Mein altes Pony

Unfassbare 21 Jahre lang ist mein Merlin jetzt schon bei mir – das ist fast mein halbes Leben. Er kam damals zu mir, nachdem er auf dem Kinder- und Jugendbauernhof ein paar unschöne Verhaltensweisen gezeigt hatte. Ich dachte, wir hätten da was zu üben und gerade zu biegen, aber da war nichts zu üben und nichts gerade zu biegen. Merlin und ich haben uns von Anfang an gut verstanden. Im Laufe der 21 Jahre haben wir manchen verächtlichen Blick und blöden Spruch geerntet. Jeden, der uns blöd kam, habe ich konsequent aus unserem Leben verbannt. Unvergessen vor ein paar Jahren ein Pferdezahnarzt, der meinte, Merlin sei ja schon so alt, der würde ja bestimmt nicht mehr arbeiten. Auf meine Antwort, dass er mehr arbeitet als jedes andere Pferd in unserem Stall kam „was arbeitet der denn, zieht der den Pflug?“ in einem Tonfall als wäre ein Pferd, das einen Pflug zieht, ein „Ackergaul“ im minderwertigsten Sinne. Ich habe uns dann einen anderen Pferdezahnarzt gesucht. Auch mancher Trainer hatte viele kritische Worte für mein schlecht gebautes Pony. Aber mein Zausel hat diejenigen, die sich darauf eingelassen haben, immer überrascht mit dem was er alles kann und anbietet.

Jetzt ist er 29 Jahre alt (das ist gar nicht ganz sicher, aber ich gehe davon aus, dass die Angaben des Verkäufers korrekt waren) und in den letzten Jahren hat er nach und nach abgebaut. Immer mal wieder hatten wir nun schon Phasen, in denen ich ihn nicht geritten bin. Wenn ich ihn geritten bin, dann in 10-15 minütigen Einheiten und nur so wie er es angeboten hat. Derzeit reite ich ihn nicht und es kann sein dass ich mich nie wieder auf seinen Rücken schwinge. Gelegentlich machen wir ein paar Minuten Bodenarbeit. Viele Dinge macht seine Hinterhand nicht mehr mit, er hat Kraft verloren. Alles kein Thema, es geht ihm gut und er fühlt sich offensichtlich wohl. Nur eins macht mir Sorgen: das Aufstehen. Wenn er sein Schläfchen gehalten hat, lässt er sich jetzt immer viel Zeit zum überlegen bevor er aufsteht. Das Aufstehen an sich klappt zwar noch im ersten Anlauf, sieht aber sehr abenteuerlich aus, mit so einem merkwürdigen Sprung nach hinten, den er macht sobald er oben ist. Hier wird ihm sein langer Rücken und das schwere Gebäude zum Nachteil, denn diesen Rumpf hoch zu wuchten ist eine große Anstrengung und ich mache mir Sorgen, dass ihm das vielleicht irgendwann demnächst nicht mehr gelingt. Und wenn dann jener Tag kommt, an dem ich eine Entscheidung treffen muss, dann möchte ich vorbereitet sein und ich möchte vor allem nicht an diesem Tag große Diskussionen starten. Und so hängt jetzt am Medizinschränkchen ein Umschlag mit einem Notfallplan. Es gibt einige Dinge die ich meinem guten alten Pony ersparen würde – eine Notfall-Fahrt in die Klinik zum Beispiel. Oder Boxenhaft wegen einer Verletzung. Genau wie „hochspritzen“ wenn er nicht mehr aufstehen kann. In anderen Fällen muss natürlich abgewogen werden (wie immer) aber ich möchte nicht, dass in einem jener für mich eindeutigen Fälle noch ein großes Programm anläuft. Mein Tierarzt hat eine Kopie dieses Plans und weiß also Bescheid, auch wenn ich vielleicht nicht erreichbar sein sollte. Das gibt mir ein ganz kleines bisschen Kontrolle in einer unkontrollierbaren Situation. Vielleicht ist mein Merlin ja auch noch 3 Jahre hier, aber es ist unwahrscheinlich dass es noch 5 Jahre werden.

Als heute der Pferdezahnarzt da war, schaute er Merlin ins Maul mit den Worten „komm, ist ja alles gut. Ich kann nichts für dich tun, das weißt Du, das weiß ich und das wissen wir alle. Aber ich schaue mal.“ Danach hat er 5 fehlende Backenzähne attestiert und uns geraten, vielleicht nächstes Jahr mal die Gegenspieler zu kürzen. Im Moment ist nichts zu tun und auch dieses kürzen wird natürlich nicht bewirken, dass mein Pony wieder Heu kauen kann. Alter kann man nicht „reparieren“ – ein Umstand den unsere Gesellschaft gern mal leugnet. Und doch haben wir heute gute Möglichkeiten, auch alten, zahnlosen Pferden noch ein gutes Leben zu schenken, wenn sie in der Natur längst dem Hunger zum Opfer gefallen wären.

Aus vorangegangenen Erfahrungen mit meinem alten Pferd und unserem alten Hund weiß ich, dass ich jetzt ein Stück der Trauer vorab durchlebe, Schritt für Schritt und dass dann der Abschied etwas leichter wird. Schwer genug wird er allemal. Und ich hasse dieses Gefühl, zu wissen, dass der Tag in absehbarer Zeit kommt, ohne zu wissen, wann und wie genau. Ich muss aber auch sagen, dass ich seit Finlays Tod dankbar bin, wenn ich eine Ankündigung habe. Ein bisschen Zeit, mich darauf einzurichten. Noch ein paar Mal neben meinem Pony zu stehen und mich zu bedanken für all die schöne Zeit. Ihm noch ausgiebig den Bauch zu kratzen. Ihm jeden seiner Matsche-Eimer mit Liebe zu servieren und mich an seinen Marotten und kleinen Frechheiten zu erfreuen und seine Tüddeligkeit zu belächeln. Und immer schon mal in Erinnerungen zu schwelgen an die wundervolle Zeit die wir zusammen hatten. Ihm zu erzählen, wie viel ich von ihm gelernt habe. Für alle diese Dinge ist jetzt noch etwas Zeit, abseits von meinen Vorstellungen von Ausbildung oder auch nur von muskel-erhaltendem Training wie ich es in den letzten Jahren gemacht habe. Wir machen nur noch das, worauf er gerade Lust hat. Er selbst merkt, dass einige Dinge nicht mehr gehen: auf den Hinterbeinen stehen klappt nicht mehr, auch das Verbeugen geht nur noch ein bisschen. Aber seine Seitengänge und den spanischen Schritt macht er noch gern und abends wenn ich die Weide aufmache, galoppiert er mit den anderen raus.

Besonders dankbar bin ich dafür, dass nicht das passiert ist, was ich anfangs befürchtet habe, nämlich dass Duncan in seinem jugendlichen Übermut den alten Merlin ärgert. Im Gegenteil, selbst wenn sie sich kabbeln ist Duncan immer sehr zart mit dem alten Mann. Anfangs, wenn er es mal übertrieben hat, haben Diego und Gatsby ihn in seine Schranken gewiesen und so weiß Duncan um diese Grenze – und Merlin weiß, bei wem er Hilfe bekommt wenn es ihm zu doll werden sollte. In letzter Zeit ist das aber nicht mehr passiert, denn Duncan akzeptiert Merlins Grenze.

Und so genießen wir die Zeit, die uns bleibt, wie viel es auch sein mag.

Foto: Andrea Wolf von Wolfsmomente

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