Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 267

Unsere erste selbstgesäte Sonnenblume blüht! Ihr wisst schon, die um die der Mann so liebevoll mit der Treckerschaufel herum-gearbeitet hat. Neben der Sonnenblume hat mein Mädchen Zucchinipflanzen untergebracht. Unser Mist ist wirklich für allerhand zu gebrauchen, scheint mir! Im Herbst wird mit dem alten Mist vom letzten Jahr unsere Weide gedüngt, das weiß ich ja. Aber dass da auch so schöne Sonnenblumen drauf wachsen und auch noch leckeres Gemüse für die Menschen, das wusste ich nicht! Mein Mädchen sagt, wenn sie die ersten Zucchini erntet, darf ich auch mal ein Stück davon probieren. Ob das nach Pferdeäppeln schmeckt? Würde mich nicht stören, ich wühle auch so gern mal in fremden Haufen. Das riecht immer so interessant!

Unsere Sonnenblume! Echt Pony-gesät.
Die Zucchini auf dem Mist

Für uns gab es heute mal wieder „Öko-Frühstück„. Der Mann hat den Sensen-Mann gemacht und gaaaaaanz viele Brennnesseln von der Abenteuerweide runter gesenst. Jetzt ist sie gar nicht mehr so abenteuerlich. Einen Teil der Brennnesseln hat mein Mädchen dann statt Heu serviert. Wir Ponys klauben dann erst mal die Grashalme dazwischen raus. Dann warten wir ab, so nach und nach trocknen die Brennnesseln und werden dann immer leckerer.

Der Sensen- Mann!
Vorher
Nachher

Den größten Teil der geernteten Brennnesseln hat mein Mädchen aber zum trocknen ausgelegt. Das heißt, in den nächsten Tagen werden wir wohl immer mal damit rechnen müssen, dass es statt Heu nur Reste-Essen gibt. Mein Mädchen meint, das würde uns gar nicht schaden, denn Diego, Gatsby und auch ich sind ganz schön rund geworden. Na hör mal, Mädchen, das ist dringend benötigter Winterspeck! Nein, sagt sie, hier braucht man so was nicht, weil sie uns ja auch im Winter genug zu essen gibt. Von wegen! Knauserig ist sie – das ganze Jahr über. Angeblich natürlich nur zu unserem besten. Nur der alte Merlin, der zieht sich einen Eimer Futter nach dem anderen rein. Wenn ich das sehe freue ich mich schon aufs alt-werden!

Macht Euch einen schönen Sonntag, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 266

Sommer, Sommer, Sommer! Diesen Sommer mögen mein Mädchen und ich ganz gern, weil es nicht so warm ist (zumindest hier bei uns). Mein Mädchen sagt, das Wetter könnte gern einen Hauch zuverlässiger sein, aber lieber so als wenn es wieder so heiß ist. Das mögen wir beide nicht, dann hängen wir schlapp in der Ecke. Leider ist ja jetzt Bremsen-Zeit, das dauert noch ein paar Wochen, bis die Mistviecher wieder weg sind. Wenn ich gut eingesprüht bin, ist das aber auch mal ok für eine kleine Runde auf dem Platz. Nur Ausreiten waren wir jetzt schon ewig nicht! Allerdings bin ich auch so ganz zufrieden und entspannt, weil wir ja 5 Nächte in der Woche auf der Weide sind und das macht mich einfach sehr entspannt (und ein bisschen rund, sagt mein Mädchen). Derzeit sind wir auf der Abenteuerweide! Da ist ein Hügel drauf und der ist ganz zugewuchert mit Büschen. Außerdem sind da so viele Brennnesseln und Disteln, dass man fast nur mit der Machete durch kommt. Mein Mädchen hat neulich erst mal mit der Elektrosense nach dem Zaun gesucht (und ihn tatsächlich gefunden). Am ersten Abend fanden wir diese Wiese etwas gruselig, aber jetzt kennen wir uns da auch aus. Jeden Tag steckt mein Mädchen den Zaun etwas weiter, damit wir etwas neues Gras bekommen. Wobei neu echt das falsche Wort ist, denn das Gras steht da schon so lange rum, dass es eigentlich altes Zeug ist, ganz hart und fast wie Heu. Aber wir suchen uns dazwischen die grünen Halme und Kräuter raus und was uns zu hart ist, lassen wir einfach liegen. Das wird dann, wenn wir mit einem Weidestück fertig sind, runter gemulcht.

Wo geht’s hier denn lang?

Dieses Jahr ist hier so viel Gras dass mein Mädchen davon träumt uns auch im Herbst und Winter noch raus lassen zu können. Das hat sie noch nie gemacht, weil wir dann die Grasnarbe kaputt treten. Aber sie sagt, besonders auf der Abenteuerwiese ist sowieso nicht so viel Gras sondern mehr anderes Zeug und das könnten wir ruhig zertrampeln. Also drückt mir die Daumen, dass der Winter dieses Jahr spannender wird!

Erst mal einen Trampelpfad machen.
Das grüne haben wir weg geknabbert, das lange harte lassen wir liegen

Aber vor dem Winter kommt der Sommer und der ist jetzt. Und während wir den Bremsen ausweichen, träumt mein Mädchen vom Herbst und sagt, dieses Jahr ist es endlich so weit, dass wir beide durch den verregneten Herbstwald rascheln können – also das konnten wir ja die vergangenen Jahre auch, aber da musste sie ja noch laufen. Jetzt kann ich sie tragen und das macht ihr so viel mehr Spaß (mir auch, weil ich dann mein Tempo gehen kann). Darauf freut sie sich und so lange halten wir aus, dass draußen nicht so viel geht.

Euer sommerlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Momente

Da, ein guter Moment! Ich gehe kurz mit Duncan in Harmonie, nehme einen Atemzug, dann beschäftige ich mich wieder anderweitig. Ein Atemzug, das ist nicht viel. Ein kleiner Augenblick. Aber ich lerne gerade (wieder), dass viele kleine Momente sich ansammeln zu etwas großem.

Neulich, als ich an der Supermarktkasse nicht so recht wusste, wohin mit meinem verbrauchten Einkaufszettel – Sommerklamotten haben irgendwie doch immer zu wenig Taschen – streckte die Verkäuferin mir ihre Hand entgegen „soll ich das für Sie nehmen?“ und hat meinen Einkaufszettel entsorgt. Nur ein Moment, eine kleine Geste, die mir zeigt, dass sie mich wahr genommen hat. Und an diesen Moment erinnere ich mich, obwohl ich den ganzen Rest vergessen habe: welcher Tag gerade war, was ich eingekauft hatte, was ich an hatte, was ich danach gemacht habe. All das, was uns während des Alltags wichtig erscheint und was nachher verschwindet in den tiefen unseres Gehirns um zu verschwimmen mit all den ähnlichen Tagen und Situationen die völlig bedeutungslos waren. Aber an die Aufmerksamkeit der Kassiererin erinnere ich mich.

Das, was ich meinen Schülern schon so lange predige, dass sie auch den kleinsten Moment nutzen sollen, in dem sie still sein können, Hilfen aussetzen, das Pferd nicht stören, den Moment genießen – selbst wenn völlig klar ist, dass es nicht lange klappen wird, das kommt jetzt zurück zu mir. Elsa hat es für mich auf links gedreht – wie so vieles im Freedom Based Training auf links gedreht wirkt, wenn man es vom Standpunkt des „normalen“ Trainings betrachtet. Anstatt mehr oder weniger krampfhaft zu versuchen, mit Duncan in Harmonie zu sein, mich so zu bewegen wie er, eine optimale Position im optimalen Abstand zu finden wo er mag dass ich da bin, gibt es für mich nur noch Momente. Kurze Augenblicke, dann bin ich auch schon wieder „weg“. Und plötzlich fängt Duncan an, dass was er vorher sehr nervig fand, interessant zu finden. Ich erinnere mich an den Songtext von Herbert Grönemeyer „Deine Liebe klebt“. Mein kleiner Teenager sucht nicht wirklich nach Harmonie, nur ab und zu. Es ist meine Aufgabe, es für ihn interessant zu machen. Im „normalen“ Training ist das einfach, da stelle ich ja die Anforderung und er hat etwas womit er sich auseinandersetzen kann. Aber wenn ich im Paddock auftauche und einfach so mit ihm sein möchte, dann ist da keine Herausforderung. Und so geht es ihm auf die Nerven, dass ich so zuckersüß bin, so gar nicht stören möchte, so gar keine Unterhaltung biete. Und er lässt mich das deutlich wissen, wenn es ihm auf die Nerven geht. Ich beobachte ihn mit den anderen Ponys und stelle fest, dass es mit denen gar nicht anders läuft. Kurze Momente des Friedens, dann muss sich schon wieder kurz mal gehascht werden, um dann wieder völlig einträchtig nebeneinander zu stehen. Die anderen finden das offensichtlich wenig dramatisch, er ist halt der nervige Teenager.

Jetzt ist bei mir der Groschen gefallen und ich drehe die Momente-Suche auf links. Anstatt wie im normalen Training möglichst viele Momente zu suchen, in denen es gut läuft, gebe ich mir jetzt die größte Mühe, Duncan weniger Harmonie zu geben als er will. Die Momente des friedlichen Seins sollen für ihn an Wert gewinnen und das tun sie nicht, wenn es immer zu viele davon gibt.

Arnulf hat mir eine Geschichte von einem Schulfreund erzählt, der anfing, zu rauchen. Sein Vater hatte eine sehr wirksame Methode, damit umzugehen: er lud seinen Sohn zum rauchen ein. Es gab Zigaretten, Zigarren und Pfeife zu rauchen, bis der Sohnemann schließlich über der Kloschüssel hing und danach nie wieder rauchen mochte. Alles, was wir im Überfluss haben, wird mindestens wertlos, wenn nicht gar nervig oder eklig. Sogar ich habe irgendwann genug Schokolade gegessen. Und so ist es eben auch mit Duncan und der Ruhe.

Und während das alles, was ich hier schreibe, erst mal nur fürs Freedom Based Training gilt, experimentiere ich doch auch im normalen Umgang damit. Ich erhöhe wieder mal den Anspruch bis der Keks kommt. Ich will ihn öfter auch mal an die Frustrationsgrenze bringen, weil ich glaube, dass er jetzt besser damit klar kommt und ich will weg von dem Gefühl, dass er ja noch so jung ist und deswegen alles immer ganz einfach sein muss. Als echte „Helikopter-Mutter“ muss ich mich da ganz schön selbst beobachten und bin gefordert, meine Automatismen zu ändern.

Ich suche mal wieder nach dem schmalen Grat in der Mitte zwischen Über- und Unterforderung und ich finde neue Sichtweisen auf diesen Grat oder vielleicht ist diese Mitte aus meiner Perspektive ein bisschen woanders als sie früher war. Vielleicht (ganz bestimmt!) liegt es daran, dass Duncan älter geworden ist, aber sicher liegt es auch an den Pferden, die mir im Kundenkreis begegnen und mir aufzeigen, dass ich da noch mehr experimentieren darf und dass jener schmale Grat für ein einzelnes Pferd noch viel weiter in der einen oder anderen Richtung liegen kann, als ich das bisher vermutet hatte.

Neulich sagte eine Schülerin, sie fände es toll, dass ich so „tagesaktuell“ aufs Pferd schaue und nicht einfach ein Programm durch ziehe. Die Wahrheit ist: ich tue das, weil ich mir nie sicher bin. Weil ich immer auf der Suche bin nach dem richtigen Maß für dieses Pferd. Und weil dann, wenn ich endlich das richtige Maß gefunden habe, das Pferd sich verändert und entwickelt (was ja Ziel der Ausbildung ist!) und wieder alles neu angeschaut werden will. Die vielen Fragezeichen in meinem Kopf, die mir das Leben oft so schwer machen, können eben auch ein Segen sein. Daran halte ich mich fest, wenn ich nun wieder an den kleine Stellschräubchen drehe und während ich Momente finde, in denen ich einen Atemzug mit Duncan zusammen sein kann und mich schon abwende während er noch mehr wollte. So dass er eines Tages so viel mehr davon wollen wird, dass er aktiv danach sucht und das harmonische, friedliche Zusammensein ehrlich genießt – mit Glück nicht nur mit mir, sondern auch mit den anderen Ponys, so dass er einfach ein angenehmer Zeitgenosse ist, mit dem alle gern Zeit verbringen. Schließlich besteht jeder beliebig lange Zeitraum ja auch immer nur aus einzelnen Momenten.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 265

Neulich war mal wieder der Zahnarzt da. Ich mag den, der ist nett. Er hat meine Zähne angeschaut und gesagt, dass alles tiptop ist, bis auf ein paar kleine Haken. Die hat er mir dann fix weg geraspelt, das geht ganz schnell und ist gar nicht schlimm, das kenne ich schon.

Bisschen raspeln, dann passt alles wieder.

Vorne muss ich noch zwei Schneidezähne austauschen, sagt er. Das soll ich so mit viereinhalb Jahren machen, da hab ich noch 7 oder 8 Monate Zeit.

Außerdem hat er mein Stück Extra-Zahnfleisch bewundert. Das ist ein Andenken an meine wilde Jugend! Da hatte ich mich beim Spielen irgendwie verletzt. Wie, das weiß keiner. Und obwohl das Mädchen vom Spaziergehkumpel sich so liebevoll darum gekümmert hat, ist dieser Lappen übrig geblieben. Von unten hab ich neues Zahnfleisch gemacht, aber das alte hängt da seit dem so herum. Mein Mädchen sagt, dass ich dadurch absolut unverkennbar bin und nie geklaut werden kann. Also wirklich – als ob ich nicht sowieso unverkennbar wäre! Und als ob ich mich klauen lassen würde!

Aber zurück zum Thema: der Zahnarzt war da. Und wisst Ihr, was er gesagt hat? Ich wäre sehr, sehr viel erwachsener geworden seit er mich das letzte Mal gesehen hat! Mein Mädchen hat ihm erzählt, dass ich jetzt Reitpony bin, das fand er voll gut. Außerdem hat er mir so einen kleinen Rest Zahnwurzel von einem Milchzahn raus gepult, der hing da noch so rum. Mein Mädchen wollte wissen, ob mich das wohl gestört hat, aber das wusste er auch nicht. Ich habe es bisher nicht verraten aber mein Mädchen sagt, wenn ich jetzt mit dem Gebiss plötzlich viel ruhiger und zufriedener bin, weiß sie Bescheid.

Diego und Caruso wurden auch die Zähne hübsch gemacht. Bei Diego ist immer nur ganz wenig zu tun. Bei Caruso war es diesmal etwas mehr und der fand das gar nicht witzig. Dafür kann er jetzt wieder besser kauen. Gatsby war auch wieder mit dran und hat schon wieder fest gestellt, dass dieser Zahnarzt viel netter ist als die anderen die er bisher kennen gelernt hat.

Und weil der Zahnarzt so nett ist, kocht mein Mädchen ihm immer einen schönen Tee, darüber freut er sich sehr.

Euer frisch gezahnpflegter Sir Duncan dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 263

Weil ausreiten ja nicht so irre viel Spaß gemacht hat, haben wir diesen Dienstag mal was anderes gemacht. Das Mädchen vom Ausreitkumpel hat mal wieder ihr anderes Ich ausgepackt und war unsere gestrenge Fahrlehrmeisterin. Ich bin komplett angeschirrt worden – mit Gebiss und Blendklappen – und dann ging es auf den Reitplatz. Mein Mädchen hat gezeigt wie wir das geübt haben (bisher haben wir es nur einmal mit Gebiss probiert). Dann hat die gestrenge Fahrlehrmeisterin übernommen und mit der ging es noch viel geschmeidiger! Wir müssen eh zusammen auch bisschen üben, weil sie am Anfang diejenige sein wird, die die Leinen führt, wenn ich dann irgendwann wirklich vor der Kutsche laufe. Die kann mir das so toll erklären, da weiß ich gleich präzise wo es lang geht. Mein Mädchen ist manchmal etwas flatterhaft mit den Leinen und dann geraten wir ins Schwanken und ins Schwenken. Also musste mein Mädchen üben, wie sie die Leinen besser führt. Wenn wir es raus hatten, hat die gestrenge Fahrlehrmeisterin immer „gut! Gut!“ gesagt. So sind wir ein paar Kurven und ein paar Slaloms gelaufen und dann waren wir auch schon wieder fertig. Mein Mädchen hat gesagt, ich hätte alles toll gemacht und die einzige die das noch üben muss ist sie. So einfach wie es aussieht ist es nämlich gar nicht! Und ganz anders als reiten, sagt mein Mädchen. Ihr wisst ja, ich bin da pragmatisch: Hauptsache die Keksrate stimmt. Wobei wir da noch experimentieren welche Kekse ich mit Gebiss gut essen kann, da kämpfe ich gelegentlich noch etwas.

Die gestrenge Fahrlehrmeisterin und ich

Euer fast-schon-Fahrpony Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 264

Ich bin ja Schotte, wie ihr wisst. Und die schottische Nationalpflanze ist die Distel. Es gibt mehrere Theorien, wie es dazu kam und ich finde sie alle sehr erheiternd. Schaut mal hier. Auf jeden Fall hat die Distel uns Schotten gegen unsere Feinde geholfen. Nun sind die deutschen Disteln echt harmlos gegen die schottischen, aber sie sind trotzdem stachelig genug, dass mein Mädchen darüber jammert, wenn sie da durch geht um unseren Weidezaun weiter zu stecken. Dabei hat sie doch eine Hose an! Aber sie sagt, die Disteln piksen da durch. Und neulich waren wir auf einem Weidestück wo ein ganzes Distelfeld steht, da hat sie vielleicht gemeckert! Wir Ponys haben keine Einwände. Disteln sind nämlich sehr gesund und vor allem die Blüten sind auch sehr lecker, finden wir. Deswegen knabbern wir mit spitzen Zähnen an den Disteln herum und nagen sie ab.

Hübsch aber stachelig.
Wenn wir mit der Distel fertig sind sieht sie etwas anders aus.

Mein Mädchen ist dann immer fassungslos, wie wir etwas essen mögen, was so dolle pikst. Aber sie freut sich auch, dass wir so einen vielfältigen Speiseplan haben. Und so wie damals die Distel meine schottischen Vorfahren gewarnt hat – weil ein Angreifer beim Anschleichen barfuß drauf getreten ist und einen Schmerzensschrei von sich gegeben hat – so hören wir heute schon am Gejammer meines Mädchens, ob auf dem neuen Weidestück viele Disteln, viele Brennnesseln oder nur Gras und harmlose Kräuter stehen.

Eins steht fest: barfuß wird mein Mädchen nie über die Weide gehen. Und wenn doch, werden wir es sicherlich alsbald hören….

Euer schottischer Sir Duncan Dhu of Nakel

Mein altes Pony

Unfassbare 21 Jahre lang ist mein Merlin jetzt schon bei mir – das ist fast mein halbes Leben. Er kam damals zu mir, nachdem er auf dem Kinder- und Jugendbauernhof ein paar unschöne Verhaltensweisen gezeigt hatte. Ich dachte, wir hätten da was zu üben und gerade zu biegen, aber da war nichts zu üben und nichts gerade zu biegen. Merlin und ich haben uns von Anfang an gut verstanden. Im Laufe der 21 Jahre haben wir manchen verächtlichen Blick und blöden Spruch geerntet. Jeden, der uns blöd kam, habe ich konsequent aus unserem Leben verbannt. Unvergessen vor ein paar Jahren ein Pferdezahnarzt, der meinte, Merlin sei ja schon so alt, der würde ja bestimmt nicht mehr arbeiten. Auf meine Antwort, dass er mehr arbeitet als jedes andere Pferd in unserem Stall kam „was arbeitet der denn, zieht der den Pflug?“ in einem Tonfall als wäre ein Pferd, das einen Pflug zieht, ein „Ackergaul“ im minderwertigsten Sinne. Ich habe uns dann einen anderen Pferdezahnarzt gesucht. Auch mancher Trainer hatte viele kritische Worte für mein schlecht gebautes Pony. Aber mein Zausel hat diejenigen, die sich darauf eingelassen haben, immer überrascht mit dem was er alles kann und anbietet.

Jetzt ist er 29 Jahre alt (das ist gar nicht ganz sicher, aber ich gehe davon aus, dass die Angaben des Verkäufers korrekt waren) und in den letzten Jahren hat er nach und nach abgebaut. Immer mal wieder hatten wir nun schon Phasen, in denen ich ihn nicht geritten bin. Wenn ich ihn geritten bin, dann in 10-15 minütigen Einheiten und nur so wie er es angeboten hat. Derzeit reite ich ihn nicht und es kann sein dass ich mich nie wieder auf seinen Rücken schwinge. Gelegentlich machen wir ein paar Minuten Bodenarbeit. Viele Dinge macht seine Hinterhand nicht mehr mit, er hat Kraft verloren. Alles kein Thema, es geht ihm gut und er fühlt sich offensichtlich wohl. Nur eins macht mir Sorgen: das Aufstehen. Wenn er sein Schläfchen gehalten hat, lässt er sich jetzt immer viel Zeit zum überlegen bevor er aufsteht. Das Aufstehen an sich klappt zwar noch im ersten Anlauf, sieht aber sehr abenteuerlich aus, mit so einem merkwürdigen Sprung nach hinten, den er macht sobald er oben ist. Hier wird ihm sein langer Rücken und das schwere Gebäude zum Nachteil, denn diesen Rumpf hoch zu wuchten ist eine große Anstrengung und ich mache mir Sorgen, dass ihm das vielleicht irgendwann demnächst nicht mehr gelingt. Und wenn dann jener Tag kommt, an dem ich eine Entscheidung treffen muss, dann möchte ich vorbereitet sein und ich möchte vor allem nicht an diesem Tag große Diskussionen starten. Und so hängt jetzt am Medizinschränkchen ein Umschlag mit einem Notfallplan. Es gibt einige Dinge die ich meinem guten alten Pony ersparen würde – eine Notfall-Fahrt in die Klinik zum Beispiel. Oder Boxenhaft wegen einer Verletzung. Genau wie „hochspritzen“ wenn er nicht mehr aufstehen kann. In anderen Fällen muss natürlich abgewogen werden (wie immer) aber ich möchte nicht, dass in einem jener für mich eindeutigen Fälle noch ein großes Programm anläuft. Mein Tierarzt hat eine Kopie dieses Plans und weiß also Bescheid, auch wenn ich vielleicht nicht erreichbar sein sollte. Das gibt mir ein ganz kleines bisschen Kontrolle in einer unkontrollierbaren Situation. Vielleicht ist mein Merlin ja auch noch 3 Jahre hier, aber es ist unwahrscheinlich dass es noch 5 Jahre werden.

Als heute der Pferdezahnarzt da war, schaute er Merlin ins Maul mit den Worten „komm, ist ja alles gut. Ich kann nichts für dich tun, das weißt Du, das weiß ich und das wissen wir alle. Aber ich schaue mal.“ Danach hat er 5 fehlende Backenzähne attestiert und uns geraten, vielleicht nächstes Jahr mal die Gegenspieler zu kürzen. Im Moment ist nichts zu tun und auch dieses kürzen wird natürlich nicht bewirken, dass mein Pony wieder Heu kauen kann. Alter kann man nicht „reparieren“ – ein Umstand den unsere Gesellschaft gern mal leugnet. Und doch haben wir heute gute Möglichkeiten, auch alten, zahnlosen Pferden noch ein gutes Leben zu schenken, wenn sie in der Natur längst dem Hunger zum Opfer gefallen wären.

Aus vorangegangenen Erfahrungen mit meinem alten Pferd und unserem alten Hund weiß ich, dass ich jetzt ein Stück der Trauer vorab durchlebe, Schritt für Schritt und dass dann der Abschied etwas leichter wird. Schwer genug wird er allemal. Und ich hasse dieses Gefühl, zu wissen, dass der Tag in absehbarer Zeit kommt, ohne zu wissen, wann und wie genau. Ich muss aber auch sagen, dass ich seit Finlays Tod dankbar bin, wenn ich eine Ankündigung habe. Ein bisschen Zeit, mich darauf einzurichten. Noch ein paar Mal neben meinem Pony zu stehen und mich zu bedanken für all die schöne Zeit. Ihm noch ausgiebig den Bauch zu kratzen. Ihm jeden seiner Matsche-Eimer mit Liebe zu servieren und mich an seinen Marotten und kleinen Frechheiten zu erfreuen und seine Tüddeligkeit zu belächeln. Und immer schon mal in Erinnerungen zu schwelgen an die wundervolle Zeit die wir zusammen hatten. Ihm zu erzählen, wie viel ich von ihm gelernt habe. Für alle diese Dinge ist jetzt noch etwas Zeit, abseits von meinen Vorstellungen von Ausbildung oder auch nur von muskel-erhaltendem Training wie ich es in den letzten Jahren gemacht habe. Wir machen nur noch das, worauf er gerade Lust hat. Er selbst merkt, dass einige Dinge nicht mehr gehen: auf den Hinterbeinen stehen klappt nicht mehr, auch das Verbeugen geht nur noch ein bisschen. Aber seine Seitengänge und den spanischen Schritt macht er noch gern und abends wenn ich die Weide aufmache, galoppiert er mit den anderen raus.

Besonders dankbar bin ich dafür, dass nicht das passiert ist, was ich anfangs befürchtet habe, nämlich dass Duncan in seinem jugendlichen Übermut den alten Merlin ärgert. Im Gegenteil, selbst wenn sie sich kabbeln ist Duncan immer sehr zart mit dem alten Mann. Anfangs, wenn er es mal übertrieben hat, haben Diego und Gatsby ihn in seine Schranken gewiesen und so weiß Duncan um diese Grenze – und Merlin weiß, bei wem er Hilfe bekommt wenn es ihm zu doll werden sollte. In letzter Zeit ist das aber nicht mehr passiert, denn Duncan akzeptiert Merlins Grenze.

Und so genießen wir die Zeit, die uns bleibt, wie viel es auch sein mag.

Foto: Andrea Wolf von Wolfsmomente

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 262

Erinnert Ihr Euch noch an diesen Beitrag vom letzten Sommer? Und jetzt schaut mal genau hin:

Das war am 16.7.2021

Und so sieht es heute aus, wenn wir beide in der Wackelkiste stehen. Und jetzt, mein Mädchen, behaupte du noch ein einziges Mal, ich würde nicht wachsen!!!

Im Moment wachse ich wohl auch schon wieder, meint mein Mädchen. Aber augenscheinlich nicht in die Höhe, sondern wohl eher in die Breite. Sie vermutet, dass ich wachse, weil sie mich wieder so viel im Liegen schlafen sieht und ich derzeit mal wieder nicht ganz so energetisch unterwegs bin wie normal. Ich fühle mich immer nicht so fit, wenn ich doll wachse. Aber in der Regel ist das auch nach ein paar Tagen wieder vorbei. Mein Mädchen sagt, ich soll bald mal wieder auf die Waage. Damit sie die Ekelpaste richtig dosieren kann. Von der brauche ich nämlich öfter mal was, das scheint noch nicht so zu klappen mit der natürlichen Wurmabwehr – die großen Ponys können das. Naja, wenn es weiter nichts ist.

Im Übrigen hab ich auch voll viele weiße Flecken jetzt, schaut mal!

Mein Mädchen staunt, wie viel mehr weiß ich noch nach dem Ende des Fellwechsels gemacht habe. Da seht ihr Menschen mal, wie wir dauernd unser Haarkleid erneuern und ihr bekommt das gar nicht mit. Ich bin also flotten Schrittes auf dem Weg zum Schimmel. Nein, eigentlich bin ich ja schon ein Schimmel, aber auf dem Weg zum weißen Schimmel. Mein Mädchen sagt, vorher war ich ein schwarzer Schimmel und jetzt bin ich ein Fleckenschimmel. Na besser als ein Schimmelfleck…. Sie ist ganz gespannt, wie es weiter geht mit meiner Farbgebung. Und mit der Wachserei. Und mit der Pubertät. Die reinste Wundertüte bin ich, sagt sie. Und ich denke mir: Du sollst dich ja nicht langweilen, mein Mädchen! Nein, das tut sie nicht. Sie sagt, langweilen kann man sich mit Ponys sowieso nicht.

Eure Wundertüte Sir Duncan dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 261

Heidewitzka, jetzt ist aber Sommer. Was war das heiß am Dienstag! Aber Ausflugstag ist Ausflugstag, also ging es los. Ausreitkumpel abholen und dann hatte mein Mädchen eine Strecke geplant (damit es nicht wieder so lang wird….). Sie dachte, da wären wenig Stechviecher unterwegs aber weit gefehlt! Wir wurden umsummt und umbrummt. Wenn ich meine Zebradecke trage bin ich da ja nicht so empfindlich, aber meinem Ausreitkumpel wurde trotz Decke und Spray ganz blümerant. Also was ist die Lösung: traben. Leider war der Boden richtig blöde aber wir haben es trotzdem durch gezogen. Mir war warm und mein Mädchen war unsicher ob ich so viel traben mag. Wir haben dann versucht, möglichst schnell zu einem Stück zu kommen wo nicht so viele Fliegviecher sind. Dort sind unsere Mädchen zu Fuß gegangen. Und dann haben wir die Abkürzung genommen und sind auf schnellstem Wege – also wieder im Trab über die blöden Steine – zurück zur Wackelkiste.

Also: ein schöner Ausflug war das nicht. Ich trabe ja gern aber es war mir zu heiß und zu steinig. Mein Mädchen sagt, gegen heiß kann sie nichts machen aber gegen die Steine schon – ich bekomme jetzt Einlagen in meine Hufschuhe. Normalerweise teilt sie es ja so ein dass wir auf fiesen Böden nicht traben, aber wie man sieht ist das manchmal schwierig und damit meine Füße nicht weh tun, gibt es jetzt extra Polster. Außerdem will sie versuchen, mir eine Fliegenmaske aufzusetzen beim reiten. Es ist nämlich so, dass die blöden Bremsen genau wissen, wo mein langer, schöner Schopf mir Schutz gibt und wo nicht. Die saßen immer direkt unter meinem Ohr! Mistviecher. Also wieder das Equipment aufpimpen. Und nach Wegen suchen, die noch reitbar sind zur Bremsenzeit. War das letztes Jahr eigentlich auch so schlimm? Kann ich mich gar nicht dran erinnern.

Gegen die Hitze, sagt mein Mädchen, hilft nur üben. Wenn wir später auf Distanzritt wollen, können wir uns das Wetter auch nicht aussuchen. Aber wenn wir bei jedem Wetter reiten sind wir nachher auch bei jedem Wetter fit. Als wir dann zu hause waren, hat sie meinen Puls gemessen. Das können wir jetzt schon ganz gut. Mein Job ist stillstehen und mein Herz laut schlagen lassen damit sie es gut hört. Ihr Job ist, mir das Stethoskop an die Rippen zu drücken, zu lauschen, auf die Uhr zu schauen und zu zählen. 48 Schläge pro Minute hat sie gezählt. (Voll lustig ist übrigens, wenn sie mir vorher einen Keks gibt und mein Kauen ganz laut hört während sie Herzschläge zählt. Man hat die sich über das Geräusch erschreckt!) Dann hat sie mich abgeduscht und nochmal gezählt, da waren es noch 44 Schläge. Bei der Wärme fand ich duschen ok. Sonst bin ich da ja nicht so ein Fan von, deswegen machen wir es nicht oft. 1 Stunde später, als es auf die Weide ging, hat sie gleich nochmal gemessen, da waren es noch 40 Schläge. Mein Mädchen möchte jetzt langsam raus kriegen wie meine Erholung so funktioniert. Wahrscheinlich will sie jetzt auch wieder dauernd Ruhepuls messen und schauen ob der sich verändert hat – weil ich ja gewachsen bin. Letztes Jahr war der bei 36, aber vielleicht geht er noch runter, sagt sie. Ich finde das Stillstehen ja blöde, aber so lange die Keksrate stimmt…. Na jedenfalls hat sie sich natürlich Sorgen gemacht, dass mir das viele getrabe zu doll war. Das Mädchen vom Ausreitkumpel war aber der Meinung, wenn ich nebenbei noch förstern kann und den Ausreitkumpel kneifen, dann kann ich wohl noch nicht so müde sein. Oh, da habe ich mich verraten!

Als es abends auf die Weide ging hab ich gedacht ich mache meinem Mädchen schnell das schlechte Gewissen weg und zeige ihr, dass ich nicht müde bin. Und schon war es wieder Merlin, der ihr Mitleid bekam, weil ich ihn geärgert habe. So schnell kann sich das Blatt wenden….

Kumpel ärgern geht immer!

Lasst euch nicht aussaugen, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan dhu of Nakel

Gefühle

Duncan rast im vollen Galopp über unseren Sommerreitplatz. Die Doppellongen wehen hinter ihm her, er ist in Panik. Ich rede beruhigend auf ihn ein und bete, dass er den Zaun wahrnimmt und rechtzeitig abdreht. Das tut er zum Glück und kommt nach ein paar Runden am Ausgang zum Stehen, rast aber wieder los bevor ich bei ihm bin. Nach weiteren zwei Runden stürzt er auf die Seite, rappelt sich wieder hoch und bleibt dann zitternd am Ausgang stehen. Diesmal bin ich näher dran, kann ihn einsammeln und mich entschuldigen. Wir waren lange nicht hier oben auf unserem abgezäunten Stück Wiese und ich hatte unterschätzt wie viele Bremsen und andere blutdurstige Tiere uns hier auflauern. Als ich es bemerkt hatte, dachte ich „bisschen Trab und dann gehen wir wieder“. Links herum war auch alles perfekt, dann kurz Pause. Und da hätte ich es wissen sollen, denn Duncan hat in der Pause kein Gras genascht,sondern meine Nähe gesucht und mich komisch angeschaut. Was er NICHT getan hat: doll mit dem Schweif schlagen, den Kopf schütteln oder sich unter den Bauch hauen, was mir deutlich gemacht hätte, wie schlimm er die Überfälle der Insekten findet. Statt dessen dieser Blick. Ich sage „komm, eine Runde rechts herum, im Trab geht es doch.“ Und kurz danach geht er mir durch. Es scheint seine einzige Option gewesen zu sein.

Gefühle sind im Moment sein Ding. Sie überwältigen ihn anscheinend einfach und er kann sie nicht managen. In einem Augenblick ist er sehr ruhig, im nächsten wieder flott und aufgeregt, oft ohne für mich ersichtlichen Grund. Häufig habe ich das Gefühl, er versucht viel zu lange, alles zu unterdrücken und explodiert dann. Und ich sehe viel zu spät, wie lange er schon mit sich kämpft. Schwierige Zeiten sind das und ich bin oft frustriert. Jedes dieser Erlebnisse – das Steigen auf dem Trailplatz und das Durchgehen auf dem Reitplatz – bleibt in mir haften, weil ich zwar die Ursache im Nachhinein erkenne aber befürchte, beim nächsten Mal wieder was zu verpassen. So beobachte ich ihn mit Argusaugen, werde aber nicht recht schlau aus seinem Verhalten. „Er ist komisch“ ist oft alles, was bei mir ankommt. Ich denke an Finlay, dem man nie irgendeine Gefühlsregung angesehen hat und ich fürchte, ein ähnlicher Lernprozess steht mir wieder bevor. Duncan ist eigentlich extrovertiert – aber anscheinend nur dann, wenn er kein Problem hat. Wenn wirklich etwas los ist, zeigt er es eben doch nicht so eindeutig. Ich kann nur hoffen, dass er lernt, mir deutlicher Bescheid zu sagen, während ich lerne, seine leisen Töne besser zu deuten. Ich höre sie, aber oft verstehe ich sie nicht.

Aber das Leben spielt mir in die Hände. Denn derzeit habe ich das Vergnügen, ein paar mal allein mit einem meiner Kundenpferde zu arbeiten, weil die Besitzerin gesundheitlich verhindert ist. Wir probieren allerhand aus und ich erkenne – mit Abstand von meinem eigenen Pony – ein paar hilfreiche Parallelen, die es für mich nun zu erkunden gilt.

Was ich derweil auch wieder erlebe ist etwas, was ich hier zu hause zum Glück mangels Einstellern nicht erdulden muss: Klugscheißer. Entschuldigt meine Wortwahl, aber es ist ja so. Was einem da rein geredet und an den Kopf geworfen wird, hat ja schon wirklich keine Art mehr. Und ich bin selbst herausgefordert, meine eigenen Gefühle nach solchen dummen Sprüchen wieder in den Griff zu kriegen und mich zu sortieren, damit ich vernünftig mit dem Pferd arbeiten kann. Und jetzt traue ich mich trotzdem wieder, hier öffentlich aufzuschreiben, was mir mit meinem eigenen Pony im Moment nicht gelingt. Ich hoffe, dass meine geneigten Leser verstehen, dass ich das nicht tue, weil ich wohlmeinende aber wenig hilfreiche Tipps aus der Ferne brauche, sondern weil ich teilen möchte, was zu wenig geteilt wird in unserer perfekten social-media-Welt. Weil ich mich nicht bei denen einreihen will, die immer nur über ihre Stärken und Erfolge sprechen und die damit (bewusst oder unbewusst) allen anderen das Leben schwer machen bei denen – oh Wunder! – nicht alles perfekt läuft. Wissen, dass andere auch ihre Schwierigkeiten haben, kann uns helfen, die eigenen Schwierigkeiten nicht über zu bewerten. In den letzten Wochen durfte ich diese Erfahrung immer wieder machen, wenn Menschen mir erzählt haben, was ihre Pferde im Alter von 3 oder 4 Jahren so angestellt haben. Pferde, die ich heute kenne, von denen ich weiß, dass sie gut zurecht kommen in der Welt. Menschen von denen ich weiß, dass sie sich viel Mühe geben, ihre Pferde gut auszubilden und Pannen zu vermeiden. Es passiert eben trotzdem, da müssen sowohl wir Menschen durch als auch die Pferde. Und wenn sogar meine Lieblingstrainerin erzählt, was für gravierende Fehler sie gemacht hat, dann macht mir das so viel Mut. Denn so blöde Fehler sind: man kann ja was draus lernen. Und mit viel Glück kann man sogar aus den Fehler der anderen lernen, dann muss man nicht alle selbst machen.

Duncan kann und weiß unfassbar viel für sein Alter und ist in aller Regel unglaublich toll in allem was wir anfangen. Jetzt steht offensichtlich die Regulation von Gefühlen im Vordergrund – nicht das Erlernen neuer Fähigkeiten sondern das Umgehen mit den eigenen Hormonen und der neu gewonnenen Kraft, die Frage nach der eigenen Position in der Welt. Dabei wird sich zwangsläufig auch unsere Beziehung noch einmal verändern, während mein Pony weiter geht auf dem Weg zum Erwachsensein. Ich kann den Weg nicht für ihn gehen, aber mit ihm. Was uns dabei hilft und was nicht gilt es jetzt zu erproben, zum Glück bekomme ich Ideen durch andere Menschen und andere Pferde. Und ich hoffe dass das, was wir jetzt lernen, uns nachher ein Leben lang hilft, mit schwierigen Situationen umgehen zu können ohne dass ein Desaster daraus wird.

Derweil freue ich mich mehr denn je über unsere tolle Herde hier, die meinem kleinen Hengst hilft, sich zu orientieren und mit seinen Gefühlen umgehen zu lernen. Besonders unser Diego, der so wunderbar mit sich und der Welt im reinen ist – ein wahrer Fels in der Brandung von Duncans Pubertät.