nachdenken ob er den Neuen mag. Ich denke da auch noch drüber nach. Werde ihn erst mal beobachten so über den Zaun hinweg. Mein Mädchen sagt wir gehen auch bald mal mit dem spazieren. Dann hab ich zwei Spaziergehkumpel…. na ich werde Euch berichten wie es mir gefällt!
Seht Ihr das weiße Pony rechts im Bild? Das ist der Neue. Wir haben uns schon mal so über zwei Zäune angeschaut.
Kennt Ihr das, wenn die Klamotten kneifen? Bei Merlin und Caruso passiert das manchmal im Sommer. Die haben ja so Decken gegen die fiesen kleinen Mücken. Abends, wenn mein Mädchen ihnen die Decken anzieht, passen sie ganz gut. Aber nach einer Nacht auf der Weide sind die Bauchgurte plötzlich merkwürdig eng! Und manchmal wenn wir besonders leckeres Gras hatten, passt Carusos Decke gar nicht mehr richtig, dann muss mein Mädchen den einen Bauchgurt auf lassen.
Ich hab ja normalerweise nix an. Außer halt mein Halfter. Und das schwarze Halfter das ich immer anziehe wenn ich in der Wackelkiste unterwegs bin, das ist was ganz besonderes. Das hat so nämlich Klett, falls ich mich damit in der Wackelkiste verhake geht das auf. Naja nun ist es aber so: angeblich (so sagt jedenfalls mein Mädchen) wachse ich ja nicht genug. Aber es gibt schon Stellen an denen ich wachse! Zum Beispiel am Kopf. Deswegen hat sie mir ja schon vor geraumer Zeit ein größeres Halfter gekauft. Aber das größere Halfter passte nun auch nicht mehr richtig. Ich bin ja meinem Papa so ähnlich: gleiche Farbe, genauso hübsch, der gleiche tolle Charakter, die gleichen wundervollen Augen. Naja und der gleiche kräftige Unterkiefer. Und mein Unterkiefer, der ist jetzt so doll gewachsen, dass das Halfter kneift! Der blöde Karabiner da an der Seite der hat mir immer in die Backe gedrückt. Und wenn mein Mädchen den zu gemacht hat dann hab ich immer ein bisschen so ein Gesicht gezogen um ihr zu sagen dass mir das nicht gefällt. Und sieh an: sie hat mich verstanden! Und hat jemanden gefunden, der für mich das Halfter umgebaut hat. Jetzt ist aus meinem kleinen alten Halfter und dem größeren neuen ein wirklich passendes Halfter geworden und das kann noch so viel verstellt werden dass es mir auch noch passt wenn ich ganz fertig bin mit wachsen. Toll oder?
Als ganz besonderes Pony brauche ich ein ganz besonders Halfter! Ist doch logisch oder?
Ich bin ganz zufrieden mit meinem Mädchen. Hat zwar etwas gedauert bis sie das Problem gelöst hat, aber immerhin, sie hat es kapiert und was dagegen getan. Und danke an die nette Näherin (eine meiner heimlichen Bewunderinnen)!
Bisher hat mein Mädchen mir immer geholfen wenn es darum ging, aus der Wackelkiste auszusteigen. Sie hatte Angst dass ich versuche, mich umzudrehen. Pah! Als ob ich so etwas Dummes machen würde! Jetzt hat sie endlich kapiert, dass ich weiß wie das geht. Aber seht selbst!
Erst musste ich mal überlegen ob ich überhaupt aussteigen will – da war doch noch Heu übrig! Aber wenn sie mich so lieb ruft …. (hat sie bestimmt einen Keks für mich!)
Euer Sir Duncan Dhu of Nakel
P.S. Ja der Mann kommt ins Bild gerannt weil er fürchtet dass ich schräg runter gehe und daneben trete. Kein Vertrauen in meine Fähigkeiten…. Tsssss…..Und deswegen muss man mir die Show vermiesen?
Mir scheint,mein kleiner Forscher hat mal wieder sein Klemmbrett raus geholt. Diesmal forscht er in einer anderen Richtung. Ehrlich gesagt, hätte ich schon sehr viel früher damit gerechnet….
Jedes Pony bekommt irgendwann heraus, was unsere Schwachstelle ist. Und eine Schwachstelle haben wir Menschen alle gemeinsam: die Zeit. Das ist praktisch für die Ponys, denn die haben an der Stelle kein Problem.
Unsere Ponys haben keine Uhr, keine Termine und sie werden auch nicht nach Zeit bezahlt. Im Grunde habe ich keine Vorstellung davon, wie das Zeit-Konzept der Ponys aussieht. Sie entwickeln ja schon ein Gefühl dafür, wann Fütterungszeit ist und sie haben auch so ihren Rhythmus, aber sie tun eben das wonach sie sich gerade fühlen. Die Tatsache, dass sie so viel Zeit haben, macht manches Pony zum Ausbrecherkönig oder bringt es dazu, unglaubliches Geschick im Erhaschen letzter Grashalme unter dem Zaun zu entwickeln. Ich erinnere mich, als ich einmal über meinen jungen Hund gesagt habe „ich weiß gar nicht woher die das alles weiß“ hat mir jemand geantwortet „die hat nichts anderers zu tun als dich den ganzen Tag zu beobachten“. Und das war so einer dieser Sätze wo ich schlagartig etwas verstanden habe. Unsere Tiere und auch die kleinen Kinder haben nichts anderes zu tun als zu beobachten. Und dann probieren sie aus. Und an irgendeinem Punkt beobachten sie, dass Zeit unsere Schwachstelle ist. Und dann fangen sie an, das für ihre Belange zu nutzen.
Duncan zum Beispiel kann zum putzen wunderbar unangebunden auf dem Hof stehen. Ab und zu gibt es einen Keks dafür, jetzt gerade versuche ich die Keksrate etwas zu senken. Damit ist mein Ritter nun nicht so ganz einverstanden, aber anstatt nach Keksen zu fragen, hat er sich überlegt, dass man ja auch selbst auf die Suche nach Fressbarem gehen kann. Ein Heuhalm hier, ein Haferkorn von Merlin da. Und schon steht man nicht mehr still. Ich nehme ihn am Strick, stelle ihn wieder auf seinen Platz, sage ihm, dass er dort stehen soll. Wende mich wieder dem Putzen zu – zack, geht Duncan wieder los. Ich nehme seinen Strick, stelle ihn wieder an seinen Platz, sage ihm, dass er da stehenbleiben soll. Wende mich wieder dem Putzen zu – Duncan geht wieder los. Ich nehme ihn am Strick und stelle ihn wieder auf seinen Platz. Und das könnt Ihr jetzt ein paar Mal in Dauerschleife lesen, dann habt Ihr einen realistischen Eindruck.
Duncan weiß aber nicht, dass meine Lieblingsreitlehrerin mir mal den entscheidenden Tipp gegeben hat, wie man solche Situationen durchsteht ohne wahnsinnig zu werden. Sie sagte „das Pferd soll aus der Situation rausgehen mit dem Gefühl: warum war ich so blöd und hab mir so viel Arbeit gemacht, wenn die Lösung so einfach ist?“
Das ist seitdem immer mein Tipp auch an meine Schüler: je länger es dauert, desto mehr können wir uns freuen! Denn je länger es dauert, desto größer ist nachher der Aha-Effekt beim Pferd: so einfach hätte es sein können! Ich hätte das alles viel schneller haben können und mit viel weniger Aufwand! Da hätte ich wohl besser das gemacht was mein Mensch gesagt hat…..
Und so haben wir doppelten Erfolg: das Pferd hat eine gute Verhaltensweise gelernt und es hat auch noch gelernt, dass sein Leben viel leichter ist, wenn es tut, was wir ihm sagen.
In Duncans Fall bedeutet das, dass er einfach nur noch kurz stehenbleiben soll und dann kommt der Keks, während dieses ganze Herumgewandere ihm nur einbringt, dass ich ihn immer wieder zurück schicke auf seinen Platz.
Auch an einer anderen Stelle probiert Duncan diese Taktik (hier ist sie nur nicht ganz neu, das hat er schon mal versucht): wie gehen spazieren, Diego vorne weg. Dann hält Arnulf Diego an und lässt ihn grasen. Duncan sieht das und möchte natürlich auch sofort zum Gras! Er zischt nach vorne und beachtet mich nicht. Ich bleibe wortlos stehen, er rennt in den Strick, dreht sich um, schaut mich fassungslos an. Ich bleibe stehen, lasse ihn um mich herumgehen, sage ihm, wo er hätte anhalten sollen. Er ignoriert mich, läuft in den Strick, dreht sich wieder um und schaut mich fassungslos an. Erst im 3. Versuch schafft er es, so anzuhalten wie ich es ihm sage, dann darf er grasen. Ich versuche, so entspannt wie möglich zu bleiben und ihn selbst herausfinden zu lassen, wie er am schnellsten ans Gras kommt. Er war an dem Punkt schon mal, im Frühling. Jetzt, wo die Weidesaison beendet ist und die Ponys von Heu leben müssen, ist der Wert des Grases am Wegesrand deutlich gestiegen und er fängt wieder an zu diskutieren.
Ich persönlich mag es, wenn Ponys das Zeit-Spiel spielen. Auf irgendeinem Wege muss man ja auch mal Dinge ausdiskutieren und das Spiel auf Zeit ist so schön entspannt und gewaltfrei. Kein wildes Zerren am Strick, kein Beißen, Rempeln oder andere Fiesigkeiten. Mein Spruch an der Stelle ist immer „sei sturer als Dein Pony“. Und der jahrelange Umgang mit Ponys hat meine Sturheit zur vollen Blüte kommen lassen. Jetzt wird sie also wohl dem Duncan-Test unterzogen. Ich bin gespannt, wie viel Sturheit in ihm steckt und wann er wieder die Taktik wechselt. Und ich achte wieder besonders gut darauf, genug Zeit mitzubringen, wenn ich etwas bestimmtes von ihm will. Denn er hat Zeit ohne Ende……
Gestern waren wir noch mal zusammen los – Diego der Große und der Mann und mein Mädchen und ich. Auf einer sehr schönen Strecke die ich noch nicht kannte.
So ein schöner Ausflug!
Aber dann sind wir an einem Hof vorbei gekommen wo ich schon mal war! Und zwar im Frühjahr. Damals sind wir da mit der Wackelkiste hin gefahren damit wir auf die Waage konnten. Und mein Mädchen hat sich erinnert dass ich das sooooooo aufregend fand – nicht die Waage, sondern die vielen, vielen anderen Pferde die da überall herumgelaufen sind. Ich finde fremde Pferde immer so spannend und möchte gern jeden näher kennenlernen und Freundschaft schließen! (Wollte mein großer Bruder auch immer, sagt mein Mädchen. Wir Schotten sind eben gesellige Wesen!). Früher hab ich dann manchmal vergessen dass mein Mädchen auch noch da ist. Jetzt haben wir das aber schon ein paar mal geübt so beim Spazierengehen wenn uns andere Pferde entgegengekommen sind oder wir an Pferdeweiden vorbei gegangen sind. Mein Mädchen hat gesagt ich darf gucken und ich darf auch wiehern. Aber ich muss immer darauf achten was sie sagt und darf nicht drängeln und schubsen oder ziehen. Ok hab ich kapiert. Gibt auch Kekse wenn ich das schaffe. Na und jetzt meinte sie wir gehen da nochmal an dem Hof vorbei. Rechts Pferde auf der Weide, links Pferde auf der Weide und vor uns noch eine Gruppe Reiter. Und mein Mädchen hat gedacht, das wird bestimmt anstrengend für uns beide weil es mir bestimmt schwer fallen wird, die Regeln einzuhalten. Pah! Ich bin doch jetzt so viel größer und erwachsener als im Frühling. Ich kann das jetzt! Bin einfach neben ihr her gelaufen. Hab geschaut wo die schönsten Pferde stehen aber eben nur geschaut. Und als einer mir zugewiehert hab, hab ich geantwortet aber ich bin ganz brav weiter gegangen. Oh und da ist mein Mädchen mal wieder total ausgeflippt weil sie mich ja soooooooooooooooo großartig findet! Das sind so Momente wo sie immer ganz überrascht ist was ich jetzt schon alles kann was vor ein paar Monaten noch nicht ging. Ach Mädchen, ist ja nun nicht so als hätte ich die vergangenen Monate nur rumgestanden! Wir haben doch so viel geübt und ich bin doch so reif und vernünftig und erwachsen geworden, hast Du das gar nicht bemerkt? Na jetzt hat sie es geschnallt. Und das ist immer so süß wenn sie sich so freut. Den ganzen Tag kann sie sich dann freuen. Und den Tag danach auch noch. Ist echt leicht, sie glücklich zu machen.
Heute ist es hier ganz stürmisch, da bleiben wir schön zu hause. Vielleicht gehe ich nachher noch bisschen wippen (Bauch-Beine-Po-Training. Will ja schließlich ein stattlicher Hengst werden!).
Fliegt nicht davon bei dem Wind! Euer Sir Duncan Dhu of Nakel
Als Finlay so ungefähr in dem Alter war in dem Duncan jetzt ist, kam ich eines Tages zu einer neuen Kundin. Sie stellte mir ihr Pferd vor mit dem Namen „Zwerg“ – ein über 180cm großer, 23 Jahre alter Warmblüter. Nein, natürlich hieß das Pferd nicht wirklich Zwerg, aber sie hatte ihn als Jährling gekauft und der Spitzname war hängen geblieben. Als ich von dem Termin nach hause kam, sagte ich zu Arnulf „Finlay heißt ab heute Finlay“. Denn hier war etwas passiert, was ich schon öfter beobachten konnte. Die Menschen verpassen, dass ihre Pferde erwachsen werden. Manche schaffen das ja auch bei ihren Kindern, aber die Kinder wehren sich dann oft und weisen die Erwachsenen darauf hin. Die Pferde wehren sich nicht. Denn „der Zwerg“ zu sein bedeutet für die Pferde oft so etwas wie Narrenfreiheit. Nicht so viel arbeiten müssen, nicht so strenge Regeln. Das könnte fast schön sein, wenn es nicht gefährlich wäre sowohl für die Menschen, denen diese Pferde auf die Füße treten, als auch für die Pferde, die im Zweifel nicht zuhören wenn man ihnen an der Straße sagt, was sie tun sollen wenn der LKW kommt. Außerdem führt es meist dazu, dass diese Pferde mehr Stress haben als ihnen guttut, weil sie keine klaren Anweisungen bekommen und dadurch irgendwie auch nie Ruhe einkehrt. Mit diesen Pferden gibt es oft ein ewiges Tänzchen, sie stehen nicht still, haben keine Geduld und können sich nicht konzentrieren. Wenn es dann auch noch keine Herde gibt, die dem heranwachsenden Tier ein paar Grenzen setzt und gleichzeitig ermöglicht, dass es sich mal ausprobiert und seine Erfahrungen macht, dann hat man einen ewig unausgelasteten Zappelphillip mit hohem Stresslevel der sich in seiner eigenen Haut nicht wohlfühlt.
Dabei haben wir doch alle selbst diese Entwicklung hinter uns. Wir waren ja auch alle mal Kinder. Und dann sind wir älter geworden. Was für ein großer Unterschied zwischen 5jährigen und 10jährigen, ganz zu schweigen von 15jährigen! Und wie schrecklich finden 10jährige es, wenn sie wie 5jährige behandelt werden!
Nun macht sich all dies natürlich nicht an einem Spitznamen fest. Aber der Spitzname, wenn er sich auf Alter oder Größe bezieht, birgt die Gefahr, dass wir vergessen, wie erwachsen unser Pferd mittlerweile geworden ist. Vor allem, wenn es das jüngste Pferd im Stall ist. So sind es dann plötzlich mit 7 oder 8 Jahren immer noch „die Kleinen“ und manchmal verpassen Besitzer komplett, dass der „Kleine“ eigentlich mal etwas Grundbenehmen haben könnte, wie man es von anderen erwachsenen Pferden halt auch erwartet.
Deswegen habe ich damals meinen Finlay mit Argusaugen beobachtet um zu sehen, wie erwachsen er tatsächlich schon ist und was ich an Benehmen erwarten kann. Und ich erinnere mich gut an eine Situation, als er 1,5 Jahre alt war. Als wir damals zur Hengstweide kamen wo er stand und ich sah in von weitem sagte ich zu Arnulf „der ist anders als letzte Woche“. Es war so ein Gefühl. Er hatte damals einen Sprung gemacht von „ich hab mich einfach nicht im Griff und hasche nach allem was mir vors Mäulchen kommt“ zu „ich hasche mal nach Dir und schaue was passiert“. Es wirkte so viel bewusster, gezielter. Genau wie es bei Kindern vorkommt, die etwas „ausfressen“ und einen dann genau anschauen um zu sehen wie man reagiert. Das war der deutlichste Sprung für mich, den ich an einem Tag festmachen konnte. Bei Duncan waren in letzter Zeit ein paar solche Momente, in denen ich merkte: er ist anders geworden. Ich kann es aber noch nicht so gut in Worte fassen. Da er von Anfang an sehr erwachsen war und nie wirklich „Baby-Verhalten“ gezeigt hat, zeigt sich das an anderen Stellen. Bei ihm fühlt es sich eher an als würde er anfangen, seine Kraft zu spüren. Wenn ich jetzt sage „er wird mutiger“ klingt das natürlich blöd, weil er ja noch nie ängstlich war. Aber ich glaube er traut sich mehr zu. Er begegnet sowohl mir als auch den anderen Ponys mehr auf Augenhöhe. Er weiß, wo er steht. Und es wirkt auf mich als hätte er Lust, seinen „neuen Körper“ auszuprobieren. Er ist kräftiger geworden und ich glaube er fühlt das und will seine PS „auf die Straße“ bringen. Als hätte er einen Zaubertrank getrunken und würde jetzt staunen über seine eigene Kraft und nur aus Spaß riesige Steine aufheben und rufen „schaut her was ich kann!“. Und so wie er sich körperlich fühlt, fühlt er sich (natürlich) auch seelisch. Wenn ich mich neben ihn stelle, meinen Arm über seinen Rücken lege und mich etwas anlehne, dann stabilisiert er sich – und das ist ja genau das was ich möchte. Bisher hatte es ihn immer etwas gestört und er schien nicht recht zu wissen was er tun soll, jetzt hat er den richtigen Weg gefunden. Neulich konnte ich meine beiden Arme und meinen Oberkörper kurz über seinen Rücken legen und mich „tragen lassen“ und er hat mich „getragen“. Das ist ein ganz besonderes Gefühl was ich bei Finlay schon immer sehr genossen habe. Das Gefühl, dass dieses Tier so stark ist und so stabil in sich, dass ich mein Gewicht abgeben kann. Und das ohne dass mein Pony sich „belastet“ fühlt, sondern es kann ihm sogar Spaß machen. Bei Finlay bin ich später, als er schon etwas älter war oft im Paddock kurz auf seinen Rücken gesprungen, habe mich mit dem Oberkörper über seinen Hals gelegt und ihn ordentlich durchgekratzt. Das fand er toll. Auch auf dem Reitplatz haben wir das gemacht, lange bevor es mit reiten los ging, während der Bodenarbeit immer in der Pause. Und nun kann ich mir zum ersten Mal vorstellen, dass es bei Duncan auch mal so sein wird. Bisher erschien er mir immer so zart und schmal, dass ich keine Idee davon hatte, wie er mich jemals tragen können soll. Natürlich WEIß ich dass er noch wächst. Aber wissen und fühlen, das sind zwei Paar Schuhe.
All diese Dinge plus die Tatsache, dass er beim Spazierengehen in letzter Zeit recht nervig war mit ständigem Haschen oder am Strick ziehen, hat mich nun veranlasst, meinen Umgang mit ihm zu verändern. Als wir am Sonntag in den Wald gefahren sind für einen wunderschönen Herbstspaziergang, da habe ich eine neue Verhaltensweise ausprobiert. Denn jetzt sind wir ein Jahr lang zusammen unterwegs und das heißt: er kennt doch die Regeln. Er kann mir nicht erzählen, dass er nicht weiß, dass er nicht am Strick ziehen soll, oder dass er nicht weiß, dass er nicht im Gehen Gras fressen soll, dass er nicht weiß, dass die Tatsache, dass ich in die Tasche greife, keine Bedeutung hat und dass, wenn er dann meint, mit seinen Zähnen nach mir haschen zu müssen, der Keks eben in meiner Hand bleibt, bis er sich wieder anständig benimmt. All diese Dinge weiß er doch. Und dann kann er sie jetzt auch einfach mal machen. Und ich finde, er braucht auch gar nicht mehr ständig Kekse nur weil er etwas macht, was er doch längst kann. Also bin ich losmarschiert und habe beschlossen: heute entscheide ich. Und das meine ich in zweierlei Art: ich entscheide das Tempo (sonst war ich oft froh wenn er mal langsamer war und habe ihn bummeln lassen) und ich treffe einen Haufen Entscheidungen bei denen ich sonst oft zu zögerlich war. „Darf ich dieses Grün da am Wegesrand vernaschen?“ Nein. „Darf ich die Seite wechseln?“ manchmal habe ich mit ja geantwortet, manchmal mit nein. Wie es mir eben gerade in den Sinn kam. „darf ich antraben?“ Ja, aber wenn der Strick zu Ende ist und du nicht rechtzeitig wieder durchparierst gibt es Ärger. „Darf ich bisschen drängeln?“ nein. Ich habe nicht ein einziges Mal überlegt „soll ich das jetzt machen, wie reagiere ich darauf, wie wird er sich damit fühlen“ Ich habe Entscheidungen getroffen am laufenden Band und Duncan hat sich wohl gefühlt. Er war entspannt unterwegs und lief 99% der Zeit am langen Strick mit großem Abstand neben mir her. Kekse gab es wenige, Rüffel aber auch, die dafür sehr deutlich und gezielt. Und es war der schönste Spaziergang seit langem. Und ich merke: nicht mehr so vorsichtig sein. Ich stelle es mir vor wie die nette Tante, die man ja echt gern mag, aber die irgendwie so ein bisschen „zu nett“ ist. Die einen ein bisschen nervt, die man nur so halb ernst nimmt. Aber jetzt, mein Ritterchen, jetzt hat die nette Tante das begriffen. Und wir beide steigen auf auf „Level 2“ und starten gemeinsam in deinen neuen Lebensabschnitt.
Wo ist sie? Ich hab immer zu meinem Mädchen geschaut. Sie ist schließlich der wichtigste Mensch in meinem Leben!
Nicht im Bild: der Mann, der meinen Strick hält.
Mein Mädchen wollte gar nicht mit aufs Bild. Sie hatte kein Mähnenspray im Wallehaar wie ich. Aber die Künsterlin hat einfach abgedrückt als mein Mädchen sich grad sooooooooooo doll über mich gefreut hat. Schaut nur wie verliebt sie ist!
Ohne Worte
Hach, wenn meine Mähne so schön fliegt ist mein Mädchen gleich noch etwas verliebter…..
Im Trab zu meinem Mädchen! Mit Snack. War ja auch echt anstrengend!
Ich finde, ich seh sogar mit vollem Maul noch super aus!
Ich hab immer was zu sagen – wisst Ihr ja!
Blick in die Ferne …. ich träume schon vom nächsten Abenteuer!
schick vor der schwarzen Leinwand – wie ein Gemälde oder?
Mein Mädchen und ich können uns gar nicht wirklich entscheiden, welches wir am schönsten finden. Mein Mädchen sagt, ich bin eben einfach in jeder Lebenslage wunderschön! Und da ist ja was dran.
Welches Bild gefällt Euch wohl am besten? Lasst es mich wissen!
Und wenn Ihr Euch auch fotografieren lassen wollt oder Eure Liebsten – Menschen oder Tiere, dann fragt doch mal die werte Künstlerin Andrea Wolf von Wolfsmomente.de
Ihr seht ja: sie hat es voll drauf! Und sie ist auch echt nett. Ich hab mich schon mit ihr verabredet, wenn meine Farbe sich geändert hat möchte ich mich wieder porträtieren lassen.
Eines Tages erhielt ich einen Anruf von einer Dame aus dem fernen Süddeutschland. Sie hatte einige Fragen dazu wie sie ihrem dreijähren süddeutschen Kaltblut das Hufe geben besser beibringen kann. Sie erzählte mir, dass sie langjährige Kutschfahrerin ist und nun dieses junge Pferd einfahren möchte. Im Moment habe sie aber ein paar Probleme mit dem Tier und deswegen hat sie sich eine Trainerin geholt. Diese Trainerin macht „Natural Horsemanship“ (oh dieser unsägliche Begriff!) und hat gesagt, das Pferd soll immer einen halben Meter HINTER dem Menschen gehen und Stimmkommandos sind Quatsch, die benutzt man nicht. Da fiel meine Kinnlade recht tief. Ich bin immer vorsichtig mit Kritik an Kollegen. Ich sagte also nicht, was ich als erstes dachte, sondern formulierte meine Bedenken ob diese Ausbildungsmethode wohl zu den Zielen der Dame passte. Ein Kutschpferd soll ja nun mal VOR der Kutsche laufen (und somit auch VOR dem Menschen) und natürlich wird fast nirgendwo so viel mit Stimmkommandos gearbeitet wie beim Fahren. Warum sollte sie dem Pferd also erst das komplette Gegenteil von dem beibringen was es später tun soll? Das ist mein bisher eindeutigstes Beispiel dafür, wie eine Ausbildungsmethode einfach total falsch gewählt sein kann. Ob diese Ausbildungsmethode überhaupt irgendeinen Sinn ergeben hat, lasse ich mal dahingestellt aber definitiv nicht für dieses Pferd und seine Besitzerin. Das kam mir vor als würde man einen Chinesisch-Lehrer engagieren wenn das Kind schlecht in Biologie ist.
Als ich selbst vor 13 Jahren den ersten Trainer sah der mich wirklich beeindruckte, hatte ich Glück: sein System passte perfekt für meinen Merlin. Merlin mag gerne frei arbeiten, immer nah bei mir sein und nicht schneller laufen als ich – bevorzugt noch hinter mir her. Er mag gern selbst probieren und braucht nicht viele Infos von mir dazu außer „besser“ oder „nicht besser“. Und Pause machen ist das allergrößte für ihn. Das passte prima zusammen mit dem Aufbau des Traininssystems das wir dort lernten. Ich habe aber gar nicht gemerkt, dass wir deswegen so gut und so glücklich waren. Ich dachte, das System sei halt so toll. Pustekuchen. Als Finlay dann kam und ich mit ihm nach dem selben System arbeiten wollte, hatte er dazu ziemlich viel eigene Meinung….. (Und mit dieser Meinung hat er ja auch nie hinterm Berg gehalten). In Wirklichkeit ist es nämlich leider so, dass fast alle Pferdebesitzer sich ein Ausbildungssystem suchen, dass IHNEN gefällt. Weil Ergebnisse dabei rauskommen, die sie schön finden. Oder weil sie den Trainer so toll finden. Oder weil es ihnen einfach erscheint. Weil es gerade in Mode ist oder weil es ihre langjährigen, liebgewonnenen Glaubenssätze bestätigt und sich daher einfach total „richtig“ anfühlt. Weil der entsprechende Ausbilder sowieso schon an den Stall kommt. Oder oder oder. Sehr selten wird ein Ausbildungssystem danach ausgesucht, ob es zum Pferd passt. Wie sollte das auch gehen – dafür bräuchte man ja jemanden, der alle Ausbildunssysteme kennt und dann das Pferd entsprechend einschätzt und einen berät. Meines Wissen gibt es so jemanden nicht. Und in der Pferdewelt sind ja die meisten Ausbilder auch immer noch überzeugt, dass sie das einzig wahre, richtige System haben.
Dabei ist die Auswahl inzwischen unüberschaubar. Früher, als ich meine Reitkarriere begonnen habe, da wurde „englisch“ geritten. Da gab es Springen, Dressur und Gelände. Außerdem gab es (allerdings nicht in meinem direkten Umfeld), die Westernreiter und dann gab es noch Islandpferdereiter. Alle blieben fein für sich und so war mir das als Jugendliche gar nicht so recht klar dass es diese „anderen“ gab. Heute? Heute gibt es allein schon unter den „Dressur“reitern eine riesige Bandbreite von den Akademikern über die Klassiker und die Légèreté, wobei sich selbst innerhalb dieser Kategorien noch die Köpfe eingeschlagen werden und jeder sein eigenes Ding macht, dann gibt es Working Equitation, eine für mich unüberschaubare Anzahl an Gangpferden und vor allem eine schier wahnsinnige Auswahl an Bodenarbeitslehren, viele unter der unsäglichen „Horsemanship“-Überschrift, die inzwischen so nichtssagend ist wie „alles was man an Halfter und Strick so machen kann“, aber natürlich auch wieder Klassiker, Akademiker, Dual-Aktivierung und allerhand andere Systeme. Und dann gibt es noch die Fraktion der positiv-Verstärker, die sich inzwischen auch schon wieder unterteilt, da blicke ich noch weniger durch. Mir scheint, es ist in den meisten Fällen Zufall, wohin es einen so verschlägt und oft wird nicht in Frage gestellt, ob das System fürs Pferd passt. Menschen stellen mal fest, das es für SIE nicht passt und wenden sich ab, weil der Trainer nicht nett ist, vielleicht (das hab ich öfter mal gemacht) weil der Trainer das Pferd nicht wertschätzt (das passiert, wenn man ein Strubbelpony mit gruseligem Gebäude zum Unterricht bringt. Da habe ich schon sehr abwertende Dinge gehört und ich habe beschlossen, dass weder ich noch mein Pony uns das antun müssen, völlig egal wie gut der Trainer ist). Oder weil der Trainer zu teuer ist, die Fortschritte scheinbar zu klein oder der Aufwand zu groß. Aber merken wir auch, wenn es fürs Pferd halt einfach nicht passt? Selten. Ich bin heutzutage überzeugt davon, dass viele Pferde nie ihr volles Potential entfalten, weil die Ausbildungsmethode nicht passt. Ganz einfach ist es oft, sich grob an der Rasse zu orientieren. Da denke ich an den Tinker, von dem ich einmal hörte, der in einem System ausgebildet wurde, dass sehr auf Langsamkeit und Kleinschrittigkeit bedacht war. Eines Tages bewegte der Tinker sich einfach gar nicht mehr. Das ergibt für mich Sinn und ich erkläre meinen Schülern seitdem gern, dass wir auch schauen dürfen, wo Ausbildungsmethoden herkommen und für welche Pferderassen sie ursprünglich gedacht waren. Wer immer Spanier und Lusitanos unterm Hintern hat ist oft gut bedient mit Methoden, die viel Ruhe ins Pferd bringen. Aber Ruhe ist etwas, was so ein Tinker in der Regel nicht erst lernen muss….
Andererseits kann es gefährlich sein, zu schnell ein „Rasseurteil“ zu fällen. Die Unterschiede zwischen Finlay und Duncan machen das nur zu deutlich. Gleiche Rasse, gleiches Geschlecht, sogar von der Arbeit her die gleiche Vorliebe (raus ins Gelände, alles andere ist ziemlich uninteressant). Und dennoch sind sie in der Kommunikation nicht miteinander zu vergleichen. Finlay war immer im Dialog. Er war der Typ Pferd, dem man zwar nicht ansah was er dachte, aber die Informationen gingen immer wie ein Pingpong-Ball von mir zu ihm. Ich sagte zum Beispiel „lass mal da vorne antraben“. Dann kam von ihm „ok, wo genau, wie schnell, für wie lang und wie soll ich es machen“ oder es kam „nö, wieso? Hab grad keine Lust“. Und dann wartete er auf meine Antwort. Oder es kam von ihm „lass uns mal da vorne antraben“ und dann hatte ich zu antworten.
Duncan hingegen macht das anders. Er sagt nicht so viel – obwohl man ihm das, WAS er sagt, sehr gut ansehen kann. Er ist eher der Typ dem ich sage „lass mal da vorne antraben“ und er sagt „ok“ und dann macht er das. Und dann erwartet er keine weitere Info und fragt auch nicht nach. Die Details interessieren ihn nicht so sehr. Wir machen das dann zusammen. Es reicht ihm, schweigend neben mir her zu laufen. Ja, im Moment stimmt das nicht ganz, weil er immer wieder nach mir haschen muss. Aber das ist kein Dialog, das ist „oh ich hab mich grad nicht im Griff weil ich zwei Jahre alt bin und an Energieüberschuss leide, sorry!“ In den Momenten zwischen dem Haschen ist er still und völlig zufrieden damit, sich die Welt anzuschauen oder seinen Gedanken nachzuhängen. Er erwartet ein gewisses Grundmaß an Aufmerksamkeit von mir, falls er doch mal ne Frage hat („darf ich mir die Eichel da nehmen?“ oder „hast Du diesen interessanten Äppelhaufen gesehen?“) aber er muss nicht dauernd schnacken. Nun kann ich mich wieder fragen, wie viel daran an meiner anderen Herangehensweise liegt. Aber die erste Begegnung mit Duncan, damals am Anhänger in Dänemark, lässt mich vermuten, dass es sein Naturell ist. Er ist der Typ Pferd, dem man sagen kann „lass mal traben“ und dann trabt er bis man was anderes sagt. Das wäre weder Merlin noch Finlay jemals in den Sinn gekommen. Aber wer sich auskennt, weiß: das wird in vielen Ausbildungssystemen gelehrt. Dass es manchen Pferden einfach nicht entspricht wird übersehen und schon hat man die ersten Probleme erschaffen, weil man etwas verlangt, was fürs eigene Pferd einfach von Natur aus keinen Sinn ergibt.
Ich habe wahnsinnig Glück gehabt mit dem Kauf von Duncan. Ich wäre zwar total bereit gewesen, etwas mit ihm zu tun, was IHM Spaß macht, was immer es sein mag, aber ich habe offensichtlich ein Pony erwischt, dass meine derzeitigen Wünsche teilt: Kutsche fahren und auf Distanzritt gehen. Das passt zu ihm, da muss man nicht viel reden. Das wäre über die vielen Stunden die man gemeinsam verbringt auch viel zu anstrengend. Wir werden wohl eher zusammen Dinge erleben, als uns zu unterhalten. Ob meine Dressur-Ambitionen bei ihm auf fruchtbaren Boden fallen, wage ich allerdings zu bezweifeln. Das was Merlin und ich so gern zusammen machen, an den Kleinigkeiten feilen, hier noch ein bisschen, da noch ein bisschen, das wird wohl mit Duncan eher nicht stattfinden, scheint mir. Und ja, die Züchterin hat mich gewarnt, denn auch Duncans Vater hat wenig Begeisterung dafür übrig. Sie hat mir erzählt, dass er das zwar kann und macht, aber eigentlich will er nur raus ins Gelände. Mein Glück, dass man viel Dressurarbeit auch im Gelände machen kann. Vielleicht wird bald viel Gras auf unserem Reitplatz wachsen….
Interessant ist für mich aber nun etwas anderes: Derzeit läuft eine Online-Pferdemesse auf der man sich viele Videos von Trainern aus der ganzen Welt anschauen kann. Und dort bin ich auf ein Video von einem amerikanischen Trainer gestoßen, der etwas Bodenarbeit zeigt und erklärt, wie er dem Pferd am Führseil schon die Idee der Zügelhilfen erklärt. Ich sah ihn arbeiten und stellte mal wieder fest, wie viele Methoden und Unterschiede es doch gibt. Und irgendwie machte es „klick“ bei mir und ich dachte „es liegt am Charakter“. Und zwar nicht am Charakter der Menschen, sondern an dem der Pferde. Und meine Bodenarbeit wie ich sie mache passt nicht zu Duncans Charakter. Denn meine Bodenarbeit ist sehr direkt. Ich schaue ihn viel an, wirke viel direkt auf ihn ein. Das passt zu den kommunikativen Typen wie Merlin und Finlay. Aber es passt nicht zu Duncan. Es ist Druck für ihn, mit dem er nicht umgehen kann.
Nebeneinander her gehen ohne groß zu schnacken. Für Merlin ergibt das keinen Sinn, Duncan liebt es.
Ich kenne das von mir selbst. Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, kann ich das am besten wenn ich nebenbei eine Beschäftigung habe. Wenn wir spazieren gehen oder absammeln oder Äpfel pflücken, dann komme ich in ein gutes Gespräch. Auch beim Essen funktioniert das gut. Wenn ich aber auf einem Stuhl sitzen und mich nur unterhalten soll, habe ich Schwierigkeiten. Wo schaue ich hin? Was mache ich mit meinen Händen? Und warum sind Stühle eigentlich IMMER unbequem für mich? Das kann schon mal kompliziert werden. Dann kann ich kaum zuhören und bin nur am zappeln. Ich glaube, Duncan geht es ähnlich. Wenn wir gemeinsam etwas tun, dann ist alles ok. Dann darf ich ihm sagen, was er tun soll. Aber bitte nicht so direkt. Das ist meinem Sensibelchen zu doll. Ja, in dieser Hinsicht ist er ein Sensibelchen. Nun liegt es an mir, Wege zu finden, die ihm angenehmer sind. Die Auswahl ist groß. Und ich möchte mich immer wieder erinnern, dass ich es nicht zu seiner Aufgabe machen möchte, sein Naturell zu verleugnen und sich an mich anzupassen, sondern dass ich, weil ich die „Große“ in unserer Beziehung bin, mein Ausbildungssystem an mein Pony anpasse. Das mag viele Jahre in Anspruch nehmen, viel Ausprobieren, viel Frust. Aber Finlay hat mich gelehrt, dass Aufgeben keine Option ist. Er hat so lange an mir herumerzogen bis ich verstanden hatte. Jetzt muss ich es selbst tun, denn Duncan ist nicht der Typ, der mir direkten Widerstand bietet. Da war Finlay leichter zu lesen und zu verstehen: wenn ich mir den Sand aus den Augen wischen musste, den er mit seinen Hinterhufen gezielt ins Gesicht geworfen hatte, dann wusste ich: so nicht. Duncan ist da stiller, vielleicht höflicher, vor allem lieber. Ich werde ihn beobachten müssen um zu verstehen, was ihm gefällt und was nicht. Und in meinem Schülerkreis werde ich noch mehr variieren. Noch mehr versuchen, nicht nur das zu finden, was der Mensch gut umsetzen kann, sondern auch das, was zu diesem Pferd passt. Noch mehr im Auge behalten, welche kleinen Nuancen den großen Unterschied machen zwischen Wohlfühlen und unter Druck stehen. Ja, Pferdeausbildung wird niemals einfacher. Je mehr ich darüber lerne, desto komplizierter wird sie – und das ist eins der vielen schönen Dinge daran.
Und weil ich Zitate-Fan bin, habe ich noch eins das gut dazu passt
„Auch das lauteste Getöse großer Ideale darf uns nicht verwirren und nicht hinden, den einen leisen Ton zu hören, auf den alles ankommt.“ (Werner Heisenberg)