Silbertablett

Das was ich am meisten an meinem Beruf liebe ist, dass ich Geld verdiene während ich etwas Neues lerne. Von jedem Pferd mit dem ich arbeite, jedem Schüler den ich unterrichte, jedem Huf den ich bearbeite, lerne ich etwas.

Häufig kommen zu mir Leute mit Ponys und manche davon sind echte Sonderausgaben. Spezialisten im Dinge-nicht-machen-wollen, im Ablenken, Ausweichen, Kämpfen oder Ignorieren.

Manche sagen „das ist nur weil der Mensch sie dazu gemacht hat“ und ich glaube daran nicht. Jedes Pferd kommt mit einem eigenen Charakter auf die Welt und die Frage ist nur, ob dieser Charakter zu seinem besten gefördert wird oder ob bestimmte Charaktereigenschaften schließlich Probleme verursachen weil man gegen sie arbeitet anstatt sie als Stärke zu sehen.

Da ist dieser eine kleine Norweger in meinem Schülerkreis, der mich immer ein bißchen an den berühmten Uli-Stein-Pinguin erinnert – der, der auf manchen Autos klebt und ein Schild hochhält auf dem steht „DAGEGEN!“

Meistens haben Pferde es ja ganz gern gemütlich. Sie wollen ihre Ruhe und eine harmoinsche Gemeinschaft mit Mensch und Tier. Aber der Norweger sah das anders: Er wollte gar keinen Frieden und keine Harmonie. Er wollte lieber kämpfen, wild sein, selbst entscheiden und sich irgendwo die sprichwörtlichen Hörner abstoßen. Er konnte ein richtiger kleiner Teufel sein und in der nächsten Minute war plötzlich alles wieder gut.

Ich habe all mein Horsemanship ausgepackt um mit ihm zu arbeiten und vieles wurde besser, aber ein echter Durchbruch fand nicht statt.

Erst als ich selbst anfing, ihn zu reiten, konnte ich die Lösung erspüren: es braucht ein Silbertablett.

Es ist ja so: manche Kunden bieten mir Tee an. Wenn ich ablehne, bieten sie mir beim nächsten Termin vielleicht trotzdem wieder einen Tee an. Wenn ich dann erneut ablehne, sinkt die Wahrscheinlichkeit des Tee-Angebots schon dramatisch und nach dem 4. oder 5. „nein danke“ bietet mir fast niemand mehr einen Tee an. Das ist total logisch und in diesem Zusammenhang auch völlig in Ordnung. Wenn wir aber mit einem Pferd arbeiten, das lieber kämpfen als Harmonie finden möchte, dürfen wir niemals aufhören, anzubieten. Auf unserem Silbertablett steht das Angebot für Harmonie und wir müssen es dem Pferd stets wieder hinhalten, auch wenn es uns das Tablett vielleicht aus der Hand schlägt und einen Wutanfall bekommt. Wie ein höflicher englischer Butler, der durch nichts zu erschüttern ist, sammeln wir dann das Tablett wieder ein und bieten es wieder an. Und irgendwann kommen die Momente in denen das Pferd kurz „ja“ sagt. Vielleicht zuerst nur eine Sekunde. Später werden es zwei.

Der kleine Norweger kann jetzt schon oft von 45 Minuten ungefähr 40 Minuten Harmonie finden. So wie ein Butler seinem Herrn das Tablett nicht um die Ohren hauen wird, so habe ich dem Norweger nichts mehr um die Ohren gehauen. Ich habe nicht mehr mitgekämpft, habe mich nicht darauf eingelassen, sondern freundlich das Tablet hingehalten. Und er hat verstanden, hat sich innerhalb weniger Wochen komplett verändert – und ich habe gelernt.

Wenn ich jetzt mit Duncan etwas tue, denke ich viel an diesen Norweger, denn auch Duncan möchte – allein schon altersbedingt – lieber mal etwas rangeln oder boxen. Ihm immer wieder Harmonie anzubieten wird meine erste und größte Aufgabe sein, vielleicht das wichtigste was er in seinem Leben lernen soll. Und ich verstehe mich dabei – wie der Butler – als Dienstleister meinem Pferd gegenüber, nicht als Boss. Ich biete an und er kann ja sagen oder nein. Weil mein Tee … ich meine: mein Angebot so gut ist, wird er ja sagen, wenn ich es nur immer wieder auf dem Silbertablett serviere. Früher oder später wird er die Harmonie wollen und bei mir finden, vielleicht erst nur kurz, später immer länger. Und wie der englische Lord, der sich auf seinen treuen Butler verlässt, wird er sich auf mich verlassen, dass der Tee immer pünktlich serviert wird – auf dem Silbertablett. Ich erinnere mich, dass Finlay mindestens 2,5 Jahre alt war – vielleicht auch schon 3 – als der Tag kam in dem ich das Gefühl hatte, er sucht immer wieder nach der Harmonie. Vielleicht gelingt es mir bei Duncan ja etwas früher…

Das klingt nun ein bißchen antiautoritär – so ist es nicht gemeint, aber es ist eine sehr viel weiter gefasste Ausbildungsidee als ich sie bei Finlay hatte. Ich verlasse mich sehr viel mehr darauf, dass Duncan sowieso mit mir zusammen sein will und sowieso alles richtig machen will. Ich baue weniger auf Konditionierung im klassischen Sinne und mehr auf das Bedürfnis nach Gemeinschaft.

Gleichzeitig braucht mein Sir Duncan ja trotzdem ein paar grundsätzliche Manieren und die sind natürlich durch einfache Konditinierung am schnellsten zu etablieren. Wenn ich ihm also seine Futterschüssel (die mit der Matsche und dem Mineralfutter – Ihr erinnert Euch) serviere, möchte ich nicht, dass er sich auf mich und die Schüssel stürzt, sondern ich hätte es gern ritterlich gesittet. Ich habe mir also überlegt, dass Duncan einen Schritt zurückgehen soll, bevor ich ihm die Schüssel überlasse. Duncan findet das allerdings sehr unsinnig und ist wenig angetan von der Idee. Da stehe ich nun mit meinem Silbertablett (in diesem Fall die Schüssel hinter meinem Rücken) und muss aufpassen dass ich nicht einfach umgerannt werden. Manchen kleinen Boxkampf hatten wir schon, wenn ich dann ins Halfter greife und versuche, Duncan mit möglichst wenig Druck meinerseits zu erklären, dass er jetzt noch nicht an die Schüssel darf, während Duncan mit viel Druck seinerseits darauf besteht, dass JETZT der beste Zeitpunkt dafür wäre.

Es liegt an mir, mir zu überlegen, was die beste Strategie ist, ihm das erwünschte beizubringen. Bald, wenn er wirklich eingewöhnt ist, wird er kein Halfter mehr tragen. Dann muss ich sehen, wie ich ihn davon abhalten kann, sich auf die Schüssel zu stürzen. Mit einem Zaun zwischen uns, unter dem ich die Schüssel dann durchschiebe, sobald er sein Schrittchen rückwärts gemacht hat oder mit einem Stick, mit dem ich mir Raum verschaffe – ich weiß es noch nicht. Im Moment interessiert mich vor allem, wie lange Duncan brauchen wird, bis er die Regel verstanden hat. Ich hatte manchmal den Eindruck, er weiß es schon, er bringt es nur einfach nicht fertig, weil er zu aufgeregt ist. Dann muss er einen Teil seiner Aufregung an mir auslassen, bevor er es schafft, sich selbst zu beherrschen. Das ist etwas, worüber Elsa Sinclair sehr viel spricht: Stressabbau durch Dominanz (was in diesem Fall heißt: durch meine „Dominanz“ – was bedeutet ich entscheide für Duncan was er tun soll)

Sobald er dann endlich an seine Schüssel darf, steht Sir Duncan der nächste Kampf bevor. Die Schüssel wehrt sich nämlich nach Kräften, läuft vor ihm weg oder meistens immer auf ihn zu und zwingt ihn, rückwärts zu gehen! Ob sie sich das von mir abgeschaut hat?

Manches Mal landet dann in wütender Verzweiflung statt der Nase der Vorderhuf in der Schüssel, wovon man aber ja leider nicht satt wird. Insgesamt ist es wirklich schwierig für den kleinen Ritter, manierlich vom Teller zu essen.

Auch wenn ich ihn einzeln stelle damit er in Ruhe seine riesige Heu-Portion fressen kann, möchte ich es gesittet haben. In einer Hand das Pony am Strick, in der anderen den Heusack, habe ich doppelt Probleme, weil ich – bevor getafelt werden darf – auch noch den Strick vom Halfter lösen muss. Duncan soll also sein Schrittchen zurück machen UND mich in Ruhe den Strick aufmachen lassen. Das ist dann doch noch zu viel. Duncan versteht und geht rückwärts – einen Schritt, noch einen Schritt, noch einen Schritt. Ich versuche derweil den Strick vom Halfter zu fummeln, was nicht so einfach ist, weil mein Pony zusehends ungeduldig wird: er macht doch, was ich will, wieso hat er sein Heu noch nicht bekommen?

Und so erkenne ich erste Tendenzen: versteht schnell, übertreibt dann vielleicht gern mal ein bisschen. „Viel hilft viel“ könnte eins seiner Lernmottos sein. Mal sehen, ob sich das bestätigt. Ich grinse heimlich in mich hinein. Wenn wir in 4 oder 5 Jahren auf unseren ersten kleinen Distanzritt gehen, könnte mir diese Einstellung zu Gute kommen. Wenn 30 km gut sind, sind 40km vielleicht noch besser….

Und immer habe ich diese kleinen Fragezeichen im Kopf. Duncan ist jetzt 4 Wochen hier bei uns. Welches Verhalten, das er bisher gezeigt hat ist „Duncan-Normal“ und welches ist eben doch vielleicht ein bisschen aus Stress oder Unsicherheit entstanden (auch wenn es für mich noch nicht als solches zu erkennen ist)? Welche Verhaltensweisen sind Charakter, welche sind nur wachstumsbedingt und durch vor-pubertäre Entwicklungen ausgelöst? Da wird es noch viel zu beobachten und zu lernen geben.

Auch die Herde ist noch in der Findungsphase und vermutlich wird das alles noch ein paar Monate dauern, bis sich Rituale gebildet haben, wer mit wem wie umgeht.

Insgesamt ist aber jetzt alles ganz entspannt. Die Herde ist ruhig, größere Streitigkeiten bleiben aus. Man frisst gemeinsam und schläft gemeinsam, das reicht ja für den Anfang völlig aus. Duncan ist als Mitglied der Gruppe akzeptiert worden und fügt sich problemlos in die Tagesabläufe mit ein.

Eben jene Tagesabläufe sortieren sich auch für mich nun wieder in taugliche Routinen: Duncan zweimal am Tag extra stellen mit Heu, Merlin wieder in seinen gewohnten „5 Schüsseln Extra am Tag“ Modus einpendeln (ja das habt Ihr richtig gelesen: 5 Schüsseln. Morgens und abends jeweils Heucobs und Hafer und dann einmal noch Mash obendrauf. Von nix kommt ja nix. Fragt nicht was alte Pferde kosten…)

Während Ihr diesen Artikel lest sind wir gerade dabei das neue E-Zaun-Gerät anzuschließen so dass wir dann auch endlich den Rundlauf wieder aufmachen können. Unsere armen, geschundenen Ponys sind ja nun seit über 4 Wochen auf ihrem „winzigen“ Paddock eingesperrt (so die Darstellung der Ponys. Ich finde den Paddock immer noch recht luxuriös so im Vergleich). Dann kann Sir Duncan noch mehr Welt erkunden und auch mal ein bisschen „Strecke“ machen.

Und vielleicht – ganz vielleicht – kehrt dann wieder ein Alltag und etwas Routine in mein Leben ein. Vielleicht finden mein Herz und meine Seele etwas Ruhe . Vielleicht kann ich mich in die neue Situation einfinden und anfangen, wirklich zu genießen, dass Sir Duncan jetzt hier ist. Denn eins steht fest: er ist ein tolles Pony – mein tolles Pony! Und genau mein Typ.

Ein erstes kleines Abenteuer haben wir diesen Montag schon gemeinsam erlebt – darüber dann nächste Woche mehr.

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1 Kommentar

  1. Wunderschön erzählt – Sir Duncan kann froh sein, dass er dich hat (und du ihn) 😃😍
    – bin gespannt auf weitere Abenteuer

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