Zwei Jahre

Zwei Jahre ist es jetzt her, dass mein Finlay gestorben ist.

Diesen Text habe ich schon mindestens 3 mal angefangen. Ich habe über meine beiden besten Ponys geschrieben, ich habe über die Wochen vor Finlays zweitem Todestag geschrieben, ich habe darüber geschrieben, dass Finlay in den Hintergrund rückt und dass das einerseits mein Leben leichter macht und andererseits wieder neue Trauer auslöst. Ich wollte Euch schreiben, wie es mir geht, heute, an diesem Tag und hier und jetzt in meinem neuen Leben, das vor zwei Jahren anfing. Aber es ist sehr schwer in Worte zu fassen, wie es mir geht. Es ist ja nicht nur mein Pony gestorben. Mein Leben war davor schon ein bisschen durcheinander gepurzelt und dann kam dieser schreckliche Unfall, diese Absurdität und Gemeinheit des Lebens, diese Unerklärlichkeit. Mein Pony war 8 Jahre alt und quicklebendig – und dann war es plötzlich tot. Im Gegensatz zu meinem alten Hund, der nun seit gut einem Jahr tot ist und der mich ohne Trauma und sogar fast ohne Trauer mit so vielen guten Erinnerungen und Gefühlen zurückgelassen hat, hat Finlays Tod mein Leben auf den Kopf gestellt, meine Glaubenssysteme erschüttert und eine Million Fragen aufgeworfen, die mir niemand beantworten kann. Ich bin manchmal ein bisschen neidisch auf all jene, die eine feste Vorstellung davon haben, wie Leben funktioniert oder die einen Glauben haben an eine höhere Macht, an einen Sinn, einen Plan oder so etwas. Manchmal habe ich versucht, so etwas zu glauben, aber es fühlte sich nie richtig an. Und wann immer ich meine Fragen formuliert habe, konnte mir niemand eine zufriedenstellende Antwort geben.

Ich habe gelernt, damit zu leben. So wie ich gelernt habe, mit all den unformulierbaren Zuständen und Gefühlen zu leben, die dieser Todestag in mir auslöst. Ambiguitätstoleranz heißt das, hab ich im Trauerpodcast gelernt. Die Fähigkeit, sich scheinbar widersprechende Gefühle nebeneinander und gleichzeitig auszuhalten.

Und als die Erdbeerverkäuferin mich heute gefragt hat, was sie mir Gutes tun kann, da habe ich kurz überlegt, ob ich sie bitte, die Zeit zwei Jahre zurück zu drehen. Den Unfall verhindern und weiter leben mit meinem Finlay. Aber auch da ist die Ambiguität, denn dann hätte ich meinen geliebten Finlay wieder, aber ich hätte nicht Duncan hier, jenen kleinen, ganz anderen Glücksgenerator, dieses wunderbare Pony das ich jeden Tag mehr liebe und den ich nie, nie wieder hergeben mag (es sei denn er ist uralt und steif und müde und hat sein Leben gelebt, so wie mein Hund letztes Jahr…..)

Letztes Jahr zu dieser Zeit hatte ich für mich selbst beschlossen, mir noch ein Jahr Zeit zu geben. Noch ein weiteres Jahr zu akzeptieren, dass ich im Ausnahmezustand bin. Ich hatte gerade eine Trauma- Therapie angefangen und gemerkt, wie sehr ich noch immer neben der Spur war. Es tat mir gut, für mich selbst diesen Entschluss zu fassen: ein weiteres Jahr in dem ich nicht erwarte, dass ich so zurecht komme wie vorher. Das hat mir den Druck genommen. Und Anfang diesen Jahres fing es an, deutlich besser zu werden. An den allermeisten Tagen bin ich normal, zufrieden und glücklich mit der Situation wie sie jetzt ist. Duncan ist das neue Normal geworden. Dass Finlay nicht mehr hier ist, ist das neue Normal geworden. Und das neue Normal ist auch gut.

In den letzten Wochen, wo dieser Tag mir so bevorgestanden hat, sind viele Erinnerungen hoch gekommen und ich habe viele alte Texte gelesen. Ich sehe: meine Vorstellung davon, wie Duncan ist und wie es mit Duncan ist, war weit entfernt von der Realität. Duncan ist ganz, ganz anders. Und ich habe gelernt, ihn so zu lieben wie er ist. Seine Macken sind nicht besser oder schlechter als die von Finlay, nur anders. In so vielen Punkten ist Duncan das Gegenteil von Finlay. Manchmal, wenn mein kleiner Hengst mit seinen überbordenden Gefühlen, seiner extrovertierten Art, seiner schier endlosen Energie und seinem beständigen Hunger nach Abenteuer mich an meine Grenzen bringt, dann denke ich an meinen Bummelanten. Meinen verträumten Finlay, immer gemütlich unterwegs. Nie eilig, nie zu viel Energie. Und ich trauere der Entspannung nach, die er so sehr in sich trug.

Manchmal ist es aber auch umgekehrt. Mit Finlay unterwegs zu sein bedeutete, immer hinter den anderen her zu dackeln. Immer das langsamste Team zu sein. Mit Finlay zu arbeiten bedeutete immer, ihn dazu zu motivieren, sich zu bewegen und sich anzustrengen. Ich fühlte mich immer wie ein personal trainer. Das ist mit Duncan nicht so. Duncan ist ja eher mein personal trainer.

Jetzt, in diesem pubertären Jahr, in dem Duncan sich (erwartungsgemäß) sehr verändert, das Jahr in dem ich mir nie sicher sein kann, welche Laune mein Pony hat – in diesem Jahr trauere ich vor allem all dem hinterher, was ich mit Finlay schon erreicht hatte. 8 Jahre. Und mein Pony war so richtig schön erwachsen und verlässlich. Er ruhte in sich – davon kann bei Duncan häufig noch keine Rede sein und das ist ja auch normal. Kinder wachsen nicht schneller wenn man dran zieht und auch so eine Pubertät dauert eben so lange sie dauert. Mir bleibt nur zu hoffen, dass am anderen Ende das wunderbare Pony herauskommt das ich in Duncan sehe und dass dieses Pony mir viele Jahre erhalten bleibt.

Trauer vergeht nicht, aber sie verändert sich. Das riesengroße Loch, das Finlay in meinem Alltag hinterlassen hat, füllt Duncan gut aus: er hält mich auf Trab. Er lässt nicht zu, dass ich Leere fühle und das hilft mir. Und weiterhin, immer wieder, bin ich enorm dankbar, dass er so anders ist als mein Finlay. Dass vergleichen gar nicht möglich ist. Dass auch hier einiges anders ist als zu der Zeit als Finlay so alt war wie Duncan jetzt.

Heute werde ich Duncan mitnehmen auf den Spaziergang. Wir werden gemeinsam in die Nähe der Stelle gehen, an der mein Finlay sich tödlich verletzt hat. Die letzten Meter aber gehe ich allein, denn kein Pferd wird mit mir zusammen jemals wieder dort hin gehen. Rational ist das nicht logisch. Aber ich glaube, Ihr könnt das verstehen. Ich werde – wie letztes Jahr – ein kleines Geschenk für Finlay mit haben, einen Strauß von Gräsern und ein paar Möhren. Irgendein Tier wird sich daran erfreuen, das ist ok. Für mich ist diese Stelle so etwas wie Finlays Grab, obwohl es das natürlich nicht wirklich ist. Ich gehe nie dort hin, nur an seinem Todestag. Und ich denke daran, wie dankbar ich ihm bin, dass er andere vor Schaden bewahrt hat. Auch als er selbst tödlich verletzt war, hat er auf uns Menschen noch aufgepasst. Noch in seiner letzten Stunde war er mein großer grauer Held.

Ich bin dankbar, dass es keine Wahl gab. Ich musste keine schreckliche Entscheidung treffen, die ich im Nachhinein hätte anzweifeln können. Und ich bin dankbar für alles, was er mich gelehrt hat.

Ich liebe Dich für immer, mein wunderbarer Finlay

Finlay hat mich gelehrt, dass das Leben nicht so läuft, wie wir es erwarten – schon zu Lebzeiten hat er stets und ständig alles in Frage gestellt was ich zu wissen, zu können und zu wollen glaubte. Und sein Tod hat meine Sicht auf das Leben nachhaltig verändert.

Im letzten Jahr gab es für mich viele Tage an denen mein Leben „normal“ war. Viele Tage ohne übertriebene Angst, viele unbeschwert fröhliche Tage voller Zukunftspläne und Vorfreude. Dann, in den letzten Wochen, ist ein bisschen von dem Horror zurückgekehrt der mich das ganze erste Jahr nach Finlays Tod begleitet hat. Die Erinnerungen lassen die Angst zurückkehren. Aber ich weiß: wenn der Todestag geschafft ist wird das wieder besser. Finlay wird dann ein Stück weiter in den Hintergrund rücken und das ist gut so. Ich werde mich wieder mehr mit dem auseinandersetzen was hoffentlich kommt als mit dem was war. Morgen kann alles anders sein, aber darüber endlos nachzugrübeln macht das heute dann auch nicht besser….

So gehe ich dann jetzt ins dritte Jahr. Und genau wie letztes Jahr frage ich mich, wie es wohl nächstes Jahr sein wird. Wie wird Duncan dann sein, was werden wir erleben, über welche Stolpersteine werden wir fallen, uns die Nasen stoßen, wieder aufstehen und die Rüstung zurechtrücken und wie sehr werden wir zusammenwachsen und zusammen wachsen? So lange er nur bei mir bleibt, werden wir Wege finden, zusammen glücklich zu sein, da bin ich mir sicher.

Ernst

Die wichtigste Mahlzeit des Tages ist der Clown.

Zumindest für Merlin und er war es auch für Finlay. Immer für einen Spaß zu haben und je lauter ich lache desto besser. Sich was überlegen, bisschen Stimmung in die Bude bringen und im Mittelpunkt stehen.

Duncan frühstückt keine Clowns. Der ist ernst. Und das ist für mich sehr ungewohnt. Es ist etwas, was mich an Diego schon immer ein bisschen irritiert hat, denn der ist auch kein großer Clown. Nur selten und wenn dann meistens nur mit Arnulf. Und mein kleiner Duncan ist eigentlich immer ernst. Konzentriert (manchmal auf mich und die Aufgabe manchmal auf andere Dinge, aber immer konzentriert), immer am erforschen, wie wo was wann funktioniert oder nicht funktioniert, eifrig, motiviert, schnell mal emotional „drüber“. Aber Schabernack und Clownerei? Nein. Wenn ich lache, weiß er wohl, dass ich ihn toll finde, aber es spornt ihn nicht dazu an, auszuprobieren, was man noch so tun könnte. Wenn ich etwas frage, was er noch nicht kann und er weiß nicht Bescheid, kommt der Vorderhuf hoch und er „scharrt“, das ist für mich das Signal, dass ich ihm das besser erklären muss, weil er verzweifelt ist. Er ist nicht der Typ, der dann kreativ ausprobiert. Ein Stück weit wird das sicher trainierbar sein, aber von Natur aus ist er nicht so. Finlay, wenn er etwas nicht verstanden hat, hat entweder gesagt „macht nix, dann bleib ich stehen“ oder er hat seine eigene Lösung angeboten und war gerne mal beleidigt wenn ich die nicht wollte. Wenn das, was er angeboten hat, nicht gut genug für mich war, konnte ich ihm auch direkt mal gestohlen bleiben. Duncan ist es schon wichtig, das richtig zu machen (von kurzen Pubertätsanfällen mal abgesehen). Und meine Meinung scheint ihm niemals egal zu sein.

Finlay hat sich quasi selbst das Apportieren der Gerte beigebracht. Er hatte sie ja eh immer im Maul, es brauchte nur einen kleinen Schubs um ihm zu zeigen, dass er damit auch laufen und sie zu mir bringen kann. Finlay hatte auch sonst immer alles im Maul. Als meine Freundin ihn zum ersten mal traf, hat er ihr zur Begrüßung gleich mal den Kunstpelzkragen von der Jacke abmontiert. Duncan nutzt sein Maul hingegen nur zum kommunizieren, als Aufforderung an mich, einen Keks raus zu rücken oder mit ihm ein Spielchen anzufangen. Gegenstände aus Spaß wahllos ins Maul nehmen ist nicht seins. Wenn er Gegenstände untersucht, dann tendenziell eher mit dem Huf, aber auch das nur selten. Meistens reicht gucken. (Und ausnahmsweise meint er mit „gucken“ in diesen Fällen nicht „anfassen“, diese Regel gilt nur für andere Pferde….)

„Ein junges Pferd zu kaufen ist wie ein Blind Date“ – diesen Satz meiner Freundin finde ich zu schön. Man weiß nie so recht was man kriegt. Und so kauft man immer Eigenschaften mit, die man nicht wissentlich gekauft hätte. Ich hätte bei Finlay damals nicht gedacht, dass er so ein großer Energiesparer ist. Und bei Duncan hätte ich nicht gedacht, dass er so ernst ist. Und wenn man so ein junges Pferd dann hat, dann kann man sich darüber beklagen, dass es nicht so ist, wie man dachte, oder man kann was draus machen. Und die Eigenschaften lieben lernen, die man unwissentlich mit gekauft hat. So gibt es nun also wesentlich weniger Schabernack, weniger lustige Spieleinlagen, weniger kreative Lückenfüllung. Stattdessen gibt es dieses wunderbar konzentrierte, bemühte Pony das so sehr bereit ist, sich von mir führen zu lassen und nachzufragen wie ich es haben möchte. Ein Pony das Freude hat an stiller Harmonie und dem das gemeinsame Erleben völlig ausreicht als Belohnung, weil es so unersättlich neue Eindrücke in sich aufsaugen mag und in jedem neuen Weg, jedem neuen Gegenstand und jedem neuen Erlebnis eine große (und notwendige) Bereicherung seines Lebens sieht. Ein Pony das eine endlos scheinende Konzentrationsspanne mitbringt und nie zu viele Eindrücke haben kann. Faszinierend.

Ich lerne, damit umzugehen, mein Training an das Pony anzupassen, das ich da vor mir habe und mehr und mehr kennenlerne und er lernt, mit meinem inneren Clown umzugehen, denn für mich hat sich nichts geändert, auf meinen Frühstücksteller gehört regelmäßig ein Clown. Mahlzeit!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 149

Liebe Menschen, ich hätte Euch sooooooooooo viel zu erzählen! Ihr glaubt ja gar nicht was hier los ist! Mein Spaziergehkumpel und sein Freund der kleine Schimmel dürfen jetzt mit uns auf die Weide gehen! Das ist so aufregend!! Ich könnte seitenlang von meinen Erlebnissen erzählen, aber mein Mädchen ist leider ein bisschen gestresst und mag das nicht alles tippen was ich ihr diktiere. Sie macht sich so viele Gedanken und versucht es uns immer allen Recht zu machen und möchte dass es uns allen gut geht und wir uns nicht streiten. Und deswegen hat sie in den letzten zwei Wochen viel Zeit damit verbracht uns von A nach B zu verfrachten, aufzuhalftern, abzuhalftern, einzufangen, Wege zu zeigen, Sachen zu erklären, Zäune umzubauen und vor allem neben uns zu stehen und sich große Sorgen zu machen. Ach, so ist sie nun mal. Dabei ist doch alles wunderbar! Finde ich zumindest. Mein Spaziergehkumpel, der Freddy, der findet das aber auch nicht ganz so wunderbar. Der ist auch manchmal ein bisschen gestresst. Weil ich so gern seinen Freund den kleinen Schimmel mal angucken möchte – und wenn ich angucken sage meine ich anfassen. Und der Freddy möchte nicht, dass ich den kleinen Schimmel anfasse, weil das SEIN kleiner Schimmel ist. Und der kleine Schimmel möchte auch nicht dass ich ihn anfasse. Und dann findet der Freddy auch den Diego so interessant. Aber auch furchteinflößend! Diego ist ja auch Diego der Große. Der macht halt echt was her! Und ich meine: ich weiß ja dass er eigentlich echt ein lieber Papa mit einem großen Herz ist. Aber ich erinnere mich schon auch noch an meinen Einzug, da fand Diego das auch nicht toll dass ich nun da war und hat erst mal bisschen rum gemeckert und da kann man es schon mal mit der Angst kriegen! Ach und in all dem Hin und Her hat mein Mädchen gar keine Zeit und Lust gehabt was zu schreiben. Dann hatten wir auch noch ein bisschen Streit, sie und ich, weil ich wieder Pubertät hab (angeblich) und sie hat schlaue Artikel gelesen die sie aber gar nicht schlauer gemacht haben sondern nur nachdenklicher und gestern hat sie dann gesagt, dass es jetzt reicht und dass wir in den Wald gehen zum „Seele polieren“. Damit meint sie, dass wir einfach nur zusammen durch den Wald laufen ohne irgendwas zu üben und ohne zu streiten und ohne fremde Pferde und ohne Anspruch. Na das war mal ein guter Plan, da bin ich doch immer für zu haben. Jetzt ist ihre Seele ganz gut poliert und glänzt fast schon wieder wie neu. So eine Seele ist wie eine Ritterrüstung: muss ab und zu zurechtgerückt, aufpoliert und geölt werden, sonst sieht es nicht mehr schön aus, fängt an zu quietschen und funktioniert nicht mehr richtig. Da weiß ich gut Bescheid.

Also ich hoffe sie tippt bald wieder für mich, ich kriege das nun mal einfach nicht hin. Und Ihr sollt doch wissen was ich zu erzählen habe, ist doch wichtig!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Unterricht

Ich habe mal gelesen, dass Nicht-Pferdemenschen sich wundern, wenn ein Reiter Ihnen sagt, dass er „Unterricht“ nimmt. Ich kann das nicht beurteilen, ich habe nur mit Pferdemenschen zu tun…. jedenfalls wurde dort der Tipp geäußert, man solle von „Training“ sprechen. Denn Nicht-Reiter würden sonst oft fragen „Du reitest doch schon so viele Jahre, kannst Du das immer noch nicht?“

Reiter können darüber nur lachen. Genau wie meine Mutter, die Zeit ihres Lebens Klavier spielt und selbstverständlich immer noch Unterricht nimmt, genau wie meine Schwester, die in der französisch-sprachigen Schweiz lebt, problemlos ihren Alltag auf Französisch meistert und trotzdem weiterhin Französisch- Unterricht nimmt, genau so sind wir Reiter doch nie fertig mit dem Lernen. Der kürzeste Reiterwitz, wie ging der noch? „Ich kann´s“.

„Wer aufgehört hat, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein“ (anscheinend ist nicht ganz klar von wem dieses Zitat stammt).

Ein Trainer ist für mich etwas anderes als ein Lehrer. Einen Trainer werden wir vielleicht mal haben, wenn wir wirklich auf Distanzritte wollen. Jemand, der uns Trainingspläne erstellt, Fütterungstipps gibt und uns motiviert. Jemand, der tolle Übungen parat hat um körperlich fitter zu werden. Jemand, der unsere Stärken und Schwächen analysiert und uns zeigt, wie wir unsere Kräfte über viele Kilometer einteilen. Der unsere Fortschritte überwacht und protokolliert, uns sagt, wo wir stehen und wie wir von dort einen Schritt weiter kommen.

Aber ein Lehrer ist doch etwas anderes.

Einen Lehrer brauchen wir, wenn wir fest stecken und nicht weiter wissen. Oder wenn uns die Neugierde packt, was eigentlich noch so alles geht. Oder wie es noch besser geht. Ein Lehrer ist jemand, der uns zeigt, was wir vorher noch nicht konnten und wussten. Lehren und trainieren sind einfach zwei Paar Schuhe und deswegen werde ich weiterhin Unterricht nehmen und das auch weiterhin so sagen. Meine Reiterei ist (im Moment) kein Sport (ha! Das freut jetzt wieder die nicht-Reiter: siehst Du, es ist doch kein Sport!) so wie Yoga kein Sport ist (und trotzdem körperlich anstrengend, fordernd und gesund). Ach ist das alles kompliziert.

Jedenfalls brauchte ich mal wieder dringend Unterricht. Denn Sir Duncan hat mich an technische Grenzen gebracht, die es zu überwinden gilt. So ein kleiner Hengst, der kann schon mal über die Stränge schlagen. Und mein Duncan, der hat (wohl auch altersbedingt aber auch bedingt durch Dinge die ich noch nicht über ihn weiß) gerade eine Art von (gefühlt) 0 auf 100 auf der Aufregungsskala zu springen, die mich in unangenehme Situationen bringt. Also brauche ich Unterricht – einen Lehrer, der mir zeigt, woran ich erkenne, dass Duncan eben NICHT bei 0 ist auf der Aufregungsskala (und auch nicht mehr bei 20, sondern bereits weit darüber) und der mir zeigt, wie ich damit so umgehen kann dass ich die Situation rechtzeitig entschärfe – bevor mein Pony wieder (wenn auch in schönster Manier) auf zwei Beinen neben mir steht.

Der Strick und ich – manchmal eine schwierige Beziehung….

Und was habe ich für ein Glück, dass ich diesen Lehrer „griffbereit“ zu Hause habe und so direkt die Hilfe bekomme, die ich brauche.

Ich habe so lange nur Freiarbeit gemacht, dass mein Umgang mit Stick und Strick nicht gerade elegant und effektiv ist. Und jetzt, wo wir die Herausforderung suchen (die da heißt: fremde Pferde), da muss ich lernen, richtig und rechtzeitig zu reagieren. Ach, es gibt immer so viel zu lernen und zu fragen und zu denken. Das ist das Schöne und das Anstrengende am Zusammensein mit Pferden.

Auch anderer Unterricht ist schon gebucht, Reitunterricht für mich und eine erste kleine „reitvorbereitende“ Unterrichtseinheit vom Boden für den Ritter und mich.

Ich könnte das jetzt auch hochtrabend als „Fortbildung“ bezeichnen. Ist schließlich mein Beruf. Klingt dann ja auch irgendwie wichtiger. Und das was zwischen Arnulf und mir auf dem Reitplatz stattfindet, könnte man auch als „Austausch“ bezeichnen. Ich mag das Wort Unterricht lieber. Für mich ist Unterricht eine klare Sache: ich bekomme Wissen und Information vom anderen. Ich bin bereit, das anzunehmen was der andere sagt und vorschlägt. Das heißt nicht, dass ich alles klag- und fraglos hinnehme, keineswegs. Ich bin durchaus enorm kritisch und deswegen hat es jetzt auch so lang gedauert, bis ich eine neue Reitlehrerin gefunden habe. Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann. Dem ich ohne zu zögern mein Pony in die Hand gebe. Einen Lehrer, bei dem ich mir nachher nicht nur die „Rosinen“ raus picke sondern bei dem ich mich ganz einlassen kann. Heißt nicht, dass ich nachher alles 100% nachahme. Aber mal da rein springen und schauen was bei raus kommt. Mich einlassen und mitmachen anstatt sofort zu fragen welche Teile davon mir wohl gefallen und welche nicht. Und auch wenn ich manchmal fluche und schimpfe wenn mir Dinge nicht gelingen wollen, habe ich doch einen Heidenspaß und mag so gern Neues ausprobieren und lernen. Und auch dafür habe ich zum Glück das passende Pony, das neugierig seine Nase vorstreckt und sich mit mir vortastet in unbekannte Wissens – und Könnensgefilde.

Nase voraus in neue Abenteuer

Sein neuer Körper

Duncan schaut mich verzweifelt an. Geht einen Schritt zurück, einen vor, dreht den Hintern von mir weg, versucht, mich mit seinem Mäulchen an meiner Hand abzulenken. „Ich kann das nicht!“ sagt er. Aber er kann das. Ich weiß das, wir haben das doch geübt. Ich streiche wieder mit der Gerte sein Bein runter. Auf der anderen Seite hat das auch prompt geklappt und er hat in aller Ruhe sein Bein gehoben. Aber links ist heute nichts zu wollen. Es dauert ewig, bis Duncan auch nur einigermaßen kapiert, was zu tun ist. Vor dem Erfolg liegen lange Minuten der Verzweiflung und des hektischen Ratens. Kurios, finde ich, und gleichzeitig sehr aufschlussreich. Und ich denke an jenen Tag an dem er nach längerer Zeit mal wieder quer auf den Steg gehen sollte und es plötzlich nicht mehr konnte. Alle 4 Hufe quer auf dem Steg unterbringen war nicht mehr machbar. Ich habe an diesem Tag einige Zeit gebraucht um mich zu erinnern, dass ich ja auch sein Fahrgeschirr verstellen musste – das Pony ist länger geworden. Und damit auch der „Radstand“. Logisch, dass es jetzt schwieriger ist, quer auf dem Steg zu stehen.

Und jetzt also das: das linke Hinterbein ist irgendwie aus dem Programm gerutscht. Wie eine App, die nach einem Update plötzlich eine Macke hat. Dann muss man aufs nächste Update warten, bis es wieder funktioniert. Zum Glück kann ich bei Duncan mit den Updates ein bisschen helfen.

Ich erinnere mich an ein Buch über den Sitz des Reiters („Balance in der Bewegung“ von Susanne von Dietze). Die Autorin hat selbst als Kind reiten gelernt und nie Probleme mit dem Sitzen gehabt. Bis dann das große Wachsen los ging. Und plötzlich passte nichts mehr zueinander und sie musste alles neu lernen. So scheint es meinem Duncan auch zu gehen. Das Steigen klappt jetzt übrigens wieder, das hat er ja eine Weile auch nicht mehr gemacht. Da hat sich der neue Körper schon wieder zurecht gefunden.

Der tiefere Schwerpunkt und der längere Radstand führen auch dazu, dass die Wippe sich anders unter ihm bewegt – ob er das nun leichter oder schwerer findet als vorher, vermag ich nicht zu sagen.

Als wir ihm neulich die Mähne weggeflochten haben, damit das Fahrgeschirr sich nicht vertüddelt, war meine Freundin ganz überrascht „wann hat er denn den Hals bekommen?“. Tja, noch vor einigen Wochen habe ich meinem Pony große Extraportionen an Heu und Heucobs plus Leinsamen gegönnt, weil er rippig und klapprig aussah. Jetzt ist er – natürlich auch dank Frühlingsgras – wieder ein richtiger kleiner Brummer geworden und sieht viel mehr nach Highlandpony aus. Alle Zusatzrationen sind zu seinem Betrübnis gestrichen und er schaut in die spärlich gefüllte Schüssel, in der nur Mineralfutter und etwas Knusperkram für den Geschmack drin sind. So ist das Leben als Schotte, normalerweise leben die ja von nix und werden vom Hingucken schon dick. Ich bin gespannt ob nochmal so eine Zeit kommt in der er extra braucht und schlaksig aussieht oder ob es das jetzt war. Ein bisschen Höhenwachstum steht ja eigentlich noch aus, lassen wir uns mal überraschen. Auch ob er dann seinen Körper wieder neu erproben und kennenlernen muss.

Aber eins steht fest: auch mit tieferem Schwerpunkt, kräftigerem Hals, längerem Radstand und insgesamt mehr Masse hat er keine Chance gegen Diego. Wenn er den zu viel ärgert, gibt es eine Ansage und Diego hat seine Technik diesbezüglich verfeinert….

Wenn der Ritter übertreibt, beweist Diego kurz seine Überlegenheit. Danach wird freundlich weiter gespielt.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 148

Erinnert Ihr Euch noch an mein Geständnis? Ja, es gibt Dinge dir mir früher manchmal ganz kurz eventuell ein bisschen Angst eingejagt hätten. Burggräben zum Beispiel. Ihr Menschen sagt Brücken dazu. Deswegen machen wir jetzt öfter mal so ganz romantische Spaziergänge wie zum Beispiel neulich:

Echt jetzt? Das ist doch kein Spaziergang, Mädchen!

Na toll. Aber soll ich Euch was sagen? Nie gab es so viele Kekse! Und diesen Sonntag waren wir wieder dort. Aber das heißt ja nur, dass mein Mädchen wieder nix kapiert hat. Als wir letztes Mal dort waren, habe ich ihr gesagt, dass ich es jetzt kann. Aber sie hat wieder nicht zugehört und meinte das müsste wiederholt werden. Na schön, aber dann rück halt auch die Kekse raus! Ich weiß doch jetzt wie es läuft: immer wenn eine Blechkiste unter uns längs saust, bekomme ich was leckeres. Gib halt her!

Mit Ton gucken sonst ist es noch viel langweiliger!

Ansonsten ist das jetzt echt mal langweilig hier, können wir jetzt spazieren gehen? Nein, konnten wir nicht. Seufz. Weil sie erst ihre „Hypothese“ bestätigen muss. Soll heißen: sie hat mir letztes Mal DOCH zugehört. Nur dass sie nicht sicher war, ob sie mich richtig verstanden hat. Ja hast Du. Ist ok jetzt, ehrlich. Na da hat mein Mädchen sich gefreut! Und gesagt, wir steigen jetzt auf zu „Level 3“. Was das wohl nun wieder ist? Na ich lasse mich überraschen. Wenn die Keksrate dann auch mal Level 3 erreicht, will ich mich nicht beschweren.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 146

Oooooooooh was für ein Abenteuer! Mein Mädchen kam mit der Wackelkiste auf den Hof gefahren. Da war ein fremdes Pferd drin! Ein Schecke, wie mein Spaziergehkumpel. Aber viel größer und breiter! Mein Mädchen hat gesagt, das ist Besuch. Und dass wir zusammen spazieren gehen. Und dass ich derweil üben soll, mich zu benehmen. Ich war ganz aufgeregt! Wollte den Typen gern näher kennen lernen! Aber dann musste ich feststellen, dass das nicht erlaubt ist…. ich sollte bloß spazieren gehen und den Besuch ignorieren! Aber das geht doch nicht! Ich will doch mal gucken (wenn ich „gucken“ sage meine ich anfassen, wisst Ihr ja). Aber ich durfte gar nicht gucken. Ui war das vielleicht schwierig! Einmal hab ich auch wirklich die Nerven verloren. Bin neben meinem Mädchen in die Luft gegangen. Fand sie nicht gut…. Den Rest der Zeit hab ich mich furchtbar doll konzentriert, alles richtig zu machen. Hab ich trotzdem nicht, aber mein Mädchen sagt es war ok für den ersten Versuch. Wenn es nicht so gut ging, ist Diego zwischen mir und dem Besuch gegangen, dann war ich nicht so aufgeregt. Nachher bin ich auch mal vorne weg gegangen, dann war der Besuch hinter mir, das war nicht ganz so schwierig (aber schwierig genug!)

Mit genügend Abstand ging es, dann konnte ich mich aufs Gras konzertieren.

Fast 2 Stunden waren wir unterwegs – danach war ich total kaputt. Als mein Mädchen mich in den Stall gebracht hat, bin ich gleich weg gegangen. Das mache ich sonst nie und da wusste sie, dass ich fertig war. Aber nachher hab ich nochmal mit ihr geschnackt. Sie hat gesagt, ich muss das können mit fremden Pferden, das ist wichtig. Sonst kann man nämlich bei ganz vielen Abenteuern nicht mit machen. Und deswegen üben wir das jetzt. Ich bin ja noch jung, hat sie gesagt, und wir haben noch Zeit das zu üben. Aber im Moment kann ich mir noch nicht vorstellen, wie das gehen soll. Der Besuch und Diego sind einfach so nebeneinander her gelaufen und haben total entspannt ausgesehen. Wie machen die das? Es ist mir ein Rätsel. Wo es doch so spannend ist andere Pferde zu treffen! Ich will immer alle kennenlernen und mit allen spielen und befreundet sein. Je mehr Freunde desto besser, oder? Aber mein Mädchen sagt, mit Besuch unterhält man sich nur gesittet auf Distanz. Hm.

Euer aufgeregter Sir Duncan Dhu of Nakel

Wasti oder die Kunst mit einem Krokodil spazieren zu gehen

Wasti, wer erinnert sich noch an ihn? Ein kleiner Dackel, den die Witwe Schlotterbeck versehentlich in ein Krokodil verwandelt hat. Nachzulesen im „Räuber Hotzenplotz“. Nun ist Wasti meines Wissens auch als Krokodil sehr freundlich und artig und so ist es auch mit meinem kleinen Wasti (alias Sir Duncan Dhu of Nakel).

Aber die Ähnlichkeit mit einem Krokodil ist eben doch manchmal nicht zu übersehen. Während wir so schön nebeneinander her durch den Wald spazieren, schiebt Duncan nämlich Langeweile und muss sich beschäftigen. Beschäftigung Nummer 1: nach allem haschen was irgendwie essbar anmutet. Das führt aber dazu, dass ich das untersage. Doof. Also folgt prompt Beschäftigung Nummer 2: Nach mir haschen. Und zwar so, wie er es mit seinen Freunden im Spiel tut: mit weit aufgerissenem Maul vorm Gesicht herumfuchteln. Er happst fast nie wirklich zu und wenn dann nur ganz sachte. Insofern hat er wohl mit Wasti gemein, dass er schlimmer aussieht als er ist. Aber lustig geht trotzdem anders. Also gibt es Mecker. Ich versuche, die so zu dosieren dass bei ihm ankommt: ich verstehe, dass Du es nicht böse meinst, aber ich möchte das nicht.

Neulich hat jemand gelacht als ich zu einem Pferd gesagt habe „ich möchte das nicht“. Die meisten Menschen sagen dann eher „das darfst Du nicht“ (in einer mehr oder weniger freundlichen Formulierung). Aber Duncan darf das ja. Nur ICH möchte das nicht. Für seine Freunde scheint es ja ok zu sein. Ich stelle mir das so vor wie ich als Frau sagen würde „ich möchte das nicht“ wenn ein Mann mir zu nah kommt. Da sage ich ja auch nicht „das darfst Du nicht“. Vielleicht ist dieser Mann ja mein guter Freund (so wie Duncan), aber eben nicht mehr. Und wenn er mich küssen möchte, dann haue ich ihm nicht gleich eine runter sondern ich sage „ich möchte das nicht“. Und hoffe, dass die Freundschaft das aushält. Und gehe natürlich davon aus, dass mein Wunsch respektiert wird.

Darum sage ich zu den Pferden auch oft „ich möchte das nicht“. Ich bin überzeugt, dass das, was wir sagen, sich so in unserer Körpersprache widerspiegelt, dass das Pferd die Stimmung darin erkennen kann.

Wenn mein Ritter – alias Wasti – dann beleidigt ist und eine Schnute zieht, muss ich lachen. Er sieht einfach zu lustig aus, wenn er verärgert ist. Er wollte doch nur spielen! Wenn er mich nicht beißen darf, versucht er, seinen Spaziergehkumpel zu beißen. Aber auch das ist beim Spazierengehen nicht erlaubt und ich unterbinde, dass er in den gescheckten Po kneift. Eine Minute später geht er dann wieder zur Lieblingsbeschäftigung Nummer 1 über und sucht nach Fressbarem. Oder er reißt sich so lang zusammen bis ich das magische Wort sage („Keks“) nur um dann wieder mit aufgerissenem Maul herum zu schießen und diesmal zu versuchen, mir den Keks gewaltsam zu entreißen. Dann stellt er fest, dass ich das auch nicht möchte und es dauert so 3-7 Anläufe bis er sich so weit gezügelt hat, dass er den Keks dann auch bekommt.

Als Teenager überrollen einen eben einfach die eigenen Gefühle. Da sind so viele davon und sie sind so übermächtig. Ich erinnere mich nur allzu gut daran. Es ist eine große Aufgabe, zu lernen, damit umzugehen. Und mein kleiner Hengst hat nach all dem Wachsen in den letzten Wochen jetzt plötzlich wieder Kraft im Überfluss und weiß gar nicht wohin damit.

Viele Trainer würden meinen Umgang mit Wasti – alias Sir Duncan – schrecklich finden. Mir sagen, dass er respektlos ist und frech oder übergriffig. Andere würden mir sagen, dass ich viel zu viel Druck mache. Wie man’s macht, man macht’s verkehrt. Oder um es mit dem schönen plattdeutschen Spruch zu sagen „Do wat Du wullt, de Lüüt snackt doch“. Heutzutage ist die Auswahl so groß, die Bandbreite von absoluter Strenge zu laissez-faire ist auch im Bereich der Pferdeausbildung komplett vertreten. Ich versuche, meinen eigenen Mittelweg zu finden – den, der zu mir und zu Duncan passt. Wenn ich das Gefühl habe, das geht so nicht, probiere ich was neues. Aber so lange ich das Gefühl habe, es geht so, bleibe ich dabei.

Und all dieses „in die eigene Kraft kommen“ das er gerade durchlebt, hat auch seine guten Seiten. Heute stand ich im Stall auf einem kleinen Sockel und durfte mein Bein über seinen Rücken legen, und er fand es lustig. Ich durfte einmal hoch hüpfen und für ein Millisekündchen meinen Bauch auf seinem Rücken ablegen und er hat gespürt, dass er mich jetzt tragen und balancieren kann und – viel wichtiger – er schien es gut zu finden. Er hat die Freiheit zu gehen, ich verlange diese Dinge nicht. Es gibt auch keine Kekse dafür – es ist eine freiwillige Nummer, denn ich möchte ganz genau wissen, was er davon hält. Noch vor wenigen Monaten waren das Dinge, die er doof fand – berühren ok aber bitte nichts was mich aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Jetzt bringt ihn nichts mehr so schnell aus dem Gleichgewicht.

Wenn er sich beim Spazierengehen an mich ran drängelt, schicke ich ihn nicht weg, sondern lege meinen Arm über seinen Rücken und stütze mich ab. Inzwischen darf ich das von beiden Seiten. Ich versuche, meinen Arm immer weg zu nehmen bevor er keine Lust mehr hat. Und die Einladungen, mich abzustützen, werden häufiger. Das Gefühl, was dabei zwischen uns entsteht, lässt mich hoffen, dass ich einen guten Weg gefunden habe, mit meinem kleinen Wasti umzugehen.

Wenn er dann wieder das Krokodil macht, packen meine Freundin und ich unseren alten Zungenbrecher aus. Finlay war die schottische Schnappschildkröte. Bei Duncan erweitert sich das. Er ist die schaurig-schöne, Schecken-schmausende, schimmelige schottische Schnappschildkröte. Bitte dreimal schnell hintereinander sagen! So was hält bei Laune, wenn mein kleines Krokodil an meinen Nerven zerrt.

Und eines Tages, da bin ich sicher, wird mein Wasti am Feenkraut schnuppern und wieder zum Ritter Sir Duncan Dhu of Nakel werden.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 147

Mein Mädchen hat ja für alles Regeln. Gut, dass sie die nicht alle aufschreiben muss, sonst wäre das voll das dicke Buch (und keiner würde es je lesen). Die Regel wenn wir auf die Weide dürfen heißt: warten. Alle. Dann macht sie das Tor auf, aber wir müssen stehen bleiben. Bis sie „ok“ sagt und den Weg frei gibt. Dann dürfen wir auf die Weide. Meine Kumpels finden das immer so aufregend, dass sie dann ganz wild losrennen. Aber ich finde, das ist Energieverschwendung. Ich nehme immer den ersten Grashalm, den ich erwischen kann. Und wandere dann nach und nach nach hinten. Mein Mädchen amüsiert sich darüber, weil ich doch sonst immer so eine Rennsemmel bin (sagt sie! Stimmt aber nicht. In Wirklichkeit ist sie nur so langsam….) Aber ich finde, man muss sich das alles gut einteilen.

Keine Sorge, das Gras läuft nicht weg.

Euer gelassener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 145

Neulich hatte mein Mädchen schon wieder Herzchen in den Augen. Sie hat mir erzählt, wir wären jetzt schon 500km zusammen unterwegs gewesen, sie und ich! Das ist ganz schön weit, glaube ich. Aber es gibt da was, das verstehe ich nicht. Ich hätte doch erwartet, dass sie mal langsam etwas fitter wird! Stattdessen sind wir immer noch im Schneckentempo unterwegs! Ok ihr Schritt ist etwas flotter geworden. Aber ihre Ausdauer lässt sehr zu wünschen übrig und von Trab kann wirklich keine Rede sein. Ab und zu zuckelt sie ein Stück neben mir her, aber das ist doch kein Trab! Sie sagt, mein großer Bruder wäre da irgendwie gemütlicher gewesen. Mag ja sein, aber ich bin eben nicht so der Bummeltyp. Hopp hopp mein Mädchen, sieh mal zu! Ich glaube ich muss mir ein besseres Trainingsprogramm für sie überlegen.

Andererseits muss ich ihr zu Gute halten, dass sie überhaupt so viel mit mir unterwegs ist. Sie beschwert sich gerne mal, dass sie immer zu Fuß gehen muss. Das mag sie nicht. Aber ich bin ja angeblich noch zu klein um sie zu tragen! Kann ich ja nix für. Angeboten habe ich es ja. Und von wegen zu klein, ist Euch mal aufgefallen wie doll ich gewachsen bin während wir die 500km gelaufen sind? Ich meine, schaut Euch das mal an.

Damals….
…. und heute!

Also ich finde, man kann mir nicht vorwerfen, dass ich nicht gewachsen wäre. Und heute hat mein Mädchen auch wieder mal gesagt, ich sei schon sehr ERwachsen geworden. Wir waren nämlich wieder alleine los – also ohne Begleitpferd. Nur der Mann, mein Mädchen und ich. Und ich war großartig, hat mein Mädchen gesagt. Also artig wie ein Großer, heißt das.

Jetzt möchte ich in die nächsten 500km starten. Mal sehen wie lange wir dafür brauchen. Los, Mädchen, mach mal lange Füße!

Wenn es dir allzu schwer wird, darfst du dich auch bei mir abstützen. Passt schon.

Ich helfe meinen Mädchen beim Laufen. Bin schließlich Gentleman!

Euer kilmoterweise großartiger Sir Duncan Dhu of Nakel