Gemeinsam müde

Nachdem wir neulich schon geübt haben uns gemeinsam zu fürchten, hatten wir vergangene Woche zwei Erlebnisse, die uns ein bisschen an unsere Leistungsgrenze gebracht haben.

Es gibt einen Pferdetrainer, der sagt, er geht nur dann zum Pferd, wenn er „mental, körperlich und emotional fit“ ist. Hm. Das klingt nach einem tollen Vorsatz! Wenn ich aber ehrlich bin: wenn ich mich daran halten würde, wäre ich sehr selten am Pferd. Und damit auch sehr selten arbeiten. Ich würde sehr viel mehr Zeit mit Yoga, Ausdauertraining und Meditation verbringen als bei meinem Pferd. Vielleicht ist es eine Frage der Definition: was heißt „mental, körperlich und emotional fit“? Da sind ja doch ein paar Abstufungen möglich. Ich stimme insofern mit dieser Aussage überein als ich finde, es ist nicht fair, beim reiten zu sitzen wie ein Kartoffelsack, weil man sonst keinen Sport macht, beim Verladetraining ein eigenes Trauma mitzuschleppen und sich keine Hilfe zu holen und beim Ausbilden seines Pferdes an den Streit mit dem Ehepartner zu denken. Ja, natürlich überlege ich, was an welchem Tag möglich ist. Aber Duncan und ich, wir wollen auf Distanzritt. Und ganz ehrlich: wenn man dann mal so ein paar Stunden draußen unterwegs war, vorher schon früh aufgestanden ist, viel Aufregung, viel Organisation und Stress hinter sich hat und sich dann in fremdem Gelände orientieren muss, dann ist man einfach nicht mehr fit. Beim Distanzreiten reitet man ja die langen Strecken auf dem „Turnier“. Man übt nicht 50km bevor man 50km reitet. Man reitet kontinuierlich verschiedene Trainingsritte, mal lange, mal schnelle, aber die 50km so schnell wie man sie im Wettbewerb reitet, das macht man vorher nicht. Anders als in (allen?) anderen Turniersportarten. Denn Distanzreiten ist der „Marathon zu Pferde“ und einen Marathon läuft man ja in der Regel auch nicht zu hause zum üben. Man trainiert so weit, dass man glaubt, es zu schaffen, dann fährt man zum Wettkampf und läuft weiter und schneller als je zuvor. Und jeder Wettkampf ist gleichzeitig ein Trainingslauf.

Und das bedeutet: man kommt mental, körperlich und auch emotional an die eine oder andere Grenze. Mensch und Pferd. Und dann? Dann müssen wir das beide überleben. Und da Duncan bisher nach jeder Herausforderung fand, es sei großartig gewesen und wir könnten das gern wiederholen, wird er ein gutes Distanzpferd werden (das glaube ich zumindest) und ich vermute ja, dass ER es sein wird, der MICH dazu anstiftet, weiter und schneller unterwegs zu sein. Das tut er ja nun schon seit 1,5 Jahren sehr erfolgreich. Wer hätte gedacht, dass ich mal freiwillig 10km zu Fuß gehen würde? Na ich nicht.

Als wir am Sonntag so unterwegs waren und einen sehr abenteuerlichen Wegabschnitt hinter uns gebracht hatten, die Strecke immer länger wurde und mich langsam die Kräfte verließen, da war auch Duncan schon ganz zufrieden. Müde sah er nicht aus, nur zufrieden und entspannt. Und wie wir da so laufen, endlos geradeaus, da habe ich ihm meinen Arm auf den Rücken gelegt, wie ich es manchmal so mache beim Spazierengehen. Aber diesmal ist etwas wunderbares passiert: Duncan rückte ein Stück an mich heran, so dass ich mich wirklich an ihn anlehnen und mich abstützen konnte und wir haben einen Rhythmus und eine Balance gefunden wie wir so nebeneinander her gehen konnten und er mich unterstützt. Und es hat sich auch wirklich genau so angefühlt, als würde er mich bewusst unterstützen.

Ich wollte das nicht zu lange ausnutzen und habe dann die Seite gewechselt – nur um festzustellen dass es auf der anderen Seite nicht geht. Da will er mich nicht so nah haben. (Intermezzo: Interessanterweise ist das übrigens seine rechte Seite und fast alle Pferde die ich kenne wollen einen auf der rechten Seite nicht so nah haben. Ich sage meinen Schülern immer, sie müssen die rechte Seite viel mehr üben, aber bei Duncan, der mich monatelang lieber rechts hatte als links, hat sich das Seitenverhältnis plötzlich grundlos (?) gedreht und er möchte mich lieber links haben als rechts….. was natürlich bedeutet dass ich rechts mehr üben werde. Aber ob er mir rechts anbieten wird, mich zu stützen, das muss die Zeit zeigen.)

Als ich aber auf der linken Seite war und er mich so lieb unterstützt hat, da war das ein magischer Moment. Ein Moment in dem ich fühlen konnte: er ist schon erwachsen genug um wahr zu nehmen wie es mir geht und darauf auf eine freundliche und hilfreiche Art und Weise zu reagieren. Er kann nicht nur damit leben, dass ich müde und abgekämpft bin, er kann und will mir helfen. Und das ist ein wundervolles Gefühl…

Zwei Tage später sind wir wieder unterwegs, diesmal üben wir – zum zweiten Mal in unserem Leben – das fahren vom Boden im Wald ohne Sicherungsstrick. Und was für ein Erlebnisausflug das war! Da waren einige Schreckmomente zu überstehen, einige Chaosmomente und zu guter Letzt haben wir auch noch eine Abzweigung verpasst, so dass wir eine Schleife doppelt marschiert sind. Die Nerven lagen blank, wir waren ziemlich durch. Gemeinsam zu überleben, dass wir geistig müde sind, dass jeder vielleicht ein bisschen heftiger reagiert als normal, dass wir uns nicht mehr so gut wahrnehmen, nicht mehr so gut aufeinander eingehen können, auch das war eine Form von Magie. Es war kein schönes Gefühl, aber im Nachhinein sind wir zusammengewachsen. Wir haben das geschafft und das macht uns beiden Mut für die nächsten Abenteuer.

Abenteuer bei denen wir uns gegenseitig unterstützen oder – wenn es hart auf hart kommt – überleben, dass wir beide nicht mehr fit sind. Abenteuer, bei denen wir gemeinsam an Grenzen gehen können, körperlich oder geistig, und immer noch zusammenarbeiten anstatt gegeneinander.

Und weil wir diese kleinen Dinge geschafft haben, haben wir Mut für Größeres. Auch wenn wir beide nicht immer „mental, körperlich und emotional fit“ sind.

Sein Blick sagt alles. Mir scheint, gemeinsame Abenteuer sind sein Lebenselixier!

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