Herausforderung

Sir Duncan in seiner glänzenden Selbstbewusstseins-Rüstung steht vor mir und verlangt nach Beschäftigung. Und heute ist sein Glückstag: Arnulf und ich haben beide Zeit und das Wetter ist gut. Also wagen wir etwas neues: mit Duncan ohne Begleitpferd spazieren gehen.

Ich habe ihn bei ein paar kleineren Dreistigkeiten in der Herde beobachtet und mir überlegt, dass es ihm bestimmt gut tun wird, etwas aufregendes zu erleben. Zunächst ist der Ritter irritiert, dass es alleine losgehen soll. Am Straßenrand bleibt er stehen und schaut.

Alleine vom Hof? Erstmal schauen….
Es erfordert Mut, allein los zu gehen. Auch von mir!

Wir warten, schauen mit ihm, dann geht er los. Er wandert frohgemut mit uns die 300m bis zum Nachbarn, dann stoppt er. Er möchte nicht weiter. Ich hatte mir vorgenommen, mit ihm bis zu der leckeren Grasstelle zu gehen, die ist noch 200m weiter. Ich zweifle an diesem Plan, beschließe aber, zunächst mal weiter zu machen. Duncan steht. Ich warte, stehe mit ihm. Wir schauen uns alles an. Als er umdrehen möchte, halte ich den Strick einfach fest. Er akzeptiert das. Wir stehen. Minutenlang. Dann geht er los, ich gehe mit. Nach wenigen Metern steht er wieder.

Mittlerweile hat der Mensch, der sein Auto so schlau auf der Bankette geparkt hat, gemerkt, dass er sich da festgefahren hat. Arnulf geht um ihm zu helfen. Duncan und ich stehen und schauen, gehen ein Stück, stehen und schauen wieder. Arnulf geht nach hause, mein Auto holen um den anderen raus zu ziehen. Duncan und ich kommen Stück für Stück voran. Er äppelt dreimal, wiehert zweimal, interessanterweise nach vorne, nicht nach hinten zu den anderen. Nach dem Wiehern geht er los. Jedesmal wenn er stehen bleibt, stehe ich auch. Ich bitte ihn nicht vorwärts, ich warte auf ihn. Einmal versucht er noch, umzudrehen, akzeptiert aber dass ich den Strick festhalte und das verhindere. Ansonsten lasse ich ihn machen.Schließlich, nach langer Zeit, kommen wir beim Gras an. Duncan ist sehr angetan und grast genüsslich.

Der Weg hat sich gelohnt!

Ich denke derweil an Finlay, weil ich den schönen Acker sehe, über den wir geritten sind. Und ich denke darüber nach, dass ich mein Pony gerade ganz bewusst ein Stück überfordere. Erst neulich hatte ich ein solches Gespräch im Schülerkreis. Wir sind – und das finde ich absolut richtig – oft sehr vorsichtig mit unseren jungen Pferden. Wir wollen ihnen nicht zu viel zumuten. Sie sollen nichts aushalten müssen. Es soll ihnen gut gehen und sie sollen uns vertrauen. Das ist alles total richtig! Und dann kommt der Tag, an dem sie etwas mal aushalten müssen. Weil der Zahnarzt kommt, weil man sich verritten hat und plötzlich viel länger unterwegs ist als geplant, weil auf einem Spaziergang plötzlich alles zusammenkommt (Wetter, Verkehr, flatternde Planen, bellende Hunde oder was immer Eure Fantasie so hergibt). Und wir stellen fest: die können nicht aushalten. Wir haben ihnen zu wenig zugetraut, sie zu wenig herausgefordert.

Oh welch schmaler Grat auf dem wir da balancieren! Ich glaube wir tun gut daran, uns klar zu machen, dass das Pendel in beide Richtungen ausschlagen wird – ob wir wollen oder nicht. Manchmal werden wir unser Pferd übefordern, manchmal werden wir es langweilen. Es gehört zur Lebenstüchtigkeit dazu, beides überstehen zu können ohne auszuflippen. Wenn wir untefordern, kann unser Pferd sich nicht entwickeln. Wie im Sport, wo wir zum Muskelwachstum die Herausforderung brauchen, so brauchen wir alle auch seelische und geistige Herausforderungen, um zu wachsen. Wohldosiert. Und so sage ich manchen Schülern, sie sollen ihr Pferd mal was aushalten lassen. Sie sollen nicht übervorsichtig sein, nicht um jeden Preis eine Überforderung vermeiden, sondern auch mal was verlangen, was echt viel ist, vielleicht einen Hauch zu viel. Auch um mal zu sehen, was dann passiert. Nicht dauernd, nur ab und zu, so alle paar Wochen vielleicht. Mit genügend Ausgleichserlebnissen dazwischen.

Normalerweise würde ich das natürlich nicht bei einem Jährling empfehlen, den man erst knapp 3 Monate hat. Normalerweise empfehle ich bei 3-5 jährigen, denen mal bewusst mehr zuzumuten, nicht unbedingt körperlich, aber geistig, und ihnen mal zu zeigen, dass sie Grenzen haben, dass sie vielleicht mal nicht mehr können, dass es auch mal zu viel sein kann. Um zu sehen, wie sie reagieren, was man daran noch üben kann und was sie im Nachhinein daraus machen. Niemals habe ich das bei einem Jährling empfohlen. Aber Duncan wirkt eben immer schon so reif. Und so nutze ich meine Chance: ich fordere ihn heraus. Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Ob das stimmt, wird sich zeigen!

Nach ein paar Minuten grasen treten wir den Heimweg an. Erst ist mein Ritter noch ganz lässig, dann nimmt er Fahrt auf. So lange er im Schritt bleibt, bin ich in Harmonie mit ihm, passe mich ihm an. Dann schießt er plötzlich im Trab los. Das schöne bei ihm ist, dass er sich ganz leicht halten lässt. Er bremst, wir sortieren uns und gehen weiter. Noch dreimal trabt er an. Dann entscheide ich mich, schon vorher eine Grenze zu setzen, lasse ihn ab und zu anhalten wenn er mir im Schritt zu schnell wird und schick ihn ein Schrittchen zurück. Er macht ganz gut mit, bleibt gut ansprechbar. Sobald wir den Hof betreten wirkt er tiefenentspannt. Wir machen noch in aller Ruhe seine Hufe sauber, weil ich mit Absicht nicht möchte, dass er sofort in den Stall gehen kann. Er hat kein Problem damit. Ich hole auch noch den Zollstock, weil er mir heute wieder größer vorkommt. Irgendwie sieht er manchmal sehr überbaut aus und manchmal nicht, je nachdem wie er steht. Gewachsen ist er aber anscheinend doch nicht. 126 cm sagt der Zollstock, egal wie oft ich ihn anhalte. Tja, ich werde noch Geduld brauchen und Vertrauen darin dass mein Ritter groß genug wird. Dran ziehen soll ja auch nichts bringen habe ich mir sagen lassen.

Als ich Duncan dann schließlich in den Stall bringe, geht er erst was trinken, obwohl er die anderen gerade nicht sehen kann. Und ich bin froh: die Überforderung war nicht so groß, dass er SOFORT zu den anderen muss.

Jetzt wird das Thema ruhen. Vorerst gehen wir nur in Begleitung raus. Erst in ein paar Wochen werden wir, wenn die Gelegenheit sich ergibt, den Alleingang wiederholen. Ich bin gespannt, was dann passiert.

Genauso gespannt bin ich, wie Duncan mir in den nächsten Tagen begegnen wird. All das sind wichtige Informationen für mich: wie sehr habe ich ihn überfordert? War ihm das alles zu viel oder wird er – was Finlay manches Mal getan hat – im Nachhinein finden, dass das alles doch nur ein großes Abenteuer war und nach einem neuen rufen? Wird er mir vertrauen, dass es jetzt nicht immer so anstrengend wird? Hatte er ernsthaft Angst oder nur ein paar kleinere Sorgen? Hat er gelernt, dass seine Sorgen unberechtigt waren, dass er wieder nach hause gekommen ist?

Ich werde ihn mit Argusaugen beobachten.

Nachmittags, als ich wieder in den Stall komme, ist er jedenfalls ganz normal, gut gelaunt und kommt auf einen Schnack zu mir. Und an Weihnachten geht er ganz gelassen mit Diego und dem Pony meiner Freundin in Begleitung von 3 Hunden spazieren als hätte er sein Lebtag nichts anderes getan. (Dabei hat er das noch nie getan)

2 Wochen später. Wir sind aus dem Weihnachtsurlaub wieder da und Sir Duncan begrüßt mich fröhlich. Im Gegensatz zu Finlay, der mir die ersten Male etwas böse war, weil ich es gewagt hatte, weg zu sein, verhält Duncan sich genau wie immer und hält als erster von allen Ponys einen kleinen Klönschnack mit mir. Ich habe das deutliche Gefühl, ihn dürstet nach einem neuen Abenteuer.

Also schnappen wir uns das kleine Tier und wandern mit ihm und Diego ins Dorf. Eine kleine Runde ist das, ungefähr 3km. Schon auf dem Weg ins Dorf ist Duncan munter unterwegs, marschiert lustig vorneweg und kann sogar bei Diegos Schritttempo mithalten (besser als ich). Er würde auch schneller unterwegs sein wollen, das ist nicht zu übersehen, aber Trab am Strick ist bisher noch nicht drin. Wir kommen im Dorf an und wandern ein gutes Stück an der Dorfstraße entlang. Regelwidrig laufen wir auf dem Bürgersteig, das ist mir doch lieber mit so einem unerfahrenen Zwerg. Er wird schnell, ist aufgeregt. Einmal ist Diego zu langsam, da wird gedrängelt, dann wieder ist Diego zu schnell, plötzlich trabt Duncan mir an und ich muss ihn um mich herum laufen lassen weil ich zu spät bremse.

Insgesamt hat er vor nichts Angst, weder Autos, noch Fahnen oder Gullideckel machen ihm Sorgen. Nur die Gesamtheit der Eindrücke ist viel, sehr viel, das ist ihm anzumerken. Aber er macht es gut und als wir aus dem Dorf raus sind darf er grasen.

Auf dem Rückweg gibt es dann auch nur noch dieses eine Thema: Gras. ER WILL ESSEN! Und so ist doch recht viel Geziehe am Strick und Diskussion. Ich halte ihn immer wieder an, möchte ihn grasen lassen falls er es gut macht, aber er macht es nicht gut und so gehen wir jedesmal weiter. Schließlich fängt er wieder mit Schnappen an und diesmal ist die Lage für mich eindeutig: er hat Frust. Ich drehe die Situation so hin, dass er mal einigermaßen gut anhält, lasse ihn zur Belohnung grasen und mache mir eine mentale Notiz, dass ich hier meine Strategie anpassen und mit ihm mehr üben darf. Aber wieder kommt mir dabei in die Quere, dass Diego mit dabei ist. Anhalten, während Diego weiter geht ist schwer, jedesmal bescheid sagen ist aber auch blöd, weil ich dann nicht weiß ob er nicht nur anhält, weil Diego anhält. Vorne weg gehen ist auch doof, weil er dann beim Anhalten Diego im Rücken hätte, der ihn im Zweifel weiter treibt. Also alles sehr halbseiden.

Als wir nach hause kommen, ist der Ritter zwar gefrustet, aber von müde ist keine Rede. Abends beim Schüsseln füttern ist er sehr ungehalten und wir geraten kurz in Streit darüber wie man sich zu benehmen hat.

Schon am nächsten Tag beschließen wir, noch einmal allein mit ihm los zu gehen. Bis zu der Grasstelle, zu der wir letztes Mal so lang gebraucht haben. Ich bin sehr gespannt: die Stunde der Wahrheit. Habe ich ihn so überfordert, dass er keine Lust darauf hat? Oder hat er verstanden, dass etwas Gutes für ihn dabei herauskommt?

Duncan marschiert munter los. Er zieht immer an die Seite – essen. Ich habe mir diesbezüglich eine Taktik überlegt und lasse ihn jedesmal die Seite wechseln wenn er das tut. Obwohl wir Seitenwechsel noch nicht geübt haben, klappt es auf Anhieb wirklich gut. Wir gehen also ziemlich viele Schlangenlinien.

Bis zur Grasstelle geht er mit mir ohne einmal anzuhalten, zu zögern oder zu wiehern. Ganz im Gegenteil, er zieht mich dort hin. Ich habe mir auch hier eine Strategie überlegt: er soll einmal vernünftig anhalten bevor er grasen darf. Das bedeutet, wir gehen an der Grasstelle vorbei und üben anhalten. Das findet mein Ritter so mäßig amüsant, aber schließlich klappt es und er darf essen.

Beim zweiten Mal sind wir schon ganz entspannt

Arnulf schlägt vor, noch eine Ecke weiter zu gehen (ca 50 m) auch dort ist gutes Gras. Das machen wir und auch dort soll Duncan erst anständig anhalten. Auf dem Rückweg wiederholen wir das Spiel.

Dass er allein draußen ist, macht ihm heute genau gar nichts mehr aus. Mein Herausforderungsplan ist aufgegangen. Erschüttert rechne ich aus, dass Duncan erst gut 3 Monate bei uns ist. Ich würde jeden für irre erklären, der so etwas macht, aber wir haben es gemacht. Und mehr noch: Duncan fand es anscheinend toll, denn als wir ihn nach hause bringen und in den Stall stellen, steht er noch am Tor und schnackt mit mir. Er sieht hoch zufrieden aus mit sich und der Welt. Erst als ich oben in der Wohnung angekommen bin, sehe ich ihn im wilden Galopp zu den anderen sausen, die am weitest entfernten Punkt auf dem Rundlauf stehen.

Er knallt auf Diego zu, springt vor ihm mit allen Vieren in die Luft, dreht sich und tritt in seine Richtung aus. Diego steht ganz ruhig. Dann kommt Duncan auch zur Ruhe und knabbert von den Grasresten am Rand. Diego geht hin und es folgt eine kurze Nasen-Spiel-Einheit. Ich bin überrascht über dieses Verhalten: es gibt wieder Neues für mich zu beobachten.

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