Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Duncan scheint mir eins der furchtlosesten Geschöpfe zu sein die ich kenne. Und ich hatte immerhin 8 Jahre Finlay bei mir! Aber selbst der war – zumindest in jungen Jahren – doch eine Spur skeptischer als Duncan. Der ultimative Finlay-Test – reinbeißen und schauen ob es zurückbeißt – war zwar eine mutige Art, die Ungefährlichkeit von Pylonen, Planen, Anhängern oder anderen Dingen festzustellen, aber er musste eben doch immer erst feststellen, dass sie ungefährlich sind. Duncan hingegen findet alles spannend und scheint gar nicht zu wissen, was Gefahr überhaupt ist. Und wenn es ein bißchen gruselig aussieht oder sich anders bewegt als erwartet dann nichts wie hin da und genau schauen! Allerdings nur ungefähr 2 Sekunden. Dann war es das auch schon wieder. Reinbeißen oder nachdenken muss Sir Duncan nicht.

4 Wochen nach seinem Einzug gehe ich mit Duncan (in Begleitung von Diego und Arnulf) zum ersten Mal auf den Reitplatz. Duncan schaut sich schon auf dem Weg dorthin alles genau an, ich passe mich an sein Tempo an und schaue mit ihm dort hin wo er hin schaut. Er weiß aber durchaus, dass ich weiter möchte und findet in meinen Augen die perfekte Balance zwischen seinen Wünschen und meine. Die Ohren sind spitz, aber er wirkt dabei entspannt, schaut in der Gegend umher, fixiert sich nicht auf eine Sache. Als Arnulf direkt hinter ihm auf die hohe Aufstiegshilfe klettert, denke ich, das könnte eine Erschreck-Situation sein, aber Duncan dreht nur interessiert die Ohren hin.

Auf dem Reitplatz finden wir Hütchen und Dualgassen, auch das schaut Duncan sich kurz an. Ich stelle ihm ein Hütchen auf die Kruppe, was er völlig ok findet. Auch als das Hütchen herunterfällt, hat er keine Einwände. Er wirkt nicht „stumpf“, er nimmt das schon alles wahr und findet es interessant.

Wir schauen uns die Dualgassen näher an – unsere handgenähten, mit Matrazenstreifen gefüllten Gassen sind etwas kürzer und steifer als die offiziellen, aber ebenso leuchtend gelb und blau und als ich eine Gasse hinter mir her ziehe macht sie ein wunderbar „gruseliges“ Geräusch. Duncans Reaktion: den Kopf schief halten, kurz überlegen und dann nichts wie hin! Wie der Mann in Grimms Märchen sucht er geradezu nach dem Gruselfaktor. Ist doch spannend wenn etwas so komische Geräusche macht!

Eine Dualgasse hochheben scheint mir etwas grenzwertig. Ich stelle eine Gasse dreieckig auf und wir luschern gemeinsam drunter her. Dann lege ich mir das Ding selbst um die Schultern, was Duncan mal so gar nicht interessiert. Ich lege ich die Gasse vorsichtig über seinen Hals und schiebe sie etwas nach hinten. Seine Reaktion veranlasst mich, die Gasse wieder herunterzunehmen, obwohl ich nicht sagen kann, was es genau war. Er hat keine offensichtlichen Anzeichen von Beunruhigung gezeigt, nur „gesteigerte Neugier“ weil das gelbe Ding auf beiden Seiten zu sehen war.

Insgesamt ist der Gruselfaktor ziemlich genau Null. Als ich ein paar Tage später wieder mit ihm auf dem Platz bin (diesmal ohne Begleitpferd) kann ich die Gasse über seinen Rücken legen. Der Blick den er mir schenkt scheint zu sagen „Du hast mir das Ding neulich schon gezeigt, warum jetzt nochmal? Ich bin doch nicht blöd“ (an dieser Stelle verzweifle ich kurz. Wie um Himmels willen soll ich nun mehrere Jahre rumbringen in denen Duncan noch nicht wirklich körperlich arbeiten darf, ohne dass er jeden Tag Langeweile-Beschwerden einreicht? Zeit, dass die Herde mir bei der Beschäftigung dieses Superhirns hilft!)

Während Finlay bis ins Alter von 2,5 Jahren nie wirklich mehr als 15 oder 20 Minuten Konzentrationsspanne hatte, wirkt Duncan noch nicht im Ansatz müde nach all diesen Eindrücken.

Die Worte meines Lieblingsreitlehrers kommen mir in den Sinn. Wie er so einen Zwerg beschäftigen würde hatte ich gefragt. Er meinte „Schrecktraining“ würde ja zum Programm gehören. Schrecktraining? Mit Sir Duncan Dhu?? Ach so – jetzt verstehe ich! Duncan soll das Erschrecken trainieren! Ja, das könnte sich als Herausforderung gestalten. Da werde ich mir Mühe geben müssen!

Arnulf hat sich da auch schon sehr angestrengt. Als er Merlin abends die Abschwitzdecke runter und die Regendecke drauf machen will, benutzt er Duncan kurzerhand als Deckenhalter. Einfach die gefaltete Decke mit Schwung auf den Ritterhintern gedonnert und dann Merlin ausziehen gegangen. Sir Duncan speist nach einem kurzen Blick was das wohl sei völlig ungestört weiter. Na wenigstens macht er sich nützlich!

Nicht, dass ich mir keine Mühe geben würde: Eines Abends lege ich mir die Plane und die alte Matraze in die Halle und hole den furchlosen Ritter. Kaum das wir an Halfter und Strick die Halle betreten, zeigt Sir Duncan Tendenzen, auf die „gruseligen“ Sachen zu zu laufen. Ich habe aber andere Pläne, denn ich will heute mal nichts wollen und nehme daher das Halfter ab (Duncan sehr ungeduldig – er muss doch gucken gehen was da lustiges liegt!). Ich habe weder Gerte noch Kekse dabei, sondern will nur im Elsa-Stil mit ihm zusammensein und sehen was er so tut. Naja. Was er dann tut geht so schnell dass ich noch knapp das Handy zücken und dieses Video machen kann. Bitte entschulidigt mein unqualifiziertes unterdrücktes Kichern im Hintergrund – aber ehrlich, da hättet Ihr auch nicht ernst bleiben können!

Das was Ihr da seht ist (soweit ich das zum heutigen Zeitpunkt schon beurteilen kann) das absolut typische Duncan-Verhalten: sieht spannend aus, muss angeschaut werden, ist aber nach 2 Sekunden auch schon wieder erledigt.

Wir haben dann nachher schon noch ein bißchen damit herumgespielt. Die Auseinandersetzung mit Plane und Matraze braucht keinerlei Lob von meiner Seite, sie ist für Duncan selbstbelohnend, so lange das Objekt spannend bleibt. Die Plane wurde wieder interessant als ich anfing sie zu bewegen, die Matraze blieb ziemlich unspannend. Er ist schon mit mir nochmal drauf gegangen, aber es macht keine Geräusche und bewegt sich nicht also ist es kein großer Spaß… Ganz zum Schluss, als ich ihn wieder aufgehalftert hatte und die Plane halb zerknüllt auf der Matraze lag, habe ich ihn gefragt, ob wir da rüber gehen wollen. Er hat mich wieder ein bißchen mitleidig angeschaut und es dann gemacht. Als würde er wahrnehmen, dass ich erwarte, dass er es zumindest komisch findet – aber verstehen tut er das nicht. Warum sollte er das komisch finden? Ist doch ganz normal. Highlandponys laufen in ihrem natürlichen Lebensraum bereits seit Jahrhunderten über Matrazen und Planen. (Nicht ganz, aber durchaus über natürliche Pendants zu beidem, so ein schottischer Sumpf ist ja auch nicht ohne). Und wie in Grimms Märchen höre ich Duncan murmeln „ach, wenn es mir doch nur gruselte!“

Nein, mein furchloser Ritte, mir ist es natürlich lieber wenn es Dich nicht gruselt. So werde ich stets unter deinem Limit bleiben. Nur – wo dieses Limit ist, das weiß ich noch nicht.

Das einzige, wovor Duncan sich wahrhaftig fürchtet, ist, dass es zu wenig zu essen geben könnte. Klar – alle unsere Ponys sehen ja auch so verhungert aus. (nicht).

Und nun geht es los, das Leben als Ponybesitzerin. Oder vielleicht sollte ich sagen: Pony-Dompteurin. Da wird getrickst und getäuscht dass es eine wahre Pracht ist. Aber Sir Duncan macht gerade die erschütternde Erfahrung dass er nicht das erste Pony ist das mir begegnet und dass ich viele Tricks bereits kenne und nicht darauf hereinfalle. Nicht, dass er nicht kreativ wäre. Bisheriges Highlight:

Ich stehe mit der Schüssel an der Stalltür, er muss rückwärts gehen damit ich rein kommen kann. Dann laufen wir ein paar Schritte gemeinsam in den Stall hinein aber ich finde, er darf ruhig noch einen Schritt rückwärts gehen bevor er dann auch wirklich die Schüssel haben darf. Also habe ich die Schüssel wie immer hinter meinem Rücken und warte. Duncan fummelt ein bißchen mit seinen Hufen rum, überlegt, ob er mich nicht heimlich umrunden kann (kann er nicht, ich dreh mich einfach mit) und hebt dann einen Vorderhuf und bewegt ihn etwas nach hinten. Ich lobe ihn und will schon die Schüssel abstellen, da schaut er mich schelmisch an und bringt den Huf – der noch in der Luft hängt – wieder nach vorn, etwas zur Seite und stellt ihn dort ab. Er ist also insgesamt gar nicht rückwärts gegangen! Nein, Du Ritter meines Herzens, so wird das nichts, das lasse ich nicht gelten. Das merkt Duncan dann auch schnell und geht sein Schrittchen zurück. Nun fand ich es ja bisher immer ausreichtend, dass er nur einen Vorderhuf nach hinten setzt. Ich möchte aber eigentlich beide Vorderhufe ein Schrittchen zurück haben und der kleine Trick den er eben versucht hat, ist für mich jetzt Anlass, auch diesen zweiten Rückwärtsschritt erstmalig einzufordern. Ich helfe ihm dabei ein bißchen indem ich einen Hauch auf ihn zu gehe. Mal sehen, wie lange es dauert, bis er diese neue Regel verstanden und akzeptiert hat. (Spoiler: beim nächsten Mal hat es einwandfrei geklappt)

Nach und nach zeigt Duncan seinen ganzen Charakter. Wo genau wir uns auf der nach oben offenen Duncan-Skala bewegen wissen wir nicht. Wie viel ist noch begraben unter Umzug und Herdeneingewöhnung? Knapp 5 Wochen nach Einzug ändert sich sein Ton mir gegenüber.

Wenn Duncan mich jetzt im Paddock sieht sagt er nicht mehr „hej, schön dass Du da bist, wie geht es Dir was machst Du gerade?“

Nein, Sir Duncan fängt jetzt schon so an wie ich es von Finlay – und anderen Schotten – kenne: „hej, das ist ja nett dass Du auch endlich mal wieder auftauchst, ich sterbe nämlich fast vor Langeweile und es ist Deine heilige Pflicht, mich zu bespaßen! Du hast Dich seit mindestens 1 Stunde nicht um mich gekümmert und überhaupt was machst Du den ganzen Tag ohne mich? Wie Du willst nur absammeln? Was soll das heißen Du hast keine Zeit?!“

Finlay fand ja, die schlimmsten Worte die ich ihm sagen konnte wären „Du hast heute frei“. Da stieß ich immer auf komplettes Unverständnis. Wir waren gestern zwar auf Distanzritt und ich war ziemlich überfordert und total müde danach aber es war doch mal ein Abenteuer! Also bitte, ich brauche heute wieder eins!

Diese Einstellung teilen viele Schotten, wenn auch nicht alle. In einer Rassebeschreibung für Highlanponys habe ich mal sinnegemäß gelesen: „das Highlandpony fordert die Aufmerksamkeit seines Besitzers mit Nachdruck ein“ Und ja, ich wollte so ein Modell und ich bin sehr froh, dass ich Duncan gefunden habe! Und auch, dass ich dank Finlay diesmal vorher wusste, worauf ich mich einlasse…

Neulich sagte jemand zu mir „Duncan tritt in große Fußstapfen und das weiß er. Er beschäftigt Dich und lenkt Dich von Finlay ab“. Vielleicht ist da ja was Wahres dran..

Seine Hufabdrücke sind noch klein, aber sein Herz ist groß, das steht fest.

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