Unser eigenes Tempo

(Vorwort: jetzt hab ich das alles geschrieben und denke: das ist fast der gleiche Text wie vor zwei Wochen. Ich hoffe ich langweile Euch nicht mit dem Thema. Ich finde es einfach so wichtig. Ich weiß schon, fast jeder seriöse Ausbilder sagt es dauernd…. aber es gibt Indizien dass es noch nicht oft genug gesagt wurde. Also hier nochmal in anderen Worten.)

Im Unterricht erlebe ich ja die kuriosesten Dinge. Zum Beispiel als eine Reitschülerin Sorge hatte, es könnte für mich und Merlin zu langweilig sein, wenn sie nur Schritt reitet. Da musste ich doch herzhaft lachen – denn gerade mein Merlin findet Schritt ist nur eine Stufe schlechter als Rumstehen und definitiv zwei Stufen besser als Trab.

Ich glaube, er war ernsthaft betrübt, als sie schließlich doch traben wollte.

Manchmal habe ich mit Menschen zu tun, die es ganz eilig haben. Die erwarten, dass ich das jahrelang bestehende Verladeproblem in 45min löse. Oder die erwarten, dass ihr Pferd das mit dem Lenken spätestens im zweiten Anlauf verstanden hat. Die meinen, wenn sie nur selbst gut genug reiten könnten, würde ihr Pferd quasi morgen piaffieren.

Und dann gibt es die anderen, die lieber ganz langsam machen wollen. Wie die, die meinte, ihr Pferd sei erst 3 Jahre alt und könne sich daher sicher nicht länger als 15min konzentrieren. Das Pferd hatte aber nicht das gleiche Buch gelesen wie seine Besitzerin und hat 45min Unterricht mitgemacht in schönster Aufmerksamkeit. Oder die, die selbst Sorge haben. Eine hat ein ganzes Jahr lang sich nicht getraut, ihr Pferd an der Longe galoppieren zu lassen, weil es da mal gebuckelt hatte. Dann plötzlich hat es Klick gemacht und seitdem geht es wunderbar.

Als Ausbilderin stehe ich daneben und stelle mir immer wieder die gleiche Frage: nehme ich das Tempo so an, wie meine Reitschüler es vorgeben oder greife ich ein – bremsend oder beschleunigend? Was ist das Beste für diesen Mensch und dieses Pferd? Fast immer entscheide ich mich für das langsamste Tempo dass uns allen akzeptabel erscheint. Einige muss ich dafür runterbremsen. Die Dame, die meinte, ihr Pferd würde nicht mehr als 15min schaffen, habe ich etwas „beschleunigt“. Weil ich das Gefühl hatte, dass ihr sehr intelligentes Pferd sonst unter Umständen bald den qualvollen Langeweiletod erleidet. Mir persönlich ist es egal, wie lang es dauert, so lange ich nur Fortschritte sehe. Jeder hat sein Tempo und mein persönliches Tempo wird wiederum einigen zu langsam und einigen zu schnell sein. Duncan fand mich manches Mal zu langsam. Du meine Güte, wieder nur so eine kleine Runde? Können wir nicht bald mal ein paar mehr Kilometer machen?

Er verleitet mich, immer mal etwas über meinem „Normaltempo“ zu arbeiten. Und dann geht es eben doch manchmal schief. Wie an jenem Tag im Sommer, als er mir vom Reitplatz abgehauen ist (ich erzählte Euch davon). So habe ich jetzt, was das Reitplatz-Thema angeht, das Tempo komplett rausgenommen. Wir arbeiten jetzt immer nur ein einer Sache, ich suche mir vorher was aus, wir machen das kurz und wenn es klappt, hören wir auf. Wobei „klappen“ das rudimentäre Verstehen und Umsetzen der Übung bedeutet und keineswegs Perfektion.

Hier habe ich ein Video dazu für Euch, auf dem ihr unsere gesamte (!) Platzarbeit an dem Tag seht. Es ist eine Übung die wir vor ein paar Tagen schon einmal gemacht hatten. Da war Duncan etwas pubertär gewesen und hatte viel am Strick gezogen oder nach mir gehascht. Antraben war noch schwierig. In der Einheit die ihr hier seht, trabt er zweimal auf Stimmkommando an und Haschen ist eher die Ausnahme. Klar gibt es da noch eine Menge zu verbessern, er ist noch sehr aufgeregt wenn es ans Traben geht. Aber mir reicht es erst mal so. Traben neben mir her kann ich wunderbar im Gelände üben, da regt es ihn auch weniger auf. Wenn es da gut geht können wir es auf dem Reitplatz viel besser entspannt schaffen.

Ist es übertrieben, die Platzeinheiten so kurz zu machen? Wahrscheinlich. Bleibe ich weit unterhalb dessen, was Duncan schaffen könnte? Wahrscheinlich. Schadet das irgendwem? Nein, denn die Beschäftigung die das gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren zweifellos braucht, holen wir uns woanders. An den Stellen wo es ihm leicht fällt und Spaß macht (also beim Spazierengehen, auf der Wippe oder im Freedom Based Training). Er kann bisher den Reitplatz noch nicht so gut leiden (weil ich ihn überfordert habe!) und das gilt es auszubügeln. Ich möchte, dass er auf den Reitplatz geht und sagt „so, was ist das Rätsel heute?“ und dann stolz nach hause geht wenn er es gelöst hat. Wenn das bedeutet, dass das Aufhalftern und der Weg zum Reitplatz mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Übung die wir dort machen – soll mir recht sein. Wir kommen der Sache jedenfalls schon näher, die Stimmung ist schon deutlich besser geworden.

An anderer Stelle ist es umgekehrt. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich im Freedom Based Training (von dem ich selbst eigentlich noch keine Ahnung habe) so schnell so weit komme. Er hat so viel verstanden, beißt nicht mehr sondern geht weg, wenn er etwas nicht möchte. Findet Wege, mir vorab zu sagen, dass seine Geduld am Ende ist und kann andererseits, wenn mein Timing stimmt und ich mir genug Zeit für die Vorbereitung nehme, solchen Quatsch ertragen (und sogar lustig finden) wie dass ich neben ihm in die Luft springe oder ihm den Fuß auf den Rücken lege. Das habe ich nicht ein einziges Mal am Halfter geübt oder mit Futter belohnt, ich wollte eine ehrliche Rückmeldung von ihm und sie fiel gut aus.

So ist es ja bei uns Menschen auch. Der eine ist gut in Mathe, der andere tut sich leicht, Sprachen zu lernen. In einem gewissen Rahmen macht es Sinn, dem Sprachengenie etwas Mathe beizubringen und dem Mathegenie wenigstens etwas Englisch. Aber Begeisterung wird man vermutlich nicht so viel finden, auch nicht bei der besten Motivationsstrategie. Mein Merlin war eben nie so recht fürs Ausreiten zu erwärmen und er würde auch nie gut vor der Kutsche gehen – wo er doch viel lieber hinter jemandem herläuft. Diego sieht keinen Sinn darin, über ein Cavaletti zu hüpfen, man kann ja auch außenrum gehen oder den Weg freiräumen. Und Duncan wird vielleicht nie viel Sinn darin sehen, auf dem Reitplatz Rätsel zu lösen. Oder das kommt noch – wer weiß. Fest steht: Ich will mein Bestes geben um ihm den Reitplatz doch noch ein bisschen schmackhaft zu machen und ich will sehen, wie ich das am Besten kombiniere und einbaue. In unserem eigenen Tempo.

Draußen hingegen kann es ja gar nicht schnell genug gehen für Duncan.

Manchmal hatte ich schon fest damit gerechnet, böse Nachrichten zu bekommen, dass ich mein junges Pferd überfordere. Als wir auf Abenteuerurlaub waren und unseren ersten Spaziergang dort machten, kam uns die Hofbesitzerin im Auto entgegen. „Warum muss denn der Kleine vorneweg gehen?“ fragte sie uns. Tja, der muss nicht, der will. Aber ansonsten habe ich interessanterweise noch nicht zu hören bekommen, dass das alles viel zu viel sei für Duncan, obwohl ich wirklich darauf gefasst war.

Pferdeleute können da untereinander gnadenlos sein und viele sind es auch mit sich selbst. Was, der ist schon 4 Jahre und wird noch nicht geritten? Oder auch umgekehrt: was, der ist erst 4 Jahre und wird schon geritten? Was, der galoppiert noch nicht an der Longe? Was, Du traust Dich immer noch nicht allein auszureiten? Schlimm genug, wenn andere Menschen das zu einem sagen (und ich würde mir wirklich so sehr wünschen, dass Pferdebesitzer aufhören, sich ständig in das einzumischen, was die anderen tun und alles ungefragt zu kommentieren). Noch schlimmer, wenn Menschen anfangen, solche Dinge zu sich selbst zu sagen. Ich erlebe leider immer wieder, wie Schülerinnen sich selbst total fertig machen, weil etwas noch nicht klappt oder sie Angst haben. Es gruselt mich, wenn ich höre, wie schlecht viele über sich selbst sprechen. Dabei übersehen sie oft, was sie schon alles erreicht haben. Sie vergleichen sich mit jemandem, den sie vielleicht auf einer Messe gesehen haben und vergessen dabei, dass diese Person jahrelang tagein, tagaus nichts anderes tut als mit Pferden zu arbeiten, während sie selbst nach 8 Stunden Büro 5mal die Woche eine Stunde mit ihrem Pferd verbringen. Natürlich hat man da andere Ergebnisse.

Aber wen soll das stören? Wir haben unsere Pferde doch nur zu einem Zweck: wir wollen eine schöne Zeit mit ihnen haben. Sie sollen uns glücklich machen und wir wollen, dass sie im Gegenzug auch glücklich sind. Das Tempo, in dem wir unseren Weg beschreiten, spielt da keine Rolle – Hauptsache es geht voran.

Und so denke ich wieder an eins meiner Lieblingsbücher aus Kindertagen: Tranquilla Trampeltreu. Vielleicht hat jene zauberhafte Schildkröte mich geprägt. Schritt für Schritt geht sie voran. Und so kommt sie letztendlich doch genau zum richtigen Zeitpunkt an ihrem Ziel an – obwohl ihr alle unterwegs sagen, dass sie es nicht schaffen kann.

Stillstehen und Aufgeben ist keine Option. Aber der kleinste Schritt in die richtige Richtung genügt, um uns vorwärts zu bringen: in unserem eigenen Tempo.

P.S. ich wurde darauf hingewiesen, dass es Grenzen dieser Philosophie gibt. Wenn ein Pferd sich nämlich nicht anfassen, nicht tierärztlich behandeln oder sonstwie für seine Gesundheit versorgen lässt. Das ist korrekt. Ich möchte dazu sagen: auch da muss es in den seltensten Fällen sehr schnell gehen – entscheidend ist, dass das Problem möglichst nachhaltig gelöst wird. Ich hoffe, dass jeder, der ein solches Pferd besitzt, sich nicht hinter der „Der Weg ist das Ziel und es ist egal wie lange es dauert“ – Aussage versteckt, sondern das Thema löst, möglichst mit professioneller Hilfe.

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