Die Entdeckung der Langsamkeit

Es ist ungefähr 20 Jahre her, dass ich das Buch mit dem Titel „Die Entdeckung der Langsamkeit“ gelesen habe. Ich erinnere mich nicht mehr an viele Details der Geschichte. Aber ich weiß noch, dass ich damals angefangen habe, meine eigene Langsamkeit bewusst zu leben – zu erleben – und sie als Stärke zu sehen. Damit war ich ziemlich allein. Die Menschen um mich herum habe ich wahnsinnig gemacht mit dieser Langsamkeit und manchmal tue ich das wohl heute noch. Trotzdem erinnere ich mich immer wieder daran, dass meine Langsamkeit eine Stärke ist, die ich hegen und pflegen möchte. Denn im Pferdetraining kommt sie mir zu Gute. Viele meiner Schüler fluchen wohl heimlich mal, wenn ich da stehe – besonders gerne am Anhänger – mit dem Strick in der Hand und warte. Ich glaube fest daran, dass das Pferd die Lösung finden wird, wenn es genug Zeit zum denken bekommt. Meine klitzekleine Anfrage, die ich ihm durch den Strick vermittle, halte ich derweil aufrecht. Ein bisschen wie ein klingelndes Telefon. Es klingelt immer gleich, nicht lauter, nicht leiser. Und wenn wir dem Menschen am anderen Ende genug Zeit geben vielleicht noch die Treppe herunterzusteigen, oder den passenden Knopf am Smartphone zu finden, dann kann er noch rangehen. Wenn wir nach dreimal klingeln auflegen vielleicht nicht – dann sind beide frustriert.

Kann natürlich auch mal nerven, so ein klingelndes Telefon. Nicht nur im Kino, sondern auch wenn wir gerade einfach nicht mit der Person reden wollen die da dran ist. Vielleicht geht es den Pferden auch öfter mal so (besonders am Anhänger). Sie wollen die Anfrage nicht beantworten. Aber ich warte einfach so lange, bis sie mir eine Antwort geben. Und dann sage ich „danke das war es schon.“ Und oft merken die Pferde dann, dass es gar nicht so schwer ist wie gedacht. Wenn sie das immer wieder merken, ist die Angst und die Überforderung schließlich weg und das Pferd wird mutig und neugierig. Es wird sich angewöhnen, auf Anfragen sofort zu antworten und dabei entspannt zu bleiben.

Manchmal ist es aber auch nicht Angst, Überforderung oder Unwille, die das Pferd daran hindern, zu antworten, sondern Reizüberflutung. Weil das Gehirn gerade so überladen ist mit Eindrücken, dass es keine weitere Information mehr verarbeiten kann. Naja, es kann schon, nur halt nicht mehr in normalem Tempo. Man kann dann den Druck erhöhen und eine Reaktion erzwingen. Das Pferd wird gestresst reagieren (nur reagieren, nicht denken) und dieser Stress bleibt hängen und vergiftet – wenn es öfter passiert – ganz leise die Beziehung. Wenn das Pferd merkt, dass wir dann, wenn es nicht mehr denken kann, unwirsch werden, wird es immer früher in Stress kommen und immer weniger denken können. Es hat im Zustand der Reizüberflutung keine Möglichkeit mehr, Informationen sinnvoll zu verarbeiten, es kann also nichts lernen und so wird es nur eine gefühlsmäßige Verknüpfung erstellen zwischen der Situation und dem Stress.

Wenn wir stattdessen warten und dem Pferd Zeit geben, die Informationen zu verarbeiten und unserer freundlichen Anfrage Folge zu leisten wenn es so weit ist, wird es auch in der Reizüberflutung entspannt bleiben können und nach und nach lernen, auch in brenzligen Situationen erst zu denken und dann zu handeln.

Auch Sir Duncan – einige von Euch haben es vielleicht in seinem Tagebuch gelesen – war neulich mal an dem Punkt der Systemüberlastung. Es war das erste Mal dass ich das so deutlich bei ihm gesehen habe. Er ist jetzt seit Ende September hier und noch nie waren wir an dieser Grenze, was bei einem so jungen Pferd eigentlich ganz und gar unglaublich ist, vor allem im Hinblick darauf was wir schon alles gemeinsam unternommen haben. Dauernd habe ich vermutet, dass wir kurz davor sind, aber sein Kopf war immer noch funktionstüchtig. Manchmal wurde er etwas überdreht und fing an, viel zu schnappen, aber denken war trotzdem noch drin. Diesmal nicht. Und es ist gut zu wissen, was dann mit ihm passiert. Denn manche Pferde werden dann unruhig und machen dadurch (ungewollt und unbewusst) viel Blödsinn. Duncan wird einfach nur langsam. Interessant für mich zu wissen ist auch, wie sich diese Überlastung aufbaut und ankündigt. Sein Verhalten schwankte stark zwischen langsam sein, müde wirken und dann wieder etwas überdrehtem Verhalten, immer so im Wechsel von ein paar Minuten. Und als das überforderte Pony dann in den Stall kam, ist er nicht etwa schlafen gegangen, sondern schnurstracks zu Caruso um den erst mal herzhaft zu beißen: Stressabbau durch Kabbelei. Auch gut zu wissen und das deckt sich ja mit dem was er bei mir auch schon gezeigt hat (und bestätigt damit meine Interpretation).

Am nächsten Tag hingegen stand er wieder parat. Ich habe nichts mit ihm gemacht aber es war weder so dass er mich gemieden hätte noch so dass er bei unserem nächsten Ausflug einige Tage später irgendwelche Bedenken gezeigt hätte. Im Gegenteil, er ist am nächsten Wochenende wieder drei Tage hintereinander abenteuerlustig gewesen und war sehr zufrieden mit dem Input. Was bedeutet, er war zwar mal etwas überfordert aber er fand es nicht schlimm. Finlay fand sogar diese Tage immer am besten, er hat es geliebt immer mal so richtig am Limit zu sein und war hochmotiviert, die Erfahrung zu wiederholen. Ich vermute, Duncan sieht das genauso. Viele Menschen sehen das ja ähnlich. Ich hatte hier https://schotten-pony.com/2020/01/16/herausforderung/ schon mal etwas dazu geschrieben.

Andere Pferde sind da anders und deswegen ist es so wichtig, das eigene Pferd zu kennen. In diesem Video seht ihr einen Haflinger mit panischer Angst vor Dualgassen. Wir haben extrem viel Arbeit in das Thema investiert. Inzwischen ist das Problem nachhaltig gelöst und auch seine grundsätzliche Angst vor allem was so am Boden herumliegt ist verschwunden. Aber zu der Zeit als das Video entstanden ist, konnte er nur unter Aufbringung seines ganzen Mutes einen Möhre von dem bösen Ding herunterfressen. Von drübergehen war da noch lange keine Rede!

Spoiler: es passiert nichts spannendes in diesem Video. Augenscheinlich steht der Haflinger da so herum. Spätestens an dem Punkt an dem er die Futterschüssel weitgehend ignoriert dürfte deutlich werden, wie gestresst er in der Situation ist. Das Video ist 4 Minuten lang. Wer Lust hat, schaut es sich an und findet etwas interessantes über sich selbst heraus. Wenn ich es ansehe, bewundere ich meine Schülerin, denn die hat mich schließlich bezahlt für diese Zeit. Aber es war eine gute Investition. Andererseits sind 4 Minuten genau genommen keine lange Zeit. 4 Minuten sind ganz schnell vergangen wenn man mit jemandem redet oder ein paar Whatsapp schreibt. Warum haben wir diese paar Minuten so selten für unsere Pferde übrig? Ach ja, weil wir sie auch sonst irgendwie nie übrig haben, wenn es nicht um uns geht. Perfekt zu beobachten an der Supermarktkasse. Jetzt, da wir dank Corona alle brav Abstand halten, fällt es ja mal nicht so auf, aber normalerweise holen Menschen ja an der Supermarktkasse gefühlt die Viertelstunde Zeit wieder rein, die sie vorher mit der Nachbarin verschnackt haben. Und natürlich kann man Zeit auch super wieder aufholen auf der Landstraße und der Autobahn. Hui da haben es alle eilig. Die zwei Minuten, die es länger dauern würde, wenn man sich einigermaßen an die Verkehrsregeln hält, die hat man nicht. Weil man die braucht um den Facebook-Account zu checken.

Die Entdeckung der Langsamkeit hat für mich immer auch mit Prioritäten zu tun. Ich bin weiß Gott keinen Deut besser was das verplempern von Zeit angeht, die ganze Internet-ständig-erreichbar-whatsapp-facebook-Nummer stiehlt mir viel zu viel Zeit. Nur: ich möchte mir immer klar machen, dass ich sie weder an der Supermarktkasse noch auf der Straße wieder einholen kann, diese Zeit. Und schon gar nicht beim Pferd. Denn beim Pferd ist es ja noch schlimmer: wer heute versucht, Zeit zu sparen, hat morgen die doppelte Arbeit. Wenn ich aber heute ein paar Minuten investiere, löse ich Themen nachhaltig und habe dann für immer meine Ruhe damit. Und ich zeige meinem Pferd, dass es Zeit bekommt zum Denken. Wenn es gut läuft, entwickeln wir eine Kommunikation, die auch in höchst stressigen Situationen noch funktioniert, weil mein Pferd nicht in Panik gerät, sondern sich die Zeit nimmt, zu denken, bevor es handelt. Und ich lerne zu erkennen, wann mein Pferd diese Denkzeit braucht.

Und deswegen werde ich mich mit dem größten Vergnügen auch weiterhin bei meinen Schülern unbeliebt machen indem ich herumstehe und warte, wenn es nötig ist.

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