Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 276

Es ist heiß und deswegen hat mein Mädchen schlechte Laune. Unser Gras trocknet so leise vor sich hin, so dass wir eigentlich keinen „Weidegang“ haben, sondern eine Wiese voller Heu zum selbst pflücken. Zwischendurch gibt es Ökofrühstück (Brennnesseln und Disteln und so) und jetzt auch noch eine ganz besonders leckere Knabberei, die eine geneigte Leserin uns geschenkt hat: Weidenzweige! Da stürzen wir Ponys uns drauf, das ist wirklich ganz was feines! Erst hauen wir uns die Blätter rein und wenn wir später nochmal Hunger bekommen knabbern wir noch die Rinde ab. Mein Mädchen nimmt sich (mal wieder) fest vor, uns mehr Zweige zu füttern. Bisher ist es immer beim Vorsatz geblieben aber vielleicht lernt sie es ja noch!

Lecker, lecker, lecker!

Für mich hat sie eine Fliegenmaske zum ausprobieren ausgeliehen. Allerdings gibt es da ein kleines Problemchen mit meinem Wallehaar, seht nur! Jetzt sehe ich aus als hätte ich einen Schnurrbart. Na, ich probiere die Maske trotzdem, vielleicht brauche ich sie demnächst, das erzähle ich aber wann anders, wozu ich sie brauche!

Ein Alien mit Schnurrbart oder was?

Ansonsten warten wir einfach das Wetter ab, es bleibt einem ja nichts anderes übrig. Mein Mädchen schwitzt und schimpft und wir träumen weiterhin vom Herbst. Allerdings steht vor dem Herbst noch ein wichtiger Termin an, denn nächste Woche habe ich Geburtstag! Dann bin ich schon 4 Jahre alt! Hoffentlich gibt es eine schöne Party für mich.

Bis dahin gehen wir abends auf den Reitplatz, wenn dort Schatten ist, und arbeiten ein paar Minuten an der Hand. Da muss ich mich ordentlich konzentrieren, aber mein Mädchen sagt, dass ich das jetzt wirklich schon gut kann – konzentrieren, zuhören, mitmachen und aushalten, dass es nicht immer gleich klappt. Mein rechtes Hinterbein ist gerade irgendwie nicht so „im Dienst“, weil ich anscheinend wieder mal wachse. Andererseits sagt mein Mädchen, dass jetzt die beste Zeit ist zum wachsen, weil ja eben eh nichts anderes zu tun ist. Alle großen Ausflüge müssen warten bis das Wetter wieder besser ist. Also wachse ich – vermutlich in die Breite. Lasst Euch überraschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit Schnurrbart

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 275

Heute haben wir mein Mädchen sehr glücklich gemacht. Mit einem langweiligen Ausflug! Ach was ist sie putzig, immer redet sie von Abenteuer und dann hat sie es am liebsten langweilig. Also wir sind in die Wackelkiste gestiegen – bei über 30°! Mein Mädchen war nicht sicher, wie warm es da drin wird während der Fahrt, deswegen hat sie ein Thermometer rein gehängt (eher: vom Mann reinhängen lassen). Das Thermometer speichert die höchste Temperatur so kann sie gucken ob wir auch nicht langsam durchgegart werden!

Als wir dann ein bisschen gefahren waren, sind wir ausgestiegen – den Platz kenne ich schon! Da standen 4 Pferde, die ich schon mal von weitem gesehen habe. Ooooooh spannend! Der Mann hatte mich am Strick aber ich durfte eigentlich machen was ich will. Hab erst mal gewiehert und mich in Pose geworfen! Bin dann ganz nah an den Zaun…. ups! Der war bissig! Na gut, dann halte ich etwas mehr Abstand. Naja, letztlich war es da nicht so spannend. Die vier haben auf ihrer Weide gestanden und Gras gefressen und sich nicht für mich interessiert. Diego hat auch Gras gefressen und dann dachte ich, das kann ich ja dann auch tun. Hab mich nicht mehr um die anderen gekümmert. Zack! Mädchen glücklich weil langweilig!

Nach einer Weile meinte sie dann, es reicht, und wir sind wieder in die Wackelkiste gestiegen und noch ein Stück gefahren. Dann nochmal aussteigen und was haben wir da? Eine Brücke! Mein Mädchen wollte mal wieder was üben. Mädchen, kapier doch endlich: Brücken kann ich jetzt! Aber ok, wenn du mir unbedingt viele, viele Kekse geben willst für etwas was ich längst drauf habe, dann mal her damit! Die Brücke hat schön laut „klong, klong“ gemacht, wenn ich drüber gelaufen bin. Aber das stört mich nicht, denn das macht unser Steg hier zu hause auch. Und das Wasser unter der Brücke war ganz still und überhaupt – ich hab doch auch die Autobahnbrücke geschafft.

Brücke kann ich.

Ach, da war sie schon wieder stolz und glücklich und zufrieden. Ab nach hause! Höchsttemperatur in der Wackelkiste waren 33,7°, das fand mein Mädchen ok dafür dass draußen 30° und teilweise mehr waren. Also können wir bedenkenlos auch mal ein kurzes Stück reisen wenn es so warm ist.

Ganz schön heiß heute!

Danach habe ich erst mal einen kühlen Schluck Wasser genommen und wir haben ein Nickerchen im Schatten gemacht, Diego und ich. Und mein Mädchen hat noch hundert mal gesagt, wie sehr sie langweilige Ausflüge liebt. Sie ist und bleibt einfach etwas sonderlich, aber Hauptsache die Keksrate stimmt.

Euer langweiliger Sir Duncan Dhu of Nakel

Struktur

Manchmal steht man ja auf dem Schlauch. Aber so richtig. Und ich glaube, das ist der Punkt an dem unterrichten am meisten hilft. Weil ich mich beim Unterrichten selbst an Dinge erinnere, die ich eigentlich längst weiß, aber die irgendwie so im Hintergrund verschwunden sind beim ängstlichen Blick auf meine eigenen Probleme, dass ich die offensichtliche Lösungsmöglichkeit einfach übersehen habe. Der Wald und die Bäume…

Na jedenfalls: Struktur. Als ich meinen NLP Practitioner gemacht habe, ging es ständig um Struktur. Gemeint ist in diesem Fall folgendes: der Araber, der zwar fein in den Anhänger einsteigt, aber Probleme bekommt, wenn man zu macht und er einfach mal ein bisschen da stehen soll, kann auch an der Aufsteigehilfe nicht gut für längere Zeit still stehen. Das ist eine Struktur, denn es geht weder um den Anhänger noch um die Aufsteigehilfe sondern darum, länger an einem Ort stehen zu bleiben und sich dabei entspannen zu können, während um einen herum vielleicht ein paar Dinge passieren.

Und jetzt glaube ich, die dahinter liegende Struktur gefunden zu haben, um die es bei Duncan mit den fremden Pferden geht. Der Anblick fremder Pferde bringt ihn in einen Zustand, in dem er nicht mehr wirklich mit mir kommuniziert. Er möchte sich dann bewegen – und zwar flott. Neben mir Schritt gehen ist kaum noch möglich und ich hänge wie ein Fähnchen im Wind an ihm dran. Da kann ich vorher Führen in Perfektion geübt haben, es ändert sich nicht. Aber jetzt glaube ich, das ist das gleiche Thema wie auf der Wippe, wo er so viel ausschachtet. Ich wurde ja belächelt dafür, dass ich mir darüber so viele Gedanken mache, aber ich wusste, es ist ein Signal für ein Problem. Und ich glaube, es gefunden zu haben: es geht um Energie, die sich nicht in Vorwärtsbewegung entladen kann. Auf der Wippe bewegt Duncan seine Hufe nicht, erzeugt aber – durch die Aufregung, weil er es so toll findet, zu wippen und dafür Kekse zu kassieren und auch durch die muskuläre Anstrengung – eine Menge Energie. Und die muss irgendwo hin. Und das Ausschachten ist das erste „Warnsignal“ dafür, dass zu viel Energie im Pony ist, die sich dann evt unschön entlädt (auf dem Trailplatz z.B. im Steigen).

Und so habe ich jetzt einen ganz neuen Ansatzpunkt um das Problem zu bearbeiten. Lernen, sich mit einem hohen Energielevel noch ruhig und kontrolliert zu bewegen und dann Energie wieder runter zu fahren im Stehen – ohne sie sich „ablaufen“ zu müssen – ist das eigentliche Thema. Und da habe ich so viele neue Übungsideen, dass ich am liebsten gleich anfangen würde (unsinnig bei 30 Grad im Schatten, also muss das auf besseres Wetter warten).

Es ist die Struktur hinter einem Problem, die uns den Lösungsweg zeigt. Dann können wir nämlich das selbe Verhalten in x verschiedenen Varianten und Übungen etablieren und so haben wir dann nicht nur das Problem wirklich an der Wurzel gepackt, sondern wir haben uns auch unter Umständen viel Arbeit gespart. Denn am Anhänger oder mit fremden Pferden zu üben erfordert immer Vorbereitung. Aber mal eben 10 Minuten auf den Reitplatz gehen und ein paar Übungen machen, dauert eben nur 10 Minuten. Und wir können in alles, was wir mit unseren Pferden tun, eben jene Qualität mit einbauen, die wir brauchen. So kann ich jetzt „fremde Pferde“ üben ohne fremde Pferde in Sichtweite.

Das, was Duncan und ich da üben dürfen, ist auch Frustrationstoleranz. Ein fremdes Pferd sehen, aber nicht hingehen dürfen, ist völlig unnatürlich – in der Natur könnten die Pferde untereinander entscheiden wann, wie und wo sie sich begegnen – und so führt es zu Frust, wenn keine echte Kontaktaufnahme möglich ist. Und auch Frustrationstoleranz kann ich mit Duncan an ganz anderen Stellen üben. Ich erwische mich dabei, dass ich das – als waschechte „Helikoptermama“ – oft vermeide. Diego darf grasen? Dann ist es doch unfair, wenn Duncan das nicht darf. Ich hatte den Keks schon in der Hand? Dann ist es doch blöd, wenn er den jetzt nicht bekommt. Dabei ist es so wichtig, zu lernen, so etwas auszuhalten. Ich weiß das, aber in meinem Gefühl ist es nicht angekommen. Also zwinge ich mich jetzt, solche Situationen bewusst zu nutzen, mein Pony mal zu frusten und es als Lernsituation zu sehen. So dass er besser aushalten kann, wenn er etwas nicht bekommt, was er eigentlich unbedingt will. Denn so ist das Leben. In der Natur würde so ein junger Hengst das wohl von den Stuten lernen, die ihm die Leviten lesen, wenn er beim Deckakt zu schnell zur Sache kommen will. Im Zusammenleben mit mir muss er das anderen Stellen lernen, aber letztlich ist es die gleiche Struktur.

An anderen Stellen hat Duncan solche Dinge schon gut verinnerlicht. Grundsätzlich gilt: wenn er Futter möchte und merkt, dass er es nicht bekommt, macht er langsamer und erhöht den Abstand zu mir. An dieser Stelle bin ich hoch zufrieden mit meiner eigenen Erziehungsarbeit, denn das habe ich anscheinend gut im Ponyhirn verankert. So war es auch ein leichtes, den Standard für „Keks aus der Hand nehmen“ nochmal etwas zu erhöhen. Ich halte den Keks in der geschlossenen Hand mit dem Handrücken nach oben und Duncan muss sein Mäulchen auch erst zu lassen, bevor ich die Hand drehe und öffne, damit er den Keks nehmen kann. Nur wenige Wiederholungen haben ihn nachhaltig dazu gebracht, das Aufreißen der Schnute zu unterlassen und ich glaube, es ging so schnell weil das Prinzip dahinter das selbe ist wie immer. Leicht zu verstehen und es gibt schon eine Datenautobahn im Gehirn für ähnliche Verhaltensweisen. Und so bin ich guter Dinge, dass das selbe auch für unsere einzige wirkliche Problemstelle funktionieren wird: die Begegnung mit fremden Pferden. Es mag dauern und es wird mir viel Aufmerksamkeit und das ein oder andere Gramm Hirnschmalz abfordern, alle möglichen Situationen zu finden oder zu ersinnen, in denen wir das gewünschte Verhalten üben können, aber ich bin erleichtert, dass wir doch nicht immer „in die vollen“ gehen müssen, denn allzu oft endete das jetzt nur in blöder Stimmung und nicht darin, dass mein kleiner Hengst wirklich Anstand erlernt hätte. Und einen Übungsplan zu haben, das Gefühl jeden Tag etwas tun zu können, macht mir Mut, dass wir auch diese Hürde meistern.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 274

Na das wurde aber auch mal wieder Zeit! Endlich mal wieder ein Dienstagsausflug mit meinem Ausreitkumpel! Ach das war fein. Nachdem es ja letztes Mal so ein Desaster war wegen der Fliegviecher hatte mein Mädchen sich das diesmal anders überlegt. Sie hat einfach von vornherein nur eine kurze Strecke geplant und das so, dass überall guter Boden zum Traben ist. So waren wir dann auch nur ca 40min unterwegs, 4,5km, davon aber 2,8km im Trab. Das ist für unsere Verhältnisse voll zügig! Und mein Mädchen war wieder perfekt zufrieden. Ich hab das alles großartig und wunderbar gemacht, sagt sie. Und mein Ausreitkumpel auch. Der übt jetzt galoppieren, immer mal ein kleines Stück. Und mein Mädchen feiert mich, weil mich das gar nicht interessiert, wenn er galoppiert – hinter mir, neben mir, vor mir, alles egal. Das einzige was mich interessiert ist, ob ich ihn nicht vielleicht doch zwischendurch mal kneifen kann. Einfach so, weil er da ist. Aber ich darf ja immer nicht! Blöd.

Ich übe jetzt was neues mit meinem Mädchen, nämlich erschrecken. Das war so: am Sonntag als wir so schön ausreiten waren und ganz gemächlich im Schritt herum gebummelt sind, bin ich plötzlich los geschossen. Aber keine Sorge, ich hab nur so zwei, drei schnelle Sprünge gemacht und dann wieder gebremst, weil mir klar wurde, dass das da hinter mir doch kein Säbelzahntiger war sondern nur einer von diesen Menschen auf Rädern, der fast kein Geräusch macht und plötzlich hinter einem auftaucht. Eine alte Jugenderinnerung kommt da in mir hoch! Naja mein Mädchen meinte dann, es wäre gut für sie, wenn ich mich mal erschrecke. Weil sie dann merkt, dass ich sie auch beim erschrecken nicht verliere und dass ich nicht los renne sondern nur einen kurzen Hüpfer mache. Und da fühlt sie sich sicherer, als wenn ich mich nie erschrecke, sagt sie. Also dachte ich: das können wir ja mal üben! Gestern stand da so eine Frau mit zwei Rädern plötzlich im Feld herum. Mein Mädchen hat sie gesehen und hat gedacht, ich hätte sie auch gesehen, aber so gegen die Sonne konnte ich es nicht so recht erkennen, was das ist. Und es sah dann doch für einen Moment aus wie ein Säbelzahntiger! Also bin ich vorsichtshalber mal zwei Meter zur Seite gesprungen. Nur um sicher zu gehen. Mein Mädchen hat gelacht und gesagt, jetzt hätten wir zur Seite springen auch erledigt und sie wüsste, dass ich sie da auch gut mit nehme und nicht fallen lasse. Siehst du, mein Mädchen, ich passe wirklich gut auf dich auf! Und schon war sie wieder stolz auf mich. Weil ich schon so groß und vernünftig und erwachsen bin.

Mit dem Mädchen vom Ausreitkumpel zusammen plant sie jetzt, die Trabstrecken nach und nach zu verlängern. Das klingt gut, da mache ich mit! Auch wenn die Fliegviecher hoffentlich bald weg sind und wir ihnen nicht mehr davon-traben müssen.

Euer trabender Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. für ein Foto war keine Zeit im Trab! Bei unserem spektakulären Tempo wäre es auch bestimmt ganz verschwommen gewesen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 273

Wir Ponys wissen, wie das Jahr läuft. Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt schließlich schon seit ein paar Millionen Jahren – und uns Pferde auch. Da hatten wir Zeit, das zu lernen: wann braucht man Winterfell, wann Sommerfell? Leider ist es aber so, dass die Herstellung von Winterfell eine Weile dauert. Da sind soooooo viele Haare zu produzieren! Also fangen wir lieber zeitig damit an, damit wir nachher nicht frieren. Sprich: sobald die Tage kürzer werden, legen wir los. Und das ist nun mal mitten im Sommer, also jetzt! Manche Menschen unken dann jedes Jahr rum, es würde einen harten Winter geben, weil wir ja schon Winterfell bekommen. Mein Mädchen muss dann immer lachen, weil sie ja weiß, dass wir das einfach immer so machen. Wir wissen genauso wenig wie ihr, wie der Winter wird. Jedenfalls kälter als der Sommer, so viel steht fest. Und wenn wir nachher auch bei Wind und Regen draußen sein wollen – und das wollen wir! – dann müssen wir Ponys uns rüsten. Mancher Araber spart sich das und verbringt den Winter im Unterstand, aber das wäre mir ja zu langweilig. Deswegen mache ich Winterfell. Und als waschechter Schotte mache ich sogar ein ganz besonders gutes Winterfell. In meiner genetischen Heimat ist es nämlich immer sehr windig, kalt und regnerisch und da haben wir Ponys uns angewöhnt, den winddichten Regenmantel gleich mit einzubauen und ein zweischichtiges Winterfell erfunden. Warme Unterwolle (Unterwäsche quasi) und raues, langes Deckhaar oben drüber. Da bleibt es immer warm und trocken auf der Haut, wie schottisch das Wetter auch sein mag!

So und weil ich ja Schimmel bin, ändere ich mit jedem Fellwechsel ein bisschen meine Farbe (bis ich irgendwann schneeweiß bin wie Merlin). Diesmal hab ich mir ganz was besonderes überlegt! Mein Mädchen war ganz aus dem Häuschen als sie das gesehen hat und hat versucht, es zu fotografieren (ging aber nicht so gut, sieht in Wirklichkeit irgendwie anders aus). Ich habe mir nämlich jetzt ein paar silberne Haare zugelegt! Als sie gestern in den Stall geschaut hat, da haben die richtig geglitzert im Sonnenlicht. Totschick ist das, sage ich euch!

In Wirklichkeit sieht das viel schöner aus, aber es war schwer zu fotografieren

Passend dazu, dass wir mit Winterfell anfangen, wird es dann nächste Woche richtig heiß. So ist das jedes Jahr, aber auch das sind wir Ponys schon gewöhnt…. Mein Mädchen und ich träumen derweil weiter vom Herbst.

Euer umrüstender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 272

Das Wetter ist heute super – windig und kühl – und also sind wir endlich mal wieder „richtig“ ausreiten gegangen. Mit der Wackelkiste los in das schöne Gelände wo ich mein Mädchen zum ersten Mal getragen habe. Da haben wir uns an den Frühling erinnert und gemerkt, wie weit wir seit dem gekommen sind! Wir waren alle sehr gut gelaunt und haben uns einfach eine schöne Zeit gemacht – ohne Hektik, ohne Stress. Zwischendurch hat mein Mädchen ein bisschen mit mir geübt, was sie mir auf dem Reitplatz gezeigt hat, nämlich dass ich meinen Kopf ein bisschen nach rechts oder links nehme, nur so eben. Das konnte ich schon voll gut. Außerdem hat sie mir gezeigt, dass ich viel besser laufen kann, wenn ich den Kopf ein bisschen höher nehme. Sonst laufe ich so in den Boden rein, sagt sie. Und tatsächlich hat sie recht! Da hab ich doch wieder was gelernt. Obwohl man ja dann auch mit der Nase weiter weg ist vom Gras, aber irgendwas ist ja immer.

Mein Mädchen war jedenfalls seeeeeeehr zufrieden mit mir, weil ich das alles so fein gemacht habe.

Als wir wieder zu hause waren, hat sie noch meine Dehnübungen mit mir gemacht. Gestern war nämlich wieder Osteopathie angesagt für mich, weil meine Hüfte ganz schief war. Die hat sich wohl beim Wachsen wieder verzogen oder vielleicht habe ich heimlich Quatsch gemacht und bin auf die Nase gefallen, das verrate ich aber nicht. Deswegen hat es auch auf dem Reitplatz nicht klappen wollen mit dem rechts abbiegen, sagt der Mann. Jedenfalls hat mein Mädchen sich geniert, weil sie nicht genug Dehnübungen mit mir gemacht hat, obwohl sie ja weiß, dass sie das machen soll. Tssssstssstsss. Das linke Hinterbein dehnt sie mir nach hinten unten, das rechte nach vorne oben. Das muss jetzt wieder regelmäßig sein! Ich find’s gut. Das ist ganz angenehm, da kann ich mich so rein sinken lassen. Und weil ich das so mag, bin ich dann nach der Übung einfach noch einen Moment so stehen geblieben und hab die linke Beckenseite geschmeidig hängen lassen. Das fand mein Mädchen gut und der Haus- und Hof-Osteopath auch.

Gaaaanz entspannt so stehen bleiben – kann ich und tut mir gut.

Was mein Mädchen auch super fand: sie konnte endlich ihren neuen Sattelwagen mal so richtig testen. Da ist alles drauf, was wir brauchen: der Sattel, die Steigbügel, die Weste, der Helm, die Reitertasche, die Chaps, Schwabbel und natürlich Satteldecke, Gurt und meine Zebrarüstung. Anstatt alles einzeln zum Auto zu schleppen, kann sie jetzt ihr ganzes Zeug einfach da hin fahren und vom Wagen ins Auto schmeißen. Und auf dem Rückweg natürlich genauso, nur umgekehrt: alles auf den Wagen und den nur fix in die Sattelkammer schieben. Da hat sie sich doll gefreut, wie komfortabel das doch ist.

Alles in einem Rutsch – das macht mein Mädchen froh!

Also: ein rundum gelungener Sonntag! Ich hoffe, ihr hattet es auch so fein wie wir, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Seine Sprache

Manche Ausbilder behaupten ja von sich, sie sprächen „die Pferdesprache“. Na gut. Ich spreche Deutsch als Muttersprache und trotzdem verstehe ich oft nicht, was Menschen sagen. Ich persönlich finde Sprache extrem unzulänglich um komplexe Dinge wie Gefühle und Gedanken wirklich auszudrücken. Für mich ist Sprache oft eine Ansammlung von Missverständnissen, die man mit mehr missverständlichen Worten ausräumen möchte. Ich bin vielleicht an der Stelle empfindlicher, weil ich vieles, was andere von Natur aus zu können scheinen, mühsam lernen musste. Ich habe Jahre gebraucht um einigermaßen klar zu kriegen, was Leute meinen könnten, wenn sie dies oder jenes sagen. Und umgekehrt stelle ich fest, dass viele Menschen nicht verstehen, was ich meine – obwohl ich mir Mühe gegeben habe mich klar auszudrücken.

Nun kommt also jemand und sagt er spricht „die Pferdesprache“ und da muss ich kichern. Denn ich glaube nicht, dass es „die Pferdesprache“ gibt. Ein Warmblut kommuniziert anders als ein Spanier und ein Araber unterscheidet sich auch in seiner Sprache deutlich vom Shetlandpony. Klar, es gibt wohl mehr Überschneidungen als zwischen Deutsch und Chinesisch, immerhin können die Pferde sich grob verständigen wenn sie aufeinander treffen. Aber ob sie sich wirklich verstehen hängt davon ab, wie viel Zeit sie miteinander verbringen und wie sehr sie interessiert sind an gemeinsamer Kommunikation. Und jemanden verstehen ist ja auch so viel weniger als ein Gespräch dann auch als angenehm zu empfinden. Klar kann ich mit jemandem über das Wetter sprechen und wir können uns darüber unterhalten wer es lieber sonnig mag und wer lieber kühl. Sinnstiftend ist das eher selten und meistens führe ich so ein Gespräch eher aus Höflichkeit (oder Verzweiflung) weil ich mit der Person einfach nicht über das sprechen kann, was mir wichtig ist.

Jetzt können wir behaupten, dass es unter Pferden eher essentieller zu geht „steh mir nicht im Weg“, „das ist mein Heu“ oder „wollen wir Fellkraulen?“ aber ich bin überzeugt, dass es auch hier einen Unterschied im Wohlgefühl macht, ob die Pferde leicht und natürlich kommunizieren können (z.B. in ihrer vertrauten Herde) oder ob sie sich mit einem fremden Pferd verständigen, dessen Antwort sie vielleicht nicht ganz einschätzen können und von dem sie nicht wissen, wie es reagiert.

Als Duncan hier einzog, musste er mühsam die Sprache bzw die Gepflogenheiten der Ponys hier erlernen. Inzwischen können wir beobachten, wie er mit seinem Charakter dazu beiträgt, dass die Kommunikation in der Herde sich verändert. Neulich zum Beispiel standen alle Pferde im Stall. Caruso ging allein raus. Mitten auf dem Paddock bleibt er plötzlich stehen und wiehert. Aus dem Stall kommt Antwort – von Duncan. Einige Minuten später kommt Duncan heraus und geht zu Caruso, der im Paddock gewartet hat. Vielleicht bedeutete Duncans Wiehern „ich komme gleich, ich möchte nur noch diese letzten Heuhalme verputzen“. Die beiden ziehen gemeinsam weiter. So ein Verhalten habe ich in unserer Herde bisher nie beobachtet – dass einer den anderen ruft, der andere dann auch antwortet und eine Verabredung entsteht, das kenne ich nicht. Ich weiß aber, dass Duncan öfter mal wiehert, vor allem in Richtung Nachbarn. Und ich weiß fast nie, wen genau er damit meint und was es bedeutet, denn oft passiert danach nichts. Sagen wir: nichts, was ich mitkriegen würde. Ich höre keine Antwort und Duncan macht einfach weiter mit dem was er davor auch getan hat.

Manchmal passiert aber doch etwas. Wenn beim Nachbarn ein Pferd weg geht und das andere einsam zurück bleibt und wiehernd herum galoppiert, dann ist Duncan der einzige von unseren Jungs, den das (manchmal) interessiert. Dann läuft er zur Grundstücksgrenze, wiehert und galoppiert ein bisschen mit, um dann abrupt stehen zu bleiben und zu fressen. Vielleicht wiehert er nochmal kurz, aber die Aufregung, die vor ein paar Sekunden herrschte, ist plötzlich verpufft, obwohl das Spektakel auf der anderen Seite des Zauns weiter geht.

Mein Duncan – dem man seine Laune eigentlich drei Meilen gegen den Wind ansieht – stellt mich noch manches Mal vor Rätsel. Was will er mir sagen, was will er den anderen sagen? Aber die anderen scheinen ihn ja zu verstehen. Im Laufe der Zeit habe ich heraus gefunden, dass Duncan viel über Blicke kommuniziert. Die Art, wie er mich anschaut, wie er seinen Kopf bewegt, wie seine Augen geformt sind und wie er blinzelt, hat eine große Bedeutung und scheint sich bei ihm mehr zu verändern als bei den anderen Ponys. Aber ich brauche wohl noch mehr Zeit um das endgültig zu entschlüsseln.

Wenn ich mit Schülerpferden arbeite, brauche ich manchmal eine Übersetzung durch den Menschen. Denn zur Muttersprache „Pferdesprache“ kommt ja bei unseren Pferden noch eine erlernte Sprache dazu und beides kann sich munter mischen. Wenn Duncan weg schaut, dann heißt das eben nicht, dass er kein Interesse hat, sondern es ist seine Art, um einen Keks zu bitten – weil er das von mir gelernt hat. Das ist aber keine Pferdesprache. Vielleicht ist es das, was es so extra kompliziert macht. Es erinnert mich an ein Geschwisterpaar bei dem ich mal zum Babysitten war. Die beiden wurden zweisprachig erzogen, Deutsch und Englisch. Und ich hatte Stress, denn die Kinder wechselten die Sprache unglaublich schnell, so dass mein Gehirn oft so lange brauchte um herauszufinden, welche Sprache das ist, dass die Situation längst vorbei war, als ich endlich wusste, was gesprochen wurde.

Jedes Pferd-Mensch-Paar entwickelt seine eigene Kommunikation. Aber oft bleiben Dinge auch über Jahre unklar – in die eine, wie auch in die andere Richtung. Menschen wird oft gesagt, ihr Pferd sei „dominant“ oder „stur“ obwohl das Pferd nur etwas falsch verstanden hat. Pferde hingegen bringen ihren Menschen oft bei, sich auf bestimmte Arten zu verhalten ohne dass die Menschen es merken. „Gib mir sofort den Keks!“ funktioniert oft erstaunlich gut und Menschen merken gar nicht, wie sie sich anrüpeln lassen und dass sie ihrem Pferd beigebracht haben, dass das ein normaler Umgangston ist.

Überhaupt: der Umgangston. Da Pferde fast immer ohne Laute kommunizieren, äußert sich der Umgangston eher in Gesten: wer fasst wann wen an und wer dringt in den Raum des anderen ein? Wie gut beachte ich die kleinen Signale meines Pferdes? Duncan zum Beispiel will fast nie gekrault oder gekratzt werden. Im Fellwechsel hat er dann aber doch mal eine „Genusslippe“ gemacht, als ich mit der Bürste über seinen Hals ging und ich dachte, er will da mal tüchtig gekratzt werden. Aber als ich dann den Gummistriegel nahm, erntete ich einen sichtlich empörten Blick: das war ihm viel zu doll! Bitte nur mit der Bürste, mit schönen, langen Strichen, das wollte er!

Ganz oft müssen wir es einfach ausprobieren um es heraus zu finden. Wild drauf los raten, was unser Pferd meinen und wollen könnte, Hypothesen aufstellen und überprüfen. Und wenn uns das schwierig erscheint, dürfen wir uns daran erinnern, dass es den Pferden so oft genauso geht mit uns. Auch unsere Pferde müssen oft raten und sie müssen raten dürfen, um heraus zu finden, worum wir sie da gerade bitten. Und mit ein bisschen Geduld und Spucke von beiden Seiten wird daraus nach und nach eine gemeinsame Sprache.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 271

Gestern haben wir wieder ein bisschen auf dem Platz geübt. Ganz fein hab ich das gemacht, sagt mein Mädchen. Aber sie hat auch gesagt, ich hätte Pubertät und mein Teenager-Gehirn bräuchte dringend mal wieder Input, am besten in Form eines Ausflugs. Und dass sie eine Idee hat.

Heute morgen haben die Menschen dann die Wackelkiste vorbereitet. Ich stand am Stalltor und hab das genau gesehen. Mein Mädchen meinte, ich sähe schon aus wie die Grinsekatze. Meine Laune ist fix angestiegen als ich das gesehen habe! Wusste ich doch, dass wir jetzt endlich mal wieder was erleben! Und schon ging es los. Es war mal wieder „Anti-Romantik“ angesagt. Schön an der Autobahn lang. Mir aber egal. Dann sind wir an Rinderweiden vorbei gekommen. Rechts und links direkt am Weg standen die und die eine hat voll laut gemuht! Das fand ich sehr merkwürdig und mein Mädchen ist dann lieber abgestiegen und hat mir von unten geholfen, das durch zu stehen. Kurze Zeit später waren wir dann am Ziel unserer Reise. Mein alter Feind: die Autobahnbrücke! Aber was soll ich euch sagen: bin jetzt Vollprofi. Mein Mädchen findet Autobahnbrücken richtig blöde, aber sie sagt, wir müssen das können. Mögen müssen wir es nicht, aber können. Und ich kann. Vor allem wenn derart viele Kekse im Spiel sind! Kekse besiegen nämlich Monster. Isso. Also wir todesmutig über die Brücke, dann noch ein paar Meter weiter zu einer kleinen Brücke über einen kleinen Fluß und dann wieder umgedreht. Wieder todesmutig über die Autobahnbrücke. Fotos gibt es davon keine, weil der Mann seine ganze Aufmerksamkeit auf mein Mädchen gerichtet hat, damit die weiter atmet. Ich kann allein atmen, da muss keiner auf mich aufpassen.

Dann noch an den Rindern vorbei – diesmal ist der Mann mit mir gegangen, weil mein Mädchen ihn noch um Rat gefragt hatte wie es mit dem Führen besser klappen kann. Ich durfte direkt neben den Rindern stehen und Gras essen. Nachher sind sie noch ein Stück hinter uns her gelaufen, aber ich fand das nicht mehr schlimm.

Hallo Kuh, bist du freundlich?

Noch etwas weiter haben wir einen komischen Holzboden erkundet, der da so im Feld herum lag. Und schließlich waren wir wieder an der Wackelkiste und sind nach hause gefahren. Ein schönes Abenteuer! Romantisch war es halt nicht, aber wir haben gut geübt, sagt mein Mädchen. Und sie war sehr zufrieden mit mir!

Komischen Holzboden erkunden.

Euer autobahnbrückenfester Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 270

Es ist wieder mal Klettenzeit! Zum Glück habe ich ja meinen eigenen Coiffeur. Der hat morgens beim Reinholen gesehen, was da passiert war und hat das Problem gelöst.

Oha!
Alles wieder glatt gebürstet

Dann hat er meinem Mädchen die Kletten im Tupper gereicht. Aber was soll ich sagen? Mein Mädchen hat sich bedankt und dann verpeilt, die Kletten von der Weide zu entfernen. So sah ich am nächsten Tag genauso aus! Diesmal hat sie es selbst raus gemacht. Mit viel fluchen über ihre eigene Doofheit, aber auch vielen Keksen für mich, weil ich sooooo geduldig bin. Dann ist sie auf die Weide marschiert und hat den Kletten den Garaus gemacht. Jetzt ist Ruhe. Wollen wir schon mal wetten ob sie es nächstes Jahr wieder verschusselt, die Dinger rechtzeitig weg zu machen?

Geschenk für mein Mädchen!

Aber jetzt ist eh Schluss mit der Abenteuer- Wiese. Die haben wir leer gefuttert. Morgen kommen wir auf ein neues Stück, da sind auch keine Kletten. Aber halt auch kein Abenteuer.

Ich hoffe übrigens immer noch, dass bald wieder Ausflugswetter ist! Drückt mir die Daumen dass es morgen wieder klappt!

Euer verkletteter Sir Duncan dhu of Nakel

Vertrauen (2)

(Die Überschrift war schon vergeben, aber mir ist keine neue eingefallen)

Bald wird mein Duncan 4 Jahre alt und im Herbst werden wir 3 Jahre gemeinsam verbracht haben. Noch immer ist er kein echtes Verlasspferd, er ist noch mit sich und dem erwachsenwerden beschäftigt und das ist ja auch ganz normal. Aber wir sind auf dem Weg, ein gutes Team zu werden. Nach und nach schenke ich ihm mehr Vertrauen. Manchmal muss ich mich dazu zwingen: Strick oder Zügel lang und ihn machen lassen. Ich habe dazu dieses wunderbare Zitat gefunden und werde es mir gut merken:

Der beste Weg herauszufinden, ob man jemandem vertrauen kann, ist ihm zu vertrauen.“ — Ernest Hemingway

Aber was ist das eigentlich, dieses mysteriöse Vertrauen? Der Wikipedia-Artikel dazu fängt so an:

Vertrauen bezeichnet eine bestimmte Art von subjektiver, auch emotional gefärbter, Überzeugung, nach der man sein Verhalten einrichtet.“ Meine Überzeugung ist, dass ich Duncan in bestimmten Situationen vertrauen kann, aber meine Überzeugung ist auch, dass ich ihm vertrauen MUSS. Denn wenn ich verkrampft mit kurzen Zügeln auf seinem Rücken sitze, wird er sich unwohl fühlen. Er wird schreckhafter werden und die Wahrscheinlichkeit, dass er eine blöde Entscheidung trifft, wird steigen. Lasse ich aber den Zügel lang und atme gut, dann hat er die Chance, gute Entscheidungen zu treffen und mein Vertrauen zu bestätigen. Sollte er meinen, plötzlich los rennen zu müssen, werde ich im Zweifel auch besser damit klar kommen, wenn ich vorher entspannt war, als wenn ich vorher schon nicht im Schwerpunkt gesessen habe. Wenn mein Vertrauen nicht groß genug ist um den Zügel lang zu lassen, steige ich besser ab.

Manche Pferdebesitzer glauben, wenn ihr Pferd ihnen vertraut, wird es sich vor nichts mehr fürchten. Ich denke dann an meine Freundin und die große Heuschrecke, die auf dem Autofenster saß. Meine Freundin konnte nicht aussteigen. Hatte sie zu wenig Vertrauen zu mir? Ich habe ihr doch gesagt, dass die Heuschrecke ihr nichts tut! Aber das weiß sie ja selbst. Trotzdem brachte sie es nicht fertig, aus zu steigen. Ich bin dann ausgestiegen und habe die Heuschrecke vom Auto gepflückt. Mittels Besen, denn ich mag dieses Gehüpfe auch nicht so wahnsinnig gern. Angst ist nicht rational. Ich weiß nicht, wie es meiner Freundin geht, aber ich habe natürlich keine Angst davor, dass die Heuschrecke mir etwas tut (das kann sie ja gar nicht), sondern tatsächlich habe ich „Angst“ und etwas Ekel vor den überraschenden Bewegungen des Tieres. Die Vorstellung, sie könnte in meinem Ausschnitt landen, finde ich nicht erheiternd. Es ist die selbe „Angst“ die ich immer hatte, wenn ich unseren alten Rasenmäher gestartet habe – der hat nämlich gern mal den Dienst mit einer saftigen Fehlzündung angetreten und der Schreck fuhr mir immer durch Mark und Bein (obwohl ich es ja wusste). Also habe ich mir immer die Ohren zugehalten beim Starten. Eine solche Angst geht mit Vertrauen nicht weg und da wird es Pferden nicht anders gehen, nehme ich an. Wenn mein Pferd mir vertrauen soll, dann darf ich Rücksicht nehmen. So wie ich für meine Freundin die Heuschrecke entferne, so darf ich meinem Pferd etwas ersparen, wovor es sich fürchtet (wenn ich es ihm ersparen kann. Sonst darf ich alles in meiner Macht stehende tun, um ihm die Furcht zu nehmen und die Situation zu erleichtern).

Auch umgekehrt habe ich es aber schon erlebt: Pferde nehmen Rücksicht auf unsere Ängste. Besonders auf einem Kurs mit Elsa durfte ich ein Pferd-Mensch-Paar beobachten bei dem eindeutig das Pferd lernte, bestimmte Dinge nicht mehr zu tun, weil der Mensch ängstlich darauf reagierte. Ich war sehr gerührt zu sehen, wie das Pferd ganz vorsichtig mit der ängstlichen Person umging, die es vor 4 Tagen zum ersten Mal getroffen hatte. Dieses Pferd hat – im Gegensatz zu vielen Pferdebesitzern – verstanden, wie Vertrauen funktioniert. Es hat nicht gesagt „vertrau mir, ich tu dir nix“, sondern es hat sich so verhalten, dass der Mensch sich nicht gefürchtet hat und so war das Vertrauen die FOLGE davon.

Und ich glaube, meine kleiner Duncan fängt nach und nach an, auch das zu verstehen: wann fürchtet mein Mädchen sich und wie soll ich mich verhalten damit das nicht passiert. Niemand will, dass ein Freund sich fürchtet. Vielleicht können wir da öfter mal dran denken, wenn wir von unserem Pferd Vertrauen „verlangen“. Ängste besiegen und die Komfortzone erweitern ist so viel leichter, wenn uns jemand beisteht, bei dem wir darauf vertrauen können, dass er uns nicht überfordert. Und so viele Pferde haben Ernest Hemingways Rat schon befolgt: sie haben vertraut – und herausgefunden ob ihr Gegenüber das verdient hatte. Die Antwort fällt öfter negativ aus als man denkt, denn „knapp überlebt“ ist fürs Pferd eben genau das Gegenteil von „oh ist ja nix passiert“. „Knapp überlebt“ heißt „besser nie wieder in diese Situation kommen, vielleicht geht es nächstes Mal nicht so glimpflich aus“. Und wenn wir unser Pferd dann wieder und wieder in so eine Situation bringen (in dem Glauben, wir würden dem Pferd beibringen das „nix schlimmes passiert“) dann verspielen wir Vertrauen anstatt es zu gewinnen.

Wer selbst wenig Angst hat, dem fällt es manchmal schwer, ängstliche Menschen oder Tiere zu verstehen. Wenn ich einer Angst begegne, die ich nicht nachfühlen kann – sei es beim Menschen oder beim Pferd – dann erinnere ich mich daran, dass ich auch andere Gefühle nicht nachvollziehen kann und sie trotzdem nicht in Zweifel ziehe. Wenn jemand mir sagt, er fährt gern in den Süden in Urlaub und liegt bei 40 Grad am Strand sage ich ja auch nicht „das bildest du dir nur ein, das ist doch gar nicht schön“ nur weil ICH das schrecklich finden würde. Wenn jemand gern Musik hört, die ich gruselig finde, glaube ich demjenigen ja auch, dass es ihm gefällt. Warum soll ich also eine Angst in Frage stellen, nur weil sie nicht „sinnvoll“ oder „real“ ist? Meinem Pferd glaube ich unbesehen, dass es sehr, sehr gern Gras frisst, obwohl ich diesen Genuss nicht nachvollziehen kann. Ebenso kann ich ihm glauben, dass es diese Plastiktüte unfassbar angsteinflößend findet obwohl ich sie für völlig ungefährlich halte. Ich erkenne die Gefühle meines Pferdes an, so wie sie sind. Und dann – aber auch erst dann – kann ich überlegen, wie ich helfen kann und wie ich mich verhalten darf, damit mein Pferd vielleicht nach und nach die Angst vor der Plastiktüte verliert und mich als vertrauenswürdige Person ansieht.