Gemeinsam fürchten

Gut, nun ist es also raus. Es gibt etwas, wovor Duncan sich wirklich fürchtet. Anfangs hatte ich da ja nicht so dran geglaubt – Ihr erinnert Euch? Also wovor fürchtet er sich? Vor der Autobahnbrücke!

Schon im Herbst hatten wir festgestellt, dass die Autobahnbrücke unsere erste echte Herausforderung werden könnte (er hat Euch vor kurzem davon erzählt).

Da habe ich ihn doch einfach überschätzt in seiner Gelassenheit. Wir hatten – zum Glück! – den Anhänger ein Stück hinter der Autobahnbrücke stehen. Ich dachte, einmal da rüber gehen reicht. Das war aber auch das einzige schlaue was ich an dem Tag gedacht hatte, der Rest war leider Mist. Es war nämlich so, dass Duncan auch noch vorneweg gegangen ist, also Diego und Arnulf hinter uns waren auf der Brücke. Wir hätten ihn zwischen uns nehmen sollen, aber er ist so mutig mit mir voran marschiert, dass ich dachte „der macht das schon“. Na, hat er ja auch. Nur sehr viel aufgeregter als geplant. Und dann war das auch noch die Autobahnbrücke auf der irgendwie oben auch noch jedes mal Autos fahren wenn man da rüber will. Wir hatten wirklich Glück, dass die beiden Autofahrer – ein Auto von vorn und eins von hinten – so nett waren, zu warten und der Idiot, der mit gefühlten 100km an uns vorbei gebrettert ist, erst kam, als wir schon wieder runter waren von der Brücke. Naja, es ist alles gut gegangen, aber ich war wirklich fertig mit den Nerven.

Wenn so etwas passiert, dann mache ich immer gleich Pläne. Ich liebe nun mal Pläne! Also habe ich nach Brücken gesucht, unter denen Wasser fließt. Also so richtig fließt. Und nach Brücken über Straßen, auf denen wir üben können, nur da zu stehen und zu gucken, ohne gleich rüber gehen zu müssen und ohne dass ständig Autos kommen.

Dann kam der Winter und es wurde nix mit dem Üben. So haben wir bis jetzt erst eine kleine Brücke über Wasser und den Sonntagsausflug zur Autobahnbrücke gemacht.

Nun hätte es ja auch sein können, dass mein Pony sagt: Ja, das war zwar gruselig, aber es ist ja nix passiert, also können wir das ruhig machen. Und wenn ich stabilere Nerven hätte, würde ich vielleicht genau das tun: mit ihm da rüber marschieren bis er merkt dass es ok ist. Ich glaube, für Duncan wäre das zwar aufregend, würde aber funktionieren. Aber meine Nerven geben das nun mal nicht her und langsamer ist mir auch wirklich lieber. Am Sonntag hat sich auch gezeigt, dass er es wirklich gruselig findet. Also möchte ich versuchen, die Übungsschritte so klein zu halten, dass er sich nicht fürchten muss. Zum Glück kann man Duncan – ganz im Gegensatz zu Finlay – gut ansehen, wann er sich fürchtet. Wir stehen also am Sonntag da am Rande der Brücke und Sir Duncan bekommt seeeeeeehr spitze Ohren. Um zu sehen, ob er mich noch wahrnimmt, sage ich „zuuuuurück“ ohne mich dabei zu bewegen. Und siehe da, er geht ohne Zögern einen Schritt zurück (und kassiert einen Keks). Das klappt zwei oder drei mal, nur einmal braucht er einen leisen körpersprachlichen Hinweis. Also lerne ich: selbst wenn er schon sehr auf die Gefahr fixiert aussieht, ist er noch ansprechbar. Nun stellen sich weitere Fragen: wie schnell verbessert sich das, wie viele Wiederholungen braucht er? Wie sieht er aus, wenn er wirklich nicht mehr ansprechbar ist und was muss ich dann tun damit er wieder ansprechbar wird? Braucht er viele verschiedene Brücken oder klären wir das an einer und dann sind alle ok? Was ist wenn Diego vorne weg oder neben dran geht? Wie viel Unterschied macht die Verkehrsdichte, die Geräuschkulisse und das „Glitzern“?

All das sind Dinge, die ich in den vergangenen 1,5 Jahren mit Duncan noch nicht erforschen konnte, weil wir so eine Situation noch nicht hatten. So wird das dieses Jahr mein „Projekt“: möglichst viel gemeinsame Lebenserfahrung sammeln. Er soll möglichst viele Dinge sehen und erleben und ich möchte ihn in möglichst vielen verschiedenen Situationen sehen, erleben und begleiten. So dass wir dann, wenn es wieder in den Winter geht, hoffentlich eine lange Liste an Dingen haben, die gut klappen.

Meinen damaligen Artikel hatte ich getitelt „von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“. Und vielleicht ist das das, was wir nun tun. Wir lernen, uns gemeinsam zu fürchten (denn oft habe ich mehr Angst als er; Angst, dass meinem geliebten Pony etwas passiert). Und wir lernen, uns dann den Dingen langsam anzunähern, vor denen wir uns fürchten. Denn Mut heißt nicht, keine Angst zu haben, Mut heißt, es trotz Angst zu tun. Und wenn alles gut läuft, wird er auch lernen, dass ich Gefahren wahrnehme und – in seinen Augen – realistisch einschätzen kann. Denn da liegt oft der Hase im Pfeffer: Pferde finden andere Dinge gefährlich als wir. Und wenn wir unsere Pferde immer wieder in Situationen bringen, die sie gefährlich finden und aus denen sie rauskommen, sich quasi den Schweiß von der Stirn wischen und sagen „das war knapp!“ dann verspielen wir ihr Vertrauen. Duncan soll erleben, dass wir uns Dingen gemeinsam annähern. Und uns dann wieder gemeinsam zurück ziehen. Und wieder annähern und erforschen und erkunden – so lange bis wir uns beide sicher sind, dass das wirklich ungefährlich ist. So wie Pferde es eben tun, wenn sie eine Wahl haben. Und mein Job wird sein, ihm diese Wahl zu lassen und ihn trotzdem zu führen – ein schmaler Grat. Und viel Arbeit. Aber einen lohnende Investition in eine Zukunft, in der wir hoffentlich dann, wenn uns etwas gruselig ist, ein Stück zusammenrücken und uns zuflüstern „gemeinsam schaffen wir das“.

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