Müssen

Und schon ist wieder Donnerstag und ich „muss“ einen Blogartikel schreiben. Gut, ich muss natürlich nicht. Wenn ich keinen schreibe, wird nichts schlimmeres passieren als dass einer meiner treuen Leser seine Enttäuschung äußert. Wenn ich dann öfter nichts schreibe, werden einige Leser vielleicht abspringen, nicht mehr so oft schauen ob es neue Artikel gibt und das Interesse verlieren.

Der kleine Prinz lernt vom Fuchs, dass Beständigkeit Vertrauen schafft. „es muss feste Bräuche geben“ sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. Und zwar in beide Richtungen. Der Jäger geht Donnerstags tanzen – dann hat der Fuchs das Land für sich. Und der kleine Prinz soll jeden Tag zur gleichen Zeit kommen, damit der Fuchs sich schon darauf freuen kann.

Wenn ich sage „ich muss“ dann heißt das in meinem persönlichen Sprachgebrauch zweierlei:

Erstens möchte ich das, was passiert, wenn ich es nicht tue, einfach nicht erleben (z.B. möchte ich nicht, dass meine Ponys hungrig sind, weil ich nicht gefüttert habe – ich „muss“ also die Ponys füttern)

Zweitens möchte ich verlässlich sein für andere. Meine Ponys kennen das so, dass ich regelmäßig zum füttern komme. Nicht immer pünktlich zur exakt gleichen Uhrzeit aber doch immer so ungefähr. Und sie erwarten mich und ihr Futter dann. Wenn ich nun nicht komme (und auch niemand anders Futter bringt), dann bedeutet das eine Enttäuschung für sie und wenn das öfter passiert werden sie feststellen, dass sie sich nicht auf mich verlassen können. Und wie sehr mögen wir jemanden, auf den wir uns nicht verlassen können?

Wenn meine Blogartikel mal Mittwochs und mal Freitags erscheinen dann könnt Ihr Euch nicht darauf freuen. Ihr werdet vielleicht immer wieder schauen, ob schon ein neuer Artikel da ist, und traurig sein, wenn Ihr keinen findet. Und das möchte ich nicht, daher „muss“ ich Donnerstags etwas schreiben. JA, ich habe auch schon mal Freitags geschrieben. Da geht es dann mal um Prioritäten. Und um die Frage, wie gut ich mich vorbereitet habe. Denn so, wie auch dieses Jahr wieder überraschend zu Ende gehen wird, so wie auch dieses Jahr Weihnachten „plötzlich und unerwartet“ vor der Tür steht, so ist ja auch jede Woche wieder ein Donnerstag. Und von einer erwachsenen Frau könnte man erwarten dass sie das weiß und sich entsprechend vorbereitet. Also wenn ich so richtig gut wäre, würde ich meine Blogartikel immer schon vorbereitet haben und es der Technik überlassen, sie Donnerstags zu posten. Ich könnte meine Artikel schreiben, wenn ich gerade Zeit habe, anstatt das Schreiben irgendwo Donnerstags zwischen die Termine zu quetschen. Das wäre mal eine gute Planung, nicht wahr? Und im Pferdetraining ist mir diese gute Planung auch so wichtig, dass ich es durchziehe. Beim Artikel-Schreiben besteht da noch Verbesserungsspielraum, ich gebe es zu.

„Ich muss“ heißt „die andere Option gefällt mir einfach so gar nicht“. Deswegen muss ich meine Steuererklärung machen. Deswegen muss ich abends etwas kochen, deswegen muss ich den Stall misten.

Natürlich kann ich für all diese Dinge schönere Worte verwenden. Ich darf, ich kann, ich will, ich möchte. Und vielleicht motiviert es mich auch mehr, diese schöneren Worte zu verwenden.

Der Inhalt bleibt gleich: ich habe mich entschieden, mein Leben so zu führen. Ich habe mich entschieden, Ponys hier zu haben, die brauchen nun mal Heu in regelmäßigen Abständen. Wer A sagt, „muss“ eben auch B sagen. Und während ich es sehr schätze, in einem Land und einer Zeit zu leben in der ich auch viele Dinge spontan mal umentscheiden kann und viele Freiheiten habe, so möchte ich doch gern verlässlich sein für andere, so wie andere verlässlich sind für mich.

Wenn ich selbst mich zuverlässig ähnlich benehme und eine Orientierung biete, dann wird mein Pferd zuverlässig ähnlich darauf reagieren. Wenn mir die Reaktion meines Pferdes nicht gefällt, darf ich mein Verhalten ändern und dann wiederum das neue Verhalten zuverlässig so lange zeigen bis ich eine neue Antwort vom Pferd bekomme – dann kann ich wieder überprüfen ob mir diese neue Antwort gefällt. Wenn ich mich aber heute so benehme und morgen anders, dann wird mein Pferd verwirrt sein, und auch jeweils unterschiedlich reagieren. Wenn ich also das Verhalten meines Pferdes berechenbar gestalten will, dann liegt es an mir, mein eigenes Verhalten berechenbar zu gestalten.

Das klingt nach einer Binsenweisheit, ist aber gar nicht so banal und einfach wie es sich anhört. Denn durch die extrem feine Wahrnehmung unserer Pferde kann es sich fürs Pferd schon alles ganz anders anfühlen, wenn wir ein bisschen schlecht gelaunt sind.

Und hier kommt für mich die Magie des Zusammenseins mit Pferden ins Spiel: weil unsere Pferde so fein reagieren, können wir anhand ihres Verhaltens ablesen ob wir selbst heute anders sind als sonst. Und dann können wir uns bemühen, einen guten Standard zu finden und den zu halten, egal wie die Laune gerade ist, egal, wie viel Zeit wir haben, egal, wie das Wetter ist. Und das, das ist gut für uns selbst. Das gibt uns Stabilität in uns selbst und darum – das ist meine Meinung – bildet das Zusammensein mit Pferden den Charakter. Und das hat für mich was mit „müssen“ zu tun – im allerbesten Sinne.

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