Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 271

Gestern haben wir wieder ein bisschen auf dem Platz geübt. Ganz fein hab ich das gemacht, sagt mein Mädchen. Aber sie hat auch gesagt, ich hätte Pubertät und mein Teenager-Gehirn bräuchte dringend mal wieder Input, am besten in Form eines Ausflugs. Und dass sie eine Idee hat.

Heute morgen haben die Menschen dann die Wackelkiste vorbereitet. Ich stand am Stalltor und hab das genau gesehen. Mein Mädchen meinte, ich sähe schon aus wie die Grinsekatze. Meine Laune ist fix angestiegen als ich das gesehen habe! Wusste ich doch, dass wir jetzt endlich mal wieder was erleben! Und schon ging es los. Es war mal wieder „Anti-Romantik“ angesagt. Schön an der Autobahn lang. Mir aber egal. Dann sind wir an Rinderweiden vorbei gekommen. Rechts und links direkt am Weg standen die und die eine hat voll laut gemuht! Das fand ich sehr merkwürdig und mein Mädchen ist dann lieber abgestiegen und hat mir von unten geholfen, das durch zu stehen. Kurze Zeit später waren wir dann am Ziel unserer Reise. Mein alter Feind: die Autobahnbrücke! Aber was soll ich euch sagen: bin jetzt Vollprofi. Mein Mädchen findet Autobahnbrücken richtig blöde, aber sie sagt, wir müssen das können. Mögen müssen wir es nicht, aber können. Und ich kann. Vor allem wenn derart viele Kekse im Spiel sind! Kekse besiegen nämlich Monster. Isso. Also wir todesmutig über die Brücke, dann noch ein paar Meter weiter zu einer kleinen Brücke über einen kleinen Fluß und dann wieder umgedreht. Wieder todesmutig über die Autobahnbrücke. Fotos gibt es davon keine, weil der Mann seine ganze Aufmerksamkeit auf mein Mädchen gerichtet hat, damit die weiter atmet. Ich kann allein atmen, da muss keiner auf mich aufpassen.

Dann noch an den Rindern vorbei – diesmal ist der Mann mit mir gegangen, weil mein Mädchen ihn noch um Rat gefragt hatte wie es mit dem Führen besser klappen kann. Ich durfte direkt neben den Rindern stehen und Gras essen. Nachher sind sie noch ein Stück hinter uns her gelaufen, aber ich fand das nicht mehr schlimm.

Hallo Kuh, bist du freundlich?

Noch etwas weiter haben wir einen komischen Holzboden erkundet, der da so im Feld herum lag. Und schließlich waren wir wieder an der Wackelkiste und sind nach hause gefahren. Ein schönes Abenteuer! Romantisch war es halt nicht, aber wir haben gut geübt, sagt mein Mädchen. Und sie war sehr zufrieden mit mir!

Komischen Holzboden erkunden.

Euer autobahnbrückenfester Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 270

Es ist wieder mal Klettenzeit! Zum Glück habe ich ja meinen eigenen Coiffeur. Der hat morgens beim Reinholen gesehen, was da passiert war und hat das Problem gelöst.

Oha!
Alles wieder glatt gebürstet

Dann hat er meinem Mädchen die Kletten im Tupper gereicht. Aber was soll ich sagen? Mein Mädchen hat sich bedankt und dann verpeilt, die Kletten von der Weide zu entfernen. So sah ich am nächsten Tag genauso aus! Diesmal hat sie es selbst raus gemacht. Mit viel fluchen über ihre eigene Doofheit, aber auch vielen Keksen für mich, weil ich sooooo geduldig bin. Dann ist sie auf die Weide marschiert und hat den Kletten den Garaus gemacht. Jetzt ist Ruhe. Wollen wir schon mal wetten ob sie es nächstes Jahr wieder verschusselt, die Dinger rechtzeitig weg zu machen?

Geschenk für mein Mädchen!

Aber jetzt ist eh Schluss mit der Abenteuer- Wiese. Die haben wir leer gefuttert. Morgen kommen wir auf ein neues Stück, da sind auch keine Kletten. Aber halt auch kein Abenteuer.

Ich hoffe übrigens immer noch, dass bald wieder Ausflugswetter ist! Drückt mir die Daumen dass es morgen wieder klappt!

Euer verkletteter Sir Duncan dhu of Nakel

Vertrauen (2)

(Die Überschrift war schon vergeben, aber mir ist keine neue eingefallen)

Bald wird mein Duncan 4 Jahre alt und im Herbst werden wir 3 Jahre gemeinsam verbracht haben. Noch immer ist er kein echtes Verlasspferd, er ist noch mit sich und dem erwachsenwerden beschäftigt und das ist ja auch ganz normal. Aber wir sind auf dem Weg, ein gutes Team zu werden. Nach und nach schenke ich ihm mehr Vertrauen. Manchmal muss ich mich dazu zwingen: Strick oder Zügel lang und ihn machen lassen. Ich habe dazu dieses wunderbare Zitat gefunden und werde es mir gut merken:

Der beste Weg herauszufinden, ob man jemandem vertrauen kann, ist ihm zu vertrauen.“ — Ernest Hemingway

Aber was ist das eigentlich, dieses mysteriöse Vertrauen? Der Wikipedia-Artikel dazu fängt so an:

Vertrauen bezeichnet eine bestimmte Art von subjektiver, auch emotional gefärbter, Überzeugung, nach der man sein Verhalten einrichtet.“ Meine Überzeugung ist, dass ich Duncan in bestimmten Situationen vertrauen kann, aber meine Überzeugung ist auch, dass ich ihm vertrauen MUSS. Denn wenn ich verkrampft mit kurzen Zügeln auf seinem Rücken sitze, wird er sich unwohl fühlen. Er wird schreckhafter werden und die Wahrscheinlichkeit, dass er eine blöde Entscheidung trifft, wird steigen. Lasse ich aber den Zügel lang und atme gut, dann hat er die Chance, gute Entscheidungen zu treffen und mein Vertrauen zu bestätigen. Sollte er meinen, plötzlich los rennen zu müssen, werde ich im Zweifel auch besser damit klar kommen, wenn ich vorher entspannt war, als wenn ich vorher schon nicht im Schwerpunkt gesessen habe. Wenn mein Vertrauen nicht groß genug ist um den Zügel lang zu lassen, steige ich besser ab.

Manche Pferdebesitzer glauben, wenn ihr Pferd ihnen vertraut, wird es sich vor nichts mehr fürchten. Ich denke dann an meine Freundin und die große Heuschrecke, die auf dem Autofenster saß. Meine Freundin konnte nicht aussteigen. Hatte sie zu wenig Vertrauen zu mir? Ich habe ihr doch gesagt, dass die Heuschrecke ihr nichts tut! Aber das weiß sie ja selbst. Trotzdem brachte sie es nicht fertig, aus zu steigen. Ich bin dann ausgestiegen und habe die Heuschrecke vom Auto gepflückt. Mittels Besen, denn ich mag dieses Gehüpfe auch nicht so wahnsinnig gern. Angst ist nicht rational. Ich weiß nicht, wie es meiner Freundin geht, aber ich habe natürlich keine Angst davor, dass die Heuschrecke mir etwas tut (das kann sie ja gar nicht), sondern tatsächlich habe ich „Angst“ und etwas Ekel vor den überraschenden Bewegungen des Tieres. Die Vorstellung, sie könnte in meinem Ausschnitt landen, finde ich nicht erheiternd. Es ist die selbe „Angst“ die ich immer hatte, wenn ich unseren alten Rasenmäher gestartet habe – der hat nämlich gern mal den Dienst mit einer saftigen Fehlzündung angetreten und der Schreck fuhr mir immer durch Mark und Bein (obwohl ich es ja wusste). Also habe ich mir immer die Ohren zugehalten beim Starten. Eine solche Angst geht mit Vertrauen nicht weg und da wird es Pferden nicht anders gehen, nehme ich an. Wenn mein Pferd mir vertrauen soll, dann darf ich Rücksicht nehmen. So wie ich für meine Freundin die Heuschrecke entferne, so darf ich meinem Pferd etwas ersparen, wovor es sich fürchtet (wenn ich es ihm ersparen kann. Sonst darf ich alles in meiner Macht stehende tun, um ihm die Furcht zu nehmen und die Situation zu erleichtern).

Auch umgekehrt habe ich es aber schon erlebt: Pferde nehmen Rücksicht auf unsere Ängste. Besonders auf einem Kurs mit Elsa durfte ich ein Pferd-Mensch-Paar beobachten bei dem eindeutig das Pferd lernte, bestimmte Dinge nicht mehr zu tun, weil der Mensch ängstlich darauf reagierte. Ich war sehr gerührt zu sehen, wie das Pferd ganz vorsichtig mit der ängstlichen Person umging, die es vor 4 Tagen zum ersten Mal getroffen hatte. Dieses Pferd hat – im Gegensatz zu vielen Pferdebesitzern – verstanden, wie Vertrauen funktioniert. Es hat nicht gesagt „vertrau mir, ich tu dir nix“, sondern es hat sich so verhalten, dass der Mensch sich nicht gefürchtet hat und so war das Vertrauen die FOLGE davon.

Und ich glaube, meine kleiner Duncan fängt nach und nach an, auch das zu verstehen: wann fürchtet mein Mädchen sich und wie soll ich mich verhalten damit das nicht passiert. Niemand will, dass ein Freund sich fürchtet. Vielleicht können wir da öfter mal dran denken, wenn wir von unserem Pferd Vertrauen „verlangen“. Ängste besiegen und die Komfortzone erweitern ist so viel leichter, wenn uns jemand beisteht, bei dem wir darauf vertrauen können, dass er uns nicht überfordert. Und so viele Pferde haben Ernest Hemingways Rat schon befolgt: sie haben vertraut – und herausgefunden ob ihr Gegenüber das verdient hatte. Die Antwort fällt öfter negativ aus als man denkt, denn „knapp überlebt“ ist fürs Pferd eben genau das Gegenteil von „oh ist ja nix passiert“. „Knapp überlebt“ heißt „besser nie wieder in diese Situation kommen, vielleicht geht es nächstes Mal nicht so glimpflich aus“. Und wenn wir unser Pferd dann wieder und wieder in so eine Situation bringen (in dem Glauben, wir würden dem Pferd beibringen das „nix schlimmes passiert“) dann verspielen wir Vertrauen anstatt es zu gewinnen.

Wer selbst wenig Angst hat, dem fällt es manchmal schwer, ängstliche Menschen oder Tiere zu verstehen. Wenn ich einer Angst begegne, die ich nicht nachfühlen kann – sei es beim Menschen oder beim Pferd – dann erinnere ich mich daran, dass ich auch andere Gefühle nicht nachvollziehen kann und sie trotzdem nicht in Zweifel ziehe. Wenn jemand mir sagt, er fährt gern in den Süden in Urlaub und liegt bei 40 Grad am Strand sage ich ja auch nicht „das bildest du dir nur ein, das ist doch gar nicht schön“ nur weil ICH das schrecklich finden würde. Wenn jemand gern Musik hört, die ich gruselig finde, glaube ich demjenigen ja auch, dass es ihm gefällt. Warum soll ich also eine Angst in Frage stellen, nur weil sie nicht „sinnvoll“ oder „real“ ist? Meinem Pferd glaube ich unbesehen, dass es sehr, sehr gern Gras frisst, obwohl ich diesen Genuss nicht nachvollziehen kann. Ebenso kann ich ihm glauben, dass es diese Plastiktüte unfassbar angsteinflößend findet obwohl ich sie für völlig ungefährlich halte. Ich erkenne die Gefühle meines Pferdes an, so wie sie sind. Und dann – aber auch erst dann – kann ich überlegen, wie ich helfen kann und wie ich mich verhalten darf, damit mein Pferd vielleicht nach und nach die Angst vor der Plastiktüte verliert und mich als vertrauenswürdige Person ansieht.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 269

Gestern haben wir es endlich mal geschafft, wenigstens eine kleine Runde auszureiten! Einmal die Hausrunde, mit Decke, Spray und Fliegenmaske. Das ging gut. Ganz gemütlich nur im Schritt und auch ohne Sattel, nur mit Reitpad und „Schwabbel“ drunter. Schwabbel ist so ein Geldings was vorne ein bisschen höher ist als hinten und mein Mädchen dadurch besser hinsetzt. Außerdem polstert es ihren Hintern gegen meinen Rücken ab, bzw umgekehrt, wenn wir nur mit Pad unterwegs sind.

Mein Mädchen und ich sind so lang nicht ausgeritten (und auf dem Platz haben wir bisher nur im Stand geübt), dass sie tatsächlich etwas aus der Übung war! Also, wie es geht wusste sie schon noch, aber sie hat sich wieder Gedanken gemacht. Damit hatte sie eigentlich schon aufgehört und mir vertraut, aber heute musste sie sich erst wieder daran gewöhnen, dass sie mir vertrauen kann. Nachher hat sie nachgezählt: an 22 Tagen ist sie mich bisher geritten. Das ist noch nicht so oft und also kann ich ihr das nachsehen, dass es noch am Vertrauen hapert. Aber wirklich: ich passe immer gut auf sie auf! Auch an den Kühen vorbei ging es gut. Die Kühe haben Abstand gehalten und sich nicht viel bewegt, das war ok für mich.

Hier zu hause hat der Mann etwas neues gebaut für Merlin den Zauberer. Es ist nämlich so: Merlin bekommt ja ungefähr 100 Schüsseln am Tag. Jedes mal wenn wir anderen Heu bekommen. Seine Schüssel bekommt er in einem anderen Stallteil, wohin der Weg ziemlich weit ist und wo wir ihn nicht sehen. Wir essen unser Heu, er kann in Ruhe seine Schüssel leer futtern – so war es bisher. Aber Gatsby hat sich eines Tages etwas früher vom Heu weg geschlichen und hat herausgefunden, dass Merlin dann noch nicht mit seiner Schüssel fertig ist! Danach hat er immer nur die besten, leckersten Heuhalme verputzt und ist dann immer hingegangen und hat die Reste von Merlin weg gegessen. Und mein Mädchen hat sich gewundert, warum Gatsby immer dicker wird und Merlin nicht wirklich zunimmt! Bis sie es raus gefunden hat. Und jetzt haben die Menschen Gatsby einen Strich durch die Rechnung gemacht. Merlin hat ein „Separe“ bekommen, wo er seine Schüssel leer machen kann und dann geht er durch ein Tor raus, was er sich selbst auf macht. Hinter ihm fällt das Tor direkt wieder zu und niemand kann mehr rein. Tja, da ist der Gatsby jetzt schon ein bisschen maulig! Er wandert immer da hin wo früher die Schüssel stand und guckt dann blöd, weil da nix mehr ist. Wir anderen knabbern lieber in Ruhe das Heu zu Ende. Ich persönlich bin ja dann immer noch der „Staubsauger“ wie mein Mädchen sagt. Ich mache die Nachlese, wenn Diego schon keine Lust mehr hat, dann sammel ich noch hier ein Hälmchen und da ein Hälmchen.

So, jetzt kommt wohl wieder kein Ausreitwetter, also nehme ich an, die Woche wird mit Gymnastik vergehen. Mal sehen ob ich was neues lerne, ich werde Euch berichten!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Reitweisen

Neben der Frage, was ich eigentlich unterrichte werde ich natürlich auch immer mal wieder gefragt, nach welcher Reitweise ich reite. Oha. Ich kann diese Frage leider nicht beantworten. Gelernt habe ich damals im Reitverein die „Schulpferd-Version“ der FN-Reiterei. Es gab und gibt schlimmere Versionen dieser Reiterei, in unserem Schulbetrieb war es immerhin extrem selten, dass mal Ausbinder, Dreieckszügel oder ähnliches zum Einsatz kamen, lediglich das Martingal war allgegenwärtig. Ich glaube auch rückblickend, dass meine damalige Reitlehrerin Renate schon viel „Horsemanship“ hatte – für die damaligen Verhältnisse und Umstände. Sie hat immer mal wieder Pferde vor dem Schlachter gerettet und als Schulpferde eingesetzt. Außerdem hatte sie ein Händchen dafür, diese Pferde dann erfolgreich an Reitschüler zu vermitteln. Genauso kam ich ja auch zu meinem ersten eigenen Pferd, ein Warmblut-Wallach namens „Wurzel“. Obwohl Wurzel in Rasse und Exterieur zur FN-Reiterei gepasst hätte, hatte er – zu seinem und meinem Glück – nicht den Charakter, der für diese Reitweise gebraucht wird. Die FN-Reiterei kommt aus dem Militär und noch heute berufen sich ihre Anhänger oft auf die H.Dv.12, also die Heeresdienstvorschrift.

Haarige, eigensinnige Ponys, wie sie besonders aus Großbritannien zu uns kommen, gibt es in der H.Dv.12 nicht. Für solche Tiere wurde dieses Standardwerk nicht geschrieben. Struppige, hungrige, humorvolle Ponys kommen auch auf den Stichen der alten Meister nicht vor, auf die sich so viele „klassische“ Reiteweisen beziehen. Sie werden nicht im Stierkampf eingesetzt und zum Springreiten sind sie auch nur begrenzt geeignet.

Und da haben wir schon das Problem: keine der hierzulande üblichen Reitweisen ist zugeschnitten auf Ponys wie Merlin oder Duncan. Selbst Diego (Friese-Tinker-Mix) fällt da völlig raus. Er ist genau genommen viel mehr ein Wagenpferd als ein Reitpferd: Lange geradeaus laufen, große Schritte machen. Der Galopp wird vor der Kutsche nicht wirklich gebraucht, der ist sehr mittelmäßig. Schritt und Trab gleichen das mit Raumgriff und Takt wieder aus. Und genau das ist es auch, was Diego gern tut. Wenn er den Horizont sieht, scheint er zu sagen: da geht es hin. Seinen bisher einzigen kleinen Distanzritt erledigte er (im Gegensatz zu Finlay) fast ohne Training in spielerischer Leichtigkeit, obwohl der mit Arnulf ja durchaus auch Gewicht zu tragen hat. Wenn man allerdings auf dem Platz mit ihm arbeiten möchte, muss man ihn schon gut motivieren. Er macht zwar alles, aber die Sinnlosigkeit des Unterfangens steht ihm ins Gesicht geschrieben und er macht es nur uns zu liebe. Dass er es auch für seine Gesundheit braucht, weiß er ja nicht. In guten Momenten mag er sich dann schon mal präsentieren und hübsch machen, aber sein Lebensinhalt ist das nicht.

Bei Merlin – Rasse unbekannt – passt der Charakter so gar nicht zum Körper. Sein langer Rücken, der schon in jungen Jahren anfing durch zu hängen (auch dank meiner mangelnden Reitkünste, aber darauf komme ich gleich noch), seine kurzen Beine und die breite Brust lassen ihn aussehen wie jemand, der landwirtschaftliche Arbeiten erledigt. In seinem Kopf aber ist er ein Dressurpferd. Hier ein Detail und dort noch eins, ein Kringel, ein Seitengang, eine Wendung. Sich präsentieren und Freude haben am Applaus, das ist seine Welt. In den entsprechenden Händen wäre er vielleicht sogar ein Showpferd geworden. Ausreiten hingegen ist ihm zuwider. Früher hat mir das niemand geglaubt aber inzwischen habe ich ein paar Leute getroffen, die ähnlich gestrickte Pferde haben. Was soll das, den Hof zu verlassen, wenn man dann eh wieder kommt? Und die Arbeit auf dem Platz ist ja zu Ende wenn man es richtig gemacht hat – das geht beim Ausritt gar nicht. Man muss die ganze Strecke wieder nach hause laufen – nein danke.

Merlin hat mit mir einige Reitweisen durch probiert. Nachdem klar war, dass ich mich bei der FN nicht zu hause fühle, schnupperte ich zunächst in die akademische Reitkunst hinein. Auch bei einer Schülerin von Philippe Karl habe ich mal 2 oder 3 Unterrichtsstunden genommen, eine bei einer Anja-Beran-Schülerin. Aber keine der Reitweisen hat mich wirklich gepackt und – was für mich das wichtigste war – ich hatte nie das Gefühl dass es zu Merlin wirklich passt. Merlin war immer im Energiesparmodus. Und dann traf ich Honza Blaha und wir hatten unsere Art gefunden. Das war Merlins Welt: viel Bodenarbeit, alles ohne Zaumzeug, reiten immer nur in kurzen Sequenzen mit langen Pausen. Die Motivation stieg und stieg. Dennoch: das was Honza uns beim Reiten lehrte, war für mein Pony körperlich gesehen falsch. Sein Rücken wurde nicht schöner, obwohl alles andere sich deutlich verbesserte. So endete meine Zeit bei Honza nach 7 Jahren und die Suche ging wieder los.

Wir landeten bei Alex Zell und der Altcalifornischen Reitweise. Dankenswerter Weise ist Alex ein Pferdemensch, der sich selbst stetig weiter entwickelt und so konnte ich durch ihn auch noch in das eine oder andere Thema hineinschauen. Nun stieß ich aber wieder auf die ganz realen Probleme der Reitunterrichtswelt: Alex fand Süddeutschland plötzlich schöner als den Norden und zog weg. Ein gelegentlicher Kurs ist gut und schön, aber mein Merlin hatte mir bereits signalisiert, dass er zu alt ist dafür, sich zu leicht stresst (was früher nie der Fall war) weil er sich allein in fremder Umgebung einfach nicht mehr sicher fühlt. Und so war 2019 unser letzter Kurs. Und nun stehe ich wieder ohne Reitlehrer da. Es ist schwer, meinen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich habe so viele Fragezeichen im Kopf und fast jeder, der eine bestimmte Reitweise lehrt, empfindet die seine als die richtige und hat gute Begründungen dafür, meist ohne die Begründungen der anderen wirklich zu kennen. Außerdem erwarte ich, dass man sich auf meine Ponys und ihre Art einlässt und ich selbst bin nicht mit so vielen Menschen wirklich kompatibel. Humorloser Unterricht – von dem gibt es unglaublich viel – schreckt mich von vornherein ab, genauso wie Guru-Gehabe. In 22 Jahren Tätigkeit als Hufpflegerin habe ich vor allem eins gelernt: andere Methoden haben auch Erfolge vorzuweisen. Jeder prahlt mit seinen Erfolgen, jeder kehrt die Misserfolge unter den Tisch oder gibt anderen die Schuld dafür. Aber ich bin sicher, jeder hat beides: Erfolge und Misserfolge. Und ich bin überzeugt, dass das vor allem daran liegt, das jede Methode für einige Pferde gut passt und für andere nicht. Rasse, Alter, Charakter, Vorgeschichte und eventuelle gesundheitliche Schwierigkeiten sind da zu berücksichtigen. Natürlich muss es aber auch für den Menschen passen, der das alles umsetzen soll – ist jemand pedantisch oder verspielt, ängstlich oder sehr von sich überzeugt, beweglich oder nicht, erfahren oder Anfänger, groß im Vergleich zum eigenen Pferd oder klein….. . Es muss auch für die Gegebenheiten am Stall passen (ist ein großer Platz da, eine Reithalle, gutes Ausreitgelände?) und dann muss eben auch der entsprechende Ausbilder in greifbarer Nähe sein (heute manchmal digital) und die Chemie zwischen Ausbilder, Reiter und Pferd muss stimmen. Bei so vielen Wenns und Abers ist die scheinbar große Auswahl plötzlich ganz schön klein!

Jetzt möchte ich langsam anfangen, Duncan reiterlich auszubilden und ich stehe eigentlich vor einer unlösbaren Aufgabe. Denn das Highlandpony ist nicht für eine Reitweise gezüchtet worden. Das Highlandpony („the versatile breed“ – also die vielseitige Rasse) ist darauf ausgelegt, quasi alles mit zu machen, was man ihm anträgt. Fahren, Dressur reiten oder Western, Springen, Wander- und Distanzreiten genauso wie Bodenarbeit in allen Facetten. Der Schotte an sich kann also alles ein bisschen, wird aber nirgendswo im „großen Sport“ auftauchen (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Ein „dafür ist der gezüchtet“ gibt es insofern bei Duncan nicht. (Hirsche aus den Bergen tragen ist gerade im Flachland Schleswig-Holsteins eben auch eher selten gefragt).

Mein kleiner Schotte hat ja schon sehr klar geäußert, wie er sich das Leben mit mir vorstellt: alles was ihn wirklich interessiert, findet jenseits der Grundstücksgrenze statt. Raus, raus, raus, flott und lang und immer wieder auf neuen Wegen.

Aber etwas Dressurarbeit auf dem Platz muss schon sein, das gehört zu einer vernünftigen Ausbildung einfach dazu und es macht mir selbst zu viel Spaß um es sein zu lassen. Nur: was wollen wir da genau tun? Vor ein paar Jahren war ich da recht entspannt, alle Reitweisen wollen doch im Grunde das Gleiche, dachte ich. Korrekte Biegung, das Pferd soll „über den Rücken“ laufen und sich erst mal vorwärts-abwärts dehnen. Oh, das war aber weit gefehlt. Die Liste an Möglichkeiten ist viel länger. Vorwärts-Abwärts – das war Finlays letzte Lektion für mich – kann bei einem vorhandlastigen Pferd zur Katastrophe führen. Biegung kann der falsche Weg sein und was „über den Rücken“ bedeutet kann sich je nach Reitweise ganz schön unterscheiden.

Nur eins haben alle Reitweisen gemeinsam: keine erschließt sich dem Pferd von selbst. Die Hilfen, die ich von oben gebe sind (vielleicht mit Ausnahme der Gewichtshilfen) alle erlernt und ergeben ohne vorangegangene Erklärung für das Pferd keinen Sinn. Im Gelände hat Duncan gelernt, mich geradeaus im Schritt und im Trab zu tragen wie es sich eben ergibt. Er schwankt nicht mehr beim laufen, er kann bergauf und bergab mein Gewicht mitnehmen und ich kann lenken und bremsen. Jetzt möchte ich aber anfangen, auf dem Platz zu reiten und da bleibt mir nichts übrig, als mich zu entscheiden. Ein Plan muss her, wie wir zumindest am Anfang mal die Hilfen etablieren. Mein Pony hat dabei die selben Fragen wie ich: welches Tempo ist das richtige, welche Kopfhaltung ist die beste (jetzt für den Moment) und wie kommt man um die Kurven von denen es auf dem Reitplatz so viele gibt? Mit Merlin und Diego kann ich frei herum spielen und alles mögliche versuchen, so wie jemand der lesen kann, alle möglichen Bücher lesen kann. Aber Duncan hat keine Ahnung vom lesen und wir brauchen eine gemeinsame Ebene, damit es nicht bei „lenken und bremsen“ bleibt, sondern gymnastizierende Arbeit wird.

Also entscheide ich mich – leise seufzend – für ein Konzept, damit wir anfangen können, uns zu verständigen.

Vielleicht – in meinem Fall sogar sehr wahrscheinlich – werde ich irgendwann irgendwohin umschwenken. Ich kenne mich. Aber dann wird Duncan eine Basis haben, auf die er zurück greifen kann. Und da er flexibel ist – so wie mein Merlin es sein Leben lang war – wird er mitgehen, wenn Dinge sich ändern. Wird neugierig fragen, was wir jetzt anders machen. Wird mit mir ausprobieren und experimentieren. Und ich hoffe, dass er mir dazu genauso ehrlich Rückmeldung gibt wie mein Finlay es getan hat, der sein Leben damit verbrachte, Dinge in Frage zu stellen die ich zu wissen glaubte.

Und ich werde versuchen, mich nicht verrückt zu machen. Immer im Kopf zu behalten, dass alles was ich freundlich, mit Bedacht und mit gutem Blick aufs Pony tue, ihm nicht schaden wird – auch wenn immer wieder Gurus auftauchen, die uns erzählen wollen, dass wir unser Pferd mit der falschen Reitweise quasi umbringen. Dann schaue ich wieder in die Distanzreiterwelt und erkenne: wer mit Sinn und Verstand reitet, kommt gut ohne die perfekte Piaffe durchs Leben. Obwohl ich natürlich sehr gern diese perfekte Piaffe mitnehme, wenn Duncan sie mir eines Tages schenken möchte.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 268

Mit Ausreiten sieht es immer noch mau aus. Es ist uns zu warm, die Fliegviecher fallen über uns her wo wir gehen und stehen und also haben wir keine rechte Lust. Deswegen versuchen wir jetzt was neues: kleine Reiteinheiten auf dem Platz. Zweimal hatte mein Mädchen das schon probiert und wir haben fest gestellt, dass es doch noch ganz schön an der Lenkung hapert. Draußen geht man ja immer einen Weg lang, da ist klar wo es lang geht. Aber so ein Reitplatz bietet doch sehr viel weniger Orientierung! Da war ich leicht verwirrt. Also hat mein Mädchen gesagt wir fangen das nochmal ganz von vorn mit Konzept an, damit wir das klar kriegen wer wann was zu tun und zu lassen hat. Sie hat also erst nochmal von unten angefangen, im Stehen. Beim Reiten auf dem Platz soll ich ja das Bosal tragen (das mag ich auch wirklich lieber als das Gebiss) und also üben wir jetzt mit dem Bosal, dass ich im Stehen den Kopf nach links nehme und nach rechts wenn sie es sagt und ihn so lange da lasse bis sie was anderes sagt. Das klingt leicht, aber es erfordert ja auch eine gewisse Geschmeidigkeit in der Muskulatur und ich muss ihre Signale gut verstehen. Das haben wir also – unter Aufsicht des Mannes – ein paar mal geübt. Dann hat sie ihren Helm aufgesetzt und ihre Weste angezogen. Mich hat sie stehen lassen und ist zu ihrer Aufsteighilfe gegangen. Einfach so wortlos ist sie da rauf geklettert. Ich hab sie angeschaut und kurz nachgedacht, dann wusste ich, was zu tun ist. Bin zu ihr gegangen und hab mich so positioniert, dass sie aufsteigen kann. Oh da war sie baff! Wieso? Ist doch logisch, es gab ja drei gute Hinweise! (Helm, Weste und Aufsteighilfe) das war jetzt nicht so schwer raus zu finden was sie will. Na sie hat sich doll gefreut. Dann haben wir im Stehen genau die selben Sachen versucht wie von unten. Und als ich es gut gemacht hatte, war auch schon wieder Feierabend.

Wieso ist sie so überrascht? Ich weiß doch was zu tun ist!

Zwei Tage später haben wir das wiederholt, diesmal nicht mit Bosal, sondern mit Gebiss. Und wir haben noch ein neues Kommando geübt: wenn sie beide Zügel auf eine bestimmte Art annimmt, soll ich im Genick „nachgeben“. Weil mein Hals so stark ist (und so gut trainiert vom Spielen) habe ich manchmal die Idee gehabt, einfach meine Halsmuskeln anzuspannen und ihre Zügelhilfen zu ignorieren. Das soll ich aber nicht, sondern meinen Hals ganz weich machen, damit ich später so tolle Sachen machen kann wie Merlin. Und damit ich z.B vor der Kutsche leicht zu lenken bin, ist auch wichtig. Und deswegen soll ich mein Genick locker machen. Außerdem fühlt sich ein lockeres Genick auch schöner für mich an, wenn ich ganz ehrlich bin. Ich hab aber schon ein bisschen knobeln müssen bis ich kapiert habe was sie will. Dann hatte ich es plötzlich raus und sie war schon wieder hellauf begeistert und – zack! – war Feierabend. Für warme Tage sind das tolle Übungen, man muss sich kaum bewegen und es dauert nicht länger als das Fliegenspray wirkt. Aber jetzt mal unter uns: es wird wieder Zeit für einen schönen Ausflug! Hoffentlich wird das Wetter bald wieder besser (und damit meine ich kühl und windig!).

Euer lernender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 267

Unsere erste selbstgesäte Sonnenblume blüht! Ihr wisst schon, die um die der Mann so liebevoll mit der Treckerschaufel herum-gearbeitet hat. Neben der Sonnenblume hat mein Mädchen Zucchinipflanzen untergebracht. Unser Mist ist wirklich für allerhand zu gebrauchen, scheint mir! Im Herbst wird mit dem alten Mist vom letzten Jahr unsere Weide gedüngt, das weiß ich ja. Aber dass da auch so schöne Sonnenblumen drauf wachsen und auch noch leckeres Gemüse für die Menschen, das wusste ich nicht! Mein Mädchen sagt, wenn sie die ersten Zucchini erntet, darf ich auch mal ein Stück davon probieren. Ob das nach Pferdeäppeln schmeckt? Würde mich nicht stören, ich wühle auch so gern mal in fremden Haufen. Das riecht immer so interessant!

Unsere Sonnenblume! Echt Pony-gesät.
Die Zucchini auf dem Mist

Für uns gab es heute mal wieder „Öko-Frühstück„. Der Mann hat den Sensen-Mann gemacht und gaaaaaanz viele Brennnesseln von der Abenteuerweide runter gesenst. Jetzt ist sie gar nicht mehr so abenteuerlich. Einen Teil der Brennnesseln hat mein Mädchen dann statt Heu serviert. Wir Ponys klauben dann erst mal die Grashalme dazwischen raus. Dann warten wir ab, so nach und nach trocknen die Brennnesseln und werden dann immer leckerer.

Der Sensen- Mann!
Vorher
Nachher

Den größten Teil der geernteten Brennnesseln hat mein Mädchen aber zum trocknen ausgelegt. Das heißt, in den nächsten Tagen werden wir wohl immer mal damit rechnen müssen, dass es statt Heu nur Reste-Essen gibt. Mein Mädchen meint, das würde uns gar nicht schaden, denn Diego, Gatsby und auch ich sind ganz schön rund geworden. Na hör mal, Mädchen, das ist dringend benötigter Winterspeck! Nein, sagt sie, hier braucht man so was nicht, weil sie uns ja auch im Winter genug zu essen gibt. Von wegen! Knauserig ist sie – das ganze Jahr über. Angeblich natürlich nur zu unserem besten. Nur der alte Merlin, der zieht sich einen Eimer Futter nach dem anderen rein. Wenn ich das sehe freue ich mich schon aufs alt-werden!

Macht Euch einen schönen Sonntag, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 266

Sommer, Sommer, Sommer! Diesen Sommer mögen mein Mädchen und ich ganz gern, weil es nicht so warm ist (zumindest hier bei uns). Mein Mädchen sagt, das Wetter könnte gern einen Hauch zuverlässiger sein, aber lieber so als wenn es wieder so heiß ist. Das mögen wir beide nicht, dann hängen wir schlapp in der Ecke. Leider ist ja jetzt Bremsen-Zeit, das dauert noch ein paar Wochen, bis die Mistviecher wieder weg sind. Wenn ich gut eingesprüht bin, ist das aber auch mal ok für eine kleine Runde auf dem Platz. Nur Ausreiten waren wir jetzt schon ewig nicht! Allerdings bin ich auch so ganz zufrieden und entspannt, weil wir ja 5 Nächte in der Woche auf der Weide sind und das macht mich einfach sehr entspannt (und ein bisschen rund, sagt mein Mädchen). Derzeit sind wir auf der Abenteuerweide! Da ist ein Hügel drauf und der ist ganz zugewuchert mit Büschen. Außerdem sind da so viele Brennnesseln und Disteln, dass man fast nur mit der Machete durch kommt. Mein Mädchen hat neulich erst mal mit der Elektrosense nach dem Zaun gesucht (und ihn tatsächlich gefunden). Am ersten Abend fanden wir diese Wiese etwas gruselig, aber jetzt kennen wir uns da auch aus. Jeden Tag steckt mein Mädchen den Zaun etwas weiter, damit wir etwas neues Gras bekommen. Wobei neu echt das falsche Wort ist, denn das Gras steht da schon so lange rum, dass es eigentlich altes Zeug ist, ganz hart und fast wie Heu. Aber wir suchen uns dazwischen die grünen Halme und Kräuter raus und was uns zu hart ist, lassen wir einfach liegen. Das wird dann, wenn wir mit einem Weidestück fertig sind, runter gemulcht.

Wo geht’s hier denn lang?

Dieses Jahr ist hier so viel Gras dass mein Mädchen davon träumt uns auch im Herbst und Winter noch raus lassen zu können. Das hat sie noch nie gemacht, weil wir dann die Grasnarbe kaputt treten. Aber sie sagt, besonders auf der Abenteuerwiese ist sowieso nicht so viel Gras sondern mehr anderes Zeug und das könnten wir ruhig zertrampeln. Also drückt mir die Daumen, dass der Winter dieses Jahr spannender wird!

Erst mal einen Trampelpfad machen.
Das grüne haben wir weg geknabbert, das lange harte lassen wir liegen

Aber vor dem Winter kommt der Sommer und der ist jetzt. Und während wir den Bremsen ausweichen, träumt mein Mädchen vom Herbst und sagt, dieses Jahr ist es endlich so weit, dass wir beide durch den verregneten Herbstwald rascheln können – also das konnten wir ja die vergangenen Jahre auch, aber da musste sie ja noch laufen. Jetzt kann ich sie tragen und das macht ihr so viel mehr Spaß (mir auch, weil ich dann mein Tempo gehen kann). Darauf freut sie sich und so lange halten wir aus, dass draußen nicht so viel geht.

Euer sommerlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Momente

Da, ein guter Moment! Ich gehe kurz mit Duncan in Harmonie, nehme einen Atemzug, dann beschäftige ich mich wieder anderweitig. Ein Atemzug, das ist nicht viel. Ein kleiner Augenblick. Aber ich lerne gerade (wieder), dass viele kleine Momente sich ansammeln zu etwas großem.

Neulich, als ich an der Supermarktkasse nicht so recht wusste, wohin mit meinem verbrauchten Einkaufszettel – Sommerklamotten haben irgendwie doch immer zu wenig Taschen – streckte die Verkäuferin mir ihre Hand entgegen „soll ich das für Sie nehmen?“ und hat meinen Einkaufszettel entsorgt. Nur ein Moment, eine kleine Geste, die mir zeigt, dass sie mich wahr genommen hat. Und an diesen Moment erinnere ich mich, obwohl ich den ganzen Rest vergessen habe: welcher Tag gerade war, was ich eingekauft hatte, was ich an hatte, was ich danach gemacht habe. All das, was uns während des Alltags wichtig erscheint und was nachher verschwindet in den tiefen unseres Gehirns um zu verschwimmen mit all den ähnlichen Tagen und Situationen die völlig bedeutungslos waren. Aber an die Aufmerksamkeit der Kassiererin erinnere ich mich.

Das, was ich meinen Schülern schon so lange predige, dass sie auch den kleinsten Moment nutzen sollen, in dem sie still sein können, Hilfen aussetzen, das Pferd nicht stören, den Moment genießen – selbst wenn völlig klar ist, dass es nicht lange klappen wird, das kommt jetzt zurück zu mir. Elsa hat es für mich auf links gedreht – wie so vieles im Freedom Based Training auf links gedreht wirkt, wenn man es vom Standpunkt des „normalen“ Trainings betrachtet. Anstatt mehr oder weniger krampfhaft zu versuchen, mit Duncan in Harmonie zu sein, mich so zu bewegen wie er, eine optimale Position im optimalen Abstand zu finden wo er mag dass ich da bin, gibt es für mich nur noch Momente. Kurze Augenblicke, dann bin ich auch schon wieder „weg“. Und plötzlich fängt Duncan an, dass was er vorher sehr nervig fand, interessant zu finden. Ich erinnere mich an den Songtext von Herbert Grönemeyer „Deine Liebe klebt“. Mein kleiner Teenager sucht nicht wirklich nach Harmonie, nur ab und zu. Es ist meine Aufgabe, es für ihn interessant zu machen. Im „normalen“ Training ist das einfach, da stelle ich ja die Anforderung und er hat etwas womit er sich auseinandersetzen kann. Aber wenn ich im Paddock auftauche und einfach so mit ihm sein möchte, dann ist da keine Herausforderung. Und so geht es ihm auf die Nerven, dass ich so zuckersüß bin, so gar nicht stören möchte, so gar keine Unterhaltung biete. Und er lässt mich das deutlich wissen, wenn es ihm auf die Nerven geht. Ich beobachte ihn mit den anderen Ponys und stelle fest, dass es mit denen gar nicht anders läuft. Kurze Momente des Friedens, dann muss sich schon wieder kurz mal gehascht werden, um dann wieder völlig einträchtig nebeneinander zu stehen. Die anderen finden das offensichtlich wenig dramatisch, er ist halt der nervige Teenager.

Jetzt ist bei mir der Groschen gefallen und ich drehe die Momente-Suche auf links. Anstatt wie im normalen Training möglichst viele Momente zu suchen, in denen es gut läuft, gebe ich mir jetzt die größte Mühe, Duncan weniger Harmonie zu geben als er will. Die Momente des friedlichen Seins sollen für ihn an Wert gewinnen und das tun sie nicht, wenn es immer zu viele davon gibt.

Arnulf hat mir eine Geschichte von einem Schulfreund erzählt, der anfing, zu rauchen. Sein Vater hatte eine sehr wirksame Methode, damit umzugehen: er lud seinen Sohn zum rauchen ein. Es gab Zigaretten, Zigarren und Pfeife zu rauchen, bis der Sohnemann schließlich über der Kloschüssel hing und danach nie wieder rauchen mochte. Alles, was wir im Überfluss haben, wird mindestens wertlos, wenn nicht gar nervig oder eklig. Sogar ich habe irgendwann genug Schokolade gegessen. Und so ist es eben auch mit Duncan und der Ruhe.

Und während das alles, was ich hier schreibe, erst mal nur fürs Freedom Based Training gilt, experimentiere ich doch auch im normalen Umgang damit. Ich erhöhe wieder mal den Anspruch bis der Keks kommt. Ich will ihn öfter auch mal an die Frustrationsgrenze bringen, weil ich glaube, dass er jetzt besser damit klar kommt und ich will weg von dem Gefühl, dass er ja noch so jung ist und deswegen alles immer ganz einfach sein muss. Als echte „Helikopter-Mutter“ muss ich mich da ganz schön selbst beobachten und bin gefordert, meine Automatismen zu ändern.

Ich suche mal wieder nach dem schmalen Grat in der Mitte zwischen Über- und Unterforderung und ich finde neue Sichtweisen auf diesen Grat oder vielleicht ist diese Mitte aus meiner Perspektive ein bisschen woanders als sie früher war. Vielleicht (ganz bestimmt!) liegt es daran, dass Duncan älter geworden ist, aber sicher liegt es auch an den Pferden, die mir im Kundenkreis begegnen und mir aufzeigen, dass ich da noch mehr experimentieren darf und dass jener schmale Grat für ein einzelnes Pferd noch viel weiter in der einen oder anderen Richtung liegen kann, als ich das bisher vermutet hatte.

Neulich sagte eine Schülerin, sie fände es toll, dass ich so „tagesaktuell“ aufs Pferd schaue und nicht einfach ein Programm durch ziehe. Die Wahrheit ist: ich tue das, weil ich mir nie sicher bin. Weil ich immer auf der Suche bin nach dem richtigen Maß für dieses Pferd. Und weil dann, wenn ich endlich das richtige Maß gefunden habe, das Pferd sich verändert und entwickelt (was ja Ziel der Ausbildung ist!) und wieder alles neu angeschaut werden will. Die vielen Fragezeichen in meinem Kopf, die mir das Leben oft so schwer machen, können eben auch ein Segen sein. Daran halte ich mich fest, wenn ich nun wieder an den kleine Stellschräubchen drehe und während ich Momente finde, in denen ich einen Atemzug mit Duncan zusammen sein kann und mich schon abwende während er noch mehr wollte. So dass er eines Tages so viel mehr davon wollen wird, dass er aktiv danach sucht und das harmonische, friedliche Zusammensein ehrlich genießt – mit Glück nicht nur mit mir, sondern auch mit den anderen Ponys, so dass er einfach ein angenehmer Zeitgenosse ist, mit dem alle gern Zeit verbringen. Schließlich besteht jeder beliebig lange Zeitraum ja auch immer nur aus einzelnen Momenten.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 265

Neulich war mal wieder der Zahnarzt da. Ich mag den, der ist nett. Er hat meine Zähne angeschaut und gesagt, dass alles tiptop ist, bis auf ein paar kleine Haken. Die hat er mir dann fix weg geraspelt, das geht ganz schnell und ist gar nicht schlimm, das kenne ich schon.

Bisschen raspeln, dann passt alles wieder.

Vorne muss ich noch zwei Schneidezähne austauschen, sagt er. Das soll ich so mit viereinhalb Jahren machen, da hab ich noch 7 oder 8 Monate Zeit.

Außerdem hat er mein Stück Extra-Zahnfleisch bewundert. Das ist ein Andenken an meine wilde Jugend! Da hatte ich mich beim Spielen irgendwie verletzt. Wie, das weiß keiner. Und obwohl das Mädchen vom Spaziergehkumpel sich so liebevoll darum gekümmert hat, ist dieser Lappen übrig geblieben. Von unten hab ich neues Zahnfleisch gemacht, aber das alte hängt da seit dem so herum. Mein Mädchen sagt, dass ich dadurch absolut unverkennbar bin und nie geklaut werden kann. Also wirklich – als ob ich nicht sowieso unverkennbar wäre! Und als ob ich mich klauen lassen würde!

Aber zurück zum Thema: der Zahnarzt war da. Und wisst Ihr, was er gesagt hat? Ich wäre sehr, sehr viel erwachsener geworden seit er mich das letzte Mal gesehen hat! Mein Mädchen hat ihm erzählt, dass ich jetzt Reitpony bin, das fand er voll gut. Außerdem hat er mir so einen kleinen Rest Zahnwurzel von einem Milchzahn raus gepult, der hing da noch so rum. Mein Mädchen wollte wissen, ob mich das wohl gestört hat, aber das wusste er auch nicht. Ich habe es bisher nicht verraten aber mein Mädchen sagt, wenn ich jetzt mit dem Gebiss plötzlich viel ruhiger und zufriedener bin, weiß sie Bescheid.

Diego und Caruso wurden auch die Zähne hübsch gemacht. Bei Diego ist immer nur ganz wenig zu tun. Bei Caruso war es diesmal etwas mehr und der fand das gar nicht witzig. Dafür kann er jetzt wieder besser kauen. Gatsby war auch wieder mit dran und hat schon wieder fest gestellt, dass dieser Zahnarzt viel netter ist als die anderen die er bisher kennen gelernt hat.

Und weil der Zahnarzt so nett ist, kocht mein Mädchen ihm immer einen schönen Tee, darüber freut er sich sehr.

Euer frisch gezahnpflegter Sir Duncan dhu of Nakel