Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 136

Ich war beim Osteopathen. Hier ist ja immer „alles aus einer Hand“. Mein Mädchen bildet mich aus, außerdem ist sie meine Hufpflegerin. Wenn sie mal nicht weiter weiß fragt sie den Mann, der ist dann ihr Pferdetrainer und manchmal ist er auch der Osteopath. Einmal war ich bisher schon beim Osteopathen. Da hat der Mann mich nämlich beim Spazierengehen angeschaut und gesagt, ich wäre ganz schief. Also nicht alles an mir, nur mein Po. Den hat er mir dann wieder gerade gezogen.

Diesmal hat mein Mädchen gesagt, ich müsste zum Osteopathen. Weil ich doch so doll gewachsen bin (übrigens möchte ich an dieser Stelle mal was erklären. Die Menschen sind nämlich zu blöd, den Zollstock richtig zu benutzen. Würden sie ihn nicht immer nur senkrecht halten, sondern auch mal waagrecht, würden sie merken, wie doll ich wachse! So hat mein Mädchen es wieder mal erst gemerkt, als sie mein Fahrgeschirr verstellen musste, weil der Schweifriemen plötzlich viel zu kurz war.)

Also weil ich so doll gewachsen bin, sind meine Muskeln wohl nicht so ganz hinterher gekommen. Da sind jetzt welche ein bisschen zu kurz und ich dreh beim Laufen die Knie raus. Ist nicht schlimm, aber mein Mädchen hat gesagt, ein bisschen Gymnastik wird mir bestimmt gut tun. Sie hatte nämlich als Kind immer Knieschmerzen beim Wachsen und wenn ihr jemand die richtigen Übungen gezeigt hätte, hätte sie jetzt keinen komischen Knubbel unterm Knie. (Osgood-Schlatter heißt das lustige Ding).

Und weil sie mich so lieb hat und will, dass es mir immer total gut geht, hat sie beschlossen, mit mir Gymnastik zu machen. Aber natürlich nur nach Anleitung. Der Mann hat ihr gezeigt wie es geht und ich habe ganz fein mitgemacht. Bein hoch und dann immer im Kreis bewegen. So sollen meine Muskeln zwischen den Pobacken schön geschmeidig werden.

Ich muss nix tun. Nur locker lassen. Kann ich!

Und danach hat sie mich auch noch schön massiert – auch zwischen den Pobacken! Ganz schön intim. Aber wir kennen uns ja schon gut, mein Mädchen und ich. Und ich mochte die Massage ganz gern. Das machen wir jetzt öfter, damit das Wachsen mir keine Schmerzen macht. Mein Mädchen sagt, es kann schon trotzdem mal zwicken, aber wenn sie mir helfen kann, dann tut sie das.

In meinem Mund wächst es auch. Mein Mädchen weiß aus dem Internet, dass ich gerade zwei neue Backenzähne mache, wo vorher noch gar keine waren. Und ich tausche welche aus – alt gegen neu. Was ich da genau mache, behalte ich aber für mich. Mein Mädchen weiß das nur, weil ich Probleme beim Kauen hab. Aber zeigen tu ich ihr die Zähne nicht. Erst wenn der Zahnarzt wieder kommt, dem zeige ich sie. Der guckt dann ob alles richtig ist.

Wachsen ist nicht so einfach, ich sage Euch das. Deswegen lege ich jetzt auch immer das eine oder andere Extra-Nickerchen ein. Aber das machen die anderen auch, obwohl sie gar nicht mehr wachsen. Die sagen, das ist die Frühjahrsmüdigkeit. Ach egal, Hauptsache pofen.

Euer schläfriger Sir Duncan Dhu of Nakel

Mein junges Pferd

Da sind wir nun also: mitten in dem Lebensjahr, das mit Finlay das schwierigste war. Zwischen 2,5 und 3,5 Jahren war es mit Finlay wirklich kompliziert. Das entsprechende Kapitel in meinem (immer noch unveröffentlichten) Buch heißt „Ein böser Traum“. Allerdings beinhaltet dieser Titel auch, wie ich diese Zeit im Rückblick empfunden habe, nämlich so, wie man einen bösen Traum empfindet: ziemlich unwichtig. Ja, vielleicht ist man wie gerädert aufgewacht und hat noch ein paar Stunden länger gebraucht um wieder im richtigen Leben anzukommen. Aber es war eben nur ein Traum und das was das Gehirn einem da vorgegaukelt hat, ist nicht wirklich passiert. Und so ging es mir mit Finlays „Pubertät“ im Rückblick. Er war dann ja „erwachsen“ (natürlich war er mit 3,5 Jahren nicht wirklich erwachsen. Aber er war weitgehend zuverlässig, ruhte in sich, war mit dem Wachsen aus dem Gröbsten raus, hatte keine fiesen Stimmungsschwankungen mehr und unsere Beziehung war stabil.)

Und nun stehe ich also wieder da. Jeden Tag ist Duncan anders. Er sieht auch ständig anders aus. Mal ist alles ganz harmonisch, dann wieder hat er einen Karpfenrücken, drückt die Wirbelsäule nach oben raus, wackelt beim Gehen ganz gruselig mit dem Hintern und sieht insgesamt aus als würde ich ihn nie füttern. Drei Tage später schafft er es aber wieder, ganz gut bemuskelt auszusehen für sein Alter. So ist das mit den Teenagern nun mal.

Von der Laune ganz zu schweigen, denn die wechselt quasi im Stundentakt. Von friedlich und kuschelig zu aggressiv-genervt ist es nur ein klitzekleiner Schritt. Er hat aber auch wirklich bös mit sich selbst zu tun. Wenn ich ihm einen Keks gebe, dann schiebt er den harten Brocken im Maul von rechts nach links und von vorne nach hinten, teilweise schäumt er auch ordentlich beim Fressen. Anscheinend brechen hinten gerade die neuen Backenzähne durch und das ist eben einfach kein großer Spaß.

Ich merke, wie ich durch die Finlay-Erfahrung mit mehr Zuversicht an die Sache ran gehe. Gleichzeitig bin ich oft genervt, denn mit Finlay war ich da ja nun durch gegangen und Finlay war mit seinen 8 Jahren gerade so richtig erwachsen, als er dann starb. Jetzt fange ich von vorne an und ich weiß zwar: das geht vorbei. Aber ich weiß auch: da müssen wir durch. Es gibt nun mal nichts, was man dagegen tun könnte. Das Pony muss ja wachsen und Zähne wechseln bzw bekommen, da beißt die berühmte Maus keinen Faden ab. Und auch für noch so tapfere Ritter ist das kein Vergnügen, da kann die Laune schon mal schnell im Keller sein. Und darunter leidet dann nicht nur Duncan, sondern auch ich und ganz besonders die Herde. Die großen Ponys sind manchmal doch ziemlich entnervt, wenn Duncan so von einem zum anderen wandert und sie alle ärgern möchte, aber keine Lust auf ein richtiges, schönes Spiel hat. Zum Glück sind da 4 erwachsene Jungs, die es mit Gelassenheit ertragen aber zur Not auch eine klare Grenze setzen für den kleinen Rotzlöffel. Sie teilen sich die Arbeit sehr schön untereinander, so dass keiner übermäßig genervt wird.

Und ich denke derweil über junge Pferde nach. Ich war immer ein großer Fan davon, dass Pferdebesitzer, die schon ein bisschen Erfahrung haben, sich ein junges Pferd kaufen und mit Hilfe eines Trainers selbst ausbilden. Nun, da ich diesen Weg ein paar Mal mit Schülern und ihren Pferden gegangen bin, bin ich zunehmend weniger überzeugt davon. Es gibt im Großen und Ganzen zwei Optionen. Option 1 (ich werde oft gefragt warum ich es nicht so mache): man stellt das junge Pferd auf eine Aufzuchtweide und „lässt es in Ruhe“. Das wird dann oft beschrieben mit den blumigen Worten „ich lasse mein Pferd Pferd sein“ (sehr großzügig. Aber ein Pferd bleibt sowieso immer ein Pferd, völlig egal was wir tun). Was dabei de facto in fast allen Fällen herauskommt: der Jungspund steht mit anderen Jungspunden zusammen – mit viel Glück ist EIN erwachsenes Pferd dabei, dass dann den „Erzieher“ machen soll. Je nachdem um was für ein Pferd es sich handelt, wird es sich relativ wenig um die nervigen Teenager kümmern, während die Teenager aufeinander losgehen, schlecht gelaunt und rüpelig wie sie nun mal sind. Es gilt das Recht des Stärkeren und mangels Altersunterschied gibt es keine gesunde Herdenstruktur. Klar, die spielen auch viel. Nur dass es eben oft nicht so schön ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Denn auch harmonisches Spiel will gelernt sein und dafür braucht es Vorbilder und auch mal einen ordnenden Eingriff.

Der Mensch lässt sich kaum blicken und wenn er dann mal auftaucht, dann will er blöde Sachen, die das junge Pferd nicht gut kann: Hufe geben, Wurmkur rein drücken oder impfen. Das Pferd lernt schnell: Menschen wollen immer nur komischen Kram und den Rest der Zeit kommt man gut ohne sie klar. Umweltreize, mit denen es später sein Leben lang zu tun haben wird – vom Straßenverkehr bis zum Stallkater – sind in der Regel nicht da.

Natürlich gibt es wunderbare Jungpferdeaufzuchten, die total durchdacht sind, nur eben nicht so furchtbar viele.

Dann kommt dazu, dass – gerade hier in Norddeutschland – die Jungpferde in der Regel auf der Weide stehen. Und das ist nicht so toll wie es sich anhört, denn die Weiden hierzulande sind weich und das ist ein großes Problem. Ein Pferd das im Wachstum fast ausschließlich auf weichem Boden steht, wird sich nicht gut entwickeln. Die Knochen, Sehnen, Hufe und Bänder brauchen festen Boden um stabil zu werden. Das viel gepriesene Spielen und Rennen ist zwar auch wichtig, ersetzt aber eben den festen Boden nicht. Und so haben wir dann, wenn wir das Pferd zum Anreiten zu uns holen, ein „weiches“ Pferd. Und dann mag es wahr sein, dass dieses Pferd sofort Schaden nimmt, wenn man es etwas zu früh etwas zu stark belastet. Studien belegen, dass nicht so sehr das Alter des Pferdes beim Anreiten darüber entscheidet, ob es Schaden nimmt, sondern viel mehr die Art der Aufzucht und die Frage, ob mit dem Anreiten das Einsperren in eine Box einhergeht oder nicht.

Die Alternative zu dieser Art der Jungpferdeaufzucht ist das was ich mache: man nimmt das junge Pferd in eine ganz normale, altersgemischte Gruppe. Natürlich ist es wichtig, dass dort Pferde sind, die gern spielen, das Alter ist dabei aber egal. Gerade Wallache spielen oft bis ins hohe Alter sehr gern. Der Jungspund lernt dabei auch, mit jedem Pferd so zu spielen, dass es harmonisch bleibt – und das ist mit jedem ein bisschen anders. Von den „alten“ kann der Zwerg sich eine Menge abgucken und wird das auch tun. Ich würde also ein Jungpferd nicht zwischen Pferde stellen, die vor allem und jedem Angst haben, die weglaufen, wenn der Mensch mit dem Halfter kommt oder die dem Menschen gegenüber drängelig, rüpelig und unaufmerksam sind.

Und dann finde ich es schon angebracht, so einem jungen Pferd in altersgerechten Schritten zu zeigen, wie die Menschenwelt funktioniert. Denn das wird nun einmal die Welt sein in der es den Rest seines Lebens verbringt. Warum um Himmels Willen soll ich meinem Jungpferd weismachen, das Leben würde aus einer Weide mit Kumpels bestehen, wenn ich in Wirklichkeit später mit dem Tier ausreiten oder auf Turnier gehen möchte? Unseren Kindern erzählen wir doch auch nicht, der Spielplatz wäre die ganze Welt. Junge Pferde sind – wie alle jungen Tiere – darauf ausgelegt, schnell viel zu lernen. Als „Nestflüchter“ stehen sie (im wahrsten Sinne des Wortes) schnell auf eigenen Beinen und müssen dann lernen, wie die Welt funktioniert. Sie sind begierig auf Neues – mehr als sie es in jeder anderen Phase ihres Lebens je wieder sein werden. Und ich finde es schade, diese Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen.

Aber jetzt kommt der Haken und der Punkt, der mich so nachdenklich macht. Ich habe in den letzten Jahren beobachtet, dass die meisten Pferdebesitzer, auch die schon etwas erfahreneren, eben doch überfordert sind mit der Ausbildung eines Jungpferdes. Denn gerade die Phase, in der Duncan jetzt ist – zwischen 2,5 und 3,5 Jahren – ist eine wirklich schwierige Phase. Woher weiß man, wie viel man verlangen kann, wenn das Pferd jeden Tag anders ist? Woher weiß man, ob der jetzt gerade einfach mal was ausprobiert oder ein körperliches Problem hat? Woher weiß man, wie viel man dem zumuten kann? Ganz zu schweigen von Klarheit, Beständigkeit und Timing bei denen so ein junges Pferd viel weniger Fehler verzeiht als ein schon erwachsenes, etwas abgeklärtes Modell. Letztendlich habe ich viele Pferd-Mensch-Paare gesehen, die große Schwierigkeiten hatten. Manchmal zu große. Manche sind dann auf einem niedrigen Ausbildungsniveau hängen geblieben, weil die Basis nie so recht stabil wurde. Das erwartete große Glück mit dem selbst ausgebildeten Zausel blieb aus. Und das, was ein junges Pferd in der Anschaffung weniger kostet, hat mancher dann in Unterricht investiert, um zurecht zu kommen. Das ist mit einmal alle 2 Wochen eben nicht getan, wenn wirklich Probleme da sind. Und ich wage zu behaupten: jedes junge Pferd hat und macht an irgendeinem Punkt Probleme. Und wenn wir es nicht auf eine Wiese „geparkt“ haben, müssen wir damit umgehen. Und wenn wir es auf einer Wiese geparkt haben, müssen wir auch damit umgehen – wenn der Hufschmied oder der Tierarzt kommt. Das ist dann zwar seltener, aber dafür überhaupt nicht witziger und fürs Pferd mehr oder weniger traumatisch.

Den Weg mit dem eigenen Jungpferd zu gehen ist intensiv, lehrreich und kann einen zur Verzweiflung treiben. Es ist nicht die rosarote Blümchenwelt, die wir uns vielleicht vorgestellt haben. Und auch wenn wir alles richtig machen würden (was wir natürlich nie tun): so ein junges Pferd wird immer schwierige Phasen durchmachen. Erwachsen werden ist harte Arbeit, so oder so. Beim einen mehr, beim anderen weniger. Und das steht nicht dran, wenn man den Absetzer oder Jährling kauft. Wie wird der in der Pubertät? Mir ist eine Pferdebesitzerin begegnet, die schon zwei Wallache völlig problemlos großgezogen hatte und dann sehr überrascht war, als ihre junge Stute in die Pubertät kam – und zwar heftig. Die Situation zwischen den beiden war schon reichlich verfahren als ich dazu kam. Letztendlich hatten die beiden Glück: die Pflegebeteiligung hat die Stute gekauft und ist bereit den Weg mit diesem Pferd zu gehen.

Ob ich so ein typischer „Influencer“ sei, der nur schreibt, was gut läuft, wurde ich neulich gefragt. Na ich will mal so sagen: ich liebe mein Pony abgöttisch und ich sehe die Dinge, die gut laufen und habe Herzchen in den Augen. Meistens.

Ich weiß im wesentlichen was ich tue, denn ich arbeite den lieben langen Tag mit Pferden und das seit 20 Jahren. Aber ja, natürlich gibt es auch diese anderen Momente. Und ganz ehrlich: dass die so selten sind, habe ich meiner Erfahrung zu verdanken und der Tatsache, dass ich mit einem Pferdetrainer verheiratet bin und eine wunderbare beste Freundin habe, die mich unterstützt. Ich habe es dem Umstand zu verdanken, dass wir die Ponys am Haus haben und ich viel beobachten kann, ständig im Stall herum wusel und mein Pony mich dabei natürlich auch beobachtet und wir viele ungezwungene Begegnungen haben und uns eben nicht nur zur „Arbeit“ treffen. Aber am allermeisten habe ich unseren erwachsenen Ponys zu verdanken, die nicht nur 90% der Erziehungsarbeit übernehmen, sondern mir durch ihr Verhalten auch genau anzeigen, womit ich rechnen muss und wie ich heute am besten mit Duncan umgehe – oder vielleicht nicht umgehe. Denn es gibt einfach Tage, da geht man sich besser mal aus dem Weg. Dann freue ich mich darauf, dass die Pubertät irgendwann vorbei ist. Wann – das weiß keiner. Aber ich hoffe, dass ich eines Tages, wie bei Finlay, sagen kann: es war nur ein böser Traum.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan 135

Gestern war mein Mädchen ein bisschen traurig. Mein großer Bruder auf der anderen Seite der Regenbogenbrücke hatte nämlich Geburtstag. Er wäre 10 Jahre alt geworden! Was für eine tolle Party hätte das sein sollen….

Aber jetzt komme ich ins Spiel. Denn ich bin nicht nur Förster, Influencer und Bergsteiger, sondern ich bin vor allem hauptberuflicher Herzensreparierer. Jeden Tag repariere ich das Herz von meinem Mädchen. Immer so Stück für Stück. Und ich komme wirklich gut voran! Gestern wusste ich auch genau, was zu tun ist. Habe sie einfach mitgenommen auf einen schönen Spaziergang.

Wochenend‘ und Sonnenschein…..

Wir haben uns wieder die Brücke angeschaut – das habe ich schon viel besser gemacht als letztes Mal, sagt mein Mädchen – und ich war die allermeiste Zeit sehr, sehr artig. Damit mein Mädchen aber keine Zeit hat, über traurige Sachen nachzudenken, habe ich alle paar Sekunden versucht, einen Grashalm zu erhaschen. So bleibt sie aufmerksam, das ist eine Achtsamkeitsübung für sie! Einmal zwischendurch haben wir auch gestritten. Das kommt vor….. mein Mädchen sagt, das ist eben die Pubertät. Ich wachse ja auch so doll und laufe etwas merkwürdig. Deswegen soll der Mann mich heute osteopathisch untersuchen und wird mir evt Massage oder Dehnübungen verordnen. Mal sehen. Aber erst wird gemessen! Hoffentlich bin ich nicht wieder geschrumpft. Ich glaube, der Zollstock mogelt immer ein bisschen. Aber fest steht: Mein Herz ist größer geworden. Zumindest brauche ich jetzt den Gurt 2 Löcher länger als noch vor ein paar Wochen und nein, das ist keine Futterwampe (die habe ich im Moment nämlich nicht). Also kann es ja wohl nur heißen, dass mein Herz gewachsen ist. Vielleicht auch meine Lunge. Und das ist beides echt wichtig, wenn wir später auf Distanzritt gehen wollen.

Also, ich hab noch zu tun, habt einen schönen Sonntag, liebe Menschen!

Euer Mädchen-Herz-Reparateur Sir Duncan Dhu of Nakel

Angst

„Sie sehen gar nicht aus, als hätten Sie Angst“ sagt die Zahnarzthelferin lächelnd zu mir. Ja, ich weiß, und das ist ja auch genau das Problem. Aber ist es überhaupt Angst, die ich da habe? Ich bin nicht mehr so sicher. Was denn das Problem wäre, hat schon mancher Zahnarzt mich freundlich gefragt und meine Antwort ist immer die gleiche: alles, was vibriert. Und natürlich alles, was fiese Geräusche macht. Was übrigens dann auch fast alles einschließt, was bei einer Zahnreinigung stattfindet, die ich deswegen ungleich schlimmer finde als z.B. eine Wurzelbehandlung, bei der von diesen Dingen viel weniger passiert. Nein ich habe keine Angst vor der Spritze und natürlich auch nicht vor meiner Zahnärztin. Ich weiß ja, dass sie mir hilft. Ich weiß nur auch, was mich erwartet. Nach einer Zahnreinigung, 45min oder länger vibrieren und Ultraschallgeräusche, erwarten mich stundenlange Kopf- und Gliederschmerzen und tagelang wahnsinnig empfindliche Zähne. Ist es Angst, wenn ich mich in Anbetracht dieser Zustände unwohl fühle? Was ist Angst überhaupt?

Als wir neulich durch den Wald marschierten – meine Freundin auf ihrem Pony und ich beim Fahren vom Boden hinter Duncan her, trafen wir auf ein Pärchen mit Hund. Der Hund stand in einem kleinen Tümpel am Wegesrand und just als wir direkt daneben waren, warf Frauchen ein Spielzeug ins Wasser. „Flump“ machte es ziemlich laut und die Ponys sprangen 2 Meter zur Seite. Der Mann schaut mich an und sagt „schwer erziehbar oder was?“ Ich bin leicht gestresst, muss mein Pony im Auge und die Leinen im Griff behalten, habe aber noch genug Hirnkapazität um zu antworten „neee aber das ist das einzige wo er wirklich Angst hat – Dinge, die ins Wasser fallen.“ „Angst?“ fragt der Mann zurück und schaut ungläubig. Aber ich bin jetzt ehrlich gesagt raus. Mein Pony soll lernen, wenn man sich an der Kutsche erschreckt, darf man zur Seite springen und stehenbleiben, aber danach geht man gesittet weiter geradeaus. Und ich glaube, mein Pony kann in dieser Situation mehr lernen als der Typ, der da steht und wirklich überhaupt keine Ahnung von nix hat. Meine Freundin versucht, ihm freundlich zu erklären, dass Pferde nun mal Fluchttiere sind und sich erschrecken. Das sei ja voll gefährlich und dann müsse man das eben üben kommt als Antwort – aha. Was glaubt er was wir tun? Na auch egal, manche die selbst Tiere haben, haben doch trotzdem wenig Ahnung. Später denke ich: das mit dem Fluchttier, das ist auch so ein Satz der uns viel zu oft und viel zu leicht über die Lippen kommt an Stellen wo er gar nicht angemessen ist. Denn auch ein Hund – der nun so gar kein Fluchttier ist – kann sich erschrecken, genau wie jedes andere Tier. Und auch ein Hund wird, wenn er sich nur genug erschreckt, kopflos wegrennen. Weiß eigentlich auch so ziemlich jeder, der mal mit Tieren zu tun hatte. Üben kann man da auch nicht so viel. Klar, je mehr ein Tier kennt, desto weniger wird es sich erschrecken. Aber erschrecken kann es sich trotzdem immer mal. Genau wie wir. Angst ist was anderes.

Angst ist das, was Duncan auf der Brücke bekommt, wenn sich unter der Brücke etwas bewegt. Dieses mulmige Gefühl vorab. Die steigende Anspannung. Das Hinstarren und gar nicht weggucken können. Das ist Angst. Im Gegensatz zum Erschrecken geht die Angst langsam. Gegen die Angst kann ich als Mensch viel mehr tun. Die Brücke kann ich üben, kann ich in „machbare Häppchen“ zerlegen, wiederholen, bekeksen und entschärfen, indem ich Brücken suche die weniger schlimm sind als andere.

Und der Zahnarzt? Nein, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich sicher, dass ich keine Angst vorm Zahnarztbesuch habe. Ich habe nur eine Erwartung daran dass etwas unangenehmes passiert. Vorm Zahnarzt habe ich so viel Angst wie vor einer Erkältung: keine. Aber ich weiß, dass es sehr unangenehm ist. Und auch das kennen Pferde natürlich zur Genüge. Viele finden Einsprühen unangenehm. Wir sagen dann gern, sie hätten Angst und ziehen die „Fluchttier-Karte“. Ich glaube das nicht mehr. Ich glaube, viele mögen einfach das Gefühl auf der Haut nicht. Und manchmal auch den Geruch der aus der Sprühflasche kommt.

Oder am Anhänger wo viele zu mir sagen „der hat doch gar keine Angst“. Ich habe da bisher oft widersprochen aber vielleicht werde ich das in Zukunft nicht mehr so oft tun. Denn viele Pferde haben in meinen Augen wirklich keine Angst vorm Anhänger. Sie haben nur keine Lust auf all die unangenehmen Dinge die damit assoziiert sind. Der Umzug in einen neuen Stall. Oder ein stressiges Turnier. Oder auch nur die Tatsache, dass der Mensch gestresst ist. Das anstrengende Ausbalancieren während der Fahrt. Die Trennung von der Herde. Es gibt viele gute Gründe, den Anhänger nicht zu mögen, selbst wenn keine Angst im Spiel ist.

Angst – das ist dieses irrationale Ding was so manchen beim Anblick einer Spinne oder beim Besteigen eines Flugzeugs befällt.

Auch darin sind Pferde Meister: warum ist die Plastiktüte im Gebüsch gefährlich obwohl man zu Hause über eine Plane läuft? Warum ist nach gefühlten 242348 Treckern – einer größer als der andere – plötzlich der Spielzeugtrecker am Wegesrand gefährlich? Warum ist es gefährlich, dass der gruselige Sitzball, der gestern in der Ecke lag, heute NICHT da ist? Solche Logiken verstehen nur Pferdeleute. Denn Angst wird bei Pferden oft dann ausgelöst, wenn bekannte Dinge sich leicht verändern. Und das macht Sinn: wenn es plötzlich anders aussieht, anders riecht oder andere Geräusche macht, dann ist in diesem Busch, der gestern ungefährlich war, vielleicht heute ein Puma. Jetzt können wir über das Fluchttier reden, lieber rede ich vom Beutetier. Denn trotz allem ist nicht jedes Pferd ein Fluchttier. Viele zeigen auch Erstarrungs- oder Angriffsverhalten. Aber dass sie Beutetiere sind, macht sie eben grundsätzlich skeptischer als einen Hund, der in der Natur bei niemandem auf dem Speiseplan auftaucht. Auch der Hund muss auf sich aufpassen und mal rennen, aber er muss eben nicht fürchten, dass sich jemand gezielt anschleicht, ihn vielleicht schon stundenlang beobachtet und dann aus dem Hinterhalt zuschlägt um ihm die Kehle durchzubeißen. Auch wir Menschen sind heutzutage (schon lange) keine Beute mehr. Und darum kommen uns so viele Ängste beim Pferd so irrational vor. Real sind sie trotzdem – wie Flugangst beim Menschen. Und auch all die anderen Dinge sind real: das unangenehme Gefühl beim Einsprühen oder die Erwartung unangenehmer Erlebnisse am Anhänger. Genau wie all die Mischformen – Angst die nach dem Erschrecken kommt oder Angst die auf das unangenehme Gefühl obendrauf kommt oder das Erschrecken was besonders schnell passiert wenn man eh schon gestresst ist…. Wenn wir akzeptieren können, dass all diese Gefühle real sind, egal ob sie nun logisch begründbar, für uns selbst nachvollziehbar oder in unseren Augen absolut absurd sind, dann können wir damit arbeiten. Wir können anfangen, unser Pferd (oder den Menschen der uns gegenübersteht) wirklich wahrzunehmen. Und dann können wir Strategien entwickeln wie wir damit umgehen. Wie wir helfen können, aus dem unangenehmen Gefühl ein angenehmeres zu machen. Nicht darauf zu hoffen, dass „er sich schon dran gewöhnen wird“, sondern eine wirkliche Verbesserung zu erreichen. Und wenn es dann doch mal so ist, dass unser Pferd sich erschreckt – weil das nun mal nicht komplett „wegübbar“ ist – dann braucht es eine Anleitung, wie es damit umgehen soll. Und da bin ich schon verdammt stolz auf meine kleines Pony, denn er springt zwar zwei Meter zur Seite, aber kann danach einigermaßen geradeaus weiter gehen (auch wenn es ihn Mut gekostet hat). Und dafür hat es dann auch entsprechend einige Meter weiter eine große Menge an Keksen bekommen, in der Hoffnung, dass der Anreiz, es wieder so zu machen, groß ist. Auch der mutigste Ritter darf sich mal erschrecken. Rüstung richten und weiter geht’s. Gehört wohl auch zum Erwachsenwerden dazu, das zu lernen.

Und es mag unhöflich sein, dass ich meine Zeit dann nicht dem Spaziergänger widme, der all diese Dinge nicht weiß (obwohl er sie als Hundbesitzer wissen sollte), aber ich finde, mein Pony hat Vorrang. Wenn mein Pony und ich gute Strategien haben für blöde Momente, dann kommen wir auch mit Vollpfosten klar, die keine Ahnung haben. Und dann kann ich getrost weglächeln, wenn jemand meint, mein Pony sei „schwer erziehbar“. Vielleicht sage ich nächstes Mal einfach „ja“ und gehe weiter, das spart kostbare Zeit und Denkkapazität die ich lieber darauf verwenden kann, meinem Pony zu sagen wie toll es das alles macht.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 134

Im Moment ist alles blöd. Mein Mädchen sagt das liegt am Wachsen und am Zahnwechsel. So ein Quatsch! Es liegt daran dass sie zu langsam ist, zu wenig Zeit für mich hat und viel zu viele unsinnige Regeln aufstellt! Ich darf sie nicht beißen, ich darf meinen Spaziergehkumpel nicht beißen, ich darf nicht das Mädchen vom Spaziergehkumpel beißen, ich darf noch nicht mal den Hund vom Mädchen vom Spaziergehkumpel beißen! Und ich darf nicht am Strick ziehen (obwohl sie wirklich VIEL ZU LANGSAM ist), ich darf nicht mit dem Kopf schleudern, nicht neben meinem Mädchen in die Luft hüpfen, nicht überholen wenn sie anhält und kein Gras haschen – ja was denn bitte noch alles? Ach so ja nicht nach fremden Pferden gucken, nicht schubsen und wahrscheinlich am besten nicht atmen oder so. Menno.

Sie trödelt immer so! Da muss man ja schlechte Laune kriegen!

Ich glaube ich muss da nochmal nacharbeiten bei der Erziehung meines Mädchens! Wahrscheinlich ist sie nicht ausgelastet. Ich glaube, wenn wir täglich so 15-20km gehen könnten, würde sie bald besser spuren und hätte nicht mehr so viele Flausen im Kopf. Aber sie sagt, sie muss arbeiten gehen damit sie mir Kekse kaufen kann – dabei gibt sie mir davon ja immer nur so wenige! Kann also nur eine Ausrede sein!

Euer motziger Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. mein Mädchen sagt, das ist die Pubertät. Sie ist in der Pubertät? In ihrem Alter? Hmmmm….. ich glaube auch das ist nur eine Ausrede.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 133

Manchmal kommt ja aus meinem Fanclub jemand zu Besuch und bringt mir Kekse und Bewunderung. Aber neulich kam Besuch, der etwas anderes mit gebracht hat: eine Wackelkiste! Also das ist so: Unsere Wackelkiste ist schon echt alt. Nicht ganz so alt wie Merlin der Zauberer aber älter als Diego der Große! Und wenn man älter wird, dann rostet man. Jedenfalls, wenn man eine Wackelkiste ist. Und man wird auch ganz steif und altersstarrsinnig. So ist das jedenfalls bei unserer Wackelkiste. Nicht, dass sie nicht mehr wackeln würde, das schon. Aber mein Mädchen träumt davon, mal eine neue Wackelkiste zu besorgen. Eine bei der sie nicht mit dem Hammer drauf hauen muss um die Tür zu zu kriegen.  Und jetzt kommt also diese Dame zu Besuch und bringt ihre Wackelkiste mit! Damit wir die mal ausprobieren können. Die ist nämlich anders als unsere. Na jedenfalls holt mein Mädchen mich aus dem Stall und dann stehen die beiden Frauen da und reden und die Wackelkiste steht da und ich sage zu meinem Mädchen „wollen wir die ausprobieren oder willst Du nur quatschen?“  (Ihr wisst ja, ich spreche nicht so wie Ihr. Aber ich hab einfach mal dezent am Strick in die Richtung gezogen und betont in die Kiste geguckt. Mein Mädchen versteht mich dann schon). Da hat sie gelacht und gesagt, dass ich rein gehen darf wenn ich mag. Natürlich mag ich! Ich wollte mir das doch anschauen! War aber kein Heunetz drin. In unserer Wackelkiste ist immer das Heunetz voll, ist das in dieser Kiste etwa nicht so? Dann will ich die nicht! Aber es gab Kekse. Na gut, auch schön. Und vorne ist in der Wackelkiste viel mehr Platz als in unserer, das heißt wenn dann ein Heunetz rein gebaut wird, dann wird es viel größer als das in unserer alten Wackelkiste!

Ich bin dann wieder ausgestiegen und der Mann kam dazu und dann haben die Menschen die Kiste umgebaut. Ui! Was ist das? Normalerweise laufen wir Ponys über eine Rampe in die Wackelkiste. Aber jetzt ist die Rampe zu Seite weg geklappt und da ist nur noch eine Stufe! Oh wie lustig! Und hopp und hopp, reingehoppelt wie der Osterhase. Die Dame die die Wackelkiste mitgebracht hatte, staunte nicht schlecht!

Vorbei gehen? Bestimmt nicht! Da lachen ja die…. äh…. Mädchen!
Der Mann hat mir genau gesagt wo die Stufe ist. Weil ich hinten keine Augen hab.

Wir Ponys finden das besser so. Eine Stufe ist viel übersichtlicher als so eine ganze lange Rampe. Rein, raus. Dazwischen gibt es nix. Ist doch super! Mein Spaziergehkumpel durfte das auch nochmal ausprobieren. Sein Mädchen war nicht da, aber der Mann hat das mit ihm gemacht.

Mein Spaziergehkumpel hat sich auch getraut.

Diego durfte das auch noch testen und alle waren wir ganz begeistert.

Diego kann wie immer alles auch ohne Halfter und Strick.
Das ist die nette Dame! Danke dass du deine Wackelkiste mitgebracht hast!

Also so eine Wackelkiste will mein Mädchen jetzt kaufen. Naja nicht jetzt. Weil sie sagt sie muss erst das Geld dafür zusammensparen. Moment mal, sparen? Das ist kein gutes Wort! Ich kenne das Wort! „Sparen“ ist das was sie macht wenn auf dem Spaziergang die Kekstasche fast leer ist und sie die Reste knauserig einteilt! Heißt das ich bekomme jetzt weniger Kekse wegen der neuen Wackelkiste? Aber mein Mädchen sagt, ich bekomme genauso viele (damit meint sie: genauso wenige) Kekse wie immer. Dauert halt nur etwas bis sie das Geld für die neue Wackelkiste zusammen gekratzt hat. Na dann!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 132

Liebe Menschen, jetzt habe ich lange nichts für Euch aufschreiben können. Das liegt daran, dass mein Mädchen sehr beschäftigt war und keine Zeit hatte, für mich zu tippen. Leider war sie nicht so sehr damit beschäftigt, Abenteuer mit mir zu erleben, sondern mehr damit, mich zu bürsten, zu kämmen, einzusprühen und einmal sogar komplett zu waschen! Brrrrrr war das kalt! Der Mann und das Mädchen haben mich komplett nass gemacht – zum Glück mit lauwarmem Wasser! – und ganz doll mit der Bürste geschrubbt. Dann haben sie mich noch abgespült. Aber obwohl das Wasser einigermaßen warm war, wurde es doch seeeeehr frisch ums Gemächt! Naja, wenigstens gab es wirklich viele Kekse.

Sie haben mich dann ganz doll trocken gerubbelt und dann ist mein Mädchen mit mir in die Halle gegangen und ich durfte laufen. Laufen, laufen, laufen, bis mir wieder warm war. Dann war ich also ganz sauber und ganz warm.

Und warum das Ganze? Tja, hmmm….. also das ist jetzt doch ein bisschen peinlich…. sagen wir ich hatte ein kleines Problem mit meiner Rüstung. Ich erspare Euch mal die Details. Wollte Ihr nicht wissen, glaubt mir. Zum Glück sieht es so aus als hätte das ganze kämmen und bürsten und sprühen und waschen Wirkung gezeigt und das Problem gelöst. Wobei mein Mädchen sagt, wir müssen schon noch dran bleiben, also immer ein gutes Auge drauf haben dass es nicht wieder losgeht und ab und zu mal kämmen und sprühen.

Naja, also jedenfalls ist ja zum Glück jetzt Ostern und mein Mädchen und der Mann haben Zeit und wir können Abenteuer erleben! Am Freitag waren wir auf neuen Wegen die ich noch nicht kannte. Und da war eine Brücke! Über einen Fluss! Oje. Das ist ja nicht so meins. Aber mein Mädchen weiß das. Und deswegen hat sie sich ganz viel Zeit genommen und sich das mit mir angeguckt. Wir sind zusammen ein Stück auf die Brücke gegangen, ich hab Kekse gegessen und dann sind wir wieder runter gegangen, Gras essen. Und dann wieder rauf, Kekse essen. Und wieder runter, Gras essen. Und dann wieder rauf, Kekse essen und auf der anderen Seite runter, da Gras essen. Na gut, so kann ich das.

Mein Mädchen sagt, schnell drüber rennen ist nicht die richtige Lösung.
Schon noch etwas gruselig, finde ich….

Und heute waren wir dann auch nochmal los, wieder auf anderen Wegen. Zwei Brücken! Aber ich sage Euch was: je mehr von den Dingern ich bewältige, desto netter finde ich sie. Wegen der Kekse! Eines Tages, sagt mein Mädchen, werde ich über die Brücken marschieren als wären sie ganz normale Wege. Und bis dahin darf ich auf den Brücken halt Kekse essen. Klingt doch ok oder?

Heute ging es schon viel besser

So, jetzt wird es aber Zeit fürs Abendheu! Frohe Ostern!

Euer Lausejunge Sir Duncan Dhu of Nakel

Tabellenkalkulation

Alle Jahre wieder geht es für mich um diese Jahreszeit an die Heu-Planung. Wie viel Heu ist noch da, wie viel werden wir noch verfüttern, wie viel werde ich kaufen müssen, wo bekomme ich Heu? Da dieses Jahr alles noch etwas komplizierter ist, weil Duncans Spaziergehkumpel und seine Freunde sich auch an unserem Heuschober bedienen, habe ich mit einer Tabelle herumgewerkelt. Herumgewerkelt trifft es dann auch. Eine schöne, logische, saubere Excel-Tabelle zu erstellen ist so verdammt schwierig und ich habe keine Ahnung davon, so dass ich mir da kurz was hinstümpere, nur um ungefähr den Überblick zu bekommen. De facto ist meine Excel-Tabelle nicht besser als es wäre, wenn ich alles auf einen Zettel kritzele und mir den Taschenrechner daneben lege. Wenn ich wirklich für langfristige Aufzeichnung eine schöne Tabelle brauche, frage ich meinen Mann, der bastelt mir eine. Aber in diesem Fall lohnt sich das meiner Meinung nach nicht.

Dabei finde ich diese Tabellen unglaublich faszinierend. Selbst die einfache Datei, in der ich meine Einnahmen notiere, bringt mich schon immer zum Staunen: vier Tabellen in einer Datei und Excel kann beliebig Bezüge herstellen von hier nach da, hat alles im Blick und „verguckt“ sich nie. Tolles Teil. Andererseits ist das Programm aber auch stur. „Falscher Bezug“ hier, „durch Null teilen geht nicht“ da und manchmal zeigt er nur fiese kleine Rauten und lässt mich im Dunkeln tappen warum. Und wehe man vertut sich bei der Rechnerei. Excel rechnet das, was ich ihm vorgebe. So dass ich gestern bei der Berechnung der Heumenge plötzlich heraus bekam, dass mein (noch sehr großer) Heuvorrat in 17 Tagen verfüttert sein wird. Das hat mir den Schweiß auf die Stirn getrieben, bis ich heraus gefunden hatte, wo der Fehler liegt (keine Sorge, es ist noch genug Heu da bis Anfang September. Wer teilt wo er multiplizieren sollte…… na lassen wir das). Excel weiß nicht was ich da rechne und es ist dem Computer auch echt egal. Heu, Futterbestellungen, Einnahmen, Ausgaben, das hat keine Bedeutung. Excel weiß nicht worum es geht und sagt mir daher nicht „hör mal, Mädchen, da muss ein Fehler in Deiner Gleichung sein, sonst käme da doch was ganz anderes raus.“ Und wenn ich durch Null teile sagt Excel auch nicht „bestimmt trägst Du da gleich noch eine Zahl ein, ich warte mal ab“ sondern motzt mich sofort an weil ich eine mathematische Todsünde begehen will. Wer Excel bedienen kann, kann mit etwas guter Vorbereitung zaubern. Wer es nicht kann (wie ich) kann verzweifeln.

Und manchmal, wenn ich mit Pferden arbeite, erinnert mich ihr Verhalten daran. Dem Pferd ist meine Übung erst mal herzlich egal. Es tut das, was Erfolg verspricht. Dabei errät es keineswegs das, was wir wollen – auch wenn es bei geschicktem Training so aussieht – sondern es hat eine genaue Tabellenkalkulation im Kopf. Verhalten und Erfolg (durch Futter, Pause oder sonstige Annehmlichkeiten) sind stramm miteinander verknüpft. Das fatale für uns Menschen ist, dass sie genauso „stur durchrechnen“ wie Excel. Was wir eigentlich WOLLEN spielt keine Rolle. Mein Lieblingsbeispiel ist dabei das „Belohnen für eine Korrektur“. Angenommen, mein Pferd soll still stehen. Da steht es nun. Dann geht es vorwärts – ungefragt. Ich schicke es wieder zurück an seinen Platz. Und dann – weil es so großartig rückwärts gegangen ist, gebe ich ihm einen Keks.

Ihr meint, so etwas dummes passiert einem nicht? Ich kann Euch sagen, es passiert andauernd. Und was lernt das Pferd? Vor gehen, sich zurück schicken lassen, Keks kassieren. Stillstehen hat es nicht gelernt – ganz im Gegenteil. Das Problem dabei ist: wir Menschen sehen oft nur diese ganz kleinen Zusammenhänge – wenn überhaupt. Das Pferd hat aber oft die GANZE Datei im Blick – mit all den einzelnen Tabellen die darin gespeichert sind. Ich versuche mal, Euch ein Beispiel zu geben, aber auch das wird noch ein harmloses sein, es geht durchaus noch viel komplexer.

Ich arbeite mit meinem Pferd auf dem Reitplatz. Dazu mache ich es erst mal warm, also mache ich einfache, langsame Übungen, die nicht viel Einsatz erfordern. Nach und nach steigern wir uns. Die Übungen werden schwieriger und kräftezehrender. Ich lobe mein Pferd viel und für besonders gute, schwierige Übungen bekommt es Kekse. Am Ende der Einheit reite ich etwas Schritt am langen Zügel, dann reite ich zum Ausgang, steige dort ab und führe mein Pferd zurück. Am Stall bekommt es dann die Schüssel mit dem Zusatzfutter. So ähnlich läuft es bei vielen Menschen ab. Und ich sehe viele Pferde, die diesen Ablauf genau kennen – und je nach Temperament unterschiedlich darauf reagieren. Das eine Pferd bietet von Anfang an ungefragt schwierigere Lektionen an – dafür gibt es nämlich Kekse! – das andere Pferd zieht zum Ausgang, wenn es keine Lust mehr hat. Denn dort steigt der Reiter ab und danach gibt es den Jackpot in Form der Schüssel! Manches Pferd sagt einfach von Anfang an, dass Schritt am langen Zügel sowieso die letzte Übung in der Kette ist und man den Rest ebenso gut weg lassen kann.

Und das ist nur eine kleine, einfache Tabellenkalkulation. Wenn wir es bemerken, können wir solche Dinge für uns nutzen. Den oben beschriebenen Ablauf habe ich mir zu Nutze gemacht um Merlin den Galopp schmackhaft zu machen. Aufsteigen, Schritt und Trab reiten, dann einmal angaloppieren – sofort Feierabend und Schüssel. Bis er anfing zu fragen, wann wir denn galoppieren wollen. Dann konnte ich langsam steigern.

Wenn ich in der Hufpflege ein Pferd habe, das aufgrund von Schmerzen nicht gut stehen kann, stelle ich folgende Regel auf: ich hebe einen Huf. Das Pferd darf ihn mir jederzeit wegnehmen und abstellen, aber ich hebe ihn dann wieder hoch. Erst, wenn der Huf so lange oben war wie ich das wollte und ich ihn absetzen konnte, gehe ich an einen anderen Huf. Das verschafft große Erleichterung, weil das Pferd mal anders belasten kann, so motiviere ich das Pferd schnell, den Huf so lange oben zu lassen wie möglich. Dadurch, dass es mir den Huf wegnehmen darf, bekomme ich aber auch einen realistischen Eindruck, wie lange es diesen Huf halten kann, so dass ich es nicht überfordere. Ich will nur, dass es mit mir zusammenarbeitet anstatt gegen mich, denn das macht unser beider Leben leichter. Während Menschen oft eine Weile brauchen, um die Logik zu verstehen, lernen die meisten Pferde das ziemlich fix. Und das ist die Krux, denn die Pferde lernen auch dann solche Zusammenhänge, wenn wir sie gar nicht bewusst erschaffen und – schlimmer noch – wenn wir sie noch nicht einmal erkennen. Und sie fragen nicht, ob das was sie tun, richtig ist. Sie rechnen nur aus, wo sie mehr Erfolg haben. Das klingt für viele für Euch vielleicht jetzt sehr unromantisch, ist aber einfach dem geschuldet, dass jedes Tier sehen muss, wie es am besten überlebt. Es ist das „survival of the fittest“ – das Überleben dessen, der am besten angepasst ist – was dieses Verhalten hervorgebracht hat. Je mehr man im Blick hat, welches Verhalten welche Konsequenz hat, desto besser kommt man durchs Leben. Und das geht weit über „wegrennen wenn der Puma kommt“ hinaus, denn Herdenleben ist komplex und Pferde leben in der Natur auf riesigen Arealen, müssen wissen wann sie ans Wasserloch können und wann nicht, wann welche Pflanze wo wächst, wie sie ihre Fohlen am besten schützen und so weiter.

Es mag Pferde geben, die vom Umgang mit dem Menschen so verwirrt sind, dass dieser Überblick verloren gegangen ist, weil Menschen sich jahrelang unbeständig verhalten haben. Diese Pferde wirken dann stumpf oder dumm. Wenn man sich aber beständig verhält, werden auch diese Pferde Zusammenhänge schnell erkennen.

Viel öfter ist das Problem der Mensch, der sich beständig verhält, ohne es zu merken. Sich dann anders zu verhalten, ist verdammt schwer. Eine Schülerin, die ein Pferd hat, das gern mal mit dem Huf scharrt, erklärte mir stolz, dass sie jetzt immer wartet, dass das Pferd den Huf abstellt und erst DANN gibt es das Leckerlie. Tja, da musste ich sie mal kurz desillusionieren. Denn das Pferd lernt den GANZEN Ablauf. Scharren, abstellen, Keks kassieren. Und am schwersten fällt es uns Menschen ja immer, zu bemerken, dass etwas NICHT passiert. Eben jenes Pferd, wenn es jetzt mal 30 Sekunden still stünde ohne zu scharren. Ich würde ziemlich hohe Wetteinsätze darauf geben, dass der Mensch das nicht bemerkt. Bestes Beispiel hier ist das Pferd das ruhig am Strick steht während man sich unterhält. Das Pferd wird so lange keine Aufmerksamkeit von seinem Menschen bekommen, wie es artig ist – auch hier sind meine Wetteinsätze hoch. Wenn es dann rumhampelt, bekommt es wahrscheinlich einen Rüffel. Und dann steht es kurz still und – weil der Mensch jetzt aufmerksam ist – kassiert anschließend den Keks (ersetze Keks beliebig durch Lob, Krauleinheit, Ende der Übung…..).

Ach ja, Tabellenkalkulation ist was tolles – aber nur, wenn man weiß, was man tut…..

Gemeinsam müde

Nachdem wir neulich schon geübt haben uns gemeinsam zu fürchten, hatten wir vergangene Woche zwei Erlebnisse, die uns ein bisschen an unsere Leistungsgrenze gebracht haben.

Es gibt einen Pferdetrainer, der sagt, er geht nur dann zum Pferd, wenn er „mental, körperlich und emotional fit“ ist. Hm. Das klingt nach einem tollen Vorsatz! Wenn ich aber ehrlich bin: wenn ich mich daran halten würde, wäre ich sehr selten am Pferd. Und damit auch sehr selten arbeiten. Ich würde sehr viel mehr Zeit mit Yoga, Ausdauertraining und Meditation verbringen als bei meinem Pferd. Vielleicht ist es eine Frage der Definition: was heißt „mental, körperlich und emotional fit“? Da sind ja doch ein paar Abstufungen möglich. Ich stimme insofern mit dieser Aussage überein als ich finde, es ist nicht fair, beim reiten zu sitzen wie ein Kartoffelsack, weil man sonst keinen Sport macht, beim Verladetraining ein eigenes Trauma mitzuschleppen und sich keine Hilfe zu holen und beim Ausbilden seines Pferdes an den Streit mit dem Ehepartner zu denken. Ja, natürlich überlege ich, was an welchem Tag möglich ist. Aber Duncan und ich, wir wollen auf Distanzritt. Und ganz ehrlich: wenn man dann mal so ein paar Stunden draußen unterwegs war, vorher schon früh aufgestanden ist, viel Aufregung, viel Organisation und Stress hinter sich hat und sich dann in fremdem Gelände orientieren muss, dann ist man einfach nicht mehr fit. Beim Distanzreiten reitet man ja die langen Strecken auf dem „Turnier“. Man übt nicht 50km bevor man 50km reitet. Man reitet kontinuierlich verschiedene Trainingsritte, mal lange, mal schnelle, aber die 50km so schnell wie man sie im Wettbewerb reitet, das macht man vorher nicht. Anders als in (allen?) anderen Turniersportarten. Denn Distanzreiten ist der „Marathon zu Pferde“ und einen Marathon läuft man ja in der Regel auch nicht zu hause zum üben. Man trainiert so weit, dass man glaubt, es zu schaffen, dann fährt man zum Wettkampf und läuft weiter und schneller als je zuvor. Und jeder Wettkampf ist gleichzeitig ein Trainingslauf.

Und das bedeutet: man kommt mental, körperlich und auch emotional an die eine oder andere Grenze. Mensch und Pferd. Und dann? Dann müssen wir das beide überleben. Und da Duncan bisher nach jeder Herausforderung fand, es sei großartig gewesen und wir könnten das gern wiederholen, wird er ein gutes Distanzpferd werden (das glaube ich zumindest) und ich vermute ja, dass ER es sein wird, der MICH dazu anstiftet, weiter und schneller unterwegs zu sein. Das tut er ja nun schon seit 1,5 Jahren sehr erfolgreich. Wer hätte gedacht, dass ich mal freiwillig 10km zu Fuß gehen würde? Na ich nicht.

Als wir am Sonntag so unterwegs waren und einen sehr abenteuerlichen Wegabschnitt hinter uns gebracht hatten, die Strecke immer länger wurde und mich langsam die Kräfte verließen, da war auch Duncan schon ganz zufrieden. Müde sah er nicht aus, nur zufrieden und entspannt. Und wie wir da so laufen, endlos geradeaus, da habe ich ihm meinen Arm auf den Rücken gelegt, wie ich es manchmal so mache beim Spazierengehen. Aber diesmal ist etwas wunderbares passiert: Duncan rückte ein Stück an mich heran, so dass ich mich wirklich an ihn anlehnen und mich abstützen konnte und wir haben einen Rhythmus und eine Balance gefunden wie wir so nebeneinander her gehen konnten und er mich unterstützt. Und es hat sich auch wirklich genau so angefühlt, als würde er mich bewusst unterstützen.

Ich wollte das nicht zu lange ausnutzen und habe dann die Seite gewechselt – nur um festzustellen dass es auf der anderen Seite nicht geht. Da will er mich nicht so nah haben. (Intermezzo: Interessanterweise ist das übrigens seine rechte Seite und fast alle Pferde die ich kenne wollen einen auf der rechten Seite nicht so nah haben. Ich sage meinen Schülern immer, sie müssen die rechte Seite viel mehr üben, aber bei Duncan, der mich monatelang lieber rechts hatte als links, hat sich das Seitenverhältnis plötzlich grundlos (?) gedreht und er möchte mich lieber links haben als rechts….. was natürlich bedeutet dass ich rechts mehr üben werde. Aber ob er mir rechts anbieten wird, mich zu stützen, das muss die Zeit zeigen.)

Als ich aber auf der linken Seite war und er mich so lieb unterstützt hat, da war das ein magischer Moment. Ein Moment in dem ich fühlen konnte: er ist schon erwachsen genug um wahr zu nehmen wie es mir geht und darauf auf eine freundliche und hilfreiche Art und Weise zu reagieren. Er kann nicht nur damit leben, dass ich müde und abgekämpft bin, er kann und will mir helfen. Und das ist ein wundervolles Gefühl…

Zwei Tage später sind wir wieder unterwegs, diesmal üben wir – zum zweiten Mal in unserem Leben – das fahren vom Boden im Wald ohne Sicherungsstrick. Und was für ein Erlebnisausflug das war! Da waren einige Schreckmomente zu überstehen, einige Chaosmomente und zu guter Letzt haben wir auch noch eine Abzweigung verpasst, so dass wir eine Schleife doppelt marschiert sind. Die Nerven lagen blank, wir waren ziemlich durch. Gemeinsam zu überleben, dass wir geistig müde sind, dass jeder vielleicht ein bisschen heftiger reagiert als normal, dass wir uns nicht mehr so gut wahrnehmen, nicht mehr so gut aufeinander eingehen können, auch das war eine Form von Magie. Es war kein schönes Gefühl, aber im Nachhinein sind wir zusammengewachsen. Wir haben das geschafft und das macht uns beiden Mut für die nächsten Abenteuer.

Abenteuer bei denen wir uns gegenseitig unterstützen oder – wenn es hart auf hart kommt – überleben, dass wir beide nicht mehr fit sind. Abenteuer, bei denen wir gemeinsam an Grenzen gehen können, körperlich oder geistig, und immer noch zusammenarbeiten anstatt gegeneinander.

Und weil wir diese kleinen Dinge geschafft haben, haben wir Mut für Größeres. Auch wenn wir beide nicht immer „mental, körperlich und emotional fit“ sind.

Sein Blick sagt alles. Mir scheint, gemeinsame Abenteuer sind sein Lebenselixier!