Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 207

Neulich wurde es ganz kurios. Mein Mädchen kam und hat mich und Diego auf die Wackelkiste geführt. Ich hab dann mal durch gezählt: „Du, Mädchen, ich glaub da fehlt einer, wo ist denn der Mann? Hast Du den vergessen?“ „Nein mein Ritter, den treffen wir gleich!“.

Nervös war sie, hab ich genau gemerkt. Da wurde ich auch gleich ein bisschen nervös. Diego natürlich nicht. Der meinte nur, es wäre übertrieben, am Montag gleich wieder mit der Wackelkiste los zu fahren, wenn man doch am Sonntag schon zum Ausflug war. Man braucht doch auch Regenerationszeit!

Wir sind aber auch nur ganz kurz gewackelt worden. Dann waren wir auf einem Hof und sieh an, da war der Mann! Na so was! Und was war da noch? Eine riesige Halle! Wahnsinn! Wir haben ja zu hause auch eine Halle, aber diese hier war mindestens 10 mal so groß, glaube ich! Mein Mädchen sagt das stimmt nicht. Aber 4mal so groß schon.

Sooooo groß ist die Spielhalle!

Ich fühlte mich etwas verloren, ehrlich gesagt! Aber Diego der Große war ja mit. Obwohl er in so einer großen Halle plötzlich erstaunlich klein aussieht! Der Mann hat gesagt, das sei eine „Spielhalle“. Mein Mädchen und ich sind erst mal bisschen herum gewandert. An der einen Wand war etwas glänzendes und manchmal waren da Pferde zu sehen. Mein Mädchen sagt, das ist ein Spiegel und ich sehe mich da selbst! Und ich hab Diego gesehen – zweimal! Einmal in echt und einmal an der Wand. Allerdings nur von weiter weg. Wenn ich näher ran gegangen bin, war da nur eine ganz normale Wand. Mein Mädchen sagt, das ist, weil ich so klein bin. Ach das war alles ein bisschen verwirrend. Aber ich hab mir nix anmerken lassen und hab brav mitgemacht. Wir haben dann lustig seitwärts gehen geübt und der Mann hat dem Mädchen Unterricht gegeben. Ich brauche ja keine Unterricht, ich mache (fast) immer alles so richtig. Ich orientiere mich einfach daran, wann es Kekse gibt, dann bin ich auf der richtigen Spur. Der Mann war so begeistert von mir! Weil ich alles so schnell kapiere und dann von ganz allein richtig mache. Mein Mädchen hat sich daran ja nun schon gewöhnt (ich sagte ja: sie ist verwöhnt!).

Schließlich haben wir Feierabend gemacht und sind wieder nach hause gewackelt. Ich war ganz schön kopfmüde. Aber mein Mädchen hat gesagt, ich hab das großartig gemacht und das ist die Anstrengung immer wert! Und ich mag es ja auch, wenn ich ordentlich was zu denken hab.

Nächsten Montag wollen wir wieder in die Spielhalle, ich bin gespannt!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Instagram-Momente

Unsere Handpferdeaktion letzten Freitag war schon recht chaotisch, ganz ehrlich. Ich war am fluchen und am schimpfen weil Herr Schotte mal ganz geschmeidig ignorieren konnte, dass ich auch noch am anderen Ende des Stricks hänge. Er hatte Energieüberschuss, Diego und ich waren ihm zu langsam und es war ihm einfach egal, ob ich das blöde finde oder nicht. Da waren fremde Pferde zu hören und teilweise zu sehen und er war nun mal in der Stimmung für mehr Tempo. Wenn ich „gehört“ werden wollte, musste ich schon mal die ganze Kraft meines Arms zum Einsatz bringen. Mein sonst so feinfühliges Pony konnte mich plötzlich perfekt ignorieren. Nicht nur einmal, sondern gefühlt mindestens 10 Minuten lang. Und ich hab geflucht, geschimpft und mich bei Arnulf beschwert. Der war entspannt. Bei dem kleinen Araber, mit dem er das öfter mal gemacht hat, sei das anfangs genauso gelaufen. „Aber die Videos die du mir gezeigt hast waren so großartig!“ beschwere ich mich. Arnulf grinst. Ach so…. ich bin aber auch ein Dummerchen. Dann zieht Arnulf das Handy raus und filmt uns. Ich sage „das muss schrecklich aussehen was wir hier tun!“ aber es wird langsam besser. Ein paar harmonische Momente kommen schließlich doch noch raus. Und auf dem Video sieht das alles nicht so wild aus. Dann schneide ich einfach die besten Momente zusammen und fertig ist das Angebervideo.

Zu dem Angebervideo gehört auch die Szene, die Duncan in seinem Tagebuch gepostet hat – hier ist sie nochmal zum erinnern.

Sieht auf den ersten Blick nicht so aus, ist aber ein klassischer Instagram- Moment

Diese Szene zeigt zwar Duncans Grundstimmung an dem Tag aber in dieser Situation bin ich gelassen geblieben, habe souverän reagiert und mich nicht im Seil verknotet. Und so wird auch das Gehopse plötzlich angebertauglich. Schaut her, was für eine tolle Pferdetrainerin ich bin, ich kann ganz cool mit so was umgehen. Haha.

Eigentlich ist das gemogelt. Oder auch nicht. Denn gewissermaßen sind es jene Momente, auf die wir uns konzentrieren (sollten). Jene guten Augenblicke inmitten von Chaos und Streit, in denen es plötzlich läuft. Das sind die Momente, denen wir Aufmerksamkeit geben dürfen, damit unser Pferd das selbe tut. Und wenn es dann ein paar Momente gut gelaufen ist, beenden wir die Einheit und das Pferd wird sich vor allem an die guten Momente erinnern. Und wir auch.

Und so wird aus der „Instagram-Beschönigung“, die so oft schlecht für uns ist, weil sie uns glauben lässt, dass alle anderen perfekt sind und nur wir nicht, ein wertvolles Tool zur Pferdeausbildung. Wenn ich nächstes Mal das Handpferdereiten auf der Wiese übe, denke ich an beides. Ich rüste mich für Chaos – ich gehe nicht ohne Handschuhe und Helm los, ich habe mein langes Seil und einen Notfallplan. Aber ich erinnere mich vor allem an die guten Momente und versuche, sie meinem Pony als inneres Ziel-Bild zu vermitteln. Was mir nicht so gut gefällt, schneide ich aus meinem Erinnerungsfilm heraus. Aber ich schmeiße es nicht weg, sondern habe dafür einen besonderen Ablageort in meinen Erinnerungen. Auf diesen Ort greife ich zu, wenn mal nichts klappen will. Dann lege ich die chaotischen Erinnerungen neben die guten und sage mir: das Handpferdereiten war am Anfang auch so. Aber die guten Momente sind immer mehr geworden und die chaotischen immer weniger und heute können wir es. Also werden wir auch diese neue Aufgabe meistern. Auf Instagram wird mein zwischenzeitlich auftretendes Gefluche und Gezeter trotzdem nicht auftauchen, das bleibt privat. Manche Momente sind nun mal nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 206

Jetzt sind wir doch mal ehrlich, mein Mädchen ist sehr verwöhnt. Weil ich immer alles so gut mache und so ein netter Kerl bin. Deswegen weise ich sie gelegentlich darauf hin, dass das nicht selbstverständlich ist. Letzten Sonntag zum Beispiel, als mir unser Ausflug zu langweilig war und auch am Freitag beim Handpferdereiten, als ich mal zeigen musste, wie viel Energie ich übrig habe. Aber im Grunde bin ich ja doch ein freundlicher Geselle und arbeite gern friedlich mit meinem Mädchen zusammen, deswegen mache ich das nur manchmal und am nächsten oder übernächsten Tag bin ich dann wieder ganz ich selbst.

Mein Mädchen ist dann immer wieder ganz entzückt – und wenn ich zu lange so artig bin ist sie wieder verwöhnt. Sie sieht das ja anders, sie meint das wären so Pubertätsanfälle die ich da wohl hätte. Sie erwartet also allen Ernstes, dass ich mich, wenn ich denn mal erwachsen bin, immer so gut benehme. Weil Diego das schließlich auch kann. Aber ich glaube Diego ist einfach von Natur aus mit viel mehr innerer Ruhe ausgestattet als ich! Ich bin schließlich Sir Duncan duracell Dhu!

Na was ich Euch eigentlich erzählen wollte: wir waren heute wieder schön spazieren. Mein Mädchen hat so getan als würde sie Kutsche fahren und sie war soooooo begeistert von mir, weil ich das so toll gemacht habe. Wir haben „gruselige Geräusche von hinten“ geübt. Das heißt, dass sie im Vorbeigehen mit der Peitsche ins Gebüsch haut, mit den Füßen laut über den Boden schlurft oder Äste hinter sich her zieht. Nachher hat der Mann auch noch wild mit seinem Pullover seitlich hinter mir herum gewedelt. Am Anfang fand ich das alles schon ein bisschen angsteinflößend, aber ich hab schnell kapiert, dass die Menschen bloß wieder Quatsch machen.

Das Highlight kommt aber noch! Erinnert Ihr Euch an meinen ärgsten Feind? Brücken! Diese hier zum Beispiel. So und da waren wir heute wieder. Aber heute bin ich vorneweg marschiert. Ganz allein. Mein Mädchen war hinter mir und hinter ihr waren Diego und der Mann. Als ich die Brücke gesehen und das Wasser gehört hab, hab ich einmal nach hinten zum Mädchen gefunkt was ich machen soll. Sie hat gesagt, ich kann das und ich soll lässig mitten rüber marschieren. Und das hab ich dann gemacht. Einfach so! Und mein Mädchen war mega stolz auf mich! So stolz, dass sie es fürs Video gleich wiederholt hat.

Lässig, oder?

Nur einen Haken hatte die Sache: ich kann mich doch genau erinnern, dass wir beim Üben auf jeder Seite der Brücke eine Graspause gemacht haben! Weiß ich doch noch! Warum machen wir das denn jetzt nicht? Menno.

Ach aber insgesamt war es wieder ein bombastisch schöner Ausflug. Die Sonne hat geschienen und es war richtig warm – etwas zu warm für meinen Winterpelz, ich habe ordentlich geschwitzt! Wir haben nicht nur Geräusche und die Brücke geübt, sondern sind auch zwei mal ein kleines Stück getrabt und da hab ich auch alles richtig gemacht. Weil ich – wie Ihr ja jetzt wisst – im Grunde wirklich ein Guter bin. Und wenn ich lang genug artig war, denke ich mir wieder was aus, damit mein Mädchen nicht zu verwöhnt wird.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 205

Heute haben wir mal was neues probiert. Also so halb neu. Ihr erinnert Euch, dass ich ab und zu mal als Handpferd durchs Gelände laufe? Leider nicht so oft wie ursprünglich geplant, weil der Esel, den einer von den beiden Menschen dann jeweils geritten ist, leider einem Unfall zum Opfer fiel. Naja, deswegen geht mein Mädchen nun doch meistens neben mir her. Aber heute hat sie sich gedacht, dass wir ja mal Handpferdereiten auf dem „Sommerreitplatz“ üben könnten. Obwohl Winter ist. Aber es ist so trocken, dass man da gut laufen kann. Mein Mädchen also rauf auf Diego. Ich hab derweil noch Gras genascht. Dann ging es los. Ich war ganz schön aufgekratzt, hatte überschüssige Energie und wollte gern traben und überholen! Durfte ich aber nicht, mein Mädchen hat ganz schön rumgemeckert.

Was denn, darf man nicht mal gute Laune haben?

Ach menno, immer muss ich artig sein. Nachdem wir es dann im Schritt einigermaßen raus hatten, ging’s endlich ans traben. Wir sind dann eine ganze Weile getrabt, rechtsrum, linksrum und mein Mädchen war die meiste Zeit einigermaßen zufrieden.

Zwischendurch lief es echt gut!

Dann ist sie abgestiegen und der Mann ist noch ein bisschen auf Diego geritten, während mein Mädchen und ich noch galoppieren geübt haben. Ach, insgesamt war es doch ein großer Spaß! Nachher war ich recht zufrieden. Aber nicht müde! Deswegen hat mein Mädchen jetzt einen neuen Spitznamen für mich: sie nennt mich jetzt „Sir Duncan Duracell Dhu“ weil ich so endlos viel Energie habe wie der Duracell-Hase. Ich hoffe sie baut das Sportprogramm weiter aus!

Euer Sir Duncan duracell dhu of Nakel

Balanceakt

Duncan und ich laufen nebeneinander her. Duncan gibt sich wahnsinnig viel Mühe – heute. Er versucht, sich genau an mich anzupassen und synchron mit mir zu laufen. Er nimmt genau wahr, wie ich meine Füße setze und setzt seine genau so – wenn es ihm gelingt. Gelegentlich rummst er gegen mich, da ich in Reitposition neben ihm bin, donnert sein Bauch gegen meine Seite wenn er das Gleichgewicht verliert oder den Weg nicht verstanden hat, den ich gehen will. Manchmal wird es auch knapp für meine Füße, wenn sein Huf sich verirrt. Aber sonst ist er fabelhaft. Ganz im Gegensatz zu gestern, wo er einfach nur nervig war und pubertär. Wobei: es ist mir gelungen, das nervig pubertäre in gute Bahnen zu lenken und genau das zu üben (wenn auch in anderen Versionen) was wir heute tun: achte auf mich und ahme mich nach. Gestern war das anfangs nicht nach seinem Geschmack, aber heute ist er voll dabei. Sieh einer an!

Pferdeausbildung – und besonders Jungpferdeausbildung – läuft auf einem sehr schmalen Grat ab. Wann darf ich was verlangen? Gute Trainer sagen von sich, sie fragen nur nach Dingen, die das Pferd mit höchster Wahrscheinlichkeit dann auch tun wird. Sie vermeiden „nein“-Antworten vom Pferd. Schöner Plan, ich stimme zu. Woher ich bei meinem Teenager allerdings im Voraus weiß, wozu er ja oder nein sagt, weiß ich nicht genau. Indizien gibt es schon, aber manchmal lässt es sich ja auch gar nicht vermeiden, dass ich diskutieren muss. Er kann nun mal draußen beim Spazierengehen nicht beliebig lang und schnell traben, da komme ich nicht mit. Da gibt es keinen Spielraum. Das Leben setzt uns allen irgendwo Grenzen und mit denen müssen wir zurecht kommen.

Aber klar: besser ist es, wenn ich möglichst viele „JA“- Antworten bekomme. Mir persönlich ist es aber nicht immer möglich. Und so muss ich ständig ausbalancieren: wie viel Druck mache ich, was verlange ich, wo sind die Grenzen, welchen Konflikt vermeide ich und wo diskutiere ich Dinge zu Ende?

Und wieder finde ich, dass junge Pferde hier eine besondere Herausforderung bieten. Denn Sir Duncan schwankt nicht nur körperlich gelegentlich ganz schön, er ist auch jeden Tag unterschiedlich drauf. Der kleine Racker, der da eben auf Teufel komm raus Diego ärgern musste, ist das der selbe, der jetzt so zart mit mir umgeht? Der Rüpel, der mich vor 5 Minuten herzhaft gekniffen hat, ist das der selbe, der jetzt so engagiert zuhört und mitmacht? Und der Zappelphilipp der nicht still stehen kann, ist das der, der gestern artig gewartet hat obwohl um ihn herum so viel los war?

Auf einem Kurs im November hatte ich das Vergnügen mit einem Spanier zu arbeiten, der in einer, sagen wir mal, wenig hilfreichen Stimmung war. Ich konnte ihn zur Ruhe bringen und wieder in die Konzentration führen, was die Besitzerin überrascht hat: für sie war es immer so, dass diese Stimmung das Ende der Konzentration markierte – nichts geht mehr, jetzt können wir nicht mehr vernünftig miteinander arbeiten. Ich durfte ihr zeigen, dass das Blatt sich auch wieder wenden kann – und zwar recht schnell in ca 5 Minuten. Diese Wendung zu schaffen übe ich auch mit Sir Duncan immer öfter. Es mal drauf ankommen lassen, dass die Stimmung kippt, aber sie dann wieder zurück-kippen. Gelingt halt nicht immer, aber wenn es gelingt, ist es um so besser. Wie die Antwort eines berühmten Reiters, dem man bewundernd sagte, dass er ja nie die Balance verliere: „ich verliere die Balance ständig, ich finde sie nur sehr schnell wieder“.

Sicher werden Sir Duncan und ich noch sehr oft die Balance verlieren. Aber wenn wir das nie riskieren, wissen wir auch nicht, wie wir zurück kommen können. Und so sehr ich es gern können würde, jeden Konflikt zu vermeiden und immer nur „JA-Fragen“ zu stellen so sehr muss ich mir eingestehen, dass das in meinem Fall unrealistisch ist. Nichts desto trotz baut das Balance-wiederfinden natürlich genau darauf auf, dass mein „Konto“ bei Duncan gut gefüllt ist mit positiven Erlebnissen. Zu wissen, wie mein Kontostand derzeit ist, stellt also die erste Herausforderung dar. Zu wissen, wie „teuer“ eine geplante Aktion ist, ist eine große Unbekannte: wird er das, was ich vorhabe als Abenteuer empfinden, so kann ich etwas einzahlen. Wird er es blöd finden, so hebe ich etwas ab. Wie viel? Naja, all das sind eben Erfahrungswerte die wir sammeln. Und je mehr wir sammeln, desto besser wird unsere Balance. Bis es eines Tages so aussieht, als ob wir sie nie mehr verlieren.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 204

Seit 2,5 Jahren muss ich mir jetzt anhören ich sei zu klein. Zu klein für richtig tolle Abenteuer, zu klein für die richtig großen Touren, zu klein um mein Mädchen zu tragen, zu klein um die Kutsche zu ziehen – ständig heißt es, ich wäre zu klein.

Und was soll ich Euch sagen? Es wurde jetzt wissenschaftlich erwiesen, dass das einfach gar nicht wahr ist!

Ich glaube, man erzählt mir das nur immer um mich vom Spaß abzuhalten! Ich bin schließlich auch schon 1,40m! Und wenn der Mann nicht immer so knauserig messen würde, wäre ich schon 1,42m. So und da gibt es jetzt wirklich gar nichts mehr zu sagen, hörst Du, mein Mädchen? Ich bin durchaus groß genug und ich will jetzt auch endlich den vollen Spaß für große Ponys! Nix mit „Balance trainieren“ und „Vorübungen machen“ und so ein Mist. Abenteuer sofort!

Euer Ritterpony Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 203

Ja, mein Mädchen ist definitiv lernfähig. Sie hat heute den Mann und Diego den Großen und mich eingepackt und wir sind mit der Wackelkiste ins Moor gewackelt für einen schönen Sonntagspaziergang. Gegen den Burgkoller. Kluges Mädchen! Erst war ich ganz entspannt und gut gelaunt in Erwartung eines feinen Abenteuers. Aber an der einen Ecke wo wir IMMER rechts abbiegen habe ich dann gesagt, dass ich doch zu gerne mal wüsste, wo es LINKS hin geht. Mein Mädchen hat das auch verstanden, hat aber gesagt, dass wir das mal ein anderes Mal ausprobieren. Och menno. Immer die selben ollen Wege? Die sind wir doch schon tausendmal gegangen! Und schon war meine Laune im Eimer. Und dann ist es passiert: ich hab sie gekniffen. Aus Versehen – wirklich! Aber sie war stinkwütend. Hat gesagt, sie hat einen blauen Fleck und ich bin schuld. Und ich müsste jetzt wirklich total artig sein und genau machen was sie sagt. Hmpf. Also hab ich mich zusammengerissen. Lange. Und dann hat sie schließlich zum Mann gesagt, dass wir mal eine Graspause machen könnte. Diego war vorn und ist dann schon zum Gras gegangen. Und ich wollte auch! Aber da hat mein Mädchen schon wieder gemeckert, weil ich die Regeln vergessen habe. Ach naja vergessen nicht direkt nur …. sagen wir …. zurechtgebogen. War aber nicht erlaubt und so haben wir VIER Anläufe gebraucht bis ich endlich auch grasen durfte. Verflixt und zugenäht! Mein Mädchen meinte, ich hätte wohl wieder Pubertät. Sie hat mich dann vor ihr gehen lassen und lief so auf Höhe meiner Flanke, dann kann ich nämlich nicht immer nach ihr haschen. Diego und der Mann in einem Affenzahn vorneweg, da sind wir nicht mitgekommen. Als der Abstand größer wurde, meinte mein Mädchen, wir könnten ja hinterher traben. Ja gern! Und schon ging es los. Schneller und schneller und schneller und – ups, da steht ja der Mann im Weg! Was ist denn jetzt passiert? Mein Mädchen schon wieder am schimpfen. Weil ich ungefragt beschleunigt hätte und sogar angaloppiert bin – hab ich nicht gemerkt, es hat so Spaß gemacht, zu laufen! Tja und schon hatte sie was zum üben. Ich fand das voll schwer. Sie trabt so unendlich langsam! Hat mich einiges an Versuchen gekostet, bis ich das Schneckentempo halten konnte. Aber dafür gab’s dann einen Keks! Und wir haben noch ganz viel traben geübt. Und ich konnte noch einige Kekse ergattern. Mein Mädchen war für ihre Verhältnisse echt gut drauf. Obwohl mir das natürlich alles viel zu langsam ist aber ich verstehe schon, ich muss Abstriche machen. Das ist nur so schwer wenn es einfach mit mir durchgeht, versteht Ihr?

Nachher war ich aber doch ganz zufrieden. In der Wackelkiste hab ich auf dem Rückweg ein kleines Nickerchen eingelegt. Als mein Mädchen die Tür aufgemacht hat, hat sie gekichert und gesagt ich sei wohl doch ein bisschen müde jetzt. Was? Hm? Ach so ja. Kann sein. Aber schön war das, mein Mädchen, mich mal bisschen mit dir auszutoben!

Euer entspannter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 202

Am Montag hatten mein Mädchen und ich uns ja nicht so toll verstanden. Das ist bei uns echt selten. Aber wisst Ihr was ich an ihr mag? Sie ist lernfähig. Sie ist ja dann am Dienstag trotz Dunkelheit mit mir und meinem Spaziergehkumpel und seinem Mädchen eine kleine Runde spazieren gegangen. Und weil ich es mochte, dass sie am Dienstag auf mich gehört hat, bin ich am Mittwoch im Galopp zu ihr gelaufen (ok nach ein paar mal rufen, ein bisschen bitten lasse ich mich schon gern, aber dann komme ich ja auch!). Und ich war meeeeeeeega artig. Konnte wieder toll still stehen und Hufe geben und alles. Und dann kam die richtig gute Nachricht: obwohl sie sich vorgenommen hatte, das mit der Doppellonge zu wiederholen, hat sie es nicht gemacht. Weil sie zwischendurch Podcast gehört hatte (so ist sie: wenn es mit uns nicht läuft geht sie lesen oder Podcast hören und dann hat sie neue Ideen). Diesmal hatte sie was über Handarbeit gehört (so wie reiten vom Boden, Ihr wisst schon). Und jetzt hatte sie Lust, mehr Handarbeit mit mir zu machen. Und wisst Ihr was? Ich hatte auch Lust und hab mich total gut benommen. Normalerweise hasche ich ja gern mal mit den Zähnen nach ihr wenn sie so verführerisch nah an mir dran ist. Aber diesmal hab ich mich doll konzentriert (der Mann hat gelacht und gesagt ich würde eine lustige Nase machen wenn ich mich konzentriere. Der sollte mal selbst so was kompliziertes versuchen!). Und ich habe nicht ein einziges Mal nach meinem Mädchen gehascht!

Handarbeit heißt: alles in Zeitlupe machen und gaaaaaaanz doll konzertieren. Voll anstrengend!

Zur Belohnung ist sie dann aufgestiegen. Na eher aufgesprungen. Kann ich jetzt! Musste ich erst üben wegen der Balance aber jetzt weiß ich wie das geht. Dann hat der Mann mich ein Stück geführt. Uiuiuiui das ist aber doch ein bisschen schwieriger als ich dachte! Irgendwie wusste ich nicht so recht wohin mit meinen Füßen und es war ein einziges Gewackel mit uns beiden! Mein Mädchen ist dann auch nach 10m wieder abgesprungen. Eine Runde gehen, dann haben wir das wiederholt – da konnte ich es schon etwas besser. Danach hat mein Mädchen gesagt dass wir jetzt das mit der Handarbeit erst mal vertiefen für mein Gleichgewicht. Und später weiter machen mit der Reiterei. Aber nicht zu lange warten, mein Mädchen, ja? Wir wollen doch bald auf die langen Touren gehen, damit ich nicht wieder Burgkoller kriege!

Euer wieder gut gelaunter Sir Duncan Dhu of Nakel

Ausbildungsabschnitte

Duncan schwankt. Er hebt unkontrolliert einzelne Füße und hat sichtlich Probleme, das Gleichgewicht zu halten. Ich springe von seinem Rücken. Gerade hat Arnulf ihn ein kleines Stück geführt, während ich auf Duncans Rücken saß. Auf Video kann ich später sehen, wie ungeschickt Duncan seine Hufe gesetzt hat. Arnulf führt ihn eine Runde, dann versuchen wir es nochmal. Diesmal mit etwas mehr Tempo, so dass Duncan sich über die Geschwindigkeit einfinden kann in die Balance. Nach 10 Metern halten wir an und ich steige wieder ab, „Reitstunde“ beendet. Duncan ist psychisch stabil genug um so einen Versuch zu wagen und er hat genug Vertrauen in sich selbst und in mich um es unbeschadet zu überstehen. Aber das Ergebnis steht fest: Er braucht noch mehr Vorarbeit. Seine Balance ist noch deutlich zu schlecht um mich vernünftig tragen zu können.

Das war der zweite – bessere – Versuch.

Immer wenn ich unsicher bin wie es weiter geht, stelle ich mir vor, es wäre nicht mein Pferd sondern das einer Schülerin. Diesmal ist die Antwort ganz klar denn ich sage das ganz oft: Am Anfang der Ausbildung ist es meist so dass wir dem Pferd Dinge beibringen, die es sofort tun kann. Mal den Hintern rum nehmen, ein Schrittchen rückwärts gehen, auch ein einfaches seitwärts ist in der Regel für ein gesundes Pferd keine Herausforderung. So ein Jungspund braucht dafür nicht endlos viele Wiederholungen, das erklärt sich fast von selbst, wenn die Körpersprache des Menschen stimmt. Ich habe hier schon mal über wissen, können und wollen geschrieben. In den 2,5 Jahren, die Duncan jetzt bei mir ist, war es fast nie eine Frage von „können“. Außer auf psychischer Ebene: manchmal kann er sich nicht beherrschen oder konzentrieren. Aber auf körperlicher Ebene war das mit dem „können“ eigentlich nie das Problem. Aber jetzt ist es das. Und ich verstehe: Es ist wie bei mir und einem Handstand. Klar, ich weiß, wie man Handstand macht. Ich könnte auch einen Ansatz dazu zeigen. Bevor ich dann ganz flott wieder aus dem Gleichgewicht komme. Und da hilft die beste Anleitung und die schönste Motivation halt auch nix: ohne üben werde ich es nicht können. Wie oft ich den Handstand üben muss bevor ich ihn kann, hängt natürlich schon von der Anleitung oder Hilfestellung ab, die mir jemand gibt, aber das Üben kann mir keiner abnehmen – wenn ich Handstand machen will muss ich es tun.

Ich hatte gehofft, dass Duncans Balance gut genug ist, um mich ein kleines Stück zu tragen, aber ich wurde eines besseren belehrt. Vor das Reiten haben die Götter die Handarbeit gesetzt und davon steht jetzt deutlich mehr auf dem Zettel, das steht fest. Und wir werden jetzt zum ersten Mal ernsthaft an dem Punkt sein, an dem wir Übungen wiederholen, obwohl sie gut geklappt haben – einfach um des Trainingseffekts willen. Ich bin gespannt wie Duncan darauf reagiert.

Ist das Experiment „reiten“ damit schief gegangen? Keineswegs. Duncan ist trotz Geschwanke mit einem guten Gefühl nach hause gegangen, davon bin ich überzeugt. Da er Herausforderungen liebt, war das vermutlich ganz nach seinem Geschmack. Wissen werde ich das erst sicher, wenn ich wieder aufsteige (was bald der Fall sein wird, aber ich werde ihn nicht vorwärts gehen lassen). Und ich habe wieder eine Menge über mein Pony gelernt. Meine neue Forschungsfrage ist: wie sieht er aus und wie bewegt er sich wenn seine Balance gut genug ist – sprich: woran kann ich von unten sehen ob ich es von oben wieder probieren kann? Denn noch lange wird mein Pony im Wachstum sein und dadurch immer mal die Balance verlieren. Es wird meine Aufgabe sein, möglichst vorab schon zu erkennen, wann er mich nicht ausbalancieren kann. Und das kann ich jetzt üben – während er an seiner Balance übt. So haben wir immer was zu tun, auch in diesem neuen Ausbildungsabschnitt, in dem es zum ersten Mal um so etwas wie „Training“ gehen wird.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 201

Am Montag wollte mein Mädchen mit mir Doppellonge machen. Aber ich hatte keine Lust. Hab ihr immer gezeigt: schau, da ist leckeres Gras, schau, da ist der Ausgang….. Sie war echt genervt. Dann ist sie mit mir runter vom Platz und auf den Hof, dort eine Runde gedreht, wieder rauf auf den Platz – so wie neulich. War mir egal. Auf dem Hof hab ich ihr gezeigt: schau mal, da raus dann könnten wir schön spazieren gehen. Ich hatte nun mal einfach Lust auf einen Ausflug! Was ist daran falsch? Mein Mädchen war voll genervt. Ich auch.

Später hat sie dann gesagt, ich hätte wohl „Burgkoller“. Und hat sich mit dem Mädchen vom Spaziergehkumpel auf eine kleine Runde verabredet. Also sind wir Dienstag Abend im Dunkeln losgezogen. „Den Ritter lüften“ hat der Mann das genannt. Ja das hab ich gebraucht.

Im Dunkeln muss man aufpassen dass die Menschen einen sehen.

Wenigstens mal durchs Dorf marschieren, auch wenn es nur eine kleine Tour war. Lieber wäre ich ja mal so 12km gelaufen. Aber mein Mädchen sagt, laufen kann ich ja wohl auch zu hause und meine Kumpels spielen schön mit mir, da muss ich damit leben dass sie nicht immer ewig Zeit und Energie übrig hat neben mir her zu laufen. Dann hat sie wieder gesagt, wenn ich sie tragen kann, darf ich schneller Schritt gehen und überhaupt können wir dann viel weiter unterwegs sein. Ja Himmelherrgott warum steigt sie denn dann nicht endlich auf und reitet? Man man man. Für heute hat sie mir schon angekündigt dass wir die Doppellongenmisere von Montag aufarbeiten. Och menno. Und sie hat gesagt ich werde mich daran gewöhnen müssen dass wir durchaus auch mal auf dem Platz arbeiten. So ein Mist. Einziger Trost: sie hat versprochen dass ich ein Mitspracherecht habe WAS wir da so machen. Naja. Ich wette wenn ich „Gras essen“ vorschlage, sagt sie doch wieder nein. Ach man hat es schwer als Ritter heutzutage.

Euer burgkolleriger Sir Duncan Dhu of Nakel