Von vorn

Vor ein paar Wochen ist Duncan mir ja abgehauen vom Reitplatz. Ihr erinnert Euch?  https://schotten-pony.com/2020/09/17/duncan-lektion/

Seitdem war ich auf dem Reitplatz sehr vorsichtig mit ihm. Wir machen es im Moment so, dass wir genau EINE Übung machen und wenn die klappt ist Schluss. Zeitaufwand maximal 5 Minuten. Er versteht ja auch alles immer so schnell und macht es dann auch, also sind das sehr kurze Einheiten.

Vom „longieren“ bei dem er mir abgehauen war, hatte ich bisher abgesehen. Ich habe stattdessen Übungen gemacht, die ihm zeigen, dass das Hauptziel immer ist, dass der Strick durchhängt. Neulich habe ich dann zum ersten Mal wieder angefangen, ihn um mich herum gehen zu lassen. Und siehe da: ich konnte das Problem sehen. Eine Winzigkeit von „wenn Du mich rausdrückst laufe ich ins Halfter“. Gar nicht viel und etwas was ich vorher nicht so ernst genommen hatte. Ich dachte, er wird schon merken dass das nicht die Lösung ist und habe ihn quasi einfach festgehalten und weitergemacht. Aber im Nachhinein denke ich, diese Winzigkeit hat mir nachher das große Problem beschert. Der Widerspruch, den ich in seinen Augen aussende „geh weg aber bleib hier“ ist noch nicht aufgelöst und so ist es dann eben schief gegangen. Gut, also werde ich es ihm jetzt von vorn erklären. Ich hab ja Glück, ich bin mit meinem Bodenarbeitslehrer verheiratet und der hilft mir auf die Sprünge. Wir üben Kreisslalom – Duncan geht im Kreis um die Hütchen um mich herum, immer ein Hütchen außenrum, eins innenrum. Und mein kluger Mann gibt mir den Tipp „sag ihm was er tun soll“. Ist ja irgendwie altbekannt und ich hätte es wissen können. Es ist ja nicht so, dass Duncan „geh raus“ und „komm rein“ als Stimmkommando verstehen könnte, aber natürlich bewege ich mich viel eindeutiger wenn ich es laut ausspreche und schon funktioniert es und Duncan hat Feierabend.

So bauen wir das jetzt also schön von vorn auf. Entgegen meiner eigentlich Vorlieben und Gewohnheiten arbeite ich mit Duncan derzeit auch ohne Gerte. Er ist so sensibel und je mehr Information ich ihm gebe desto schneller ist er überfordert. Das kleine, gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren verarbeitet jeden noch so kleinen Hinweis (wo Finlay gern mal großzügig gefiltert hat was er unwichtig fand bzw was ihm nicht in den Kram passte) und allein das Zeigen mit der Gerte ist dann eben noch eine Information obendrauf und macht den Overload. Eigentlich ist Duncan mir da ganz schön ähnlich. Ich selbst bin auch schnell reizüberflutet und nehme zu viele Informationen auf. Der Trick ist, das zu merken. Bei mir und bei Duncan. Denn uns beiden sieht man das gar nicht so gut an. Und während ich lang gebraucht habe um für mich selbst herauszufinden warum ich eigentlich manchmal so durcheinander und gereizt bin, habe ich jetzt bei Duncan die Chance, das schneller zu verstehen. Die reinen Umweltreize – der Spaziergang durchs Dorf – die sind kein Problem. Aber Informationen von mir, die er anscheinend (zu meiner Freude) als sehr wichtig einstuft, davon kommt dann schnell mal zu viel. Und so darf ich mich ganz zurücknehmen, gerade so als hätte ich einen Araber in der Hand oder einen Spanier, darf die Hilfen minimieren und mich wundern, dass ein Highlandpony so sein kann. Was für eine erstaunliche Mischung aus Mut und Robustheit gepaart mit dieser hohen Sensibilität, wahnsinnigem Lernvermögen und großer Motivation.

Es gibt noch eine Geschichte, die meiner Meinung nach dazu passt. Bisher kannte Duncan zum Thema Beine nur „Hufe geben“. Jetzt gab es etwas neues zu lernen denn für unsere Spaziergänge im Dunkeln trägt er Leuchtbänder an den Beinen. Das klassische Problem: wenn man ihm ans Bein fasst um das Leuchtband festzumachen, hebt er den Huf – so hat er es gelernt. Ich habe mir dann überlegt, wenn ich seitlich komme, soll das Bein stehenbleiben. Beim Hufe heben steht man ja immer parallel zum Pferd. Bereits nach dem Anbringen von 3 Bändern mit entsprechender Belohnung war der Fall für ihn klar. Und ich mal wieder baff.

Leuchtbänder als Anlass, etwas neues zu lernen und mich wieder mal in Staunen zu versetzen.

Manchmal denke ich ja, es ist ganz normal dass die so schnell lernen. Wir können das durchaus öfter mal beobachten. Es ist nur bei den meisten Pferden verschütt gegangen unter all den unklaren Informationen die sie in ihrem Leben schon erhalten haben. Sie filtern dann vieles raus, weil es keinen Sinn ergibt. Und natürlich nutzen Pferde ihr Lernverhalten unterschiedlich. Der eine, um möglichst energiesparend durchs Leben zu kommen, der andere um möglichst oft an etwas zu essen zu kommen, der dritte für eine Menge Schabernack  und der vierte für eine große Portion Liebe. Und genau in diese Kategorie scheint mein kleiner Abenteurer zu fallen. Da stehe ich und staune, denn das hatte ich nicht erwartet.

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