Vertrauen

Der Herbst ist da. Das merke ich nicht nur an den Temperaturen, sondern auch sehr deutlich am Verhalten der Ponys. Die letzten Sonnentage haben sie genutzt um noch mal so richtig aufzutanken. Jetzt, wo es viel kühler und windiger ist, wird wieder mehr gespielt und es gibt auch wieder mehr zum erschrecken. Neulich war „Gruselabend“. Wenn Damwild im benachbarten Maisfeld unterwegs ist, dann sind die Ponys in Hab-acht-Stellung. Man kann dann fast nichts vom Damwild sehen, und wenn der Wind durch die Bäume rauscht, kann man sie auch nicht hören, aber wir wissen alle, dass da Tiere sind und manchmal tauchen sie wie aus dem Nichts auf unserer Weide auf…..

Als ich abends in der Dämmerung noch einmal Richtung Weide gehe um den Zaun umzubauen, sind die Ponys alle im Stall und schön weit weg von den Gespenstern. Duncan steht auf dem Paddock. Ich glaube, er würde gern noch Eicheln sammeln gehen, traut sich aber alleine nicht los. Als er sieht, dass ich in diese Richtung gehe, kommt er vorsichtig mit. Einmal erschreckt er sich und springt mir fast auf den Schoß. Als ich durch den Weidezaun krabble, bleibt er angespannt stehen. Dann wandert er auf dem Rundlauf immer auf meiner Höhe mit, während ich ein paar mal hin und her über die Weide gehe. Nach und nach fühlt er sich sicherer und geht schließlich tatsächlich Eicheln sammeln. Als ich dann wieder zurück Richtung Stall gehe, rufe ich ihm das zu (ich rufe nicht seinen Namen, denn das wäre eine Aufforderung zu kommen. Ich teile ihm nur mit, dass ich diesmal nicht zurückkomme). Er bleibt bei den Eicheln. Aber als ich im Paddock ankomme, höre ich hinter mir das „padadam“ galoppierender Hufe. Alleine wollte er dann doch nicht in der Gespensterecke bleiben!

Ich fühle mich sehr geehrt. Anscheinend findet er mich vertrauenswürdig genug, dass er unaufgefordert und freiwillig mit mir in die Gruselecke geht und dort auch recht entspannt herumwandert, obwohl ich immer ca 20m von ihm entfernt auf der Weide zugange war.

Vertrauen ist eine merkwürdige Sache. Die Definitionen die ich im Internet dazu gefunden habe, finde ich alle recht sperrig. Was heißt „Vertrauen“ für die Beziehung zwischen Pferd und Mensch?

Manche glauben, es sei Duncans großes Vertrauen in mich, dass ihm den Mut gibt, durch Poolnudeln zu laufen, alleine Anhänger zu fahren oder über eine Plane zu marschieren. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Es ist sein Selbstvertrauen oder vielleicht Urvertrauen in die Welt, was das möglich macht. Mich braucht er dazu gar nicht. Aber dass er mit mir in die Gruselecke gegangen ist, das war eindeutig sein Zutrauen in meine Kompetenz.

Ich hingegen merke, dass ich Duncan noch nicht so vertraue wie ich es gern möchte. Klar, er macht im Grunde alles richtig. Aber ich bin doch oft noch vorsichtig. Manche Sachen wie Hufe geben, den Schweif anfassen etc sind für mich schon Routine geworden. Aber manches, wie zum Beispiel ihm den Arm über den Rücken zu legen und mich etwas an ihn heranzudrücken, mache ich noch sehr vorsichtig, weil dort mal Gegenwehr kam. Und ich mache es eben nicht nur vorsichtig, um ihm nicht zu viel abzuverlangen, sondern auch weil ich etwas Sorge habe, dass seine Gegenwehr unangenehm werden könnte (obwohl selbst seine heftigsten Abwehrbewegungen gegen mich zwar schnell und beeindruckend aber nicht schmerzhaft waren).

Je mehr gute Erlebnisse wir zusammen haben, desto mehr wächst mein Vertrauen. Je besser ich ihn kenne, desto sicherer bin ich mir, dass er gut aufpasst, dass mir nichts passiert. Aber wie gut passt er auf sich selbst auf? Wenn er sich dann doch mal erschreckt, springt er mir dann vor ein Auto oder in einen Graben? Ich habe mir immer schon viele Sorgen um die Gesundheit meiner Ponys gemacht, und mit Finlays Tod hat sich das noch gesteigert. Und natürlich ist ein junges Pferd auch grundsätzlich noch impulsiver und unerfahrener. Neulich im Spiel mit Gatsby ist Duncan so hoch gestiegen, dass er schließlich umgefallen ist. Mir ist fast das Herz stehen geblieben, aber so ein kleiner Hengst, der steht einfach wieder auf, atmet zweimal tief durch und spielt dann weiter. Blaue Flecken, gezerrte Muskeln oder einfach nur der Schreck – alles egal. Und ich muss das aushalten, ich kann es nicht ändern. Er muss selbst erfahren, wo seine Grenzen sind und wir alle wissen, dass es für diese Selbsterfahrung keinen Ersatz gibt.

Aber wenn Duncan und ich zusammen sind, fühle ich mich verantwortlich dafür, dass ihm nichts passiert. Das Losreißen von vor ein paar Wochen hängt mir noch sehr nach. Weil ich auch im Nachhinein wirklich keine Voranzeichen entdecken kann und also nicht weiß, ob es mir nicht doch wieder passieren kann. Und Losreißen ist einfach nicht witzig – für mich ist es nicht gefährlich, aber für Duncan und mit Pech auch für andere.

Und dann ist da natürlich die Tatsache, dass Duncan erst 2 Jahre alt ist. Und natürlich ist er – obwohl er schon oft so erwachsen wirkt – bestenfalls ein Teenager. Und auch bei Menschen wird Teenagern kein unbegrenztes Vertrauen entgegengebracht. Sie dürfen zum Beispiel noch nicht Auto fahren, obwohl sie es technisch gesehen könnten. Komplexe Situationen zu überblicken ist vielleicht in jüngeren Jahren noch nicht so möglich und die Konsequenzen eigenen Handelns abzuschätzen will ja eben auch erst gelernt werden, genau wie die Regulierung der eigenen Gefühle. Und so ist es wohl normal, dass ich Duncan noch nicht 100% vertraue.

Da ich Duncan – auch nach einem ganzen Jahr – noch gar nicht so gut kenne, ziehe ich (bewusst oder unbewusst) ständig Vergleiche zu anderen Pferden. Ich suche Referenzpunkte und ich glaube ich suche sie oft an der falschen Stelle. Als ich neulich meine ersten Blog-Beiträge wieder gelesen habe, habe ich mich wieder erinnert, dass Duncan Merlins Nachfolger ist, nicht Finlays. Ich hatte das vergessen und habe Duncan immer mit Finlay verglichen. Weil Finlay eben auch noch so jung war als er zu mir kam (Merlin war schon 8 Jahre alt als ich ihn kennengelernt habe). Und weil Finlay ja auch ein Highlandpony war. Aber es ist ganz verkehrt, die beiden miteinander zu vergleichen. Je länger ich Duncan habe, desto klarer wird mir das.

Duncan ist Merlin sehr viel ähnlicher als Finlay. Duncan bringt diesen Wunsch nach Harmonie mit und dieses freundliche Wesen, wo Finlay raubeinig und direkt, sehr viel kreativer und eigenständiger im Lösen von Problemen war. Duncan will kooperieren und ist bereit zurückzustecken, Finlay wollte selbst entscheiden und sich frei fühlen. Finlay mochte gern ausprobieren und hatte zu allem eine Meinung, Duncan will lieber eine Anleitung. Finlay hat Regeln sehr gern in Frage gestellt, ein Verhalten dass ich bei Duncan bisher nur in winzigen Momenten beobachtet habe und auch dann nur sehr dezent. Und in all diesen Punkten ist Duncan meinem Merlin sehr ähnlich.

Vertrauen entsteht für mich aus einer großen Portion Vorhersagbarkeit. Wenn ich ahnen kann, wie mein Pony sich verhält, wenn ich (soweit das zwischen Pferd und Mensch eben möglich ist) verstehen kann, warum er sich so verhält und wenn ich wieder und wieder und wieder die Erfahrung mache, dass Duncan keine gefährlichen Dinge tut, dann kann ich anfangen zu vertrauen.

Und derweil bewundere ich die Pferde, die so viel Vertrauen in ihren Menschen setzen nach so kurzer Zeit und ich möchte all jenen Pferdebesitzern Mut machen, die auch nach 2 oder 3 Jahren noch wenig Vertrauen von ihrem Pferd bekommen. Ich kann Euch aus eigener Erfahrung sagen: das kann länger dauern. Vor allem, wenn davor das eine oder andere traumatische Erlebnis stand. Wenn die Seele erschüttert ist, wächst Vertrauen nicht mehr so schnell wie vorher. Ich glaube dennoch, dass wir alle vertrauen wollen, Pferde wie Menschen, denn es ist ein schönes Gefühl. Und so werde ich weiter danach suchen und ganz langsam wird mein Vertrauen in mein wunderbares Pony wachsen.

Heute ziehen wir los auf ein großes, gemeinsames Abenteuer (Sir Duncan wird bestimmt berichten) und mit jedem dieser Abenteuer wird das kleine Pflänzchen des Vertrauens etwas größer und stärker werden.

Bis ich eines Tages merke, dass ich Dinge selbstverständlich tue, die ich jetzt noch nicht machen möchte. Bis ich nicht mehr darüber nachdenke, ob er jetzt blöd reagieren wird. Auf diesen Tag freue ich mich.

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