Interview

Die technischen „Segnungen“ (was für ein verrückter Widerspruch in sich ist das eigentlich?) unserer Zeit machen vieles möglich. Neulich zum Beispiel war ich in einem Zoom-Meeting mit Elsa Sinclair und einigen Gleichgesinnten und wir konnten von ihr lernen und Fragen stellen. Alles live und in Echtzeit – einmal Deutschland/USA und noch ein paar andere Länder dieser Welt und zurück. Null Problem.

Wenn es das Internet nicht gäbe, wüsste ich so viel weniger über Pferde – und Ihr könntet schwerlich all das lesen, was ich so verzapfe.

Das Internet kann aber auch ein Fluch sein, das wissen wir alle. Zum Beispiel, weil es plötzlich viel zu viele Möglichkeiten gibt. Wer früher eine neue Reitweise etablieren wollte, musste mal zumindest ein Buch schreiben. Heute reicht eine Internetseite und schon kann man Online-Kurse anbieten. Das ist toll! Und es kann verwirren. Der eine sagt so, der andere so – wer hat denn nun recht? Meistens ja beide irgendwie, die Frage ist nur wann und für wen.

Die Macher von Herzenssache Pferd haben sich da etwas schlaues überlegt und dafür mag ich jetzt mal werben: es gibt dort auch dieses Jahr wieder eine „Online-Konferenz“, völlig kostenlos, zu der Interviews mit verschiedenen Trainern geführt werden, die dann für jeweils 24 Stunden online zu sehen sind. (Wer die Interviews danach nochmal sehen möchte, kann ein entsprechendes Paket kaufen.)

Ich habe mir auch letztes (oder vorletztes?) Jahr die Konferenz angesehen und war angetan von der Möglichkeit, einzelne Trainer mal näher kennen zu lernen und zu sehen: gefällt mir, gefällt mir weniger. Diese Art, Dinge zu erklären, liegt mir, diese Art liegt mir nicht. Jemand redet mir zu schnell oder zu langsam, manche sind sehr detaillverliebt, andere kommen nicht auf den Punkt. Und wenn wir ehrlich sind: obwohl wir Trainer natürlich nach Kompetenz aussuchen (sollten), gehen wir auch viel nach Sympathie. Nützt ja auch gar nichts, wenn jemand irre viel weiß, es aber nicht so erklären kann, dass ich es verstehe. Oder wenn ich merke: derjenige hat so gar nix mit meinem Problem am Hut. Oder keine Lust auf strubbelige Ponys mit ausgeprägtem Sinn für Humor. Ist mir alles schon passiert, weshalb ich dazu übergegangen bin, IMMER erst mal ohne Pferd zu potentiellen Ausbildern zu fahren und die Lage zu checken.

Jetzt, mit den technischen Segnungen dieser Zeit und der schönen Online-Konferenz kann ich mir das manches Mal sparen. Oder mal den einen oder die andere auf meiner Liste notieren: wenn mal ein Kurs in der Gegend stattfindet, will ich da hin.

Dieses Mal lief alles etwas anders als geplant, denn ich war zwar schon dabei, hatte schon Beiträge in der Konferenz angeschaut, aber plötzlich bekam ich eine Nachricht: Ein Trainer ist ausgefallen, ob ich nicht selbst ein Interview geben möchte? Oh. Nein. Oder doch. Thema Kopfhaltung des Pferdes – hab ich dazu was zu sagen? Hab ich davon genug Ahnung? Hab ich dazu denn ne Meinung? Hmmmmmmm…… und dann war es plötzlich wie beim Blog-schreiben, als der Gedanke mal in meinem Kopf Platz genommen hatte, fing die Maschine an zu laufen. Ja, ich habe eine Meinung dazu. Eine, die mit vielen Fragezeichen daher kommt, aber vielleicht ist es wichtig, diese Fragezeichen auch immer wieder zu kommunizieren. Manchmal vermisse ich die Zeit, in der ich glaubte, Dinge zu wissen. Ich war mir damals meiner Sache so viel sicherer. Ein Interview zu geben zu einem Thema, das in meinem eigenen Kopf so wenig geklärt ist und mir immer wieder Kopfzerbrechen bereitet, kommt mir komisch vor. Ich würde ja viel lieber die Fragen stellen anstatt antworten zu müssen! Aber meine Unterrichts-Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich nicht alle Antworten kennen muss, um helfen zu können. Und also habe ich es gewagt.

Wenn ich einen Blog-Artikel schreibe, kann ich ihn speichern, später nochmal lesen und überarbeiten. Das konnte ich in diesem Fall nicht. Was ich gesagt habe, habe ich gesagt. Wenn ich das morgen komisch finde, ist daran nichts zu ändern. Und natürlich finde ich es komisch! So bin ich nun mal.

Aber vielleicht es auch nur einfach genau so wie wenn ich meinem Pony eine neue Information gebe: ich weiß anfangs nicht, was dabei raus kommt. Dazu muss ich seine Antwort abwarten und die kommt nicht immer gleich. Manchmal macht mein Pony etwas unerwartetes aus den Informationen, die ich ihm gegeben habe (auch davon werde ich im Interview erzählen).

Und also bleibt mir jetzt nichts weiter übrig, als zu warten, wie das, was ich gesagt habe, bei denen ankommt, die es hören…..

(Mein Interview wird am Samstag den 10.12. online sein. Ich freue mich wenn Ihr es Euch anhört und lasst Euch auch die anderen Trainer nicht entgehen!)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 307

Erinnert ihr euch noch an den August? Mein Mädchen und ich erinnern und sehr gut daran! Es war heiß und wir sind los gewesen zum größten aller Abenteuer! Das war ganz schön anstrengend für uns alle. Und ich hab dort gemerkt, dass ich doch ein ganzer Kerl bin (hier zu hause findet das niemand so wichtig, aber dort schon!). Und hab mich gelegentlich mal etwas mehr in Pose geworfen. Nun ist mein Mädchen ja gern mal die Unlogik in Person und so auch diesmal wieder: als ich mich dort so schick gemacht und ein bisschen Action abgeliefert habe, wollte sie, dass ich mich entspanne. Hat sie alles gestresst. Aber da war eine Fotografin, die uns abgelichtet hat, und nun schaut mal, was für Bilder mein Mädchen sich da nachher ausgesucht hat!

Fand sie wohl doch gar nicht so schlecht, wenn ich mich mal so richtig präsentiere! Ja, so ist sie. Man muss das nicht verstehen, ich mag sie trotzdem. Jedenfalls wollte ich euch diese schönen Bilder auch endlich mal zeigen!

Welches gefällt euch denn am besten?

Die Fotos hat übrigens Jessica Freymark gemacht.

Mein Mädchen sagt, die Fotos sind schön anzuschauen aber live mag sie mich entspannt deutlich lieber. Na gut, meistens bin ich ja auch ganz entspannt. Und so einen stressigen Kurs machen wir so schnell nicht wieder.

Euer auch mal etwas in Pose geworfener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 306

Schönen ersten Advent, liebe Menschen!

Wir haben den Tag auf die denkbar beste Art verbracht: mit einem Ausflug in den Wald! Ach, herrlich, endlich mal wieder in die Wackelkiste und in unseren Lieblingswald! Dort haben wir nochmal neue Wege ausprobiert. Wir waren alle gut gelaunt und das Wetter war fein – nicht zu warm, sondern etwas feucht und neblig, so richtig herbstlich.

Aber irgendwie können wir ja anscheinend nicht ohne Abenteuer auskommen. Nachdem wir schon ein ganzes Stück auf dem neuen Weg geritten waren, lag dort plötzlich alles voller abgeschnittener Zweige! Da hatte man die Hecke am Rand zurecht gestutzt, aber das Zeug noch nicht weg geräumt. Diego fand aber, dass er da einfach so durch marschieren kann und nach kurzem Zögern hat mein Mädchen entschieden, dass es wohl am einfachsten ist, wenn sie sitzen bleibt und mich machen lässt. Sie hatte etwas Sorge, ob ich wohl Angst kriege, falls sich ein Zweig in meinem Wallehaar verhakt oder ich mit dem Huf in einer Astgabel stecken bleibe, aber ich hab doch jetzt schon so oft bewiesen, dass ich im Zweifelsfall die Nerven bewahren kann, da hat sie beschlossen, mir zu vertrauen. Und natürlich habe ich das mit Bravour in aller Ruhe gemeistert. Zwischendurch habe ich mir fix einen Keks geben lassen, versteht sich. Zack! – Mädchen stolz.

Ab durchs Gestrüpp! Kann ich.

Dann sind wir in Ruhe weiter geritten. Als es schon gegen Ende ging, sind wir noch ein Stück getrabt. Plötzlich meinte mein Mädchen, ich würde ja wohl humpeln oder was? Sie hat mir gesagt, ich soll Schritt gehen und zum Mann, ob ich wohl einen Stein im Schuh hätte oder so. Schaut der Mann an mir runter und sagt „nö, dem fehlt ein Schuh!“ Ach herrje. Und zurück marsch marsch. Da hatten wir Ponys aber gar keine Lust. Mein Mädchen ist abgestiegen und hat mich geführt, während Diego und der Mann getrabt sind, um schnell nach dem Schuh zu suchen. Sie waren dann bald außer Sichtweite, aber anscheinend waren sie zu schnell getrabt, denn sie haben den Schuh übersehen. Den hat mein Mädchen dann entdeckt. Sie hat den Mann angerufen, er soll zurück kommen. Schuh wieder an, umdrehen und ab Richtung Wackelkiste. Damit es sich nicht so hinzieht, sind wir noch ein ganzes Stück getrabt. Ich war schon echt müde, aber mein Mädchen sagt, das hat sie von meinem großen Bruder gelernt: Schritt gehen weil man müde ist, dauert viel zu lang und man wird nur immer müder. Lieber die Pobacken zusammen kneifen und noch so viel wie möglich traben, dann ist man viel schneller am Ziel (ich bin zur Zeit im Trab ungefähr doppelt so schnell wie im Schritt).

Da fehlt doch was!
Suchbild: wer findet den Schuh?

Wieder an der Wackelkiste angekommen, brauchte ich erst mal schnell ein paar Halme Heu, die ich mir durch die Kekstür geklaut habe. Wir Ponys hatten ordentlich geschwitzt, mein Mädchen war froh, dass wir wenigstens an der Brust unsere kleine „Lüftung“ haben. Ich war kopfmüde und mein Körper fühlte sich auch seeeeehr entspannt an. Immerhin waren es durch den Hufschuh-Extra-Weg ganze 10,6km die wir hinter uns gebracht haben, in knapp zweieinhalb Stunden! Und es gab wirklich auch viel zu gucken auf den neuen Wegabschnitten. Aber ihr wisst ja: ich mag es, mich auszupowern.

Jetzt schnell den Blutzucker aufpolieren!

Mein Mädchen sagt, morgen haben wir beide frei und übermorgen geht es wieder auf dem Reitplatz weiter mit Gymnastik und Muskelaufbau.

Sie war heute ganz fantastisch zufrieden mit mir – mal wieder! – weil ich so groß und vernünftig und überhaupt wunderbar toll und und der beste Schotte diesseits der Regenbogenbrücke bin.

Einfach schön

Macht es euch gemütlich, liebe Menschen, das machen wir jetzt auch!

Euer schön ausgepowerter Sir Duncan Dhu of Nakel

Eine gute Idee

Neulich bei unserem Schneeausritt: ich wische mir den angesammelten, nassen Schnee von der Weste. Es macht ein deutliches Geräusch, Duncan spannt sich unter mir an, ein bisschen gruselig findet er das jetzt schon. „Ist alles gut“ sage ich. Zack – alle Viere in den Boden, Duncans Kopf kommt rum: „Keks?“ Ja, für diese gute Idee gibt es einen Keks.

Für gute Ideen gebe ich gern Kekse. Und stehenbleiben, wenn man sich fürchtet, ist immer eine gute Idee. Wir reiten weiter, Duncan sucht sich noch ein paar Momente in denen er stehenbleiben könnte um nach einem Keks zu fragen (so wie in unseren Anfangszeiten) aber ich bitte ihn dann jedes mal, weiter zu gehen, was er klaglos macht. Dann hören wir Kindergeschrei: gruselig. Die Kinder sind noch außer Sichtweite, wir überlegen ob sie auf dem Feld Schlitten fahren. Aber dann kommen sie uns auf dem Weg entgegen. Leichte Skepsis bei Duncan, aber er geht gut vorbei. Auch an den zwei angeleinten Hunden, die mit den Erwachsenen am Wegesrand warten, bis wir vorbei sind. Ok, ich will ja nicht so sein. Ich schiebe die Hand in die Tasche, damit ich gleich…. – zack, Pony steht. Er hat meine Bewegung genau wahrgenommen und weiß, dass er sich einen Keks verdient hat. Ich muss lachen, natürlich bekommt er seinen Keks.

Viele Pferde haben gute Ideen. Ich versuche immer, sie meinen Reitschülerinnen aufzuzeigen. Als Mensch dürfen wir dann schnell entscheiden, ob wir diese Idee belohnen wollen oder nicht. Leider neigen wir dazu, diese Ideen entweder nicht zu sehen oder nur die Ideen zu sehen, die uns zum Verhängnis werden können. Dann können die Pferde nachher Dinge, die uns auf die Nerven gehen, weil wir sie mal süß fanden, sie aber nicht mehr abstellen können. Oder es werden plötzlich gut geübte Lektionen „überspielt“ von der neuen Idee, so wie es mir diese Woche passiert ist:

Wenn wir auf dem Reitplatz gearbeitet haben, darf Duncan ja jetzt im Anschluss immer etwas dort grasen, während ich FBT mache. Gegen Ende der Zeit rufe ich ihn, wenn er kommt, darf er nochmal grasen. Fürs Kommen gibt es einen Keks. Neulich hatte er die Idee, gleich am Anfang seiner Graszeit – als ich noch dabei war, Sachen wegzulegen – mal zu kommen. Ich fand das nett und habe ihm einen Keks gegeben. Und als ich ein paar Tage später wieder mit Duncan auf dem Reitplatz bin, ist mein „warte“ kaputt. Da hab ich jetzt aber nicht schlecht gestaunt! Warum kann mein Pony auf dem Hof perfekt still stehen, aber auf dem Reitplatz kommt er mir hinterher gelaufen? Bis die zwei Dinge in meinem Kopf zusammen kamen: ich hatte ihn für freiwilliges Kommen belohnt! Und jetzt bietet er mir das an. Faszinierend, denn das „warte“ – Kommando kennt er seit 3 Jahren. Trotzdem hat er es 3 oder 4 mal mit hinterherlaufen versucht. Und so merke ich mal wieder: ihm etwas beibringen ist leicht – manchmal fast zu leicht – aber dann unterscheiden was wann richtig ist, das kann kurz dauern.

Jetzt habe ich wieder etwas über Duncan gelernt: er ist die Sorte Pferd, die schnell neues probiert, auch wenn eigentlich schon eine gut geübte Verhaltensweise da ist. Solche Dinge über das eigene Pferd zu wissen, ist essentiell. Ich hatte schon ganz am Anfang hier einmal darüber geschrieben.

Gleichzeitig kann ich aber auch sehen, wie gut unsere Kommunikation geworden ist. Wir geraten nicht mehr in Streit, sondern ich kann jetzt erkennen, wann er einfach etwas ausprobiert – er hat dann so einen bestimmten, neugierigen Gesichtsausdruck – und ich weiß auch, WIE er Dinge ausprobiert, so dass ich mir darüber keine Sorgen mehr mache. Er kennt ja nun auch die Grundregeln des Zusammenlebens, also auch die Grenzen innerhalb derer man sich ausprobieren kann. Und es ist kein pubertäres „steht die Grenze von gestern eigentlich noch?“ – ausprobieren, sondern der Versuch, Dinge NOCH BESSER zu machen. Ich habe ihm also, als er mir hinterher kam, die ersten zwei oder drei Male sehr freundlich mitgeteilt, dass er auf dem Holzweg ist. Beim dritten Mal habe ich ihn deutlich zurück geschickt, das „warte“ wiederholt (habe also das Kommando gegeben, bin wieder weg gegangen und zurück gekommen) und dann bekekst. Thema durch. Als nächstes weiß ich, was zu üben ist: der Wechsel zwischen warten und kommen. Damit er das klar kriegt, wann was gemeint ist. Und sollte er auf dem Reitplatz wieder ungefragt in seiner Graszeit zu mir kommen, werde ich mich einfach freuen und (ohne Keks) gemeinsam mit ihm zum Gras zurück gehen, das wäre ja eh die bessere Antwort gewesen. Aber wie es so ist: wenn Verhalten überraschend auftritt, reagiert man manchmal komisch.

Das üben des Wechsels (in diesem Fall zwischen warten und kommen) ist etwas, was mir sehr wichtig geworden ist: keine Unklarheiten stehen lassen. Wenn etwas schief gegangen ist zwischen Mensch und Pferd, dann möchte ich das aus dem Weg räumen. Wenn ein Pferd ein unerwünschtes Verhalten zeigt und dafür angemeckert wird, ist mir wichtig, nach Möglichkeit SOFORT die Situation zu wiederholen, um erwünschtes Verhalten belohnen zu können. Ich mag nicht, wenn das Pferd aus der Situation geht und das nicht geklärt wurde. Zu oft gehen wir darüber hinweg, weil wir eigentlich etwas anderes üben wollten. Und nach und nach vergiftet es unsere Beziehung. Denn allzu oft ist „Ungehorsam“ oder eine nervige Marotte eben nur ein Missverständnis. Und allzu oft entsprang dieses Missverständnis ursprünglich einer guten Idee. Wäre doch schade, wenn wir all die guten Ideen unserer Pferde nicht feiern und nutzen würden oder bei Bedarf umlenken. Und es wäre noch betrüblicher, wenn unsere Pferde frustriert aufhören würden, gute Ideen zu haben. Oder?

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 305

Nachdem es neulich ja noch viel zu warm war, macht das Wetter jetzt plötzlich einen auf Winter und hat „Puderzucker“ übers Land gestreut. Und weil mein Mädchen Schnee liebt – wie wenig es auch sein mag – hat sie sich nicht lumpen lassen und wir sind direkt nach dem Frühstück zu einer kleinen „Hausrunde“ aufgebrochen.

Nun ist es ja aber so, dass mein Mädchen leider eine Fehlkonstruktion ist. Winterpelz hat sie nicht und selbst wenn sie sich ganz viel anzieht: sobald sie sich nicht bewegt, schaltet ihr Körper auf Sparmodus und hört auf, Eigenwärme zu produzieren. Also was tun? Sie zieht sich so viel an, dass sie sich kaum noch rühren kann und obendrüber den Reitrock. Sinn des Ganzen: ICH soll Wärme für sie produzieren, die sich dann unter dem Reitrock schön hält und ihre Beine vorm erfrieren rettet. Ehrlich, ohne uns Ponys wäre sie verloren. Was hat sie für ein Glück, dass ich so ein Gentleman bin!

Der Mann hat übrigens auch so einen Reitrock. Weil er ein Mann ist, ist seiner schottisch kariert, das geht dann quasi als Kilt durch. Obwohl – er trägt eine Hose drunter also so ganz original ist das nicht…. naja.

Schottisch kariert für den Mann!

Nun musste mein Mädchen ja irgendwie auf meinen Rücken kommen mit den ganzen Klamotten. Und schon wieder hat sie Glück mit mir, denn ich bin ja doch im Grunde recht geduldig (wenn die Keksrate stimmt).

Am Eleganz kaum zu überbieten… gut, dass ich so geduldig und standfest bin!

So sind wir dann durch die verschneite Landschaft gewandert. Schön war das! Am lustigsten fand ich übrigens den Moment, als mein Mädchen laut geschrieen hat. Da war ich wohl etwas zu nah am Gebüsch und eine Ladung Schnee ist ihr in den Kragen gefallen! Ich sag es ja: Fehlkonstruktion. Durch mein Fell kommt kein Schnee durch, der perlt einfach an mir ab.

Irgendwo unter dem Klamotten- Berg ist mein Mädchen versteckt!

Zwischendurch haben wir eine schöne Graspause gemacht und ganz am Ende haben wir noch etwas seitwärts gehen geübt. Kann ich schon echt gut, von einer Seites des Weges zur anderen und wieder zurück.

Landschaft mit Puderzucker…..
… macht mein Mädchen glücklich!
Mich macht die Graspause glücklich.

Ach, schön war das wieder! Trotz all der warmen Klamotten war mein Mädchen nachher durchgefroren. Es hat nämlich mit der Wärmeabgabe meinerseits nicht so gut funktioniert, weil ich vorher schon so schneefeucht war. Tja, da kann ich nun auch nix für!

Mittags kam dann die Sonne raus und mein Mädchen war plötzlich am schwitzen, weil sie sich fürs Stall-saubermachen so warm anzogen hatte. Ich sagte es bereits: Fehlkonstruktion! Bemitleidenswert.

Genießt den Sonntag, liebe Menschen!

Euer verschneiter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 304

Mein Mädchen findet, ich werde von Tag zu Tag schöner. Und mit dieser Meinung ist sie nicht allein! Neulich wurde sie gefragt, wie sie es macht, dass ich so eine schöne Mähne habe. Jetzt aber Moment mal! Die Mähne mache ich ganz allein, da hat mein Mädchen gar nix mit zu tun! Das hat sie dann auch erklärt. Dass sie noch nicht mal bürstet oder so, weil mein Wallehaar mir heilig ist und ich das nicht mag wenn jemand dran rum fummelt. Ja, genau, es ist nämlich MEIN Wallehaar! Nur kein Neid, ihr Menschen!

Von Tag zu Tag schöner (sagt mein verliebtes Mädchen)

Aber manchmal geht sie doch bei. Wenn nachts die Feen auf mir geritten sind und sich Steigbügel in mein Haar geknotet haben zum Beispiel. Dann macht sie das ganz vorsichtig mit den Händen raus. Und hinten rum bin ich manchmal nicht ganz so reinlich. Mein Mädchen meckert dann immer, dass ich zu faul bin, meinen Schweif beim Äppeln hoch genug zu heben dass er nicht dreckig wird. Ja, der ist halt schwer, bei den vielen schönen Haaren! Naja dann hab ich da so dreckige Strähnen, da findet sie dann schon mal etwas Pflege angesagt. Erst einsprühen, dann kämmen. Dafür hat sie sich ein Spezialwerkzeug gebastelt: den grobzinkigsten Kamm gekauft den sie finden konnte und dann noch jede zweite Zinke raus gefräst. So nimmt sie dann eine Strähne in die Hand, hält gut fest und fängt am unteren Ende an zu kämmen. Das geht richtig schwer, aber wenn sie oben gut fest hält, ziept es nicht, dann kann ich das aushalten. Allzu lang habe ich da trotzdem keine Lust drauf, ich bin eben einfach nicht so der Tüddeltyp. Das versteht sie gut, weil sie auch nicht gern hat wenn jemand an ihr rumtüddelt und deswegen macht sie nur das nötigste – also das was sie für das nötigste hält.

Dreckige Strähnen findet sie doof.
Selbstgebastelter Spezial-Kamm

Heute hat sie auch wieder den Läusekamm geschwungen. Weil ich in den letzten Wintern ja so ein klitzekleines Krabbelproblem in meiner Rüstung hatte. Das will sie scharf im Auge behalten, nicht dass das wieder los geht! Zum Glück kämmt sie mich damit nicht komplett, das würde ja ewig dauern! Sie kennt ja die einschlägigen Stellen und schaut da mal nach. Gefunden hat sie nix, Gott sei Dank!

Checken ob es krabbelt…

Dann hat sie mir noch die Hufe geraspelt, das war auch mal wieder nötig. Dabei stehe ich von allen Pferden die sie kennt übrigens am allerbesten still! Und sie raspelt vielen Pferden die Hufe, damit verdient sie ja das Geld für unser Futter. Ich bin der artigste von allen, sagt sie! (Ihr wisst ja: ich lasse mich gut dafür bezahlen – die Keksrate muss stimmen.)

Damit uns bei dem ganzen Pflegeprogramm nicht so fad wird, hat sie heute Musik laufen lassen. Könnt Ihr leider auf dem Foto nicht hören, aber der kleine runde Kasten an der Wand macht schön Musik. Ich hab aber nicht verraten, was mir am besten gefällt. (War auch nix schottisches dabei). Und weil ich so lange nicht angebunden gestanden hab, haben wir das nebenbei auch mal wieder geübt. Normalerweise werde ich ja nie angebunden, mein Mädchen sagt „waaaaaarte“ und dann steh ich da wie angewurzelt bis sie wieder kommt und den Keks liefert. Wozu dann anbinden? Ist aber eine notwendige Fähigkeit sagt sie, also machen wir es ab und zu. Egal, hauptsache ich kriege trotzdem genauso viele Kekse!

Angebunden sein und Musik hören beim Pflegeprogramm. Na wenn sie meint…..

Jetzt bin ich rundum frisch gepflegt und wie neu und wir können nachher noch reiten gehen, sagt sie. Prima, dabei muss ich nicht so viel still stehen!

Euer gut gepflegter Sir Duncan Dhu of Nakel

Ausbildungsziele

Wir sind angekommen. Nach drei gemeinsamen Jahren sind Duncan und ich an einem Punkt angekommen, an dem Dinge sich ändern. In den letzten drei Jahren, während mein kleiner Ritter so vor sich hin wuchs und pubertierte, haben wir all die Meilensteine erreicht, die so zu erreichen sind mit einem jungen Pferd: erste Spaziergänge, erstes Longieren, erste Begegnungen mit all den Dingen die unsere Menschenwelt so zu bieten hat (Autobahnbrücken, Rinderweiden und dergleichen Dinge mehr). Das erste Mal allein Anhänger fahren, das erste Mal auf Kurs, das erste Mal fremd übernachten. Dann schließlich das erste Mal aufsteigen, das erste Mal traben. (Der erste geplante Galopp fehlt auf der Liste noch).

Jetzt ist der kleine Ritter ein „großer“ Ritter (naja, was er halt so groß nennt. Ich finde ihn ehrlich gesagt immer noch klein. Aber er kann mich tragen und ich hoffe auf das kommende Breitenwachstum…..) .

Und so beginnt jetzt eine Zeit, in der Dinge sich ändern. Ich erinnere mich, dass Finlay schon 6 Jahre alt war, als wir so weit waren (was vor allem daran liegt, dass ich mit Finlay alles – auch das anreiten – ohne Zaumzeug gemacht habe, aber auch daran, dass ich viel weniger Erfahrung mit jungen Pferden hatte).

Jetzt sind Ausbildungsziele nicht mehr so klar umrissen. Es ist leicht zu definieren, wann mein Pony das Thema „Autobahnbrücke“ bewältigt hat. Seh ich ja: geht er ruhigen Schrittes rüber, egal was unter ihm entlang saust? Schwieriger zu bestimmen ist „wie gut ist dieses Schulterherein?“ denn natürlich kann man da immer und ewig noch was verbessern – wahlweise an mir oder am Pony. Mit Merlin habe ich noch auf dem letzten Kurs (da war er 26 Jahre alt) an der Verbesserung unseres Schulterhereins im Schritt gearbeitet.

Jetzt habe ich Vorteile, weil ich selbst auf einem höheren Niveau starte, aber zum einen muss Duncan das trotzdem alles üben – erst die Hilfen verstehen, dann die Koordination der Übung, dann die Kraft dafür aufbauen – zum anderen steigen meine reiterlichen Ansprüche an mich selbst ja auch stetig, so dass ich dann eben doch immer noch Verbesserungspotential sehe.

Genau wie bei Finlay damals fällt mir auch heute dieser Übergang zwischen den Ausbildungsphasen schwer. Nun fällt diese Zeit auch noch in den Herbst, einige Ausritte sind nun schon ausgefallen und sicher werden noch mehr ausfallen. Die Zeit, in der wir uns Beschäftigungen in unserer winzigen Halle mit dem miesen Boden suchen müssen, kommt näher. Ich habe mir ein paar Dinge aufgehoben, mit denen wir uns dann beschäftigen können und wo wir neues erproben können, um Abwechslung zu haben.

Es ist für mich schwer zu erklären, warum ich (wieder) mit diesem Übergang meine Probleme habe. Schließlich kann ich mich seit Jahren mit Merlin beschäftigen und ich habe mich ja auch mit Finlay nie gelangweilt. Es ist nur eine andere Stimmung, eine andere Planung. Weniger abenteuerlich, was mir ja eigentlich zu Gute kommt, weil ich ja immer noch auf der Suche nach meiner Komfortzone bin, die ich nach Finlays Tod so gründlich verlassen habe. Eigentlich bin ich froh, dass ich jetzt eine so solide Basis habe, dass ich mir selbst aussuchen kann, wann ich ein Wagnis eingehe und wann ich einfach bei all dem bleibe, was schon gut klappt. Vielleicht ist es das selbe Thema, das Eltern mit Kindern haben, wenn die „plötzlich“ erwachsen sind. Das elterliche Gehirn sieht eben immer noch ein Kind und es dauert, bis man sich angepasst hat. So sehr ich mich danach gesehnt habe, dass Duncan endlich erwachsen wird, ich mich auf ihn verlassen kann, wir uns gut kennen – trotzdem braucht es etwas Zeit, bis ich im neuen Stadium ankomme. Vielleicht, weil es nicht ICH bin, die ihn erwachsen gemacht hat. Das hat er ja selbst gemacht und er selbst bestimmt, dass er jetzt (im Moment) erwachsen ist. Ob da nochmal Pubertät kommt, verrät er mir ja auch nicht. Ob das, was er jetzt an Verhalten zeigt, die „endgültige Version“ seines Charakters ist – wer weiß?

Ich weiß nur, dass meine Ausbildungsziele sich ändern und ich jetzt lernen muss, neu zu denken. Auf dem Reitplatz so mit ihm zu arbeiten, wie ich es mit Diego und Merlin tue. Im Gelände so mit ihm unterwegs zu sein, wie ich es mit Finlay war. Nicht mehr ständig alles abzuscannen auf mögliche Störungen, nicht mehr ständig aufpassen zu müssen auf grundsätzliches Benehmen (weil grundsätzliches Benehmen bei ihm jetzt genauso sicher oder unsicher ist wie bei Merlin oder Diego). Mich auf meine gut geübten Kommandos verlassen, so weit man sich bei einem Lebewesen eben darauf verlassen kann. Und verstehen: mein kleiner großer Duncan ist erwachsen. Zumindest im Moment.

Mal sehen, was diese neue Phase uns zu bieten hat. Wie viel Lust er hat, an Details zu feilen. Wie viel Abwechslung er braucht. Und ein neues Abenteuer habe ich auch in petto, aber dazu kommen wir erst später, nach gründlicher Vorbereitung.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 303

Heute haben mein Mädchen und ich mal was neues ausprobiert: Reiten mit Gebiss. Ihr wisst schon, damit sind nicht meine Zähne gemeint, sondern das Metalldings was ich ins Maul nehmen kann. Wir haben damit ein paar mal Handarbeit geübt, damit ich verstehe was mein Mädchen mir damit sagen will. Inzwischen hab ich das schon ganz gut raus und deswegen wollte mein Mädchen das mal beim reiten probieren. Natürlich hab ich wieder alles ganz großartig gemacht, wie es nun mal so meine Art ist! Sie kann mich jetzt schon ganz fein lenken und ich bin viel besser im Gleichgewicht. Dann haben wir noch ein Schulterherein versucht, nicht so irgendwie und irgendwo sondern schön akkurat an der langen Seite. Das war etwas kompliziert, aber immer wenn ich es richtig gemacht habe, gab es einen Keks.

Zum Abschluss haben wir noch einen kleinen Trab gewagt und mein Mädchen war super stolz weil ich mich auch im Trab schon so fein lenken lasse. Und weil ich also wieder mal der beste Schotte diesseits der Regenbogenbrücke war, hat sie mir das Equipment abgenommen und ich durfte noch ein bisschen förstern auf dem Reitplatz. Das machen wir jetzt neuerdings so! Und ich finde das großartig, wo wir Ponys doch jetzt nicht mehr auf die Weide dürfen.

Während ich geförstert habe, hat mein Mädchen rumstehen geübt. Ich muss zugeben: sie wird besser! Sie versteht mich jetzt viel besser und weiß wo ich gern will dass sie steht und wo nicht. Sie sagt ich bin auch besser geworden, weil ich mich jetzt klarer ausdrücke.

Dann hat sie angefangen zu lachen und gesagt, sich sei doch ein waschechtes Highlandpony! Na klar, aber warum fällt dir das genau jetzt auf? Weil ich mit meinen Hufen auf den bunten Schaumstoffdingern rum stand. Ja, da war halt das leckerste Gras! Und dann ist der Rest halt einfach egal. Da sind wir Schotten pragmatisch und ich weiß gar nicht, was es da zu kichern gibt!

Die Schaumstoffdinger flippen lustig hoch wenn man drauf tritt.

Schließlich hat sie mich dann gerufen und war schon wieder voll entzückt, weil ich gleich gekommen bin.

Jetzt aber schnell!

Aber jetzt verrate ich euch ein Geheimnis: die letzten beiden Male war es so, dass sie mich erst gerufen hat und wenn ich dann gekommen bin, durfte ich gleich wieder grasen. Hab ich mir genau gemerkt! Beim zweiten Rufen ist dann Schluss mit grasen, dann muss ich zurück in den Paddock. Deswegen komme ich beim ersten mal schnell angesaust und beim zweiten Mal lasse ich mich kurz ein bisschen bitten. Bin ja nicht blöd! Aber mein Mädchen findet mich trotzdem toll und meint, so ganz perfekt vom essen weg kommen wäre ja auch wieder untypisch für Schotten. Eben. Und so sind wir uns mal wieder in allen Punkten einig und hatten einfach eine gute Zeit zusammen.

Euer echt schottischer Sir Duncan Dhu of Nakel

Basis

Ich habe einen neuen Lieblingsspruch gefunden (leider weiß ich nicht von wem er ist):

A beginning rider wants to work on intermediate horsemanship. An intermediate rider wants to work on advanced horsmanship, but an advanced horseman works on the basics.

(Frei übersetzt: ein Reitanfänger möchte an fortgeschrittenen Dingen arbeiten, der fortgeschrittene Reiter möchte an den Dingen für Könner arbeiten, aber der Könner arbeitet an den Grundlagen)

Grundlagen, immer wieder. Eine wunderschöne Darstellung dazu gibt es auch von Karen Rohlf, die die Ausbildung des Pferdes als Spirale zeigt, in der man immer wieder an den selben Punkten vorbei kommt, nur jedes Mal eine Ebene höher.

Und so arbeiten mein kleiner großer Duncan und ich an den Grundlagen. Mein momentanes Steckenpferd ist die Handarbeit – endlich ist es mal von Vorteil, dass mein Pony nur 1,40m groß ist! Da kann ich locker neben her laufen und trotzdem noch gut sehen was im Rest der Welt los ist und wo wir da seitwärts so hinschweben (*räusper* – von schweben sind wir meist noch weit entfernt).

Aber dann sind da diese Momente in denen ich merke: die Arbeit zahlt sich aus. Kleine, magische Momente. Zum Beispiel gestern, als wir schön auf dem Reitplatz gearbeitet hatten (naja, schön ist relativ. Sagen wir so: Duncan hat alles richtig gemacht und ich habe gelernt, was ich besser machen kann). Ich wollte ihn gern extra belohnen für seine Mühen mit mir. Habe ihm das Zaumzeug abgenommen und ihn im Eingangsbereich grasen lassen. Das habe ich bisher ungefähr 3 mal gemacht, vorher habe ich mich das nicht getraut. Dazu muss ich etwas ausholen, warum ich mich nicht getraut habe:

Unser Reitplatz ist von einem kleinen Wall umgeben, auf dem natürlich allerhand Grünzeug wächst. Hinter dem Wall befindet sich unser kleiner Rundlauf, also ein Zaun. Nun habe ich mit Finlay ja immer frei gearbeitet und die Erfahrung gemacht, dass mein Pony wunderbar auf den Wall springen kann und von dort auch auf der anderen Seite wieder runter, dabei den Zaun schreddern (dort ist Glattdraht gespannt, der sofort kaputt geht wenn ein Pferd rein läuft) und dann wilde Sau auf dem Paddock spielen. Mein Finlay hat damals schnell kapiert, dass ich nervös werde wenn er auf dem Wall herum turnt und hat das weidlich ausgenutzt um mit mir „Katz und Maus“ zu spielen. Hatte ich schon erwähnt, dass Finlay Spaß am Streiten hatte? Deswegen war ich bisher, was Duncan angeht, nicht mutig genug, ihn frei auf dem Reitplatz zu lassen. Ich befürchtete, wenn er einmal kapiert hat, dass man mich da schön auflaufen lassen kann und sehr viel länger fressen kann als geplant, habe ich mir ein großes Problem erschaffen.

Andererseits finde ich es immer schön, meine Pferde zur Belohnung auf dem Reitplatz grasen zu lasse, denn so assoziieren sie den Ort nicht nur mit Arbeit, sondern eben auch mit Pause und Freizeit. Und deswegen wusste ich: irgendwann tu ich das. Und da verlasse ich mich ganz auf mein Gefühl. Das kam dann früher als geplant, eben gestern. Zaumzeug runter, Duncan darf grasen, ich mache Freedom Based Training. Eine Viertelstunde arbeitet Duncan sich Schritt für Schritt am Rand des Reitplatzes entlang. Danach rufe ich ihn und er kommt angetrabt, darf am Eingang nochmal kurz grasen während ich das Tor zum Paddock auf mache, ich rufe ihn wieder, er kommt (nach kurzem Gertengewedel meinerseits als Erinnerung dass rufen = kommen ist) und bekommt im Paddock einen Jackpot (Tasche leeren, alle Leckerlis die noch drin sind für ihn auf dem Boden verstreuen.)

Alles hat fantastisch geklappt und ich habe Duncan gesagt, dass es jetzt an ihm liegt, ob wir das öfter so machen. Privilegien muss man sich verdienen und wenn er das ausnutzt, wird es nicht mehr stattfinden. Ehrlich gesagt glaube ich, dass diese Botschaft bei Duncan durchaus ankommt (bei Finlay ist sie nie angekommen. Charakterfrage, glaube ich). Da ich mit Duncan auch beim Spazierengehen schon immer sehr daran gearbeitet habe, dass Grasen nur bei bestem Benehmen erlaubt ist, glaube ich, er hat das gut verinnerlicht. Wir werden sehen!

Ich vertraue darauf dass er seine neues Privileg nicht ausnutzt.

Als ich ihn dann rein geholt habe, kam noch ein Bonus oben drauf: eine abgeschnittene (und sträflicher weise noch nicht weg geräumte) Brombeerranke verhakte sich in Duncans Schweif und zwar so, dass sie auch noch halb zwischen seinen Hinterbeinen hing. Wie ein Storch im Salat stocherte Duncan an mir vorbei und schaute sehr unglücklich. Auf mein „hoooo“ blieb er aber sofort stehen und ließ sich („waaaarte“) in aller Ruhe die stachelige Last entfernen.

Auch eine fiese Brombeerranke kann ungeplant zur Basis beitragen

Es sind diese Situationen, die mir Mut machen. Diese Momente in denen ich sehe: Grundlagen sind da. Gleichzeitig sind das die Momente in denen ich einen weiteren Punkt auf die Liste „Lebenserfahrung“ schreiben kann, denn das ist es, was wir jetzt brauchen, Duncan und ich. Er braucht Lebenserfahrung im Sinne möglichst vieler Situationen die einem eben so begegnen können und ich brauche Duncan-Erfahrung im Sinne möglichst vieler Situationen in denen ich sein Verhalten sehe, damit ich es besser einschätzen kann. „Wieso?“ höre ich Euch fragen „Du beobachtest sein Verhalten doch schon seit 3 Jahren?“ Das stimmt, aber er ist unglaublich viel erwachsener geworden und das Verhalten von einem Jährling ist nicht das eines 2jährigen und das Verhalten eines 3jährigen ist nicht das eines 4jährigen. Jetzt ist Duncan aber in einem Alter, in dem ich vermute, dass sich nicht mehr soooooo viel ändert (außer dass er eben erfahrener wird).

Je öfter ich erlebe, dass er auch in kniffligen Situationen (ein gefühlter Bär im Gebüsch, eine Dornenranke zwischen den Beinen, fremde Pferde die uns entgegen kommen, wilde Waldwege mit ungeplanten Abstechern ins Unterholz etc) die Nerven bewahrt, desto mehr Zutrauen habe ich. Je öfter er erlebt, dass ich ihm in kniffligen Situationen helfe, desto mehr Zutrauen hat er zu mir. Je mehr er erlebt, dass wir in kniffligen Situationen gemeinsam das beste draus machen, desto mehr Zutrauen hat er zu uns als Team und auch zu sich selbst. Und das ist die Grundlage, zu der ich immer wieder zurück komme.

Diese Basis übt man nicht mit bestimmten Übungen. Kein Schulterherein, keine Führübung, auch kein Schrecktraining kann alltägliche, gemeinsame Lebenserfahrung ersetzen. Aber eine solide Grundausbildung – also das Verständnis der Sprache des jeweils anderen und die Akzeptanz des Pferdes für die Tatsache, dass ich die meisten Entscheidungen für uns beide treffe – ist unerlässlich um solche Lebenserfahrungen gemeinsam zu sammeln. Und während wir sie sammeln, stärkt sich wiederum die Basis.

Und so zähle ich uns zu den Könnern, denn wir machen keine fortgeschrittenen Übungen. Wir arbeiten an den Grundlagen. Und wenn wir später fortgeschrittene Übungen machen – das habe ich von Merlin, Diego und Finlay hinreichend gelernt – dann arbeiten wir in den fortgeschrittenen Übungen an den Grundlagen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 302

Neulich war wieder „Regenwurmumzugstag“. Das ist weder für uns noch für die Regenwürmer ein schöner Tag, aber es ist eben notwendig und für die Weide ist es „Futtertag“. Und weil ich die Weide mag, gönne ich ihr den natürlich auch.

Aber jetzt muss ich euch das wohl mal erklären: wir Ponys bekommen Heu (von einem Bauern irgendwo aus der Nähe) und Gras (von unserer Weide) zu fressen. Wir machen dann daraus Wärme, Fell, Energie und wenn was übrig bleibt auch Speck. Dabei fallen Reste an, die wir fein säuberlich in Äppelhaufen über den Paddock und die Weide verteilen und die unser Mädchen immer einsammelt und auf den Misthaufen wirft. Für uns Ponys fühlt sich das immer so an als wäre es dann erledigt, aber auf dem Misthaufen herrscht reges Treiben! Dort wohnen unsere Freunde die Regenwürmer (und wohl auch noch ein paar andere Tiere, die aber zu klein sind als das man sie sehen könnte. Ach und manchmal unsere Ringelnatter aber die hat jetzt mit dieser Geschichte nicht so viel zu tun, die hat es nur so gerne warm).

Die Regenwürmer finden das, was wir übrig lassen, sehr lecker und verspeisen es ihrerseits nochmal (kann man jetzt drüber denken wie man will). Unser Misthaufen besteht aus zwei Teilen: ein frischer und ein alter. Der frische ist der, wo mein Mädchen unsere Äppel hin kippt. Der alte ist der vom letzten Jahr – das ist quasi ein riesiger Haufen Regenwurmscheiße wenn ihr so wollt. Wobei das nicht ganz stimmt denn die Regenwürmer wohnen da auch noch drin und machen munter weiter mit der Verwertung. Also ich glaube so reinlich wie wir sind die nicht.

Jedes Jahr im Herbst müssen die Regenwürmer dann umziehen – mitsamt ihrem jeweiligen Haufen. Der alte Haufen wird dann auf der Weide verteilt – die Weide wiederum mag nämlich Regenwürmer und ihre Hinterlassenschaften sehr gern und freut sich darüber. Die Regenwürmer helfen der Weide, das Zeug nach und nach in den Boden ein zu arbeiten und die Weide macht dann daraus neues Gras für uns und obwohl das nicht so lecker klingt, schmeckt es dann doch wieder fantastisch!

Der frische Haufen Mist wird dann einmal von links nach rechts geschaufelt und ist ab sofort der alte Haufen, auf den keine neuen Äppel mehr geworfen werden dürfen. Die Regenwürmer fühlen sich von der Aktion immer sehr gestört und wuseln wild durch die Gegend, aber da müssen sie durch, sagt mein Mädchen.

Unsere Freunde, die Regenwürmer

Weil es so ein großer Haufen ist, brauchen die Menschen den Trecker zum umschichten und einen zweiten Trecker zum Verteilen auf der Wiese. Und den Nachbarn. Und weil dann so viel los ist müssen wir Ponys den Tag im Stall verbringen. Wir werden in die Halle gesperrt, kriegen da unser Heu und müssen abwarten. Stundenlang, bis alles endlich fertig ist. Laaaaaaaangweilig! Zum Glück sind wir wenigstens alle zusammen, so dass ich zur Not jemanden ärgern kann. (Popo-Kneifen, ihr wisst schon!)

Ich bin ja nicht mehr so wild wie früher. Statt mit Popo-kneifen hab ich mir die Zeit mit Fellpflege vertrieben.

Wenn alles fertig ist, dürfen wir wieder raus. Dann sieht unser Paddock ziemlich verwüstet aus, aber das gibt sich mit der Zeit wieder. Und mein Mädchen schaut auf die Wiese, wo der alte Mist liegt und träumt schon mal von der nächsten Weidesaison wenn – so hofft sie – dort üppig Futter für uns wächst. Dann sagt sie, die Regenwürmer sind unsere Freunde entschuldigt sich bei ihnen für die Unannehmlichkeiten und verspricht, sie ein Jahr lang in Ruhe zu lassen.

Fertig umgezogen, jetzt habt ihr ein Jahr Ruhe!

Und ich habe das Gefühl, dass hier immer im Kreis gegessen wird. Aber dann höre ich einfach auf, darüber nachzudenken und freue mich aufs Frühjahr, wenn ich wieder auf die Weide darf. Dann sieht man die Regenwurmscheiße nicht mehr und alles ist grün und schön und lecker.

Schön auf der Weide verteilt

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (Freund der Regenwürmer)