Zwei Seiten

Mit Finlay hatte ich einen sehr klaren, gradlinigen Plan. Wir gehen von A über B nach C.

In den Jahren, die seit Finlays Jährlingszeit vergangen sind, habe ich beobachtet, dass es viel hilfreicher ist, sich Dingen von zwei Seiten zu nähern. Und dank dem, was ich von Elsa gelernt habe, kann ich das jetzt auf eine ganz neue Art umsetzen.

Elsa sagt, man kann bedenkenlos zwischen den Systemen wechseln – Freedom Based Training und „normales“ Training. Man muss nur als Mensch immer wissen, in welchem System man gerade arbeitet. Für die Pferde ist es kein Problem, da sie untereinander in der Herde auch ständig wechseln zwischen Dominanz (einer bewegt den anderen) und Partnerschaft oder passiver Führung (jeder entscheidet für seinen eigenen Körper).

Folgendes habe ich mir also ausgedacht: Ich arbeite zunächst in unserer kleinen Halle mit Halfter und Strick. Dort brauche ich Duncan nicht festzuhalten. Ich kann also, sobald ich den Strick in der Hand habe, mein normales Bodenarbeitstraining mache (zum Beispiel dass er beim Führen stehenbleibt, wenn ich stehenbleibe). Anstatt nun zu überlegen, wie ich ihn gut belohnen kann (Keks, Kraulen, Pause? Hat ehrlich gesagt alles große Nachteile), lege ich ihm einfach den Strick über den Hals und gehe zum Freedom Based Training über, wo ich vor allem damit beschäftigt bin, das zu tun, was Duncan tut. Aber ich übe dort auch kleine Dinge wie das Anfassen am Schweif und im Intimbereich oder dass ich mich in Positionen aufhalte die er noch nicht so gut findet.

Nach einer Weile nehme ich dann den Strick wieder in die Hand und bin wieder der „Bestimmer“. Ich hoffe, dass ich es so nachher beim Spazierengehen machen kann, so dass wir nahtlos wechseln können zwischen „normal“ und Freedom Based. Denn auch draußen kann ich den Strick über seinen Rücken legen (und das Ende sicherheitshalber in der Hand behalten).

Duncan empfindet den Wechsel in das gemeinsame Sein, bei dem er tun darf, was er will und ich mich anpasse, offensichtlich als große Belohnung und ist absolut bereit, sich im Gegenzug an mich anzupassen wenn ich den Strick dann wieder aufnehme. Mir erlaubt es, ihn zu beobachten nach einer Übung, ohne dass ich ihn direkt beeinflusse. Wie geht es ihm jetzt, was tut er? Ihm erlaubt es eine geistige Pause und die Verarbeitung dessen, was wir getan haben. Training von zwei Seiten. Ich bin sehr gespannt, wie das klappt!

Aber auch an einer anderen Stelle gibt es zwei Seiten.

Hört sich ja immer so toll an, was Pferdeleute so schreiben. Ich bin da keine Ausnahme. Natürlich schreibe ich lieber über gelungene Dinge oder darüber, wie ich (ach so erwachsen und weise) aus meine Fehlern lerne als zu schreiben „heute war alles scheiße, ich habs total verbockt und sitze jetzt heulend in der Ecke, weil ich zu grob und ungerecht zu meinem Pony war/nichts funktioniert hat wie ich wollte“

Nun ist ja vieles eine Frage der Betrachtungsweise. Ich sehe viele verschiedene Pferdemenschen, die unglaublich unterschiedliche Auffassungen haben von „feinen Hilfen“ „gut erzogenen Pferden“ „artgerechter Haltung“ und „gesunder Fütterung“. Es macht mir Spaß, so viele verschiedene Sichtweisen zu erleben und ich möchte gar nicht alle von meiner eigenen überzeugen – auch wenn Verbesserungsvorschläge natürlich Teil meiner Arbeit sind.

Die eine Seite ist also die: ich möchte alles perfekt machen. Jeden Tag. Immer geduldig, immer in Ruhe, nie etwas überstürzen.

Die andere Seite aber ist sehr real: Ich bin nicht perfekt. Und ich werde nicht so tun als ob.

Finlay gegenüber habe ich mir so viele Gedanken gemacht als er noch klein war. Ob das ok ist wenn ich es jetzt mal eilig habe beim Halftern, Hufe auskratzen oder Führen. Ob das ok ist wenn ich was mit ihm mache obwohl ich nicht ganz konzentriert bin. Ob das schlimm war, dass ich mal ausgetickt bin und ihn ungerechtfertigt bzw. zu hart gemaßregelt habe. Ob ich ihn überfordere wenn ich dies oder jenes mache. Ich glaube, ich war oft viel zu vorsichtig. Und ich habe zu viel geübt. Ja, das habt Ihr richtig gelesen: ich habe zu viel geübt.

Es gibt natürlich Dinge, die müssen geübt bzw wiederholt und gefestigt werden. Es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug wiederholen. Es muss dem Pferd aber auch Spaß machen, das ist dann meine Aufgabe, dafür zu sorgen.

Und dann gibt es Dinge, die braucht man nicht so vorzukauen. A, B, C. So habe ich Finlay das erklärt. So hat man Kindern früher das Lesen beigebracht. Heute nicht mehr. Heute lässt man die Kinder gleich ganze Wörter lesen und sie lernen es leichter. Neuerdings lerne ich Gälisch über eine kleine App. Die lässt mich lustig raten, mit multiple choice Antworten. Ich lerne beim Raten und es macht auch noch Spaß.

Und so werfe ich Duncan auch öfter mal einfach ins kalte Wasser.

Finlay-Lektion Nummer 6: einfach mal ausprobieren. Dann sehen wir ja was passiert.

Finlay war da oft viel schneller als ich. Beim ersten Trab unter dem Reiter zum Beispiel. Er hatte eine vage Ahnung was ich vielleicht da vorbereite und schien zu denken „oh man, was macht sie wieder für ein Getue. Komm, wir probieren das jetzt einfach“. Immer wenn ich etwas mit Finlay gemacht habe wovon ich dachte, es sei ein großer Schritt, es könnte sein dass es schiefgeht und mir etwas bang war davor, fand Finlay das ganz genau richtig so. Und dass ich ihn nachher gefeiert habe, meinen grauen Helden, das war ihm natürlich ganz recht! Später glaube ich, wusste er schon, dass ich ihn feiern werde, wenn er so etwas geschafft hat. So ging er mit gutem Gefühl in jedes Abenteuer.

Und so bin ich bei Duncan viel mutiger. Ich weiß, er ist selbstbewusst genug, um Fehlschläge einstecken zu können. Ich weiß, er mag mich und das wird sich auch nicht ändern, weil mal was schief geht. Ich weiß auch – aus leidvoller Erfahrung – dass Dinge da schiefgehen können, wo man so gar nicht damit rechnet. Ohne dass man etwas dagegen tun kann.

Als er abends gerade so schön praktisch an der Heuraufe steht, kratze ich ihm einfach so die Hufe aus und behandle seine Strähle. Ich bin dabei nicht ganz so geduldig wie sonst, weil ich nicht genug Zeit habe, aber er trägt es mit Fassung und gibt mir alle seine Hufe sehr brav, wenn auch nicht perfekt ausbalanciert.

Als ich erkältet bin und trotzdem spazierengehen möchte, setzt Arnulf mich kurzerhand auf Diego und ich nehme Duncan als Handpferd, so dass ich 10 Minuten Laufpause habe. Mittels eines Zweigs, den Arnulf mir organisiert, erkläre ich Duncan, dass er neben Diego laufen soll, nicht hinter ihm. Ansonsten passen wir Diego an das Tempo an, das Duncan gerade anbietet. Alles klappt, völlig ungeübt und wahnsinnig schlecht vorbereitet, einfach so. Duncan ist wieder einmal das, was wir schon oft über ihn gesagt haben: Selbstverständlich.

Bitte entschuldigt diesen ungewöhnlichen Sprachgebrauch. Ein Pony kann natürlich nicht selbstverständlich sein. Ich bin für bessere Vorschläge offen. Bisher scheint es uns immer das Wort zu sein, das am besten passt. Es ist eine Sache, Dinge selbstverständlich zu TUN, aber wir empfinden dieses selbstverständlich SEIN als eine Charaktereigenschaft, die tiefer geht. Eine Selbstverständlichkeit in der Welt. Bitte, schreibt mir bessere Wort-Vorschläge in die Kommentare.

Ich jedenfalls schaue mir das ein bißchen bei ihm ab, möchte ihm so begegnen, wie er der Welt begegnet und versuche, möglichst viele Dinge selbstverständlich zu tun.

Während Finlay es toll fand, wenn ich ihn gefeiert, gelobt und verehrt habe, findet Duncan das anscheinend recht uninteressant. Er weiß, was er gut gemacht hat. Passt schon.

Interessanterweise war Finlay ja nie ernsthaft dazu bereit, etwas für ein Lob zu tun, aber er hat es geliebt, gelobt und gefeiert zu werden. Andersherum ist Duncan total bereit, einiges zu investieren, damit wir gut miteinander auskommen (das zeigt sich auch in der Herde), aber Lob interessiert ihn nicht. Vielleicht noch nicht, aber vielleicht auch nie. Die meisten Ponys die ich kenne, lieben Annerkennung. Duncan braucht sie anscheinend nicht. Er ruht so in sich selbst, es reicht ihm, mit mir zusammen in Frieden zu sein. Auch hier bin ich gespannt, wie er sich entwickelt.

Ich verhalte mich ihm gegenüber anders als mit Finlay – ganz automatisch, dadurch dass er so ist, wie er ist, aber auch durch das was ich inzwischen gelernt habe.

Und jetzt wird es wieder philosophisch: ist er so, weil ich mich ihm gegenüber anders verhalte, durch das was ich gelernt habe? Oder verhalte ich mich anders, weil er anders ist? Oder funktioniert das, was ich gelernt habe, bei ihm eben einfach so gut? Wäre Finlay anders gewesen, wenn ich ihm anders begegnet wäre? Hätte Elsas Idee oder das was ich jetzt daraus mache auch bei Finlay gut funktioniert? Wie viel Einfluss hat mein Umgang auf die charakterliche Entwicklung meines Ponys? Wie viel ist angeboren? In jedem Falle war Finlay auch in der Herde viel weniger auf Harmonie aus als Duncan. Finlay wollte gern mal raufen und streiten und sich reiben. Das habe ich bei Duncan noch nicht gesehen. Und die Herde geht anders mit Duncan um. Sie halten ihn viel mehr unterm Deckel als Finlay, so dass er auch viel mehr darauf angewiesen ist, Harmonie herzustellen. Tun sie das, weil er anders ist oder weil sie gelernt haben? Oder ist er einfach leichter unter dem Deckel zu halten als Finlay, weil Finlay sich für Maßregelungen nie sonderlich interessiert hat?

Und noch ein paar Unterschiede kann ich benennen, die nicht auf mich zurückzuführen sind. Finlay zum Beispiel war immer sehr maulorientiert. Schon bei unserer ersten Begegnung, als er 4 Tage alt war, hat er alles mit dem Maul erkundet. Duncan hingegen ist das überhaupt nicht. Er beißt nicht, kneift nur selten, knabbelt nichts an, kaut auf nichts herum. Sein Maul ist still und entspannt. Als Finlay in dem selben Alter war, hatte er seine Zähne null im Griff. Er konnte sich einfach nicht beherrschen, alles anzunagen.

Andererseits war Finlay schon immer schwerer zu durchschauen in seiner Mimik, auch als er klein war. Oft wusste ich nicht, was in seinem Kopf vor sich geht. Duncan kann man das auch bei schlechter Beleuchtung auf 10 Meter Entfernung ansehen.

Insgesamt finde ich, dass Finlay oft schneller gestresst und müde war. Duncan habe ich bisher weder sehr gestresst gesehen (und er hatte dazu weiß Gott genug Anlass in der Integrationszeit) noch jemals ernsthaft müde. Natürlich liegt er viel, das tun die ja in dem Alter. Aber dieser müde, glasige „das war viel ich kann nicht mehr“ – Blick, den kenne ich von ihm nicht. Was immer wir tun, er ist danach noch ok. Sein Gehirn läuft nicht heiß. Mir schein, die Eindrücke, die auf ihn einprasseln, laufen durch eine gut geölte Maschine, die in der Lage ist, beliebig viel davon zu verarbeiten. Nur wehe, wenn sie leerläuft… langsam zeigt sich, was dann passieren könnte. Aber das erzähle ich Euch ein anderes Mal.

Bis dahin übe ich: zwischen den Systemen wechseln, einfach ausprobieren, mich allem von zwei Seiten annähern. Akzeptieren dass ich nicht perfekt bin, manches in Ruhe üben, manches selbstverständlich machen.

Klingt einfach, sind für mich große Aufgaben.

Denn ich bin leider nicht so fix wie mein Pony, der mich anschaut und sagt „Du brauchst das nicht zu wiederholen, ich hab‘s schon beim ersten Mal verstanden“.

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4 Kommentare

  1. Selbstverständlich
    Bedingungslos, uneingeschränkt, natürlicherweise, unbekümmert… Ist schon irgendwie schwer zu ersetzen 🤔

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  2. Mein bevorzugtes Wort für so jemand, wie Duncan lautet: Er ist bei sich selbst zuhause. Persönlichkeiten, die bei sich selbst zuhause sind, empfinde ich als überaus angenehm im Umgang, weil sie klar sind und keine psychologischen Spiele spielen. Ich vermute, dass Du Duncan eins zu eins nehmen kannst, denn er wird Dir immer sagen, was geht und was nicht geht. Mit ihm darfst Du spielen und im Spiel werdet ihr wachsen.Viel Spaß!

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