Tabellenkalkulation

Alle Jahre wieder geht es für mich um diese Jahreszeit an die Heu-Planung. Wie viel Heu ist noch da, wie viel werden wir noch verfüttern, wie viel werde ich kaufen müssen, wo bekomme ich Heu? Da dieses Jahr alles noch etwas komplizierter ist, weil Duncans Spaziergehkumpel und seine Freunde sich auch an unserem Heuschober bedienen, habe ich mit einer Tabelle herumgewerkelt. Herumgewerkelt trifft es dann auch. Eine schöne, logische, saubere Excel-Tabelle zu erstellen ist so verdammt schwierig und ich habe keine Ahnung davon, so dass ich mir da kurz was hinstümpere, nur um ungefähr den Überblick zu bekommen. De facto ist meine Excel-Tabelle nicht besser als es wäre, wenn ich alles auf einen Zettel kritzele und mir den Taschenrechner daneben lege. Wenn ich wirklich für langfristige Aufzeichnung eine schöne Tabelle brauche, frage ich meinen Mann, der bastelt mir eine. Aber in diesem Fall lohnt sich das meiner Meinung nach nicht.

Dabei finde ich diese Tabellen unglaublich faszinierend. Selbst die einfache Datei, in der ich meine Einnahmen notiere, bringt mich schon immer zum Staunen: vier Tabellen in einer Datei und Excel kann beliebig Bezüge herstellen von hier nach da, hat alles im Blick und „verguckt“ sich nie. Tolles Teil. Andererseits ist das Programm aber auch stur. „Falscher Bezug“ hier, „durch Null teilen geht nicht“ da und manchmal zeigt er nur fiese kleine Rauten und lässt mich im Dunkeln tappen warum. Und wehe man vertut sich bei der Rechnerei. Excel rechnet das, was ich ihm vorgebe. So dass ich gestern bei der Berechnung der Heumenge plötzlich heraus bekam, dass mein (noch sehr großer) Heuvorrat in 17 Tagen verfüttert sein wird. Das hat mir den Schweiß auf die Stirn getrieben, bis ich heraus gefunden hatte, wo der Fehler liegt (keine Sorge, es ist noch genug Heu da bis Anfang September. Wer teilt wo er multiplizieren sollte…… na lassen wir das). Excel weiß nicht was ich da rechne und es ist dem Computer auch echt egal. Heu, Futterbestellungen, Einnahmen, Ausgaben, das hat keine Bedeutung. Excel weiß nicht worum es geht und sagt mir daher nicht „hör mal, Mädchen, da muss ein Fehler in Deiner Gleichung sein, sonst käme da doch was ganz anderes raus.“ Und wenn ich durch Null teile sagt Excel auch nicht „bestimmt trägst Du da gleich noch eine Zahl ein, ich warte mal ab“ sondern motzt mich sofort an weil ich eine mathematische Todsünde begehen will. Wer Excel bedienen kann, kann mit etwas guter Vorbereitung zaubern. Wer es nicht kann (wie ich) kann verzweifeln.

Und manchmal, wenn ich mit Pferden arbeite, erinnert mich ihr Verhalten daran. Dem Pferd ist meine Übung erst mal herzlich egal. Es tut das, was Erfolg verspricht. Dabei errät es keineswegs das, was wir wollen – auch wenn es bei geschicktem Training so aussieht – sondern es hat eine genaue Tabellenkalkulation im Kopf. Verhalten und Erfolg (durch Futter, Pause oder sonstige Annehmlichkeiten) sind stramm miteinander verknüpft. Das fatale für uns Menschen ist, dass sie genauso „stur durchrechnen“ wie Excel. Was wir eigentlich WOLLEN spielt keine Rolle. Mein Lieblingsbeispiel ist dabei das „Belohnen für eine Korrektur“. Angenommen, mein Pferd soll still stehen. Da steht es nun. Dann geht es vorwärts – ungefragt. Ich schicke es wieder zurück an seinen Platz. Und dann – weil es so großartig rückwärts gegangen ist, gebe ich ihm einen Keks.

Ihr meint, so etwas dummes passiert einem nicht? Ich kann Euch sagen, es passiert andauernd. Und was lernt das Pferd? Vor gehen, sich zurück schicken lassen, Keks kassieren. Stillstehen hat es nicht gelernt – ganz im Gegenteil. Das Problem dabei ist: wir Menschen sehen oft nur diese ganz kleinen Zusammenhänge – wenn überhaupt. Das Pferd hat aber oft die GANZE Datei im Blick – mit all den einzelnen Tabellen die darin gespeichert sind. Ich versuche mal, Euch ein Beispiel zu geben, aber auch das wird noch ein harmloses sein, es geht durchaus noch viel komplexer.

Ich arbeite mit meinem Pferd auf dem Reitplatz. Dazu mache ich es erst mal warm, also mache ich einfache, langsame Übungen, die nicht viel Einsatz erfordern. Nach und nach steigern wir uns. Die Übungen werden schwieriger und kräftezehrender. Ich lobe mein Pferd viel und für besonders gute, schwierige Übungen bekommt es Kekse. Am Ende der Einheit reite ich etwas Schritt am langen Zügel, dann reite ich zum Ausgang, steige dort ab und führe mein Pferd zurück. Am Stall bekommt es dann die Schüssel mit dem Zusatzfutter. So ähnlich läuft es bei vielen Menschen ab. Und ich sehe viele Pferde, die diesen Ablauf genau kennen – und je nach Temperament unterschiedlich darauf reagieren. Das eine Pferd bietet von Anfang an ungefragt schwierigere Lektionen an – dafür gibt es nämlich Kekse! – das andere Pferd zieht zum Ausgang, wenn es keine Lust mehr hat. Denn dort steigt der Reiter ab und danach gibt es den Jackpot in Form der Schüssel! Manches Pferd sagt einfach von Anfang an, dass Schritt am langen Zügel sowieso die letzte Übung in der Kette ist und man den Rest ebenso gut weg lassen kann.

Und das ist nur eine kleine, einfache Tabellenkalkulation. Wenn wir es bemerken, können wir solche Dinge für uns nutzen. Den oben beschriebenen Ablauf habe ich mir zu Nutze gemacht um Merlin den Galopp schmackhaft zu machen. Aufsteigen, Schritt und Trab reiten, dann einmal angaloppieren – sofort Feierabend und Schüssel. Bis er anfing zu fragen, wann wir denn galoppieren wollen. Dann konnte ich langsam steigern.

Wenn ich in der Hufpflege ein Pferd habe, das aufgrund von Schmerzen nicht gut stehen kann, stelle ich folgende Regel auf: ich hebe einen Huf. Das Pferd darf ihn mir jederzeit wegnehmen und abstellen, aber ich hebe ihn dann wieder hoch. Erst, wenn der Huf so lange oben war wie ich das wollte und ich ihn absetzen konnte, gehe ich an einen anderen Huf. Das verschafft große Erleichterung, weil das Pferd mal anders belasten kann, so motiviere ich das Pferd schnell, den Huf so lange oben zu lassen wie möglich. Dadurch, dass es mir den Huf wegnehmen darf, bekomme ich aber auch einen realistischen Eindruck, wie lange es diesen Huf halten kann, so dass ich es nicht überfordere. Ich will nur, dass es mit mir zusammenarbeitet anstatt gegen mich, denn das macht unser beider Leben leichter. Während Menschen oft eine Weile brauchen, um die Logik zu verstehen, lernen die meisten Pferde das ziemlich fix. Und das ist die Krux, denn die Pferde lernen auch dann solche Zusammenhänge, wenn wir sie gar nicht bewusst erschaffen und – schlimmer noch – wenn wir sie noch nicht einmal erkennen. Und sie fragen nicht, ob das was sie tun, richtig ist. Sie rechnen nur aus, wo sie mehr Erfolg haben. Das klingt für viele für Euch vielleicht jetzt sehr unromantisch, ist aber einfach dem geschuldet, dass jedes Tier sehen muss, wie es am besten überlebt. Es ist das „survival of the fittest“ – das Überleben dessen, der am besten angepasst ist – was dieses Verhalten hervorgebracht hat. Je mehr man im Blick hat, welches Verhalten welche Konsequenz hat, desto besser kommt man durchs Leben. Und das geht weit über „wegrennen wenn der Puma kommt“ hinaus, denn Herdenleben ist komplex und Pferde leben in der Natur auf riesigen Arealen, müssen wissen wann sie ans Wasserloch können und wann nicht, wann welche Pflanze wo wächst, wie sie ihre Fohlen am besten schützen und so weiter.

Es mag Pferde geben, die vom Umgang mit dem Menschen so verwirrt sind, dass dieser Überblick verloren gegangen ist, weil Menschen sich jahrelang unbeständig verhalten haben. Diese Pferde wirken dann stumpf oder dumm. Wenn man sich aber beständig verhält, werden auch diese Pferde Zusammenhänge schnell erkennen.

Viel öfter ist das Problem der Mensch, der sich beständig verhält, ohne es zu merken. Sich dann anders zu verhalten, ist verdammt schwer. Eine Schülerin, die ein Pferd hat, das gern mal mit dem Huf scharrt, erklärte mir stolz, dass sie jetzt immer wartet, dass das Pferd den Huf abstellt und erst DANN gibt es das Leckerlie. Tja, da musste ich sie mal kurz desillusionieren. Denn das Pferd lernt den GANZEN Ablauf. Scharren, abstellen, Keks kassieren. Und am schwersten fällt es uns Menschen ja immer, zu bemerken, dass etwas NICHT passiert. Eben jenes Pferd, wenn es jetzt mal 30 Sekunden still stünde ohne zu scharren. Ich würde ziemlich hohe Wetteinsätze darauf geben, dass der Mensch das nicht bemerkt. Bestes Beispiel hier ist das Pferd das ruhig am Strick steht während man sich unterhält. Das Pferd wird so lange keine Aufmerksamkeit von seinem Menschen bekommen, wie es artig ist – auch hier sind meine Wetteinsätze hoch. Wenn es dann rumhampelt, bekommt es wahrscheinlich einen Rüffel. Und dann steht es kurz still und – weil der Mensch jetzt aufmerksam ist – kassiert anschließend den Keks (ersetze Keks beliebig durch Lob, Krauleinheit, Ende der Übung…..).

Ach ja, Tabellenkalkulation ist was tolles – aber nur, wenn man weiß, was man tut…..

Gemeinsam müde

Nachdem wir neulich schon geübt haben uns gemeinsam zu fürchten, hatten wir vergangene Woche zwei Erlebnisse, die uns ein bisschen an unsere Leistungsgrenze gebracht haben.

Es gibt einen Pferdetrainer, der sagt, er geht nur dann zum Pferd, wenn er „mental, körperlich und emotional fit“ ist. Hm. Das klingt nach einem tollen Vorsatz! Wenn ich aber ehrlich bin: wenn ich mich daran halten würde, wäre ich sehr selten am Pferd. Und damit auch sehr selten arbeiten. Ich würde sehr viel mehr Zeit mit Yoga, Ausdauertraining und Meditation verbringen als bei meinem Pferd. Vielleicht ist es eine Frage der Definition: was heißt „mental, körperlich und emotional fit“? Da sind ja doch ein paar Abstufungen möglich. Ich stimme insofern mit dieser Aussage überein als ich finde, es ist nicht fair, beim reiten zu sitzen wie ein Kartoffelsack, weil man sonst keinen Sport macht, beim Verladetraining ein eigenes Trauma mitzuschleppen und sich keine Hilfe zu holen und beim Ausbilden seines Pferdes an den Streit mit dem Ehepartner zu denken. Ja, natürlich überlege ich, was an welchem Tag möglich ist. Aber Duncan und ich, wir wollen auf Distanzritt. Und ganz ehrlich: wenn man dann mal so ein paar Stunden draußen unterwegs war, vorher schon früh aufgestanden ist, viel Aufregung, viel Organisation und Stress hinter sich hat und sich dann in fremdem Gelände orientieren muss, dann ist man einfach nicht mehr fit. Beim Distanzreiten reitet man ja die langen Strecken auf dem „Turnier“. Man übt nicht 50km bevor man 50km reitet. Man reitet kontinuierlich verschiedene Trainingsritte, mal lange, mal schnelle, aber die 50km so schnell wie man sie im Wettbewerb reitet, das macht man vorher nicht. Anders als in (allen?) anderen Turniersportarten. Denn Distanzreiten ist der „Marathon zu Pferde“ und einen Marathon läuft man ja in der Regel auch nicht zu hause zum üben. Man trainiert so weit, dass man glaubt, es zu schaffen, dann fährt man zum Wettkampf und läuft weiter und schneller als je zuvor. Und jeder Wettkampf ist gleichzeitig ein Trainingslauf.

Und das bedeutet: man kommt mental, körperlich und auch emotional an die eine oder andere Grenze. Mensch und Pferd. Und dann? Dann müssen wir das beide überleben. Und da Duncan bisher nach jeder Herausforderung fand, es sei großartig gewesen und wir könnten das gern wiederholen, wird er ein gutes Distanzpferd werden (das glaube ich zumindest) und ich vermute ja, dass ER es sein wird, der MICH dazu anstiftet, weiter und schneller unterwegs zu sein. Das tut er ja nun schon seit 1,5 Jahren sehr erfolgreich. Wer hätte gedacht, dass ich mal freiwillig 10km zu Fuß gehen würde? Na ich nicht.

Als wir am Sonntag so unterwegs waren und einen sehr abenteuerlichen Wegabschnitt hinter uns gebracht hatten, die Strecke immer länger wurde und mich langsam die Kräfte verließen, da war auch Duncan schon ganz zufrieden. Müde sah er nicht aus, nur zufrieden und entspannt. Und wie wir da so laufen, endlos geradeaus, da habe ich ihm meinen Arm auf den Rücken gelegt, wie ich es manchmal so mache beim Spazierengehen. Aber diesmal ist etwas wunderbares passiert: Duncan rückte ein Stück an mich heran, so dass ich mich wirklich an ihn anlehnen und mich abstützen konnte und wir haben einen Rhythmus und eine Balance gefunden wie wir so nebeneinander her gehen konnten und er mich unterstützt. Und es hat sich auch wirklich genau so angefühlt, als würde er mich bewusst unterstützen.

Ich wollte das nicht zu lange ausnutzen und habe dann die Seite gewechselt – nur um festzustellen dass es auf der anderen Seite nicht geht. Da will er mich nicht so nah haben. (Intermezzo: Interessanterweise ist das übrigens seine rechte Seite und fast alle Pferde die ich kenne wollen einen auf der rechten Seite nicht so nah haben. Ich sage meinen Schülern immer, sie müssen die rechte Seite viel mehr üben, aber bei Duncan, der mich monatelang lieber rechts hatte als links, hat sich das Seitenverhältnis plötzlich grundlos (?) gedreht und er möchte mich lieber links haben als rechts….. was natürlich bedeutet dass ich rechts mehr üben werde. Aber ob er mir rechts anbieten wird, mich zu stützen, das muss die Zeit zeigen.)

Als ich aber auf der linken Seite war und er mich so lieb unterstützt hat, da war das ein magischer Moment. Ein Moment in dem ich fühlen konnte: er ist schon erwachsen genug um wahr zu nehmen wie es mir geht und darauf auf eine freundliche und hilfreiche Art und Weise zu reagieren. Er kann nicht nur damit leben, dass ich müde und abgekämpft bin, er kann und will mir helfen. Und das ist ein wundervolles Gefühl…

Zwei Tage später sind wir wieder unterwegs, diesmal üben wir – zum zweiten Mal in unserem Leben – das fahren vom Boden im Wald ohne Sicherungsstrick. Und was für ein Erlebnisausflug das war! Da waren einige Schreckmomente zu überstehen, einige Chaosmomente und zu guter Letzt haben wir auch noch eine Abzweigung verpasst, so dass wir eine Schleife doppelt marschiert sind. Die Nerven lagen blank, wir waren ziemlich durch. Gemeinsam zu überleben, dass wir geistig müde sind, dass jeder vielleicht ein bisschen heftiger reagiert als normal, dass wir uns nicht mehr so gut wahrnehmen, nicht mehr so gut aufeinander eingehen können, auch das war eine Form von Magie. Es war kein schönes Gefühl, aber im Nachhinein sind wir zusammengewachsen. Wir haben das geschafft und das macht uns beiden Mut für die nächsten Abenteuer.

Abenteuer bei denen wir uns gegenseitig unterstützen oder – wenn es hart auf hart kommt – überleben, dass wir beide nicht mehr fit sind. Abenteuer, bei denen wir gemeinsam an Grenzen gehen können, körperlich oder geistig, und immer noch zusammenarbeiten anstatt gegeneinander.

Und weil wir diese kleinen Dinge geschafft haben, haben wir Mut für Größeres. Auch wenn wir beide nicht immer „mental, körperlich und emotional fit“ sind.

Sein Blick sagt alles. Mir scheint, gemeinsame Abenteuer sind sein Lebenselixier!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 130

(Alles was im Text bunt und unterstrichen ist, könnt Ihr anklicken und dann könnt Ihr die Geschichte dazu nochmal lesen)

Liebe Menschen, jetzt schreibe ich schon über ein Jahr für Euch Tagebuch! Den Jahrestag hab ich doch glatt verpasst! In dem Jahr war aber auch ganz schön was los bei mir! Ich bin sooooo viel gewachsen, mein Wallehaar ist schon ganz hell geworden und ich hab unglaublich viel gelernt! Ich kann jetzt wippen (so herum und anders herum!) und so tun als würde ich vor der Kutsche laufen, ich kann allein spazieren gehen, allein in der Wackelkiste stehen und meine Hufschuhe kann ich nicht nur tragen, sondern mein Mädchen sagt auch, ich hätte das mit dem Anziehen voll raus (das ist nämlich nicht so einfach! Als Pony muss man da genau wissen wann das Bein hoch muss und wann man den Fuß am Boden lassen soll während der Mensch die Schnallen schließt!). Ich war mit Diego dem Großen und unseren Menschen auf Abenteuerurlaub und mit meinem Spaziergehkumpel auf einem Ponyspielplatz. Ich bin durch Büsche gekrochen und habe Schafe gezählt, habe das Picknick getragen und meinen ersten Hundertmeiler bestritten. Ich wurde sogar portraitiert! Ich kann als Handpferd laufen, aushalten, dass mein Spaziergehkumpel Kekse kassiert dafür dass er sein Mädchen trägt während ich keine Kekse bekomme weil ich angeblich zu klein bin um mein Mädchen zu tragen. Ich kann im Roundpen frei um mein Mädchen herum laufen in der richtigen Gangart im richtigen Tempo auf der richtigen Kreisgröße (was richtig ist, sagt mein Mädchen – warum eigentlich?). Ich habe Diego das Spielen beigebracht (da hab ich ihm gesagt was richtig ist!), habe gruselige Momente auf der Autobahnbrücke und mit Cerberus, dem Höllenhund überlebt, war ganz oft artig, gelegentlich unartig und manchmal pubertär, habe beim Absammeln und beim Müll sammeln geholfen, habe die Fitness meines Mädchens schon beträchtlich steigern können und ihr Herz repariert (ganz nebenbei hab ich das gemacht). Und jetzt möchte ich wissen, was Euch am besten gefallen hat von allem was ich Euch im vergangenen Jahr erzählt habe!

Was wird wohl das nächste Jahr für uns alle bringen? Mein Mädchen hofft, dass nächstes Jahr um diese Zeit bei Euch Menschen wieder alles im Lot ist. Aber sie sagt, sie wird auf jeden Fall weiter mein Tagebuch tippen, weil es ihr Spaß macht und Euch hoffentlich auch. Ich werde Euch also auf dem laufenden halten. Ich werde weiter wachsen und erwachsen werden, noch furchtloser und – wenn es denn überhaupt möglich ist – noch schöner. Und in ein paar Wochen passieren hier sehr spannende Dinge aber psssssst die sind noch streng geheim!

Ich hoffe wir machen noch viel mehr schöne Ausflüge als im vergangenen Jahr. Ausflüge kann ich einfach nicht genug haben! Mein Mädchen hofft, dass die Menschen Sonntags bald wieder andere Dinge zu tun haben als „durch die Pampa zu rennen“ (so sagt sie das) weil sie findet, es sind viel zu viele Leute da draußen unterwegs.

Also, liebe Menschen, lasst mich wissen was Euch am besten gefallen hat und auch, wovon ich Euch mal was erzählen soll!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 129

Ach so ein schöner Sonntag! Wir sind in einen neuen Wald gefahren, den wir alle noch nicht kannten. Mein Mädchen hatte wieder alles genau geplant (Ihr wisst ja: sie plant einfach zu gerne!). Aber diesmal war dann alles anders als geplant! Das kam so: hier bei uns in Schleswig-Holstein darf man im Wald ja leider nur da reiten wo es ausdrücklich erlaubt ist. Und da mein Mädchen sehr brav ist, geht sie auch zu Fuß mit mir nur da wo es erlaubt ist. Nun hatte sie eigentlich eine Runde ausbaldowert anhand einer Reitwegekarte. Aber in natura sah das irgendwie anders aus! Also haben wir uns an den Schildern entlang gehangelt. Zwischendurch wurde der Weg ganz schön abenteuerlich und mein Mädchen hat wieder ordentlich Angst gehabt, dass ich mir wehtun könnte. Ach Mädchen, ich kann das!

Das weniger abenteuerliche Ende vom sehr abenteuerlichen Weg…. unterwegs konnte mein Mädchen kein Foto machen weil wir auf uns aufpassen mussten!

Als wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten, hat sie erst mal geschaut ob meine schicken Schuhe noch alle da sind. Jawoll, die saßen noch einwandfrei und haben damit einen ersten echten Passformtest mit Bravour bestanden. Dann ging es weiter, immer den Schildern nach. Zwischendurch, wenn wir mal die Wahl hatten, weil da mehrere Schilder waren, hat mein Mädchen ihr Handy gefragt. Gegen Ende waren wir dann alle schon ein bisschen müde, da habe ich mein Mädchen zum ersten Mal getragen! Nein nein, sie hat nicht auf meinem Rücken gesessen. Dafür bin ich ja (angeblich) noch zu klein. Aber sie hat mir ihren Arm über den Rücken gelegt und ich bin ganz nah neben ihr her gelaufen so dass sie sich ein bisschen abstützen konnte. Das fand sie toll und hatte ganz viele Herzchen in den Augen! Hatte sie heute aber sowieso die ganze Zeit weil ich soooooooo schön entspannt war und gar keine Pubertät hatte.

Kleine Pause – anstrengend war das heute! Aber ich mag das, das macht mich ganz zufrieden.
Der Mann könnte ja auch reiten. Aber er läuft trotzdem meistens. Das finden Diego und mein Mädchen sehr nett!

Als wir dann wieder zu hause waren, waren wir alle rechtschaffen müde. Jetzt schmause ich erst mal die größte Heuportion, die ich in meinem Bauch unterbringen kann!

Euer zufriedener Sir Duncan Dhu of Nakel

Langweilig

(Entschuldigung an alle die schon vorab eine mail bekommen haben, ich hatte Schwierigkeiten mit der Technik)

„Das wäre ja auch langweilig“ sagt meine Kundin „wenn die immer alles einfach so machen würden“.

Ja, ich hab solche Sätze auch schon gesagt. Und als wir neulich mit der Rettungsdecke gespielt haben, Duncan und ich, da hat Arnulf gesagt, es sei langweilig. Ich stolpere mehr und mehr über diesen Satz. Und ich nehme mir vor, ihn nicht mehr zu sagen. Langweilig ist doch wohl ein kleines Schimpfwort. Langweilig zu sein ist doch nichts Gutes, oder? Aber gute Pferdeausbildung ist in dem Sinne „langweilig“ der hier gemeint ist. Unspektakulär. Nichts, worüber man einen spannenden Film drehen kann.

In der Hufpflege hat man uns ja schon so manches „schwierige“ Pferd vorgestellt. Und eines Tages haben wir es wahr gemacht und die Kamera mitgenommen. Das war der langweiligste Film der Welt, man sieht Arnulf wie er ein Pferd streichelt und mit der Besitzerin redet und dann wieder das Pferd streichelt und kurz den Huf hebt und wieder mit der Besitzerin redet und dann wieder kurz den Huf hebt. Gähn. Aber nur so ist es gut gemacht. Fürs Pferd in aller Ruhe. Ohne filmreife Stunts. Ohne gut verkäufliche Action. Wer die braucht, hat es nämlich entweder nicht gut drauf, Pferde auszubilden, oder er hat es hervorragend drauf, sich selbst zu verkaufen – oder beides.

Ich fand es gar nicht langweilig, mit Duncan mit der Glitzerfolie zu spielen. Es war hoch interessant, ihn zu beobachten und zu überlegen, wie ich ihn unterstützen kann. Wir hatten viel Spaß dabei. Es ist auch bei der Hufpflege keineswegs langweilig, wenn ein Kundenpferd einfach lieb da steht und mir die Hufe hin hält. Es soll natürlich nicht unterdrückt, geknechtet oder verängstigt sein und roboterhaftes Verhalten zeigen. Ein freundliches Pferd, welches mir auch auf freundliche Art zeigen kann, wenn es eine Pause braucht, wenn etwas wehtut oder dass es mich mag und mir gern den Rücken kraulen möchte, ist ein echter Genuss. Langweilig ist da nichts dran.

Und wenn wir unsere Ponys auf den Anhänger schicken, ganz unspektakulär – nicht rückwärts oder im Galopp sondern einfach ganz schnöde an Halfter und Strick – dann ist das nicht langweilig, sondern äußerst entspannt für alle.

Langweilig sind solche Dinge nur dann, wenn sie im Kino über die Leinwand flimmern. Wenn wir Zuschauer sind statt Teilnehmer. Dann ist es langweilig. Und das gibt mir zu denken, wenn Menschen sagen, das sei doch langweilig, wie das Pferd sich verhält. Mir scheint, der Mensch ist dann nur Zuschauer und möchte bespaßt werden. Da soll mal was passieren, da soll sich was schnell bewegen und jemand unvorhergesehen reagieren.

Mag sein, dass es am Alter liegt, aber mittlerweile sind mir die langweiligen Pferde die liebsten. Und ganz ehrlich: sie wirken auf mich am glücklichsten. Die Spaßvögel, die alles ins Maul nehmen oder sich ständig was ausdenken, mal ausgenommen, denn die sind auch glücklich ohne „langweilig“ zu sein. Ich selbst wollte ja auch wieder ein Pony mit vielen eigenen Ideen. Hat geklappt. Aber Duncans Ideen sind gewissermaßen „langweilig“. Viele Kilometer machen und zwar bitte zügig und am liebsten durch fremdes Gelände. Beschäftigung einfordern. Schlau sein und das zum eigenen Vorteil nutzen. Das hält mich auf Trab. Da wird mir nicht langweilig. Und wenn wir aufhören könnten, Pferde die glücklich, zufrieden und gesund sind, die eine gute Ausbildung und Erziehung genossen haben, als „langweilig“ zu bezeichnen, dann wäre es vielleicht auch wieder mal ein erstrebenswertes Ziel, ein solches Pferd zu besitzen. Tut mir ja leid für all jene Trainer, die gern das große Geld mit „Problempferden“ verdienen, aber ich hab lieber Pferde ohne Probleme. Und ich möchte so vielen Pferden wie möglich dazu verhelfen, dass sie ganz „langweilig“ werden oder es im besten Falle einfach bleiben (weil die meisten es von Natur aus sind). Und das mit so unspektakulären Methoden, dass jeder Film darüber langweilig wäre. Ohne Tricks und Spezialwerkzeug, einfach mit Geduld, Liebe und Wissen. Mit gutem Timing, guter Körpersprache und der ein oder anderen guten Idee.

Sollte mir dann irgendwann langweilig sein, warten noch genug Herausforderungen. Wie viele Kilometer schaffen wir wohl eines Tages, Sir Duncan und ich? Wo können wir überall hinfahren, wen können wir treffen, was können wir noch lernen? Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Und wenn mein „langweiliges“ Pony dabei nie überfordert wird und daher immer „abliefert“, dann werde ich im Endeffekt wieder jene Blicke ernten, die ich mit Merlin auf Kursen so oft gesehen habe. Die etwas neidischen von den Leuten, deren Pferde leider nicht ganz so „langweilig“ sind wie meine.

Wenn aber die Menschen anfangen würden, die „langweiligen“ Pferde attraktiv zu finden, dann würde es auch einen Markt dafür geben. Dann würden Züchter solche Pferde züchten. Gesunde, glückliche, gelassene Pferde. Und was wäre dann? Dann könnten wir eine Welt voller glücklicher Pferdebesitzer und zufriedener Pferde haben. Und wenn dann doch einer mal ein Problem hat – sowas passiert nun mal – dann könnten wir es ganz langweilig lösen, in aller Ruhe.

Ein „langweiliges“ Pferd kann mir helfen, mich nach einem stressigen Tag wirklich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Gleichzeitig kann ich mit einem „langweiligen“ Pferd die größten Abenteuer erleben ohne dabei um Leib und Leben bangen zu müssen. Wann genau ist „langweilig“ eigentlich aus der Mode gekommen?

Duncan ist nun 1,5 Jahre hier und mir war noch nicht einen Tag langweilig mit ihm. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie das passieren sollte. Langweilig kann ja nur heißen, dass uns nichts neues mehr einfällt. Und das ist ausgeschlossen. Wenn Reiter mir sagen, sie finden die Reiterei auf dem Platz „langweilig“ und ich frage ein bisschen nach, dann kommt raus, dass sie einfach nicht wissen, was sie da machen sollen. Entweder man lernt das dann oder man geht halt ins Gelände, fängt an zu springen, bringt dem Pferd Tricks bei oder lernt Bogenschießen zu Pferd. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Niemand muss sich langweilen, der das nicht möchte. Aber unseren Pferden sollten wir gönnen, dass sie gut ausgebildet, gelassen, selbstbewusst, entspannt und freundlich sind. Auch wenn manche das „langweilig“ finden. Und unser Training sollte – so weit es die Pferde betrifft – von außen möglichst „langweilig“ aussehen, damit wir unsere Pferde nicht stressen und überfordern, ängstigen oder verärgern.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 128

Da mein Mädchen ja gestern nicht ganz fit war für einen Sonntagsspaziergang, haben wir Alternativprogramm gemacht. Ich war beim Herrenausstatter! Na eher: der Herrenausstatter war bei mir. Ich habe nämlich ein neues Halfter bekommen – ja es sieht genauso aus wie das alte, aber es ist ein bisschen größer am Unterkiefer.

Das, was an mir am meisten wächst, ist nämlich mein Unterkiefer (sagt mein Mädchen. Ich persönlich finde das total ausgewogen). Also hat der Mann – alias der Herrenausstatter – mir ein neues Halfter geknotet. Das hört sich jetzt so einfach an, ist aber eine große Kunst. Und erfordert von mir einiges an Geduld. Altes Halfter drauf, mit dem Maßband am Kopf rum fummeln, altes Halfter runter. Halbe Stunde später: altes Halfter rauf, raus auf den Hof, Seil anhalten, Knoten machen, Seil wieder anhalten, noch einen Knoten machen, altes Halfter runter, Seil über die Nase halten, noch ein Knoten… und so weiter und so fort. Um das ganze etwas aufzupeppen hat mir mein Mädchen nebenbei noch die Hufe ausgekratzt und eingeschmiert. Da musste ich zwei Sachen gleichzeitig richtig machen! Hab ich aber hinbekommen.

Endlich fertig! Jetzt muss nur noch das Ende eingekürzt werden.

Danach haben wir noch meine neuen Hufschuhe anprobiert, die jetzt auch endlich wirklich richtig passen. Was für ein Drama! 3 Größen kleiner als mein Mädchen ausgemessen hatte! Na jetzt sitzen sie. Gekauft hat sie sie übrigens bei Karo von www.karos-hufschuhshop.com. Die ist total nett, macht einen super Service und hat stylisches Zubehör.

Sind die mal totschick oder was? Vorne grün und hinten orange, damit mein Mädchen immer weiß wo welche Schuhe hingehören – sind nämlich zwei verschiedene Größen.

Ich hab viiiiiiiiel kleinere Hufe als mein großer Bruder – und das liegt jetzt ausnahmsweise mal nicht am wachsen sondern an der Genetik. Also an dem was meine Mama und mein Papa mir in die Wiege – ich meine ins Strohbett – gelegt haben. Da kann ich nun wirklich nix für.

Zum Spaß hab ich mal den Schuh von meinem großen Bruder angezogen, da passen ja fast beide Hufe von mir in einen Schuh! Wäre allerdings sehr unpraktisch beim Laufen.

Ein bisschen größer werden meine Hufe schon noch, aber wenn es dann nicht mehr passt, kann ich größere Schuhe bekommen. Die alten Schuhe versteigern wir dann höchstbietend an meine zahlreichen Fans – das könnte ich ja auch schon mit dem alten Halfter machen… na, wer möchte es haben? Das hat schön Patina und ich habe es wirklich bei so vielen Kilometern getragen, das riecht nach Abenteuer! Also her mit Euren Geboten!

Halfter mit Abenteuerspuren – original Sir Duncan Dhu!

Nachdem das ganze Herrenausstatter-Geduldsspiel dann vorbei war, war ich noch mit meinem Mädchen im Roundpen. Ich hatte so Lust zu laufen! Schritt war mir viel zu langweilig ich wollte lieber traben. Durfte ich auch. Aber dann auch wieder nicht. Dann sollte ich Schritt gehen. Hatte aber keine Lust und bin einfach heimlich angetrabt. Aber nein, das war nicht gestattet, mein Mädchen hat mich ausgebremst. Bin ich also wieder Schritt gegangen und dann heimlich wieder angetrabt. Aber sie hat es wieder gemerkt und mich ausgebremst. So ging das eine Weile hin und her. Ich habe sie gefragt, was sie wohl macht, wenn ich immer wieder antrabe und sie hat gelacht und gesagt, dass sie mich immer wieder ausbremsen wird und es so lange keinen Keks gibt, bis ich es richtig mache. Waaaas? Und dass es ihr ganz egal ist, wie lange das dauert. Oh Mann! Sie ist wirklich stur wie ein Maulesel! Ich habe kurz nachgedacht und es dann doch lieber richtig gemacht. Dann gab es einen Keks und ich durfte wieder traben. Uff. Sie hat dann so lange mit mir rumgespielt bis ich ganz zufrieden war und nicht mehr unbedingt schneller laufen wollte als sie gesagt hat. Und sie hat sich gefreut, weil ich doch so ein feines Pony bin, selbst wenn ich Pubertät habe. Und sie ist auch gar nicht mehr lahm und hat gesagt, dass wir am Dienstag wieder mit dem Spaziergehkumpel losziehen können. Juhuuuuuu! Ich hoffe aber dass sie heute auch noch etwas lustiges mit mir macht.

Euer neu ausgestatteter Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. ich warte auf Eure Halfter-Gebote! Das Geld wird einem guten Zweck zu Gute kommen – ich werde es nämlich gewinnbringend in Kekse investieren!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 127

Mein Mädchen lahmt! Mir sagt sie immer ich soll vorsichtig sein, wenn es so matschig ist, dass ich nicht weg rutsche und mir weh tue! Und was macht sie? Sie rutscht weg und tut sich weh! Ob jetzt der Tierarzt kommen muss? Aber sie sagt das ist nicht nötig, weil sie sich an ihre eigene Regel hält. Sie sagt uns nämlich immer „alles was ohne Tierarzt von allein wieder verheilt, ist erlaubt, alles andere nicht“. Dann schaut sie mich ganz streng an und meint damit, dass ich auf mich aufpassen soll, wenn ich mit meinen Kumpels spiele und renne.

Und jetzt? Pah – jetzt lahmt SIE! Das kommt weil ihr Menschen so unpraktisch gebaut seid. Eure Vorderbeine sind viel zu weit weg vom Boden und wenn dann ein Hinterbein rutscht, dann fallt ihr gleich um! Passiert mir auch mal, wenn ich hoch steige und ein Hinterbein rutscht. Der Unterschied ist nur: ich bin nicht so wehleidig wie sie. Ach was hat sie gejammert und geschimpft und geflucht als sie da am Boden lag! Ich tu das nie. Ich steh auf, schüttel mich, rücke die Rüstung zurecht und es geht weiter.

Na ich hab mir das erst mal angeschaut. Sie ist dann wieder aufgestanden und weiter gehumpelt. Ich bin hingegangen und hab sie gefragt ob alles ok ist – hab mir Sorgen um sie gemacht. Fand sie sehr süß und hat auch gleich einen Keks raus gerückt. Also kann es ja nicht so schlimm sein. Aber sie sagt, Spazierengehen ist heute nicht drin. Och menno! Dafür machen wir andere tolle Sachen hat sie gesagt. Ok, dann lasse ich mich mal überraschen! Morgen werde ich Euch dann berichten was auf dem Programm stand. Und hoffentlich kann sie Dienstag wieder lahmfrei laufen, damit ich nicht den ganzen Spaziergang auf sie warten muss – wo sie eh schon immer so langsam ist….

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 126

Draußen ist Sturm und mein Mädchen ist ja nicht wetterfest. Also sind wir heute wieder wippen gegangen. Aber diesmal hat sie sich was neues überlegt! Sie meinte, wir benutzen die Wippe jetzt mal anders herum. Erst habe ich es so probiert wie immer: vor-zurück-vor-zurück aber das hat nicht so richtig funktioniert. Und dann ganz langsam dämmerte es mir: das geht jetzt rechts-links-rechts-links!

So wie ich mein Mädchen kenne, hat sie noch wieder einhundert Details die ich beachten soll. Aber für den ersten Versuch, sagt sie, war das schon ganz amtlich. Sie war auch ganz zufrieden weil ich heute keine Pubertät hatte, sondern im Gegenteil sehr konzentriert und ruhig mitgearbeitet habe. Kann ich! (meistens)

Euer konzentrierter Sir Duncan Dhu of Nakel

Das Leben geht weiter

„Das Leben geht weiter“ ist einer der Sprüche die ich am wenigsten leiden kann. Zum Glück hat niemand es gewagt, mir nach Finlays Tod diesen Spruch an den Kopf zu werfen. Aber ich habe ihn oft gelesen, interessanterweise oft von Leuten die selbst einen schweren Verlust hinter sich haben. „Das Leben geht weiter“ sagen sie dann und meinen damit, dass es für sie eben irgendwie weiter gegangen ist.

Finlays Tod ist jetzt 1 Jahr und 8 Monate her. Und jetzt, seit ein paar Wochen, fühle ich „mein Leben geht weiter“. Direkt nach seinem Tod war es für mich eine Unverschämtheit, eine Gemeinheit, eine Grausamkeit zu sehen, dass das Leben weiter geht. Das Leben anderer Menschen ging einfach so weiter. Auch mein Leben ging weiter – aber es war alles falsch. Und eigentlich hätte es gar nicht weiter gehen sollen. Ich wollte nicht, dass es so weiter geht. Alles hätte stehenbleiben sollen, so wie in meinem Inneren alles still gestanden hat. Aber das hat es nun mal nicht getan. Stattdessen sind irgendwie die Pferde mit mir durchgegangen und ich habe Duncan gekauft – einfach so. Es war schrecklich und schön zugleich. Schön, ihn hier zu haben, dieses wunderbare Pony. Schrecklich, dass Duncan nur zu mir gekommen ist, weil Finlay nicht mehr da ist. Und während meine Seele noch gar nicht mit all dem klar kam, ging das Leben einfach weiter. Irgendwie ohne mich und doch wurde ich mit gezogen, geschubst, gerissen und gezwungen. Aussteigen aus der Situation ging nicht, denn es war ja nichts daran zu ändern, dass mein Pony tot ist. Und auch wenn im Inneren die Zeit stehenbleibt, läuft sie im Außen doch unerbittlich weiter.

Ganz langsam komme ich wieder an, halte wieder Schritt. Werde nicht mehr nur mit geschliffen sondern fühle mich Stück für Stück wieder normal in meinem Leben. Und ich fühle: Mein Leben geht weiter. Auch ohne Finlay. Ich habe mich in der neuen Situation zurecht gefunden und sie ist nicht mehr ganz so falsch.

Vor ein paar Wochen wollte ich Platz auf meinem Handy schaffen und habe den Ordner mit den Finlay-Bildern auf den Computer kopiert. Ich schau sie ja doch nie an. Und dann wollte ich sie vom Handy löschen. Aber das ging nicht. Ich konnte es nicht tun. Dass all diese Fotos da auf meinem Handy sind, fühlt sich ein bisschen so an als könnte ich Finlay in der Hosentasche mit mir herumtragen. Es ist das einzige was mir geblieben ist und obwohl ich nicht hinschauen kann möchte ich doch wissen, dass diese Fotos und Videos da sind. Dass ich jederzeit hinschauen KÖNNTE, wenn ich wollte.

Gleichzeitig passiert etwas mit Duncan und mir. Letztes Jahr, als er noch so klein war, war immer alles ganz offen. Ich hatte keine Ansprüche, ich habe mich einfach überraschen lassen. Jetzt, wo er in der Herde anders behandelt wird und sich mir gegenüber manchmal etwas pubertär gebärdet (sehr selten und sehr mild aber immerhin kommt es vor) habe ich beschlossen, Ansprüche zu stellen. Verhaltensweisen die er nun seit einem Jahr kennt, die ich sorgfältig aufgebaut und viel belohnt habe, die können jetzt einfach mal klappen. Loslaufen wenn ich den Vorderhuf heben will – weil man da einen essbaren Krümel gesehen hat – oder im Roundpen meinen, er könnte die Richtung bestimmen, für so etwas gibt es jetzt schon mal einen Rüffel. Vorher habe ich in großer Ruhe alles nochmal und nochmal und nochmal erkärt, aber jetzt finde ich, er weiß das alles und ist alt genug um es zu tun. Ich lasse mich leiten von dem, was ich bei Gatsby und Diego beobachte, die ebenfalls vermehrt auf ordentliche Einhaltung der Regeln pochen. Wildes Spiel ja, aber außerhalb des Spiels gilt Knigges bzw Diegos Regelwerk für gutes Benehmen. Und das stellt Duncan auch nicht in Frage.

Und dieses andere Verhalten macht auch unsere Beziehung anders. Es ist nun schon mehr eine Art der Zusammenarbeit: wir haben da diese Aufgabe zu erledigen und jeder trägt seinen Teil dazu bei. Ich arbeite grundsätzlich mit meinen Ponys so. Nicht ich bin diejenige, die alles weiß und alles kann. Wir sind es immer beide zusammen. Ich arbeite an meiner Körpersprache und meinem Timing, mein Pony arbeitet an dem was gerade ansteht – ordentlich geführt werden in Duncans Fall, schön piaffieren in Merlins Fall. Es kann uns nur gelingen, wenn wir uns beide Mühe geben. Das ist keine Einbahnstraße. Aber mit so einem kleinen Zwerg wie Duncan es letztes Jahr war, war es eben doch oft eine Einbahnstraße: das musst Du tun um den Keks zu bekommen. Ich habe Duncan natürlich beobachtet und auch gelernt, aber es gab keine gemeinsam zu lösenden Aufgaben zu erledigen.

Duncan fragt nun wirklich fast jeden Tag nach Beschäftigung. Und ich darf kreativ sein: heute spazierengehen, morgen in den Roundpen, übermorgen auf den Reitplatz und dann wieder auf die Wippe. Finde Dinge, die das Pony beschäftigen und ausbilden ohne es körperlich zu überfordern. Finde heraus, welche Dinge bewirken, dass er zufrieden und ausgeglichen ist, sowohl in der Herde als auch mit mir. Wenn das Bespaßungsprogramm stimmt, ist Duncan wunderbar erwachsen, vernünftig und feinfühlig. Hat er aber zu wenig Beschäftigung, wird er nervig und pubertär – mit mir und gegenüber den anderen. Und so arbeiten auch die Ponys gemeinsam daran, ihn bei Laune zu halten. Er spielt mit dem einen bis der keine Lust mehr hat, dann klatschen die Ponys untereinander ab und der nächste ist dran. Wenn er einen nervt, kommt ein anderer und sagt „komm, Duncan, ich spiele mit Dir, lass den mal in Ruhe“. Und ich stehe fasziniert am Fenster und bin einmal mehr glücklich, dass Duncan hier bei uns aufwachsen kann.

Und so geht mein Leben weiter. Ohne Finlay, dafür mit Duncan. Alles ist anders aber es ist auf seine Art genauso gut wie vorher. Nur mit mehr Angst und Unsicherheit. Mehr Fragezeichen über den Gang der Dinge. Weniger Selbstverständlichkeit, dass morgen alles so ist wie heute. Denn auch jetzt kann ich die Zeit nicht anhalten und sagen „so gefällt es mir, es soll so bleiben“. Ich muss aushalten, dass ich nicht weiß, was passieren wird. Wird Duncan wirklich Hengst bleiben können? Wird er irgendwann die anderen attackieren und müssen wir ihn dann kastrieren? Wird er das gut überstehen? Wird alles gut gehen bei den großen Schritten die wir vor uns haben – erste Kutschfahrt (vielleicht schon nächstes Jahr), erstes Reiten (wer weiß wann)? Bleibt er gesund? Wird er sich doch irgendwann in seinem wilden Spiel verletzen?

Das Leben geht weiter – ohne uns zu fragen. Unser Einfluss ist groß und trotzdem klein. Auch wenn ich alles richtig machen sollte, kann mein Pony morgen tot sein. Das habe ich von Finlay gelernt. Mein letzter Ritt mit Finlay auf dem Reitplatz ist noch in meinem Herzen. Oft, wenn ich mit einem meiner Ponys gearbeitet habe, frage ich mich am Ende: kann ich das so stehen lassen? Wenn es das letzte Mal war, dass wir etwas gemeinsam machen konnten, würde ich es dann bereuen? Es hilft mir, zu sehen, ob etwas ungeklärt geblieben ist, ob einer von uns mit schlechter Stimmung vom Platz geht. Das kommt natürlich vor, aber ich versuche es nach Möglichkeit zu vermeiden. Die Vorstellung, es könnte meine letzte Chance sein, motiviert mich, es so gut zu machen, wie es mir möglich ist. An diesem einen Tag war es plötzlich wahr, es war meine letzte Chance – aber das wusste ich da noch nicht. Unser letzter gemeinsamer Ritt war ein guter. Wäre es doof gelaufen, hätte ich noch eine Krauleinheit am Ende einlegen können oder meinem Pony sagen, wie sehr ich es liebe, unabhängig von dem was da heute alles nicht geklappt hat. Das tue ich seit Finlays Tod noch häufiger als vorher. Es ist diese eine Kleinigkeit, die ich heute tun kann um Frieden zu ermöglichen mit den unbekannten Ereignissen von morgen. Denn das Leben geht weiter – so oder so. Und wir werden dazu nicht gefragt. Ein Tag nach dem anderen kommt und geht und dem Leben ist es völlig egal, ob wir mitkommen oder nicht. Ich hoffe, dass mein Leben jetzt mit Duncan weitergeht. So lange wie möglich.

„Das Leben geht weiter“ mag für viele ein tröstender Spruch sein. Für mich ist es eher eine Art Drohung. Aber ich kann es nicht ändern, nur das Beste daraus machen. Und wenn ich eins weiß, dann das: an jenem Tag, an dem ich mich entschieden habe, Duncan zu kaufen, habe ich das Beste draus gemacht. Was für ein Glücksgriff in der dunkelsten Stunde meines Lebens. Jetzt, wo ich wieder angekommen bin in meinem Leben, bedanke ich mich oft bei Duncan dafür, dass er hier ist. Und dann schaut er mich an mit seinen runden Knopfaugen und ich frage mich, was er denkt. Wichtiger ist mir, dass er fühlt, was ich fühle: wir gehören zusammen.