Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 191

Liebe Menschen, ich wünsche Euch einen schönen 3. Advent! Es weihnachtet schon sehr, das merke ich daran, dass mein Mädchen jetzt öfter mal kleine Geschenke und Naschereien mit nach hause bringt, wenn sie von der Arbeit kommt. Ihre Schüler und Kunden geben ihr das. Das ist die Keksbelohnung die mein Mädchen bekommt, wenn sie ihre Arbeit gut macht. Diego der Große sagt, ich soll mal froh sein, dass mein Mädchen mich noch nicht reitet, denn die Menschen sind zu dieser Jahreszeit immer besonders schwer, wegen der ganzen Nascherei! Oh, da weiß ich aber was dagegen! Und deswegen haben wir heute auch endlich mal wieder einen Ausflug in den Wald gemacht und sind schön 9km gelaufen. Das war toll!

Und wisst Ihr was auch toll ist? Nicht nur mein Mädchen bekommt Weihnachtsnaschereien geschenkt: ich habe auch was bekommen!

Lecker Kekse – für mich!

Von dem schönen Spanier der uns besucht hat, Ihr erinnert Euch? Idolo heißt der. Und er hat mir eine Kekstüte gepackt, schaut mal! Das ist aber seeeeeeeehr lieb!

Danke Idolo!

Euer keksseliger Sir Duncan Dhu of Nakel

Verdoppelt

Mit Duncan zu arbeiten ist wirklich eine neue Herausforderung für mich. Schon vor 2 Jahren ist mir aufgefallen, dass er anders denkt als Merlin oder Finlay. Merlin und Finlay – beides Energiesparmodelle – hatten fast immer die Idee „das hat geklappt, jetzt schau ich mal ob die Hälfte reicht“. Sie haben immer etwas weniger Einsatz gebracht als zuvor und nachgefragt, ob das so wohl auch ginge. Das Training solcher Pferde ist sehr einfach, denn wenn man eine Situation erschafft in der das gewünschte Verhalten bedeutet, dass sie mit dem geringstmöglichen Energieeinsatz den größtmöglichen Gewinn erzielen, tun sie genau das was man möchte. Viele meiner Schüler, die verzweifelt mit ihrem „faulen“ Pferd zu mir kommen, sind erstaunt, wenn ich ihnen erkläre, dass diese Pferde wahnsinnig einfach auszubilden sind.

Sir Duncan hingegen macht das komplette Gegenteil. Er ist kein Energiesparer, er ist bereit, zu investieren und zu schauen was dabei herauskommt. Und das heißt: er verdoppelt. Und ich neige leider immer noch dazu, das zu vergessen. Beim Tempo haben wir das alles gut im Griff, aber bei anderen Fragen falle ich dann rein. So wie neulich an der Doppellonge:

Da er noch dazu geneigt hatte, sehr weit rein zu kommen und den Kreis sehr klein zu halten, hatte ich geübt, dass er raus gehen soll. Und leider verpasst, ihm zu sagen, wie weit. Ich hatte ihn gelobt fürs raus gehen und war dann einfach mit gegangen so dass er Platz hat. Und das habe ich nun davon. Denn als wir neulich wieder zusammen auf dem Reitplatz waren, hatten wir plötzlich Streit, weil Duncan ZU WEIT draußen lief. Unser Reitplatz ist nicht fest eingezäunt, sondern nur von einem Wall umgeben. Hätte ich ihn gelassen, wäre Duncan wohl über den Wall drüber geklettert. Weil er ja wusste: raus gehen ist gut! Das Problem war nur, dass ich das in dem Moment nicht verstanden habe. Ich war genervt über das Geziehe und Gezerre, Duncan war genervt von dem Geziehe und Gezerre und schon hatte sich ein handfester Streit entfacht. Na zum Glück konnten wir mit Arnulfs Hilfe die Wogen wieder glätten und einen guten Abschluss finden. Aber erst auf dem Weg vom Platz zurück wurde mir klar, WARUM das alles passiert ist. Und ich musste an dieses interessante Video denken

Die Zusammenarbeit mit Duncan wird nur funktionieren, wenn ich sein Echo korrekt berechne. Und die Formel für diese Berechnung ist ungefähr das Gegenteil von der Formel, die für Merlin gilt. So wie der Musiker in dem Video sicher erst üben musste um zu wissen, wann und wie laut er spielen muss, damit das passende Echo zurück kommt. Wie lang dauert es, bis eine Reaktion kommt? Und wenn ich einen lauteren Ton spiele, kommt er dann in Duncans Fall doppelt so laut zurück? Vielleicht ist Duncan auch so eine Art „Echokammer“ in der sich alles von selbst verstärkt. So wie das „Tal der Dämmerung“ in „Jim Knopf“, wo jedes Flüstern so hin und her geworfen wird, dass es schließlich zu einem riesigen Geschrei wird.

Jedenfalls habe ich mir fest vorgenommen, nächstes Mal früher an den Verdopplungseffekt zu denken und mich zu fragen, ob er zu diesem oder jenem Verhalten führen könnte. Bevor es Streit gibt.

Und jetzt muss ich meinem Pony erklären, WIE WEIT es genau raus gehen soll.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 190

Soooooooooo da isses!

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider….

Das extra mühsam ausgemessene Wunderteil. Das kann alles außer kochen und stricken, glaube ich. Alles dran, was ein Ritter wie ich so braucht: weiche Genickpolster, was zum Gebiss-dranhängen, jede Menge Platz zum rein wachsen, Ringe um Zügel dran zu machen (falls mein Mädchen in diesem Leben noch mit dem Reiten anfangen möchte) uuuuuuuuund natürlich mega wichtig: Beschriftung!

Damit jeder weiß, wie er mich anzusprechen hat. Nicht, dass die Leute wieder meinen, sie könnten mich „Dunci“ nennen oder so.

Am Sonntag haben wir das gute Stück dann auch direkt mal ausgeführt. Endlich wieder ein Spaziergang! Das wurde aber auch Zeit, mein Mädchen! Schneeregen von oben, Matsch von unten, da dachte mein Mädchen an eine kleine Dorfrunde. Aber zum Glück war der Mann dabei und der hat gesagt, wir gehen die große Dorfrunde (was sich so „groß“ schimpft bei knapp 6km. Reicht gerade mal zum warmlaufen!). Und ich habe mich erinnert, dass mein Mädchen mal gesagt hat, dass es ihr lieber ist, wenn ich ab und zu nach ihr hasche als wenn ich dauernd am Strick ziehe. Also habe ich NICHT am Strick gezogen und im Laufe der Zeit hat mein Mädchen dann auch kapiert was für eine große Leistung das ist, die ich da erbringe – bei dem Energieüberschuss! Wir haben unterwegs ein paar interessante Übungen gemacht aber die meiste Zeit bin ich artig neben meinem Mädchen her gedackelt. Und wenn ich es nicht mehr ausgehalten hab, hab ich halt nach ihr gehascht. Da muss sie durch, wenn sie so lang nicht mit mir spazieren geht! Pech! Ich bin ja auch so furchtbar nett, ich komme maximal mit meinen Zähnen an ihre Jacke. Ich würde sie niemals richtig beißen! Bin schließlich Ritter, kein Räuber. Trotzdem hoffe ich dass sie kapiert was ich ihr damit sagen will: ich brauche mehr Beschäftigung! Und jetzt wo ich so ein schönes, multifunktionales, grasgrünes Wunderdings habe, gibt es doch nun wirklich keine Ausreden mehr!

Euer gut eingekleideter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 189

Draußen ist es nass und rutschig und teilweise vereist. Wer soll da noch vernünftig spielen und rennen können? Meine Laune ist im Eimer. Hat mein Mädchen auch gemerkt. Also hat sie mir versprochen dass wir was in der Halle machen. Die ist klein, aber immerhin trocken und nicht rutschig. Und endlich hat es mal einen Vorteil, dass ich so klein bin – für mich ist da allemal genug Platz! Mein neues Zaumzeug ist auch da, Fotos bekommt ihr später, sobald das Licht mal gut ist. Jedenfalls liebe ich es! Es ist toll geworden. Und jetzt hier ein Video von meinem heutigen Sportprogramm – mit neuem Zaumzeug. Mein Mädchen war auch sportlich, gleichzeitig filmen und mich dirigieren ist nicht so einfach wie es aussieht! Aber ich mach ja immer alles richtig, also ist es vielleicht doch ganz einfach.

Hallensport ist angesagt!

Als ich alles richtig gemacht hatte, meinte mein Mädchen dass wir jetzt noch eine letzte Übung machen (Kopf tief nehmen, haben wir neulich schon geübt). Ich hab gesagt ich möchte das nicht machen. Ich wollte viel lieber dass mein Mädchen aufsteigen übt. Aber sie ist ja wirklich stur wie ein Maulesel. Nach einer Weile habe ich es dann gemacht aber ich hab so böse geschaut dabei, dass mein Mädchen die Botschaft verstanden hat: ich wollte einfach noch nicht Feierabend machen! Also haben wir noch ein paar Ründchen gedreht. Dann hab ich mich besser gefühlt. Ich hätte auch noch weiter gemacht, aber mein Mädchen meinte, ich hab das alles so toll gemacht, dass wir jetzt aufhören. Es gab sogar noch eine Schüssel für mich! Jetzt ist meine Laune nicht mehr im Eimer.

Euer besser gelaunter Sir Duncan Dhu of Nakel

Unterschätzt

„Das schaffen wir nie“ sagt meine Reitschülerin, die entsetzt auf die Hütchen starrt.

An einem Wochenende habe ich dieses Erlebnis gleich drei mal gehabt. Mit drei verschiedenen Pferd-Mensch-Paaren und drei verschiedenen Übungen. Die einzige Gemeinsamkeit war, dass ich Hütchen aufgestellt hatte und dass nach dem Erklären der Übung eben jener Satz fiel „das schaffen wir nie“. In allen drei Fällen haben Pferd und Mensch die gestellte Aufgabe wunderbar gemeistert, im 3. oder 4. Anlauf. Und in keinem der drei Fälle ist die Reiterin danach vor Freude vom Pferd gesprungen, in Tränen ausgebrochen oder war auch nur im geringsten stolz – alle hatten sie was zu meckern. Es war nicht gut genug. Ich musste zu doll ziehen. Es war nicht elegant. Alle drei hab ich mir vorgeknöpft: wie kann das sein? Man steht vor einer Aufgabe, die man für nicht schaffbar hält. Dann erledigt man die Aufgabe im 3. Anlauf. Und man freut sich nicht? Man springt nicht ab und küsst seinem Pferd die Hufe weil es einem geholfen hat, etwas möglich zu machen was man für unmöglich hielt? Man flippt nicht völlig aus, stößt mit Champagner an und leert die Kekstasche? Warum?

Wenigstens ein „wow, das hätte ich nicht gedacht, dass uns das gelingt“ wäre ja schön.

Ich äußere mal einen Verdacht: wenn wir mehr feiern würden, wenn wir etwas unerwarteterweise eben doch schaffen, dann würde unser Gehirn das mehr abspeichern. Und im Anblick der nächsten schweren Aufgabe sagen: „wir haben schon oft Dinge geschafft, die wir für nicht machbar hielten. Von denen wir dachten, wir können sie (noch) nicht. Ich bin sicher, wir schaffen das auch diesmal.“ Dann würde unser Gehirn kurz pausieren und anschließend dazu sagen „vielleicht nicht im ersten Anlauf. Aber bestimmt im 3. oder 4.“

Das selbe gilt für unser Pferd. Was vermitteln wir ihm? Das selbe was wir uns selbst vermitteln! Deswegen bin ich bei meinen Reitschülerinnen, die sich allzu gern selbst kritisieren, dazu übergegangen zu sagen „wenn du dich selbst nicht loben willst, tu es wenigstens für dein Pferd. Und hör wenigstens für dein Pferd auf, dich selbst zu kritisieren, denn wenn du dich selbst kritisierst, fühlt dein Pferd sich kritisiert“. Und ich möchte hinzufügen: das selbe gilt fürs Unterschätzen. Wenn du dich selbst unterschätzt, unterschätzt du auch dein Pferd.

Und wenn wir unser Pferd nicht feiern dafür, dass es mit uns zusammen unmögliches möglich gemacht hat – warum sollte das Pferd dann die Anstrengung wiederholen? Warum sollte unser Pferd sich mutig in eine schwierige Übung stürzen, das entstehende Chaos aushalten, überleben, dass unsere Hilfen nicht so fein sind wie gewohnt, wenn danach doch nur wieder Kritik kommt?

Viel zu oft übersehen wir, wenn unser Pferd großartiges leistet. Mein Pferd hört zu, obwohl es abgelenkt ist? Mein Pferd bleibt stehen obwohl es Angst hat? Mein Pferd bemüht sich um Gleichgewicht anstatt einfach seinem Schwerpunkt hinterher zu laufen? Das alles sind doch Gründe zum feiern – genauso wie wenn uns gemeinsam eine Übung gelingt, die wir für nicht machbar hielten.

Bei allem Anspruch den ich an meine Pferde habe (und ich weiß, der ist nicht klein!) weiß ich doch, was für mein Pferd schwierig ist. Und wenn etwas schwieriges gelingt oder mein Pferd sich zumindest redlich darum bemüht, dann wird gefeiert. Ohne wenn und aber. Am Ende der Party können wir dann besprechen, was wir nächstes Mal besser machen können. Aber das kommt eben erst dann, wenn der Champagner ausgetrunken und der letzte Keks verdrückt ist – bildlich gesprochen. (Nicht dass ich jemals Champagner trinken würde).

In diesem Sinne: feiert eure Pferde, feiert euer Zusammensein und feiert was ihr gemeinsam erreicht! Und übrigens: Kein erreichtes Ziel ist zu klein zum feiern.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 188

Mein Mädchen hatte Schnupfen. Und deswegen war sie fast nur auf dem Sofa und fast nie bei uns. Und ich hab sooooooooooo viel Langeweile und überschüssige Energie! Die muss irgendwo hin. Ich hab also ganz viel gespielt. Vor allem mit Diego dem Großen und meinem Schottenkollegen Gatsby (den seht ihr hier im Video). Mein Mädchen kann da immer gar nicht hingucken. Weil der Boden so rutschig ist, dass wir ständig unsere Füße wieder einsammeln müssen, weil sie uns abhauen wollen. Aber hey, wir haben das drauf! Hab dich nicht so, mein Mädchen!

So eine ordentliche Toberunde (oder zwei, oder drei) ist gut gegen den Novemberblues! Solltet ihr auch mal probieren, liebe Menschen!

Zum Glück ist sie jetzt endlich wieder fit und wir machen was zusammen. Neulich haben wir wieder Doppelkeks Doppellonge gemacht. Sogar mit ein bisschen Galopp! Da war mein Mädchen schon wieder sooooo stolz auf mich! Und dann hat sie die Doppellonge mal anders verschnallt und wir haben Richtungswechsel geübt. Kann ich auch. Mein Mädchen aber nicht. Sie hat ganz doll die Longe vertüddelt und dann geflucht und geschimpft weil sie es nicht hinkriegt. Ich hab dann Kekse bekommen, weil ich so geduldig war. Läuft bei mir!

Aber wisst ihr, was ich am tollsten finde? Wenn sie mir am Ende einmal auf den Rücken hüpft. Dann liegt sie quer über meinem Rücken und ich balanciere sie aus. Das fühlt sich schon sehr erwachsen an, finde ich – fast wie reiten. Bald… bald….

Bis dahin vertreibe ich mir weiter die Zeit mit Spielen. Wenn es draußen zu rutschig ist, spielen wir auch mal im Stall. Aber das will mein Mädchen dann auch wieder nicht, weil wir dann die Äppel total durcheinanderbringen. Man kann es ihr nicht recht machen!

Alles durcheinander….

Egal, wir vertragen uns trotzdem gut, mein Mädchen und ich.

Gut gelaunte Novembergrüße von Eurem Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. ich möchte aber anmerken, dass wir eine halbe Ewigkeit nicht richtig spazieren waren – da muss ich doch noch mal ein ernstes Wörtchen mit meinem Mädchen reden! Schließlich würde so ein kleines 12km-Ründchen auch die überschüssige Energie in gute Bahnen lenken, das müsste doch in ihrem Sinne sein!

Zeitplan

Als diese [füge hier ein Schimpfwort Deiner Wahl ein]- Pandemie los ging und ich anfing, mich in die ersten Informationen zu vertiefen, wurde mir sofort klar, das das lange dauern wird. „Stell dich auf mindestens 2 Jahre ein“ habe ich zu Arnulf damals gesagt. In meinem Umkreis wurde ich zum Pessimisten abgestempelt. Aber die Tatsache, dass ich schon zu Beginn sicher war, dass wir unter 2 Jahren nicht aus der Nummer raus kommen, verschafft mir jetzt einen (kleinen) psychischen Vorteil gegenüber denen, die dachten, das alles sei nach ein paar Wochen oder maximal Monaten überstanden. Und als eine Schülerin neulich mit ihrem Pferd geschlagene 35 Minuten an einer scheinbar (!) einfachen Aufgabe herum knabberte, musste ich daran denken wie es mit der Pandemie ist. Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir dieses Jahr noch damit fertig werden und also bin ich zumindest in diesem einen Punkt nicht enttäuscht (über all die anderen Punkte schweige ich an dieser Stelle). Und so war es eben auch mit der scheinbar einfachen Übung: Meine Schülerin fand, sie hätte unglaublich lang gebraucht, aber ich konnte ihr versichern, dass sie da nicht die erste war, bei der das länger gedauert hat.

Wenn wir Zeitpläne machen mit unseren Pferden, dann dürfen die immer flexibel sein. Manches geht schneller als gedacht. Manches geht langsamer als gedacht. Manches läuft genau so wie wir es uns überlegt haben. Manche Dinge klappen nie und wollen ersetzt oder ersatzlos aus dem Plan gestrichen werden.

Meinem kleinen Ritter erzähle ich nun schon seit Wochen, dass ich „bald“ zum ersten Mal richtig aufsteigen werde. Und wenn er sich seitlich an mich ran schiebt, weil ich hochspringen und mich bäuchlings auf seinen Rücken legen soll, dann frage ich mich, ob er das Wort „bald“ genauso blöd findet wie ich. Denn eigentlich ist „bald“ eine von diesen Zeitangaben die bedeuten „später als du willst“. (Genauso wie „gleich“). „Bald“ ist ein Wort, das Erwachsene gegenüber Kindern gern benutzen. Es bedeutet übersetzt: „Für mein Zeitempfinden ist die Zeit nicht mehr lang, für deines ist sie viel zu lang“.

Eines Tages – wenn es gut läuft noch dieses Jahr – wird es so weit sein und ich werde wirklich aufsteigen. Wenn Arnulf hier ist, das Wetter passt und die Stimmung stimmt. An einem dieser Punkte ist das Vorhaben bisher immer gescheitert. Macht ja auch nix, es besteht ja kein Grund zur Eile. So bleibt es bei „bald“ und ich hoffe, dass bei Duncan das Gefühl ankommt was für mich in diesem Fall dahintersteht: ich möchte, dass es perfekt wird. Dass er sich gut fühlt und ich mich gut fühle. Dass wir diesen Moment in Ruhe und mit Genuss angehen. Nicht zwischen Tür und Angel mit dem Risiko dass es doch blöde wird. „Immer langsam mit den jungen Pferden“ sagt der Volksmund völlig zu Recht.

Neulich sprach ich mit einer Schülerin darüber, wie weit sie im vergangenen Jahr gekommen ist. Und das, obwohl sie mir in fast jeder Reitstunde sagt, dass das alles nicht so läuft, wie sie es will. Es läuft eben doch. Nur merkt man die Verbesserung halt nicht nach 45 min. Sondern nach ein paar Wochen. Oder Monaten. Und wenn man dann zurückschaut, wundert man sich, wie weit man doch gekommen ist.

Duncan und ich haben dieses Jahr nur sehr wenig von dem geschafft, was auf meinem Zettel steht. Verschiedene Umstände sind uns dazwischen gekommen, wie es eben manchmal so ist im Leben. Der Sommer war anstrengend für mich, so dass ich jetzt die Ruhe genieße und wenig Lust habe, ständig was zu unternehmen und schwierige Sachen zu üben. Ich beschränke mich vorerst auf die Dinge, die leicht zu üben sind, die ich hier zu hause machen kann. Diesmal machen wir keine Pause, wir sind voll dabei. Aber halt im Moment nicht mit der „Wackelkiste“ los und Kilometer machen oder neue Orte aufsuchen und große Abenteuer wagen. Sondern tatsächlich mal hier zu hause auf dem Reitplatz, wo Duncan anscheinend jetzt den Spaß an der gemeinsamen Arbeit gefunden hat (oder habe ich die Art von Arbeit gefunden die ihm Spaß macht?). Meine Zeitpläne verschieben sich ein bisschen. Das eine passiert früher, das andere später als geplant. Das liegt in diesem Fall nicht an Duncan, sondern an mir und den Begleitumständen.

Derweil beobachte ich, wie mein Pony sich verändert im Erwachsenwerden. Und ich erinnere mich, wie lang es mir vorkam, als ich ihn gekauft habe: es dauert 2 Jahre bis er überhaupt einigermaßen anfangen kann mit arbeiten! Viele haben mir gesagt, dass die zwei Jahre schnell vergehen werden. Das stimmt und es stimmt nicht. Aber was in jedem Fall stimmt ist, dass viele Dinge schneller gegangen sind als geplant, während andere länger dauern und sich schwieriger gestalten. Manches ist genau nach meiner Vorstellung gelaufen. Und in allen Fällen hatte ich bisher das Glück, dass ich keinen Zeitdruck hatte. Und wenn wir es genau betrachten sind das in den allermeisten Fällen auch nur wir selbst, die uns den Zeitdruck machen.

Da sind zum Beispiel die, die sich immer vorm Verladetraining drücken. Bis sie schließlich doch überraschend den Stall wechseln wollen. Ups. Dann kommt Zeitdruck auf und wenn ich dann gefragt werde ob ich helfen kann, bin ich im Zwiespalt, jedes Mal aufs Neue. Helfe ich und mache es dadurch vielleicht etwas entspannter für Pferd und Mensch? Oder verweigere ich mich, weil ich finde, man hätte das vorher solide üben können und weil es mich selbst wahnsinnig stresst, unter Zeitdruck zu üben oder gar direkt zu verladen? Aber was bedeutet meine Weigerung für das Pferd? Viel schöner ist es doch jedenfalls, in aller Seelenruhe zu üben und dann entspannt sein zu können.

Fest steht: ein bisschen Pessimismus was den Zeitplan angeht, macht entspannt. Wenn wir den dann kombinieren mit dem Optimismus was die Ziele angeht – meistens können wir nämlich mit genügend Zeit viel mehr schaffen als wir gedacht hätten – dann können wir ganz gelassen und zufrieden unser Pferd schön Schritt für Schritt ausbilden.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 187

Also, Klamotten shoppen. Und was steht da an? Ausmessen, na klar. Das ist vielleicht immer ein Gefummel! Diesmal hat der Mann sich das ganz extra schlau überlegt. Kam mit Kreide an und hat an meinem Kopf rum gemalt! Hey! Kannst Du das lassen? Das sieht doch blöde aus! Was sollen denn die Leute denken! Aber ihr wisst ja wie es ist: mein Mädchen sagt „waaaaaaarte“ und dann weiß ich: gleich kommt der Keks! Und dem Versprechen kann ich halt einfach nicht widerstehen! Also wurde ich angemalt. Gegen meinen Willen, wie ich betonen möchte! Dann wurde mit dem Maßband gefummelt. So herum. Anders herum. Dann nochmal. Das kann doch nicht stimmen was da raus kommt? Doch es stimmt aber. Eieieiei, gut, dass wir das nicht so oft machen müssen, nervt wie Sau!

Da sind Kreidestriche an meinem Kopf! Menno!

Als sie dann endlich fertig waren, hat mein Mädchen tief geseufzt und gesagt, der schlimmste Part kommt erst noch! Was?? War das nicht schlimm genug? Aber diesmal hatte ich Glück: mit dem schlimmsten Part meinte sie, dass sie sich für Farben entscheiden muss. Aber ich hab einfach leise gesummt „grün grün grün sind alle meine Kleider….“. Soll sie mal diese Entscheidung treffen, ich weiß ja dass sie mich mit pink, türkis und glitzer verschont (uff, Glück gehabt! Augen auf bei der Menschenwahl, liebe Ponys!)

Männergespräch. Der Mann macht immer so komisches Zeug. Mein Mädchen sagt ich soll mich einfach dran gewöhnen. Hmpf.

Zum Glück hat sie dann noch ein bisschen was mit mir auf dem Reitplatz gemacht, weil sie weiß, dass ich es hasse, wenn man an mir rum tüddelt und mich dann einfach so wieder weg stellt. (Ihr erinnert Euch?)

Jetzt heißt es warten bis das gute Stück geliefert wird. Ich beschäftige mich derweil mit meiner Lieblingsübung: ich versuche, mein Mädchen zu überreden, endlich aufzusteigen! Klappt bald, wir machen gute Fortschritte. Ich kriege sie schon noch rum!

Euer bald neu eingekleideter Sir Duncan Dhu of Nakel

Klamotten

Wisst Ihr, was für mich die absolute Höchststrafe ist? Klamotten kaufen. Schrecklich! Erst mal gefällt mir das meiste farblich nicht. Wenn ich dann was sehe was mir gefällt, ist es oft sehr unpraktisch und ich weiß: das werde ich eh nie anziehen. Und wenn ich was sehe, was mir gefällt und was tatsächlich „tragbar“ ist, dann passt es mir nicht. Weil die Ärmel zu kurz sind oder der Hosenbund zu eng, die Schultern zu schmal oder das ganze sitzt einfach insgesamt nicht. Wenn ich mir Klamotten bestelle (meistens ja im Arbeitskleidungs-shop) und Arnulf bestellt sich was mit, dann nimmt das immer das gleiche Ende: Arnulf packt aus, zieht an und sagt „ja, das gefällt mir! Das passt, das behalte ich“. Ich packe aus, ziehe an, packe wieder ein und schicke zurück. Klamottenladen betreten vermeide ich tunlichst, denn mich dann x-mal in der Kabine umziehen nur um alles wieder zurück zu hängen finde ich noch viel schrecklicher, zumal das Licht in diesen Kabinen einen ja immer gruselig aussehen lässt.

Eine meiner schönsten, am besten passendsten Blusen hat mir übrigens Arnulf mal geschenkt. Er war in der Stadt unterwegs, hat die Bluse gesehen, am Bügel hoch gehalten und gewusst, dass sie mir wie angegossen passen wird – was sie auch tut. Ich bettel ja immer, dass er mir alle meine Klamotten so kauft, aber bisher war ich da nicht erfolgreich.

Der Schwierigkeitsgrad steigert sich übrigens von oben nach unten: eine Mütze kaufen ist leicht. Oberteil oder Jacke geht noch. Bei Hosen wird es schon sehr kompliziert und bei Schuhen zur absoluten Katastrophe. Und immer frage ich mich: bin ich es, die so komisch gebaut ist oder geht es allen so? Aber wenn ich dann sehe, in was für Klamotten Menschen so herum laufen beschleicht mich der Verdacht, dass ich einfach empfindlich bin, was Passformen angeht. Manchmal kneift mich so eine Hose ja schon beim Hinschauen. Und Frauen, die spitze, womöglich hochhackige Schuhe tragen, wecken bei mir immer den Verdacht, sie würden ihre Füße gar nicht mehr fühlen.

Nun habe ich ja Glück: niemand erwartet, dass ich gut gekleidet zur Arbeit erscheine. Ich darf den ganzen Tag dreckig rumlaufen und so aussehen als käme ich direkt aus dem Stall – ich liebe meinen Beruf. Trotzdem brauche ich ja was zum anziehen.

Meine Ponys waren da irgendwie immer unkompliziert. Bei Merlin und Finlay hatte ich nie den Eindruck, dass es sie irgendwie bekümmert, ob, was und wo man so an ihnen fest tüddelt. Halfter aller Art und Sorte, Bosal, Kappzaum, Gebiss oder nicht, alles einerlei. Reitpad, Gurt, Sattel, Satteldecken, Fahrgeschirr – keine Beschwerden. Auch Diego hat dazu nie etwas gesagt. Einzig beim Sattel hatten wir mal das Gefühl, dass ein anderer Gurt her muss, aber das war schnell gelöst.

Und jetzt steht da Duncan. Und der hat ne Meinung. Vielleicht liegt es ja auch nur am Zahnwechsel, dass er so viel Meinung hat zu dem was ich ihm da an den Kopf tu, aber da Duncan grundsätzlich wesentlich sensibler ist als unsere anderen Ponys, nehme ich an, dass es nicht nur der Zahnwechsel ist. Und wenn doch: er soll es ja JETZT bequem haben und nicht erst in zwei Jahren wenn er fertig ist mit Wechseln.

Bisher waren wir ja fast nur spazieren. Da war von Einwirkung kaum die Rede, da reicht ein einfaches Knotenhalfter, das mir ermöglicht, den kleinen Hengst im Zweifel auch wirklich bei mir zu halten. Und so wie sein Kopf in den letzten zwei Jahren gewachsen ist, bin ich heilfroh, dass ich nicht dauernd was neues kaufen musste.

Dann haben wir angefangen mit longieren (wenig, aber eben mal angefangen). Und mich beschlich der Verdacht dass ihm etwas nicht gefällt. Ich dachte, es sei das longieren an sich. Heute weiß ich: es war das Cavesson. Das hatte ich geschenkt bekommen und es ist so ein Standard-Ding was so viel benutzt wird, dass ich gar nicht weiter darüber nachgedacht hatte. Aber er hasst es! Nun ist er ja kein Typ der sich etwas nicht anziehen lässt oder der wild mit dem Kopf schleudert. Aber ich kenne ihn ja nun besser, sehe seine Gesichtsausdrücke und Verhaltensweisen und kann sie besser einordnen. Das Cavesson habe ich jetzt verliehen an jemanden, der sich darüber freut und Duncan versprochen es ihm nicht mehr anzuziehen. Ein weicherer Kappzaum gefiel ihm da schon deutlich besser. Aber eine echte Offenbarung war erst das Halfter mit gleitendem Ring. Obwohl ich nie an meinem Pony herumziehe scheint schon allein das Gewicht der Longe und die eine oder andere leise Einwirkung ihn gestört zu haben, weil das feste Kopfstück sich am Kopf dann drehen möchte – oder vielleicht weil es ihn aus dem Gleichgewicht bringt? Oder vielleicht weil das Kopfstück grundsätzlich fester sitzen muss um sich dann eben nicht zu doll zu bewegen? Ich weiß es nicht, ich kann nur sehen, was er mag und was nicht.

Es gilt, weiter zu forschen was er gern mag. Ich könnte mir vorstellen dass er eins jener Pferde ist, die lieber mit Gebiss laufen als im Sidepull. Mal sehen ob er mein heißgeliebtes Bosal mögen wird oder nicht. Er hat bei diesen Dingen das letzte Wort, das ist ja klar – im Rahmen dessen was ich als sicher empfinde. Denn mit einem Hengst draußen unterwegs zu sein ist für mein persönliches Sicherheitsgefühl schon eine andere Nummer als mit einem Wallach. Aber da werden wir uns schon einig.

Ich bin froh, dass ich inzwischen so gut sehen kann, was er mir sagt. Und ich bin bereit, weiter an der Ausrüstung zu feilen, bis alles so ist wie er es möchte. Derweil hoffe ich, dass die Klamotten in meinem eigenen Schrank noch eine Weile halten, damit ich nicht so schnell wieder shoppen gehen muss. Und wenn dann nur mit Arnulfs Hilfe, der mir vor der Anprobe sagt, ob das passt oder nicht.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 186

Jetzt wo ich größer werde und wir mehr unterschiedliche Sachen machen, sagt mein Mädchen wir müssen mal meine Ausrüstung erweitern. Ein bisschen shoppen war sie ja neulich schon, unsere schöne grüne Doppellonge. Aber es mangelt mir noch an anderen Dingen, vor allem an einem Universalzaumzeug für alle Lebenslagen. Also Fahrzaum und ein Sidepull kann ich von Finlay auftragen, Knotenhalfter hat der Mann mir schon mehrere gemacht (weil mein Kopf schon so doll gewachsen ist). Aber so wie es jetzt ist, ist mein Mädchen nicht zufrieden. Erstens weil sie, wenn wir mit der Wackelkiste los fahren, immer das Halfter nach dem Aussteigen tauschen muss (ich darf niemals mit dem Knotenhalfter in der Wackelkiste fahren, mein Mädchen sagt, da könnte ich mir böse weh tun). Das Getausche nervt sie. Zweitens soll ich ja später vielleicht mit Gebiss geritten werden, zumindest im Gelände. Mein Mädchen sagt, wir könnten das alles auch ohne machen, aber weil ich Hengst bin, möchte sie lieber auf Nummer sicher gehen. Und wir wissen ja auch beide noch nicht, was ich eigentlich lieber mag, weil wir ja noch nicht reiten. Und deswegen hätte sie gern ein Zaumzeug, das beides kann: mit Gebiss und ohne. Dann könnte sie wechseln wie es gerade so kommt. Und wenn wir mit Gebiss unterwegs sind, möchte sie es aushaken können für die Graspausen, damit ich gemütlich schmausen kann. Und sie hätte gern was für die Bodenarbeit. Aber den Kappzaum den sie bisher hatte, mag ich nicht. Zum Glück hat sie das jetzt kapiert! Den kann ich gar nicht leiden, hab ich ihr gesagt und sie hört dann ja auch auf mich.

Zum ausprobieren geliehen. Von dem anderen hab ich kein Foto.

Große Frage war also: gibt es was, was das alles kann und was ich gern am Kopf haben mag? Und um das herauszufinden, sagt mein Mädchen, ist leihen das Mittel der Wahl. Sie verleiht auch dauernd Sachen damit Menschen und Pferde ausprobieren können. Jetzt sind wir mal mit leihen dran. Und so haben wir uns alles mögliche zusammen-geliehen: Nicht nur ein Gebiss zum üben, sondern auch ein Multifunktionszaumzeug und ein spezielles Halfter zum Ausprobieren. Dann hat sie mich immer gefragt was ich davon halte, auch so im Vergleich zum normalen Knotenhalfter. Und ich habe einen ganz eindeutigen Favoriten gefunden! Ach da hat sie sich gefreut als ich gesagt habe das DAS eindeutig am allerbequemsten an meinem Kopf ist. So will ich das bitte, mein Mädchen. Und sie sagt, das ist eine sehr gute Wahl die auch alle ihre Wünsche erfüllt. Nun geht sie also wieder shoppen. Dafür muss sie mich wieder erst vermessen. Und nach dem messen kommt das allerschwierigste: sie muss eine Farbwahl treffen. Oooooooh da quält sie sich bestimmt wieder tagelang. Es soll ja umwerfend aussehen – nicht nur jetzt, sondern auch mit allen Farbnuancen die ich auf dem Weg zum reinen weiß noch so zu machen gedenke (und ich verrate das nicht im Voraus!).

Vielleicht lässt sie sogar noch meinen Namen drauf schreiben. Damit jeder weiß, wie ich angesprochen werden möchte. Natürlich werde ich Euch berichten, sobald das gute Stück da ist!

Ich freu mich immer, wenn ich mal was eigenes bekomme, ich muss so oft alte Sachen auftragen. Mein Mädchen hofft jetzt schon, dass ich mal das Bosal tragen kann was Merlin gehört (und das Finlay auch gepasst hat) weil das ja soooooo teuer ist. Aber ehrlich, Mädchen, so wenig wie ich an extra Futter bekomme muss da schon wenigstens der eine oder andere Euro für eigene Klamotten drin sein oder?

Wo wir gerade dabei sind: wenn wir so tun als würden wir Kutsche fahren, trage ich das alte Geschirr von meinem Spaziergehkumpel. Da muss auch mal bald was eigenes her, sagt mein Mädchen. Im nächsten Frühjahr soll das losgehen. Da hat sie sogar schon eine Spardose eingerichtet, darauf kann ich mich also auch freuen.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (auf Shoppingtour)