Plätzchen

Zu Weihnachten backen Arnulf und ich immer Zimtsterne. Arnulf hatte vor ein paar Jahren angemeldet dass er das gerne mal machen möchte und also haben wir damit angefangen. Meine Plätzchen-erprobte Mutter wollte natürlich prompt das Rezept (weil die Dinger echt lecker sind). Aber nach dem ersten Versuch verkündete sie, dass sie das Zimtstern-backen in Zukunft lieber uns überlässt. Weil ihre ganze Küche geklebt hat. Sie backt dafür all die anderen leckeren Sachen, da kommen wir gut bei weg.
Mit den Rezepten ist das ja so eine Sache: man kann versuchen, jemandem genau zu erklären, wie man etwas macht, und trotzdem klappt es beim anderen nicht. Ich zum Beispiel „kann“ keinen Hefeteig. Oder sollte ich sagen: ich konnte keinen Hefeteig. Bis meine Schwester mir dieses wunderbare Buch geschenkt hat. Brot backen in Perfektion. Plötz-Prinzip, winzige Hefemengen, lange Gehzeiten. Klappt jedes Mal. Normaler Hefeteig hingegen geht bei mir irgndwie nie. Und dann hat ja jeder seine Tricks, aber keiner von denen funktioniert bei mir.
Handlungsanleitungen sind eine schwierige Sache. Mein Lieblingsvideo dazu findet Ihr hier https://www.youtube.com/watch?v=Ct-lOOUqmyY – ein Lacher zu Weihnachten

Jeden Tag, wenn ich unterrichte, gibt es mindestens eine Situation, in der ich meiner Schülerin etwas erkläre und wenn sie es dann macht, sieht es irgendwie anders aus als das was ich mir vorgestellt hatte. Das ist ja kein Problem, wir probieren es dann einfach so lange, bis wir verstanden haben, was der jeweils andere meint. Schwieriger wird es bei Dingen wie „Ausstrahlung“. Mikro-Körpersprache die wir willentlich nur sehr mittelmäßig bis gar nicht beeinflussen können und die für Pferde so unglaublich wichtig ist. Sie nehmen für bare Münze, was sie uns ansehen. Und sie sehen alles. Es wird behauptet, dass sie unseren Herzschlag hören (keine Ahnung woher man das weiß). Auf jeden Fall sehen sie kleinste Muskelbewegungen. Und „so tun als ob“ hilft da halt auch in den seltensten Fällen. Sie sehen es uns an der Nasenspitze an. Je jünger und unverbrauchter, aber auch je sensibler ein Pferd ist, desto mehr sind sie verwirrt von unseren teils widersprüchlichen Signalen.

Das interessante am Kochen und Backen ist ja: wenn man es gut kann, braucht man eigentlich kein Rezept mehr. Wenn man es aber noch gar nicht kann, funktioniert es oft auch mit dem perfekten Rezept nicht so richtig. Und was hilft dann? Ausprobieren, üben und ab und zu jemanden fragen der sich damit auskennt (was frustrierend sein kann, wenn derjenige dann Dinge ganz einfach aussehen lässt….)

Und so denke ich beim Plätzchen backen darüber nach, wie ich meine Schüler besser unterrichten kann. Ich denke daran, wie ich dieses Jahr im Mai zum ersten Mal etwas gefühlt habe, was mein Reitlehrer mir letztes Jahr im Oktober erklärt hat. Ich bin die Übung unter seiner Aufsicht geritten, aber irgendwie wusste ich nicht, worum es wirklich ging. Umso größer war im Mai meine Überraschung, als ich es plötzlich fühlen konnte und wusste: das hat er gemeint! Ausprobieren und üben kann uns keiner abnehmen. Wenn wir es nicht tun, werden wir nicht weiter kommen.
Auch mit Duncan habe ich dieses Jahr viel ausprobiert und geübt. Inzwischen sehe ich ihm auch manchmal Dinge an der Nasenspitze an. Und wie beim Backen mache ich mir Notizen und frage mich, ob ich nächstes Jahr nicht dieses oder jenes mal anders probiere. Und auch wie beim Backen probiere ich manchmal ein Rezept, dass einfach nicht schmeckt. Aber die altbewährten Rezepte, die werden jedes Jahr noch weiter perfektioniert. Und wenn ich nachher die perfekten Zimtsterne backen kann, aber nichts anderes, dann kann ich wenigstens die perfekten Zimtsterne. Und die schmecken, das sage ich Euch! Im Übrigen habe ich auch hier eine Verbesserungsidee ausprobiert. Aber die Zimtstern-Backmatte hat Probleme erschaffen, die wir vorher gar nicht hatten. So kann‘s gehen. Macht ja nichts, zurück zum Altbewährten.

Und wenn Ihr jetzt Plätzchen-Hunger bekommen habt – hier ist es, unser Zimtstern-Rezept:

Für 2 Bleche

380 g Puderzucker
200 g gemahlene Mandeln
400 g gemahlene Nüsse
3-4 Eiweiß
3 gehäufte TL Zimt
2 Spritzer Zitronensaft oder etwas Bittermandelöl

Die Hälfte der Nüsse beiseite stellen
Den Puderzucker mit den Eiweiß zu einer steifen Glasur schlagen. 1/3 davon zur Seite stellen. Die restlichen Zutaten unter die 2/3 Glasur rühren. Der Teig sollte richtig schön klebrig sein.

Den Teig zwischen zwei Lagen Frischhaltefolie ausrollen, die obere Folie abnehmen, den Teig dünn mit gemahlenen Nüssen bestreuen. Die Folie wieder drauflegen und das ganze umdrehen (geht am besten zu zweit wenn jeder zwei Ecken der Folie hält). Dann die obere Folie abnehmen, Plätzlich ausstechen. Der restliche Teig kann jeweils wieder verknetet und neu ausgerollt werden. Die Ausstechformen mit etwas Wasser befeuchten und evt ein Essstäbchen zu Hilfe nehmen um den Teig vorsichtig aus den Ecken der Förmchen zu drücken.
Die Plätzchen auf ein Backblech mit Backpapier oder einer Dauerbackfolie legen und mit dem Rest der Glasur bestreichen. Bitte darauf achten, dass sie dickflüssig genug ist, evtl mit mehr Puderzucker eindicken, sonst läuft sie von den Plätzchen herunter. Anschließend bei 150° Umluft 10-12 min backen. Nach dem Backen sind die Plätzchen noch etwas feucht, sie trocknen aber nach. Nicht zu lange trocknen lassen, sonst werden sie zu hart!

Lecker Plätzchen! Frohe Weihnachten!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 98

Manchmal tut Ihr Menschen mir ein bisschen leid. Es mag ja praktisch sein, an warmen Tagen das Winterfell ausziehen zu können. Aber Ihr müsst es ja auch immer anziehen, sonst würdet Ihr bei ganz normalen Temperaturen schon jämmerlich erfrieren. Und dann ist ja dieses An- und Ausziehen auch wirklich unpraktisch. Ich meine: wenn mein Mädchen mich nicht hätte, hätte sie ihr Winterfell selbst durch den Wald schleppen müssen! Wir können unser Fell einfach aufstellen oder anlegen und uns an die Temperatur anpassen. Und so ein Wetter wo mein Mädchen es beim Rumstehen trotz angezogenem Winterfell kalt findet, finden wir gerade gemütlich.

Aber noch schlimmer ist es, wenn es regnet. Da seid Ihr ja überhaupt nicht für ausgerüstet! Unser Fell hingegen ist wasserfest. Das fetten wir immer von innen ein bisschen nach und schon ist es wieder dicht. Schaut: den ganzen Tag im Regen gestanden und unten drunter ist alles trocken. Praktisch, oder? Ihr mit Euren Regenmänteln. Und trotzdem werdet Ihr nass.

Drunter ist es schön trocken und warm.

Und dann will ich ja gar nicht davon anfangen, wie untauglich der Rest Eures Körpers ist. Ihr könnt die Ohren ja gar nicht drehen! Wie soll man da etwas hören können und vor allem wisst Ihr ja nie woher es kommt! Und nachts braucht Ihr Lampen um gucken zu können. Tsssss also ich finde das alles sehr unpraktisch. Und deswegen tut ihr mir ein bisschen leid. Ihr könnt auch nicht schnell rennen, Eure Reaktionszeit ist unter aller Sau (entschuldigt aber ein besserer Ausdruck ist mir nicht eingefallen) und Euer Geruchssinn reicht nur gerade von „Pferdeäppel stinken“ bis „Ponys riechen wunderbar“. Oje, liebe Menschen.

Euer Euch bemitleidender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 97

Heute habe ich einen ganz besonderen Brief geschrieben. Ihr Menschen habt es ja nicht so leicht dieses Jahr. Und besonders die älteren unter Euch. Also bei uns Ponys ist das ja anders. Unser alter Merlin der wohnt ganz normal bei uns anderen. Der geht nur manchmal weg um was extra zu essen (ooooooh was sind wir anderen dann immer neidisch!).

Aber Ihr Menschen habt ja extra Ställe für die alten. Und dieses Jahr darf da kaum Besuch kommen, hat mein Mädchen erzählt. Das ist ja wohl voll blöd! Zum Glück gibt es immer auch unter Euch Menschen welche mit guten Ideen. Da hat jemand die „Aktion Brieftaube“ ins Leben gerufen. Da können die Menschen Briefe schreiben an die alten Leute, die so wenig Besuch bekommen dürfen. Und ich hab da mitgemacht. Ich hab ein bisschen über mich geschrieben und ein Foto mitgeschickt, damit die Menschen, die das lesen, sehen, wie hübsch ich bin.

Ich hoffe sehr, dass irgendwo ein unbekannter Mensch sich über meine Zeilen freut.

Ihr könnt übrigens auch mitmachen! Schaut mal hier

https://www.youngcaritas.de/soziales-engagement/corona/briefe-schreiben/

Das ist ganz einfach und macht viel Spaß!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Konzentration

„ui“ schnauft meine Schülerin „so doll musste ich mich beim reiten ja noch nie konzentrieren!“ Ich muss ein bisschen grinsen. Ich kenne das ja nur zu gut. Denn auch das ist etwas, was beim reiten immer „schlimmer“ wird, je besser man es kann. Da Hilfen immer feiner werden und man immer mehr Details entdeckt gibt es immer mehr zu beachten.

Als ich dann abends mit Duncan und meiner „gestrengen Fahrlehrmeisterin“ das Fahren vom Boden übe, geht es mir ganz genauso. Duncan und ich können das ja beide noch nicht. Ich habe es zwar mit Finlay damals gemacht aber nicht so oft, dass die Griffe schon Routine wären. Ich weiß in der Theorie, was zu tun ist, aber die Praxis birgt ihre Tücken. Duncan hingegen kennt noch nicht einmal die Theorie. Das gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren läuft auf Hochtouren während wir ungelenk durch die Halle eiern. Und auch mein Gehirn läuft heiß: Anhalten, warten lassen, Keks geben, dann schauen ob er nochmal wartet, bei Bedarf korrigieren, überlegen in welche Richtung es losgehen soll, Leinen entsprechend sortieren und dann blitzschnell entscheiden was ich wann wo und warum wie belohne, die Peitsche im Griff und den Überblick behalten von welcher Seite ich zuletzt gefüttert habe (damit ich abwechsle) und mit einem Ohr den Anweisungen meiner Freundin lauschen.

Duncan und ich kämpfen uns durch, finden gute Momente im Chaos und bewahren uns unseren Humor. Und das ist eben das wunderbare an meinem Pony: er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er kann aushalten, dass Chaos herrscht. Er schafft es, sich zu konzentrieren und rauszufiltern, was das richtige war. Nächstes Mal, das weiß ich aus Erfahrung, wird er Dinge können und wissen von denen ich dachte, dass er nix kapiert hat. Und das liegt daran, dass er so wunderbar unaufgeregt an die Dinge herangeht.

Neulich sprach ich mit einer Schülerin über Prüfungsangst. Ich selbst habe die nicht und weiß daher erst, seit ich Arnulf kenne, was das bedeuten kann. Er weiß Sachen 5 Minuten vor der Prüfung und 5 Minuten danach. In der Prüfung selbst ist alles weg. Kein Zugriff auf die gespeicherte Information. Das Pferd meiner Schülerin scheint ähnliche Probleme zu haben. Er kann den Handwechsel an der Longe genau so lange, bis er ein kleines bisschen Stress hat. Dann aber steht er da und schaut wie eine Kuh wenn es donnert – verschreckt und unwissend. Ich glaube, sein Gehirn blockiert. Also üben wir nicht den Handwechsel, sondern wir üben, dass er mit dem Stress besser umgehen kann. Wir vermeiden nicht jeglichen Stress, sondern wir tasten uns vor: ein bisschen Aufregung, dann wieder entspannen. Und langsam, ganz langsam, wird es besser.

Die Atmosphäre und die Beziehung herzustellen, die das Pferd zum lernen braucht, das ist mir so viel wichtiger als die technische Frage, wie ich eine Übung durchführe. Bei Duncan ist das recht leicht. Er ist jung, hat keine schlechten Erfahrungen gemacht und gehört einer der entspanntesten Rassen an, die ich kenne. Das Pferd meiner Schülerin ist schon etwas älter, hat Arthrose und eine Springpferdekarriere hinter sich. Von Grundentspanntheit sind wir noch etwas entfernt.

Auf der anderen Seite kann es für mich auch beschämend sein, mit Duncan – oder Merlin oder Diego – zu arbeiten. Sie sind oft konzentrierter als ich. Ihnen geht wohl nicht durch den Kopf, wer wieder was komisches gesagt hat, was noch alles zu erledigen ist und was es heute abend zu essen gibt. An vielen Tagen kann ich diese Dinge für den Moment mit meinen Pferden beiseite schieben aber manchmal will das einfach nicht gelingen. Und so habe ich neulich abends beim Fahren üben „warte“ statt „keks“ gesagt und war überhaupt total unkonzentriert und wirr. Aber Sir Duncan war bei der Sache. Mein (noch recht kleiner) Fels in der Brandung ist zwar dann auch etwas tüdeliger als sonst, aber er wird nicht nervös oder unruhig. Trotzdem sehe ich an solchen Tagen wie jung und unerfahren er noch ist und wie viel abhängiger als die „großen“ er von meiner Konzentration ist. Er spiegelt mir sofort wieder, wenn mein Kopf nicht „rund läuft“ wo Merlin und Diego genug Erfahrung haben um zu „überhören“ was in mir vorgeht und nur das wesentliche herauszufiltern. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen, man solle nur dann mit dem Pferd arbeiten, wenn man mental total fit ist. Ich finde, dass das zu oft dazu führt dass unsere Pferde zu viel herumstehen. Lieber mache ich meine Pferde fit, mich auch mal unkonzentriert ertragen zu können. Ich achte dann extra-gut darauf, dass ich nicht ungerecht werde, ich entschuldige mich auch bei ihnen für meine konfusen Gedanken und wenn es möglich ist beschränke ich mich auf einfache Dinge. Aber wenn es nunmal Dienstag nachmittag ist und unser einziger „Fahrunterrichtstag“ dann ist der eben mal wirr. Und das das nicht schlimm ist, das kann mein Pony lernen und es wird ihm und mir noch oft zugute kommen, dass er das kann. Wenn ich nur bedenke, wie furchtbar aufgeregt ich sein werde, wenn wir auf unseren ersten Kurs fahren oder zum Distanzritt! Da ist meine Wirrköpfigkeit am Dienstag eine Lachnummer dagegen.

Ich vertraue darauf, dass nicht nur Duncan in dem ganzen Chaos etwas gutes gelernt hat, sondern dass auch bei mir etwas hängen geblieben ist. Wir haben geübt – und dazu gehört auch mal üben unter widrigen Bedingungen. Nächstes mal dann hoffentlich wieder in voller Konzentration.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 96

Dienstags nachmittags sind wir ja immer mit dem Mädchen von meinem Spaziergehkumpel verabredet. Aber dann ist es jetzt immer schon dunkel. Und mein Mädchen hat keine Lust im Dunkeln die Straße rauf und runter zu laufen wie sie sagt. Mir würde das ja nix ausmachen, ehrlich gesagt. Und meinem Spaziergehkumpel auch nicht. Und dem Mädchen vom Spaziergehkumpel auch nicht. Aber wenn mein Mädchen was nicht will dann macht sie das eben einfach nicht, das hab ich schon kapiert. (Besonders schlimm ist es wenn sie mir einfach keinen Keks geben will…..)

Na jedenfalls haben wir uns eine Ersatzbeschäftigung gesucht. Wir üben nämlich Kutsche fahren. Ohne Kutsche weil ich dafür ja angeblich noch zu klein bin….. Und das üben wir auf dem Reitplatz, da ist Licht (wenn auch nicht viel). Es geht so: ich bekomme alles angetüddelt. Und zwar inklusive Fahrzaum (nur ohne Gebiss. Weil ich ja noch Babyzähne hab). Ich darf jetzt den Fahrzaum von meinem großen Bruder Finlay tragen! Den beiden Mädchen war ganz sentimental zumute als sie gesehen haben dass er mir schon fast passt. (Gut genug zum üben jedenfalls). So ist das wohl, wenn man klein ist, dann muss man immer die Sachen vom großen Bruder auftragen, man bekommt nix eigenes, weil man ja noch wächst….. naja.

Wenn ich dann angetüddelt bin, gehen wir auf den Reitplatz. Mit den Blendklappen kann ich nicht so gut rundum gucken, das muss ich erst noch kapieren wie das geht. Das Mädchen vom Spaziergehkumpel (alias „die gestrenge Fahrlehrmeisterin“) geht sich dann irgendwo auf dem Reitplatz verstecken. Mein Mädchen steht hinter mir und sagt, dass ich warten soll. Wenn ich artig warte, kommt sie nach vorne und gibt mir einen Keks. Toll! Am Anfang war ich noch verwirrt, weil ich mein Mädchen nicht sehen kann und hab immer versucht mich umzudrehen. Aber dann hab ich verstanden dass das nicht richtig ist. Wenn ich sie nicht sehen kann, muss ich eben ganz doll lauschen was sie sagt! Drehen soll ich mich aber nicht.

Entschuldigt bitte dass mein Mädchen so komisch trabt. Ich arbeite daran…

Wenn ich dann lang genug gewartet habe, sagt sie irgendwann, dass ich losgehen soll. Ich such dann nach dem Mädchen vom Spaziergehkumpel und wenn ich sie gefunden habe, trabe ich schnell hin und sie gibt mir dann auch wieder einen Keks. Mein Mädchen trabt hinter mir her und schaut auf meinen hübschen Po, das mag sie gern. Hui, großer Spaß! Aber ehrlich gesagt auch anstrengend. Nicht in den Beinen, aber im Kopf. Ich muss mich so doll konzentrieren! Deswegen machen wir das nicht so lang. Aber dafür merke ich mir alles ganz genau wie es geht und beim nächsten Mal kann ich das und wir können wieder ein Level weitergehen. Weil ich so schlau bin!

Hier hat sie mich überredet, im Schritt zu bleiben. Macht sie nur, weil sie nicht so schnell und schön traben kann wie ich! Im Trab macht es aber viel mehr Spaß!

Weil es immer dunkel ist, können wir das nicht filmen. Aber heute haben wir das mal mit dem Mann geübt, mein Mädchen und ich, und da war es hell und wir haben es für Euch gefilmt. Seht nur her wie gut ich das schon kann! Ich hoffe ich bin bald groß genug um die Kutsche wirklich zu ziehen. Aber mein Mädchen sagt, das dauert noch und bis dahin müssen wir ganz viel üben. Wieso? Kann ich doch alles? Ach so, weil dann niemand mehr vorne mit Keksen steht und ich alleine vorneweg gehen und den Weg finden muss. Und gaaaaaaaaaanz genau lauschen was mein Mädchen sagt. Und alles richtig machen. Vor der Kutsche kann man sich keine Fehler erlauben. Na gut, ok, dann müssen wir vielleicht wirklich noch ein- oder zweimal üben.

Euer Kutschpony Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 95

Hallo Ritterchen, du hast dich ja hingelegt.

Hallo mein Mädchen! Ja du hast ja gesagt man wächst im Schlaf und ich muss doch noch sooooooo viel wachsen!

Das stimmt. Darf ich mich zu dir setzen? Ich hab auch einen Keks für dich.

Oh toll ein Keks, danke! Kann ich noch einen bekommen? Guck mal ich kann sogar im Liegen wegschauen, dann gibst du mir was oder?

Ach du weißt schon sehr genau wie du mich rumkriegst, mein Ritterchen. Also gut, einen noch.

Und dann noch einen?

Nein, aber ich könnte dich ein bisschen kratzen wenn du magst.

Oja gern. Darf ich dich zurückkratzen? Dann ist es noch schöner.

Ja aber denk bitte daran dass ich kein Pony bin, also nur ohne Zähne, ja?

Ok. Auch wenn es schwer fällt. So richtig?

Ja ganz wunderbar zart und liebevoll mein Ritter.

Ooooooch ist das gemütlich. Kann ich mal so meinen Kopf in deiner Hand abstützen? Der wird mir gerade so schwer.

Na klar mein Ritterchen. Ich trage deinen Kopf gern und wenn du deine Stirn hier so an meinen Bauch drückst dann kann ich deinen Kopf auch ganz in den Arm nehmen.

Hmmmmm schön. Da muss ich jetzt mal ganz tief durchschnaufen. Mir ist ganz romantisch, mein Mädchen

Mir auch, mein Schatz.

Hab Dich lieb mein Mädchen.

Ich dich auch mein Ritter.

Einhundert mal

Ich habe hier einen sehr schönen Artikel gelesen (leider gibt es ihn nur auf englisch). Die Quintessenz lässt sich recht einfach zusammenfassen (es lohnt sich trotzdem den Artikel ganz zu lesen). Wenn wir etwas einhundert Mal machen – absichtslos und ergebnisoffen – können wir staunen was passiert.

Einhundert Wiederholungen ohne zu schauen, ob man Fortschritte macht oder nicht. Einhundert Wiederholungen bevor man sich beklagt dass etwas einfach nicht funktioniert (nach einhundert  Wiederholungen gibt es oft keinen Grund mehr, zu klagen…..). Einhundert Wiederholungen, bevor man dann hinschaut und sieht, was passiert ist.

Duncan und ich waren noch keine hundertmal spazieren. Es sind ungefähr 70 Spaziergänge die wir jetzt hinter uns haben. Und wenn ich zurück schaue auf die Anfänge, dann ist es faszinierend, wie viel Routine wir schon erworben haben.

Aber man muss sich das halt auch mal durchrechnen. Wenn ich etwas jeden Tag tue, dann dauert es dennoch über 3 Monate, bis ich es einhundert mal wiederholt habe. Und was tut man schon wirklich jeden Tag? Wenn ich jetzt wieder raus gehe und Diego reite und mich frage, warum der Fortschritt so langsam ist, dann werde ich mir eingestehen müssen, dass ich einfach zu wenig mit ihm mache um ernsthaft Fortschritte zu erzielen. Ein- oder zweimal in der Woche, das würde bei hundert Wiederholungen ein oder zwei Jahre bedeuten! Also mal ganz ruhig bleiben.

Und darum mache ich mit Duncan so viele Dinge schon so früh. Wenn er – vermutlich im Frühjahr 2022 – vor die Kutsche soll, dann möchte ich einhundert Mal das Fahren vom Boden geübt haben, in möglichst vielen Varianten. Da kann ich mir schon ausrechnen, wie oft ich es machen muss um da hinzukommen! Denn das sind jetzt noch ungefähr 16 Monate und wir haben es erst 3mal gemacht.  Da müsste ich eigentlich 6mal im Monat üben und das kann  schon ganz schön knapp werden! Gleiches gilt fürs erste Aufsteigen. Er kennt jetzt, dass ich erhöht stehe und meinen Fuß auf seine Kruppe lege. Er kennt, dass ich neben ihm hochspringe. Einmal bin ich auch schon an ihn rangedotzt beim Springen. Aber von einhundert Wiederholungen sind wir weit entfernt.

Nun ist das ja nicht unbedingt immer nötig, einhundert Wiederholungen zu machen bevor man einen Schritt weiter geht. Aber zum ersten Mal drauf sitzen oder zum ersten Mal vor die Kutsche spannen, das sind große Schritte, die auch ordentlich Gefahrenpotential haben. Da möchte ich schon gern sehr gründlich vorbereiten. Ich möchte sichergehen, dass es nicht nur „gut geht“ sondern dass es auch wirklich GUT geht. Dass mein Pony entspannt sein kann dabei. Dass er aus der Situation raus geht und sagt „war cool, ich freue mich aufs nächste Mal!“. Und da sind doch einhundert Wiederholungen (qualitativ hochwertig versteht sich) ein guter Plan.

Und wenn wir über Routine sprechen, darüber, ob ich mich auf mein Pony verlassen kann, darüber, ob mein Pony sich auf mich verlassen kann, darüber, dass wir uns wirklich gut kennen, dann ist 100 mal ein guter Richtwert. Einhundert mal die Hufe hoch heben. Einhundert mal in den Anhänger einsteigen. Einhundert mal gemeinsam eine Schrecksituation überstehen und sehen wer wie reagiert.

Pferde lernen sehr schnell. Gerade junge Pferde lernen oft in schier atemberaubendem Tempo. Pferde brauchen keine 100 Wiederholungen um etwas zu verstehen oder zu können. Ich beobachte eher, dass mein Mann recht hat, der sagt „alles was mehr als dreimal passiert, ist Gewohnheit“. Und ich beobachte, dass es bei vielen Pferden noch nicht einmal diese drei Wiederholungen braucht. Manche, die ein einziges Mal Erfolg hatten mit einem Verhalten, lassen nicht mehr davon ab.

100 Wiederholungen braucht es nicht fürs Verstehen. 100 Wiederholungen braucht es um entweder ein Problem zu lösen (zum Beispiel weil mein Pferd Angst hat vor etwas ) oder es braucht 100 Wiederholungen um so viele Varianten rein zu bringen wie es irgend geht und zu wissen, was in jeder Variante passiert. Denn 100 Wiederholungen heißt nicht, etwas 100 mal auf die selbe Art und Weise zu machen. Es heißt, 100 mal in kleinen Varianten an einem Thema zu arbeiten. Fahren vom Boden auf der Wiese, auf dem Spaziergang, in der Halle. Mit Gebiss und ohne. Mit Blendklappen und ohne. Mit gruseligen Geräuschen von hinten und ohne. Mit jemandem der mal Gewicht in die Zugstränge gibt und ohne. Im Schritt und im Trab, bei Regen, bei Sonne, bei Wind. Im Dorf und im Wald, mit fremden Pferden dabei und so weiter und so fort.

100 mal Aufsteigeübung heißt neben im hoch springen, ihn anspringen, erhöht neben ihm stehen, den Fuß auf den Rücken legen, Gewicht in meine Hände geben, oberhalb von ihm Quatsch machen wie Jacke an- und ausziehen, ihn leichte Dinge tragen lassen, Dinge runter fallen lassen, später auch schon hochspringen und bäuchlings auf seinem Rücken liegen und wenn ich völlig verrückt bin Handstand an ihn angelehnt üben und das alles jeweils von rechts und von links. Und mal sehen was mir noch so einfällt. 100 Wiederholungen in x Varianten. Denn dann, wenn wir so viele Varianten wie möglich geübt haben, wird eine unbeabsichtigte neue Variante nicht mehr sein als das: eine neue Variante. Und Duncan und ich werden flexibler werden dabei (nicht unflexibler, wie wir es bei 100 Wiederholungen im immer gleichen Stil werden würden).

Das Beste daran ist: wir werden bei jeder dieser Wiederholungen Spaß zusammen haben. Es ist keine Pflichtübung, sondern ein Spiel: wie viele Varianten finden wir, wie oft haben wir das nun schon gemacht und wie verändert sich unser beider Gefühl während wir es wieder und wieder tun?

Wiederholung kann Spaß machen (etwas was uns leider in unserer Schulzeit verdorben wird). Und deswegen muss ich jetzt auch aufhören zu schreiben und Dinge wiederholen gehen mit den Ponys.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 94

Abends dürfen Caruso, Merlin und ich uns immer einmal richtig sattessen. Wir brauchen das im Winter, Caruso und Merlin weil sie alt sind, ich weil ich jung bin. Diego und Gatsby dürfen nicht mitmachen, weil die weder alt sind noch jung, dafür aber dick.

Mein Mädchen macht uns dann die ganze große Schubkarre voll Heu und wir dürfen ein paar Stunden da stehen und schmausen. Wenn sie dann wiederkommt, schimpft sie immer mit uns. Weil wir nämlich das Heu neben die Karre schmeißen und lieber das von ganz unten nehmen als von oben wegzufressen. Sie sagt, wir hätten ganz schlechte Tischmanieren! Und wenn sie „wir“ sagt, meint sie mich….. Aber ich kann wirklich nichts dafür! Das Beste liegt eben immer ganz unten drin! Das ist so eine Art Naturgesetz. Mein Mädchen versteht das leider nicht. Es ist einfach zu schön, die Nase gaaaaaaaaaanz tief ins Heu zu stecken. Das ist in etwa so, wie wenn Ihr die Nase in den Kochtopf steckt und schnuppert was es leckeres gibt. Außerdem liegen unten in der Karre immer die Grassamen die aus dem Heu fallen. Und die sind ja doch das allerbeste! Und gesund sind die auch, mein Mädchen, also bitte! Wer will denn immer nur die drögen Stängel essen?

Die Nase ganz nach unten und dann tiiiiiiiieeeeef einatmen. Wie das duftet!
Das Ergebnis findet mein Mädchen leider nicht so gut….

Tja, neulich hat sie gesagt, wenn wir so weitermachen, wird sie sich etwas überlegen müssen, damit wir nicht immer alles durch die Gegend schmeißen. Da wäre aber schade, wenn das nicht mehr ginge……  Ich versuche gerade sie zu überzeugen, dass ich schneller wachse, wenn ich Heu von ganz unten essen kann. Ob das klappt?

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 93

Versprochen ist versprochen! Also sind wir heute schön in die Wackelkiste geklettert und in unseren Lieblingswald geschüttelt worden. Und spazieren gegangen. Schööööööön! Nur einen kleinen Haken hatte die Sache: Da ihr Menschen ja keinen eigenen Winterpelz habt, zieht Ihr Euch den ja immer an und aus wie es so passt. Eigentlich ganz praktisch! Mir ist es in meinem Winterpelz oft zu warm, den würde ich auch manchmal gern ausziehen können. Naja aber heute hatte mein Mädchen sich voll verschätzt beim Winterpelz. Die letzten Tage war es eiskalt (sagt sie – wir sagen dazu „angenehm kühl“) und heute wurde es plötzlich wieder ganz warm! Und ihr Pelz war ihr zu dick. So und nun ratet mal, wer die ganzen 7 Kilometer ihren Pelz geschleppt hat….. Wenn ich nicht so ein Gentleman wäre! „Halt mal kurz“ hat sie gesagt. Und ich bin drauf reingefallen.

Ganz ritterlich habe ich ihr den Pelz getragen. So bin ich nun mal!

Und dann war da noch die Sache mit den Keksen. Also sie sagt „Trab“, wir traben an, sie sagt „Scheeeeeeeeritt“, ich pariere durch, es gibt einen Keks. So weit, so gut. Jetzt wollte ich aber mehr Kekse! Also bin ich immer fleißig angetrabt und hab brav durchpariert wenn sie es gesagt hat. Aber es gab keinen Keks! Angeblich soll ich ohne Aufforderung angetrabt sein und deswegen gibt es nix fürs Durchparieren. Das ist doch wieder typisch! Das war doch wohl vorauseilender Gehorsam dass ich angetrabt bin, was gibt es da zu meckern? Ich hab das toll gemacht! Gut, wenn sie mir nix gibt, hole ich mir meine wohlverdiente Belohung eben selbst. Zum Glück wächst da ja genug am Wegesrand und es liegen auch noch köstliche Zweige und Blätter mitten auf dem Weg. Und dann meckert sie schon wieder, weil ich mich selbst belohne! Ich hab das aber doch toll gemacht! Musste doch jetzt auch mal zugeben, Mädchen!

Insgesamt war es aber ein sehr schöner Spaziergang. Als wir wieder an der Wackelkiste waren habe ich dezent angemerkt, dass ich noch gar nicht nach hause will. Da hat mein Mädchen gelacht und gesagt, dass SIE aber bitte nach hause will. Na gut, also bin ich dann doch eingestiegen. Aber bitte bald wieder, mein Mädchen, ja? Du weißt ja, sonst hab ich Langeweile…..

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel